Es war einmal (und viel mehr über weitere Erzählspiele, als ich eigentlich zu schreiben vorhatte)

1. Es war einmal Nachdem es vorgestern schon ums Erzählen ging, will ich mir auch endlich diesen Eintrag von der Liste schreiben: Bei Amigo ist 1997 das Spiel Es war einmal erschienen, die deutsche Ausgabe von Once upon a time (Atlas Games 1994, zweite Ausgabe 1995). „Es war einmal“ ist einigermaßen bekannt und auch im normalen Spielwarenhandel zu bekommen. Das Spiel besteht aus über hundert Erzählerkarten, jeweils mit typischen Märchenmotiven: Charaktere (Kind, Prinzessin, Monster), Gegenstände (Schlüssel, Krone, Baum), Orte (Heim, Kapelle, Kerker), Eigenschaften (versteckt, wunderschön, blind) und Ereignisse (Falle, Wettbewerb, jemand wird verletzt). Jeder Spieler kriegt eine Handvoll dieser Karten …

Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel reißt

Sommerloch: Bis die Schule wieder anfängt, schreibe ich mir ein paar angefangene Blogeinträge von der Seele und der Warteliste, die seit Jahren darauf warten, dass ich mal richtig Energie in sie investiere. Wir haben uns entschieden, jetzt nicht mehr länger auf die Energie zu warten. Ich reime mir das so zusammen: Es gab dereinst Leute, die Geschichten erzählten. Oder vermutlich noch eher: Es gab Geschichten. Diese Geschichten wurden später von Herausgebern aufgeschrieben. Und nach und nach sind verschiedene paratextuelle Elemente, die ursprünglich herausgeberische Zusätze waren, von späteren Autoren als Teil eines Werks übernommen worden. Ein Beispiel erklärt vielleicht, was ich …

Place names

Mein Interesse für amerikanische Ortsnamen hat angefangen, soweit ich mich erinnere, mit einem Blogeintrag von Peter David. David, ein bekannter Comic-Autor, trug zumindest damals eine Fehde mit dem ähnlich bekannten John Byrne aus. Lange Geschichte, und vielleicht ist Fehde nicht mal das richtige Wort. Jedenfalls machte man sich im Byrne-Forum über den Namen eines Schauplatzes in einer Serie von Peter David lustig, eine Stadt namens Bete Noire. So heißt doch keine Stadt! David kommentierte das in seinem Blog so: Well, gee. I could have gone for something even more obvious, like Hell, but that’s a real city in Michigan. Or …

Eine Nacht lang Trenchcoat tragen (Schnitzeljagd II)

Ich bin mal eine Nacht lang Philip Marlowe hinterher gerannt. Erwischt habe ich ihn nicht, aber ich war sooo knapp davor. Es begann, wie sich das gehört, mit einem Telegramm. Es trudelte im Laufe meines 21. Geburtstags ein, will heißen: Es wurde mir telefonisch durch die Post vorgelesen. (So war das nämlich mit Telegrammen damals. Am Tag darauf brachte der Postbote das Papier.) Ein Telegramm von P.M. – Philip Marlowe, soviel wusste ich. Um 23.59 Uhr oder allenfalls einige Minuten zuvor war ich pünktlich und mit elterlichem Auto an der angegebenen Telefonzelle. Ich hatte meinen besten Regenmantel an und den …

Philip J. Hindle-Briscall, 1083, Bond Street (Teil 1)

(English version below.) Mit diesem Buch hat es eine besondere Bewandtnis und ich bitte um Hilfe. Vor etwa fünf oder sechs Jahren blätterte ich müßig im Bücherregal meiner Schwiegereltern und stieß auf ein Buch mit Lustigen Weltrekorden oder Merkwürdigen Tatsachen – nicht das Guinness Buch der Weltrekorde, aber so etwas ähnliches. Es war vielleicht vom Schneider Buch Verlag, auf jeden Fall mit Pappeinband, ziemlich bunt – wenn ich mich recht erinnere. In der Kategorie „Bücher “ stieß ich darin auf Einträge zu Krimis, wer am meisten davon geschrieben hat und dergleichen, und auch eine Kuriosität: Ein Buch, bei dem der …

Rashomon-Episoden

Rashomon, auch: Rasho-Mon, Rashômon, ist ein Filmklassiker von Akira Kurosawa von 1950; Grundlage des Films sind Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa. Hier ist der Eintrag bei IMDB dazu. Der Film hat viele interessante Aspekte, aber der bekannteste ist wohl der Aufbau: Ein Verbrechen ist geschehen, der Bandit Tajômaru hat einen Mann ermordet und dessen Frau vergewaltigt. Drei Personen treffen sich und berichten aus ihrer Sicht vom Geschehen. Zuletzt wird der Geist des Ermordeten beschworen und erzählt seine Fassung. Die vier Geschichten erzählen vier unvereinbare Versionen eines Geschehens. Was wirklich passiert ist, können die Personen nicht klären. Mit dieser kurzen Zusammenfassung ist …

Da hört der Spaß auf!

Eigentlich war es nur als Zuckerl gedacht, im Zusammenhang mit dem Thema Herausgeberfiktion im Deutsch-LK. (Diese Bücher, die alle mit einer Variante dessen beginnen, was Umberto Eco so wunderbar zusammengefasst hat im Vorspruch zum Namen der Rose: „Natürlich, eine alte Handschrift.“) In Zukunft muss ich daraus aber wohl eine längere Sequenz machen, so viel Erschütterung schien mir das Thema der heutigen Stunde hervorgerufen zu haben. Es geht um die Steinlaus und den Pschyrembel. Der Pschyrembel ist das klinische Wörterbuch, inzwischen in der 260. Auflage. Es steht bei Ärzten und interessierten Laien im Regal, und bei Hypochondern: Voller Fachausdrücke ist es …

Reden zum Schuljahresende

In allen Klassen, in denen ich Deutschlehrer oder Klassleiter bin, lasse ich Schüler zum Jahresende eine Abschlussrede halten. Manchmal denke ich auch rechtzeitig vor den Weihnachtsferien oder zum Halbjahr an eine Rede. Das ist eine Vorbereitung für die Abiturrede, es verleiht dem Zeugnistag noch etwas Feierliches, und es kommen interessante Dinge dabei heraus. Wenn ich Klassleiter bin, bin ich bei der Rede dabei, sonst lasse ich sie mir oft nur mailen. Hier ein Beispiel aus einer 8. Klasse: Liebe Klasse [Bezeichnung der Klasse], sehr geehrter Herr [H.], sehr geehrter Herr Rau, mit gemischten Gefühlen werden wir dieses Schuljahr beenden. Einerseits …

Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag. Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, …