Schuljahresendgenörgel: Zeugnisdruck

Der Zeugnisausdruck erfolgt auf wichtigem Papier, mit blauem Rand und Wappen darauf. Daraus folgt, dass es gibt vier Möglichkeiten gibt, so ein Blatt in den Laserdrucker zu legen. Drei davon führen zu Fehldrucken. Was macht man also? Rumprobieren, bis man es hat.
Man könnte ja einen Zettel am Drucker befestigen, der den nachfolgenden Lehrern einen Tipp gibt, wie herum das richtig ist.

Das Schulverwaltungsprogramm des Todes: Etiketten mit den Zeugnis-Bemerkungen ließen sich damit schon immer nur schwer ausdrucken. Dabei ist das sogar vorgesehen. Denn für jeden Schüler gibt es einen papiernen Notenbogen, auf dem die Noten stehen, und ob der Schüler vorrücken darf, und was zu Mitarbeit und Verhalten und Anlage (also: Charakter) in seinem Zeugnis steht. Dieser Bogen wird im Lauf des Schuljahres handschriftlich ausgefüllt; die Zeugnis-Bemerkungen werden in den Rechner getippt, und damit die die ebenso dokumentiert sind, werden sie auf selbstklebende Etiketten ausgedruckt und eingeklebt.

(Digital gespeichert werden darf nichts. Neulich kam ein Schrieb, dass man noch nicht gleich zum 1.8. die alten Daten löschen muss, sondern ein bisschen warten darf. Ich weiß nicht, wie das Schulen mit nur digitalem Notenbuch handhaben. Aber Schreiben vom KM gibt es ja viele.)

An die Etiketten kommt man letztlich so: Aus dem Zeugnisverwaltungsprogramm heraus in eine Pdf-Datei drucken, von dort kopieren und mit Office umformatieren und in eine Tabelle umwandeln, daraus einen Etiketten-Serienbrief erstellen. In der zehnten Klasse sind die Bemerkungen dank der neuen Englisch-/Französisch-/Lateinregelung schon mal 120 Wörter lang. Schriftgröße 6 pt – wir werden in Zukunft wohl größerer Etiketten oder eine Extraseite im Notenbuch brauchen.

– In other news: Teacher is suspended for jibe on Facebook about her class. Immerhin bei vollem Gehalt, bis die Sache geklärt ist. (Via rip.) Dabei hat sie gar nichts so Schlimmes über die Klassen gesagt. Immerhin, die Frage, was Lehrer über ihre Schule, Schüler, Schulleitung sagen dürfen, interessiert mich ebenso wie die, was Schüler sagen dürfen.

Horace McCoy, They Shoot Horses, Don’t They?

Spannendes Wettrennen: was kommt zuerst, Sommerferien oder Zusammenbruch? Noch eine Woche.

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Vielleicht doch mal als Schullektüre? Beim ersten Lesen vor einigen Jahren hat mich das Buch noch mehr beeindruckt, aber gut fand ich es auch diesmal noch. Interessant ist die Gattung: Das Buch läuft unter novel, ist aber schon sehr kurz, 120 Seiten, sehr großzügig gesetzt. Nur ein Handlungsstrang, strenger Aufbau – eine Novelle eben.

Das Buch erschien 1935, mitten in der Depressionszeit. Robert und Gloria versuchen erfolglos, in Hollywood Arbeit in der Filmbranche zu finden, aber es gibt keine Arbeit. Sie lernen sich zufällig kennen und beschließen, an einem Tanzmarathon teilzunehmen.

Dieser Tanzmarathon sieht so aus: 144 Paare treten an und tanzen. Rund um die Uhr. Eine Stunde und fünfzig Minuten tanzen, dann zehn Minuten Pause – um zu essen, zu schlafen, auf die Toilette zu gehen, sich zu rasieren. Nach einer Woche sind nur noch die Paare dabei, die es wirklich ernst meinen, gut siebzig. Nach und nach werden es immer weniger, nach 879 Stunden sind noch 20 Paare dabei. Das sind 36 Tage.

Warum machen die Teilnehmer mit? Ein paar hoffen auf die 1000 Dollar Preisgeld, vielen geht es nur um das regelmäßige Essen; Robert nimmt zweieinhalb Kilo zu während des Turniers.
Was springt für die Veranstalter heraus? Die Zuschauer zahlen Eintritt. Damit sich das Geschäft lohnt – Arzt, Lebensmittel, Krankenschwestern, Ansager, Saalmiete wollen bezahlt werden -, müssen viele Zuschauer kommen. Zum einen hofft man auf die Zugkraft durch Stars unter den Besuchern. Ruby Keeler (42nd Street) schaut vorbei und Alice Faye (Alexander’s Ragtime Band), von beiden habe ich einige Lieder auf dem iPod. (Weitere Namen in Kapitel 10 und 11, zum Recherchieren für Referate.)
Zum anderen lässt sich die Leitung Gimmicks einfallen: ein Paar wird – gegen Bezahlung – während des Marathons heiraten. Täglich gibt es Ausscheidungsrunden, eine Art Wettrennen, “derby” genannt. Fünfzehn Minuten traben die Paare um einen Parcours, die Männer müssen gehen, die Frauen halten sich mit einer Art Geschirr an ihnen fest und dürfen gehen oder rennen, wie sie wollen.

Ein Paar scheidet aus, weil der Mann ein gesuchter Verbrecher ist. Ein anderes wird unauffällig entfernt, weil die Frau minderjährig ist (“jailbait”) und der Mann das Weite suchen muss. Eine Frau ist schwanger, der örtliche Moralverein protestiert.

Glorias Niedergeschlagenheit und Bitternis wächst kontinuierlich. Man erfährt ein paar Details aus ihrer Vergangenheit, mehr als über Robert. Zum Schluss bittet sie Robert, sie zu erschießen. Er macht das auch; daher die angedeutet Rahmenhandlung mit einem Todesurteil für Robert vor Gericht. Deutsche Übersetzung des Titels: “Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss”.

– Leicht zu erkennen die novellentypische Symbolik: Das Leben als eine “Rennebahn”, wie es in dem dem Gryphius-Sonett heißt; ein Tanz, bei dem man nicht gewinnen kann, sondern sein Bestes geben muss, allein um nicht auszuscheiden; die Entmenschlichung der Teilnehmer.
Der Aufbau ist zwingend und unerbittlich, einmal durch die immer wieder angedeutete Rahmenhandlung, die das Ende vorwegnimmt, außerdem durch die stetige Reduktion in der Anzahl der Paare, das Mitzählen der Stunden.

– Zur Geschichte der Tanzmarathons: Ja, es hat solche Veranstaltungen gegeben, und zwar in dieser Form und mit jeweils vergleichbaren Regeln und Einlagen. Unbestätigten Quellen zufolge (besser bekannt als: das Web) dauerte der längste 22 Wochen; eine zuverlässigere Quelle spricht von 1638 Stunden, mehr als zwei Monaten.
Zuerst, noch in den 20er Jahren, war diese Tanzwettbewerb noch Ausdruck des Strebens nach mehr oder weniger albernen Rekorden: flagpole sitting oder Alleinflüge über den Atlantik. Als aber klar war, dass man damit – anders als bei anderen Rekordversuchen – als Veranstalter Geld verdienen konnte, und als es in den 30er Jahren immer mehr arbeitslose und verzweifelte Menschen gab, wurden die Tanzmarathons zu den beschriebenen menschenunwürdigen Veranstaltungen.

– Siehe auch Hands on a Hard Body, ein Dokumentarfilm von 1997 über eine jährliche Veranstaltung in Texas: 24 Teilnehmer legen eine Hand auf einen niegelnagelneuen Pickup-Truck, und wer die Hand am längsten dort lässt, ohne sich an das Auto zu lehnen oder in die Hocke zu gehen, der gewinnt das Auto. 1995 waren das 77 Stunden. Also wirklich harmlos im Vergleich zu den Marathontänzen. (Ich kenne den Wettbewerb aus dem bei Wikipedia verlinkten NPR-Radiobeitrag.)
Der Vergleich zu aktuellen Reality-Shows bietet sich an. Aber im Vergleich zur Depressionszeit geht es uns noch richtig gut.

(Die Sidney-Pollack-Verfilmung mit Jane Fonda kenne ich nicht. Klingt aber gut.)

Unser Theatron (im Sommer)

Ich warte noch auf den Historiker, der klärt, ob wir ein Theatron (mit Orchestra) oder ein Amphitheater auf dem Schulhof haben. Theatron scheint sich gerade durchzusetzen, ich neige selber auch dazu. Runde Fläche zum Spielen, Sitzreihen, die fast (aber eben nur fast) ganz herum gehen, Platz für 120 Schüler, denke ich, vielleicht auch 150. Ordentliche Akustik.

Was tun mit einer 9. Klasse zum Ende des Schuljahres? Es ist heiß und chaotisch. Filme zeige ich nicht gerne, und Spaß machen die im heißen Klassenzimmer auch nur mäßig. Also haben Gruppen aus der Klasse in den letzten Stunden einzelne Szenen aus der Lektüre Andorra eingeübt (in diversen Ecken und Nischen des Schulgebäudes), und heute führten sie diese dann in einer Doppelstunde vor. Und zwar draußen, im Theatron. Ein bisschen Luft ging, es war viel angenehmer als drinnen. Und die Schüler üben das laute Sprechen – das können auch jetzt noch nicht alle gleich gut.

(Fotos von Fabian B. und von mir.)

Die Fotos habe ich gleich danach im Klassenzimmer gezeigt: Speicherkarte aus dem Apparat und in den Rechner, und mit dem Beamer an die Wand geworfen. Sehr praktisch, habe ich schon bei einer Englisch-Übung vor kurzem gemacht.

Lesereise (im Papierweb mit König Artus)

Wenn ich diesen Blogeintrag nicht bald schreibe, läuft er mir noch ganz davon. Also: Ich lese gerade viele Bücher, die ich schon einmal gelesen habe. Das vierte in Folge. Und das macht Spaß. Klar ist es toll, neu erschienene Bücher zu lesen, über aktuelle Trends Bescheid zu wissen und mit dem Feuilleton mitreden zu können. Wer das beruflich macht, für den ist das auch wichtig. Aber es gibt so viele schöne nicht aktuelle Bücher, schon gelesene oder nicht.

Angefangen hat das mit David Lodge, Changing Places. Das ist ein (launiger) Universitätsroman, ein Genre, das es in Deutschland fast gar nicht gibt. Inhalt: ein englischer und ein amerikanischer Dozent unterschiedlichen Charakters tauschen Ende der 1960er Jahre für ein Semester die Plätze, und teilweise auch die Rollen und Ehefrauen. Auch als Schullektüre zu empfehlen, man kann viele Symmetrien herausarbeiten, und jedes große Kapitel ist sehr bewusst in einer anderen Technik geschrieben. Außerdem unterhaltsam.

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Danach spielte ich kurz mit dem Gedanken, mit Lucky Jim von Kingsley Amis weiterzumachen: fünfzehn Jahre früher, weniger technisch verspielt, sentimentaler und zorniger, ein Urvater des (immer noch launigen) Universitätsromans. Aber er hatte keine echte Chance, zuerst war Small World von David Lodge dran. Das ist insofern eine Fortsetzung des ersten Romans, als die beiden Professoren wieder mitspielen – aber nicht nur die. Aber jetzt kommt erst mal das Schaubild für heute:

lesereise

Small World ist als Schullektüre weniger geeignet. Die Struktur ist diesmal der Artusepik entnommen: Statt Rittern, die auf Questen durch alle Herren Länder ziehen und dem heiligen Gral nachjagen oder den Fisher King von seinem Fluch befreien, gibt es Universitätsdozenten, die durch alle Herren Länder von Konferenz zu Konferenz ziehen, dort amouröse und andere Abenteuer erleben, dem neu eingerichteten UNESCO-Lehrstuhl für Literaturkritik nachjagen oder dem alten, geschwächten, nicht mehr produktiven Meisterkritiker Arthur Kingfisher wiederbeleben. Viele Nebenhandlungen, viele Personen, viele Schauplätze; gelehrte, nicht ganz ernst gemeinte Literaturtheorie – warum das Epos dem männlichen Orgasmus entspricht, die Romanze dem weiblichen und welches Körperteil der Komödie zuzuordnen ist. (Der Anus.) Wenn man von einer Hauptperson sprechen kann, dann ist das der unerfahrene Percy (get it?), der seiner großen Liebe nachjagt und sie doch nicht erreicht. Liebenswerte Nebenfiguren sind die Frau am Flughafen-Schalter, die Romanzen liebt und gezielt nette Menschen neben andere nette platziert, und nervige neben Kleinkinder setzt; der Autor, der nicht mehr schreiben kann, seit eine Computeranalyse ergeben hat, dass sein Lieblingswort “grease” ist; der paranoide Professor, der dem Dialog mit Eliza verfällt.

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Danach erinnerte ich mich an John Steinbeck, Tortilla Flat. Das Buch erzählt die Abenteuer einer Bande von Herumtreibern und Streunern in Monterey, Kalifornien. Auch hier dienen wieder die Ritter der Tafelrunde als Vorbild – nur dezent, aber unverkennbar. Die episodenhafte Struktur, die ritterromanhaften Untertitel der Kapitel, angeredet wird zwischendurch immer wieder mit “thou”, es geht um eine Gemeinschaft, die – más o menos – gute Taten verüben will; es geht um heilige Objekte und zum Schluss auch um den Untergang dieser Gemeinschaft. Und so heißt der letzte Satz des Romans dann auch:

And after a while they turned and walked slowly away, and no two walked together.

Ich hatte immer vermutet, der Satz sei direkt aus der Artusepik geklaut, aber möglicherweise ist er tatsächlich echt Steinbeck. Er passt jedenfalls hervorragend zum Stoff.

Ich mag den Tafelrunden-Stoff nämlich sehr. Die eigentliche Geschichte ist für mich die: Ein wildes, gesetzloses Land. Eine Runde von Rittern, die erst mal mit der gröbsten Ungerechtigkeit aufräumen, aber das eher aus Abenteuerlust. Dann eine zweite Stufe der Zivilisierung, ein größeres Ziel. Und danach der unausweichliche Zusammenbruch der Tafelrunde und aller ihrer hehren Ziele (auch wegen Lancelot und Guinevere, lange Geschichte) – und die Frage, inwiefern sich das ganze überhaupt gelohnt hat, inwiefern die Tafelrunde überhaupt eine Rolle gespielt hat. Das ist der Stoff, den ich immer wieder auf die eine oder andere Art erzählt bekommen möchte, und deshalb haben mich die ganzen Artus-angehauchten-Verfilmungen der letzten Jahre überhaupt nicht interessiert.

(Ich finde das völlig in Ordnung, immer wieder die gleiche Geschichte neu erzählt zu bekommen. Das gilt für Theaterstücke und für Opern ebenso. Und für Spider-Man: seine Geschichte ist die von “with great power comes great responsibility”, vom ethischen Dilemma. Die Fantastic Four haben ihre Geschichte: Familie entdeckt neue Welten. Frank Miller hat Daredevil zu seiner Geschichte verholfen; Peter David hat die von Hulk definiert; Thor hat immer noch keine.)

Der Stil von John Steinbeck ist episch wie bei Don Camillo (und damit anders als Garrison Keillor) und komisch-heroisch wie wie bei Damon Runyon, hat ein bisschen was von magic realism ohne Magie. Bekannter ist sein Roman Cannery Row in ganz ähnlichem Tonfall. Den hätte ich auch fast als Nächstes gelesen, aber dann entschloss ich mich doch, die Artus-Spur zu verfolgen.

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Und die führte mich zu Mark Twain, A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court. Auch hier wird wieder meine Geschichte vom Scheitern einer Idee erzählt.
In der kurzen Rahmenhandlung behauptet ein moderner Amerikaner, die Zeit der Artussritter miterlebt zu haben; als Beweis liegen seine Aufzeichnungen, eine Art Tagebuch vor, die den eigentlichen Roman ausmachen:

Under the old dim writing of the Yankee historian appeared traces of a penmanship which was older and dimmer still – Latin words and sentences: fragments from old monkish legends, evidently.

Es ist vor allem Malorys Le Morte D’Arthur, der als als Vorlage durchscheint – mehr dazu unten.

Hank Morgan, der Yankee, will die abergläubische und feudale Welt der Ritter und Leibeigenen auf den Stand des aufgeklärten, demokratischen 19. Jahrhunderts bringen – oder was er dafür hält. Er gibt die ersten Zeitungen heraus. Der erste Reporter schreibt noch eher ungelenk: Sein erster Bericht von einem Turnier (Kapitel IX) liest sich sehr trocken und wie eine schlechte Aufzählung im Lokalblättchen, wo in wenig abwechslungsreichem Stil möglichst viele Namen erscheinen müssen. Kunststück, er ist wörtlich aus Malory entnommen (Buch VII, Kapitel XXVII). (Ähnlich Sandys Erzählung in Kapitel XIX, diesmal sogar mit Malory als Quelle in einer Fußnote.) Überhaupt, die Zeitungsausschnitte: müssen ein Albtraum für jeden Setzer sein, so voll mit Satz-Fehlern, wie sie im Buchdruck vorkommen können. Wie das wohl in der deutschen Übersetzung aussieht?
Der Erzähler macht sich in bisschen über die Sprache lustig, die er als Urvater des deutschen Satzbaus ansieht. Hier stammt auch das bekannte Twain-Zitat her:

Whenever the literary German dives into a sentence, that is the last you are going to see of him till he emerges on the other side of his Atlantic with his verb in his mouth.

Allerdings färbt die Sprache auch auf den Yankee ab. “It was plain I had undergone a considerable change without noticing it. I found myself unpleasantly affected by pert little irreverencies which would have seemed but proper and airy graves of speech at an earlier period of my life.”

Twains Ritter sind ähnlich naiv und planlos wie die paisanos bei John Steinbeck:

They alway put in the long absence snooping around, in the most conscientious way, though none of them had any idea where the Holy Grail really was, and I don’t think any of them actually expected to find it, or would have known what to do with it if he had run across it.

Sie werden mit Narren verglichen und ihre ewige Zum-Kampf-Herausforderei mit dem Verhalten von Kindern. Und doch:

Yet there was something very engaging about these great simplehearted creatures, someting attractive and lovable. There did not seem to be brains enough in the entire nursery, so to speak, to bait a fishhook with; but you didn’t seem to mind that, after a little, because you soon saw that brains were not needed in a society like that, and […] perhaps rendered its existence impossible.

Der Yankee – und mit ihm Mark Twain – greift Aristokratie und Kirche an, bekämpft Leibeigenschaft und Sklaventum. Auch für Frauen will er das Wahlrecht einführen, zumindest “to all mothers who at middle age should be found to know nearly as much as their sons at twenty-one”. Große Religionsgemeinschaften will er abschaffen: “We must have a religion – it goes without saying – but my idea is, to have it cut up into forty free sects, so that they will police each other, as had been the case in the United States in my time.”
Das ist Teil eines new deal, den er den Bürgern des Landes vorschlägt. Franklin D. Roosevelts soll seinen New Deal danach benannt haben. (Und seinen Sommersitz hat er “Shangri-la” genannt – nach James Hilton.)

Allerdings ist der Yankee keinesfalls ausschließlich ein Sprachrohr Mark Twains. So modern Hank Morgan ist, so sehr ist er in seiner eigenen Welt gefangen. Er glaubt daran, mit Technik letztendlich alles lösen zu können. Er ist: “practical; yes and nearly barren of sentiment […] or poetry”, seine Ausbildung sah so aus: “[I] learned to make everything; guns, revolvers, cannons, boilers, engines, all sorts of labor-saving machinery. Why, I could make anything a body wanted – anything in the world, it didn’t make any difference what”. Homo faber, anyone?
An dem Säulenheiligen, der sich tagaus tagein ständig zu Boden beugt und wieder aufrichtet, befestigt er Gummizüge, um mit der Energie eine Nähmaschine zu betreiben, und beschreibt stolz, wie viel Hemden damit produziert werden konnten (Kapitel XXII). Er ist siegessicher, weil er sich für “the best-educated man in the kingdom” hält. Die Ausbildung einer neuer Generation von selbstständig denkenden Bürgern geschieht in einer “Man Factory” (Kapitel XIII), “it’s a Factory where I’m going to turn groping and grubbing automata into men” (Kapitel XVII).

Er arbeitet mit verschiedenen Methoden daran, Kirche und Ritter lächerlich aussehen zu lassen. Nach einer längeren Sequenz, in der er und Artus sich verkleidet unters Volk mischen und als Sklaven verkauft werden (eine Sequenz, die mich sehr an die Erziehung Artus’ durch Merlin bei T.H. White erinnert), versetzt er dem Rittertum den Todesstoß: In einem Turnier besiegt er seine Gegner mit dem Lasso, und als ihm sein Konkurrent Merlin das stiehlt, schließlich mit dem Revolver – er erschießt erst einen, und dann acht weitere Ritter, bis diese den Schwanz einziehen und aufgeben.
Daraufhin errichtet er letztlich eine Diktatur (wer nicht mitmacht, stirbt), macht seine geheim gehaltenen Schulen und Fabriken bekannt. Er führt Dampfschiffe ein und Eisenbahnen, will bald Ameika entdecken, und veröffentlicht eine Herausforderung an die gesamte Ritterschaft Englands: er und fünfzig Assistenten, jederzeit, gegen alle, bis auf den Tod.

Und dazu kommt es dann auch. Das Dreieck Lanzelot-Guinevere-Artus ist Auslöser; die Kirche belegt den Yankee mit einem Bann, die Leute folgen der Kirche, auch die eben erst befreiten Sklaven. Die Kriegsberichterstattung in Kapitel XLII stammt wieder direkt von Malory (Buch XXI, Kapitel IV):

Then the king looked about him, and then was he ware, of all his host and of all his good knights, were left no more alive but two knights; that one was Sir Lucan the Butler, and his brother Sir Bedivere, and they were full sore wounded. Jesu mercy, said the king, where are all my noble knights become?

Der König ist tot, Guinevere im Kloster. Die Ritter Englands greifen im Namen der Kirche an; der Yankee und seine Anhänger verschanzen sich hinter elektrisch geladenen Zäunen und Maschinengewehren und Minen. Innerhalb einer Nacht sterben alle 25.000 Ritter blutigst durch Stromschlag, Sprengstoff, Gewehrfeuer oder Ertrinken. Eine gruslige Sequenz:

One could make out but little of detail; but he could note that a black mass was piling itself up beyond the second fence. That swelling bulk was dead men! Our camp was enclosed with a solid wall of the dead – a bulwark, a breastwork, of corpses, you may say.

Wenn der Yankee schon Giftgas gehabt hätte, er häte auch das eingesetzt. Seine Truppe ist kampflos Sieger, aber eingemauert von den Leichen, die zu verwesen beginnen. “We had conquered,; in turn we were conquered.” Merlin schleicht sich in das Lager und Hank Morgan, der Yankee am Hof König Artus’, versinkt – man erfährt nicht, wie – in einen todesähnlichen Schlaf. Ende.

Wieder ist eine Vision vernichtet, eine kurze Blütezeit zerstört. Nur kommt in diesem Fall hinzu, dass die Vision Hank Morgans wenig besser war als die Barbarei vor ihm; dass die Technik des 19. Jahrhundert dem 6. Jahrhundert keinen Fortschritt gebracht hat. Offen bleibt, ob das am zu schnellen Vorgehen und der Person des Yankee liegt, oder ob, pessimistischer, der Mensch unverbesserlich ist: “Well, there are times when one would like to hang the whole human race and finish the farce.”

(Und was gab es in Deutschland zu dieser Zeit zu lesen? Effi Briest.)

***

Zwischendurch griff ich zum Urvater der modernen Artus-Geschichten. Le Morte d’Arthur von Thomas Malory. (Fußnote: “Mallory” nannte Raymond Chandler den Detektiv seiner ersten veröffentlichten Geschichte.) Gedruckt im 15. Jahrhundert von William Caxton. In jungen Jahren habe ich das mal ganz gelesen, wenn auch in deutscher Übersetzung. Was man halt so macht in seiner Freizeit.
Interessant ist das Nachwort meiner Ausgabe, das unter anderem die Entwicklung des Artus-Stoffes umreißt. Ich habe hier mal vieles davon in einem Diagramm dargestellt, wichtig war mir vor allem, wie nach und nach die verschiedenen Elemente, die für mich heute den Stoff ausmachen, hinzukamen:

artus-stoff

Müsste man eigentlich mal ein W‑Seminar dazu anbieten. Warum es englische und französische Versionen des Stoffes gibt, ist klar: ausgeformt wurde der Stoff zur anglonormannischen Zeit, teils als Vorbild für den Hof dort, dann nach der Lösung von Frankreich als veraltet betrachtet.

***

Wie geht es jetzt weiter mit meiner Lesereise? Sicher nicht zu Marion Zimmer Bradley. Ihr Die Nebel von Avalon habe ich in jungen Jahren gelesen, ich habe ihn als historischen Roman in Erinnerung, und die mag ich nicht sehr. Humorlos, ohne Übertragung auf spätere Zeiten. Nicht meine Geschichte. Viel eher die Artusversion von T.H. White: The Once And Future King, die meine Sicht auf den Stoff sehr geprägt hat. Sie ist wunderbar anachronistisch – die stärkeren oder schwächeren Ritter, die man sich für mehr oder weniger Geld als Streiter für die eigene Sache engagiert, werden mit heutigen Anwälten verglichen. Sie ist sentimental und hält die Wage zwischen Optimismus und Pessimismus. Auch da geht am Ende alles kaputt, und Artus fragt sich, ob es die ganze Sache wert war, ob die Tafelrunde irgendwelche bleibende Auswirkungen haben wird. Am Vorabend der letzten Schlacht schickt er den jungen Tom (Thomas Malory) fort, damit der die Geschichte von Artus’ Idee weitererzählen kann.

Andererseits: Vermutlich hat mich der kurze Schlenkerer zu Chandlers Mallory auf eine andere Spur geworfen: ich mache jetzt mal wieder mit Chandler weiter.

Die liminale Phase: Kasperltheater in den letzten Wochen vor den Sommerferien

An sich mag ich die liminale Phase der letzten Schulwochen.

Liminale Phase: Schwellenzustand, in dem sich Individuen oder Gruppen befinden, nachdem sie sich rituell von der herrschenden Sozialordnung gelöst haben. (Wikipedia)

Individuen und Gruppen: das sind Klassen, Schüler und Lehrer. Da sind tatsächlich einige dabei, die man unbedingt als “Individuum” bezeichnen muss.
Die herrschende Sozialordnung: das sind die GSO, die Hausordnung, das regelmäßige Abhalten von und Erscheinen zum Unterricht, und weitere Regeln.
Die rituelle Ablösung: findet seit Wochen statt. Ritual folgt Ritual. Abistreich, die Abiturfeier, die Kursfahrten der Kollegstufe, die Extrawünsche diverser Alphatierchen, die Abwesenheit der Schüler durch Chorproben, Ökumenischen Arbeitskreis, sonstige AGs, zuletzt (oder auch nicht zuletzt) der Notenschluss und die Zeugniserstellerei – alles höchst liminalisierend. Irgendwas ist ja immer, und zwar gleichzeitig.

Heute war der Lateinmarsch. Der ist schon seit Jahren nicht mehr so unsäglich wie früher, als die Schüler noch fröhlich Bücher verbrannt und sich nichts dabei gedacht haben. Heute feierten sie ihre humanistische Bildung, indem sie auch für sich einen Abistreich en miniature und eine Auszeit vom Unterricht reklamieren. (Die außerschulische Feier am Vorabend hat Nachwirkungen, von denen ich leider nichts erzählen darf. Muss mal fragen, ob das Bücherverbrennen einfach nach draußen verlegt wurde.) Komm mir noch ein Lateinlehrer mit dem Argument, dass die Schüle da irgendetwas Humanistisches mitnehmen.

Man kann es vielleicht zwischen den Zeilen herauslesen: Ich unterstütze diesen Lateinmarsch nicht. Als mich heute in der Pause einige in Betttücher gewickelte Elftklässlerinnen durchaus höflich baten, ihnen “alle Lateinlehrer, die gerade da sind” zum Spielen hinauszuschicken, bot ich mich an, den anwesenden Lateinlehrern das auszurichten. War aber keiner da. Der Bitte, ihnen die Räume zu nennen, in denen diese Lehrer gerade unterrichteten, auf dass man sie aus dem Unterricht holen könne, kam ich allerdings nicht nach. Da waren die Grazien enttäuscht.

Ich habe gar nicht mal so viel gegen Schüleraktionen. Aber ein bisschen Widerstand müssen wir Lehrer ihnen noch bieten. Soll die Schule jetzt tatsächlich eine Liste mit Räumen und Lehrern anbieten? Ein bisschen was müssen sie schon auch selber machen.

Zurück zur liminalen Phase. Alles geht durcheinander, Unterricht findet sehr viel spontaner statt. Das gefällt mir. Ich komme auch gut zurecht, mache halbwegs sinnvolle Sachen. Und zeige keine Filme. Unterrichtsbesuche der Schulleitung sollten allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht mehr stattfinden, finde ich.

Im Kollegium breitet sich Galgenhumor aus. Kollege Z. hatte gestern Kasperlfiguren dabei, um mit der Unterstufe Kasperltheater zu spielen. Das ist gar schönes Spielzeug für Erwachsene. Über unsere Kaffeetheke gelehnt lässt sich hervorragend mit diesen Puppen kommunizieren. Sehr therapeutisch, brauchen wir unbedingt mehr davon. Die entstandenen Dialoge kann ich hier nicht wiedergeben.

Trotzdem freue ich mich schon auf die Ferien. Die Schüler sind in Ordnung, aber bei aller Liebe: Ein paar Wochen lang keine Kollegen, das kann mir nur gut tun.

Nachtrag: Ach ja, Papierstapel. Ich halte halbwegs Ordnung. Aber so in der ersten oder zweiten Juliwoche, da gebe ich auf, und staple nur noch. Das ist dann so die letzte Sprintstrecke bis zu den Ferien, die halte ich ohne Ablage durch. Danach ist dann Ausmisten.

Can you see anything?

In den Pfingstferien war ich auf Wunsch von und mit meinen Neffen in der Tutanchamun-Wanderausstellung. Das ist diese Ausstellung, in der die Schätze der Grabkammer säuberlich auf- und ausgestellt sind – wenn auch alles nur in Form von Nachbildungen. Aber dafür kann man ganz nah ran.

Dass man dort keine Originale sieht, finde ich in Ordnung. Auch in Museen stehen oft Nachbildungen, und das auch noch hinter Glas. Die Tutanchamun-Exponante können im Gegensatz dazu beliebig neu und glänzend aussehen, auf eine Art und Weise, wie man nie ein Original restaurieren würde. Und danach machen die Originale noch mehr Spaß. Allerdings war es schwer, die wiederholte Frage des einen Neffen zu beantworten: “Ist das echtes Gold?” “Nein, das ist im Original nur vergoldet. Und das hier ist nur nachgebildete Vergoldung.”

Toll waren der garagengroße äußere Schrein, in dem der mittlere und in welchem wiederum der innere Schrein war, und darin der der äußere Sarkophag und darin der mittlere und der innere und so weiter, bis hin zur eingewickelten Mumie mit schmückender Maske. (Ausgewickelte Mumien gibt es im British Museum, wenn ich mich richtig erinnere.)

Ansonsten fand ich die Ausstellung nur mäßig interessant. Bei der säuberlich aufgestellten Beerdigungsaussteuer hat es mir allerdings die Kopfstütze angetan. Wie isst und schläft es sich mit so einem Kissenersatz?

Als Teenager hatte ich ja auch eine Ägypten-Phase, wie sich das gehört. In einer gesunden Entwicklung kommt die einige Jahre nach der Dinosaurier-Phase. Da liest man dann “Götter, Gräber und Gelehrte”. Zu dieser Zeit war ich auch auf folgenden kurzen Austausch zwischen den beiden Tutanchamun-Entdeckern gestoßen. Howard Carter öffnete die Tür zur Grabkammer, Lord Carnarvon hinter ihm fragte: “Can you see anything?” Und Carter antwortete: “Yes, wonderful things.”

Die Szene hat mich wohl so beeindruckt, dass ich eines der Fanzines, die ich damals herausgab, so nannte:

can_you_see_anything

(Vierstellige Postleitzahlen, die älteren unter uns erinnern sich vielleicht noch.)

Dazu hatte ich andere Leute aus dem Fandom um Kurzgeschichten gebeten. Die einzige Bedingung: Irgendwo in der Geschichte musste der Satz “Können Sie etwas erkennen?” auftauchen. (Der Satz fällt mir heute natürlich noch immer auf, wenn ich ihn irgendwo lese. William Golding, Lord of the Flies, Seite 135, sag ich nur.)

Kurzgeschichten gab es dann von Dirk van den Boom, Edzard Harfst, Goetz Nennstiel, Udo F. Rickert, Hermann Ritter und Karl-Heinz Zapf. Von den meisten weiß ich immer noch, wo sie sich im Web herumtreiben. Als Beispiel die Geschichte von Karl-Heinz (die kürzeste):

Die Katze

Der Raum lag in dämmriges Halbdunkel getaucht; die Fenster, welche auf die belebten Straßen hinauszeigten, waren von schweren Jalousien verschlossen. Nur wenig Licht fand seinen Weg durch einige Fugen und Ritzen.
Die junge Frau sah sich um, ihr Blick glitt über das spärliche Mobiliar des kleinen Raumes und blieb dann an der Katze hängen, deren Augen sie kühl musterten.
Ohne Grund lächelte die Frau und die Katze schnurrte und begann, um ihre Beine zu streichen. Ihre Augen schienen im Dämmerlicht unirdisch zu glühen. Die zarte Hand der Frau bewegte sich fast automatisch hinab und strich durch das seidige Fell des Tieres.
Wieviel Mühe hat es gekostet, sie zu bekommen, dachte sie bei sich und schmunzelte. Ihre Freunde würden Augen machen, wenn sie sie sehen würden. Die junge Frau blickte hoch und stand dann auf, doch die Katze sprang schnell auf ihren Schoß, und mit einem Seufzen setzte sie sich wieder. Ich darf sie nicht verärgern, sie könnte sich irgendwie verletzen und das könnte ihren Wert mindern, dachte sie. Wo nur der Professor blieb? Er hatte doch um drei Uhr hier sein wollen, um ihre seltene Erwerbung zu begutachten. Nun war er schon geraume Zeit überfällig.
Mit einem leisen Maunzen sprang die Katze herab und landete geschmeidig auf dem Fußboden, wanderte dann gemächlich zum Fensterbrett, gefolgt von den Blicken der Frau.
Wie schön sie ist, dachte sie – da klopfte es an der Tür.
Ein paar hastige Schritte brachten sie zur Klinke, und sanft drückte sie die Türe auf.
Helles Tageslicht fiel von draußen herein, gefolgt von dem wie immer etwas zerstreut wirkenden Professor, der beim Eintreten heftig blinzelte, um seine Augen an das Halbdunkel zu gewöhnen. Das war natürlich beabsichtigt gewesen, und der Gelehrte wußte dies.
Nach einer Weile schloß sie die Türe. “Nun, können Sie etwas erkennen?” Er blickte umher und schnüffelte ein paar Mal, ehe er die Frau entdeckte. Der kleine Hund vollführte einen Luftsprung.
“Ein Mensch? Ein echter Mensch?” fragte er ungläubig.
“Jawohl”, sagte die Katze, nicht ohne Stolz in ihrer Stimme, “ein echter Mensch!”

Abschlussball Tanzkurs 2009

An meiner Schule gibt es in den 8. Klassen Tanzkurse. In den letzten zwei Jahren ist das ein bisschen reduziert worden, aber mit der neuen Kollegin Frau N. sind wir jetzt zwei Lehrer, die sich dafür interessieren, dass es so etwas gibt. Die hat das diesmal in die Wege geleitet. Gestern war der Abschlussball dieses Jahrgangs. Ort: Bürgerhaus Emmering, Veranstalter: Das Brucker Tanzstudio.

Einlass 19.30 Uhr, angekündigte Dauer bis Mitternacht, ich bin kurz vor halb zwölf gegangen, da die letzte S‑Bahn nach München zehn vor zwölf fährt. Zu diesem Zeitpunkt war es jedenfalls noch proppenvoll, es wurde – wie den ganzen Abend über – ständig getanzt. Und zwar von Schülern wie von Eltern. Herzerwärmend.
Es gab zwei Einlagen der Hiphop-Gruppe Da Racoons und der Breakdance-Truppe der Tanzschule. Beides nicht zu lang, wurde begeistert aufgenommen. Die Band war gut, soweit ich das beurteilen kann, die Musikauswahl ausgezeichnet – nicht zuviel Discofox (den ich nicht mag), viel Foxtrott, auch ein Tango, viel Samba. “Wunderbar” von Cole Porter, “Cocktails for Two”, alles Sachen, die ich selber auf dem iPod habe.

Bestimmt gab es auch Stress und Sorgen und Aufregung und Tanzpartnerprobleme; ich weiß nicht, wie das so ist als Teenager oder als Nichttänzer. Aber was ich mitgekriegt habe, war toll. Die Schüler und die Eltern sahen schick aus. (So würde ich auch gerne mal mein Lehrerkollegium sehen.) Die Tanzfläche war voll, aber nicht so unbequem voll wie auf dem Frühlingsball im Bayerischen Hof dieses Jahr. Man konnte gut tanzen. Und das haben eben auch alle, bis zum Schluss. Dann spielt die Band auch noch “Love is in the air”. Nächstes Jahr gibt es das hoffentlich wieder.

Ein Tipp für zukünftige Abiturienten und Abiturientinnen: So sehen gelungene Feiern aus.







(Ich kann übrigens auch weniger verwackelt und verschwommen fotographieren. Aber ohne etwas Verfremdung müsste ich natürlich zu viel Erlaubnis einholen.)

Warum in den 8. Klassen? Das hat historische Gründe: Ich war vor Jahren eben Lehrer einer 8. Klasse, von der ich dachte, dass sie darauf anspringen würde. Außerdem passte das mit etwas Tricksen zum Englischbuch damals, da tauchte New York auf, und Irving Berlin ebenso, und den Schülern spielte ich aus Vokabel- und anderen Gründen das Lied “Let’s call the whole thing off” vor, natürlich mit ein bisschen Fred Astaire und Ginger Rogers zum Anschauen:

You say either [i:] and I say either [aι]
You say neither [i:] and I say neither [aι]
Either [i:] – either [a], neither [i:] – neither [aι]
Let’s call the whole thing off

Tatsächlich hat sich die Jahrgangsstufe 8 bewährt, auch wenn gelegentlich Bedenken kommen, ob die Schüler da nicht vielleicht zu jung sind. Sind sie nicht.

Aus den vier 8. Klassen dieses Jahr haben etwa 80 Schülerinnen und Schüler mitgemacht, dazu noch 10 aus den 9. Klassen. Es gab einen Donnerstags- und einen Freitagstermin, wobei ich den Schülern vorher hinterhergerannt bin um sicher zu gehen, dass an jedem Tag etwa gleich große Gruppen und vor allem gleich viele Mädchen und Jungen da sein würden. Das nächste mal will ich mal schauen, ob ich diese Arbeit nicht vielleicht den SMV-Vertretern angedeihen lasse.

Wenn Lehrer Briefe von Eltern kriegen

Ich habe in meinem Schulleben insgesamt drei halbwegs böse Briefe gekriegt, ansonsten nur freundliche Kärtchen und Grüße. Aber diese Briefe kennen wohl viele Lehrer. Meinen ersten habe ich im Referendariat erhalten, eine Klage über meinen “sehr individuell gestalteten Notenschlüssel” in der Englisch-Schulaufgabe. Und dass das sicher an meiner Referendarsunerfahrenheit liegt. Ich habe damals auf den Brief geantwortet, in eher selbstbewusstem Tonfall, wie ich damals dachte, aber es kann sein, dass etwas von der Pampigheit des ursprünglichen Briefes auf mich abgefärbt hat. Darauf kam dann noch ein erbosteres Schreiben, laut dem die Schülermutter in Zukunft nicht mehr zum Schmiedl, sondern gleich zum Schmied gehen würde. Nu, das war’s dann auch.

Dann gab es noch, ein paar Jahre später, einen wohl etwas freundlicheren Brief, in dem es um den Preis der Deutsch-Schullektüre ging. Dieses Schreiben ist nicht mehr erhalten, aber meine Antwort darauf schon – besonnen und sehr brav, wie ich finde.

Eine Variante ist die Beilage zur Schulaufgabe (für Nichtbayern: schriftliche Prüfung), in der man erklärt, warum man die Schulaufgabe für ungeschickt hält. Diese Form kommt auch mit Verbesserungsvorschlägen und Ratschlägen fürs nächste Mal. Ich habe so etwas zwar noch nie gekriegt, kenne das aber von Kollegen: es kommt schon mal vor, dass die sich das an die Tür des eigenen Faches im Lehrerzimmer kleben. Das ist natürlich respektlos. Ts, ts. Aber manchmal verständlich. Hängt halt davon ab. Einige meiner Kollegen geben selber gerne Rückmeldungen an die Lehrer ihrer Kinder, und genauso wie die es verdient haben werden, werden auch manche meiner Kollegen solche Schreiben verdienen.

Wenn die Kommunikation nur einfacher wäre. Manche Lehrer sind oft nur in Sprechstunden erreichbar, da sind dann Briefe naheliegend. Und manche Eltern meinen, sich gegen den “OStR” mit eigenen Titeln und Berufsbezeichnungen wappnen zu müssen. Wenn die Kommunikation nur einfacher wäre. Patentrezept gibt’s nicht.

– Auslöser dieses Blogeintrags war folgende schöne Rückmeldung, die ich einem Kollegen entwendet habe. München, irischer Pub, Kugelschreiber auf Papierserviette: Kommentar zur mündlichen Englisch-Schulaufgabe mit Bitte, sich die Note noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen. Diesmal nicht von den Eltern, sondern wohl von der jungen, muttersprachlichen Nachhilfelehrerin:

serviette

Den Text darf ich natürlich nicht abdrucken, und der Kollege hat das auch nicht groß herumgezeigt, aber ich habe halt ein neugierig wanderndes Auge und flinke Finger. Ich weiß nicht genau, wie ernst das gemeint war, oder mit wieviel Hoffnung auf Erfolg. Der Tonfall war jedenfalls durchaus freundlich.

(Gespeichert ist das Bild unter dem Namen serviette.jpg – und das war keine einfache Entscheidung. Serviette vs napkin sagt nicht nur etwas über regional unterschiedlichen Gebrauch aus, sondern ist vor allem eines der bekanntesten Merkmale, mit dem ursprünglich zwischen gehobenen Englisch und verachtetem Middle-class-Englisch unterschieden wurde. “Serviette” ist fast so schlimm wie “toilet”. Generell kann man sagen, dass alles, was feiner klingt, eben das nicht ist. Lange Geschichte.)

Kurzes Lebenszeichen

War am Freitag den ganzen Tag auf Fortbildung, würde und werde auch gerne davon erzählen; zwei Blogeinträge sind fast fertig – und mein Internet geht nicht. Deshalb melde ich mich gerade nirgendwo per Mail, kommentiere nicht, lese meine Feeds nur notdürftig über gewisse Notlösungen, über die ich mich auch hier schnell melde. Ab morgen geht’s vielleicht wieder.

Hm. Ja. Bin wohl doch internetsüchtig. Im Urlaub geht das, aber so, mitten in laufenden Projekten… unbefriedigend.

Schule 1.0 – Das Herbarium

Habe ich schnell beim Kollegen stibitzt: 6. Klasse Biologie, auch bekannt als Naturundtechnik. Die Schüler erhielten einen Auftrag, eine Anleitung und reichlich Zeit dazu, ein Herbarium anzulegen – eine Sammlung von Wiesenblumen mit deren Bestimmung.

Eine Schülerin hat ihres letzte Woche schon vor dem Termin abgegeben, und da habe ich es mir ausgeliehen und darin geblättert. Ein dicker Hefter DIN A 4 mit Folien drin:

herbarium1_hahnenfuss

herbarium2_stiefmuetterchen

herbarium3_schafgarbe

Frau Rau zeigt mir ja tatsächlich ein- oder zweimal im Jahr eine Blumenwiese, und viele gelb blühenden Pflanzen kann ich auch bestimmen. Na ja, manche. Es interessiert mich jedenfalls. Wir haben beide im Buch geblättert und daraus gelernt.

Mir gefällt vor allem die Schafgarbe, die ich vom I Ging her kenne, auch wenn heute statt der Pflanzenstengel wohl meist Münzen verwendet werden. (Von den Schildkrötenpanzern ist man ganz abgekommen.)

Ich weiß nicht, ob es Noten auf diese Bestimmungsbücher gibt. Hausaufgaben dürfen in Bayern am Gymnasium zwar nicht benotet werden, solche Projekte und praktische Arbeiten schon – auch wenn da genauso die Eltern helfen können. Und ich habe auch nichts dagegen, dass die Eltern dabei helfen. Helfen, nicht selbermachen, aber das sieht man als Lehrer ja. In einer Ganztagsschule würde man mehrere Nachmittage auf der Wiese verbringen, aber wir haben keine Ganztagsschule (und ob die kommenden Lehrpläne Zeit für solche Bestimmungsbücher lassen, bezweifle ich). Soll man deshalb darauf verzichten, Schülern solche Aufgaben zu stellen?