Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel reißt

Sommerloch: Bis die Schule wieder anfängt, schreibe ich mir ein paar angefangene Blogeinträge von der Seele und der Warteliste, die seit Jahren darauf warten, dass ich mal richtig Energie in sie investiere. Wir haben uns entschieden, jetzt nicht mehr länger auf die Energie zu warten.

Ich reime mir das so zusammen: Es gab dereinst Leute, die Geschichten erzählten. Oder vermutlich noch eher: Es gab Geschichten. Diese Geschichten wurden später von Herausgebern aufgeschrieben. Und nach und nach sind verschiedene paratextuelle Elemente, die ursprünglich herausgeberische Zusätze waren, von späteren Autoren als Teil eines Werks übernommen worden.

Ein Beispiel erklärt vielleicht, was ich meine. Ich behaupte mal, ohne das groß zu belegen, dass ursprünglich das Inhaltsverzeichnis wie überhaupt die Unterteilung in Kapitel eine redaktionelle Entscheidung der Herausgeber waren. Das gilt zum Beispiel für die Gesänge der Odyssee und Ilias – deren Überschriften stammen von späteren, wenn auch bereits antiken, Herausgebern, ebenso wie die Einteilung der Werke in jeweils 24 Gesänge.
Spätere Autoren bauten Kapiteleinteilung und -überschriften dagegen bereits bei der Entstehung – und damit als Teil des Werkes – mit ein. (Beispiel 1: Martin Amis, London Fields, 24 Kapitel, zu Gruppen zusammengefasst, mit Überschriften wie „The Murderer“ – und diese Einteilung täuscht, denn tatsächlich gibt es weitere Zwischenkapitel des sehr auktorialen und nicht unbedingt zuverlässigen Erzählers, die nicht als eigene Kapitel ausgewiesen sind. Beispiel 2: Henry Fielding, Tom Jones, mit Kapitelunterschriften wie: „Containing matters which will surprise the reader“, „Containing what the reader may, perhaps, expect to find in it“ oder „Containing five pages of paper“.)

Inzwischen ist es selbstverständlich, dass die Kapiteleinteilung und eventuelle Kapitelüberschriften unveränderlicher Teil eines Werks sind. Aber das war eben nicht immer so. Was gibt es noch für redaktionelles Beiwerk, das vom Autor – oder Werk? – annektiert wurde?

  • Titel
    Das Gilgamesh-Epos lief im Altertum unter Shutur Eli Sharri, „Außergewöhnlichster Aller Könige“, nach den ersten Wörtern des Textes – eine redaktionelle Entscheidung. Das Nibelungenlied hat keinen Titel, und auch der Titel von Der arme Heinrich stammt nicht vom Autor, Hartmann von Aue.
    Was war eigentlich das erste Buch, bei dem der Autor über den Titel entschieden hat?
    Nachtrag. Raymond Smullyan hat in Buch ohne Titel schon versucht, den Titel loszuwerden und den Herausgebern zurückzugeben. Die Buchhändlerin war zuerst zwar tatsächlich irritiert, als ich ihr beim Bestellvorgang den Titel genannt habe, aber ein wirkliches Hindernis war es nicht. Und Umberto Eco wollte seinen Rosenroman Adson von Melk nennen, weil das am wenigsten über den Inhalt verraten hätte, aber das ließ man ihn nicht.
  • Inhaltsverzeichnis
    Siehe oben (Martin Amis, Henry Fielding, Homer). Eine weiteres Beispiel von vielen für ein explizit zum Text gehörendes Inhaltsverzeichnis ist die Verschachtelung in The Bridge von Iain Banks.
    banks_the_bridge
  • Kapitel
    Eng verbunden mit dem Inhaltsverzeichnis ist die Unterteilung in Kapitel. Eingesetzt zum Beispiel bei Flann O’Brien, At Swim-Two-Birds, das mit „Chapter I“ beginnt, ohne dass jemals ein zweites Kapitel folgt. Und schon in Tristram Shandy hat der fiktive Autor Kapitel 24 in Band IV ausgelassen, was er in Kapitel 25 zu erklären versucht.
    Die Romane von Jasper Fforde enthalten alle kein Kapitel 13, außer im Inhaltsverzeichnis.
    Weiteres Beispiel: Roddy Doyle, The Giggler Treatment, in dem auf Chapter One, Two, Three eines folgt, das heißt: „A Chapter That Isn’t Really A Chapter Because Nothing Really Happens In It But We’ll Call It Chapter Four“ – und in den Kapiteln danach gerät die Zählung völlig durcheinander.
    In John Barth, Lost in the Funhouse gibt es die Geschichten „Menelaiad“, in der die Kapitel 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, nummeriert sind, und „Anonymiad“, das mit 1, 1 1/2, 2 beginnt.
    Jasper Fforde, Lost In A Good Book zählt: 1, 2, 3, 4, 5, 4a, 6, 7 und so weiter. (Hat was mit Zeitreisen zu tun.)
    Karl Immermann, Münchhausen: beginnt mit Kapitel 11, die Kapitel 1-10 stehen nach Kapitel 15 – der Buchdrucker hatte sich eigenmächtig herausgenommen, die Kapitel umzustellen, um das Buch reißerischer zu machen.
  • Personenverzeichnis
    Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, einem Roman ein Verzeichnis der darin vorkommenden Personen voranzusetzen. Typisch ist das für Krimis. Meine Ausgabe von Erle Stanley Gardner, The Case of the Caretaker’s Cat (Penguin 1955) hat so eine Liste, The Case of the Stuttering Bishop (Penguin 1953), ebenfalls ein Perry-Mason-Krimi, hat das nicht. Ich nehme mal an, dass in diesen Fällen diese Listen nicht zum Werktext gehören. Anders etwa bei Matt Ruff, Fool on the Hill, eine liebeviolle Liste der Hauptpersonen, unterteilt nach „The Bohemians“, „Other Human Beings“, „The Sprites“, „Canines and Felines“, „Cameo Appearances“. Definitiv Teil des Textes.
  • Illustrationen
    Meistens sind Illustrationen kein Teil des Werktextes, aber es gibt Ausnahmen. In Arturo Pérez Reverte, El Club Dumas (ganz schlecht verfilmt von Polanski) spielen sie dagegen eine große Rolle. Allerdings sind diese Illustrationen postmoderne Zitate: Es handelt sich um teils echte, teils fiktive Illustrationen aus anderen Werken. In Alfred Bester, Golem100 sind Illustrationen ebenfalls Teil des Textes, genauso wie Notenzeilen, Collagen und anderes – das Buch ist nah an den Stilmitellen des Dadaismus.
    Zum Text gehörende Kritzeleien gibt es bei Poe (Narrative of A. Gordon Pym) und bei Sterne (eine Illustration zum Aufbau der ersten vier Kapitel von und aus Tristram Shandy). Bei Sterne gibt es auch ein zum Text gehörendes Blatt, das nur aus Marmorierung besteht.
  • Fußnoten (und anderer kritischer Apparat)
    Das editorische Mittel par excellence, schon lange von den Autoren an- und übernommen. Ein extremes Beispiel ist Vladimir Nabokov, Pale Fire. Das Buch besteht aus dem letzten Gedicht des – fiktiven – berühmten Dichters John Shade, der 1959 ermordet wurde, zusammen mit einem Vorwort, einem Index und vielen, vielen Endnoten zum Gedicht. Aus diesem Material formt sich ein Bild des – fiktiven – Herausgebers, und eigentlich wird im Roman dessen Geschichte erzählt.
    Weitere Fußnoten habe ich mir notiert bei einem anekdotischen Buch von George Burns, dessen Titel laut LoC-Angaben im Impressum Dr. Burns‘ Prescription for Happiness lautet, das aber auch als Dr. Burns‘ Prescription for Happiness* *Buy two books and call me in the morning geführt wird – in verschiedenen Schreibvarianten.
    Ausgesprochen schöne Fußnoten gibt es auch bei Jasper Fforde, Lost In A Good Book. Mit dem Fußnotophon – es heißt natürlich nicht so, aber ich weiß den tatsächlichen Namen gerade nicht – kommt man in den Untergrund und kann so über Kanäle kommunizieren, ohne dass das die Personen, die nur in der Haupthandlung auf dem Hauptteil der Seite agieren, das mitkriegen.
    Sehr lange Fußnoten, die nicht wenig mit dem – ohnehin erratischen – Text zu tun haben, gibt es in The Third Policeman von Flann O’Brien, etwa in Kapitel 11.
  • Beispiele für zum Text gehörende Anhänge: Die Illuminatus!-Trilogie von Shea/Wilson und The Circus of Dr Lao von Charles G. Finney.
  • Autor
    Die Autorenangabe ist inzwischen Teil des Textes, behaupte ich. Einsatz etwa bei Kilgore Trout, Venus on the Half-Shell. Der Roman stammt von Philip José Farmer, Trout ist ein fiktiver Autor im Werk von Kurt Vonnegut, und Venus ein dort erwähnter Titel.
    Iain M. Banks schreibt andere Bücher als Iain Banks, obwohl beide derselbe Mensch sind, James Branch Cabell andere als Branch Cabell. Und The Silent Gondoliers ist eben nicht von William Goldman, sondern von S. Morgenstern. (Und dann gibt es noch The Iron Dream von Norman Spinrad, ein Buch, das nur aus dem Buch besteht, das ein 1919 in die USA ausgewanderter Adolf Hitler dort geschrieben hat. Ein Parallelweltroman sozusagen, obwohl es darin gar nicht um die Parallelwelt geht. Gehört nicht ganz hierher.)
    Eben entdeckt: die „Maureen Birnbaum, Barbarian Swordsperson“-Geschichten von George Alec Effinger. Die Geschichten hat Maureen („Muffy“) jeweils ihrer Freundin Bitsy erzählt, die als Co-Autorin der Kurzgeschichten fungiert; die alte Herausgeberfiktion wieder. Bitsy ändert im Lauf ihres Lebens ihren Namen, die Geschichte lässt sich gut aus dem Inhaltsverzeichnis ablesen:

    Auch Naomi Aldermans The Power spielt damit: Das Buch tut so, als wäre es ein (historischer) Roman  von Neil Adam Armon, zusammen mit ein wenig Korrespondenz zwischen diesem und der Herausgeberin oder Lektorin Naomi.
  • Impressum
    Beim nicht korrekten Impressum landet man schnell bei der tatsächlichen Fälschung, etwas zu Propagandazwecken. Ich kenne deshalb auch nur Mischformen, also ein Impressum, dass korrekte und falsche Daten mischt, etwa bei diesem Unsinns-Sachbuch über die Giraffe, wo es im Impressum heißt: „All rights are reserved, except the right to wear orange and brown together“, nebst viel weiteren Hanebüchereien.
  • Zensur
    Zensur heißt unter anderem, dass ein staatlicher Zensor vor der Veröffentlichung oder Weitergabe von Briefen oder Druckwerken bestimmte Stellen schwärzt oder anders unkenntlich macht. Auch das wird, sobald es erst einmal etabliert ist, vom Autor eingesetzt, etwa bei Heinrich Heines Reisebilder, Kapitel XII, das nur aus den Worten „Die deutschen Censoren – – – – Dummköpfe – – – – – “ besteht. (Die Zensurstriche hier nur angedeutet, tatsächlich sind es wesentlich mehr.)
  • Ein schwer zu klassifizierender redaktioneller Einschub ist in William Goldman, The Princess Bride. Das Buch tut ja so, als wäre es die gekürzte Fassung eines längeren Werks von S. Morgenstern. Nach Jahren der Trennung treffen sich Wesley und Buttercup wieder, und diese herzzerreißende Wiedersehensszene hat William Goldman geschrieben – musste sie aber auf Druck des Verlags und der Erben von S. Morgenstern herausnehmen, da Goldmans Buch dann keine Kürzung des Originals mehr ist, sondern eine Ergänzung. Aber man könne, so steht es im Buch, einen Brief an den Verlag schicken, dessen Adresse angegeben ist, und dann kriegte man eine Kopie der Wiedersehensszene.
    Habe ich natürlich gemacht. Man kriegt einen Brief zurück mit weiteren Erklärungen, warum die Wiedersehensszene doch nicht mitgeschickt werden kann. Weitere Details zu den rechtlichen Problemen mit den Erben S. Morgensterns werden geschildert. Die Wichtigkeit von Cadminium für die amerikanische Wirtschaft. Die zweite Fassung des Briefs ist von 1978, die dritte von 1987. (Diese Fassung habe ich 1988 geschickt bekommen, nachdem ich dieses wunderbare Buch entdeckt hatte. Vermutlich gab es danach weitere Fassungen. Hat jemand nach 1988 da mal hingeschrieben? Ist die Verlagsadresse in den letzten 35 Jahren wohl dieselbe geblieben oder hat sich der Text einem eventuellen Umzug angepasst?) Zum Romantext gehören diese Briefe wohl nicht. Aber die Herausgeberfiktion wird jedenfalls in den Text eingebaut.
  • Werbung
    Ich habe noch alte Bastei-Taschenbücher mit Marlboro-Werbung innendrin. Und war es nicht Rowohlt, in deren Taschenbüchern in der Mitte immer diese Werbung für Pfandbriefe und Kommunalobligationen waren? Zum Text gehörende Werbung gibt es bei Jasper FForde in The Eyre Affair und den Folgebänden. Könnte man diese Werbung in anderen Ausgaben weglassen, ohne dass man um einen Teil des Werks betrogen wird? Vielleicht schon.
  • Anmachertext
    Früher zumindest mal, so in den 1970ern, da gab es die Praxis, auf der ersten Seite eines – meist eher trivialen – Buches, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, einen besonders spannenden Ausschnitt aus dem Buch zu präsentieren. Damit man Lust bekommt, das Buch zu lesen, auch weil der Ausschnitt gerne mal mit einem Cliffhanger aufhört. Das gibt es auch bei Bored of the Rings (1969) von H.N. Beard und D.C. Kennedy, deutsch: Dschey Ar Tollkühn: Der Herr der Augenringe (Goldmann 1983) – nur dass die kurze Szene im späteren Buch überhaupt nicht erscheint, also klar kein redaktionelles Element ist, sondern Teil des Werks.
  • Aufkleber
    Ein Grenzfall. The Meaning of Liff von John Lloyd und Douglas Adams definiert „Liff“ als: „A book, the contents of which are totally belied by its cover. For instance, any book the dust jacket of which bears the words. ‚This book will change your life‘.“ Auf meiner Ausgabe des Buches ist ein Aufkleber mit eben dieser Aufschrift, und ich hätte das Gefühl, die Ausgabe wäre ohne diesen Aufkleber nicht vollständig.
  • Diskussionsvorschläge für Leserunden:
    Gibt es oft bei englischen Taschenbüchern. In Pride and Prejudice and Zombies steht auf den letzten Seiten solch ein „Reader’s Discussion Guide“, der aber nicht ganz ernst zu nehmen ist und für mich einen mindestens so relevanten Teil des Buchtexts ausmacht wie das Inhaltsverzeichnis.
  • Schriftlichkeit und ihre Folgen– Die Rechtschreibung war ursprünglich kein Teil des Textes, sondern eine Entscheidung der Drucker und Herausgeber. Heute wehren sich manche Autoren gegen die neue deutsche Rechtschreibung. Goethe hat sich nicht so angestellt.
    Beispiele fürs Spiel mit der Schreibung: Der englische Dichter Spenser wird im Gespräch erwähnt und von einer anderen Person als „Spencer“ aufgenommen: lautlich gleich, zeigt die in der wörtlichen Rede verwendete Schreibung, dass der Sprecher den Dichter nicht kennt (Compton Mackenzie, The Rival Monster (in: The Highland Omnibus p. 587). Ähnlich in Terry Pratchett, Pyramids (p. 121, Corgi): Das Wort „quantum“ wird gerade erfunden und von jemandem anderen als „kwa-“ ausgesprochen, der daraufhin korrigiert wird.

    Absätze sind auch eine neue Erfindung, die inzwischen Teil des Texts sind. Im Mittelalter wurde am Zeilende umbrochen und gut war’s.

    Zeichensetzung, etwa bei der wörtlichen Rede. In Terry Pratchett, Hogfather (p. 22, Corgi) gibt es ein telepathisches Kleidungsstück:

    ‚Good evening,‘ he said.
    The robe said, Good evening, Lord Downey.

    — Dazu gehören wohl auch Korrekturzeichen. Leider kann ich mit meinen begrenzten typographischen Mitteln hier nicht den Titel eines Essays von Anne Fadiman (aus dem tollen Bändchen Ex Libris wiedergeben. Im Endeffekt lautet der Titel wohl „Insert a Caret“ (Caret/Zirkumflex: ^), aber er ist entstanden aus den Wörter „Inset a Carrot“, versehen mit den üblichen Korrekturzeichen, denen zum Beispiel auch vorne im Rechtschreibduden ein Kapitel gewidmet ist. Auch im Inhaltsverzeichnis von Ex Libris taucht der Tiel in dieser Form auf, komplett mit Strichen am Rand und so weiter.

    Durchstreichung zum Zweck einer Korrektur, zum Beispiel in George Macdonald Fraser, Flashman’s Lady (p. 59 und weitere, Penguin 1988), wo Mrs Flashman in ihr Tagebuch schreibt:

    [H]e took advantage of the situation to press his lips to mine!! I was so affronted that it was some moments a moment before I could find the strength to make him desist

    Auslassungszeichen: In James Branch Cabells Figures of Earth werden die Kinder buchstäblich vom Storch gebracht. (Cabells vorhergegangenes Buch wurde als zu obszön kritisiert, hier macht sich Cabell darüber lustig.) Um den Storch zu beschwören, nimmt Manuel „fünf merkwürdige Objekte, in etwa wie kleine Sterne“ aus seiner Tasche und platziert sie in einer Reihe auf dem Boden:

    *****

    und danach ist der Storch da.

    Typographische Elemente wie verkehrt herum gesetzte Buchstaben, etwa in Michael Ende, Die unendliche Geschichte, in der man ganz am anfang spiegelverkehrt, weil von der Rückseite gesehen, die Aufschrift eines Antiquariats liest. Ähnlich die Geschichte „Mirror/rorriM, off the Wall“ (nur dass die Buchstaben des zweiten Wortes spiegelverkehrt sein müssten, das gibt HTML aber nicht her) von Spider Robinson in The Callahan Chronicles. Auch ein spiegelverkehrter Zehndollarschein taucht auf (01$ statt $10 geschrieben, auch wieder spiegelverkehrt, also hier nicht darstellbar).
    Der Titel der Glosse „Report on Resentialism“ von Paul Jennings ist in der Sammlung The Jenguin Pennings auf dem Kopf stehend gedruckt. In der Glosse geht es um eine fiktive philosophische Richtung, deren Kernaussage die ist, dass die Dinge nicht so wollen wie die Menschen.

    — In Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Der Gaulschreck im Rosennetz, 4. Capitel, hat die Stadt „Scheibbs“ (vormals „Scheibs“) ein zusätzliches „b“ erhalten, da vorher „ein paarmal peinliche, sinnstörende Schreibfehler vorgekommen waren“. Gehört nicht wirklich hierher, aber hier finde ich das wieder.

    — Auch die Wahl der Schriftart war ursprünglich rein redaktionell. Wann Fraktur und wann Antiqua, das ist ursprünglich vorgegeben. Bewusster Einsatz darüber hinaus: Walter Kempowski verwendet Sütterlin in Antiqua in Herzlich Willkommen (Knaus 1984, S. 191f), als es um einen Kugelschreiber geht, der „als Reklamegabe von der Wäschereri [unleserliches Sütterlin, muss ich mal ergänzen] bezogen worden war“.
    In Comics werden Schriftarten natürlich noch bewusster eingesetzt.

    Zeichengröße und andere Varianten: In The Munitions Master, einem Abenteuer von Doc Savage (Bantam-Ausgabe Nr. 58, p. 10) drücken die Kapitälchen im Satz „A SAVAGE roar of almost unutterable ferocity came from the crowd“ aus, dass die Menge nicht nur wild schreit, sondern auch den Namen der Person, auf die sie so wütend ist – Doc Savage eben.
    Jasper Fforde verwendet kleinere Buchstaben, um Flüstern darzustellen in Lost In A Good Book (Hodder & Stoughon 2002, p. 178): „‚Very good,‘ whispered Snell.“
    In Figurengedichten von Lewis Caroll gibt es ebenfalls verschiedene Schriftgrößen, und sicher anderswo auch.

Viele Elemente um ein Buch herum sind aber immer noch paratextuell, gehören also noch nicht zum eigentlichen Text. Zumindest teilweise ist es interessant, sich auszumalen, wie man sie einbauen könnte.

  • Klappentext
    Auch wenn zum Beispiel Alasdair Gray seinem Poor Things gleich einen „blurb for a high-class hardback“ und einen alternativen „blurb for a popular paperback“ mitgibt: Vermutlich nicht Teil des Texts
  • Autorenangaben
    Und seien sie auch noch so fiktional (Harlan Ellison in Edgeworks I: „It was not until he threw himself in front of the assassins bullet at last year’s Academy Award ceremonies, thus saving the life of Oscar nominee Brad Pitt…“).
    Dazu gehört wohl auch das Autorenfoto auf dem Buchrücken. Auch wenn das wie im oben schon erwähnten Venus on the Half-Shelf ein verkleideter Philip José Farmer mit enorm falschem Rauschebart ist.
  • Schriftfarbe
    Ursprünglich eine reine redaktionelle Entscheidung, aber bei Michael Ende, Die unendliche Geschichte und bei einer deutschen Ausgabe (nicht aber den englischen, die ich kenne) von William Goldman, The Princess Bride werden verschiedene Farben für den Text eingesetzt. Ich nehme mal an, dass das in einfacheren Ausgaben durch Kursivsetzung ersetzt ist.
  • Titelbild
    Ich kenne kein Buch, bei dem das Titelbild tatsächlich Teil des Werktexts ist. Es gibt allerdings mindestens ein Buch, dessen Text in mindestens einer Ausgabe bereits auf dem Titelbild beginnt.
  • Erscheinungsweise
    Ein Buch, das man nur in Einzelheften lesen kann und nicht in einer Gesamtausgabe? Kenne ich nicht.
  • Am vielversprechendsten stelle ich mir das bei der Seitenzählung vor. Wenn ein Blatt doppelt im Buch ist, eine Lage im Buch fehlt oder eine Lage doppelt ist: Wiederholt sich dann auch die Handlung beziehungsweise wird sie übersprungen?
    Vorerst gibt es Verhalten bei Weltuntergang von Florian Werner (2013), eine Kulturgeschichte der Apokalypse, bei der die Seitenzahlen rückwärts gezählt werden, sozusagen als Countdown.

Krause Gedanken zum Schluss, zu einer Geschichte, die ich mal schreiben wollte:

Ich stelle mir da ein Einsatzkommando von Helden vor, das sich – durch die Fußnoten, den Subtext oder die Beschwörung Dessen, Der Zwischen Den Seiten Geht – nach vorne kämpft, um die Reihenfolge einiger Seiten zu ändern. Schon vor zehn Jahren hatte ich Ideen für eine parallele Handlung in den Fußnoten, manches davon kann ich mir aus wiedergefundenen Notizen zusammenreimen: „irgendetwas fällt (unterschiedliche Schrifttypen?) von oben runter? Oben wird von Geräusch von unten abgelenkt? Sie schmuggeln sich was in die Tasche“. Ganz kühn: „sie schieben ein Wort zum Zeilenende, um Trennstrich zu erzeugen (Homographentrennung?)“

Ich glaube, das hätte einen etwas konstruierten Text gegeben.

Ergänzung 2012: Bin ja mal gespannt, ob eBuch-Reader wie der Kindle eigene peritextuelle Elemente hervorbringen werden.

Place names

Mein Interesse für amerikanische Ortsnamen hat angefangen, soweit ich mich erinnere, mit einem Blogeintrag von Peter David. David, ein bekannter Comic-Autor, trug zumindest damals eine Fehde mit dem ähnlich bekannten John Byrne aus. Lange Geschichte, und vielleicht ist Fehde nicht mal das richtige Wort.
Jedenfalls machte man sich im Byrne-Forum über den Namen eines Schauplatzes in einer Serie von Peter David lustig, eine Stadt namens Bete Noire. So heißt doch keine Stadt!
David kommentierte das in seinem Blog so:

Well, gee. I could have gone for something even more obvious, like Hell, but that’s a real city in Michigan. Or perhaps Panic or Fearnot, but those are both in Pennsylvania. Some believe that Bete Noire is where the dead reside, so I could have called it River Styx, but that’s in Ohio. Peculiar would’ve been good, but the folks in Peculiar, Missouri, might have objected. Maybe the sound makes when one is scared: Eek. But no, that’s in Alaska, the state that also gave us a town called Chicken. The population of Bete Noire is eclectic, but we’d probably hear from the mayor of Eclectic, Alabama, who might have been tipped off to it by the mayor of another Alabama locale, Muck City.

I could have gone for something ironic and called it Plain City, but that’s in Utah, or Boring, but that’s in Maryland. Or just plain No Name, but that’s in Colorado. My search for a city name built to a Climax… …Climax, North Carolina, not to be confused with Climax, Pennsylvania, which is also not to be confused with Intercourse, Pennsylvania.

And shall we discuss Monkeys Elbow, Kentucky or the name of another city in Louisiana…… Uncle Sam, LA? Nah. (blog entry July, 2003)

Davon angestachelt, lieferten die Kommentare zum Blogeintrag viele weitere ungewöhnliche Städtenamen:

  • „Having grown up in North Carolina, I know that Climax, NC is not too far from Horneytown, NC.“
  • „Someday someone will write about all the weird and unusual things that ironically go on in NORMAL, IL.“
  • „In terms of strange place names…please. I live in Newfoundland. I have to drive through Dildo (and South Dildo) to get to my grandparents who live in Heart’s Delight. If I want to see my aunt and uncle, I have to go through Heart’s Desire and Heart’s Content.“
  • „And that doesn’t include places such as Conception Bay, Placentia, Upper Gullies, Joe Batt’s Arm, Virgin’s Arm and Leading Tickles. Just to name a few.“
  • „The One Name to Rule Them All: TOAD SUCK, ARKANSAS.“

Außerdem schlugen die Kommentatoren zwei Bücher zur Lektüre vor: Blue Highways von William Least-Heat Moon. Das habe ich gelesen, auch wenn Ortsnamen nur eine kleine Rolle spielen. Interessanter in dieser Hinsicht ist Passing Gas, And Other Towns Along the American Highway von Gary Gladstone, eigentlich ein Bildband. Das Konzept: Gladstone suchte sich kleine Orte mit merkwürdigen Namen aus, fuhr hin, plauderte mit den Einheimischen, machte ein möglichst prägnantes Porträtfoto und schrieb eine Vignette zu dem Ort. Untertitel: „Portrait from the Heartland.“
Das Buch lebt von den Bildern und den kurzen Texten, die ich hier nicht beschreiben oder wiederholen will.

Die von Gladstone besuchten Orte sind natürlich Gas (Passing Gas ist ein Wortspiel); daneben Surprise, Purgatory, Boogertown, Embarrass, Boring, Good Grief und viele mehr. Auch das oben schon erwähnte Toad Suck ist dabei. Laut Ozzie, dem Besitzer von Ozzie’s Toad Suck One Stop Supermarkt, kommt der Name von den Fährleuten, die dort früher Selbstgebrannten getrunken haben, bis sie aufquollen wie Kröten. Oder so ähnlich.
Allerdings möchte ich auf folgenden NPR Podcast hinweisen, den ich auch schon mal als Listening Comprehension eingesetzt habe: The Dog Who Loved to Suck on Toads. (Google liefert weitere Artikel zu diesem Thema.) Anscheinend ist das Gift mancher Krötenarten eine psychedelische Droge, zumindest für Hunde. Vielleicht sollte man das mal recherchieren.

Aber es gibt ja noch so viel Schönes zu Namen! Im schon mal vorgestellten Limits of Language stellt Mikael Parkvall anhand von etwa fünfzig Beispielen die amerikanische Tradition der Portmanteau-Ortsnamen vor: Calnevari, Nevada, an der Grenze zu California und Arizona. Ähnlich Calneva, Calvada und Calzona. Dakoming zwischen Wyoming und South Dakota. Texarkana auf der Trennlinie zwischen Texas und Arkansas. Mexicali in California, Grenze zu Mexico. (Auf der anderen Seite: Calexico.)
Parkvall führt auch Ortsnamen an, die aus rückwärts buchstabierten Nach- oder Vornamen bestehen: Siwel, Sevets, Nostrebor und Roylat, oder Darnoc, Lebam und Adnaw.

Kein Blogbeitrag des Ortsnamen-Freunds wäre vollständig ohne Erwähnung des Lieds „Entering Marion“ von John Forster. Es geht darin um die jährliche Urlaubsreise eines jungen Mannes mit dem Auto durch Amerika, der dabei durch die Stadt Marion kommt. Ich würde das Lied ja neben „The Biggest Ball of Twine in Minnesota“ (Weird Al) regelmäßig im Unterricht durchnehmen, wenn der Inhalt nicht so zweideutig wäre:

But the feeling of entering Marion
Had a kick that was hard to define…
A rapturous rush, a physical flush,
Chills up and down the spine.
For the few minutes I was in Marion
All Massachusetts was mine.

Das geht so lange gut, bis er eine andere Route nimmt und auf die Stadt namens Beverly stößt. Und Sharon. Seine Fahrten geraten außer Kontrolle. Erst nach den Ortschaften Lawrence, Quincy und Norton findet er wieder zu seiner ersten Liebe zurück. Und das alles in sehr fröhlichem Rhythmus.

— Auslöser für diesen Blogeintrag war letzten Endes ein Podcast von Slate zur Neuauflage von Names on the Land von George R. Stewart: „A historical account of place-naming in the United States.“ Erstausgabe 1945, überarbeitete Ausgaben 1956 und 1967. Das habe ich bestellt und es liegt vor mir. Freue mich schon darauf. Slate preist das Buch als „a disguised wartime plea for the triumph of cardinal American virtues: buoyancy and tolerance, curiosity and confidence, love of the land and faith in the future.“

George R. Stewart, klingt irgendwie bekannt… von dem ist Earth Abides, ein Klassiker der Science Fiction. Die Welt ist doch klein. Ich habe das Buch nicht gelesen, bin aber immer wieder darauf gestoßen und kenne eine zweiteilige Hörspielfassung aus den 1950ern.

Da wollen wir doch schließen mit ein paar Zeilen aus dem Zwischenkapitel „The Naming of Names“ aus The Martian Chronicles von Ray Bradbury:

They came to the strange blue lands and put their name upon the lands. Here was Hinkston Creek and Lustig Corners and Black River and Driscoll Forest and Peregrine Mountain and Wilder Town, all the names of people and the things that the people did. Here was the place where Martians killed the first Earth Men, and it was Red Town and had to do with blood. And here where the second expedition was destroyed, and it was named Second Try, and each of the other places where the rocket men had set down their fiery cauldrons to burn the land, the names were left like cinders, and of course there was a Spender Hill and a Nathaniel York Town….

Solange es noch Facharbeiten gibt, könnte man ja eine zu diesem Thema vergeben. Mir fällt aber keine gute Fragestellung dazu ein. Ortsnamen in der Literatur? Vergleich mit Ortsnamen der britischen Inseln?

Eine Nacht lang Trenchcoat tragen (Schnitzeljagd II)

Ich bin mal eine Nacht lang Philip Marlowe hinterher gerannt. Erwischt habe ich ihn nicht, aber ich war sooo knapp davor.

Es begann, wie sich das gehört, mit einem Telegramm. Es trudelte im Laufe meines 21. Geburtstag ein, will heißen: Es wurde mir telefonisch durch die Post vorgelesen. (So war das nämlich mit Telegrammen damals. Am Tag darauf brachte der Postbote das Papier.)

Ein Telegramm von P.M. – Philip Marlowe, soviel wusste ich. Um 23.59 Uhr oder allenfalls einige Minuten zuvor war ich pünktlich und mit elterlichem Auto an der angegebenen Telefonzelle. Ich hatte meinen besten Regenmantel an und den Kragen hochgeschlagen. Kein Mensch war zu sehen. Erst nach einiger Zeit bemerkte ich den Zettel, der an der Tür der Telefonzelle klebte:

„Ich bin ein Freund von Raymond Chandler / und Du ab jetzt mein Unterhändler.“ Wunderbarer Reim. Ich hatte ihn also knapp verpasst, schlug innen in der Telefonzelle im Telefonbuch unter M wie Marlowe nach und fand einen Briefumschlag mit weiteren Angaben:

„Kemal“ war Kemal Kayankaya, Held der damals zwei erschienenen Krimis von Jakob Arjouni – „Happy Birthday, Türke“ und „Ein Mann, ein Mord“. Und Kemal hatte mich also Marlowe empfohlen. Nun gut. Hinter der Telefonzelle war tatsächlich ein Stadtplan von Augsburg.

Und ein halber Geldschein.

Meine Ortskenntnis ist und war schlecht, ich konnte den Stadtplan also gut brauchen, und war Punkt ein Uhr an der angegebenen Adresse. Ein paar Minuten hatte ich wartend mit einer Zigarette verbracht. Ein bisschen mulmig war mir schon, als ich an der Wohnungstür läutete. Ein Wohnblock, 70er-Jahre-Architektur. Ich dachte, mich würden meine Freunde erwarten, vielleicht bei anderen, mir noch unbekannten Freunden in deren Wohnung.

Die Türe wurde von einer älteren Dame geöffnet. Graue Haare, im Großmutteralter. Ein Uhr nachts. „Ja?“ fragte sie. „Was ist?“

Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, nichts furchtbar Sinnvolles vermutlich. Die Dame sagte, immer noch in der Tür stehend: „Ich glaube, Sie haben etwas für mich.“ Aber sie sagte es mit einem leisen Zweifel in der Stimme, der mir zu signalisieren schien, dass ohne den halben Geldschein nichts für mich zu holen war. Da könnte ja jeder mit einer Räuberpistole um ein Uhr nachts kommen und etwas von ihr wollen. Ich gab ihr meine Hälfte, sie verglich sie mit ihrer:

Und gab mir daraufhin eine Kassette. (Eine Audiokassette, muss man heute sagen.) Ich verabschiedete mich und ging, ein wenig irritiert, zum Auto.

Kassette ins Autoradio. Die Stimme eines Freundes. „Marlowe“ entschuldigte sich, er habe nicht auf mich warten können, aber diese Kassette bei einer alten Wodka-Freundin (Arjouni-Zitat) deponiert. Und dann lotste mich die Stimme auf der Kassette in Echtzeit durch das nächtliche Augsburg. „An der nächsten Kreuzung fährst du geradeaus. Bald siehst du ein großes, gelbes Haus. Dahinter führt eine kleine Straße nach links.“ Und so weiter, eine kleine Weile.

Ich fuhr in den Westen Augsburgs. Wenig Verkehr um diese Zeit. Die Stimme dirigierte mich auf eine Brücke. „Und jetzt anhalten“. Ich weiß noch, ich habe mitten auf der Brücke angehalten, ohne darauf zu achten, ob nicht doch hinter mir irgendein Auto war. Glück gehabt. „Schau jetzt nacht links.“ Dort war ein Parkplatz nahe einer kleinen Kanalschleuse. Hinfahren, aussteigen, herumsuchen. Ich fand einen großen Schukarton.

Darauf geschrieben: „Ein alter Chinese gab mir das. Muß ’ne Spur sein. Verfolg sie. Der richtige Umschlag zum einzig möglichen Ziel.“

In der Kiste war ein dreidimensionales Labyrinth mit drei Ebenen und eine Reihe von Umschlägen. Ich bastelte das Labyrinth zusammen, auf dem Parkplatz, mit der Taschenlampe. Ah, das waren Zeiten!

Das Labyrinth hatte drei potenzielle Lösungen, nur eine war die richtige. In dem Schuhkarton waren auch drei Briefumschläge mit drei verschiedenen Anweisungen, wie es weitergehen würde:

Es war Lösung zwei. Man beachte den schönen Reim, „atlantischen Nektar/weg war’s“. Der einstige Hort des atlantischen Nektars war eine leere Colaflasche (das hatte ich bereits vermutet), die ich am angegebenen Ort nach etwas Suchen fand.
Ganz leer war sie natürlich nicht, sie enthielt einen Plastikstift, der nur als Hülle für einen Zettel diente, und einen… Schlüssel! Es gibt wenig Dramatischeres als einen Schlüssel.

Um zu erfahren, was ich mich dem Schlüssel anstellen konnte, musste ich erst das kleine mathematische Rätsel lösen. Nachts, Taschenlampe, vor neunzehn Jahren, wir erinnern uns.

Aber so etwas konnte ich damals zumindest sehr fix. Es war der Hauptbahnhof Augsburgs und zwar, richtig, der Schlüssel passte zu einem der Schließfächer dort. Also hingefahren, aufgemacht. Vielleicht eine Zigarette geraucht zwischendrin. Für die Nerven. Und für den Trenchcoat.

Im Schließfach fand ich ein großes, wunderschön exotisches, banal in Zeitungspapier eingewickeltes Paket. Genau so eines, wie es Sam Spade vom sterbenden Captain Jacobi gebracht wurde. Drumrum eine Schnur, dran eine Karte.

Na, was reimt sich auf „Schalke“ und ist ein Film mit Humphrey Bogart, Mary Astor, Peter Lorre und Sidney Greenstreet, Romanvorlage Dashiell Hammett, Regie John Huston? Genauso ein Paket gab es in dem Film übrigens auch.

Bei mir war war dieser Vogel drin:

Immerhin:

:-)

Damit war die Nacht fast zu Ende. Ich fuhr nach Hause. Vor der Tür lag noch eine Schachtel Camel, filterlos, soft pack, eine Karte und eine Postkarte.

Wieder mit kühnen Reimen.

Dazu eine Postkarte, vorn Trenchcoats, hinten Astairegrüße:

Fred Astaire: Neben den Krimis ein weiteres prägendes Vorbild für mich.

Müde ins Bett gefallen.

Im Laufe des nächsten Tags kam dann ein weiteres Telegramm, in dem sich Marlowe verabschiedete.

— Die Freunde sehe ich heute noch ein- oder zweimal im Jahr. Immerhin. Es war eine sehr, sehr schöne Zeit, über die ich hier noch fast nichts geschrieben habe. Die Kassette habe ich zurückgegeben. Mein Freunde – es waren drei – waren mir die ganze Nacht über nur jeweils eine knappe Stunde voraus gewesen.

Im Schuhkarton, den ich immer noch habe und in dem ich all diese Sachen verwahre, fand ich auch diese Blume. Vermutlich war sie damals dabei bei den Geschenken vor meiner Tür, aber ich kann mich nicht mehr an sie erinnern. Dafür kriegt sie hier einen Ehrenplatz, den Freunden gewidmet:

Philip J. Hindle-Briscall, 1083, Bond Street (Teil 1)

(English version below.)

Mit diesem Buch hat es eine besondere Bewandtnis und ich bitte um Hilfe.

Vor etwa fünf oder sechs Jahren blätterte ich müßig im Bücherregal meiner Schwiegereltern und stieß auf ein Buch mit Lustigen Weltrekorden oder Merkwürdigen Tatsachen – nicht das Guinness Buch der Weltrekorde, aber so etwas ähnliches. Es war vielleicht vom Schneider Buch Verlag, auf jeden Fall mit Pappeinband, ziemlich bunt – wenn ich mich recht erinnere.
In der Kategorie „Bücher “ stieß ich darin auf Einträge zu Krimis, wer am meisten davon geschrieben hat und dergleichen, und auch eine Kuriosität: Ein Buch, bei dem der Leser der Täter ist. Der Titel des Buches war 1083, Bond Street und der Name des Autors war „Philip J. Hindle-Briscall“.
Der Beweis für die Wahrheit meines Berichts so weit:

Das ist die Streifenkarte, auf deren Rückseite ich damals Autor und Titel notierte, und die ich seitdem immer mit mir herumtrage. Dieses Buch wollte ich finden (ich interessiere mich ein bisschen für Erzähltheorie und Krimis) und ich war ja auch versiert im Aufstöbern von Büchern. Bei diesem Buch und diesem Autor habe ich allerdings versagt. Nichts, nirgendwo. Dabei klang die Idee so vielversprechend. Ich war ihr schon zuvor begegnet, und vermutlich habe ich sie mir auch deshalb notiert:
Auf der letzten Seite von der Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘ (italienische Fassung 1983, zitiert die deutsche Ausgabe von 1986) schreibt Umberto Eco (der sich auch ein bisschen für Erzähltheorie und Krimis interessiert):

Kürzlich soll das Pariser OuLiPo („Ouvroir de Littérature Potentielle“) ein Pattern aller möglichen Krimikonstellationen aufgestellt haben (der Mörder ist der Butler, der Mörder ist der Erzähler, der Mörder ist der Detektiv, usw. usw.), wobei herauskam: Es bleibt noch ein Buch zu schreiben, in dem der Mörder der Leser ist.

OuLiPo ist eine Organisation von avantgardistischen, sprachverliebten Autoren, Herumspielern und Mathematikern. Raymond Queneau, François Le Lionnais, Claude Berge, Georges Perec, Italo Calvino gehörten unter anderem dazu.

Ich hatte mich schon damit abgefunden, dass Philip J. Hindle-Briscall ein erfundener Autor ist, wie sie ja gelegentlich durch die Nachschlagewerke ziehen, oft als gemeinschaftlich hergestellter Schabernack.

Vor fünf Monaten schrieb ich in die Kommentare bei Lila [nach Lilas Blog-Umzug leider nicht mehr aktuell] von dieser Geschichte. Etwa gleichzeitig suchte ich bei meinen Schwiegereltern nach dem Buch, das diese Suche ursprünglich ausgelöst hatte. Es war nicht mehr da. Und meine Schwiegereltern sagten, es sei unwahrscheinlich, dass sie je so ein Buch besessen hätten. (Ganz vielleicht würde der Schwager mehr wissen.)
Es schien eine dieser Geschichten zu sein um geheimnisvolle Läden, in denen man etwas kauft, und die danach sich in Luft auflösen. Damit war die letzte Spur verschwunden. Ich war froh, dass ich noch die Streifenkarte hatte (mit DM-Aufdruck, ansonsten ohne eruierbares Datum), die ich oben eingescannt habe. Mehr war mir als Beweis nicht geblieben.

 
 

Meldet sich doch vor zwei Tagen der Sohn von Philip J. Hindle-Briscall bei mir.

 
 

Er war über Lila, der ich gar nicht genug danken kann für diese Geschichte, auf mich gestoßen. Ich habe einige E-Mails mit ihm gewechselt und will nun unseren Wissenstand mit seiner Erlaubnis hier präsentieren.
Sein Vater hieß Percy John Hindle-Briscall, genannt Pip oder manchmal auch Philip. Er lebte von 1907-1978, änderte etwa 1928 aufgrund einer Testamentsklausel seinen Namen von Briscall in Hindle-Briscall. Sein Sohn ist der einzige weitere männliche Träger dieses Namens. P.J. Hindle-Briscall war Journalist und später in der PR, geboren in Manchester, gelebt in London. Er hat seinem Sohn zufolge einen einzigen Roman geschrieben, der kurz vor dem zweiten Weltkrieg in Paris hätte erscheinen soll, dann aber nie herauskam. Kein Krimi.

Und Adrian Hindle-Briscall und ich, wir würden zu gerne wissen, was es mit dieser Geschichte auf sich hat. Wie kommt Philip J. Hindle-Briscall in diese Sammlung von Rekorden? Ich meine: Ich spinne doch nicht, oder?
Falls also irgend jemand hier ein Lustiges Buch der Rekorde, Tausend Tolle Tatsachen oder Die Größten, Schnellsten, Weitesten zu Hause hat: Könntet ihr bitte aufstehen und nachschlagen, ob da etwas über Krimiautoren und Philip J. Hindle-Briscall steht? Den kleinen Bruder, die kleine Schwester fragen? Andere Blogger fragen? Vermutlich handelt es sich bei dem Buch um eine Übersetzung aus dem Englischen, aber das muss nicht sein.
Dieses Buch herauszufinden ist wohl die heißeste Spur zum Krimi, in dem der Leser der Mörder ist. Oder was auch immer.

(Mögliche Theorien: Ein Hoax. Eine Verwechslung. Hindle-Briscall als Rezensent und nicht als Autor.)

(Und die Bond Street in London geht nicht bis zu dieser Hausnummer. Incidentally. Wenn das ein Hoax ist: Ich war’s wirklich nicht.)

(PS: Fehlanzeigen nehme ich auch entgegen, damit ich nicht bei Ebay Bücher kaufe, in denen es sicher nicht drinsteht.)

 
 

The tale told in English

Dear reader, I’m looking for a book and an author and this is how that came to be:

Some six years ago, I was staying at my parents-in-law and idly looking through their bookshelves. In one of the books there, in a collection similar to the Guinness Book of World Records, I found a chapter on interesting facts on mystery writers – who wrote the most, or the fastest. One book was mentioned which featured something very interesting: a book in which the reader was the murderer.

I had heard of that idea before, on the last page of Umberto Eco’s 1984 Postscript to ‚The Name of the Rose‘, where Eco writes about having heard that the (avantgarde French) OuLiPo society had „recently“ analyzed whodunit constellations and found out that the only thing left to do was a version where the reader did it.
I like whodunits, I like mysteries, I like literary criticism and narrative theory. I found all this fairly intriguing. So I wrote down the title of the book and the name of its author, both of which I got from that book of fun facts (or whatever it was called) in my parents-in-law’s library.
As proof I offer you the tram ticket, on whose back side I jotted down this information:

Philip J. Hindle-Briscall, 1083, Bond Street.

I rather pride myself on being able to locate obscure books, but I never found out anything about book or writer. Some months ago I wrote at Lila’s blog about my problem, and at the same time went to my parents-in-law’s to look for the book that had started it all.
Guess what, the book wasn’t there anymore. Not only that, but my in-laws also don’t remember such a book and think it unlikely they ever had possessed such a book. So I resigned myself to the fact that author and book were made-up, in the way that many entries even in respectable works of reference are made up (see a previous blog entry). And the book at my in-laws must have been one of these books similar to those now-you-see-them-now-you-don’t shops (which see).

Then, I hear from P.J. Hindle-Briscall’s son.

I’ll quote him:

My father was Percy John Hindle-Briscall, usually called Pip or sometimes Philip, 1907-1978. There can have been no other people of that name, as he changed his name from Briscall to Hindle-Briscall about 1928 under the terms of a legacy and I’m the only other male to have had that surname. Hindle had been his third forename.
He had been a journalist and later in Public Relations.
I have never heard of the book you mention. He never mentioned writing any novels, except for one, an erotic story that was to have beeen published by I think the Olympia Press. This was based in Paris and this was just before the Second World War so the book never came out. He may have embellished the story, but I expect there is a basis in fact.
He was from Manchester but lived in London all his adult life. If the title referred to the famous London shopping street called Bond Street, there are not 1083 numbers in it, nor in any other London street I believe.

So Adrian Hindle-Briscall and I, we both would like to know very much what all this is about. Does such a book as 1083, Bond Street exist? Who is its author? How did P.J. Hindle-Briscall get associated with it?
Did I dream it all? Does the Book of Extraordinary Facts which started it all really exist? It must; I’m really not making any of this up.
Our most promising lead is this book. It possibly was a German translation of an English original. If you happen to read this, would you mind just popping into your library, or asking your children to go through theirs, and see if there’s an entry on Philip J. Hindle-Briscall in the Bumper Book of Records?

Your help would be most appreciated.

(Part 2 of this saga, with some new developments.)

(Teil 2, mit einigen neuen Entwicklungen.)

Nachtrag:

Blog-Leserin Db hat recherchiert und mir eine Theorie zu dem Eintrag gemailt. Demnach ist der Lexikoneintrag kein Hinweis auf ein real existierendes Buch, sondern eine codierte Totenehrung für Mr. P.J. Hindle-Briscall.

Er starb 1978; im gleichen Jahr erschien die 4. Auflage mit dem ominösen Eintrag. In der vorherigen 3. Auflage gibt es noch keinen solchen Eintrag.

Mr. Hindle-Briscall war der Besitzer von Modern Books, „London’s first licensed gay sex store“. Damit ist er kein Kriminalschriftsteller – wohl aber ein Verbreiter von krimineller Literatur, denn in den Augen der konservativen Bevölkerung ist Homosexualität noch kriminell. Mit der Schriftstellerei hat H.-B. insoweit zu tun, dass im Todesjahr sein Laden in die Hände des Verlegers des bekannten Gay-Magazines „Zipper“ überging, die Buchhandlung wurde ebenfalls in „Zipper“ umbenannt.

Der „Modern Books“-Laden liegt zwar in 1083, Bond Street. Aber die reale Adresse 283, Camden High Street stimmt zumindest in zwei Ziffern überein – oder gar in drei? 10 in Binärcode gelesen gibt 2 in Dezimalcode…

„Daß der Schuldige nur der Leser selbst sein kann“ heißt hier, dass man als Leser homosexueller Erotika in den 1970ern automatisch schuldig war. Erst seit 1967 ist in England (erst später: Nordirland, Schottland) Homosexualität zwischen Männern über 21 nicht mehr strafbar, jedoch nicht in öffentlichen Räumen, Hotels oder wenn etwa ein dritter im selben Haus, jedoch in einem anderen Zimmer anwesend ist.

Rashomon-Episoden

Rashomon, auch: Rasho-Mon, Rashômon, ist ein Filmklassiker von Akira Kurosawa von 1950; Grundlage des Films sind Kurzgeschichten von Ryunosuke Akutagawa. Hier ist der Eintrag bei IMDB dazu.
Der Film hat viele interessante Aspekte, aber der bekannteste ist wohl der Aufbau: Ein Verbrechen ist geschehen, der Bandit Tajômaru hat einen Mann ermordet und dessen Frau vergewaltigt. Drei Personen treffen sich und berichten aus ihrer Sicht vom Geschehen. Zuletzt wird der Geist des Ermordeten beschworen und erzählt seine Fassung. Die vier Geschichten erzählen vier unvereinbare Versionen eines Geschehens. Was wirklich passiert ist, können die Personen nicht klären.
Mit dieser kurzen Zusammenfassung ist dem Film lange nicht genüge getan, aber die Kenntnis des Films setze ich mal voraus. Er ist ein Meilenstein.*

Die Struktur von Rashomon ist von vielen anderen Erzählern aufgenommen worden. Gerade Fernsehserien haben gerne mal Rashomon-Episoden (ähnlich wie es viele Fassungen von „Twelve Angry Men“ gibt, aber dazu später mal). Typischerweise gibt es dabei drei widersprüchliche Fassungen eines Geschehens, die episodenartig nacheinander erzählt werden. Bei den furchtsameren Serien gibt es zum Schluss eine Instanz, die eine der Fassungen zur richtigen erklärt. Man traut dem Zuschauer anscheinend nicht zu, die Spannung auszuhalten, die eine unvollkommene Auflösung mit sich bringt.

  • The Dick van Dyke Show: „The Night the Roof Fell In“, Staffel 2 (1962), Drehbuch John Whedon, Regie Hal Cooper.
    Rob (Dick van Dyke) und Laura (Mary Tyler Moore) streiten sich, bis Rob die Nacht wütend in der Garage verbringt. Beide erzählen ihren jeweiligen Freunden ihre Fassung des Geschehens, stellen sich selbst als absolut unschuldig am Streit hin. Es gibt eine dritte Fassung.
  • Magnum, P.I.: „I Witness“ (dt. „Rashomon, die Fortsetzung“ bzw. „Augenzeugen“), Staffel 4 (1984)
    Ein kleines Meisterwerk. Der Nachtclub wurde überfallen, die Kasse geraubt; die Polizei und Magnum finden Rick, T.C. und Higgins nackt und gefesselt. Jeder der drei erzählt seine Variante; keine der drei ist glaubwürdiger als die anderen, jeder stellt sich selber als Held und die anderen als Jammerlappen hin. Die drei Fassungen unterscheiden sich nach Hintergrundmusik, nach Tiefe des Dekolletés bei der Sängerin und vielen, vielen weiteren Einzelheiten. — Zum Schluss ist der Überfall geklärt, aber warum die drei nackt waren, erfährt Magnum aus keiner der drei Geschichten.
  • Peter Parker The Spectacular Spider-Man (Vol. 1): Issue No. 121 (1986), „Eye Witness!“ Keine Fernsehserie, sondern ein Superhelden-Comic. J. Jonah Jameson (Herausgeber des Daily Bugle und Spider-Man-Hasser), Peter Parker (Spider-Man) und dessen Freundin Mary Jane erzählen drei Fassungen des gleichen vereitelten Banküberfalls. Sehr schön gemacht, bis in die Details. Kein Wunder: Als ich gerade nach den Credits gesucht habe, ganz hinten, steht da als Autor „Peter David“. Und der ist nunmal einer der besten. (Für die verschiedenen Teilgeschichten gab’s auch verschiedene Zeichner, sechs insgesamt.)
  • Star Trek The Next Generation: „A Matter of Perspective“ (dt.: „Riker unter Verdacht“), Staffel 3 (1990).
    Eine Raumstation explodiert, dabei stirbt der Forscher Apgar, Riker und Apgars Frau Manua überleben. Nach Rikers Fassung war Apgar grob unhöflich und Manua versuchte Riker zu verführen; laut Manuas Fassung versuchte Riker sie zu vergewaltigen und fing Streit mit Apgar an (Troi erkennt, dass Manua zumindest nicht bewusst lügt). Danach wird die Fassung von Apgars Assistenten gehört. Schließlich gelingt es, im Holodeck das wirkliche Geschehen zu simulieren.
  • Emergency Room: „Four Corners“, erste Episode von Staffel 8 (2000).
    Ich hab die Folge noch gar nicht gesehen, es ist aber eine klare Rashomon-Hommage.
  • Coupling: „Remember This“, Episode 19, Staffel 3 (2002).
    Patrick und Sally erinnern sich, wie sie sich kennen gelernt haben. Wir sehen zwei sich widersprechende Fassungen. Man kann sich zusammenreimen, was genau geschehen ist, da ziemlich klar und schreiend komisch ist, welcher Erzähler welche Details im Gedächtnis behalten hat. Keine der beiden Fassungen ist durchweg korrekt.
    (Coupling ist eine brillante englische Serie. Brillant geschrieben, sehr gut gespielt. Der Versuch, eine US-Fassung zu drehen, ging wohl schief; nach 4 von 11 gesendeten Episoden wurde die US-Serie abgesetzt. Wie konnte man nur auf die Idee kommen, das ließe sich für Amerika zurechtschneiden.)
  • That 70s Show, Episode „I Can’t Quit You Babe (a.k.a. Jackie and Hyde Get Busted)“ (September 24, 2002) – drei Versionen davon, wie Jackie und Hyde zusammenkamen. Für die Episode aber nicht zentral, sondern Beiwerk.
  • How I Met Your Mother, Staffel 8, Folge 17 (Folge 177), „The Ashtray“. Drei Varianten eines Abends, und eine vierte dann als das, was tatsächlich passiert ist.
  • Ein Mord mit Aussicht, Spielfilmauskopplung (2015) aus der Serie Mord mit Aussicht. Wir sehen hier zuerst die Version, die als tatsächlich geschehen und neutral geschildert vorgestellt wird, danach kommen gefärbte Zeugenaussagen, aber jeweils nur kurze Szenen. (Und zwar durch Filtereinsatz wörtlich gefärbt.)
  • Gambit/Das Mädchen aus der Cherry-Bar (1966) Nicht wirklich Rashomon, die ersten 25 Minuten der Einbruchsfilm-Handlung stellen sich danach lediglich als Vorstellung des Plan heraus; darauf folgt der tatsächliche Ablauf, der sich deutlich unterscheidet. Typisch Rashomon etwa: Im Plan spricht Shirley MacLaine kein einziges Wort und setzt sich akrobatisch-delikat auf die Couch; im tatsächlichen Ablauf spricht sie so viel, dass die Michael Caine auf die Nerven geht, und ist wesentlich burschikoser.

Bestimmt gibt es noch mehr Folgen, Matlock hat doch bestimmt auch eine gemacht. Kennt jemand noch welche?

*Gerade gesehen, dass der Film auf der Kurzgeschichte „Yabu no naka“ („In the Grove“) von Ryunosuke Akutagawa basiert, die wiederum auf „The Moonlit Road“ von Ambrose Bierce zurückgeht. Schon bei Bierce haben wir drei unzuverlässige Erzähler, die jeweils – vermutlich – das gleiche Ereignis beschreiben, eine Frau, die von ihrem Mann aus Eifersucht umgebracht wird. Ihre Aussage gibt es ebenfalls durch ein Medium.

Nachtrag: Siehe Liste bei TV Tropes.
Nachtrag: Liste bei Wikipedia.

Da hört der Spaß auf!

Eigentlich war es nur als Zuckerl gedacht, im Zusammenhang mit dem Thema Herausgeberfiktion im Deutsch-LK. (Diese Bücher, die alle mit einer Variante dessen beginnen, was Umberto Eco so wunderbar zusammengefasst hat im Vorspruch zum Namen der Rose: „Natürlich, eine alte Handschrift.“)
In Zukunft muss ich daraus aber wohl eine längere Sequenz machen, so viel Erschütterung schien mir das Thema der heutigen Stunde hervorgerufen zu haben.

Es geht um die Steinlaus und den Pschyrembel. Der Pschyrembel ist das klinische Wörterbuch, inzwischen in der 260. Auflage. Es steht bei Ärzten und interessierten Laien im Regal, und bei Hypochondern: Voller Fachausdrücke ist es und voller Fotos von ekligen Krankheiten und Viren und Würmern und eitrigen Pickeln. Und mit der Steinlaus, eingeordnet zwischen Steiner-Voerner-Syndrom und Stein-Leventhal-Syndrom (255. Auflage). Wer kennt sie nicht, die zur Familie der Lapivoren gehörenden winzigen Nagetiere, erst seit 1983 beobachtet, mit der gemeinen Steinlaus, aber auch den humanpathogenen Vertretern: Nieren-, Blasen-, Gallensteinlaus (jeweils Petrophaga nephrotica, vesicae, cholerica)? Vgl. Chemolitholyse, Lithotripsie.
Und dazu die Zeichnung einer Gemeinen Steinlaus (Petrophaga lorioti). Mit Knollennase.

Es gibt keine Steinlaus, oder keine andere als im Loriot-Sketch von der Steinlaus. Den Eintrag im Pschyrembel gibt es aber wirklich. (In der 256. Auflage nicht mehr; in späteren dann schon wieder, soweit ich weiß.)

Im Süddeutschen Magazin vom 9.10.1998 wurden eine ganze Reihe solcher unrichtigen Lexikoneinträge vorgestellt. Darunter seriöse Werke wie Der neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, DTV-Lexikon in 20 Bänden, Lexikon des deutschen Widerstands, Meyers enzyklopädisches Lexikon in 25 Bänden, Riemann Musiklexikon.
Die ersten Seiten aus dem SZ Magazin hatte ich meinen Schülern kopiert. Und die Schüler waren weniger fassungslos als entrüstet. Das Wort passt, glaube ich, sehr gut: entrüstet! Warum machen die Leute so etwas?! Wem soll man denn dann noch glauben?!! Aber dann kann man dem ganzen Lexikon doch nicht mehr vertrauen?!!!

Das ganze Jahr über erzähle ich ihnen, dass sie mir nicht unbedingt trauen sollen (und sie tun es doch, obwohl ich ihnen schon genug Enten vorgesetzt habe); dass sie dem Duden nicht unbedingt trauen sollen, dass sie dem WWW nicht unbedingt trauen sollen. Wenn ich ihnen gleich am Anfang den Pschyrembel vorgesetzt hätte, ich hätte mir das schenken können.
Ich finde das ja eher eine Ermutigung zum Selberdenken, und kann als Hauptgrund nur angeben: Scherz und Humor. Aber meine Schüler finden das gar nicht lustig.

Einen weiteren Favoriten werde ich den Schülern auch noch präsentieren: Einen Leserbrief aus dem Spektrum der Wissenschaften vom September 1989, sich beziehend auf die April-Ausgabe des gleichen Jahres. (Ich hatte das Spektrum damals noch abonniert; ich hoffe, das beeindruckt wenigstens jemanden.) Der Brief beginnt:

Wie mir soeben durch einen Bericht im Radio bekannt geworden ist, handelt es sich bei dem Artikel „Deuteranomalie – Folgeschaden eines reizarmen Kindermilieus“ von Jachin Hawlicek und Michael Schulz um einen Aprilscherz, den die Frauenzeitschrift „Brigitte“ nun ernsthaft referiert hat. Meinen herzlichen Glückwunsch – es ist Ihnen auch gelungen, meinen Ruf und den Ruf Ihres Magazins als seriöser Wissenschaftszeitschrift gründlich und weitreichend zu zerstören. […] Als Medizin-Student absolvierte ich zum Zeitpunkt des Erscheinens gerade mein Augenspiegelpraktikum […] Also fertigte ich von dem Artikel einige Kopien an, um auf diesem Wege […] Sie können sich sicher vorstellen, welches Grinsen nun durch die Menge geht […]
Es ist schade, daß ich nun in Zukunft bei jedem Artikel fragen muß, ob er nun sauber recherchiert und wahr ist oder ob Sie wieder einen kleinen Test mit Ihren Lesern veranstalten.

Also, ich habe eigentlich überhaupt nichts gegen Wissenschaftler, die erstmal nicht alles glauben, was sie lesen. Das gilt vielleicht noch mehr für Ärzte.

Zum Schluss noch (via IT&W) das Blog des Bundestagsabgeordneten Mierscheid.
Seine Frau Helene hat auch eine eigene Homepage.

Misstrauisch geworden? Kann gar nicht sein. Siehe hier: http://www.bundestag.de/mdb15/bio/M/miersja0.html. Und auf den offiziellen Bundestagsseiten wird ja wohl nichts stehen, was nicht stimmt.

Reden zum Schuljahresende

In allen Klassen, in denen ich Deutschlehrer oder Klassleiter bin, lasse ich Schüler zum Jahresende eine Abschlussrede halten. Manchmal denke ich auch rechtzeitig vor den Weihnachtsferien oder zum Halbjahr an eine Rede. Das ist eine Vorbereitung für die Abiturrede, es verleiht dem Zeugnistag noch etwas Feierliches, und es kommen interessante Dinge dabei heraus. Wenn ich Klassleiter bin, bin ich bei der Rede dabei, sonst lasse ich sie mir oft nur mailen.
Hier ein Beispiel aus einer 8. Klasse:

Liebe Klasse [Bezeichnung der Klasse], sehr geehrter Herr [H.], sehr geehrter Herr Rau,

mit gemischten Gefühlen werden wir dieses Schuljahr beenden. Einerseits beginnen damit die lang ersehnten Sommerferien, andererseits bedeutet das Ende des Schuljahres auch immer Abschied. Wir können auf ein Schuljahr voller kleiner Höhe- und natürlich auch Tiefpunkte zurückblicken.

Das Schuljahr begann mit einem unerfreulichem Ereignis: Gleich zum Anfang wurde der Deutschtest in allen 8. Klassen in Bayern geschrieben. Dieser bestand aus etwa zehn Seiten über Grammatik, die als Grundwissen bezeichnet wird, was aber kein Schüler perfekt kann. Zwar zählte der Test nur wie eine Stegreifaufgabe, aber die Aufregung glich mehr der vor einer Schulaufgabe. Obwohl für den Test ausführlich im Unterricht geübt worden war, herrschte am 17. September 2003 allgemeine Weltuntergangsstimmung. Umso größer war die Erleichterung, als der benotete Test wieder an die Schüler verteilt wurde.
Danach ging es mit dem üblichen Schulstress los, bald folgte der erst Schulaufgabenblock.

Gegen Weihnachten verließ uns [ein Schüler], der zurück in die siebte wechselte. Für uns kam das allerdings sehr überraschend, kaum jemand wusste das vorher, das war wahrscheinlich sogar beabsichtigt.

Nach dem alljährlichen ökumenischen Weihnachtsgottesdienst und einer kleinen Weihnachtsfeier in der Klasse, in der hauptsächlich Gesellschaftsspiele gespielt und natürlich kleine Geschenke untereinander verteilt wurden, gingen wir für zwei Wochen in die Weihnachtsferien.

Gleich danach, am 16. Januar fand die erste Stunde unseres Tanzkurses statt, an dem alle Mädchen und alle Jungen, die nichts ‚Wichtigeres‘ vorhatten teilnahmen. Bekanntlich muss man manchmal Leute zu ihrem Glück zwingen, in diesem Fall ging der „Zwang“ gewissermaßen von Herrn Rau aus, der diese Aktion vorgeschlagen hat. Natürlich nahmen alle freiwillig teil, aber wie es nun mal in einer größeren Gemeinschaft ist, wollte keiner als Außenseiter dastehen und sich weigern. Gelohnt hat sich der Kurs auf jeden Fall, jedenfalls für diejenigen, die den Kurs nicht abgebrochen haben, alleine wegen dem Abschlussball, der am 22. April stattfand. Wochen vorher war der Abschlussball, besonders bei den meisten Mädchen, das Gesprächsthema Nummer Eins.
Der Termin wurde extra verschoben, weil sich drei Schülerinnen unserer Klasse zum geplanten Termin wegen eines Austausches in Frankreich befanden. Alle drei waren sich einig, dass sich die Teilnahme auf jeden Fall gelohnt hat und würden sich jeder Zeit wieder anmelden.
Etwas komplizierter sah die Sache beim Englandaustausch aus. Von etwa zwanzig Anmeldungen aus der Klassen durften nur sechs Schüler teilnehmen. Trotz der Beteuerungen der Lehrer dass die Auswahl nichts mit Charakter oder Noten zu tun hat, sah man in der Stunde als die Schüler, welche ausgewählt worden waren, bekannt gegeben wurden, sowohl enttäuschte als auch frustrierte Gesichter.

Jedoch war zu diesem Zeitpunkt der eigentlich Austausch noch in weiter Ferne.
Vielmehr folgte die „kirchliche Zeit“, viele Schüler hatten entweder Konfirmation oder Firmung, was für die Betreffenden auch einen Schulfreien Tag bedeutete: für die einen am Tag der Firmung, für die anderen am Montag nach der Konfirmation.

Dazwischen fand unser jährlicher Theaterbesuch statt. Dieses Mal schauten wir in der Neuen Bühne Bruck „Das Herz eines Boxers“ an. Wir befassten uns im Deutschunterricht ausführlich mit dem Stück und hatten sogar einen der beiden Hauptdarsteller, Herrn Uwe Treplin, „live“ in der Klasse. Das dort entstandene Interview sollte eigentlich veröffentlicht werden, es schein aber als wäre das Projekt zusammen mit ein paar Deutschheften bei Herrn [Z.] verschwunden.

Das Schuljahr ging weiter, wir lernten viele Dinge, die wie garantiert immer wieder brauchen können, zum Beispiel wie man ein Schweineherz seziert. Manche Schüler hatten ihren Spaß, im Biologieunterricht Metzger zu spielen und Eingeweide zu erforschen. Herr [B.] brachte uns sogar noch ein Lammherz mit Lunge mit, das von der Schülerseite begeistert inspiziert wurde.

Am 22. Juni fand auf dem Sportplatz der Abiturstreich statt. Im Gegensatz zu den vorigen Jahren beschäftigten sich kaum Schüler anderweitig, sondern verfolgten das Programm der „GlABIatoren“, höchstwahrscheinlich wegen dem schlechten Wetter, was das „In-Der-Wiese-Sitzen“ unmöglich machte, es sei denn man legte Wert darauf, krank zu werden, um am folgen Tag nicht am Wandertag teilnehmen zu können beziehungsweise müssen. Zwar war nach Schöngeißing wandern nicht gerader der Traumwandertag, aber trotzdem recht schön. Sechs Schüler konnten nicht am Wandertag teilnehmen, da sie sich mit den nun eingetroffenen englischen Austauschschülern auf einem separaten Wandertag befanden.

Langsam näherte sich da Schuljahr dem Ende, immer mehr Stunden fielen aus. Eigentlich hätten auch die Temperaturen ansteigen sollen damit die noch etwas Hitzefrei dazu kommt, aber das ist diese Jahr wortwörtlich ins Wasser gefallen.

Spätestens wenn der Zettel ausgeteilt wird, der die Schüler daran erinnern soll, die letzten Schulwochen immer noch ernst zu nehmen, ist es mit der Ernsthaftigkeit endgültig vorbei. Im Normalfall ist sie ja eigentlich auch nicht mehr nötig, wenn man die letzte Schulwoche betrachtet: Vier Projekttage, das Sommerfest und natürlich der „Tag des Schicksals“, der letzte Schultag.

Dann haben wir Sommerferien. Das ist wohl die längste Zeitspanne im Jahr, in der wir uns nicht sehen. Für manche ist das sicher eine Erleichterung. Auch wenn sich viele neue Freunde gefunden haben und die früher noch deutlichen Grenzen, die zwischen Jungen und Mädchen sind, immer kleiner werden, ist in der Klassengemeinschaft ganz gewaltig der Wurm drin. Der erste Fall betrifft fast die ganze Klasse, die meisten wohl als Mitläufer. Die Rede ist natürlich von der, von euch so liebevoll bezeichneten, „Wasserleiche“ oder auch dem „Schuppenkaspar“, wen das mehr anspricht. Am meisten Anspruch findet wohl der Name „Blubber“. Es verlangt ja niemand, dass man mit jedem in der Klasse gut auskommen muss, aber was ist so lustig daran, andere zu unterstützen, die jemanden fertig machen, der einem persönlich nie etwas getan hat? In diesem Fall sind wirklich alle gegen einen. Sogar den Lehrern bleibt das verborgen, die wundern sich nur über das Gelächter, wenn zum Beispiel die Redewendung „wie Schuppen vor die Augen fallen“ benutzt wird. Ich habe den Verdacht, dass dich das im nächsten Schuljahr auch nicht bessern wird. Sicherlich führt diese Verhalten zu gar nichts, es sei denn man hat die Absicht, jemanden rauszuekeln, was ja, in einem andern Fall geglückt ist:
[Eine Schülerin] verlässt die Schule, weil sie sich hier nicht mehr wohl fühlt. Vielleicht ist es besser so, wenn man mit niemanden auskommt. Aber daran sieht man, was diese Ausgrenzgeschichte für Folgen für Leute hat, deren Rückgrat vielleicht nicht so stark ist, die vielleicht nicht soviel einstecken können.
Schluss mit der Kritik.
Es ist der Zeugnistag. Es standen ein paar Leute auf der Kippe, die meisten haben es geschafft. Für [einen Schüler] ist das heute der letzte Schultag in dieser Klasse. Er hat „Das Klassenziel nicht erreicht“, wie es so schön formuliert wird. Aber was hilft einem das Klassenziel, wenn man nichts damit anfangen kann? Es ist viel wichtiger, das Lebensziel zu erreichen.
Bei beiden hatten sie gewissermaßen Mitschuld, schlimmer ist es jedoch, wenn man gar nichts dagegen machen kann, wie bei [einer Schülerin]. Sie zieht in den Sommerferien nach Baden-Württemberg. Ich denke die Klasse ist sich einig, mit ihr in Kontakt zu bleiben.

Die Zeugnisverteilung.
In den meisten Fällen sind das grausamste auf dem Zeugnis wohl die zweiten oder dritten Vornamen, die man versucht vor anderen geheim zu halten. Allerdings sind die meisten schon ans Licht gekommen.
Wenn das nicht der Fall ist, lasst euch auf keinen Fall etwas einreden.
In diesem Sinne euch allen schöne Ferien, Erholt euch von der Schule und dieser Rede, ein erfolgreiches und unterhaltsames neues Schuljahr, egal wo, mit Lehrern, die euch schöne Geschichten aus der zweiten Dimension, von unsichtbaren Freunden, Indianern oder sonstigen Kreaturen erzählen. Denn Schule soll nicht nur lehren, wie man sich vor Regen aller Art schützen kann sondern auch Spaß bringen.

Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag.

Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, einer Präsentation. Vielleicht sogar mit Marktanalyse. Allenfalls die beste Schülerserie wird produziert. Nur als was?)
Hier ist ein Ausschnitt aus dem Ergebnis einer Schülergruppe:


Warum sind die Wichtel und Kobolde am GRG?

„Die Wichtel haben Sachen angestellt, die verboten waren, die Kobolde halfen den Wichteln bei guten Dingen, war auch verboten. Folge: Verbannung aus ihrem Reich ans GRG. Damit sie wieder in ihr Reich zurückkommen, müssen die Wichtel es schaffen, dass 70% der Schüler das Abitur schaffen, und die Kobolde, dass 70% der Schüler von der Schule gehen müssen.“

Die Wichtel:

Pinki (der Jüngste)
Oma Wolly
Opa Green King
Nucky, die Schnecke

pinky

pinky

Kobolde:

Kimico (die Jüngste)
Mutter Elektra
Vater Barnabas

kimico

kimico

Sonstige:

Lettro, der Briefträger und sein Freund World, die Taube

Zu all diesen Personen gibt es ebenfalls Zeichnungen und Skizzen zu Charakter und Verhalten. Und das war nur die eine Schülergruppe.


In der Schulaufgabe und bei Übungsaufsätzen sahen die Themen dann so aus:

1. Ein Wichtel hilft einem Schüler bei einer Schulaufgabe oder beim Ausfragen.
2. Ein Lehrer hat etwas gefunden, das einem Wichtel gehört, und der Wichtel will es sich zurückholen.
3. Alljährlich findet eine Wichtel-Olympiade am Graf-Rasso-Gymnasium statt. Denk dir eine Disziplin aus und erzähle von einem spannenden Wettkampf.
4. Wichtel verscheuchen nachts Einbrecher in der Schule.
5. Erzähle von einem Wettstreit zwischen Kobolden und Wichteln während der Pause, von dem die Schüler und Lehrer nichts mitbekommen.
6. Heinzelwesen gewöhnen den Schülern, die immer am Rauchereck stehen, das Rauchen ab.
7. Drachensteigen auf dem Schuldach – dabei geschieht etwas Spannendes.
8. Im Chemieunterricht geht etwas daneben. Schuld sind Heinzelwesen. Erzähle davon.

Moderne Sagen I

Ich sollte mehr Schüleraufsätze aufheben. Aber dann denke ich doch nie daran. Der hier stammt von Stephanie, 6. Klasse (Schuljahr 1999/2000). Wir hatten Sagen im Unterricht besprochen, und selber moderne Erklärungssagen geschrieben. In der Schulaufgabe sah das zum Beispiel so aus: „Im Norden von Fürstenfeldbruck gibt es eine Straße, die heißt: ‚Am Kugelfang‘. Man erzählt sich eine Geschichte, wie diese Straße zu ihrem Namen kam. Schreibe diese Geschichte!“
Bei den Übungen sahen wir uns im Schulgebäude um, was es da wohl Erklärungsbedürftiges gab:

Das Experiment

Im Chemieraum gibt es einen großen, roten Fleck, an der Wand. Er soll von einem Experiment kommen. Warum ein Lehrer dieses Experiment machte und weshalb dieser rote Fleck immer noch da ist, erzählt folgende Geschichte:

An einem verregneten Montagmorgen hatte die Klasse 9c Chemie in der ersten Stunde. Herr Sugel, ihr Lehrer, wollte ihnen zeigen, wie ungefährlich Chemie war, wenn man nur die richtigen Extrakte und Flüssigkeiten verwendete. Und wie recht er damit hatte… Als nun die Stunde begann, kam er mit einem Wagen voller Reagenzgläser und Flaschen herein. Alle waren mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten gefüllt. Er stellte den Wagen neben den Tisch, setzte sich hin und sagte mit seiner lauten Stimme: „Guten Morgen und setzen! Heute…“, er machte eine gewichtige Pause, „will ich euch zeigen, dass die Chemie sehr ungefährlich ist, wenn man mit den verschiedenen Flüssigkeiten und Extrakten umgehen kann.“ Er ging in seiner behäbigen Art zu dem Wagen und baute drei kleine Flaschen auf dem Pult auf, und holte noch einen größeren Glasbehälter.

Er warf den Campingkocher an, füllte den Glasbehälter etwas mit Wasser und stellte ihn auf den Kocher. „Nun,“ rief er, „schütte ich das gelbe Extrakt in das Wasser. Dann müssen wir warten, bis es kocht, und können die orange Flüssigkeit dazugeben.“ Die Schüler schauten gelangweilt zu oder beschäftigten sich mit etwas anderem. „Wenn es nun kocht,“ begann Herr Sugel wieder, „geben wir die orange Flüssigkeit hinein und müssen diese vorsichtig umrühren. Dann gebe ich auch noch die rote Flüssigkeit Polorose dazu.“

Doch als er das Polorose dazugegeben hatte, fing das Gebräu plötzlich an zu brodeln und zu zischen. Es bildeten sich große Blasen auf der Oberfläche. Herr Sugel blickte erschrocken auf und auch die Schüler schauten verdutzt. Das ganze Gemisch brodelte, zischte und dampfte. Bei Herrn Sugel bildeten sich Schweißperlen auf der Stirn. Er begann zu grübeln… er hatte doch nichts Falsches dazugegeben? Da traf es ihn plötzlich wie der Blitz: Natürlich, er hatte die rote Flüssigkeit Habag in das Poloroseglas getan, weil er kein anderes mehr hatte. Und jetzt war in dem Gemisch nicht Polorose, sondern Habag! „Oh Gott, wenn das rauskommt, bin ich meinen Job los!“, erschrak Herr Sugel. Als er sich wieder seinem Glas zuwandte, bekam er große Augen. Mittlerweise hüpfte das Glas schon regelrecht auf dem Kocher. Herr Sugel wurde es heiß und kalt. „Wenn ich nicht gleich etwas unternehme, geht das Glas in die Luft!“, schoss es ihm durch den Kopf. Er wollte schon zum Kocher langen und das Gas abdrehen, da machte es einen gewaltigen Knall, Herr Sugel sprang unter das Pult, ein paar Schüler schrien auf, rote Tropfen sprühten. Dann konnte er nichts mehr sehen, denn walles war eingenebelt. Als er nach kurzer Zeit wieder hervorkam, waren einige Schüler immer noch nicht hinter ihren Bänken hervorgekommen. Aber Gott sei Dank war niemandem etwas passiert. Im vorderen Raum waren rote Spritzer und Flecken. Da kamen ein paar Lehrer zur Tür hereingestürmt und blieben wie angewurzelt stehen. Die Frage: „Was ist denn passiert?“, konnten sie sich ersparen. Sie konnten es sich denken.

Die Klasse 9c bekam für den Rest des Tages frei. Herr Sugel kam mit einer Ermahnung davon. Ein paar Wochen später strich man den Chemieraum neu. Man konnte alle Spritzer und Flecken übermalen, bis auf einen großen roten Fleck. Und diesen Fleck sieht man heute noch.

Florian, die gleiche Klasse, das gleiche Jahr:

Die verfluchten Steine des Graf-Rasso-Gymnasiums

In Fürstenfeldbruck gibt es eine Schule namens Graf-Rasso-Gymnasium. Die meisten Lehrer dort sind sehr nett, aber dies war nicht immer so…

Vor etwa fünfzig Jahren war Graf Rasso Direktor dieser Schule. Zu dieser Zeit wurden die Schüler von den Lehrern teilweise brutal misshandelt. Graf Rasso war ein Gegner dieser Bestrafungen, doch er konnte sich nicht durchsetzen. Auch seine kleine Tochter Elena besuchte dieses Gymnasium. Obwohl ihre Mutter bereits gestorben war und ihr Vater sie zwar liebte,. aber doch nur sehr wenig Zeit für sie hatte, war sie eine sehr gute und fleißige Schülerin. Doch immer, wenn der Todestag ihrer Mutter nahte, war sie sehr traurig und konnte sich nicht konzentrieren.

Eines Tages hatte sie ihre Hausaufgaben in Deutsch vergessen. Ihr Lehrer tobte vor Wut. Um alle Kinder zu warnen, ließ er Elena zum Pult vortreten. „Glaubst du, nur weil du die Tochter des Direktors bist, kannst du dich auf die faule Haut legen?“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Zorn. Elena sah ihm mit aufgerissenen Augen zu. Sie zitterte am ganzen Leib vor Angst. „Bitte,“ flüsterte sie und hob ihre kleinen Hände. Der Lehrer schien sie nicht zu hören. „Dir werde ich zeigen, wie weit du damit kommst!“, brüllte er und hob den Stock. Elena schrie auf, als der Lehrer sie schlug. Bevor der Tobende ein zweites Mal zuschlagen konnte, rannte sie aus dem Zimmer. Sie lief, als ginge es um ihr Leben. Ziellos, stolpernd rannte sie. Zweige schlugen ihr ins Gesicht, doch sie bemerkte es nicht. Völlig am Ende stürzte Elena und blieb am Boden liegen. Die Tränen liefen ihr über die Wange. Verzweifelt krallte sie ihre Finger fest in die Erde. „Man hat dir unrecht getan, mein Kind,“ hörte sie plötzlich die klare Stimme ihrer geliebten Mutter. „Nie wieder soll ein Kind in der Schule geschlagen werden! Die Schüler sollten gern in die Schule gehen und Freude am Lernen haben. Hier hast du eine Hand voll Steine. Wenn du zurückkommst, wirf die Steine mit deiner ganzen Kraft an die Hauswand der Schule. Du wirst sehen, was geschieht. Aber fürchte dich nicht!“

Als Elena aufschaute, sah sie das Grab ihrer Mutter. Verwirrt rief sie ihren Namen. „Geh jetzt! Dreh dich nicht um und sag deinem Vater, dass alles gut wird.“ Als das Mädchen wieder zur Schule zurückgekehrt war, wusste sie nicht, ob sie die ganze Geschichte geträumt hatte. Doch dann spürte sie etwas Hartes in ihrer Hand. Als sie die Faust öffnete, sah sie drei Steine. Da tat sie das, was ihre Mutter ihr gesagt hatte. Mit voller Wucht warf sie die Steine auf die Mauer des Schulgebäudes. Plötzlich zog ein Sturm auf, ein Sturm, wie man ihn noch nie erlebt hatte. Der Regen peitschte und aus den dunklen Wolken kamen lange Blitze. Elena lief schnell nach Hause zu ihrem Vater und erzählte ihm die ganze Geschichte.

Der Sturm war die ganze Nacht über zu hören. Am nächsten Morgen war etwas Merkwürdiges geschehen. Die alten Lehrer waren verschwunden. An ihrer Stelle kamen neue, freundliche Lehrer. Graf Rasso ließ sich von seiner Tochter die Stelle zeigen, wo sie die Steine an die Schulwand geworfen hatte. Nicht weit entfernt sah er sie liegen. Doch was war das? Sie waren viel größer als vorher und als Graf Rasso sie näher betrachtete, erschrak er fürchterlich. In den Steinen konnte er die Gesichter der alten Lehrer entdecken, und er hörte sie um Hilfe schreien. Graf Rasso hub neben den Steinen eine Grube aus, um sie endgültig loszuwerden. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte sie nicht bewegen. Plötzlich hörte er die Stimme seiner Frau: „Sie werden alle zukünftigen Lehrer mahnen, zu den Schülern freundlich zu sein.“

Aus der Grube ist mit den Jahren ein Teich geworden. Ja, und die Steine liegen immer noch da, als Mahnmal für alle Lehrer. Wenn man dicht genug herantritt, kann man die alten Lehrer immer noch fluchen hören. Und wenn man ganz genau hinschaut, bewegt sich der eine oder andere Steine auch noch.