Motivation und Abitur, ohne größeren Zusammenhang

“Motivation vor allem bei schwächeren Schüler/innen effektiv” titelt der Lehrerfreund und zitiert dazu eine Studie zur Intelligenzforschung, aus der man möglicherweise als Ergebnis ablesen kann: extrinsische Motivation funktioniert, allerdings vor allem bei Menschen mit niedrigem IQ. Die Folge: je dümmer sich Schüler anstellen, desto mehr muss man motivieren. “Der etwas unappetitliche Umkehrschluss: Je besser die Schüler/innen, desto weniger kann man durch Motivation erreichen.”

So oder so finde ich es erfreulich, dass mal differenziert wird – dass zugegeben wird, dass für manche Menschen/Schüler ein anderes Verhalten sinnvoll ist als für andere. Ich selber habe als Schüler über die Motivationsphase im Unterricht oft nur gelacht. Erst die Folie anschauen, oder das Lied anhören, oder irgendeinen stummen Impuls über sich ergehen lassen – und darauf warten, dass endlich irgendwann mal der richtige Unterricht losgeht. (Aber zugegeben, Motivationsphase und Motivation sind zwei verschiedene Sachen.)

Unappetitlich finde ich den Umkehrschluss gar nicht, sondern naheliegend und logisch. Wer Mechanismen extrinsischer Motivation durchschaut, lässt sich weniger davon beeinflussen oder hat zumindest mehr Kontrolle darüber. Und gute Schüler sind oft schon motiviert, die brauchen nicht noch extra welche.

(Ob Intelligenz und Erfolg im Leben – was auch immer man darunter verstehen möchte – viel miteinander zu tun haben, ist eine andere Frage.)

– Am Freitag ist Abiturfeier, am Anfang der Woche gab es schon die Abiturzeitung. Hm. Launige Lehrerzitate, viel Selbstdarstellung. Die üblichen Umfragen, zum Teil aufschlussreich (“Welche/r Lehrer/in ist leicht ablenkbar?” – laut Deutschlehrer) oder nicht ohne einen gewissen Reiz (“Welche/r Lehrer/in verstößt selbst gegen die Teppichbodenregel?”), aber auch völlig uninteressant (“Wer wird mal Osterhase?”). Aber immerhin alles oberhalb der Gürtellinie.

Die Reiseberichte über die Kursfahrten habe ich gar nicht erst gelesen, das ist sicher interessant, wenn man dabei war, aber sonst nicht. Als es noch Leistungskurse gab, stand zu jedem Leistungskurs ein Beitrag in der Abizeitung, im G8 gibt es das nicht mehr – bei uns gab es immerhin zu allen vier Deutschkursen eigene Beiträge, vielleicht stellvertretend für alle Kurse, vielleicht auch, weil die Deutschlehrer recht geschlossen auftraten, vielleicht auch, weil Deutsch das Fach ist, dass irgend etwas mit Texten zu tun hat.

Ansonsten gab es wenig Textbeiträge – aber immerhin einen Kommentar zu unserer Hausordnung. Das ist schon mal ein Anfang. Vielleicht sollte man bei den nächsten Übungsaufsätzen auch mal einen solchen Abizeitungs-Kommentar anregen. Kritisiert wird in diesem Beitrag unter anderem, dass laut Hausordnung Schüler (und Lehrer) in den Gängen und Klassenzimmern nicht essen dürfen. Etwas kurzsichtig wird das auf einen von den Schülern als Planungsfehler interpretierten Aspekt des Schulgebäudes zurückgeführt: “Ohne Teppichboden müsste man das Essen auf demselben nicht verbieten.” Oh mei. Das dort nicht gegessen werden soll, hat wenig mit dem Teppich zu tun, sondern das ist ein pädagogischer Wunsch der meisten Lehrer – auch wenn es das ohne Teppich wohl nicht bis in die Hausordnung geschafft hätte.

(Warum das ein Wunsch ist, also meiner zumindest? Sagen wir als Kurzfassung: ich möchte auch nicht, dass die Lehrer im Lehrerzimmer an den gemeinsam genutzten Arbeitstischen essen.)

Leider ist auch dieser Kommentar, wie alles an einer Abizeitung, keine Aufforderung zu einem Dialog. Dabei würde ich gerne ausführlich darauf reagieren, und eine Reaktion wiederum darauf erwarten. Nicht zwischen Tür und Angel im Gespräch, das ist oberflächlich und flüchtig. Aber solange wir nicht wieder eine bloggende Schülerin haben, wird es diese Kommunikationsform nicht geben.

Der Nutzen einer Hausordnung wird dabei keineswegs in Frage gestellt – für die Unterstufenschüler, also die anderen. “Absolut respektlos” sind die nämlich. Zum ersten Mal habe ich das vor zehn Jahren von Oberstufenschülern gehört, dass die jüngeren Klassen so frech sind. Zum meiner Zeit war das anders, da hat man sich gegenseitig gar nicht groß wahrgenommen… vielleicht haben wir in der Oberstufe auch respektvolleres Verhalten eingefordert? Jedenfalls höre ich die Klagen über die Unterstufe regelmäßig jedes Jahr.

Nachtrag zur Motivation: Erstens kennen wir alle auch den Fall des intelligenten, aber lernunwilligen Schülers. Pubertät in der Mittelstufe und so. Da kann man mit externer Motivation wenig machen. Und zweitens sind das alles bestenfalls statistische Erscheinungen, die eventuell für bildungspolitische Entscheidungen herangezogen werden können – als Lehrer hat man es immer mit Einzelfällen zu tun, und die müssen nie dem statistischen Muster entsprechen.

Altes Schulzeugnis

Meine Eltern haben sich seit etlichen Jahren auf die Genealogie geworfen. Informationen über Vorfahren werden gesucht und gesammelt, in Kirchenarchiven und alten Briefen. In den USA gibt es viele Datenbanken dazu – den Census von 1930, den von 1910, oder das Projekt Family Search. Bei letzterer Seite findet man mitunter auch Informationen aus Deutschland, da natürlich viele Amerikaner europäische Vorfahren haben.
Glücklicherweise gibt es ein verhältnismäßig einheitliche Dateiformat für genealogische Daten, so dass man nicht an ein bestimmes Verwaltungsprogramm gebunden ist. Als Zwischenergebnis des Sammelns habe ich jetzt einen Ausdruck gekriegt, 180 Seiten stark, mit Stammbäumen, Register, Zeittafel und verschiedenen Überblicken. Der älteste Eintrag ist der eines Jerg Rau, 1618 in Illereichen geboren.

Ein bisschen habe ich selber Blut geleckt. Zumindest sehe ich mir gerade einige Ordner von Material aus der Generation meines Großvaters an. (Und das Genealogiebuch hilft mir sehr dabei, einen Überblick zu bewahren, wer wer ist.) Ein Führerschein von 1921. Die Feldtagebücher meines ältestens Onkels, 1944 mit 19 Jahren gefallen. Ich tue mir noch etwas schwer beim Entziffern der Schrift, auch wenn das in diesem Fall kein Sütterlin mehr ist.

Und hier habe ich ein Zeugnis gefunden, das meines Großvaters. “Königreich Württemberg”, sage ich nur.

Sütterlin-Buchstaben habe ich selber noch als Symbole für Vektoren erlebt, Kollegstufe in den mittleren 1980er Jahren. Aber schon da gab es die Alternative mit dem Pfeil oben drüber. Ich habe ja auch noch auf einer Schiefertafel Schreiben gelernt in der 1. Klasse, anno 1974. So alt ist euer Onkel Rau schon.

Macbeth in den Kammerspielen

Ich gehe nicht gerne ins Theater. Das ist immer abends, und da bin ich müde. Außerdem sind komische Leute um mich herum. Aber das Hauptproblem ist, dass ich mich da oft langweile, selbst bei Stücken, die ich zum Lesen gut finde. Ich wünsche mir beim Theater eine hohe Informationsdichte, so wie ich mir bei Fernsehserien grundsätzlich Split-Screen wünsche (also mehrere Fenster mit unterschiedlichen Szenen, gerne mit Bezug zueinander). Und wenn ich dort am Anfang der letzten Folge eines Vierteilers ein schnell geschnittenes “Was bisher geschah” sehe, wünsche ich mir einen ganzen Film, der so dicht erzählt ist wie dieser Rückblick.
Und was kriege ich meist im Theater? Eine Gruppe von Menschen, die in sicher ganz wichtigen Konstellationen auf der Bühne stehen und bedeutungsvoll schweigen. Jedes Wort im Satz betonen, und dann wieder bedeutungsvoll gucken. Und schweigen, bedeutungsvoll. Das Haupt schütteln, schweigend. – Mein liebstes Theater nehme ich bitte gleich als Hörspiel, mit viel Text, wenig Pausen dazwischen, und schneller, dichter Vortragsweise. Wo die Leute stehen und wie sie gucken, ist mir dabei egal.

Gestern abend war ich in den Kammerspielen bei Macbeth. Die Kurzfassung: es hat mir vom ersten Moment an ausgezeichnet gefallen. Und ich glaube, das liegt an der Informationsdichte der Inszenierung, obwohl es natürlich auch geholfen hat, dass die fünf Schauspieler sehr gut waren. Diese Informationsdichte wurde nicht durch Handlung und Dialog erreicht, sondern eher durch lyrische Effekte, so wie Lyrik ja auch sehr informationsdicht ist.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die erste Worte fielen, die doch sonst das sind, was mich interessiert. Aber meine Aufmerksamkeit hatte auch so genug zu tun. Am Anfang die drei Hexen, als bunte Fairy Godmothers gekleidet, die das Publikum wortlos neckten. Allein da schon Assoziationen zu englischer Pantomime. Die drei mit deutlich unterschiedlichen Charakteren, darunter eine etwas mufflige, von einem Mann gespielt. Da hatte ich sofort Terry Pratchetts Hexen im Kopf. Dann kamen Macbeth und Banquo auf dem Schlachtfeld, von den Hexen live mit Blut getränkt, Schattenspiel im Hintergrund mit der Königskrone. (Überhaupt passierte gerne etwas auf zwei Ebenen, vorne und im Haus hinten. Ein Haus, dessen Inneres so plötzlich in Erscheinung tritt wie das Sterbezimmer von Charles Foster Kane in der Anfangssequenz von Citizen Kane.) Macbeth und Banquo als zwei Schuljungen, mit freundschaftlichem, nicht ganz konkurrenzfreien Abhängigkeitsverhältnis, die ihre innige Verbundenheit, oder zumindest den Wunsch danach, mit einem Lied aus der West Side Story ausdrücken. Dann die Botenrede vom Krieg als Live-Kriegs- und Sport-Berichterstattung mit Mikrofon. Überhaupt wurde das große Mikrofon und sein langes Kabel viel als dramaturgisches Mittel verwendet (und keinesfalls derm Lautstärke wegen): zum Singen, zum Kenntlichmachen der Öffentlichkeit der Rede, für akustische Verfremdungseffekte. Oder es wurde dem Malcolm, König Duncans Sohn, in die Hand gedrückt, damit der etwas sagt – und der kein Wort herausbrachte wie Colin Firth in The King’s Speech.

Und wir sind immer noch erst ganz am Anfang des Stücks. So dicht ging es weiter. Nicht die ganze Zeit, und der 4. Akt hatte Längen, aber das muss so sein. Vierte Akte sind immer langweilig (ist mir bei Cyrano und Twelfth Night zum ersten Mal aufgefallen). Die haben sogar ein eigenes Wort dafür in der Dramentheorie: retardierendes Moment. Das kann also kein Versehen sein, das mit den langweiligen vierten Akten, sondern Absicht. Warum, weiß ich auch nicht. Als Ausnahmen fallen mir spontan ein: A Midsummer Night’s Dream – eigentlich nur vier Akte mit einem angehängten Spiel im Spiel – und The Merchant of Venice – vier Akte mit einer angehängten Gerichtsverhandlung.

Der Text des Stücks (Übersetzung von Thomas Brasch, bearbeitet von der Regisseurin Karin Henkel und Jeroen Versteele) wurde gekürzt. Das ist völlig in Ordnung. Immer wieder wurden Passagen dabei chorartig wiederholt, teilweise auf Deutsch und Englisch, nacheinander oder nebeneinander. Sprache war dabei ein lyrisches Stilmittel (und Shakespeare ist immer für schöne Bilder gut) neben anderen, visuellen Stilmitteln.
Ein Problem habe ich nur mit dem Verwenden eines Soundtracks. Gesang und live gespielte Instrumente (das gab es auch) finde ich legitime dramaturgische Mittel. Text- und Bildeinblendungen ebenso, auch wenn es die in diesem Stück nicht gab. Aber Filmmusik, sozusagen, da fühle ich mich nicht wohl dabei. Es ist ein effektives dramaturgisches Mittel, keine Frage. Aber zu effektiv für mich, glaube ich. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass man einen selbst gedrehten Videofilm, gut oder schlecht, durch nichts so aufpeppen kann wie durch eine schöne Filmmusik im Hintergrund. Da ist sofort Spannung da, die Wertigkeit des Film steigt enorm. Text- und Bildeinblendungen haben diesen Effekt nicht. Jedenfalls mag ich Musikeinblendungen in Theateraufführungen nicht, die habe ich lieber unplugged, sozusagen,.

Wie sehen andere Theatergänger diese Inszenierung? Werden die bedeutungsschwangeren Pausen vermisst? Vielleicht wird die Inszenierung als bloße Unterhaltung gesehen. Das Stück wurde verhältnismäßig unkonventionell, aber vor allem unterhaltend inszeniert. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, nach einer darüber hinaus gehenden Interpretation dieser speziellen Inszenierung, ist das in Ordnung?

Ein Wort noch zu den Clowns: In Shakespeare selber ist nur der Türsteher eine komische Figur, wenn ich mich richtig erinnere. Hier waren es auch die zwei bis drei gedungenen Mörder, die Banquo und seinen Sohn Fleance töten sollen. Toll, wie die Schauspieler aus den Rollen zuvor plötzlich in diese komische Einlage wechselten. Fans der englischen Radioserie “I’m Sorry I’ll Read That Again” (ISIRTA, etwa 1964–1975) kennen etwas Ähnliches aus der Macbeth-Episode, die man etwa hier anhören und da herunterladen kann. (Der Macbeth-Sketch beginnt 15:15 die Mörder-Szene kommt ab 25:30.)

Mit Schülern habe ich Macbeth nie gelesen, war aber mal mit ihnen in einer Inszenierung und habe das Stück dazu kurz vorbereitet. Dazu habe ich die ISIRTA-Nummer vorgespielt, die tatsächlich einen guten Überblick über die Handlung gibt. Die Wortspiele und Anspielungen habe ich dazu herausgeschrieben, also setze ich die keinesfalls vollständige Liste mal hierher:

  • Titus Andronicus: tight (=dicht, betrunken) as Andronicus
  • Scene 1: (I’ve) seen one
  • blasted heath (karge Heide): blasted Heath (verdammter Heath, Prime Minister)
  • infernal Wilson (Prime Minister vor und nach Heath)
  • a foul night: fowl (Geflügel)
  • to lash (peitschen)
  • a terrible night to be abroad (unterwegs): …a broad (eine Frau)
  • I noticed a hollow (cave/hole in ground): …hullo (=hello)
  • double, double, toil and bubble (witches’ song): melody of “twinkle, twinkle, little star”
  • hail, hail, hail (=Heil): hail (=Hagel)
  • Thane (Scottish title)
  • issue (=Nachkommenschaft) : Ring a Ring o’ Roses: Kinderspiel/-lied, mit dreimal Niesen (hatch‑u, hatch‑u, hatch‑u), gefolgt von der Zeile “all fall down” (ein Relikt aus der Pestzeit)
  • throne (Thron): throne (Kloschüssel)
  • is this a dagger which I see before me (famous line)
  • the porter told (zählen/läuten – altertümlich) the bell: to tell (erzählen)
  • Lady Macbeth began wailing (weinen, klagen): …whaling (Walfangen)
  • Thar (=there) she blows: traditioneller Ruf bei Sichtung eines Wals
  • They brought in the corpse: …brought in the cops
  • traditioneller Polizistensatz: “Hello, hello, what’s all this here then?”
  • to crown (krönen): to crown (eins auf den Kopf geben)
  • he tore his hair… and stamped on his rabbit: …his hare (Hase)
  • to wash one’s hands: euphemism for going to the toilet
  • spot, damned spot (famous line)
  • you shall be king till Burnam wood shall come to Dunsinane (famous line)
  • stronghold (Festung): stronghold (Ringergriff)
  • bulwarks (“Bollwerk” – Zinnen oder so etwas…): bollocks (Hoden – aber anderes Register)

Und natürlich ist keine Macbeth-Behandlung vollständig ohne James Thurbers geniales “The Macbeth Murder Mystery”.

Max Frisch, Homo faber: Referate – und die Links dazu

Im letzten Semester der Q12 lasen alle Deutschkurse an meiner Schule Homo faber von Max Frisch. Die Lehrer aller Oberstufen-Deutschkurse haben auch sonst viel zusammengearbeitet, aber das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.

1. Die Referate

Homo faber ist keines meiner Lieblingsbücher, aber die Schüler mochten es immer einigermaßen. Und selbst ich freundete mich wieder damit an. Diesmal gingen wir so vor, dass wir – eine Anregung des Kollegen Z. – uns darauf beschränkten, die Beziehungen zur griechischen Mythologie in dem Roman herausarbeiten zu lassen. Davon gibt es nämlich überraschend viele, und da wir auch viele mündliche Noten brauchten, hielt jeder Schüler ein Referat. Die Themen waren unter anderem folgende:

  • Daidalos
  • Prometheus
  • Hermes
  • Ikaros
  • Moiren
  • (Geburt der) Venus
  • Erinnyen
  • Orpheus
  • Hades, Charon und Styx
  • Agammemnon, Klytämnestra und Aigisthos
  • Sirenen/Kirke
  • Nekyia (Fahrt in die Unterwelt)
  • Ödipus

Dabei sollten die Referate alle so aufgebaut sein:

  1. Beschreibung des antiken Mythos. (Dazu: Deutung des Mythos.)
  2. Elemente des Mythos in Homo faber.
  3. Andere Ausformungen des Mythos in der bildenden Kunst, Literatur oder Musik.

Je nach Thema variiert dabei das Gewicht, das man auf die einzelne Punkten legen kann, aber Stoff gibt es bei allen reichlich. Es ist erstaunlich, wie viel in Homo faber steckt, wie viel man über Mythen sagen kann. Das bringt auch den Schülern etwas.

Im Prinzip liefen die Referate gut. Die meisten Schüler haben sich Mühe gegeben, einige sogar viel – kein Wunder, viel Zeit für mündliche Noten ist im letzten Semester nicht, und bei einer 1:1‑Gewichtung spielt sie auch eine große Rolle. Nur bei zweien von meinen zwanzig Schülern hatte ich den Eindruck, dass sie weniger Energie darauf verwendet hatten, als ihnen eigentlich möglich war. Nur einmal wurde erkennbar die Stark-Sekundärliteratur zu Homo faber plagiiert – also kommentarlos in etlichen Formulierungen übernommen.

2. Die Links unter den Referaten

Auf einen Punkt muss ich aber beim nächsten Mal noch mehr achten: die verwendeten Quellen. Ja, ich habe den Schülern in der Bibliothek zwei Standardwerke zur griechischen Mythologie gezeigt. Verwendet wurden sie kaum. Stattdessen standen unter den meisten Referaten als Bibliographie drei, vier Weblinks. Eine kleine Auswahl:

3. Schlussfolgerungen

Meine Interpretation dieser Quellen: die Schüler arbeiten zu Hause und nicht in der Bibliothek, sie leihen sich keine Bücher aus und kopieren sich keine Aufsätze. Das verstehe ich erst mal. Gute Aufsätze sind rar, vor allem in unserer spärlichen Bibliothek. Also bleibt das Web als Quelle. Aber bei der Bewertung dieser Quellen unterlaufen noch Fehler.
Erstens enthalten viele Quellen nur den den Wikipedia-Text, manchmal ohne dass das dort steht, manchmal mit korrekter Angabe. Dann soll man gefälligst Wikipedia selbst als Quelle nennen – entweder die Schüler erkennen den Originalort nicht, oder sie haben verinnerlicht, dass Deutschlehrer keine Wikipedia-Links mögen. Zweitens: manche Links sind gar nicht nötig, etwa ein Link zu einem x‑beliebigen Fundort von Heines “Loreley”. Ich nehme an, das liegt daran, dass die Schüler wissen, dass irgendwelche Links von ihnen erwartet werden, dass diese aber eine bestimmte Qualität haben sollen, ist nicht klar. Soviel zum W‑Seminar. Drittens fehlt die kritische Würdigung der Seiten: manche sind einfach zu trivial. Das gilt auch für Bücher. Tessloffs Enzyklopädie Mythologie? Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10–12 Jahre.

Was für Konsequenzen soll ich aus diesen Links ziehen? Zum einen vielleicht gar keine. Meine eigenen Referatsquellen waren im Gymnasium nicht besser. Und ein gelegentlich eingeschmuggelter alberner Eintrag in der Bibliographie ist Tradition. Aber wann lernen die Schüler einen anderen Umgang mit Quellen – doch erst an der Uni? Ich hatte nicht mal Zeit, das mit den Links groß zu thematisieren.

  • In Zukunft bei jedem Link den Namen eines Autors verlangen. Kein Name, keine Verlinkung. Vielleicht achten die Schüler dann mehr darauf, von wem der Text stammt.
  • Recherchieren üben. Aber das kostet Zeit.
  • Hat das W‑Seminar versagt, in dem die Schüler doch wissenschaftspropädeutisch betreut werden sollten? Nicht direkt: W‑Seminar ist W‑Seminar und Deutschreferat ist Deutschreferat, und die beiden haben nichts miteinander zu tun. Ob das jetzt Wissen oder Kompetenz ist, das im Seminar erworben wurde: es bleibt fürs Seminar reserviert und wird nicht auf andere Fächer übertragen.
  • Ein Versuch fürs nächste Jahr, etwa in der 10. Klasse: ein Referat zu Nathan vergeben, etwa “Nathan als Kaufmann/Geld in Nathan”, und zwar an zwei Schüler. Der eine darf als Material nur einen Aufsatz zum Thema nehmen, den ich dem Schüler gebe. Der andere darf das gesamte Internet als Materialquelle verwenden. Wo kommt das interessantere Referat heraus?

Aus meiner Schulzeit: Mein Aufsatzheft

Noch mehr gefunden: ein Aufsatzheft.

Interessant finde ich, dass von allen Aufsätzen darin zwei Versionen existieren – jeweils eine sorgfältig überarbeitete Fassung, in der nicht nur die Rechtschreibfehler verbessert wurden, sondern mehr geändert wurde.

Abgedruckt auch einer meiner Aufsätze. Ich kann mich sogar daran erinnern, dass er mir peinlich war – der Lehrerin gegenüber, den Eltern, mir selber? Das weiß ich nicht mehr. Eine rechte Räuberpistole, ich hatte wohl am Tag zuvor etwas Aufregendes im Fernsehen gesehen.

Weil es sonst nirgendwo hinpasst: Kunst aus der 7. und 8. Klasse am Gymnasium:

Der Linolschnitt zeigt unverkennbar Frankensteins Monster mit einem Raben auf der Spulter, wie es durch einen Zaun bricht. Die Zeichnung entstand nach einem Foto des Hauses irgendwo in upstate New York, in dem Onkel, Tante und drei Cousins wohnten. Sehr auf dem Land, mit Hunden, freiwilliger Feuerwehr, Bienenkörben, alten Gold-Key- und MAD-Comics auf dem Speicher. Bei Bild drei bestand die Aufgabe wohl darin, einen besonders dynamischen Eindruck zu erzeugen. Ich merke den Einfluss der Captain-Future-Fernsehserie.

Irgendwo liegt auch noch die Auswertung eines Persönlichkeitstests aus dem Grundkurs Psychologie in der Oberstufe. Aber den finde ich nicht, da habe ich wohl mal zu gründlich aufgeräumt. Irgendwo ist er aber noch.

Aus meiner Schulzeit: Arbeitsblätter in der Grundschule

Ich wusste selber nicht mehr, wie 1977/1978 Arbeitsblätter in der Grundschule aussahen. Beim Aufräumen habe ich welche aus der 4. Klasse gefunden. Ich finde, ich hatte eine gute Schrift (Note aber meist 3), gezeichnet habe ich auch gut, auch wenn unter manchen Blättern ein: “Du kannst sauberer arbeiten!” und: “Unsauber!” steht. Das letzte Blatt erklärt übrigens den Unterschied zwischen Gymnasium und Hauptschule, damals.

Typisch für mich: der Panzer, und die zwei Leute im Heißluftballon. Die stammen entweder aus “Die tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten” oder, noch wahrscheinlicher, aus irgendeinem Jules-Verne-Geschichte. Neulich habe ich als Audio gehört: “Ein Drama in den Lüften”, um einen tollkühnen Ballonfahrt und einen irren Fliegereigroupie, der sich zu ihm in den Korb stiehlt und gemeinsam mit ihm einen Höhenrekord aufstellen oder glorreich scheitern will. Bizarre Geschichte.

Aus dem Mathematikunterricht kann ich mich gut an Spielgeld und grüne Chips erinnern. Wir waren die Mengenlehregeneration, und ich glaube, das hat mir genutzt: Mengenlehre taucht überall auf.

Falls jemand an der Grundschule unterrichtet oder Kinder in dem Alter hat: Sehen die Arbeitsblätter heute auch noch so aus?

John Steinbeck, East of Eden, William Tenn, Pfingstferien

Die Pfingstferien wurden von allen heiß erwartet, für die meisten kamen sie gerade noch rechtzeitig, für einige andere einen Tick zu spät. Schulgeschichten halt.

Wozu und zu welchem Zweck treiben wir Metrik im Deutschunterricht? Na, damit die Schüler auch mal Werbetexter werden und zum Beispiel für Dr. Oetker Texte schreiben können. Im Fernsehen gibt es seit kurzer Zeit Werbung für Fertigkuchen, “ein Gedicht von einem Kuchen” – und so ist auch der Text dazu paargereimt und mit regelmäßigem Metrum. Bis auf eine Zeile, da ist ein Takt zu viel. Das kann man Schüler analysieren oder weiterdichten lassen. Fundstück dazu: beim VLC Media Player kann man – innerhalb vernünftiger Grenzen – die Geschwindigkeit eines Videos verändern, also vor allem: verringern, wobei natürlich auch die Sprechgeschwindigkeit reduziert wird, und zwar ohne dass dabei die Tonhöhe verändert wird. Das macht das Mitschreiben des Kuchengedichts leichter, außerdem hört sich das Gedicht dann gleich etwas grusliger an. (Download des Videoclips hier, taucht auch sicher bald mal bei Youtube auf.

Ich fange an, ein wenig, ein klein wenig, zu entspannen. Das merke ich daran, dass die Bücher in meinem Stapel ungelesener Bücher wieder interessanter aussehen. Auch die dicken, abschreckenden, die ich vor Kurzem gar nicht ansehen wollte. Ein kurzer Rückblick über Gelesenes:

  • East of Eden von John Steinbeck. Ganz toll, und ich müsste viel darüber schreiben und reden. Es liest sich leicht und angenehm, wenn auch nicht schnell. Die Geschichte ist groß angelegt, ein Familienepos im besten Sinn, über mehrere Generationen, über die Erschließung des Salinas Valley in Kalifornien. Zwischendrin gibt es immer wieder kürzere Kapitel mit einem stärker auktorialen Erzähler, mit Zeitraffung und einem Blick über die Hauptpersonen des Romans hinaus. Das, und das Erschließungsthema, hat mich an Ray Bradburys Marschroniken erinnert, aber vielleicht gehen mir die gerade nur so im Kopf herum.
    Ein Muster kehrt in East of Eden als zentrales Motiv immer wieder, auch explizit thematisiert: der Mythos von Kain und Abel. Das Ringen um Anerkennung und das Erfahren von Zurückweisung. Das kann ich nachvollziehen. (Gibt es bei den Griechen, die doch für alles mögliche einen Mythos haben, keine entsprechende Geschichte? Klar, einen liebenden oder auch strengen Vatergott gibt es da nicht, der einen zurückweisen konnte. Man war froh, wenn einen die Götter in Ruhe ließen. Aber Zurückweisung als solche? Ich glaube mich nur an Geschichten zu erinnern, in denen es eher um beleidigte Götter ging als zurückgewiesene, und Menschen schon gleich gar nicht.)
    Das Herz des Buchs sind seine vielen interessanten Figuren. Cathy, Samuel Hamilton, Adam Trask, und natürlich Lee. Lee ist ein Chinese, in den USA geboren, hochgebildet, der aber brav Zopf trägt und meist Pidgin-Englisch spricht, so wie Hop Sing aus Bonanza – weil das so von ihm erwartet wird. Privat spricht er natürlich perfekt Englisch, ähnlich wie der chinesische Freund von Kaiser Norton in Neil Gaimans Sandman-Heft Nr. 31.
    Chinesen im Westen der USA kennt man sonst natürlich aus der Fernsehserie Kung Fu mit David Carradine als Kwai Chang Caine (man beachte den Nachnamen: Caine ist auch ein ausgestoßener Wanderer).

    Der Schriftsteller Bret Harte, bekannte für seine Kurzgeschichten über den Westen, machte sich 1870 mit dem Gedicht “The Heathen Chinee” über Vorurteile gegenüber Chinesen lustig. In dieser Ballade geht es um eine Kartenrunde, in der ein unscheinbarer,aber betrügerischer Chinese die Mitspieler über den Tisch zieht:

    Which I wish to remark,
    And my language is plain,
    That for ways that are dark
    And for tricks that are vain,
    The heathen Chinee is peculiar,
    Which the same I would rise to explain.
    […]

    Wie so oft bei Satire wurde auch diese missverstanden und als Unterstützung rassistischer Vorurteile herangezogen. Das Gedicht von Harte, selbst eine Parodie, ist wiederum oft parodiert worden, etwa in A. C. Hiltons “The Heathen Pass-ee”, in dem es um die Tücken und Ränke spickender Studenten geht:

    […] In the crown of his cap
    Were the Furies and Fates,
    And a delicate map
    Of the Dorian States
    And we found in his palms which were hollow,
    What are frequent in palms, – that is dates.

    Which is why I remark,
    And my language is plain,
    That for plots that are dark
    And not always in vain,
    The heathen Pass-ee is peculiar,
    Which the same I am free to maintain.

  • William Tenn, Dancing Naked. Tenn muss man hier nicht kennen, er war Science-Fiction-Autor und Universitätsdozent. Das sind seine gesammelten Essays, Vorworte und Interviews. Sehr interessant dabei ein Aufsatz zu Mark Twains geschätztem “A Connecticut Yankee at King Arthur’s Court”, in dem Tenn einen Überblick über die Rezeption der letzten hundert Jahre gibt. Anscheinend hat man beharrlich das Ende dieses Romans als aufgesetzt empfunden und ignoriert. Gelesen wurde der Roman derart, dass nicht einmal die Fortschritte der Technik es schaffen, aus den Menschen im Mittelalter zivilisierte Leute zu machen, und keinesfalls als Kritik an eben diesen technischen Fortschritten.

    Ein andere Aufsatz hat mich dazu gebracht, mir einen Borges-Essay zu besorgen, der interessant klingt. Später mehr dazu.

    Und in einem weiteren geht es um Science Fiction. In den späten 1950er‑, frühen 1960er-Jahren bemühte sich die englischsprachige Science Fiction nämlich – einigermaßen erfolgreich – darum, salonfähig zu werden. Und Tenn hält das für keine gute Entwicklung. Für ihn sind Science Fiction und Literature zwei schwer zu vereinbarende Konzepte. (Anders Isaac Asimov: “[W]enn es schlechte Literatur ist, dann ist es auch schlechte Science Fiction.” In: “Was ist gute Science Fiction?”, 1977.)
    Für Tenn ist das Science in Science Fiction wichtig. Damit meint er nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Gesellschaftswissenschaften, und vor allem Geschichte. Geschichte ist für ihn die Wissenschaft, die am meisten mit SF zu tun hat: Reisen in die Vergangenheit, in die Zukunft, Veränderungen in der Gesellschaft und deren Auwirkungen. SF nimmt am besten, sagt Tenn, eine Idee, ein wissenschaftliches Konzept, und spinnt darum eine Geschichte, indem sie sieht, wie weit sie mit dieser Idee kommt.
    Ich neige dazu, Tenn recht zu geben. Deutlich wird Tenns Gedanke, finde ich, wenn man die Silben im Begriff anders betont: nicht auf dem zweiten Wort, auf dem ersten sollte die Betonung liegen. SCIENCE fiction, nicht Science FICTION.
    Allerdings: wird dann nicht jeder Roman, der mit wissenschaftlichen Konzepten spielt, zu SF? Auch The Goal von Eliyahu M. Goldratt, in dem betriebswirtschaftliche Konzepte den Hintergrund bilden? Und sind dann nicht die Romane von Michael Crichton und Frank Schätzing beste SF in Tenns Sinn? (Zugegeben, die habe ich nicht gelesen. Aber da scheint es jeweils darum zu gehen, mit Konzepten zu spielen, und nicht um literarischen Anspruch.) Wenn ja: bin ich dann einfach raus aus dem Alter für SF, verdorben? Andererseits: die Satiren von William Tenn kann ich immer noch lesen.

  • George R. Stewart, Names on the Land. Das lese ich gerade, liegt schon länger im Regal, aber endlich habe ich Lust darauf: 450 Seiten über die Geschichte von Ortsbezeichnungen in den USA. Und hier ist der Einfluss von Bradburys Marschroniken nicht zu leugnen. Die hat er zwar später geschrieben, und ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass Bradburys das Stewart-Buch gekannt hat, also vermutlich hat Bradbury sich inspirieren lassen. Aber schließlich können ja auch späte Autoren Auswirkungen auf die Interpretation früherer haben. David Lodge macht sich in Small World lustig darüber, indem er Persse eine Arbeit schreiben lässt über den Einfluss von T.S. Eliot auf Shakespeare. Genau darum geht es auch bei dem Borges-Aufsatz, den ich oben kurz erwähnt habe.

Fundsachen, dann doch fast nur zu einem Brief in der Zeit

Lesenswert und oft verlinkt: Liebe Marie, ein Artikel in der Zeit, in dem der Journalist Henning Sußebach so tut, als schriebe er seiner Tocher (fünfte Klasse, Gymnasium, Schleswig-Holstein) einen Brief. Und mit vielem in diesem Brief hat er recht. Er greift dabei nur wenig die Lehrer an, sondern eher das Schulsystem, die Politik, die Erwachsenen. Für den Unterricht ist der Text gut geeignet, da ich mir vorstellen kann, dass jeder dort viele Punkte findet, denen er zustimmt, und andere, die er ablehnt. So auch ich.

Der Tenor: Warum müssen die Kinder so viel Leid und Stress haben in der Schule, so viel Zeit damit verbringen, wo man ihnen dadurch wichtige Kindheitszeit stiehlt, wo man ihnen dadurch wichtige Erfahrungen vorenthält – auch Muße und Langeweile – und sie stattdessen zu bürofreundlichen Arbeitserledigern heranbildet?

Im Prinzip gebe ich Sußebach Recht, aber ich mag das Kleinzprinzliche der Brieffiktion nicht. “In dem Zauber verweilen, den jeder kennt, der aus dem Kinodunkel ins Licht tritt – als laufe man erwachend durch einen Traum.” Da möchte ich mit Ringelnatz immer seufzen: “Ich weiß! Ich weiß! Schon gut! Schon gut!” Warum hört man immer von den kleinen Mädchen, die ihre Reitstunden aufgeben müssen, weil das Gymnasium so schwer ist, und nie von den betrunkenen Abiturfeiernden, wie sie letzten Mittwoch nach den letzten Prüfungen im Supermarkt neben unserer Schule Kassiererinnen nervten? Oder von den Schülern der Nachbarschule, die ihre Hochschulreife mit Bier- und Schnapsflaschen und Fässern auf dem gemeinsamen Schulgelände grölend feierten? Das sehe ich noch viel mehr als Versagen von Bildung und Erziehung.

Bei verklärenden Kindheitsbildern seit Rousseau schalte ich gerne mal voreilig ab. Neulich Hartmut von Hentig gelesen, Bildung – und alle Beispiele darin entstammten der schönen Literatur. Bis auf eines, die Biographie einer Schauspielerin (Namen vergessen), die auch ganz ohne Schule und unabhängig und auf Boot etc. aufgewachsen. Informiert man sich, stellt man fest: diese Biographie war auch nur erfunden. Das heißt alles nicht, dass Hentigs Menschenbild nicht stimmt. Es heißt nur, dass man gerne auf schöne Geschichten hereinfällt.

Zurück zum Brief an Marie. Dort wird die Ansicht des Soziologen Hartmu Rosa wiedergegeben: “Ihr Kinder müsst Euch wieder langweilen dürfen.” D’accord. Wie schön allerdings, dass eine Studie herausgefunden hat, dass Schule langweilig ist- und damit übrigens eine wenig ältere Studie bestätigt, die zum gleichen Ergebnis kommt. Wir tun ja schon alles, was wir können!

(Man könnte argumentieren, dass es Rosa um ein Langweilen-Dürfen geht, während Schule eine Langweilen-Müssen ist. Aber selbst bei letzterem kann man gut kritzeln und Briefchen schreiben, und solange es Two-and-a-Half-Men und Facebook gibt, wird ersteres nicht mehr geschehen. Langweilen kann man sich nur, wenn man nicht gelernt hat, wie man Zeit totschlägt.)

Zum Ergebnis der Studie: Schüler langweilen sich auf der Grundschule wenig, auf Mittelschule und Gymnasium mehr. Das ist schlecht, keine Frage. Aber: kann das nicht auch am Alter liegen? Entwicklungsbedingt sein? Ab wann haben Schüler das Recht, selbst zu verantworten, ob sie sich langweilen oder nicht? So oder so ist es wohl: selbstbestimmte Arbeit ist keine Arbeit, sondern macht Spaß. Fremdbestimmte Arbeit ist immer Arbeit. Die kann allenfalls halbwegs erträglich sein (so wie ich das aus meiner Schulzeit kenne), wenn die Anforderungen gerade so sind, dass ich mit ein wenig Mühe knapp erreiche. Das ist dann befriedigend. Aber immer noch Arbeit. Warum kann die Arbeit an der Schule nicht selbstbestimmt sein? Weil der Staat sagt, dass Schüler bestimmte Sachen lernen sollen. Dagegen kann man natürlich sein, und vielleicht ist das sogar eine gute Idee.

Fußnote 1: “Wird Dir jemals ein Lehrer erzählen, dass das Wort Schule aus dem Griechischen stammt und eigentlich ‘freie Zeit’ bedeutet?” Aber klar. Lehrer erzählen Schülern ständig so etwas. Und Marie wird mit den Augen rollen dabei.

Fußnote 2: Sußebach zitiert den Bildungsforscher Kurt Heller mit einem differenzierten Blick aufs G8. Das habe “für 25 bis 30 Prozent der Gymnasiasten mehr gebracht – für die anderen wäre G9 vorteilhafter gewesen.” Ich weiß nicht, ob die Zahlen stimmen, kann mir das aber schon so vorstellen. Leider hört man selten so differenzierte Aussagen.

Der Hauptanklagepunkt Sußebachs ist vielleicht der, dass alles in der Kindheit einen Zweck haben muss, einen Sinn. Das ist tatsächlich schlecht. Und wird von vielen Eltern und der Wirtschaft tatsächlich zumindest für die Schule gefordert: die muss unmittelbar verwertbar sein. “Wir haben Euer Leben den Regeln der Wirtschaft unterworfen.” Stimmt. Und das ist schlecht, ich wiederhole das. Sußebach macht sich Sorgen, dass nur die angepassten, braven am Gymnasium bestehen. Dass “die Querköpfe, die Nervensägen, die Rotznasen” aussortiert werden. Hm, weiß nicht. Querköpfe gibt es sehr wenige an meiner Schule, das stimmt. Aber ich weiß nicht, woran das liegt, und ob es weniger sind als früher. Vielleicht. Ich würde aber nie sagen, dass die Braven, Angepassten bleiben. Siehe bierfreudiges Abifeiern. Aber auch da kommt es darauf an: angepasst woran?

Muss jetzt schließen, die Batterie vom Keyboard ist leer. Eigentlich: Abendessen, aber so oder so höre ich jetzt auf, unfertig wie der Text auch ist.

Hörenswerter Vortrag einer Anthropologin:

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Amber Case: We are all cyborgs now.

Dort habe ich auch zum ersten Mal den inzwischen häufiger gefundenen Begriff digital adolescence gehört. Ist vielleicht eine interessante Ergänzung zu digital resident und digital visitor. (Das mit den natives wollen wir ja eh mal ruhen lassen.) Demnach gäbe es auch digital adults und digital infants und dergleichen – eine zeitliche Bildebene statt einer räumlichen.

Neues vom Abitur: bis vor ein paar Tagen hatte man das G8-Abitur in Bayern nicht bestanden, wenn man in den drei Pflichtfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprache mehr als einmal unter 5 Punkten in der Abiturprüfung hatte. Das war mir selber, ehrlich gesagt, auch erst zu spät klar geworden, sonst hätte ich das angesprochen. Die Schüler hatten das alle in ihren Informationsbroschüren stehen, aber ich weiß nicht, ob sie das wirklich verstanden haben. Denn unter 5 Punkten, das kommt in Klausuren wie in Abituren nicht so gar selten vor.
Deshalb mag es für manche ein Glück gewesen sein, dass ein Schreiben des Ministeriums vorgestern die Schulen darüber informierte, dass die Regelung entschärft worden ist: einmal 4 Punkte und einmal 5 Punkte in diesen drei Fächern gehen auch.

(Pressemitteilung StMuK)

“Diese Entscheidung erfolgte auf der Basis vorliegender Rückmeldungen von Schulen und nach Gesprächen mit Lehrkräften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden” und ist Teil eines sogenannten Monitoringprozesses – das heißt, dass während der gesamten G8-Oberstufenphase immer wieder Feinjustierungen an der Notenregelung und anderem vorgenommen wurden, wenn es denn Gespräche mit Lehrkräften, Schulleitern, sowie Vertretern von Lehrer- und Elternverbänden erforderten. So konnten die Schüler etwa wählen, ob die Klausurnoten im Vergleich zu den anderen Noten doppelt oder einfach gewichtet werden sollten.

Im G9 gab es das Problem in dieser Form nicht: da musste niemand in Deutsch oder Mathematik Abitur machen, und jetzt müssen das alle. Kein Wunder, dass das nicht so glatt geht. (Pressemitteilung der bayerischen Grünen dazu, denen die Verpflichtung zu diesen drei Fächern nicht gefällt.) Ich halte es eigentlich schon für sinnvoll, diese drei Fächer herauszuheben. Aber dann muss das den Schülern und Schulen auch bewusst sein und es muss die nötigen Ressourcen dazu geben. Diese Feinjustierung in letzter Minute wirkt jedenfalls sehr, sehr ungeschickt, auch wenn Lehrer und Schüler froh sein werden über die ansonst nötig gewesenen Zusatzprüfungen, die jetzt entfallen. Eine Niveausenkung ist das allemal.