William Golding, Lord of the Flies (und ein bisschen Madagaskar)

Herr der Fliegen war zu meiner Schulzeit eine häufige Klassenlektüre; ich kannte den Namen und den Inhalt, auch wenn ich das Buch nie gelesen hatte. Außerdem kannte ich „William Golding“ aus den Regalen der Buchhandlungen, wo ich lange Zeit auf der Suche nach Büchern von William Goldman war. Golding kam direkt davor und noch häufiger ganz anstelle von Goldman. Und schließlich kannte ich das Buch noch aus Science-Fiction-Literaturgeschichten: Bei den Dystopien und Apokalypsen wird auch gerne mal Lord of the Flies aufgezählt. Immerhin spielt das Buch vor dem Hintergrund eines eben ausgebrochenen, möglicherweise atomaren Krieges.
Ein Freund und Mitschüler war schwer beeindruckt von Herr der Fliegen; als Referendar sah ich mal eine Theaterfassung davon; vor ein paar Wochen habe ich das Buch dann endlich gelesen.

Ich fand es sehr gut. Allerdings musste ich nach jedem Kapitel einen Tag Pause einlegen, so sehr hat mich das Buch mitgenommen. Vielleicht deshalb, weil alles so unausweichlich scheint. Die Prämisse: Eine große Zahl englischer Schüler im Alter von vielleicht sechs bis zwölf Jahren landet (im Zuge einer Evakuierung mittels Flugzeug) schiffbrüchig auf einer Insel. Die Kinder versuchen, zurecht zu kommen, Nahrung zu finden und Behausungen zu bauen, Regeln für das Zusammenleben aufzustellen und ein Signalfeuer aufrecht zu halten. Und das geht alles ganz furchtbar schief. Kooperation entwickelt sich nicht, zielgerichtetes Handeln, das nicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, ist den meisten Kindern unmöglich. Es gibt zwei rivalisierende Anführer mit zwei rivalisierenden Vorstellungen vom Leben auf der Insel. Der eine steht für vernunftbasierte Ordnung und den Wunsch nach Rückkehr. Der andere steht für eine gewaltbasierte Hierachie und Aberglauben – und scheint die Insel der Zivilisation vorzuziehen. Nach und nach schließen sich fast alle Kinder der wilden Seite an.

Für die Schule geeignet: Das Buch ist voller Symbole. Das Signalfeuer als Symbol der Hoffnung auf Rettung und des Wunsches nach Rettung, als Zeichen für Ordnung und Vernunft. Ebenso die Muschel als Symbol der Ordnung: Sie wird zum Zusammenrufen der Kinder verwendet, und nur wer bei den Versammlungen die Muschel hält, hat das Rederecht. Der aufgespießte Schweinekopf, der „Herr der Fliegen“ des Titels. Der zweite Tote als rituelles Opfer: Simon geht alleine auf den Berg, hat dort eine Art epileptischen Anfall und eine Vision, und wird von den anderen in einem Ritual getötet, nachdem er zu ihnen herabgestiegen ist. Die Kriegsbemalung, das Verwildern der Kinder. Der Fallschirmspringer.
Für die Schule geeignet: Die Unausweichlichkeit der Handlung. Gibt es Punkte, an denen die Geschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können? Der Konflikt zwischen Ralph und Jack, der von Anfang an besteht: Ließe er sich anders lösen? — Das einzige Fleisch auf der Insel sind Schweine. Bald werden sie getötet, ihr Töten durch rituelle Tänze nachgespielt und der Tanz dann als Jagdzauber verwendet. Auf der fünften Seite erfährt man den Spitznamen eines Kindes (des vernünftigsten, auch wenn er ein Außenseiter ist): „Piggy“. Das kann ja nicht gut gehen.
Für die Schule geeignet: Gerade vor dem Atomkrieg im Hintergrund kann man das Buch sicher auch als Parabel über den Menschen lesen. Aber erstmal ist es ein Buch über Kinder. Wie würde man sich selber in der Situation verhalten? Was würde mit der Klasse passieren, wenn sie auf dieser Insel wäre? Der Gedanke hat allerdings etwas teuflisch Faszinierendes. Vielleicht doch nicht so geeignet.

Am Rande notiert: Der Public-School-Slang der 50er Jahre. Wenn etwas toll ist, dann ist es „wizard“ oder „wacco“. „Waxy“ ist jemand, der wütend ist.

— Ach ja, Madagaskar. Genauer: Madagascar, der Dreamworks-Film, den ich gestern gesehen habe. Als Film sehr nett, nicht so viele gelungene Scherze wie bei Finding Nemo, auch wenn die Pinguine klasse sind – aber eines hatte der Film für mich, was die anderen Filme alle nicht hatten: Einen echten Konflikt. Alex, der Löwe, und Marty, das Zebra sind Freunde. Sie kennen nur das Leben im Zoo des Central Park in Manhattan, wo sie gefüttert und verwöhnt werden. Wo die Steaks herkommen, weiß Alex gar nicht. Auf Madagaskar wundert er sich über sein wachsendes Hungergefühl. Und statt seiner Freunde sieht er nur noch Steaks. Und fällt im Traum über sie her. Er ist ein Fleischfresser auf Entzug, kann sich nicht mehr kontrollieren und wird zur Gefahr für Marty. Ganz hervorragend hätte ich es gefunden, wenn Alex offscreen zumindest ein paar Lemuren gefressen hätte, oder wenigstens einen Foussa – wie Alex und Marty mit der Scham und Schande umgegangen wären. (Andererseits gibt’s für so was Vampirfilme.)
Das größte Raubtier auf Madagaskar ist tasächlich der Foussa, auch ihn gibt es wie einen Großteil der Tier- und Pflanzenarten dort nur auf Madagaskar. Viele Arten sind vom Aussterben bedroht.

Die Verbindung zum Herr der Fliegen: Die Muschel, mit der alle Lemuren zusammengerufen werden, der Leichnam des Fallschirmspringers, der vom Baum hängt, und die Knochenhand des Königs – der seinen Berater zusammenstaucht, weil der redet, ohne die Hand in Händen zu halten.

6 Antworten auf „William Golding, Lord of the Flies (und ein bisschen Madagaskar)“

  1. Schön geschrieben und recht schmackhaft gemacht. Ich hab’s auch noch nicht gelesen, obwohl ich es schon so oft vor Augen hatte.

  2. Die anspielung auf American Beauty fand ich gut , aber wenn man nur eine sieht will man mehr.

  3. hab das buch auch in der schule gelesen. war ganz interessant und die „mordszenen“ waren hammer gut beschrieben!!

    bussi

  4. Auch wenn das alles hier ziemlich alt ist. Wir haben in der 9.Klassse Lotf gelesen.

    Eine Schülergruppe hat das mal gemacht:

    http://nibis.ni.schule.de/~szcoll/ oder schulzentrumcollhusen.de,

    dann Archiv anklicken und irgendwo auf der HP Herr der Fliegen suchen

    Gruß aus Ostfriesland

  5. Danke, das ist schön und ansehenswert: Szenen mit Playmobil nachgestellt. (Hier der direkte Link zum entsprechenden Frame. Man kann bei Frames nur so unelegant auf eine eingebettete Seite verlinken.) Meine Schüler müssen doch auch jede Menge Playmobil zu Hause haben… nächste Lektüre „Andorra“ in der 9. vielleicht geht da was.

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