Präsentation ersetzt Schulaufgabe

Ab nächstem Schuljahr, so die neue GSO in Kraft tritt, kann man unter Umständen Schulaufgaben durch andere Prüfungsformen ersetzen. Manche davon stehen in der GSO, manche sind sogenannte Modus-21-Maßnahmen, für die jeweils die Zustimmung von Lehrerkonferenz oder Elternbeirat oder die Zusammenarbeit mit den anderen Lehrern dieses Faches in dieser Jahrgangsstufe nötig ist.

In diesem Schuljahr kann ich allerdings noch unkomplizierter in meiner 11. Klasse eine Modus-21-Maßnahme durchführen: Das Ersetzen einer Schulaufgabe durch eine Präsentation.

Laut Maßnahmenkatalog verfolgt man damit folgende Ziele:

1. Schulung der Rhetorik- und Präsentationskompetenz
2. Förderung der Medien- und Methodenkompetenz
3. Förderung der Sozialkompetenz
4. fachliche Vertiefung zu einzelnen Themen
5. Vorbereitung auf die Facharbeit
6. Gezielte Förderung im Hinblick auf Erfordernisse der Berufs- und Lebenswirklichkeit

Gefordert ist von den Schülern:
– Fachwissen zu Thema
– Interaktion mit Zuhörern
– entsprechende methodische Aufbereitung
– Techniken: Recherche, Bibliographie, Diskussionsleitung

Themen können sein (jeweils am Lehrplan orientiert):
– Sachvortrag (z.B. Epoche)
– Schulaufgabentyp (Interpretation, Literarische Erörterung, Problemerörterung)

Das heißt, dass die Präsentation keinesfalls mit Powerpoint sein muss, und dass ich auch eine Interpretation oder eine Erörterung als Thema stellen kann.
Die Präsentation muss vor Publikum erfolgen, ist also keine mündliche Prüfung, kann also nur im Unterricht stattfinden. Aus Zeitgründen heißt das, dass ich zwei Präsentationen pro Schulstunde haben muss – sonst lässt sich das bei einer auch noch so kleinen Klasse nicht durchführen.

Mir fallen selbst Einwände dagegen ein, aber versuchen will ich es, das Einverständnis der Klasse vorausgesetzt, doch. Achten muss ich darauf, dass die Präsentation “schulaufgabenwertig” ist, die Leistung also einer Schulaufgabe entspricht, da sie ja auch so gewertet wird.
Andererseits: In jedes normale Referat investiert ein Schüler mehr Zeit als in eine Schulaufgabe. Wenn jemand zu Hause drei Stunden lang ein Gedicht interpretiert und den Text dann in der Schule vorliest, dann ist das eine schlechte Präsentation, keine Frage, entspricht aber der Leistung in einer normalen Schulaufgabe. Zuviel darf man also auch nicht verlangen, denke ich.

Ein Vorschlag, welche Kriterien und welchen Bewertungsmaßstab man anwenden kann, steht im Modus-21-Maßnahmenkatalog:

praesentation.png

Sicher würde ich das noch ein bisschen variieren.

Informatik und Information

Ein zentraler Begriff der Informatik ist die Information. Der steht auch am Anfang des Lehrplans, ist in der 6. Klasse aber nicht leicht zu vermitteln.

Die Kurzfassung: Information kann nicht direkt weitergegeben werden. Sie muss in geeigneter Form repräsentiert werden. Aus dieser Repräsentation kann der Empfänger dann mehr oder weniger die ursprüngliche Information rekonstruieren.

Ist Information auf solch eine Art repräsentiert, dass sie automatisch verarbeitet werden kann, dann ist das Informatik.

Beispiel: Man vergleiche eine Seite aus einem Buch mit dem Text dieser Seite in einer Textdatei. Was kann ein Mensch mit beiden Repräsentationen anfangen? (Vorlesen, leise lesen.) Was kann man automatisiert mit der Textdatei machen, was man mit dem Buch nicht kann? (Suchen, Ersetzen, Umstellen, Löschen, Ändern. Verschicken. Übersetzen. Vorlesen lassen durch ein Programm.)

– Man macht zum Thema Information nur ein oder zwei Stunden mit schülernahen Beispielen. Nicht ganz so schülernah, aber viel interessanter, sind folgende Beispiele. Ich glaube, ich versuche das mal mit Schülern, oder erschrecke ich sie damit zu sehr?

Stell dir vor, du bist Wissenschaftler oder Ingenieur, und du und deine Kollegen arbeiten in einem Labor oder Kraftwerk, bei dem Giftmüll als Nebenprodukt entsteht. Dieser Giftmüll muss gelagert werden; es ist leider unmöglich, ihn zu verbrennen oder anders zu vernichten ist. Am besten wird er unterirdisch gelagert, bis er sich von selbst zersetzt, das dauert allerdings 20.000 Jahre.

Ihr verfügt also über die Information: “In diesen Fässern ist ganz gefährliches Gift.”
Wie könnt ihr diese Information repräsentieren, so dass sie auch auch in 20.000 Jahren verstanden wird? (Das ist wichtig für den Fall, dass das Giftlager in Vergessenheit gerät.)

Denkt daran, dass die Leute, die dann vor den Fässern mit dem Gift stehen, vielleicht eine andere Sprache sprechen und eine ganz andere Kultur haben können. (Wer es sich schwer machen will, kann auch an Außerirdische oder intelligente Küchenschaben denken.)

Andere Möglichkeiten, die die Schwierigkeit zeigen, Information zu repräsentieren, wenn man den Empfänger nicht kennt:

Die Plakette an der Pioneer-Sonde

information_pioneer.jpg
Nasa zur Plakette
Wikipedia zu Pioneer

Die Plattenhülle in der Voyager-Sonde (Abspielanleitung)

information_voyager.jpg
Nasa zur Plattenhülle
Wikipedia zu Voyager

Die Arecibo-Botschaft

information_arecibo.png
Wikipedia zur Arecibo-Botschaft

Interessantes zu Nachrichten in den Weltraum überhaupt (auch zu Arecibo und Pioneer).

(Quellenangaben zu den Bildern jeweils darunter; sie stammen alle von der Nasa.)

Digitalisieren

Heute hat mir ein Schüler meine Videokamera zurückgebracht, die er sich ausgeliehen hatte, um damit zu filmen. Die zwei Kassetten, mit “LARP” beschriftet, die dabei sind, ob ich ihm die von der Kamera-Kassette auf DVD kopieren kann.
Ja, mache ich, gerne.

Ich bin ja schon soooo gespannt.…

(LARP)

Nach den Osterferien

Als Teenager habe ich mal einen Band Eugen-Roth-Gedichte gelesen. Da war auch ein Gedicht drin, über einen Menschen (natürlich) der jeden Frühling davon träumt, seine Ketten zu brechen, es aber doch nie tut.

Wie das halt so ist im Frühling. Jetzt ist er ja auch da. Die Osterferien waren erholsam, ich hatte nur mäßig viel für die Schule zu tun. Dafür konnte ich Festplatte und Schreibtisch aufräumen, Sperrmüll und Elektroschrott wegbringen, Regale aufräumen, Zeug wegschmeißen.

Aber drei oder vier Tage hätte ich jetzt noch gebraucht, um mehr Pläne für die Schule umzusetzen. Womit wir wieder beim Frühling wären.

Ansonsten: Heute erster Schultag, sehr heiß. Ich hatte schlecht geschlafen, lief aber trotzdem okay. Nichts Spektakuläres. Ein Lehrer war auf Klassenfahrt unterwegs gewesen und hatte deswegen viel vertreten werden müssten, er bedankte sich mit einer Schale Schokoeier und anderem eingewickeltem Schokozeug. Nach den Exzessen der letzten Tage wäre mir eine Obstschale lieber gewesen.

Ostertage

Am Ostersonntag von spätem Frühstück bis frühem Abendessen bei der Verwandschaft gewesen. Zwischendurch konnte ich auch mal auf die Couch und ein bisschen Pause machen. Und da habe ich in meinen mitgebrachten Superhelden-Comics geblättert. Uncanny X‑Men, um genau zu sein.

Bei Heft Nr. 347 bittet mich der viereinhalbjährige Neffe, ihm zu erklären, was ich da gerade lese.

Ich hab’s dann also wirklich versucht. Aber die Geschichte ist recht wild, und zumindest ein paar hundert der vorangegangenen 346 Hefte muss man dazu eigentlich auch erklären. Aber er hat interessiert zugehört, und der, der aufgegeben hat, war ich. Nächstes Mal bringe ich Amazing Spider-Man mit, angefangen bei Nr. 1. das dürfte leichter gehen.

Was ich bei der Uncanny-Lektüre gelernt habe:
“Let the sky’s seething energy disrupt your electro-magnetic pulse and leave you in a paralyzed shell from which to ponder that fact!” (UXM 355) Falls ich mal einen guten Fluch brauche.

“A thousand pardons … a million pardons … a google pardons” (UXM 308, ähnlich 337) – eine frühe Falschschreibung von Googol. Googol, wie ich seit Carl Sagans Unser Kosmos von 1982 weiß, ist der Name der Zahl 10100. Google hat seinen Namen von Googol (auch deshalb, weil die Domain googol.com damals nicht frei war). Das führte auch zu einer Urheberrechtsdiskussion um das Wort Googol/Google, die ich allerdings nicht verfolgt habe. (Danach googoln… googlen… googeln.)
Heute wird Googol natürlich besonders oft falsch geschrieben, aber das UXM-Heft vom Ende 1993 zeigt, dass es die Google-Schreibung auch schon vor der Suchmaschine Google gab.

Jens Soentgen, Selbstdenken! (Und Euler.)

Jens Soentgen
Selbstdenken!
20 Praktiken der Philosophie
Mit Illustrationen von Nadia Budde
Peter Hammer Verlag
223 Seiten

selbstdenken.jpg
Amazon-Link

Vor einem Jahr stieß ich in einem Blog, das es leider nicht mehr gibt, auf eine Besprechung dieses Buches. Es ist ein sehr gutes Buch.
Mir fallen mindestens drei andere Einführungen in die Philosophie ein, die ich zuvor gelesen hatte. (Mir fehlt die Lust, mich gleich an die Originalwerke zu machen. Ich müsste auch erst herausfinden, wo ich am besten anfangen sollte zu lesen. Über meine umfangreiche, aber unsystematische Lektüre kriege ich allerdings immer wieder Anreize. Beonders viele solche Anreize erhoffe ich mir von solchen Einführungen.) Die beste dieser Einführungen war mäßig interessant, die schlechteste fade, verstaubt und einfach wenig hilfreich.

Ganz anders Selbstdenken! Das Buch ist weder chronologisch noch nach Personen geordnet. Das ist schon mal sehr gut. Stattdessen gibt es zwanzig Kapitel zu verschiedenen Techniken: Indizien, Autoritäten, Sammeln, Logik, Gedankenexperimente, Umkehren, Beispiele, Bilder. Das erste Kapitel ist dem Provozieren gewidmet und gibt den Ton vor. Soentgen stellt Sokrates und Diogenes vor. (“In der Praxis sah das so aus, dass Diogenes auf dem Athener Markptplatz öffentlich onanierte, und dabei bemerkte, wie bedauerlich es doch sei, dass man den Hunger nicht ebenso einfach, etwa durch Reiben des Bauches, lindern könne.”) Dann geht es weiter mit der Berliner Kommune 1 in den 60er Jahren, der Beschreibung einer Gerichtsverhandlung um Fritz Teufel und Rainer Langhans und der Schwierigkeit, heute zu provozieren. Danach empfiehlt Soentgen als Übung zum Kapitel das Spiel “Barfußlaufen”: Einfach im Sommer mal einen Tag barfuß verbringen, “auf der Straße, in der Fußgängerzone, in der Schule, in der Uni, im Büro”. Und danach wiederum kommen ein paar Zeilen mit Literaturangaben. Und das war nur das erste Kapitel.

Diese Literaturangaben nach jedem Kapitel sind ganz besonders schön und das, was dieses Buch so besonders reizvoll macht. Sie sind kommentiert und als zusammenhängender Text geschrieben, nicht als Liste. Sie enthalten Angaben zu den im Kapitel angesprochenen Texten, aber auch zu weiteren, verwandten Büchern.
Und sie haben mich dazu gebracht, dass ich folgende Bücher gekauft habe:

  • Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin
  • Platon, Laches
  • Enzyklopädie des Märchens (zumindest die als Taschenbuch erschienenen Bände)
  • Steven Schwartz, Wie Pawlow auf den Hund kam… Klassische Experimente der Psychologie
  • eine Einführung zu Christian Thomasius (1655–1728) – merken für die Aufklärungssequenz in der 11. Klasse

In der Enzyklopädie blättere ich natürlich nur. (Einbändige alphabetisch geordnete Nachschlagewerke lese ich gerne mal von A bis Z, aber größere nicht.) Den Platon habe ich gelesen; ein guter Einstiegstext, den ich vielleicht mal Schülern vorstellen werde. Die Euler-Briefe haben sich als besonders interessant herausgestellt. Euler schrieb diese Briefe über die Mathematik, Naturwissenschaft und Philosophie seiner Zeit an eine 15 bis 17 Jahre alte Tochter – Fernkurs sozusagen. Und er erklärt einfach, anschaulich und verständlich. (Leider ist meine Ausgabe nur eine Auswahl der philosophischen Briefe, die zur Mathematik und Logik und zu weiten Teilen der Naturwissenschaft fehlen.)

Besonders spannend ist es allerdings, wenn Euler sich irrt. Im 20. Brief geht es um die Lichtgeschwindigkeit, und warum die so hoch ist. Euler benutzt als Analogie die Schallgeschwindigkeit. “[Aus dem Vorhergehenden] folgt”, schreibt er, “wenn die Dichtigkeit der Luft kleiner wäre, so würde die Geschwindigkeit des Schalls vergrößert”.
Oha, Euler, berühmter Kopf und so, aber das widerspricht doch sehr meiner Intuition. Also habe ich am nächsten Tag die Physiklehrer an meiner Schule befragt. Einen nach dem anderen, drei Stück hintereinander, aber keiner wollte sich festlegen und eine klare Antwort darauf geben, ob das stimmt. Einer wenigstens hat dann zu Hause nachgeschaut, ist dann aber erst bei Wikipedia fündig geworden: Euler hat tatächlich unrecht. Die Intuition allerdings ebenso: Die Schallgeschwindigkeit ist unabhängig von der Dichte der Luft. (Aber sehr wohl abhängig von der Temperatur: Bei sinkender Temperatur ist bei Gasen die Schallgeschwindigkeit geringer.)

Eulers größerer Fehler bringt ihn erst auf diese Analogie von Licht- und Schallgeschwindigkeit.
Um kurz auszuholen: Die großen naturphilosophischen Fragen seiner Zeit waren die Fragen nach der Beschaffenheit der Materie, nach der Existenz des leeren Raumes, nach den Kräften (allen voran der Schwerkraft) und dem Zusammenhang zwischen belebter und unbelebter Materie.
Die Engländer hatten da diese Theorie, dass der Raum leer ist, und dass die Schwerkraft zwei Körper dazu bringt, sich anzuziehen. Warum tut sie das? Welche Beziehung soll es zwischen zwei beliebig weit voneinander entfernten Körpern geben? Achselzucken. Gottes Wille. Damit ist Euler nicht zufrieden. “Gottes Wille” als Erklärung wäre ja reine Willkür und unbefriedigend. Also schlägt Euler sich auf die Seite derer, die eine andere Theorie vertreten: Der Raum ist nicht leer, sondern mit einer ganz feinen Substanz gefüllt, dem Äther. Eben weil die Substanz so fein und die Dichte so dünn ist, ist auch die Lichtgeschwindigkeit so hoch, wir erinnern uns. Und mit dem Äther hat die Lichtwelle auch eine Trägermedium, so wie die Wasserwelle das Wasser und die Schallwelle die Luft braucht.
Was die Schwerkraft betrifft, so ziehen sich laut Euler eben nicht zwei Körper an, zwischen denen es ja gar keine Verbindung gibt. Wie kann da also etwas ziehen? Nein, die Ätherteilchen drücken die Körper aufeinander zu. Von außen hat das das den gleichen Effekt wie die Anziehung zweier Körper.
Und so verbringt Euler viele Seiten damit, seiner Schülerin zu erklären, warum die Engländer unrecht haben. Gewiss, er lässt Raum für Zweifel, aber nicht viel. Der heutige Leser weiß aber (also, zumindest ich), dass der Raum mehr oder weniger leer ist, virtuelle Teilchen hin oder her. Und Lichtwellen haben kein Trägermedium, sind also völlig anders als Wasser- oder Schallwellen. Die Engländer haben recht gehabt. Und Träger der Schwerkraft, die von Euler vermisste Verbindung zwischen Körpern, sind die allerdings immer noch nicht nachgewiesenen Gravitonen.

Ich finde es sehr spannend, naturwissenschaftliche Autoren zu lesen, die noch nicht so viel wussten wie die Wissenschaft heute. Manchmal stellen sich ihre Hypothesen als richtig heraus, manchmal nicht. Einen Vorwurf kann man ihnen nicht unbedingt daraus machen. Euler erkennt ja, dass so etwas wie Gravitonen fehlen, auch wenn er daraufhin die ganze Theorie nicht zulässt; Charles Darwin erkennt in Origin of Species, dass ihm ein ähnlich wichtiges Element fehlt (die Gene), vertraut aber dennoch seiner Theorie und hofft, dass die Wissenschaft nach ihm diese Lücke schließen wird.

– In einigen Briefen erklärt Euler also gerade die Phänomene, die auf unbelebte Körper wirken, vor allem Schwerkraft und Trägheit. Die Trägheit: Was sich bewegt, bleibt in Bewegung; was ruht, bleibt ruhend, solange keine Kraft darauf wirkt. Und Euler – er ist sicher nicht der erste seit Newton, der das erkannt hat – erwähnt auch knapp, wie das den Gottesbeweis aus der Bewegung zunichte macht.
Ich kann mich noch gut an die Gottesbeweise von Thomas von Aquin erinnern, die ich im Grundkurs Religion gelernt habe. Die haben mich damals schon nicht überzeugt. (Den einzigen Gottesbeweis, den meine Vernunft gelten ließ, war die mystische Gotteserfahrung.) Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass diese Beweise aus Thomas’ Summa theologica mir damals als historisch interessant und relevant vorgestellt wurden. Ich sah sie einfach als Gottesbeweise, die mangelhaft waren. Womöglich sind solche feinen Unterscheidungen in diesem Alter aber gar nicht verständlich.
Einer der Beweise ist der kinesiologische Gottesbeweis. Thomas, sich auf Aristoteles berufend, argumentiert, dass alles, was sich bewegt, einen ersten Beweger braucht, der es zum Bewegen gebracht hat. “Prime mover” heißt das auf Englisch – gibt’s das nicht auch auf Latein?
Nun sagen Newton und die Trägheit aber, dass Bewegung keinen Beweger braucht – es sei denn, etwas Unbewegtes fängt an sich zu bewegen, oder etwas Bewegtes hört auf damit. Genauso könnte Thomas also argumentieren: Weil es Unbewegtes gibt, muss es einen ersten Bremser geben. Oder mit Euler gesprochen:

Ich frage [diejenigen, die nach dem ersten Beweger suchen,] also, ob sie es für leichter halten, einen Körper in Ruhe als ihn bald anfangs in Bewegung zu erschaffen? Beides setzt auf gleiche Art die Allmacht Gottes zum voraus

Das haben sie mir im Religionsunterricht nicht beigebracht. Ist vielleicht auch gut so, ein bisschen was zu denken muss man den Leuten ja auch selber überlassen.

Nach den unbelebten Körpern geht es weiter zu den belebten – und damit um den freien Willen, das Bewusstsein, die seinerzeit aktuelle Lehre der Leibnizschen Prästabilisierten Harmonie. Das Schlagwort kannte ich schon, und seit Euler weiß ich auch, was damit gemeint ist. Nämlich etwas, auf das ich selber schon vor achtzehn Jahren gekommen bin.
Aber das gehört schon wieder zu einem anderen Eintrag, mit Zeitreisen und so.

Wie gesagt: Jens Soentgen, Selbstdenken! Kann ich nur empfehlen.

Your true self revealed.

Also, ich habe diesen Test jetzt auch gemacht.
Und siehe: Ich bin ein Considerate Idealist.
Wenn mir das nicht passt, könnte ich mal Folgendes ausprobieren:

You take time to explore your own thoughts and ideas, but this experience would only be heightened if you opened yourself up even more to others’ ideas.
Your faith in yourself and your lifestyle is well-founded, but the occasional foray into the unknown might broaden your perspective and help you see things differently.

Oder Folgendes:

Because other people would benefit immensely from your understanding and insight, you should try to be more outgoing in social situations, even when they make you uncomfortable. Others will want to hear what you have to say!

Die folgenden Graphiken zeigen meine Ergebnisse für 13 Persönlichkeitsmerkmale an.
(Ich habe die Graphiken übrigens nicht als externes Javascript eingebunden, wie die Voreinstellung der Analyse es vorsieht. Es gibt auch die Option, sich den ganzen CSS-Code zeigen zu lassen, den man dann ganz ohne Javascript einbaut. Ich habe ungern fremdes Javascript in meinem Code, und so bin ich außerdem vom fremden Server unabhängig.)

Wenn man jeweils mit der Maus über die farbigen Felder fährt, erfährt man, für welches Merkmal sie stehen. Interessant finde ich, wie unterschiedlich die Darstellung als Fläche (Quadrat) und als horizontale Linie (quasi) wirkt. Bei der Fläche habe ich das Gefühl, dass die Unterschiede zwischen den Werten hervorgehoben werden und die hohen Werte sofort ins Auge springen.

(Beim Test selber habe ich mir Ähnliches gedacht: Geht es in Wirklichkeit vielleicht gar um etwas völlig anderes, nämlich darum, herauszufinden, ob man bei eindimensionalen Skalen ein anderes Ankreuzverhalten zeigt als bei zweidimensionalen Skalen?)

Wer wie ich auf harte Zahlen statt bunte Formen steht, hier das Ergebnis in solchen:

Confidence: 94
Openness: 30
Extroversion:12
Empathy: 40
Trust in others: 96
Agency: 50
Masculinity: 8
Femininity: 20
Spontaneity: 10
Attention to style: 6
Authoritarianism: 8
Earthy (as opposed to Imaginative): 24
Aesthetic (as opposed to Functional): 10

Die Zahlen stehen jeweils für keinen absoluten Wert, sondern geben an, wieviel Prozent der Testteilnehmer einen niedrigeren Wert als den meinen in dieser Kategorie hatten. 10% der Teilnehmer sind also noch weniger Aesthetic bzw. noch mehr Functional als ich.

Insgesamt: Ja, das trifft wohl schon einigermaßen. Allerdings: Meine ganze Persönlichkeit deckt das nicht ab. Da fehlt noch Einiges.

Nachtrag: Ah, ich sehe gerade, dass es auch ein Feature gibt, bei dem man – nachdem man selber den Test gemacht hat – andere Leute einladen kann, einen einzuschätzen. Die Eingeladen beantworten dann etwas anders formulierte Fragen und kriegen dann eine Vergleichsgraphik, wo sie ihre Einschätzung mit der des Einladenden vergleichen können. Wenn das mal keine Tränen gibt. Ich habe jedenfalls noch niemanden eingeladen.

Origami im Kino

Mir könnte man im Kino statt Popcorn auch Origami-Faltpapier anbieten. “Zweimal siebte Reihe und… ach ja, ein Päckchen Origamipapier.” Und dann sitze ich da und falte.

Good Night, and Good Luck

Gestern war ich im Kino, Good Night, and Good Luck von George Clooney.
Hat mir der Film gefallen? Ja.
Wird es ein Lieblingsfilm von mir werden? Wohl nicht. Ich brauche mehr Archetypen. Mehr Pathos.
Würde ich mir andere Filme dieser Art anschauen? Ja, unbedingt.

Der Film ist durchweg schwarzweiß. Er beginn auf einer Gala-Versammlung der Radio-Television News Directors Association 1958, mit der Keynote Speech des Fernsehjournalisten Edward R. Murrow. Die Gäste sind reich geschmückt, haben Doppelkinn und Falten und sehen sehr zufrieden aus. Murrows Rede ist auch heute noch lesenswert: Keine Abrechnung mit dem Fernsehen seiner Zeit, sondern eine Mahnung. Die eigentliche Handlung des Films spielt fünf Jahre zuvor, am Ende schließt der Film wieder mit Murrows Rede.

Der Hauptteil des Films handelt von der Fehde zwischen Murrow und Senator Joseph McCarthy. Diese Geschichte wird mit sehr viel Originalzitaten erzählt. McCarthy selbst tritt nur in historischen Fernsehaufnahmen auf; David Strathairn spricht Murrow wortgetreu, soweit ich das beurteilen kann. (Ich habe nur eine Aufnahme in meinem Archiv gefunden, Murrows Reaktion auf McCarthys Gegendarstellung bei CBS.)
Der Film ist kammerspielartig, es gibt keine Außenaufnahmen, keine Totalen, nur gelegentlich eine Halbtotale. Es gibt keine traditionelle Spannungskurve, abgesehen von der historisch korrekten, aber trotzdem konventionellen Nebenhandlung um Don Hollenbeck. Der Film besteht aus Dialog und Zitat und Pausen dazwischen. Eine Jazz-Sängerin im Studio teilt mit ihren verschiedenen Liedern den Film in Kapitel ein. (Und sie ist natürlich deshalb im Studio, weil sie live übertragen wird. Wie ein Großteil des Materials damals.)

Dass und warum in diesem Film soviel geraucht wird, kann man bei der Kritik bei Telepolis nachlesen. Ein Grund ist sicher auch der, dass sich kräuselnder Zigarettenrauch auf Schwarzweißfilm gerne mal sehr gut aussieht. Sehr lustig ist dabei die Zigaretten-Fernsehwerbung vor einer von Murrows Sendungen: “Unsere Umfragen haben ergeben, dass Sie als Zuschauer von Person to Person überdurchschnittlich gebildet sind und nicht leicht auf Werbung hereinfallen. Das freut uns, denn so können wir Ihnen…” (Nicht erwähnt wird, dass Murrow auch eine Sendung über den Zusammenhang von Krebs und Rauchen gemacht hat.)

Eigentlich geht es in dem Film weniger um die McCarthy-Zeit als um die Rolle, die die Medien spielen können und sollen. Damit ist der Film vor allem eine Kritik an der aktuellen Berichterstattung. Murrows Rede ist heute genauso nötig wie früher. Eine Rückkehr zu Murrows Zeiten ist allerdings nicht möglich; dazu ist das System heute zu veschieden.
In den Frühzeiten von Radio und Fernsehen gab es viele lokale Sender, die von den großen Sendernetzen (wie etwa CBS, Central Broadcasting Network) Programm einkauften. “Syndication” heißt das, so wie bei den RSS-Feeds. Die meisten Sendungen waren gesponsort, allerdings gönnten sich die Sender auch Sendungen ohne Sponsor. “Sustained” hieß das dann, und dafür zahlte CBS dann selber. Dennoch war der Sponsor eminent wichtig. Stieg der Sponsor aus, musste man einen neuen finden, oder die Sendezeit selber bezahlen. Erst später kam das Konzept auf, Werbezeit direkt zu verkaufen, ohne einen festen Sponsor für eine Sendung zu haben.
Sehr viele Sendungen wurden live gesendet. Comedy mit Publikum im Studio, Musik mit Orchester im Raum. Werbung hieß, dass der Vertreter des Sponsors das Mikrophon in die Hand bekam und sein Sprüchlein sagte.

Am Ende des Films wird Murrows Sendung, so erfolgreich sie war, auf einen schlechteren Sendeplatz verschoben: Spielshows mit Preisen sind beliebter und viel billiger zu produzieren.

Lesen dazu: Die Kritik bei Anke Groener.

Historisches:

Vor und während des Zweiten Weltkrieges war Murrow Korrespondent in Europa. Er sendete regelmäßig Reportagen aus Londoner Bombennächten. Die Eröffnungsworte “This.… is London” kannten viele; Edward R. Murrow genoss das Vertrauen der amerikanischen Hörerschaft als zuverlässiger Berichterstatter. Nur deshalb konnte er McCarthy angreifen.

Spätestens nach dem Ende des Weltkriegs wurde die Sowjetunion nicht mehr als Partner, sondern als Bedrohung für die USA empfunden. 1950 brach der Korea-Krieg aus, 1951 wurden Julius und Ethel Rosenberg als russische Spione hingerichtet. Senator McCarthy machte es sich zum Anliegen, Kommunisten und Sympathisanten aus der US-Regierung und unter den Regierungsangestellten zu entfernen. Streng genommen beschränkte sich McCarthy auf diesen Bereich, aber weite Teile des öffentlichen Lebens, allen voran die Film-Industrie, folgten ihm. Kommunisten und Sympathisanten – und das konnte jeder sein, der zwanzig Jahre zuvor (Depressionszeit) auf der falschen Demo war – kamen auf eine illegale Schwarze Liste. Das lud zum Denunziantentum ein. Arthur Millers The Crucible kann man fast nur als Parabel auf diese Paranoia lesen. Ein schöner Film zum Thema ist The Front. Dort verkauft Woody Allen die Drehbücher all der Autoren, die in Hollywood keine Arbeit mehr kriegen.

In den 50ern tauchte ein weiteres Problem auf: Juvenile delinquency, kriminelle Jugendliche. 1955 erschien der Film Blackboard Jungle über verrohte Jugendliche an einer High School (und mit “Rock around the clock” von Bill Haley erreichte auch der Rock ’n Roll das Kino). Wer war schuld daran? Einmal der Kommunismus, andererseits auch die Comics. 1953 erschien Frederick Werthams Seduction of the Innocent, ein populärpsychologisches Buch, das den Comics der Zeit Gewaltverherherrlichung, Brutalisierung und Propagierung von Homosexualität vorwarf. Das Buch hatte großen Einfluss und trug einen großen Teil zum Niedergang der Comics in den 50ern bei.

Die Comics versuchten sich zu wehren, indem sie argumentierten, dass gerade die Kommunisten ein Verbot der Comics wollten. Das half ihnen aber auch nicht mehr.