Mervyn Peake, Lean sideways on the wind

Als ich in der 11. Klasse war, hat Englischlehrer rip bei uns unter anderem dieses Gedicht gemacht:

peake_lean_sideways

Für heutige Augen vertrauter:

Lean sideways on the wind

Lean sideways on the wind, and if it bears
Your weight, you are a daughter of the Dawn –
If not, pick up your carcass, dry your tears,
Brush down your dress – for that sweet elfin horn

You thought you heard was from no fairyland –
Rather it flooded through the kitchen floor,
From where your Uncle Eustace and his band
Of flautists turn my cellar, more and more

Into a place of hollow and decay:
That is my theory, darling, anyway.

Mervyn Peake

Copyright the Estate of Mervyn Peake, and quoted with kind permission.

Das Gedicht gefiel mir gut, und als Leser von Science-Fiction- und Fantasy-Romanen las ich ein paar Jahre später Mervyn Peakes bekanntestes Werk, die Gormenghast-Trilogie. Die gefiel mir auch gut, war aber sehr mühsam. Ich habe sie mir herausgelegt, vielleicht schaue ich wieder hinein.

Das Peake-Gedicht von oben habe ich während meiner Bundeswehrzeit zu übersetzen versucht, als ich für einen Monat in die Nachbarkaserne abkommandiert war. Auf einem 5-Kanal-Lochstreifengerät getippt, neben Nachrichten verschiedener Geheimhaltungsstufen, die ich empfangen, tippen und kopieren musste. Das war ein ganz schönes Gewirr mit diesen endlosen Lochstreifen.

Hier ein Zeugnis dieses ersten Versuchs:

peake_lean_sideways_alt

Man sieht, das Genie ist noch am Reifen. Hier ein aktueller Übersetzungsversuch, an dem ich die letzten Tage über gebastelt habe:

Lehn seitwärts dich am Winde an: wenn dein Gewicht
Er trägt, bist, Tochter, du der Morgenröte Kind.
Wenn nicht, heb deine Knochen auf, putz dein Gesicht,
Streich glatt dein Kleid, denn dieser süße Elfenwind,

Den du zu hören meinst – vom Märchenlande war
er nicht. Er drang vielmehr vom Küchenboden her,
von wo dein Onkel Eustace, er und seine Schar
Flötisten, meinen schönen Keller mehr und mehr

Zu einem Ort der Leere machen, des Verfalls.
So sehe ich die Sache, Liebling, jedenfalls.

Mängel daran:

  1. Das ganze ist jambisch sechshebig statt wie im Original fünfhebig.
  2. Vers 2: Das Füllwort „Tochter“, das allerdings als einzige Stelle das Geschlecht der Angesprochenen klar macht.
  3. Vers 4: „Elfenwind“ kann man nicht hören. Allerdings finde ich es legitim, da die Flötisten unten ja auch Wind produzieren. Dass elfischer Hörnerklang im Englischen ein Topos ist und im Deutschen nicht, lässt sich ohnehin nicht retten.
  4. Vers 7: Noch schöner hätte ich „seine Bande/von Flötisten“ gefunden. Aber das Metrum ist rein jambisch, die Kadenz stets männlich. Ein Aufeinandertreffen zweier Senkungen (wie bei weiblicher Kadenz und jambischem Beginn des nächsten Verses) wäre gar nicht gegangen; ich fände völlig legitim, den weiblich endenden Vers eine Silbe länger zu machen und dafür dem nächsten die erste Silbe zu kürzen – aber Jambus-Trochäus-Anhänger würden da Zeter und Mordio schreien. Also erst einmal nicht.
  5. Vers 7: Das störende „er“, das nur drin ist, weil ich eine Silbe brauchte.
  6. Vers 8: Das „schönen“ ist reines Füllwort und gehört gestrichen.
  7. Den identischen Reim der letzten beiden Verse finde ich lässlich.

Hier eine fünfhebige Variante, die ich etwas zu kurz und knapp finde:

Lehn an den Wind dich an: wenn dein Gewicht
Er trägt, bist du der Morgenröte Kind.
Wenn nicht, steh auf und putz dir dein Gesicht,
Streich glatt dein Kleid, denn dieser Elfenwind,

Den du im Ohr: vom Märchenlande war
er nicht. Er drang vom Küchenboden her,
von wo dein Onkel Eustace und die Schar
Flötisten meinen Keller mehr und mehr

Zu einem Orte machen des Verfalls.
So sehe ich das, Liebling, jedenfalls.

Hm. Vielleicht gefällt mir das Fünfhebige doch besser. Einige schöne Nuancen fehlen, aber dafür gibt’s keine Füllwörter.

Sebastian Peake, der Sohn Mervyn Peakes, betreibt die Webseite http://www.mervynpeake.org. Er hat mir freundlicherweise erlaubt, das Originalgedicht und meine Übersetzungen hier zu veröffentlichen. So einfach ist das, wenn die Verwertungsrechte (und nicht nur das Urheberrecht) nicht bei einem Verlag liegen, sondern tatsächlich bei einem Künstler oder dessen Verwandten.

Demnach können meine Übersetzungen nicht unter der üblichen Creative-Commons-Lizenz in meinem Blog stehen.

4 Antworten auf „Mervyn Peake, Lean sideways on the wind“

  1. Ich bin begeistert.
    Seltsamerweise war ich noch nie vorher auf die Idee gekommen, dieses Gedicht zu übersetzen – aber du hast zwei sehr schöne Versionen geschafft, mir gefallen beide gut.
    Ich hab mich dann gestern Abend gleich noch drangemacht und meine eigene fabriziert, die ich dir hiermit als Präsent ins Kommentarfeld lege.
    Vorneweg: Meine Übertragung ist silben- und reimmäßig bei weitem weniger kunstvoll als deine, deshalb kann sie auf mehr Details im Original eingehen ;-)

    Lehn seitlich in den Wind dich

    Lehn seitlich in den Wind dich, und trägt er
    Dein Gewicht, bist von Morgenröte du geborn.
    Wenn nicht, klaub dich zusammen, schnäuz dich,
    Staub dich ab, denn jenes süße Elfenhorn,

    Das du zu hör’n geglaubt, war nicht aus Feenland –
    Nein, vielmehr kam’s durch den Fußboden geflutet,
    Wo drunter dein Onkel Erwin und sein Ensemble
    Von Flötisten im Keller immer schlimmer tutet

    Und so wird draus ein Ort erbärmlichen Zerfalls:
    Das ist meine Theorie, Liebes, jedenfalls.

  2. Auch sehr schön, danke sehr. Am liebsten würde ich jetzt ein paar Sachen von dir nehmen und bei mir einbauen. Gedichte zu übersetzen macht Spaß; es gibt eine schöne dtv-Ausgabe, zweisprachig, mit den Gedichten Poes. Darunter der ganze Rabe in zwei oder drei verschiedenen Übersetzungen, und die erste Strophe davon in zwanzig weiteren.

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