Anrufen in Bishopsbridge (Schnitzeljagd I)

Eine Englisch-Didaktik-Übung an der Uni habe ich noch gut in Erinnerung: Es ging um verschiedene spielerische Methoden im Unterricht. Ein Höhepunkt war die folgende Aktion des Seminarleiters.

In der Woche zuvor waren wir gebeten worden, jeweils ein paar Mark in Münzen mitzunehmen. Der Seminarleiter begann mit einer Geschichte; er müsse jetzt nicht mehr unterrichten, weil er überraschend zu Geld gekommen sei. Wir könnten ihn aber dazu erpressen. Und er teilte den einzelnen Gruppen ein erstes Blatt mit Arbeitsanweisungen aus. Den Rest der Stunde verbrachten wir auf einer Schnitzeljagd durchs Universitätsgelände.

Zuerst waren wir bei einem (muttersprachlichen) Dozenten. Er stellte sich dumm: Ah, sehr interessant, was der Kollege da treibe. Aber er selber wisse von nichts. Wir waren schon am gehen, da rückte er doch noch mit dem Namen eines Urlaubsorts (“Bishopsbridge”) und einer Telefonnummer heraus. Also auf zum Münzfernsprecher – Handys gab es damals noch nicht – und von dort aus zur nächsten Spur. Es lief auf eine Räuberpistole um Erbschleicherei und Bigamie heraus, der letzte Anruf bei einem Gynäkologen enthüllte uns das perfide Mordkomplott.

Ein Detail ist mir dabei besonders in Erinnerung: Die erste Telefonnummer in Deutschland brachte uns auf die Spur und den Namen “einer alten Freundin” des Dozenten, die einer bestimmten Bank in London arbeitete. Die könne uns weiterhelfen, die sei damals in Bishopsbridge dabei gewesen.
Was wir Englischstudenten also tun mussten, war – zuerst bei der englischen Auskunft anzurufen, um dort die Nummer der Bank zu erfragen (WWW gab es damals auch noch nicht wirklich) und dann bei der Bank selber anzurufen und uns mit der betreffenden Dame verbinden zu lassen. Und dann natürlich auf Englisch mit ihr über die Geschichte zu reden.

Das klingt nicht spektakulär, war es aber. Wildfremde Banken anzurufen auf Englisch, wo wir kaum “I’ll put you on hold” als Vokabel drauf hatten. Ich hatte zuvor gerade mal Theaterkarten per Telefon und bestellt.

Das ganze funktionierte übrigens so: Der Seminarleiter hatte tatsächlich eine Freundin, die in England und bei dieser Bank arbeitete. Sie hatte sich den Zeitpunkt unseres Seminars freigehalten und auf unsere Anrufe gewartet. Aber das Drumherum, das Verbindenlassen, das war natürlich echt.

– Ich habe mich an diese Stunde erinnert, weil ich auf einer Mailing-Liste einen Beitrag einer Englischlehrerin gelesen habe, die ihren Schülern Telefonvokabeln beigebracht und sie dann in England hat anrufen lassen: “bei Blackstone’s in Oxford nachfragen, ob ein bestimmtes Buch vorrätig ist, im Museum of Natural History nach den Öffnungszeiten und den Eintrittspreisen fragen, Informationsmaterial für ein Auslandsstudium an einer Uni anfordern”.

Toll. Das will ich auch mal machen.

(Schnitzeljagd II ist hier. Das war eine nachmitternächtliche Geburtstagsirrfahrt mit Trenchcoat und Zigaretten in meiner Krimi-Phase.)

7 Antworten auf „Anrufen in Bishopsbridge (Schnitzeljagd I)“

  1. Das mit dem Anrufen lassen ist super – habe ich mal aus Italien gemacht. Die Schüler mussten in Jugendherbergen in Deutschland anrufen und fragen, ob zu bestimmten Zeiten noch Schlafplätze frei seien… Hat viel Spaß gemacht und die Vokabeln zum Thema “Urlaub und Reisen” haben sie nicht wieder vergessen. Sollte ich mal wieder machen!

  2. Die Schüler haben alle das Handy der Lehrerin benutzt. (Die hat die Kosten halt selber übernommen.) Übrigens ein Vorteil des Handys gegenüber dem Münzfernsprecher an der Uni: Man kann das Handy auf laut stellen und so alle in der Klasse mithören lassen.

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