Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel reißt

Sommerloch: Bis die Schule wieder anfängt, schreibe ich mir ein paar angefangene Blogeinträge von der Seele und der Warteliste, die seit Jahren darauf warten, dass ich mal richtig Energie in sie investiere. Wir haben uns entschieden, jetzt nicht mehr länger auf die Energie zu warten.

Ich reime mir das so zusammen: Es gab dereinst Leute, die Geschichten erzählten. Oder vermutlich noch eher: Es gab Geschichten. Diese Geschichten wurden später von Herausgebern aufgeschrieben. Und nach und nach sind verschiedene paratextuelle Elemente, die ursprünglich herausgeberische Zusätze waren, von späteren Autoren als Teil eines Werks übernommen worden.

Ein Beispiel erklärt vielleicht, was ich meine. Ich behaupte mal, ohne das groß zu belegen, dass ursprünglich das Inhaltsverzeichnis wie überhaupt die Unterteilung in Kapitel eine redaktionelle Entscheidung der Herausgeber waren. Das gilt zum Beispiel für die Gesänge der Odyssee und Ilias – deren Überschriften stammen von späteren, wenn auch bereits antiken, Herausgebern, ebenso wie die Einteilung der Werke in jeweils 24 Gesänge.
Spätere Autoren bauten Kapiteleinteilung und -überschriften dagegen bereits bei der Entstehung – und damit als Teil des Werkes – mit ein. (Beispiel 1: Martin Amis, London Fields, 24 Kapitel, zu Gruppen zusammengefasst, mit Überschriften wie „The Murderer“ – und diese Einteilung täuscht, denn tatsächlich gibt es weitere Zwischenkapitel des sehr auktorialen und nicht unbedingt zuverlässigen Erzählers, die nicht als eigene Kapitel ausgewiesen sind. Beispiel 2: Henry Fielding, Tom Jones, mit Kapitelunterschriften wie: „Containing matters which will surprise the reader“, „Containing what the reader may, perhaps, expect to find in it“ oder „Containing five pages of paper“.)

Inzwischen ist es selbstverständlich, dass die Kapiteleinteilung und eventuelle Kapitelüberschriften unveränderlicher Teil eines Werks sind. Aber das war eben nicht immer so. Was gibt es noch für redaktionelles Beiwerk, das vom Autor – oder Werk? – annektiert wurde?

  • Titel
    Das Gilgamesh-Epos lief im Altertum unter Shutur Eli Sharri, „Außergewöhnlichster Aller Könige“, nach den ersten Wörtern des Textes – eine redaktionelle Entscheidung. Das Nibelungenlied hat keinen Titel, und auch der Titel von Der arme Heinrich stammt nicht vom Autor, Hartmann von Aue.
    Was war eigentlich das erste Buch, bei dem der Autor über den Titel entschieden hat?
    Nachtrag. Raymond Smullyan hat in Buch ohne Titel schon versucht, den Titel loszuwerden und den Herausgebern zurückzugeben. Die Buchhändlerin war zuerst zwar tatsächlich irritiert, als ich ihr beim Bestellvorgang den Titel genannt habe, aber ein wirkliches Hindernis war es nicht. Und Umberto Eco wollte seinen Rosenroman Adson von Melk nennen, weil das am wenigsten über den Inhalt verraten hätte, aber das ließ man ihn nicht.
  • Inhaltsverzeichnis
    Siehe oben (Martin Amis, Henry Fielding, Homer). Eine weiteres Beispiel von vielen für ein explizit zum Text gehörendes Inhaltsverzeichnis ist die Verschachtelung in The Bridge von Iain Banks.
    banks_the_bridge
  • Kapitel
    Eng verbunden mit dem Inhaltsverzeichnis ist die Unterteilung in Kapitel. Eingesetzt zum Beispiel bei Flann O’Brien, At Swim-Two-Birds, das mit „Chapter I“ beginnt, ohne dass jemals ein zweites Kapitel folgt. Und schon in Tristram Shandy hat der fiktive Autor Kapitel 24 in Band IV ausgelassen, was er in Kapitel 25 zu erklären versucht.
    Die Romane von Jasper Fforde enthalten alle kein Kapitel 13, außer im Inhaltsverzeichnis.
    Weiteres Beispiel: Roddy Doyle, The Giggler Treatment, in dem auf Chapter One, Two, Three eines folgt, das heißt: „A Chapter That Isn’t Really A Chapter Because Nothing Really Happens In It But We’ll Call It Chapter Four“ – und in den Kapiteln danach gerät die Zählung völlig durcheinander.
    In John Barth, Lost in the Funhouse gibt es die Geschichten „Menelaiad“, in der die Kapitel 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, nummeriert sind, und „Anonymiad“, das mit 1, 1 1/2, 2 beginnt.
    Jasper Fforde, Lost In A Good Book zählt: 1, 2, 3, 4, 5, 4a, 6, 7 und so weiter. (Hat was mit Zeitreisen zu tun.)
    Karl Immermann, Münchhausen: beginnt mit Kapitel 11, die Kapitel 1-10 stehen nach Kapitel 15 – der Buchdrucker hatte sich eigenmächtig herausgenommen, die Kapitel umzustellen, um das Buch reißerischer zu machen.
  • Personenverzeichnis
    Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, einem Roman ein Verzeichnis der darin vorkommenden Personen voranzusetzen. Typisch ist das für Krimis. Meine Ausgabe von Erle Stanley Gardner, The Case of the Caretaker’s Cat (Penguin 1955) hat so eine Liste, The Case of the Stuttering Bishop (Penguin 1953), ebenfalls ein Perry-Mason-Krimi, hat das nicht. Ich nehme mal an, dass in diesen Fällen diese Listen nicht zum Werktext gehören. Anders etwa bei Matt Ruff, Fool on the Hill, eine liebeviolle Liste der Hauptpersonen, unterteilt nach „The Bohemians“, „Other Human Beings“, „The Sprites“, „Canines and Felines“, „Cameo Appearances“. Definitiv Teil des Textes.
  • Illustrationen
    Meistens sind Illustrationen kein Teil des Werktextes, aber es gibt Ausnahmen. In Arturo Pérez Reverte, El Club Dumas (ganz schlecht verfilmt von Polanski) spielen sie dagegen eine große Rolle. Allerdings sind diese Illustrationen postmoderne Zitate: Es handelt sich um teils echte, teils fiktive Illustrationen aus anderen Werken. In Alfred Bester, Golem100 sind Illustrationen ebenfalls Teil des Textes, genauso wie Notenzeilen, Collagen und anderes – das Buch ist nah an den Stilmitellen des Dadaismus.
    Zum Text gehörende Kritzeleien gibt es bei Poe (Narrative of A. Gordon Pym) und bei Sterne (eine Illustration zum Aufbau der ersten vier Kapitel von und aus Tristram Shandy). Bei Sterne gibt es auch ein zum Text gehörendes Blatt, das nur aus Marmorierung besteht.
  • Fußnoten (und anderer kritischer Apparat)
    Das editorische Mittel par excellence, schon lange von den Autoren an- und übernommen. Ein extremes Beispiel ist Vladimir Nabokov, Pale Fire. Das Buch besteht aus dem letzten Gedicht des – fiktiven – berühmten Dichters John Shade, der 1959 ermordet wurde, zusammen mit einem Vorwort, einem Index und vielen, vielen Endnoten zum Gedicht. Aus diesem Material formt sich ein Bild des – fiktiven – Herausgebers, und eigentlich wird im Roman dessen Geschichte erzählt.
    Weitere Fußnoten habe ich mir notiert bei einem anekdotischen Buch von George Burns, dessen Titel laut LoC-Angaben im Impressum Dr. Burns‘ Prescription for Happiness lautet, das aber auch als Dr. Burns‘ Prescription for Happiness* *Buy two books and call me in the morning geführt wird – in verschiedenen Schreibvarianten.
    Ausgesprochen schöne Fußnoten gibt es auch bei Jasper Fforde, Lost In A Good Book. Mit dem Fußnotophon – es heißt natürlich nicht so, aber ich weiß den tatsächlichen Namen gerade nicht – kommt man in den Untergrund und kann so über Kanäle kommunizieren, ohne dass das die Personen, die nur in der Haupthandlung auf dem Hauptteil der Seite agieren, das mitkriegen.
    Sehr lange Fußnoten, die nicht wenig mit dem – ohnehin erratischen – Text zu tun haben, gibt es in The Third Policeman von Flann O’Brien, etwa in Kapitel 11.
  • Beispiele für zum Text gehörende Anhänge: Die Illuminatus!-Trilogie von Shea/Wilson und The Circus of Dr Lao von Charles G. Finney.
  • Autor
    Die Autorenangabe ist inzwischen Teil des Textes, behaupte ich. Einsatz etwa bei Kilgore Trout, Venus on the Half-Shell. Der Roman stammt von Philip José Farmer, Trout ist ein fiktiver Autor im Werk von Kurt Vonnegut, und Venus ein dort erwähnter Titel.
    Iain M. Banks schreibt andere Bücher als Iain Banks, obwohl beide derselbe Mensch sind, James Branch Cabell andere als Branch Cabell. Und The Silent Gondoliers ist eben nicht von William Goldman, sondern von S. Morgenstern. (Und dann gibt es noch The Iron Dream von Norman Spinrad, ein Buch, das nur aus dem Buch besteht, das ein 1919 in die USA ausgewanderter Adolf Hitler dort geschrieben hat. Ein Parallelweltroman sozusagen, obwohl es darin gar nicht um die Parallelwelt geht. Gehört nicht ganz hierher.)
    Eben entdeckt: die „Maureen Birnbaum, Barbarian Swordsperson“-Geschichten von George Alec Effinger. Die Geschichten hat Maureen („Muffy“) jeweils ihrer Freundin Bitsy erzählt, die als Co-Autorin der Kurzgeschichten fungiert; die alte Herausgeberfiktion wieder. Bitsy ändert im Lauf ihres Lebens ihren Namen, die Geschichte lässt sich gut aus dem Inhaltsverzeichnis ablesen:

    Auch Naomi Aldermans The Power spielt damit: Das Buch tut so, als wäre es ein (historischer) Roman  von Neil Adam Armon, zusammen mit ein wenig Korrespondenz zwischen diesem und der Herausgeberin oder Lektorin Naomi.
  • Impressum
    Beim nicht korrekten Impressum landet man schnell bei der tatsächlichen Fälschung, etwas zu Propagandazwecken. Ich kenne deshalb auch nur Mischformen, also ein Impressum, dass korrekte und falsche Daten mischt, etwa bei diesem Unsinns-Sachbuch über die Giraffe, wo es im Impressum heißt: „All rights are reserved, except the right to wear orange and brown together“, nebst viel weiteren Hanebüchereien.
  • Zensur
    Zensur heißt unter anderem, dass ein staatlicher Zensor vor der Veröffentlichung oder Weitergabe von Briefen oder Druckwerken bestimmte Stellen schwärzt oder anders unkenntlich macht. Auch das wird, sobald es erst einmal etabliert ist, vom Autor eingesetzt, etwa bei Heinrich Heines Reisebilder, Kapitel XII, das nur aus den Worten „Die deutschen Censoren – – – – Dummköpfe – – – – – “ besteht. (Die Zensurstriche hier nur angedeutet, tatsächlich sind es wesentlich mehr.)
  • Ein schwer zu klassifizierender redaktioneller Einschub ist in William Goldman, The Princess Bride. Das Buch tut ja so, als wäre es die gekürzte Fassung eines längeren Werks von S. Morgenstern. Nach Jahren der Trennung treffen sich Wesley und Buttercup wieder, und diese herzzerreißende Wiedersehensszene hat William Goldman geschrieben – musste sie aber auf Druck des Verlags und der Erben von S. Morgenstern herausnehmen, da Goldmans Buch dann keine Kürzung des Originals mehr ist, sondern eine Ergänzung. Aber man könne, so steht es im Buch, einen Brief an den Verlag schicken, dessen Adresse angegeben ist, und dann kriegte man eine Kopie der Wiedersehensszene.
    Habe ich natürlich gemacht. Man kriegt einen Brief zurück mit weiteren Erklärungen, warum die Wiedersehensszene doch nicht mitgeschickt werden kann. Weitere Details zu den rechtlichen Problemen mit den Erben S. Morgensterns werden geschildert. Die Wichtigkeit von Cadminium für die amerikanische Wirtschaft. Die zweite Fassung des Briefs ist von 1978, die dritte von 1987. (Diese Fassung habe ich 1988 geschickt bekommen, nachdem ich dieses wunderbare Buch entdeckt hatte. Vermutlich gab es danach weitere Fassungen. Hat jemand nach 1988 da mal hingeschrieben? Ist die Verlagsadresse in den letzten 35 Jahren wohl dieselbe geblieben oder hat sich der Text einem eventuellen Umzug angepasst?) Zum Romantext gehören diese Briefe wohl nicht. Aber die Herausgeberfiktion wird jedenfalls in den Text eingebaut.
  • Werbung
    Ich habe noch alte Bastei-Taschenbücher mit Marlboro-Werbung innendrin. Und war es nicht Rowohlt, in deren Taschenbüchern in der Mitte immer diese Werbung für Pfandbriefe und Kommunalobligationen waren? Zum Text gehörende Werbung gibt es bei Jasper FForde in The Eyre Affair und den Folgebänden. Könnte man diese Werbung in anderen Ausgaben weglassen, ohne dass man um einen Teil des Werks betrogen wird? Vielleicht schon.
  • Anmachertext
    Früher zumindest mal, so in den 1970ern, da gab es die Praxis, auf der ersten Seite eines – meist eher trivialen – Buches, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, einen besonders spannenden Ausschnitt aus dem Buch zu präsentieren. Damit man Lust bekommt, das Buch zu lesen, auch weil der Ausschnitt gerne mal mit einem Cliffhanger aufhört. Das gibt es auch bei Bored of the Rings (1969) von H.N. Beard und D.C. Kennedy, deutsch: Dschey Ar Tollkühn: Der Herr der Augenringe (Goldmann 1983) – nur dass die kurze Szene im späteren Buch überhaupt nicht erscheint, also klar kein redaktionelles Element ist, sondern Teil des Werks.
  • Aufkleber
    Ein Grenzfall. The Meaning of Liff von John Lloyd und Douglas Adams definiert „Liff“ als: „A book, the contents of which are totally belied by its cover. For instance, any book the dust jacket of which bears the words. ‚This book will change your life‘.“ Auf meiner Ausgabe des Buches ist ein Aufkleber mit eben dieser Aufschrift, und ich hätte das Gefühl, die Ausgabe wäre ohne diesen Aufkleber nicht vollständig.
  • Diskussionsvorschläge für Leserunden:
    Gibt es oft bei englischen Taschenbüchern. In Pride and Prejudice and Zombies steht auf den letzten Seiten solch ein „Reader’s Discussion Guide“, der aber nicht ganz ernst zu nehmen ist und für mich einen mindestens so relevanten Teil des Buchtexts ausmacht wie das Inhaltsverzeichnis.
  • Schriftlichkeit und ihre Folgen– Die Rechtschreibung war ursprünglich kein Teil des Textes, sondern eine Entscheidung der Drucker und Herausgeber. Heute wehren sich manche Autoren gegen die neue deutsche Rechtschreibung. Goethe hat sich nicht so angestellt.
    Beispiele fürs Spiel mit der Schreibung: Der englische Dichter Spenser wird im Gespräch erwähnt und von einer anderen Person als „Spencer“ aufgenommen: lautlich gleich, zeigt die in der wörtlichen Rede verwendete Schreibung, dass der Sprecher den Dichter nicht kennt (Compton Mackenzie, The Rival Monster (in: The Highland Omnibus p. 587). Ähnlich in Terry Pratchett, Pyramids (p. 121, Corgi): Das Wort „quantum“ wird gerade erfunden und von jemandem anderen als „kwa-“ ausgesprochen, der daraufhin korrigiert wird.

    Absätze sind auch eine neue Erfindung, die inzwischen Teil des Texts sind. Im Mittelalter wurde am Zeilende umbrochen und gut war’s.

    Zeichensetzung, etwa bei der wörtlichen Rede. In Terry Pratchett, Hogfather (p. 22, Corgi) gibt es ein telepathisches Kleidungsstück:

    ‚Good evening,‘ he said.
    The robe said, Good evening, Lord Downey.

    — Dazu gehören wohl auch Korrekturzeichen. Leider kann ich mit meinen begrenzten typographischen Mitteln hier nicht den Titel eines Essays von Anne Fadiman (aus dem tollen Bändchen Ex Libris wiedergeben. Im Endeffekt lautet der Titel wohl „Insert a Caret“ (Caret/Zirkumflex: ^), aber er ist entstanden aus den Wörter „Inset a Carrot“, versehen mit den üblichen Korrekturzeichen, denen zum Beispiel auch vorne im Rechtschreibduden ein Kapitel gewidmet ist. Auch im Inhaltsverzeichnis von Ex Libris taucht der Tiel in dieser Form auf, komplett mit Strichen am Rand und so weiter.

    Durchstreichung zum Zweck einer Korrektur, zum Beispiel in George Macdonald Fraser, Flashman’s Lady (p. 59 und weitere, Penguin 1988), wo Mrs Flashman in ihr Tagebuch schreibt:

    [H]e took advantage of the situation to press his lips to mine!! I was so affronted that it was some moments a moment before I could find the strength to make him desist

    Auslassungszeichen: In James Branch Cabells Figures of Earth werden die Kinder buchstäblich vom Storch gebracht. (Cabells vorhergegangenes Buch wurde als zu obszön kritisiert, hier macht sich Cabell darüber lustig.) Um den Storch zu beschwören, nimmt Manuel „fünf merkwürdige Objekte, in etwa wie kleine Sterne“ aus seiner Tasche und platziert sie in einer Reihe auf dem Boden:

    *****

    und danach ist der Storch da.

    Typographische Elemente wie verkehrt herum gesetzte Buchstaben, etwa in Michael Ende, Die unendliche Geschichte, in der man ganz am anfang spiegelverkehrt, weil von der Rückseite gesehen, die Aufschrift eines Antiquariats liest. Ähnlich die Geschichte „Mirror/rorriM, off the Wall“ (nur dass die Buchstaben des zweiten Wortes spiegelverkehrt sein müssten, das gibt HTML aber nicht her) von Spider Robinson in The Callahan Chronicles. Auch ein spiegelverkehrter Zehndollarschein taucht auf (01$ statt $10 geschrieben, auch wieder spiegelverkehrt, also hier nicht darstellbar).
    Der Titel der Glosse „Report on Resentialism“ von Paul Jennings ist in der Sammlung The Jenguin Pennings auf dem Kopf stehend gedruckt. In der Glosse geht es um eine fiktive philosophische Richtung, deren Kernaussage die ist, dass die Dinge nicht so wollen wie die Menschen.

    — In Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Der Gaulschreck im Rosennetz, 4. Capitel, hat die Stadt „Scheibbs“ (vormals „Scheibs“) ein zusätzliches „b“ erhalten, da vorher „ein paarmal peinliche, sinnstörende Schreibfehler vorgekommen waren“. Gehört nicht wirklich hierher, aber hier finde ich das wieder.

    — Auch die Wahl der Schriftart war ursprünglich rein redaktionell. Wann Fraktur und wann Antiqua, das ist ursprünglich vorgegeben. Bewusster Einsatz darüber hinaus: Walter Kempowski verwendet Sütterlin in Antiqua in Herzlich Willkommen (Knaus 1984, S. 191f), als es um einen Kugelschreiber geht, der „als Reklamegabe von der Wäschereri [unleserliches Sütterlin, muss ich mal ergänzen] bezogen worden war“.
    In Comics werden Schriftarten natürlich noch bewusster eingesetzt.

    Zeichengröße und andere Varianten: In The Munitions Master, einem Abenteuer von Doc Savage (Bantam-Ausgabe Nr. 58, p. 10) drücken die Kapitälchen im Satz „A SAVAGE roar of almost unutterable ferocity came from the crowd“ aus, dass die Menge nicht nur wild schreit, sondern auch den Namen der Person, auf die sie so wütend ist – Doc Savage eben.
    Jasper Fforde verwendet kleinere Buchstaben, um Flüstern darzustellen in Lost In A Good Book (Hodder & Stoughon 2002, p. 178): „‚Very good,‘ whispered Snell.“
    In Figurengedichten von Lewis Caroll gibt es ebenfalls verschiedene Schriftgrößen, und sicher anderswo auch.

Viele Elemente um ein Buch herum sind aber immer noch paratextuell, gehören also noch nicht zum eigentlichen Text. Zumindest teilweise ist es interessant, sich auszumalen, wie man sie einbauen könnte.

  • Klappentext
    Auch wenn zum Beispiel Alasdair Gray seinem Poor Things gleich einen „blurb for a high-class hardback“ und einen alternativen „blurb for a popular paperback“ mitgibt: Vermutlich nicht Teil des Texts
  • Autorenangaben
    Und seien sie auch noch so fiktional (Harlan Ellison in Edgeworks I: „It was not until he threw himself in front of the assassins bullet at last year’s Academy Award ceremonies, thus saving the life of Oscar nominee Brad Pitt…“).
    Dazu gehört wohl auch das Autorenfoto auf dem Buchrücken. Auch wenn das wie im oben schon erwähnten Venus on the Half-Shelf ein verkleideter Philip José Farmer mit enorm falschem Rauschebart ist.
  • Schriftfarbe
    Ursprünglich eine reine redaktionelle Entscheidung, aber bei Michael Ende, Die unendliche Geschichte und bei einer deutschen Ausgabe (nicht aber den englischen, die ich kenne) von William Goldman, The Princess Bride werden verschiedene Farben für den Text eingesetzt. Ich nehme mal an, dass das in einfacheren Ausgaben durch Kursivsetzung ersetzt ist.
  • Titelbild
    Ich kenne kein Buch, bei dem das Titelbild tatsächlich Teil des Werktexts ist. Es gibt allerdings mindestens ein Buch, dessen Text in mindestens einer Ausgabe bereits auf dem Titelbild beginnt.
  • Erscheinungsweise
    Ein Buch, das man nur in Einzelheften lesen kann und nicht in einer Gesamtausgabe? Kenne ich nicht.
  • Am vielversprechendsten stelle ich mir das bei der Seitenzählung vor. Wenn ein Blatt doppelt im Buch ist, eine Lage im Buch fehlt oder eine Lage doppelt ist: Wiederholt sich dann auch die Handlung beziehungsweise wird sie übersprungen?
    Vorerst gibt es Verhalten bei Weltuntergang von Florian Werner (2013), eine Kulturgeschichte der Apokalypse, bei der die Seitenzahlen rückwärts gezählt werden, sozusagen als Countdown.

Krause Gedanken zum Schluss, zu einer Geschichte, die ich mal schreiben wollte:

Ich stelle mir da ein Einsatzkommando von Helden vor, das sich – durch die Fußnoten, den Subtext oder die Beschwörung Dessen, Der Zwischen Den Seiten Geht – nach vorne kämpft, um die Reihenfolge einiger Seiten zu ändern. Schon vor zehn Jahren hatte ich Ideen für eine parallele Handlung in den Fußnoten, manches davon kann ich mir aus wiedergefundenen Notizen zusammenreimen: „irgendetwas fällt (unterschiedliche Schrifttypen?) von oben runter? Oben wird von Geräusch von unten abgelenkt? Sie schmuggeln sich was in die Tasche“. Ganz kühn: „sie schieben ein Wort zum Zeilenende, um Trennstrich zu erzeugen (Homographentrennung?)“

Ich glaube, das hätte einen etwas konstruierten Text gegeben.

Ergänzung 2012: Bin ja mal gespannt, ob eBuch-Reader wie der Kindle eigene peritextuelle Elemente hervorbringen werden.

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11 Thoughts to “Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel reißt

  1. Danke für diesen amüsanten, anregenden Text!
    Kennst du N. Bakers „Rolltreppe oder die Herkunft der Dinge“? Das gehört hier auch noch rein.

  2. Was für ein Eintrag! Vielen Dank für die Inspirationen. Einige meiner literarischen Lieblinge geben sich hier ja ein Stelldichein. Was die Brautprinzessin betrifft, rate ich zum Erwerb der Ausgabe von 2003. Ich zitiere mal Wikipedia: „Einige Neuauflagen des Romans (so auch die unten referenzierte deutsche Ausgabe von 2003) enthalten das erste Kapitel des angeblich ebenfalls aus der Feder S. Morgensterns stammenden Romans »Butterblumes Baby«, in dem die Handlung fortgesetzt wird. Darin wird Waverly, das Kind Westleys und Butterblumes, im Auftrag des Prinzen Humperdinck entführt. Goldman leitet dieses Kapitel mit einer (fiktiven) Erklärung ein, der zufolge die Übersetzung der vollständigen Version des florinesischen Werkes von Stephen King hätte geschrieben werden sollen. King habe Goldman die Übersetzung des ersten Kapitels trotz rechtlicher Schwierigkeiten mit den Erben S. Morgensterns aus Freundlichkeit überlassen.“ Und zum Schluss noch ein Stöckchen fürs Lehrerzimmer: http://www.basicthinking.de/blog/2008/08/20/bildungsfragen/

  3. Sehr informativer Artikel.
    Erinnert mich an Terry Pratchetts Figur des Todes, die prinzipiell in Großbuchstaben ’spricht‘. So auch der Rattentod (Grim Squeaker), der immerzu in Kapitälchen quiekt.

  4. Spitzeneintrag! Vielen Dank!

    Auch in Walter Moers‘ Zamonienromanen werden Schriftarten intensiv eingesetzt. Oft erhält jede telepathisch kommunizierende Person eine eigene Schriftart, so z.B. Grinzold und Löwenzahn, die beiden „Seelen“ eines Schwertes in „Rumo und die Wunder im Dunkeln“.

    Das mit der Brautprinzessin klingt ja verwirrend. Beinahe fühlt man sich in Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Witernacht“ hineinversetzt.

  5. Sehr schöner Eintrag!
    Jasper Fforde wird ja schon erwähnt, aber was auch noch hierher passt, ist seine Erfindung des „footnoter phone“, z. B. in „The Well of Lost Plots“.
    Ein sehr amüsantes und kompliziertes Spiel mit verschiedenen Schriftarten kommt in „Something Rotten“ vor, in dem plötzlich der Heilige St Zvlkx auftaucht, der nur „Old English“ spricht (das stets in ganz normalem Englisch, aber in Blackletter-Font gedruckt ist) und von Joffy, Thursdays Bruder, gedolmetscht wird. Als dann Hamlet auftaucht, spricht er „Courier Bold, […] the traditional language of the BookWorld“ und muss von Thursday gedolmetscht werden, da diese Sprache (die im Druckbild so erscheint, wie sie heißt) weder von St Zvlkx noch von Joffy verstanden wird. Eigentlich witzig wird das Ganze dadurch, dass die jeweils übersetzten Passagen extrem euphemistisch sind bzw. das eigentlich Gesagte gänzlich verfälschen, um die Stimmung zwischen den Anwesenden im höflichen Plauderton zu halten.
    Quer durch die Kategorien Klappentext/Werbung/Durchstreichung gehört die Liste auf dem dritten Vorsatzblatt von „First Among Sequels“, in der unter der Überschrift „Also by Jasper Fforde“ in der „Thursday Next Series“ zuerst die vier tatsächlich erschienenen Bände genannt sind, und dann steht da „The Great Samuel Pepys Fiasco (No longer available)“.
    Außerdem beginnt das Buch (nach dem Inhaltsverzeichnis) mit einer „Author’s Note“:
    „This book has been bundled with Special Features, including The Making of … wordamentary, deleted scenes, alternative endings and much more.
    To access all these free bonus features, log on to http://www.jasperfforde.com/features.html and follow the onscreen instructions.“
    Um dort zum versprochenen Material zu kommen, muss man den Namen des Taxifahrers eintippen, der Thursday Next in diesem Band mit seinem TransGenre-Taxi rettet. Wenn man das geschafft hat, kommt man zu einer Art Interview, das Fforde mit sich selbst führt. Die letzte Frage dort lautet beispielsweise: „What’s it like being [a] novelist with seven books behind you?“ Ganz lustig.

  6. @Timo: Kenne Nicholson Baker, aber das Buch noch nicht.

    @Thomas: Oh ja, unbedingt die Jubiläumsausgabe der Brautprinzessin. Das Original ist aus dem Jahr 1998, zum 25. Jahr des Erscheinens. Die Briefe sind zwar nicht drin, aber tatsächlich ist der Anfang von Buttercup’s Baby und das wieder so schön ausführliche Vorwort dazu – mit der Stephen-King-Vorgeschichte – ganz, ganz herzerwärmend vorzüglich.
    Stöckchen: Bald.

    @naDine: Jawohl, der Tod und der Rattentod gehören auch hierher.

    @ke: Kannte ich noch nicht, klingt aber interessant. Telepathische Gespräche hat Alfred Bester in The Demolished Man als eine Art Figurengedichte gesetzt. Und die Brautprinzessin kann ich wirklich sehr empfehlen. Den Calvino habe ich vor vielen Jahren gelesen und keine rechte Erinnerung mehr daran. Hab’s mal wieder herausgeholt.

    @rip: Ich hatte die Vermutung, dass bei Jasper Fforde noch viel mehr an Spielereien stecken. Gehört eindeutig auch in die Liste. Gerade wieder über eine Lieblingsstelle gestolpert – ein Gedächtnis-Blitzdings, von dem der Leser auch nichts mitbekommen hat:

    „Did you show her the memory erasure device?“
    „No, he didn’t.“
    „Yes I did.“

    Frau Rau hat mich gerade auf eine weitere Kategorie aufmerksam gemacht: Literarische Gattungen sind ebenfalls vom Autor für sich reklamiert worden. Daher die Untertitel: „Ein dramatisches Gedicht“, „Ein Roman“, „Eine Novelle“, ganz eindeutig bei David Lodge, Small World. An Academic Romance. (Für Nicht-Anglisten: Dort wird unterschieden zwischen „novel“ und „romance“, für Deutsche ist beides ein Roman.)

  7. Habe während meines Auslandsjahrs in den USA 1998 den Goldman-Brief mit P.P.S. von Mai 1987 bekommen. Meine Adresse auf dem Umschlag (Absender „The Ballantine Publishing Group“) war sogar handschriftlich, so dass ich annehme, die hatten da wirklich eine(n) Beauftragte(n) für. Meine DelRey-Taschenbuch-Ausgabe von 1992 enthält übrigens die Adresse „Urban Del Rey, Ballantine Books, 201 East 50th St., New York, NY“, und das funktionierte einwandfrei.

  8. Mein Goldman-Brief hat das gleiche P.P.S., also ist zwischen 1988 und 1998 und vermutlich seitdem nicht viel passiert. Cadminium… Dafür gibt’s ja Buttercup’s Baby.

    Bei der Verlagsanschrift gibt’s bei meiner DelRey-Ausgabe von 1984 und der Jubiläusausgabe noch die Postleitzahl „10022“, die ist bei dir wohl auch dabei, nehme ich an. Sonst alles gleich.

    Aber bei der deutschen Klett-Cotta-Ausgabe von 1977 (zweifarbige Schrift) stehen der Verlag der amerikanischen Hardcover-Ausgabe (Harcourt Brace Jovanovich) und der Name des – damaligen – Lektors („Hiram Haydn“). Aha! Quasi wie ein eingebauter iframe gehört zum Text also außerwerkliches Material.

  9. Mann, kennt ihr euch aus! Im Ernst. Wie kann man sich nur auf so vielen anderen Feldern auskennen und jetzt auch noch da.
    Ich tröste mich damit, dass ich mir in dem Alter, wo ihr das gelesen habt, die Krone Polens dadurch verdient habe, dass ich Stifters „Nachsommer“ gelesen habe. (Die zweifelhafte Belohnung hatte übrigens Hebbel dem zugedacht, der den „Nachsommer“ freiwillig zuende lese: „Wir glauben nichts zu riskieren, wenn wir demjenigen, der beweisen kann, daß er sie ausgelesen hat, ohne als Kunstrichter dazu verpflichtet zu sein, die Krone von Polen versprechen.“)

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