Abiturfeier 2014

Gestern war die Abifeier. Ich kannte nur einen kleinen Teil des Jahrgangs und hatte nur wenige Schüler davon im Seminar (11. und die erste Hälfte der 12. Jahrgangsstufe), bin aber trotzdem hin.

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Beste Rede des Abends: Die des Schülers, der für die Abiturienten sprach. Das Reden machte ihm sichtlich Spaß, aber er wirkte dabei nicht wie jemand, der sich grundsätzlich gerne reden hört. Sehr entspannt vorgetragen, mit einem überraschenden Einstieg. (“Manche haben sich gewundert, als sie hörten, dass gerade ich die Rede halten würde. Ich bin kein besonders fleißiger Schüler, aber ich bin auch kein [Name eines Mitschülers]. Ich bin kein besonders schlechter Schüler, aber ich bin auch kein [Name eines anderen Mitschülers].”) Und so weiter. Das Gelächter unter den Erwachsenen war am Anfang etwas ungläubig, aber in der Situation hat die Rede gepasst.
Es folgte ein Blick zurück, mit angemessenem Maß an Selbstkritik, und ein Blick nach vorn, mit angemessenem Optimismus. Mir fehlte zumindest eine Note von Kritik an konkreter Schule oder Schulsystem, aber man man nicht alles haben.

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Gegenpunkte dazu setzen Elternbeirat und die betreuende Oberstufenkoordinatorin, die die Abiturienten vorsichtig daran erinnerten, dass sie es doch eigentlich ganz gut hätten. Der stellvertretende Landrat wünschte den Abiturienten ein “Chillen Sie erst mal”, auch angesichts der vielen der Abizeitung zu entnehmenden Reisepläne nach Neuseeland. Nu. Besser gefiel mir der sehr authentisch wirkende neue Oberbürgermeister der Stadt, der nicht nur ein paar Spitzen gegen das G8 abließ, sondern den Abiturienten angesichts der Neuseeland-Popularität riet, sich doch mal per Zug in Europa umzusehen, nur so als Vorschlag.

Dauer: knapp 4 Stunden, mit einer halben Stunde Pause dazwischen. Gelobt sei ein Schüler, der wenigstens ein kleines anarchisches Zeichen setzte und die ganze Veranstaltung über, Zeugnisübergabe eingeschlossen, mit einem Eselskopf herumlief. Vielen Dank dafür!

Die Kleidung war bei den Herren etwas festlicher als die letzten Jahre, bei den Damen dominierte das Cocktailkleid, eine Handbreit überm Knie, aber auch ein paar lange Kleider gab es. Am besten gefielen mir aber die schlichten Sommerkleider, gepunktet oder mit Blumen. Bei der Abiturzeignisvergabe ist es im Gebäude immer recht warm, da passt die sommerfrische Kleidung vielleicht eher als die edle.
Beste Frisur des Abends: kurz. (Und gepunktetes Kleid dazu.) So richtig Jean Seberg in “Außer Atem”. Kurz gefällt mir überhaupt bei den meisten Frauen am besten. Populär scheinen zur Zeit aber Brautlocken zu sein.

Male and Female Vocabulary

Bei Slate wird von einer Studie berichtet, bei der untersucht wurde, welche Vokabeln es gibt, die eher von Männer gekannt werden oder eher von Frauen. Bei den Top Ten der Wörter, die Männer deutlich wahrscheinlicher kennen als Frauen, kenne ich alle. Pfft, was ein Claymore ist, weiß ich seit frühen Rollenspieltagen, Kevlar kennt jeder Computerspieler, den Rest auch. Bei den zehn Wörtern, die deutlich mehr Frauen kennen als Männer, kannte ich tatsächlich nur sieben. (Nicht gekannt: ein Hormon, eine Pflanze, eine Basteltechnik. “Taupe” kannte ich allerdings.)

Euclid: The Game

Tolles Spiel: Euclid: The Game. In bisher 20 Leveln muss man geometrische Konstruktionen nachvollziehen, ganz wie damals und heute auch noch in der 7. und 8. Klasse. Es beginnt harmlos, man muss zu einer gegebenen Strecke ein gleichseitiges Dreieck konstruieren. Zur Verfügung: Zirkel (um einen Kreis um Punkt A durch Punkt B zu ziehen) und Lineal (um zwischen Punkt A und B eine Strecke beziehungsweise Halbgerade zu zeichnen).

Sobald man den Level gelöst hat, kriegt man “gleichseitiges Dreieck” in seinen Werkzeugkasten, und kann das bei den folgenden Aufgaben benutzen, ohne ganz von vor konstruieren zu müssen. Die folgenden Aufgaben: Da muss man dann das Lot durch einen Punkt auf eine Gerade/Strecke ziehen, eine Parallele durch einen Punkt ziehen, einen Winkel halbieren, eine Strecke in der Mitte teilen, und so weiter.

Das macht kolossal Spaß. Die Level 1 bis 19 gingen ziemlich schnell, aber bei Level 20 hatte ich nicht die Geduld, selbst auf die Lösung zu kommen, und habe gespickt. (Tangente zu zwei gegebenen Kreisen.)

Das macht sogar noch mehr Spaß als in der Schule. Denn es gibt so viele verschiedene Möglichkeiten, auf die jeweilige Lösung zu kommen. (In den Kommentaren stellen die Spieler ihre schrägen oder eleganten Konstruktionen vor.) Es reicht auch nicht, zufällig an die richtige Stelle zu kommen und sie als Lösung zu deklarieren. Nein, die Konstruktion muss schon logisch korrekt zur richtigen Lösung führen. Und da wird es interessant. Es reicht ja nicht, die Lösung zu konstruieren, sondern – als Erwachsener – will man auch wissen, warum die Lösung korrekt ist. Den Inkreis zu einem Dreieck konstruiert man über die Winkelhalbieren, aber wieso eigentlich?

(Den Ägyptern hat es, so habe ich das mal gelesen, gereicht, wenn ihre geometrische Konstruktion zur richtigen Lösung geführt haben. Die griechen Mathematiker wollten dagegen bewiesen haben, dass die Lösung stimmt.)

Ich stelle mir das gar nicht so leicht vor, als Mathelehrer, bei einer gegebenen Konstruktion, wo ein Kreis um den einen Punkt, geschnitten mit einem anderen Kreis, und dazu die Parallele zu einer Geraden – ob das zufällig oder notwenig die richtige Lösung ist.

“Euclid: The Game” funktioniert mit Javascript, man kann bei github die bisherigen Level herunterladen. Wer sich mit Geogebra auskennt, so heißt es, könne auch einfach weitere Aufgaben erzeugen.

(via Serendipita)

Tweets, vorgelesene, von Prominenten und anderen

Schon seit einiger Zeit gibt es im US-Fernsehen eine Reihe von kurzen Schnipseln, bei denen Film- und Fernseh-Prominente Tweets über sich selber vorlesen – beleidigende Tweets, wie es sie oft gibt:

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Lustig, aber eigentlich nichts für mein Blog, wenn es im Zuge dessen nicht auch (auch schon seit ein paar Monaten) das hier gäbe – “Teachers reading mean tweets”:

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Oder:

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Wenn man dem Link zu Youtube folgt, kriegt man in der rechten Spalte viele, viele vergleichbare Produktionen angeboten.

Ich denke nicht, dass bei uns genügend Schüler für so etwas bei Twitter sind. Aber vielleicht könnte man mal die Facebook-Kommentare Anfang des Schuljahres sammeln, wenn die Schüler aushandeln, wer mit wem wegen welchem Lehrer den Oberstufenkurs tauschen will. – Nähme man die Anweisungen des Unterrichtsministeriums ernst, dürften wir das bei Facebook oder bei Twitter alles gar nicht lesen können.

(Ich habe noch die Kommentare in einem Forum, das sich die Oberstufe vor zehn Jahren eingerichtet hat, als noch niemand an Passwörter und Anonymität dachte, und eh kaum ein Lehrer im Web unterwegs war. Die hätten wir damals auch so vorlesen sollen, vielleicht als Überraschungsvideo bei der Abifeier.)

Zombies, Run!

Diese App gibt es jetzt im dritten Jahr, aber vielleicht kennen sie doch noch ein paar nicht. Ich bin jedenfalls erst vor kurzem darauf gestoßen worden.

Und zwar: Ich raffe mich sehr viel seltener zum Strampeln am Crosstrainer oder Joggen auf, als gesund für mich wäre. Der Glückshormongewinn danach ist gerade mal nicht groß genug. Aber in den letzten zwei Wochen bin ich doch fast jeden zweiten Tag gelaufen. Das kam durch die App Zombies, Run! (Webseite, Google Playstore). Die ist genial.

Man läuft mit Kopfhörern im Ohr, und dem Tablet/Handy am anderen Ende. Und man bekommt während des Laufens eine Geschichte erzählt, sozusagen. Der Hintergrund: Wir sind in der nahen Zukunft, aber nach der Zombie-Apokalypse*. Die überlebenden Menschen haben sich in kleinen Gemeinschaften verschanzt, Ein- und Ausgänge sind streng bewacht. Draußen treiben sich die klassischen Zombiehorden herum – schlurfend, hungrig, hirnlos, und wer gebissen wird, wird selbst zum Zombie. Treibstoff ist teuer und nur spärlich vorhanden, deswegen werden für viele Aufträge laufende Boten eingesetzt, sogenannte runner.
Man selbst spielt Runner Five, neu angekommen in Abel Township, der nach und nach verschiedene Aufträge erledigen muss.

Story-Modus

So ein Auftrag besteht zum Beispiel darin, sich mit dem Boten einer anderen Basis zu treffen, um Nachrichten oder Material zu tauschen. Oder man muss laufen, um eine Horde Zombies abzulenken, die sich der eigenen Basis nähert. Ich musste auch schon mal verirrten Wanderern helfen oder die Nachbarbasis vor einem drohenden Überfall warnen. Informationen erhalte ich dabei über Funk von meiner Basis, die mich und die Situation um mich herum im Auge behält; der Kopfhörer ist also quasi meine Verbindung zur eigenen Basis. Außerdem höre ich noch den Dialogteil anderer Menschen, auf die ich geplant oder ungeplant treffe. (Selber ist man eher der starke, ruhige Typ: Die eigene Stimme hört man nicht.) Und das Grunzen der Zombies höre ich natürlich auch, wenn ich ihnen zu nahe komme. Im Zug dieser Missionen entwickelt sich auch eine größere Geschichte, zu der bei jeder Mission der eine oder andere Puzzlestein beigetragen wird.

(Ich bin leicht zu manipulieren: Jedenfalls fühle ich mich richtig gut, wenn ich den Zombies noch einmal davongelaufen bin, wenn mir mein Partner versichert “You’re doing fine”, wenn ich den Auftrag erfüllt habe.)

Season 1 enthält 23 dieser Missionen. Eine typische solche Mission dauert etwa dreißig Minuten – wahlweise doppelt so viel – und besteht aus sechs Audiosegmenten mit Funkkontakt oder Dialogteilen. Die Audiosegmente sind kurz und füllen keineswegs die ganze Laufzeit. Dazwischen sammelt man noch zufallsgesteuert Fundsachen ein – Dosen mit Lebensmitteln, Kleidung, Verbandsmaterial -, was auch jedesmal zu einer kurzen Audionachricht führt, so dass immer ein bisschen was los ist. Den Rest der Zeit über hört man Musik von der eigenen Handy-Playliste, notfalls unterbrochen durch wichtige Mitteilungen.

Nachtrag: Nicht nur Margaret Atwood hat einen Gastauftritt, als sie selbst (Season 2, Episode S4), auch die Autorin Naomi Alderman und andere Mitglieder des Produktionsteams sind zu hören. Zum Ende des Radio Mode von Staffel 1 gibt es eine Reihe von Quasi-Radio-Beiträgen unter dem Titel “This Zombie Life”. Das sind kurze Geschichten, in denen (fiktive) Zuhörer des (fiktiven) Senders ihre Erinnerungen erzählen. Eine Naomi Alderman erzählt darin, wie es auch vor der Zombie-Apokalypse großes Leid gab, nämlich in den Büros und Kanzleien. Einer der Angestellten dort kam infiziert zu einer Konferenz, und fing mitten unter dem Reden an, andere Teilnehmer zu beißen, und redete – ganz Zombie, ganz automatisch – beständig weiter. Siehe auch Jonathan Coulton, Re: Your Brains. Hier kann man “This Zombie Life” anhören.

Die Musik dazu

Und das ist ganz wichtig: Sich eine eigene Zombie-Musikliste zusammenstellen. Besonders gut geeignet: Der Soundtrack zu Radioactive Dreams**, dann auch der Soundtrack zu Shock Treatment; Jonathan Coulton (I Feel Fantastic, Re: Your Brains, Skullcrusher Mountain), alle Lieder, die etwas mit Laufen oder Wettrennen zu tun haben (The Ballad of Thunder Road, Por una cabeza), Monsterlieder (Monster Mash) oder Lieder mit schönem Laufrhythmus (lies: Foxtrott, Credence Clearwater Revival, Willie Nelson). Selbst Maurice Chevalier kommt gut nach der Zombie-Apokalypse.

Basisbasteln

Während der Läufe sammelt man Ausrüstung ein. Zusammen mit den Materialpunkten, die man nach jeder Mission erhält, benutzt man diese, um an der Basis – Abel Township – herumbasteln:

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Es gibt eine maximale und eine aktuelle Einwohnerzahl; ein Maß für die Sicherheit und die Zufriedenheit der Bewohner. Man baut neue Gebäude und erweitert die vorhandenen, um diese Werte zu verbessern.

Frecherweise wird meine Basis auch noch regelmäßig, oder zufallsgesteuert, von Zombiehorden angegriffen. Alle drei Tage? Immer wenn ich mal zwei Tage nicht gelaufen bin? Einfach so? Jedenfalls machen die mir die Mauer kaputt, so dass ich erworbene Punkte ausgeben muss, um sie zu reparieren. Wenn ich das nicht mache… ich weiß es nicht, ich will es auch nicht ausprobieren. Farmville bei Facebook und dergleichen hat mich nie interessiert, aber die Sicherheit von Abel Township liegt in meinen Händen, so dass ich regelmäßig weiterlaufen muss. Ein Pokemon am Leben zu erhalten ist harmlos dagegen.

(Ich bin so leicht zu manipulieren.)

Nebenmissionen

Neben dem Story Modus gibt es noch weitere Missionen, etwa “Airdrop”: Da wähle ich mir einen Ort auf der Karte aus (der echten Karte meiner Umgebung), muss dorthin laufen, um ein mit dem Fallschirm abgeworfenes Ausrüstungspaket abzuholen und zur Basis zu bringen. Plot-Elemente gibt es da wenige, aber die üblichen Zufallsfunde und ein paar Nachrichten auch.

Außerdem kann ich auch nur “Radio Abel” zuhören. Das ist der Radiosender meiner Basis: Zwei Moderatoren, die sich unterhalten, Nachrichten aus der Umgebung melden, so eine Art Zombie-Wetterbericht für die Region, und Musik aus ihrer Plattensammlung spielen. “One of my favourite tracks”, “a classic” – in Wirklichkeit natürlich Lieder aus meiner eigenen Zombie-Liederliste.

Ich schwöre: Das erste Mal, als ich sie anhörte, sprachen die beiden über Tom Waits – und dann kam auch prompt ein Lied von Tom Waits. Zufall? Kann ich mir nicht vorstellen. Die App kennt natürlich meine Liederliste, und man kann vielleicht davon ausgehen, dass Leute mit dieser App auch mindestens ein Lied von Tom Waits auf ihrer Liste haben, so dass es sich lohnt, ein kurzes Radio-Abel-Segment zu schreiben, in dem konkret dieser Künstler erwähnt wird.
Das war bisher das einzige Mal, das das passiert ist. Also doch Zufall? Viel mehr andere Musiker dürfte ich nicht im meiner Liste haben, für die sich so ein Scherz lohnen würde.

Nachtrag: Nachdem ich online die Skripte gefunden habe, kann ich bestätigen, dass die zweite Episode der ersten Staffel von Radio Abel mit Tom Waits endet. Dass ich den dann gehört habe, mag Zufall sein oder nicht. Aber eben habe ich mitten in der Episode “We Are Golden”, in der die Helden durch ein zur Geisterbahn aufgepepptes Herrenhaus fliehen, von Zombies verfolgt, in einem Labor mit Experimenten, das Lied “Monster Mash” (Bobby Pickett) von meiner Playlist gehört: “I was working in the lab, late one night / When my eyes beheld an eerie sight…” Das kann doch kein Zufall sein!

Das Eintauchen in die Welt

Es ist erstaunlich, wie wenig es braucht, um mich in diese Welt zu versetzen. Das gehörte Wort. Ein Grunzer von links, ein Grunzer von rechts. Das Auswerten der Liederliste – auch wenn das nur ein Anfang ist. Man könnte noch viel mehr machen, und es gibt schon andere Spiele (die nichts mit Laufen zu tun haben), die damit arbeiten. Man stelle sich jetzt noch eine Videobrille vor, die einem Bilder von Zombies in der Nähe ins Auge wirft. Und über die Ortskoordinaten kann man Straßennamen und Sehenswürdigkeiten abfragen, aus denen müsste man algorithmisch interessante Nachrichten erzeugen können.

Die Missionen im Story-Modus sind alle fest geschrieben, scripted, mit sehr nettem britischen Understatement übrigens. Eine neue Textsorte mit neuer Erzählsituation übrigens. Der heilige Gral für zukünftige Projekte sind wohl algorithmisch konstruierte Geschichte; es gibt schon Forschung dazu.

Nachtrag: Ich habe gelesen, dass die Auswahl an Radio-Abel-Beiträgen, die man hört, zumindest manchmal abhängt vom aktuellen Moral-Wert der Siedlung. Sind die Bewohner zu unzufrieden, soll es hörenswerte Kommentare dazu im Radio geben.


*Die Zombie-Apokalypse

In weiten Kreisen ist das ein so bekannter Topos, den man den nicht erklären muss. Sicherheitshalber: Menschen mutieren zu Zombies, meist aufgrund eines fiktiven Virus oder einer anderen Biowaffe. Wer von einem Zombie gebissen wird, wird bald selber zu einem, und die Zombies beißen viel und gerne. Wenn die Zombies erst mal da sind, verbreiten sie sich epidemieartig. Die Zivilisation, wie wir sie kennen, bricht zusammen. – Beim W‑Seminar nächstes Jahr stellt mir hoffentlich ein Teilnehmer in einer Arbeit zusammen, wie sich der Zombie-Boom der letzten zehn (?) Jahre entwickelt hat. Urban-Horror-Computerspiele, dann Filme?

Das amerikanische Militär hat schon Übungen mit Zombies gemacht (Spiegel Online, dort auch Links zu pdf), die University of Florida hat eine Katastrophenübung dazu geplant (aber wohl nicht durchgeführt; pdf über Googlesuche), und auch die amerikanische Seuchenschutzbehörde hat Anweisungen für den Zombie-Ernstfall herausgegeben – nicht ganz ernst gemeint, aber die empfohlenen Verhaltensweisen bei Naturkatastrophen und Zombiehorden ähneln sich insgesamt nun mal sehr.

Vom THW oder so ist mir noch nichts bekannt. Aber hier ein schöner Blogeintrag von Frau Nuf, die erklärt, wie man sich bei einem sportlichen Zombie Run fühlt.

** Radioactive Dreams

Das ist ein wenig bekannter Film aus dem Jahr 1985 mit einem gewissen Kultstatus. Der Regisseur wird in manchen Kreisen mit Ed Wood verglichen; zumindest dieser frühe Film von ihm ist aber solide, wenn auch preiswert, gemacht. Der Ausgangspunkt: zwei Jungen verbringen die Zeit des Atomkriegs und das Jahrzehnt danach in einem Bunker; keine Erwachsenen, keine Erziehung, aber jede Menge amerikanische Krimis. Als junge Männer verlassen die beiden – Phillip Chandler und Marlowe Hammer – endlich den Bunker und finden sich in einer postapokalyptischen Welt wieder, voller Mutanten, Menschenfresser, Discogangs, skrupelloser schönen Frauen, und alle jagen sie einem MacGuffin hinterher, an die beiden Helden gelangen. Dazu viel Off-Sprecher, wie es sich für einen film noir gehört. Richtig heldenhaft werden die beiden erst am Schluss, vielleicht sogar erst in der letzten Szene, als sie mit den Schultern zucken, die Welt so akzeptieren, wie sie ist, das beste daraus zu machen versuchen, und in einer Schlussnummer den “post-nuke shuffle” tanzen:

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Bei Youtube findet man eine Version des Films in schlechter VHS-Qualität, also genau so, wie wir die kopierten Filme damals erlebt haben – aber man braucht schon ein großes Herz für die 1980er, um den Film zu mögen.

Als ich 1987 mit ein paar Freunden nach London fuhr, zum ersten Mal mit dem Reisebus von Süden kommend, fuhren wir lange Zeit durch – hm, Vorstadtruinen? Schutthalden? Unser erster Gedanke, die wir das brav aufgeräumte Wohlstandsdeutschland kannten: Da sieht ja alles aus wie bei Radioactive Dreams. Alfred Pyun macht wohl häufig Filme im postapokalyptischen Milieu; er hat zwar (habe ich bei Wikipedia gelesen) kein besonderes Interesse daran, aber dieses Setting erlaubt ihm, Filme mit kleinem Budget zu machen.

Punschtorte

Meine Totemtorte ist die Punschtorte.

In meiner Kindheit gab es zumindest gelegentlich Torte vom Konditor. Sonntagnachmittag, mit meinen Großeltern, oder wenn Besuch da war, und Besuch war oft da. Erwachsene bringen bei solchen Gelegenheiten meist ein Sortiment mit, irgendwas mit Obst, irgendwas mit Creme, irgendwas mit Schokolade, da ist für jeden etwas dabei. Kinder nehmen das ernst, ich jedenfalls. Wenn ich mitreden durfte, und das durfte ich früh, wollte ich: Punschtorte. (Die aß auch meine Großmutter gerne, und von der kam ich auf den Geschmack.)

Es ging ja gar nicht soweit, dass ich vor Freude in die Luft sprang beim Anblick von Punschtorte, sicher aß ich auch mit Vergnügen andere Kuchen und Torten, denn wenn auch die Punschtorte meine eigentliche Torte war – es würde ja noch genug Punschtorte geben in meinem Leben. Schließlich war Punschtorte ein Standard bei jedem Konditor.

Das hat sich geändert. Es gibt keine Punschtorten mehr, schon seit Jahrzehnten. Man muss mindestens ein Mittvierziger wie ich sein, um sie überhaupt noch zu kennen. Frau Rau hat mir mal eine selbst gebacken, und mir mal eine vom Konditor machen lassen – das war vor fast zwanzig Jahren, und die Konditortorte war sicher gut, aber nicht richtig.

Meine Eltern meinten, sie könnten vielleicht noch eine Punschtorte besorgen. Die Konditoreien von früher, die gebe es alle noch dort, wenn auch unter neuer Leitung. Da müsse sich doch etwas machen lassen.

Also waren Frau Rau und ich (und die Eltern von Frau Rau) heute bei meinen Eltern zu Mittagessen, Nachtisch und Kuchen, mit wenigstens einem kleinen Spaziergang in der Pause dazwischen für die Leute, die nicht Autorennen im Fernsehen sehen wollten. Es war schließlich Sonntag. Sonntag kommt nach dem Mittagessen immer Autorennen im Fernsehen.

Dann gab es die Punschtorte:

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Meine Eltern waren schon vorher ehrlich gewesen: Nein, auch sie hatten keinen Konditor dazu bewegen können, eine Punschtorte zu machen, (“Ach, höchstens im Winter.” “Wie viele Torten wollen Sie denn haben?” “Die mag doch kein, die ist doch so süß.”) Also hatten sie selber eine gebacken. Eine?

Die erste war nur mal so zum Ausprobieren und wurde selbst gegessen. Die zweite, nach einer Rezeptvariante, wurde zu einer Freundin mitgebracht. (“Die hat eigentlich Erdbeerkuchen bestellt. Ach was, die kriegt jetzt Punschtorte.” Sie hat dann Erdbeerkuchen und Punschtorte gekriegt.) Die dritte endlich, auch wieder neu, die dritte wurde uns serviert.

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Mein Vater ist ein Bastler, und hat in den Jahren der Rente etliche neue Bastelgebiete für sich entdeckt. Eines ist das Kochen. (Auch der gebratene Spargel und die Rinderbäckchen waren zum Großteil von ihm, da meine Mutter gerade eine Handverletzung hat). Meine Mutter war für den Geschmack der Punschtorte zuständig, meine Vater bestand auf korrektem Aussehen. Der gebackene Biscuitboden musste in mehrere Scheiben zerteilt werden. Jeder andere macht das wohl mit Zwirn. Nicht so mein Vater, das war ihm nicht sauber genug. Also kaufte er eine Art Metallrahmen mit Schlitzen, den man um den Tortenboden legt. Mit einem langen Messer schneidet man dann, durch die Schlitze geführt, den Tortenboden entzwei.
Aber die Messer im Haus waren nicht lang genug. Also brauchte er noch ein neues Messer, ein Palettenmesser mit Wellenschliff:

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Die Art Bastler ist mein Vater. Herausgekommen ist dann auch eine Torte mit exakten Scheiben und feinem, freihändig aufgetragenen Schokoladenmuster.

Für den Geschmack ist meine Mutter verantwortlich. Der macht die Punschtorte ja so einmalig. Die Decke ist ein ganz dünner Zuckerguss auf einer ebenfalls dünnen Grundierung aus Marzipan. Ohne Marzipan kriegte man das nicht so dünn und glatt hin und der Kuchenboden verliehe dem Zuckerguss einen etwas zu dunklen Ton. Dann braucht man einen Teig, irgendwas Biscuitöses, ich bin da kein Experte. Zwischen die Biscuitschichten kommt dünn Aprikosenmarmelade. Und das allerwichtigste, das der Punschtorte ihren Namen und ihren eigenen Geschmack gibt, ist der Arrak.

Arrak. Nicht Raki. Nicht Arak. Arrak oder Arrack. Kein Anisschnaps, sondern eine der ältesten Spirituosen der Welt. Find du den heute mal noch! Dabei war der mal verbreiteter als Rum. Heute fristet er bei uns noch ein kümmerliches Dasein als “Arrak-Aroma” direkt neben dem “Rum-Aroma” bei den Backzutaten. Die Niederländische Ostindien-Kompanie brachte den Arrak aus Batavia (heute: Jakarta, Haupstadt von Indonesien) nach Europa. Klein Zack in Hoffmanns Erzählungen trinkt “zuviel Branntwein und Arrak”, möglicherweise nur des Reims wegen, aber auch in Hoffmanns “Der goldne Topf” wird ein Punsch zubereitet:

Der Registrator Heerbrand griff in die tiefe Tasche seines Matins und brachte in drei Reprisen eine Flasche Arrak, Zitronen und Zucker zum Vorschein. Kaum war eine halbe Stunde vergangen, so dampfte ein köstlicher Punsch auf Paulmanns Tische.

Punsch: Das Konzept und das Wort brachte die Englische Ostindien-Kompanie nach Europa, in Hindi bedeutet das Wort “pantsch” “fünf” (siehe Sprachgeschichteveranstaltungen an der Uni) nach den fünf Zutaten für einen Punsch: Zucker, Zitrone, Arrak, Wasser, Gewürze. Das ist alles in der Punschtorte drin, bis auf die Gewürze vielleicht, aber die werden ja auch schon in Schillers “Punschlied” nicht mehr dazugerechnet.

Und mit einem Gemisch aus Arrak und Zuckerwasser (andere, weniger gute Rezepte: Zitronensaft, Wein) wird eben auch die Punschtorte getränkt. Nur dann kommt eine Punschtorte heraus:

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Bild: Frau Rau

Beim Konditor wäre der Teig vielleicht etwas glatter, die Aprikosenmarmelade dünner. Geschmacklich war die Torte perfekt.

Meine Damen und Herren, das war die Punschtorte. Meine Totemtorte. (Und ich habe sehr liebe Eltern.)

Aktuelles aus der Bildung, Juni 2014

LRS nicht mehr im Zeugnis: In Bayern kann Schülern eine Lese-Rechtschreib-Schwäche (“LRS”) oder eine Lese-Rechtschreib-Störung (“Legasthenie”) attestiert werden. In beiden Fällen führt das in der Regel zu mehr Zeit bei Aufsätzen und zurückhaltender oder ausbleibender Bewertung der Rechtschreibung, das wird allerdings für jeden Fall individuell festgelegt. LRS muss man alle paar Jahre neu attestieren lassen, Legasthenie gilt für die gesamte Schulzeit – insbesondere auch für die Oberstufe, denn da steht der Vermerk über LRS oder Legasthenie nämlich auch im Abiturzeugnis. Jetzt hat ein Gericht entschieden, dass dieser Vermerkt nicht im Abiturzeugnis stehen darf.
Bisher führte die Unterscheidung LRS/Legasthenie dazu, dass Schüler, die den Vermerk nicht im Abiturzeugnis wollten, ihre LRS notgedrungen nach der zehnten Jahrgangsstufe nicht mehr verlängerten. Ich bin gespannt, ob die Unterscheidung LRS/Legasthenie aufrecht erhalten bleibt.

Familie trifft Schule schreibt über einen Text des Erziehungswissenschaftlers Volker Ladenthin in der FAZ. Ladenthin meint: “G8 wird die Studienzeit verlängern”, der Blogeintrag eher: “Die Universitäten werden über kurz oder lang einknicken (müssen) und Abschlüsse leichtfertiger vergeben.”
Ladenthin beschreibt anschaulich den Entwicklungsstand seiner jungen Studierenden. Ist das G8 daran schuld, oder die “zunehmende Heterogenität” der Schüler am Gymnasium, wie das jetzt offiziell heißt, oder gesellschaftliche Faktoren außerhalb der Schule? Ich weiß nicht, ob Studenten früher anders waren – die Studenten, mit denen ich mich herumgetrieben habe, waren möglicherweise nicht repräsentativ.

Unser Unterrichtsminister Spaenle setzt den “Gesprächsprozess zur Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums” fort (Pressemitteilung). Der ist inzwischen nicht nur “ergebnisoffen” (sprich: keine Rückkehr zum G8), sondern “ergebnisoffen und strukturiert” (sprich: keine Rückkehr zum G8, und keine Störungen bitte).

Einige Instrumente und Errungenschaften, die diesem Anspruch [“unsere jungen Menschen in ihrer Vielfalt möglichst optimal fördern”] gerecht werden, werden im bayerischen Gymnasium bereits praktiziert, nämlich z.B. die Intensivierungsstunden, aber auch die W- und P‑Seminare sowie der Ausbau der Ganztagsangebote.

Werden die Intensivierungsstunden immer noch als große Errungenschaft verkauft? Das Unterrichtsministerium selber hat den Gymnasien empfohlen, stattdessen in der 8. Klasse eine verpflichtende zusätzliche Stunde Mathematik einzuführen, und in der 10. das gleiche mit Deutsch.

Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)

Bekannte nehmen die junge Catherine Morland für ein paar Wochen mit nach Bath, wo man zur Erholung und zur Kur hinfährt und um neue Kleider vorzuführen. Dort freundet sie sich mit Isabella Thorpe an (an der auch Catherines Bruder interessiert ist), ohne deren Oberflächlichkeit zu erkennen. Isabellas Bruder, ein rechter Depp, wirbt um Catherine; diese verliebt sich aber in Henry Tilney, mit dessen Schwester sie Freundschaft schließt.

Catherine wird als Gegenstück zu den Heldinnen sentimentaler und sentimental-grusliger Romane eingeführt. Kein Findelkind wurde in ihrerm Heimatdorf abgegeben, dessen vornehme Herkunft sich später herausstellen könnte; sie kann weder besonders gut zeichnen noch musizieren, die Beziehung zu ihren Eltern ist unkompliziert; zum Abschied verlangt ihre Schwester nicht tränenreich einen Brief jeden Tag von ihr, sie wird nicht vor Edelleuten mit üblen Absichten gewarnt, sondern daran erinnert, sich warm genug anzuziehen, um sich nicht zu erkälten. Auf der Fahrt werden sie dann auch nicht von Räubern überfallen, und als Catherine den von ihr verehrten Tilney vertraulich mit einer fremden Frau sprechen sieht, fällt sie nicht in Ohnmacht, sondern schließt, dass das dann wohl seine Schwester ist.

Diese Bodenständigkeit verliert Catherine im letzten Drittel des Buches, als sie nach Northanger Abbey eingeladen wird, dem Anwesen, auf dem Henry und seine Schwester mit ihrem Vater leben. Catherine liest nämlich gerne Romane, am liebsten Schauerromane (die gerne mal in alten Abteien spielen), und so sieht sie eine Verschwörung um eine alte Mordtat um sich herum, die sich natürlich als bloße Einbildung entpuppt. Trotzdem gibt es dann vor dem glücklichen Ende noch etwas echtes Drama.

– Das Lesen hat mir viel Vergnügen bereitet. Bekannt ist das Buch als Parodie auf den englischen Schauerroman; tatsächlich ist der Teil, der in Bath spielt, umfangreicher, und hat mir auch besser gefallen. Catherine ist eine sympathische Heldin. Sie lebt in einer Gesellschaft voller Regeln, die sie nicht alle genau kennt, die sie aber nicht verletzen will – sie achtet sehr darauf, wie sie von anderen wahrgenommen wird. Es ist angenehm, mal eine derart mitdenkende Heldin zu haben.
Vermutlich ist das Buch gut für den Einstieg in Austen geeignet: Es gibt relativ wenige Personen; die zwei Teile des Buches funktionieren ziemlich unabhängig von einander; es gibt keine obskuren englischen Erbschaftsverhältnisse, die für den Plot wichtig sind.

Exkurs 1: Die Gothic Novel und ihre deutschen Vorläufer

Der zweite Teil von Northanger Abbey ist eine Parodie auf die englische gothic novel, eine Romanform, die im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert enorm populär war, und die zu Mary Shelleys Frankenstein führte. The Castle of Otranto (Horace Walpole, 1764) gilt als erster Vertreter: Geheimgänge, Ruinen, in Ohnmacht fallende Heldinnen, Übernatürliches, Schauplatz: Italien. Am populärsten war dann Ann Radcliffe, etwa mit The Mysteries of Udolpho (1794).

Catherine Morland mag diese Literatur, und Isabella Thorpe empfiehlt ihr in Kapitel 6 ein paar Romane zur Lektüre, die “Northanger Seven”:

“I will read you their names directly; here they are, in my pocket-book. Castle of Wolfenbach, Clermont, Mysterious Warnings, Necromancer of the Black Forest, Midnight Bell, Orphan of the Rhine, and Horrid Mysteries. Those will last us some time.”

Diese Bücher gibt es alle wirklich, und eines hat mich besonders interessiert: The Necromancer; or, The Tale of the Black Forest von Lorenz Flammenberg (Pseudonym von: Karl Friedrich Kahlert), in einer wohl recht freien zeitgenössischen Übersetzung von Peter Teuthold. Die deutsche Fassung habe ich leider nicht gefunden, die englische Übersetzung bei www.gutenberg.ca. Der Grund für mein Interesse: Bislang hatte ich immer nur gehört, dass Deutschland als Vorbild für Finsteres, Unheimliches, und die gothic novels galt. Edgar Allan Poe geht im Vorwort zu seinen Tales of the Grotesque and Arabesque auf den Vorwurf ein, er würde im deutschen Stil schreiben:

with a single exception, there is no one of these stories in which the scholar should recognise the distinctive features of that species of pseudo-horror which we are taught to call Germanic […]. If in many of my productions terror has been the thesis, I maintain that terror is not of Germany, but of the soul

Aber ich hatte keine Vorstellung davon, was diese deutschen Vorbilder denn genau waren. Die romantischen Novellen kamen eher später, hätte ich gedacht. Bleibt der Sturm und Drang, und ja: Als Folge von Schillers Räubern blühte der Räuberroman, vorher schon der Geheimbundroman, populär waren auch Roman um Geisterbeschwörer, so dass sich selbst Schiller unwillig zu Der Geisterseher herabließ.

(Einen Rest davon gibt es in Eichendorffs “Taugenichts”: Im sechsten Kapitel verbringt unser Held eine Nacht in einem alten Schloss. Es kommt ihm alles sehr gruselig vor, er sieht eine alte Frau mit Messer, fühlt sich an Geschichten von Mord und Menschenfressern erinnert, die er gelesen hat. Nach einem Brief von “Aurelie”, der an ihn adressiert zu sein scheint, flieht er, verlockt von der Musik eines Studenten unter seinem Fenster, der ihm bei der Flucht hilft.)

Von diesen Romanen kriegt man heute kaum etwas mit.

Hier übrigens der Umschlag einer Ausgabe von Northanger Abbey, die nicht erkannt hat, dass es sich um eine Parodie handelt:

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Paperback Library Edition (New York), 1965.

Exkurs 2: Figurenrede

In einem Roman erzählt meist der Erzähler. “In Front des schon seit Kurfürst Georg Wilhelm von der Familie von Briest bewohnten Herrenhauses zu Hohen-Cremmen fiel heller Sonnenschein auf die mittagsstille Dorfstraße,” steht da, und das sagt zu uns der Erzähler. Manchmal hört man aber auch die Stimme der Figuren selber. Neben weiteren Formen gibt es dafür folgende drei Möglichkeiten:

Direkte Rede

Eben hatte sich Effi wieder erhoben, um abwechselnd nach links und rechts ihre turnerischen Drehungen zu machen, als die von ihrer Stickerei gerade wieder aufblickende Mama ihr zurief: »Effi, eigentlich hättest du doch wohl Kunstreiterin werden müssen. Immer am Trapez, immer Tochter der Luft. Ich glaube beinah, dass du so was möchtest.«

Hier spricht die Mutter, der Erzähler tritt ganz zurück. Merkmal: Anführungszeichen.

Indirekte Rede

Und was nun die Kinder angehe – bei welchem Wort er sich, Aug in Auge mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten, einen Ruck geben musste -, nun, so sei Effi eben Effi und Geert Geert.

Hier fehlt zwar das aus dem Zusammenhang unschwer zu erschließende: “sagte der alte Briest”, aber dennoch ist klar, dass es sich um indirekte Rede handelt, dass also nicht der Erzähler uns mit der Weisheit, dass Effi eben Effi ist, beglückt, sondern dass das der alte Briest macht. Erkennbar ist das vor allem am für die indirekte Rede typischen Konjunktiv (“angehe”, “sei”). Durch dessen Verwendung betont der Erzähler geradezu, dass nicht er es ist, der hier spricht.

Erlebte Rede

Hier ein nichtfiktionales Beispiel aus der Rede des Bundestagspräsidenten Jenninger anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht 1938:

Man genoss vielleicht in einzelnen Lebensbereichen weniger individuelle Freiheiten; aber es ging einem persönlich doch besser als zuvor, und das Reich war doch unbezweifelbar wieder groß, ja, größer und mächtiger als je zuvor. – Hatten nicht eben erst die Führer Großbritanniens. Frankreichs und Italiens Hitler in München ihre Aufwartung gemacht und ihm zu einem weiteren dieser nicht für möglich gehaltenen Erfolge verholfen?

Nicht Jenninger selbst stellt diese Frage, nicht er hält das Deutsche Reich für unbezweifelbar groß und mächtig: Sondern ein – fiktiver, für durchschnittlich angenommener – Deutscher 1938, dessen Gedanken hier Jenninger wiedergibt. Allerdings benutzt Jenniger hier etwas, das im Deutschen “erlebte Rede” heißt: Es gibt keine Anführungszeichen, keinen Konjunktiv, formal ist nicht zu unterscheiden, ob hier der Erzähler bzw. Jenninger spricht oder eine Figur: Beides ist 3. Person Singular Indikativ Präteritum, die normale Erzählform. Am Tag nach der Rede und den auf sie folgenden Protesten trat Jenninger vom Amt des Bundestagspräsidenten zurück.

Bei erlebter Rede verschwimmen die Grenzen zwischen Figur und Erzähler. Das kann effektiv sein. In dieser Passage aus Irrungen, Wirrungen von Fontane denkt Botho während eines Ausrittes in wörtlicher Rede vor sich hin:

“Weil ich sie liebe! Ja. Und warum soll ich mich dieser Neigung schämen? Das Gefühl ist souverän, und die Tatsache, dass man liebt, ist auch das Recht dazu, möge die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens ist es kein Rätsel, und wenn doch, so kann ich es lösen. Jeder Mensch ist seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein sind, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuten. Und dies Beste heißt mir Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hat Lene, damit hat sie mir’s angetan, da liegt der Zauber, aus dem mich zu lösen mir jetzt so schwer fällt.”

So denkt doch kein Mensch! Umgeformt in erlebte Rede sieht das viel natürlicher aus:

Weil er sie liebte! Ja. Und warum sollte er sich dieser Neigung schämen? Das Gefühl war souverän, und die Tatsache, dass man liebte, war auch das Recht dazu, mochte die Welt noch so sehr den Kopf darüber schütteln oder von Rätsel sprechen. Übrigens war es kein Rätsel, und wenn doch, so konnte er es lösen. Jeder Mensch war seiner Natur nach auf bestimmte, mitunter sehr, sehr kleine Dinge gestellt, Dinge, die, trotzdem sie klein waren, für ihn das Leben oder doch des Lebens Bestes bedeuteten. Und dies Beste hieß ihm Einfachheit, Wahrheit, Natürlichkeit. Das alles hatte Lene, damit hatte sie’s ihm angetan, da lag der Zauber, aus dem sich zu lösen ihm jetzt so schwer fiel.

– Erlebte Rede gibt es auch im Englischen, dort heißt sie “free indirect speech”. Im Englischen gibt es keinen nennenswerten Konjunktiv mehr, der in indirekter Rede verwendet wird, stattdessen gibt es etwas, das “backshift” heißt, kurz gesagt: aus present tense in der direkten Rede wird beim Erzählen past. Aus “I want to break free” wird “He said he wanted to break free” (indirect speech) beziehungsweise ohne die Redeeinleitung gleich “He wanted to break free” (free indirect speech) – also unsere erlebte Rede.

Was das alles mit Jane Austen zu tun hat

Bei Northanger Abbey gibt es schon inneren Monolog:

“This is strange indeed! I did not expect such a sight as this! An immense heavy chest! What can it hold? Why should it be placed here? Pushed back too, as if meant to be out of sight! I will look into it—cost me what it may, I will look into it—and directly too—by daylight. If I stay till evening my candle may go out.” [Chapter 21]

Es gibt aber auch indirekte Rede ohne redeeinleitendes Verb (wie: free indirect speech) aber mit Anführungszeichen:

The place in the middle alone remained now unexplored; and though she had “never from the first had the smallest idea of finding anything in any part of the cabinet, and was not in the least disappointed at her ill success thus far, it would be foolish not to examine it thoroughly while she was about it.”

Der Zusammenhang macht klar, dass die Ansichten, die innerhalb der Anführungszeichen stehen, nicht die des Erzählers sind, sondern die von Catherine – erlebte Rede, free indirect speech, aber durch die Anführungszeichen eben nicht ganz so free.

Das gibt es im späten 18. Jahrhundert sicher ständig, ist mir jetzt aber zum ersten Mal so richtig aufgefallen. (Der prinzipielle Gebrauch von Anführungszeichen für wörtliche Rede wurde in England erst ab 1714 etabliert.) Northanger Abbey ist voller Beispiele. Hier spricht der alte Tilney zu Catherine:

The netting-box, just leisurely drawn forth, was closed with joyful haste, and she was ready to attend him in a moment. “And when they had gone over the house, he promised himself moreover the pleasure of accompanying her into the shrubberies and garden.” She curtsied her acquiescence. “But perhaps it might be more agreeable to her to make those her first object. The weather was at present favourable, and at this time of year the uncertainty was very great of its continuing so. Which would she prefer? He was equally at her service. Which did his daughter think would most accord with her fair friend’s wishes? But he thought he could discern. Yes, he certainly read in Miss Morland’s eyes a judicious desire of making use of the present smiling weather. But when did she judge amiss? The abbey would be always safe and dry. He yielded implicitly, and would fetch his hat and attend them in a moment.” [Chapter 22]

Herkömmliche indirekte Rede ohne Anführungszeichen gibt es natürlich auch. Ich vermute mal, ohne das überprüft zu haben, dass Austen bei indirekter Rede genau und nur dann Anführungszeichen setzt, wenn kein explizites redeeinleitendes Verb vorhanden. Dann dürfte diese erlebte Rede quasi nur in Anführungszeichen vorkommen. Nachgeprüft habe ich das nicht.

Wikipedia entnehme ich, dass Jane Austen und Goethe zu den ersten gezählt werden, die erlebte Rede bzw. free indirect speech verwenden. Dann ist das wohl in Vergessenheit geraten und erst wieder über Flaubert in die moderne Literatur gekommen.

– Gerade bei Fontane, Irrungen, Wirrungen gesehen:

Mittlerweile sank die Sonne hinter den Wilmersdorfer Kirchturm, und Lene schlug vor, aufzubrechen und den Rückweg anzutreten, “es werde so fröstlich; unterwegs aber wollte man spielen und sich greifen; sie sei sicher, Botho werde sie nicht fangen.”

Auch hier indirekte Rde, markiert durch Konjunktiv und Anführungszeichen.

Netzneutralität

Das ging die letzten Tage im Netz herum: Der englische Komiker John Oliver, lange Teil der amerikanischen Daily Show mit Jon Stewart, bevor er seine eigene Show bekam, erklärt anschaulich und engagiert, was es mit Netzneutralität auf sich hat.

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Köstlich, und informativ. “Turn on CAPS LOCK and fly, my pretties, fly!”

Flüchtige Küsse, bildlich

Aus Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung:

Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, […] als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte.

Hinter dem Auslassungszeichen im Zitat kommen im Original noch vier weitere immer elaboriertere Vergleiche, alle innerhalb der gleichen Periode. Die Schüler kriegten den ganzen Ausschnitt zu lesen und mussten dann analoge Vergleiche finden, die sich in die Vorlage einfügen sollten. Hier sind ein paar davon:

So still und unauffällig wie ein Spion, der den Auftrag erhalten hatte, den mächtigsten Mann der Welt auszuspionieren und Daten zu stehlen, die strategischen Vorteil bringen in einem Krieg, der verloren scheint, aber es nicht ist, die aber in einer Kammer gelagert sind, die mit einer Alarmanlage gesichert ist, die auf zu hohe Lautstärken reagiert, aber nur mit einem Lip­penscan deaktiviert werden kann, um festzustellen, ob es kein Roboter ist, diesen Alarman­lagenscan durchführt, küsste er sie.

…so still und flüchtig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als wäre er der frei schwebende, von der Strömung getragene Tentakel einer Kompassqualle, die das zarte Bein eines jungen Mädchens streift, welche mit ihren Eltern den schon lang er­träumten Urlaub macht und sich gerade von den sanften Wellen der Ägäis in Richtung Küste treiben lässt, nach­dem sie zuvor aus Übereifer etwas zu weit aufs Meer hinaus ge­schwommen war…

…so leise, wie wenn ein Affe sich in den Bäumen so sachte, dass man nicht einmal den Wind in den Blättern hört, von Ast zu Ast hangelt um an der dösenden Schlange, die mit geschlossenen Augen in gerade diesem Baum hängt, in dem sich der Affe bewegt, die Mango zu rauben, um deren Saft, mit gespitzten Lippen aus zu schlürfen, küsste er sie, …

…so kurz und flüchtig, als würde er sie gar nicht küssen, sondern als würde ein längst ausge­storbener Flugsaurier mit nahezu unscheinbaren Schwingen über ein einzelnes Blatt schweben, weder deutlich noch wahrnehmbar, während die trockene Luft zwischen den Bäumen eine Be­rührung gerade zu greifbar und dennoch nicht bestimmt erscheinen lassen und eben jene hauchdünne Konsistenz der Flügel, die ebenso ungewichtigen, vom Wind zurückgelassenen Blätter, an der Spitze der Bäume streifen, …

…so kurz und flüchtig küsste er sie, wie ein Ertrinkender, der nach seinem scheinbar endlo­sen Kampf im dunklen Blau des Meeres, das dazu auch noch erschreckend tief war, in ra­sender Ver­zweiflung, japsend und nach Luft ringend, seinen letzten, kurzen, flüchtigen, nur gering sauer­stoffhaltigen Atemzug tat und schlussendlich mit einem sachten Blubbern unterging…