Josephine Tey, The Daughter of Time

Jemand auf Twitter hat mir dieses Buch empfohlen, oder war es in einem Blog? Ich weiß es leider nicht mehr. The Daughter of Time von Josephine Tey ist ein Krimi von 1951, laut Wikipedia wurde es 1990 von britischen Krimiautoren und ‑autorinnen auf Platz 1 einer Liste der Top 100 Crime Novels of All Time gewählt, und 1995 auf Platz 4 der Top 100 Mystery Novels of All Time der amerikanischen Gegenstücke.

Und das ist ein bisschen komisch. Denn der ermittelnde Polizist, Inspector Alan Grant von Scotland Yard, ist zwar tatsächlich die Hauptfigur in fünf Kriminalromanen von Josephine Tey; dies ist einer davon – wenn es denn überhaupt ein Krimi ist. Grant liegt das ganze Buch über im Krankenhaus. Zuerst langweilt er sich, bis er auf einen Fall stößt; die Fußarbeit übernimmt für ihn durchweg der junge US-Amerikaner Brent Carradine, so wie bei Nero Wolfe und Archie Goodwin.

Der Fall, um den es geht, ist der von Richard III – ist er der Schurke, als den ihn Shakespeare und die populäre englische Geschichtssschreibung kennen, oder ist er in Wirklichkeit vielleicht sogar unschuldig am Verschwinden seiner zwei Neffen aus dem Tower von London? Und alle Recherchearbeit besteht darin, dass Grant den jungen Carradine in die Bibliotheken schickt, um Fragen zu Richard und Eduard und Heinrich und so weiter zu klären. Und so ist das ganze… nicht so krimihaft, wie man das erwartet, sondern ein nur halbherzig verkleideter ausführlicher Essay über Geschichte und Geschichtsschreibung und englische Könige.

Carradine fasst im Lauf des Roman den Entschluss, ein Buch über Richard III zu schreiben, und beschließt am Ende der Geschichte, das in Form einer längeren Erzählung zu machen: Wie er und Grant nach und nach den Spuren und Hinweisen nachgehen. The Daughter of Time könnte also dieses Buch sein.

Auslöser für Grants Beschäftigung mit Richard ist ein Porträt. Richards übler Ruf scheint Grant – der sich ja beruflich viel mit Gesichtern befasst – so gar nicht zu dem Gesicht zu passen, und er zeigt das Porträt allen anderen Figuren und will wissen, wie diese den dargestellten Mann einschätzen. Dieser Vorgehensweise wurde doch bestimmt schon 1951 mit Skepsis begegnet, hoffe ich.

Und das sind die Fakten des Falles, die Jahreszahlen nach und nach ermittelt wie die Uhrzeiten im Kriminalfall: Wer war um wieviel Uhr im Gewächshaus hinter dem Schuppen?

  • Edward IV wird 1461 König, damit hat das Haus York die Rosenkriege gegen das Haus Lancaster vorerst gewonnen – von einer kurzen Phase mit Henry VI (Lancaster) als König im den Jahren 1470/71 abgesehen.
  • Edward IV stirbt 1483, er hinterlässt die Sohne Edward und Richard und die Tochter Elizabeth. Der Thronerbe wird zu Edward V, wird aber nie gekrönt; dem Testament seines Vaters folgend wird Richard von Gloucester, der Bruder Edwards IV, zum Regent und Quasi-Vormund Edwards V.
  • Dieser Richard lässt sich aber im Juni 1483 zu Richard III krönen.
  • Richard lässt 1484 das Parlament die Erklärung Titulus Regius abgeben, laut der Edward IV bereits früher mit jemand anderem verheiratet war, so dass seine Kinder illegitim sind. Unter anderem damit wird der eigene Thronanspruch gerechtfertigt.
  • Kronzeuge dieser Anklage ist der Bischof Robert Stillington.
  • Zu irgendeinem Zeitpunkt verschwinden die beiden Söhne Edwards, also Edward V und Richard, aus dem Tower.
  • Zu irgendeinem Zeitpunkt kommt das Gerücht auf, Richard habe sie töten lassen. Möglicherweise liegt dieser Zeitpunkt aber erst eine ganze Weile nach Richards Tod – also nicht zu seinen Lebzeiten, und auch nicht zur Thronbesteigung seines Nachfolgers.
  • Henry Tudor, mütterlicherseits ein Lancaster und nach Frankreich geflohen, besiegt 1485 Richard III in der Schlacht von Bosworth und lässt sich im August des Jahres zu Henry VII krönen – damit lösen die Tudors die Plantagenet-Dynastie ab.
  • Henry VII lässt Titulus Regius im November 1485 für ungültig erklären (wodurch der Anspruch Richards zurückgewiesen wird und die Kinder Edwards wieder legitimiert werden, insbesondere auch die Tochter Elizabeth, Henrys Verlobte seit 1483). Er lässt alle schriftlichen Exemplare vernichten. Nur eine einzige Abschrift überlebt zufällig und wird hundert Jahre später gefunden.
  • Henry VII heiratet 1486 Elizabeth, die Tochter Edwards IV.
  • 1502 wird der Adlige James Tyrell, der unter Edward IV, Richard III und Henry VII Ämter bekleidet hat, hingerichtet. Nach seinem Tod wird verbreitet, dass er gestanden habe, knapp zwanzig Jahre zuvor die Prinzen im Tower, Edwards Söhne, im Auftrag von Richard getötet hat.
  • Nach dem Tod von Thomas More 1535 wird seine unvollendete History of King Richard III (1512–1519) veröffentlicht, die das Bild Richards maßgeblich prägt. More war selber kein Zeitzeuge.
  • Ausblick: Später wird Elizabeth I die letzte Tudor-Königin, abgelöst von James (Jacob) aus dem Hause Stuart, Sohn von Maria Stuart, der zuvor nur König von Schottland war. Danach kommt Charles I und der Bürgerkrieg und das Commonwealth unter Cromwell, einen König gibt es erst wieder mit Charles II, dessen Bruder James II dann in der glorious revolution abgesetzt wird.

Spoiler ab hier, aber ehrlich, nichts was nicht schon seit hunderten von Jahren bekannt wäre

Was mit den Kindern geschehen ist, bleibt unklar. Wenn sie überlebt hätten, hätten sie Anspruch auf den Thron. Im Juni 1486 erhält James Tyrell eine Generalbegnadigung von Henry, nichts Unübliches; im Juli des gleichen Jahres aber eine zweite solche Generalbegnadigung, was sehr unüblich ist. (Sagt der Roman.) Im Herbst 1486 kommt die Mutter der Kinder, also Henrys Schwiegermutter, Elizabeth Woodville, nach London, nachdem ihr ein Enkel geboren wird. Im Februar 1487 zieht sie sich für den Rest ihres Lebens in ein Kloster zurück – entweder freiwillig oder von Henry dazu gezwungen; die Geschichtsschreibung (lies: Wikipedia) weiß es nicht sicher.

Die Lösung, die The Daugher of Time präsentiert: Henry VII ist für das Schicksal der beiden Prinzen verantwortlich. Vermutlich hat er sie umbringen lassen, vielleicht durch Tyrell, vielleicht im Juni 1486.

Interessant sind die Ausführungen zu dem, was in das populäre Geschichtswissen eingeht und was wirklich passiert ist. Tonypandying wird zu einem Schlagwort zwischen den beiden Detektiven, benannt nach der Stadt Tonypandy in Wales und dem Tonypandy riot von 1910, einem aus einer Reihe von Konflikten zwischen streikenden Minenarbeitern und der Polizei, sogar dem Militär, in den Jahren 1910 und 1911. Im örtlichen Geschichtsbewusstein blutig neidergeschlafen, war zumindest dieser eine Konflikt eher eine kleine Angelegenheit, obwohl es einen Toten gab. Aber ganz so harmlos wie im Buch dargestellt war es laut Wikipedia auch wieder nicht – auch The Daughter of Time bleibt zeitgebunden.

Geschichtsschreibung wird als empirische Wissenschaft geschildert: Grant hat eine Hypothese, aufgrund derer er voraussagt, dass es in Frankreich Gerüchte zu einem bestimmten Zeitpunkt geben muss; er schickt Carradine los, und der findet dann auch Besätigung dafür (S. 166ff). Auch später lässt er nach Carradine nach einem “break in the pattern”(S. 192ff) suchen, von dem er vermutet, dass er existiert, und Carradine wird fündig.

Fußnote: In diesem Zusammenhang, dem zwischen Geschichtsschreibung und Krimi und zu füllenden Lücken, darf ich noch einmal auf mein Magnum Opus verweisen, Zwischen den Zeilen schreiben.

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