J. J. Abrams, Doug Dorst: S.

Das Buch, das ich gelesen habe, heißt S. und ist von Doug Dorst und J. J. Abrams, der wohl die Idee dazu hatte. Es kommt in einem Schuber mit Banderole dran, und in diesem Schuber ist ein Objekt, nämlich ein Buch namens Ship of Theseus, Autor: V. M. Straka, und unter diesem Namen dürfte S. bekannter sein als unter dem technisch korrekten Titel.

Das ist verwirrend, aber wenn man das physische Buch-Objekt erst einmal in der Hand hat, wird alles etwas verständlicher. Das Buch ist die Reproduktion eines nicht existierenden Buchs… nein, doch anders: Das Buch sieht aus wie ein echtes Buch aus den 1950er Jahren, gebunden, ein ehemaliges Bibliotheksexemplar aus dem Bestand einer amerikanischen High School. Hinten sind sogar noch die Stempel der Schule drin, mit den Ausleihdaten. Guck mal, das erste Mal wurde das Buch im Oktober 1957 ausgeliehen, das letzte Mal im Oktober 2000. Das Papier ist schon ein bissen angegilbt, es gibt ein paar Wasser- und noch mehr Stockflecken. Einen Papierumschlag („Dust Jacket“) muss es sicher mal gegeben haben, aber der ist nicht mehr vorhanden; außen sieht man ein recht abstraktes Design, das man gut und gern in die 1950er Jahre einordnen möchte. Außerdem klebt noch der Bibliotheksaufkleber mit dem Sigel dran, der Bibliotheksnummer: 813.54 STR 1949. „STR“ sind die Anfangsbuchstaben des Autors Straka, 1949 ist das Erscheinungsjahr, „813“ steht im Dewey Decimal System, das in amerikanischen Bibliotheken viel benutzt wird, für (googelt) „American fiction in English“, und „813.54“ für „American fiction published between 1945-1999“. (Mmmh, „819“ ist laut Wikipeda für „No longer used – formerly Puzzle activities“, auch nicht schlecht.)

Kurz, das Buch sieht von vorn bis hinten aus wie ein Buch aus dem Jahr 1949, das es ja auch sein soll. (Zugegeben, dass das kein Bleisatz ist, sieht man als Bücherfreund eigentlich gleich.) Komisch, von diesem V. M. Straka hat man noch nie etwas gehört, von dem herausgebenden Verlag auch nicht. Und schau mal, da hat sogar jemand Notizen in das Buch geschrieben, so am Rand, und sogar in verschiedenen Farben und in unterschiedlicher Handschrift…

Also: Den in seiner Welt hochberühmten und vielbeforschten V. M. Straka gibt es in unserer nicht. In seiner Welt ist das ein Exemplar des letzten Romans dieses extrem öffentlichkeitsscheu lebenden Autors, mit F. X. Caldeira als kaum weniger anonymem Herausgegeber. Das Exemplar gehört einem fortgeschrittenen Studenten, der über Straka forscht und seit Schultagen schon Notizen in das Buch macht, mit Bleistift. (Also, „Bleistift“.) Nachdem er es an der Uni versehentlich liegen lässt, findet er plötzlich hineingeschriebene Notizen von einer zweiten Hand, einer etwas jüngeren Studentin, wie sich im Verlauf herausstellt. Er reagiert mit weiteren Notizen, sie mit Antworten darauf, und so liest man bei Lektüre des Buches eigentlich drei verschiedene Geschichten:

  • Die Geschichte von Jen und Eric, wie sie sich nach und nach kennen lernen. Die Geschichte ihrer gemeinsamen Entdeckung und vom Hauen und Stechen in der Straka-Forschungsszene: Plagiate, kleinere Diebstähle, Exmatrikulation und fieses Lehrpersonal. Und vielleicht auch Einbruch und Brandstiftung und Mordundtotschlag, oder war das alles nur Zufall?
  • Die Geschichte um V. M. Straka selber: Gehörte er wirklich zum geheimen Geheimbund der S.? War er ein idealistischer Auftragskiller? Wer war der öffentlichkeitsscheue Autor überhaupt – wenn er nicht gar ein Kollektiv war? Und welches Verhältnis hatte er zu F. X. Caldeira? Forschungsthesen zur Identität Strakas gibt es zuhauf; wer eine davon endgültig klären könnte, dem wäre akademischer Weltruhm gewiss. — Das Geschehen dieser Ebene wirkt eventuell auf die Ebene darüber zurück: Wenn es den Geheimbund der S. wirklich gab, dann ist vielleicht doch er das, der jetzt hinter Jen und Eric her ist.
  • Die Geschichte von S., die eigentliche Geschichte des Romans. Allerdings ist das wahrscheinlich ein Schlüsselroman, so dass auch der Inhalt der Romanhandlung wieder Schlüsse auf die Ebene zuvor ermöglicht.
  • Und wenn man die Fußnoten von F.X. Caldeira noch dazu nimmt, gibt das wieder eine weitere Erzählebene oder jedenfalls einen weiteren Erzähler.

Das ist genau ein Buch für Herrn Rau, dachte sich Frau Rau Ende des letzten Jahres, und beschenkte mich damit. Übrigens ein Buch, das genau nicht für Frau Rau ist, aber das tut nichts zur Sache. Als Produktion ist das Buch sagenhaft. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie aufwändig es ist, das alles zu gestalten. Nicht nur gibt es das Buch und die vielen Randnotizen (in zwei bis drei Schriften, mit verschiedenen Farben, die man veschiedenen Zeitpunkten zuordnen kann). Zwischen den Seiten liegen auch noch: Zeitungsartikel, Postkarten, handbeschriebene („handbeschriebene“) Servietten, Briefe, Fotos, Kopien aus dem Straka-Archv, eine Seite Universitätszeitung. Sagenhaft. Und ein secret decoder wheel, lange Geschichte, eher sogar überflüssig, für mich jedenfalls. Tatsächlich braucht man es schon, um einen Code zu entschlüsseln, aber den habe ich im Internet nachgeschlagen.

Tatsächlich enthalten die Fußnoten von F. X. Caldeira in jedem Kapitel eine geheime Nachricht. Das hat mich sogar eher gestört. Erstens habe ich die Geduld nicht, die Codes zu knacken, und die meisten werden ja von Jen und Eric (also vor allem: Jen) geknackt. Zweitens scheinen sie mir nicht genug motiviert, auch wenn Gründe dafür genannt werden. Drittens hat mich zumindest der Code von Kapitel 8 aus der Illusion gerissen, denn er basiert auf Bleisatz-Artefakten, die Dorst/Abrams zwar schön reproduzieren können, die Caldeira aber so nie hätte produzieren können. Dann kann man den Druckern ja gleich sagen, dass man hier etwas verschlüsselt.

Ja, und jetzt das Leseerlebnis: Hm. Ein bisschen arg bemüht, und ein bisschen arg mühsam. Dorst hat, habe ich gelesen, mehr oder weniger zuerst den Roman geschrieben und dann wurden die Randbemerkungen ergänzt. Wenn der Roman mich mehr interessiert hätte, hätte ich das vielleicht andersherum gemacht, aber das hat er nicht. Die Geschichte um S. bleibt parabelhaft zweidimensional, eine Reihe von Schauplätzen und Fluchten, alles eher anonym und wenig konkret und nicht in einer greifbaren Welt verwurzelt. Und die Geschichte von Jen und Eric: schon besser. Aber das große Drama enpuppt sich dann als unbegründeter Plagiatsvorwurf und viel Paranoia, meh. (Vgl. Foucaultsches Pendel.) Vermutlich entgeht mir viel, und wenn ich die vielen undokumentierten Codes knacken würde, käme ich ganz anderen Dingen auf die Spur. Zumindest könnte ich als Autor nicht widerstehen, solche Sachen einzubauen, aber ich wäre wohl auch kein guter Autor.

Als Kurzgeschichte hätte mir das besser gefallen. Ich glaube, Nabokovs Pale Fire, vor vielen Jahren, hat mir besser gefallen. Dieser Roman besteht aus einem eigentlichen Text, einem epischen, nicht allzu langen Gedicht, und den sehr ausführlichen Fußnoten des Herausgebers dazu, in denen sich die eigentliche Geschichte abspielt.
Letztlich liest sich S. linearer, als man denkt; die Randbemerkungen sind grob chronologisch, also die Notizen auf den frühen Seiten älter als die auf den letzten Seiten. Bei einer Kurzgeschichte hätte man das anders machen können, bei einem Roman geht es kaum anders.

EIne Frage zur Übersetzung hätte ich: wie ist das Buch übersetzt? Sind Jen und Eric Studierende an einer amerikanischen Bibliothek, die amerikanische Randbemerkungen machen, die – ebenso wie das Buch selbst – einfach ins Deutsche übersetzt sind? Das vermute ich, aber das nimmt dem Buch-Artefakt natürlich wieder die Authentizität. Besser wären zwei deutsche Studierende an einer deutschen Universität mit einer deutschen Ausgabe des Bands. (Straka selber schrieb nicht unbedingt auf Englisch, sondern in vielen Sprachen.) Aber das wäre dann schon eine freiere Übersetzung.

Links:

2 Antworten auf „J. J. Abrams, Doug Dorst: S.“

  1. Dein Eindruck spiegelt die Rezensionen wieder, die ich über das Buch gelesen hatte – und derentwegen ich es dann nicht gekauft hatte.

    Vor ein paar Wochen hatte ich dann in einer Buchhandlung die deutsche Ausgabe in der Hand und wäre, ob des vielen schönen Materials beinahe doch noch schwach geworden.
    Aber ich habe da leider nicht darauf geachtet, ob in der Übersetzung irgendwas „eingedeutscht“ wurde. Beim Thema „Thematisieren, dass es sich um eine Übersetzung handelt“ fällt mir wieder ein, wo ich das zum ersten Mal mit Begeisterung bemerkt habe: Mit 14 beim Lesen von Ecos Herausgeberfiktion am Anfang des deutschen „Der Name der Rose“: „Der geneigte Leser möge bedenken: Was er vor sich hat, ist die deutsche Übersetzung meiner italienischen Fassung einer obskuren neugotisch-französischen Version einer im 17. Jahrhundert gedruckten Ausgabe eines im 14. Jahrhundert von einem deutschen Mönch auf Lateinisch verfassten Textes.“ Das fand ich sooo cool damals, dass die deutsche Fassung sich da selbst thematisiert und spätestens in diesem Moment definitiv ein anderer Text wird als als der italienische…

    Vielen Dank übrigens für den Hinweis auf deinen Artikel von 2008. Der ist ja großartig!

  2. >Vielen Dank übrigens für den Hinweis auf deinen Artikel von 2008. Der ist ja großartig!

    Freut mich, dass er dir gefällt!

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