Man liest gerade viel von Lernen durch Lehren. Und das kommt so: An der PH Ludwigsburg gibt es gerade ein Seminar „Didaktik des Informatikunterrichts“. Aus diesem Seminar sind durch Vernetzung verschiedene Projekte entstanden. Schulklassen, Schüler, Lehrer an Schulen und Hochschulen arbeiten zusammen. Jeder könnte mitmachen, und tatsächlich habe ich mich auch angemeldet bei der Maschendraht-Community. Aber ich schaue nur ein bisschen zu, das Tempo ist mir dort zu schnell, staunend stehe ich zu, wie dort das Internet effektiv genutzt wird.
Zum Thema LdL wurde dort eine Blogparade ins Leben gerufen: Alle teilnehmenden Blogs schreiben innerhalb eines gewissen Zeitraums etwas zu diesem Thema. Da wollte ich auch mitmachen, stellte aber fest, dass ich nicht die Muße habe, mich gründlich mit dem Thema zu beschäftigen. Immerhin habe ich mich jetzt ein wenig informiert. Zuvor war LdL nämlich nur ein Schlagwort unter vielen für mich; an der Uni habe ich nichts davon gehört; die Ansätze im Unterricht, die ich mitgekriegt habe, liefern heraus auf: Schüler halten Referate zum neuen Stoff. Und das ist LdL nicht.
Zur Veranschaulichung empfehle ich den folgenden Videofilm. Er ist entstanden aus dem oben erwähnten Seminar heraus; dessen Teilnehmer haben an einem Gymnasium in Eichstätt eine LdL-Schulstunde bei Jean-Pol Martin besucht (twittert, bloggt, hat LdL erfunden… darf man wohl fast sagen, obwohl natürlich nichts von nichts kommt).
Lutz Berger hat die Schulstunde gefilmt, mehr dazu in seinem Blog.
Christian Spannagel fasst zusammen:
In dieser Stunde kommt sehr gut heraus, was LdL nicht ist: Das Halten von Referaten. Stattdessen kann man sehen, was LdL ist: nämlich die von Schülern geführte und durch den Lehrer gecoachte Schülerdiskussion mit teilweise vorbereiteten Elementen.
Ausführlicherer Kommentar von Christian zum Eichstätt-Besuch in seinem Blog.
Es ist auf jeden Fall interessant, fremdem Unterricht zusehen zu können. Kurz etwas zur Theorie aus dem greifbarsten aller Nachschlagewerke:
Vor jeder Lektion teilt der Lehrer den Stoff in zu bearbeitende Teilabschnitte ein. Es werden Lernergruppen aus maximal drei Schülern gebildet und jede Gruppe bekommt einen abgegrenzten Stoffabschnitt sowie die Aufgabe, diese Inhalte der Gesamtgruppe zu vermitteln. Die Schüler bereiten den Stoff didaktisch auf (spannende Impulse, Abwechslung in den Sozialformen usw.). Bei dieser Vorbereitung, die im Unterricht stattfindet, steht der Lehrer den einzelnen Lernergruppen zur Seite und gibt Impulse und Ratschläge. … Grundsätzlich neigen Lehrer dazu, die didaktischen Fähigkeiten von Lernern stark zu unterschätzen. Nach einer Eingewöhnungsphase zeigen Schüler meist ein beachtliches pädagogisches Potenzial. Im Sinne optimierter Didaktik verlangt LdL, dass die selbstgestalteten Lehreinheiten nicht als ein durch Lerner gehaltener Frontalunterricht oder ein Unterricht durch Vortrag von Referaten missverstanden werden. Die unterrichtenden Schüler sollen sich ständig mit geeigneten Mitteln versichern, dass jede Information von den Adressaten verstanden wird (kurz nachfragen, zusammenfassen lassen, kurze Partnerarbeit einflechten). Hier muss der Lehrer intervenieren, wenn er feststellt, dass die Kommunikation nicht gelingt oder dass die von den Lernern eingesetzten Motivationstechniken nicht greifen.
Warum ich mich vorher nicht viel um LdL gekümmert habe: Ich habe es verwechselt. Ich musste dabei nämlich immer an folgende Aufzählung denken, der ich immer wieder mal begegnet bin:
Wir lernen:
10% dessen, was wir lesen
20% dessen, was wir hören
30% dessen, was wir sehen
50% dessen, was wir sehen und hören
70% dessen, was wir mit anderen diskutieren
80% dessen, was wir persönlich erleben
95% dessen, was wir anderen beibringen
Diese Zahlen scheinen mir so offensichtlich falsch oder zumindest interpretationsbedürftig, dass ich sie auch nicht als Metapher ernst nehmen kann. Diesmal habe ich nachgeschlagen, wem das (hierzulande oft unter unterschiedlicher Schreibung des Nachnamens) zugeschrieben wird: William Glasser, amerikanischer Psychiater, Jahrgang 1925.
Erstens: Was ist überhaupt mit Lernen gemeint? Soweit ich Lernpsychologie damals verstanden habe, lernt man am besten durch Elektroschocks. Das steht oben gar nicht auf der Liste. (Oder ist das: Persönliches Erleben?) Simples Reiz-Reaktions-Lernen funktioniert, hat aber zu viele Nebenwirkungen. Es geht also wohl auch darum, was man wie lernt.
Zweitens: Sehr viel, vermutlich das meiste, von dem, was ich gelernt habe, habe ich als Kind gelernt. Vor allem natürlich Werte, Vermeidungsverhalten, Abwehrreaktionen, gute und schlechte Seiten an mir. Vieles davon stammt aus Kinofilmen und Spider-Man-Comics, kaum etwas dürfte vom Lehren stammen, obwohl ich schon als Kind gerne groß daherredete. Habe ich meine Zeit als Kind also unnütz vertan?
Drittens: Die eigene Erfahrung. Wenn ich mich selber so anschaue: woher weiß ich das, was ich weiß, oder kann ich das, was ich kann? Das kommt natürlich darauf an, was man unter Lernen versteht. Gefühlsmäßig würde ich sagen: Sehr viel kommt tatsächlich aus dem Gespräch mit anderen. Vermutlich am meisten, aber dicht gefolgt von Büchern. Ganz wenig Nur-Sehen (Museum), etwas mehr Nur-Hören (Radio). Mehr aus Sehen und Hören (Vorlesung, Fernsehen). Ganz wenig aus dem Internet. Sehr viel aus dem Schreiben und Üben, das oben gar nicht auftaucht – ich denke da an Mathematik, an Rätsel und Denkaufgaben aller Art, an meine Origami-Kenntnisse.
Ist Bloggen so etwas wie „anderen beibringen“? Immerhin fasse ich für manche Blogeinträge meine Gedanken in manchmal durchaus didaktischer Absicht zusammen, und lerne daraus.
Habe ich also meine Zeit vertan? Wenn ich weniger Bücher gelesen und mehr gelehrt hätte, hätte ich dann mehr gelernt? (Und wäre ich ein besserer Mensch geworden?)
Hm, wenn ich so frage, vielleicht ist was dran.
Auf jeden Fall ist das Erklären und Lehren eine sehr gute Art zu überprüfen, ob man etwas verstanden hat oder nicht.
Schreibe einen Kommentar