Leonie Swann, Three Bags Full / Glennkill

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Wie kann ich an einem Buch vorbeigehen, auf dem hinten der Guardian zitiert wird mit: „The best sheep detective novel you’ll read all year.“

Der Schäfer ist ermordet worden, aufgespießt mit seinem Spaten, und die Schafherde beschließt, den Fall zu lösen. Das reicht schon mal als Idee für mich, auch wenn man das gut oder schlecht umsetzen kann.
Ich war sehr zufrieden, die Amazon-Leserkritiken gehen allerdings weit auseinander.

Anders als bei Watership Down oder Felidae befinden sich die Tiere nicht in ihrer eigenen Welt, in der die Menschen nur am Rande auftauchen. Die Handlung spielt in der Welt der Menschen, nur dass alles aus der Sicht der Schafe betrachtet wird. Das führt dazu, dass die Schafe sehr viel nicht oder falsch verstehen. Die Schafe sind nämlich auch, hm, wie sagt man das, ohne die Tiere zu beleidigen… sie sind nicht sehr helle. Und verstehen nicht viel von der Menschenwelt. Mit Mühe und Not kriegen sie heraus, dass der Mensch im schwarzen flatternden Gewand, der im Hause Gottes wohnt, dann wohl Gott heißt. Da er einer der Verdächtigen ist, geht es im Buch oft darum, was Gott eigentlich will und warum er bestimmte Dinge tut oder zulässt. Auch Satan spielt eine Rolle, so heißt der Esel ein paar Felder weiter, und was die Menschen von ihm behaupten, kann nur Verleumdung sein. Rührend naiv sind die Schafe: Ihr Schäfer hat ihnen regelmäßig aus Liebesschnulzen vorgelesen, auch mal aus einem Krimi und aus einem Buch über Schaferkrankungen. (Ein Wissen, dass dei Schafe zu ihrem Vorteil nutzen werden.) Als ein neuer Schäfer sich zeitweise der Herde annimmt, herrscht freudige Erwartung unter den Schafen, und sie diskutieren, welche Art Geschichten er ihnen wohl vorlesen wird.

In der Schlusssequenz deckt Miss Maple – das klügste Schaf der Herde – den anderen minutiös die Zusammenhänge auf und entlarvt den Täter. Nur dass die Beweisführung ziemlich daneben ist. Dennoch führt der Versuch der Schafe, mit den Menschen zu kommunizieren – sie führen ein Theaterstück bei einer Tiershow auf, ein absurdes, aber faszinierendes Stück-im-Stück – dazu, dass der wahre Sachverhalt ans Tageslicht kommt. Und ja, der ist ein wenig hanebüchen, aber das hat mich nicht gestört.

Insgesamt ist das Buch vielleicht ein wenig zu lang. Manche Amazon-Kommentatoren beklagen, dass die Handlung zunehmend unrealistisch würde: Die Schafe müssen sich mit immer neuen Ausreden unter die Menschen mischen, um deren Gespräche zu belauschen. Ich fand das ganz in Ordnung. Einmal fällt es manchen Menschen auch auf, dass ständig Schafe an Orten sind, an denen sie nichts zu suchen haben, und außerdem habe ich mir das ganze ohnehin eher wie einen wandelnden Gary-Larson-Cartoon vorgestellt: Unaufällig ermittelnde Schafe.

(Dass „three bags full“ eine Zeile aus „Baa Baa Black Sheep“ ist, musste mir übrigens erst die mitfahrende Gynäkologin in der S-Bahn erzählen.)

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6 Thoughts to “Leonie Swann, Three Bags Full / Glennkill

  1. Hallo Herr Rau,

    das Buch hat mir ebenfalls sehr gut gefallen, ist aber ursprünglich ein deutsches Buch einer Münchner Autorin und hat den Titel „Glennkill“…

  2. Cool. Danke schön! Dann hätte ich’s auch gleich auf Deutsch lesen können. Steht sogar vorne drin. Dann wär’s ja vielleicht mal was Nettes für den Deutschunterricht.
    (Das kommt davon, wenn man als Snob gleich zur englischen Ecke in der Buchhandlung geht und die deutsche links liegen lässt.)

  3. hihi. ich hab irgendwann mal beschlossen buecher, die ich lesen will, genau dann wenn ich die orginalsprache spreche in selbiger zu lesen — urspruenglich war das gedacht mein englisch zu verbessern, das hat sich NICHT bewarheitet, aber es bleiben schlechte uebersetzungen erspart und man gewoehnt sich daran erstmal zu schaun in welcher sprache ein buch geschrieben wurde.

  4. Hallo Hr. Rau,
    stimme deiner Zusammenfassung voll und ganz zu. Ich hab mir das Buch in erster Linie wegen dem Umschlagbild gekauft – sah nett aus. Außerdem war die Inhaltsangabe vielversprechend.

    Bis morgen.

  5. hab über das buch in deutsch gehört und dachte es käme aus irland. hab’s dann auf englisch gelesen und fand erst von wikipedia heraus dass leonie swann ein pseudonym für eine deutsche schriftstellerin ist. wäre das buch so gut angekommen wenn sie irgend einen deutschen namen gewält hätte? na, ‚mopple‘ hätte mir eigentlich auf die richtige spur verhelfen sollen, aber ich bin eben kein schaaf. ’ständig schafe die an orten sind and denen sie nichts zu suchen haben‘ – herrlicher einfall, und so komisch. ich würde wahnsinnig gerne eine filmversion dieses buches sehen.

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