Rettich & Routine

großer Rettich

großer Rettich

Ausgerechnet wenn ich Strohwitwer bin, werden die Rettiche so groß. Aber morgen treffe ich mich wieder zum Musikmachen (Ukulele und Klavier), da darf ich Kohlrabi und Rettich aus der Kartoffelkiste mitnehmen und hoffentlich dalassen.
Kartoffelkiste: Frau Rau und ich sind Mitglied im Kartoffelkombinat, einer Genossenschaft, die sich an Prinzipien solidarischer Landwirtschaft orientiert. Dazu gehört ein gemeinsam getragenes Ernterisiko – wenn sie gut ausfällt, gibt es viel, sonst halt nicht. Und man kann sich nicht aussuchen, was in der Kiste ist. Daher auch der Rettich. Ich mag Rettich, aber nicht so viel auf einmal.

In der Schule fängt langsam die Routine an. Ich muss nur aufhören, mir immer selber auch die Praktikanten zuzuteilen…

Klassen sind verschieden

Ich finde es ein Zeichen von Repekt und Anerkennung des Gegenübers, dass man zugibt, dass Klassen verschieden sind. Es gibt gesprächsbereite und verschlossene, lernwillige und lernunwillige. Kurz sagt man meist: gute Klassen und schlechte Klassen und meint damit die Leistung, die meistens mit dem Lernwillen korrelliert. (Nette Klassen heißen Klassen unabhängig von der Leistung.)

ALs Lehrer lernt man, sich auf die Klasse einzustellen, Methoden, Inhalte und Ziele anzupassen. Allerdings ist es eine Illusion, zu glauben, dass man damit die oben genannten Unterschiede ausgleichen kann. Eine lernwillige Klasse wird (bei weniger Aufwand) mehr lernen als eine lernunwillige (und das bei mehr Aufwand). Wer das leugnet, überschätzt die Rolle der Lehrkraft und leugnet die Individualität von Schülern. “Jedes Kind will lernen” lese ich ab und zu auf Twitter, und ab und zu ist da hoffentlich ein Individualist dabei, der wie bei Brian ruft: “Ich nicht.”

Ich merke das jedes Jahr, wenn ich Klassen parallel unterrichte. Da muss man trotzdem alles anders machen, und trotzdem kommt etwas anderes heraus. Das ist auch in Ordnung. Wenn ich eine Klasse im Folgejahr wieder unterrichte, merke ich ebenfalls, wie sehr sich manche Klassen positiv verändern, wenn nur zwei oder drei störende Schüler nicht mehr da sind. – Das heißt keinesfalls, dass man deshalb störende Schüler gleich aus der Klasse nehmen sollte. Aber all das sind Faktoren, die so viel mehr ausmachen als jeglicher methodischer Zirkus, zu denen ich aber die Diskussionen lese. Smartboards ja oder nein, BYOD, mehr Freiheit oder weniger, diese oder jene Methode – schon recht, aber die Unterschiede, die wirklich eine Rolle spielen, sind andere.

Ansonsten bin ich immer noch sehr müde, das legt sich hoffentlich bald. Immerhin habe ich jetzt alle Schüler und Schülerinnen gesehen, die ich dieses Jahr unterrichte. Kommunikation unter Lehrern läuft gut, reger Austausch (letzte Woche Personalausflug), Wandertag ist wohl auch klar. Die schönsten Schülervorschläge – Escape Room, Krimi-Dinner – gehen für Schülergruppen nicht, das Heldenverlies ist auf der anderen Seite von München und noch ungetestet; hat meine Klasse nicht genug interessiert.

Tschick im Kino; Text Adventures in der Schule

Tschick lese ich ja schon lange gerne als Schullektüre, gestern war ich im Kino und habe mir mit Frau Rau und vielen anderen. Der Film hat mir gut gefallen, die beiden Hauptdarsteller ganz toll. Vermisst habe ich Richard Clayderman, und da bin ich nicht der einzige – ja, die beiden finden die Clayerman-Kassette im Auto und hören sie an, und ja, vielleicht wäre es zu viel gewesen: Die Idee, dass die beiden als einzige Musik auf ihrer Fahrt diesen ihnen völlig fremden und meiner Generation so vertrauten Clayderman haben, ist so genial, dass ich gerne gewusst hätte, wie es wirkt, wenn auch wir immer und immer wieder diesen Clayderman hören. Stattdessen gibt es flotte Road-Movie-Musik, schon gut an und für sich, aber eine durchgehaltene Ballade pour Adeline die ganze Fahrt über, wie eine endlose Blue Note ausgehalten, das hätte ich gerne erlebt.

Herrndorf nennt in einem Interview vergleichbare Bücher, Jugendbücher, mit ähnlichen Motiven, die er als Kind und vor dem Schreiben von Tschick gelesen hatte: Huckleberry Finn, Herr der Fliegen, Pik reist nach Amerika. Was er nicht nennt, und ich bin beim Lesen von Tschick auch nie auf die Idee gekommen, einen Vergleich zu ziehen, ist Stand by Me.

Die Tschick-Verfilmung allerdings, die erinnerte mich sehr daran, er ist einen meiner Lieblingsfilme. Das machte zuerst die Szene, als Maik udn Tschick mit dem Lada über die wacklige Floßbrücke im sumpfigen Wasser fahren. Eine Brücke spielt auch in einer Szene in Stand by Me eine Rolle; und als Tschick dann mit einem Schrei aus dem Wasser kommt, da war ich, kurz vorher schon, ganz bei der anderen Szene, im Sumpf, mit den Blutegeln.

In Stand by Me machen sich mehrere Jugendliche zu einer Queste auf, wenn auch zu Fuß; es geht um Außenseiter und das Dazugehören, um Freundschaft und Vorurteile und Misstrauen, wenn man aus einer Familie von der falschen Seite der Gleise kommt. Beide Filme sind Road Movies, in beiden spielt Musik eine große Rolle, beide sind nicht streng linear erzählt. Und mit der King-Verfilmung kann der Tschick-Film nicht mithalten. Trotzdem: Sehr schöner Film.

– In der Schule spannend, auch wenn ich noch nicht alle Klassen gesehen habe. Besonders interessant wird das Englisch-W-Seminar zu Text-based computer games: Reading, analyzing and creating Interactive Fiction. Da sitzen tolle Leute drin, die aber wohl eher an Englisch interessiert sind als an Computerspielen, und mir genügend Vertrauen entgegenbringen, dass das auch mit diesem komischen Thema etwas werden wird. Dieses Vertrauen möchte ich natürlich nicht enttäuschen. Dabei sind textbasierte Computerspiele schon eher etwas für Nerds und können durchaus etwas sperrig sein am Anfang. Ich werde mir Mühe geben.

Erster Schultag 2016

Die Konferenz heute war gnädig, kürzer als gestern. Davor Klassleitergeschäfte getätigt. Ein Kollege meinte, dafür sei ja viel zu viel Zeit angesetzt gewesen. Stellt sich danach aber heraus, dass er nicht alles getan hat, was er hätte tun sollen.

Meine Klassen dieses Jahr: Sehr vielversprechend. Fast nur Informatik, aber meine Schule bietet auch ein Informatik-Praktikum für Lehramtsstudenten an. Überraschend unterrichte ich auch in der Oberstufe Informatik: Zum ersten Mal haben so viele das Fach gewählt, dass wir zwei Kurse anbieten. (Einen Kurs hatten wir seit Einführung des Fach in jedem Jahr.) Nachdem wir drei voll qualifizierte Informatiklehrer an der Schule haben, die alle gerne Oberstufe geben, kommt man nicht jedes Jahr dran. – Meine Deutschklasse kenne ich noch vom letzten Jahr, eine nette Klasse, und eine Jahrgangsstufe, die Spaß macht.

Ich entdecke jedes Jahr aufs Neue, wie anstrengend Unterrichtsvorbereitung am Schuljahresanfang ist. Klar: Unter dem Schuljahr treibe ich inkrementelle Didaktik, baue nur auf vorhanden Stunden auf und arbeite auf bereits überlegte und vorbereitete Ziele hin. Am Anfang fängt man bei nichts an. Deshalb auch nur diese kurze Meldung hier, muss dann weiter. (Wenn ich ehrlich bin: Biergarten.)

Marco Polo, Die Reisen des Marco Polo

Affekopf, geschrumpft

Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren steht eine schöne englische Marco-Polo-Übersetzung bei mir im Regal, und jetzt habe ich sie endlich gelesen. Die erste Überraschung: Das Buch ist alles andere als ein Reisebericht; es ist nicht einmal besonders spannend. In einigermaßen geographischer Folge stellt Marco Polo die Reiche und Städte vor, die er gesehen hat. Ganz knapp steht da oft nur: welche Religion es gibt (Christen, Muslime, Götzenanbeter=Buddhisten), welche Bestattungsarten, welche Sprache, wem das Reich tributpflichtig ist, womit die Bewohner ihren Lebensunterhalt verdienen (Jagd, Ackerbau, Handwerk, Handel).

Aber die Details sind dann doch interessant. Marco Polo berichtet von dem Rohstoff, der aus einem Berg geschürft und zu Fäden gesponnen wird, aus denen man dann ein Hemd webt, das man – für Touristen – reinigt, indem man es ins Feuer wirft, wo es, statt zu verbrennen, wieder ganz weiß wird. Kurze Recherche bei Wikipedia: ja, das stimmt tatsächlich, auch andere, persische Reisende berichten von diesem Trick. Es handelt sich um ein Hemd aus Asbestfäden.

Wenn er von der fabelhaften chinesischen Stadt Hangzhou berichtet, nimmt er als Beispiel für deren Größe, dass jeden Tag 43 Ladungen Pfeffer in die Stadt gebracht werden, die Ladung zu 243 Pfund. Im Halbschlaf gerechnet: Bei einer Stadt von einer Million Einwohnern, und diese Zahl nennt auch Wikipedia für das 13. Jahrhundert, und je nach genauem Wert eines Pfundes sind das knapp 5 Gramm pro Einwohner – im Bereich des Möglichen.

Meistens beschreibt Marco Polo Dinge, die er selber gesehen hat, ab und zu auch Dinge, von denen man ihm nur berichtet hat, und die sind dann meistens kenntlich gemacht. Fast alles ist glaubwürdig, aber die Angehörigen so ziemlich jeder fremden Kultur – fremd vor allem für die, die ihm davon erzählt haben werden – werden zu Menschenfressern gemacht, vor denen Reisende sich hüten sollen. So etwa im Königreich Felch auf Sumata – zumeist Götzenanbeter, die jeden Tag einen neuen Götzen anbeten, und zwar das erste Objekt, das ihnen am morgen vor die Augen kommt. Klingt nach einer interessanten Religion.

Gewarnt wird außerdem vor den als Kuriositäten nach Europa gebrachten getrockneten Leichen angeblicher Pygmäen aus Indien: Alles gefälscht! Weder in Indien noch sonstwo gebe es solche Pygmäen. Vielmehr würden diese Gestalten in Sumatra gefertigt, und zwar aus einer Affenart. Man fange sie, rasiere sie, lasse nur am Kinn, Kopf und anderswo ein wenig Haar übrig und mumifiziere dann die Körper, bis sie wie kleine Menschen aussehen. Und das werde dann in alle Welt verkauft.

Das sieht dann wohl so aus wie dieser Schrumpfkopf, der ebenfalls von einem Affen stammt:

Affenkopf, geschrumpft

– Am Ende gibt es die kuriose Episode von der Tochter des Königs Kaidu, eines Neffen von Kublai Khan. Die war schön, aber gleichzeitig so stark, dass kein junger Mann im ganzen Königreich es mit ihr aufnehmen konnte. Ihr Vater wollte sie gerne verheiraten, aber sie weigerte sich und sagte, sie würde nur einen zum Mann nehmen, der sie im Ringkampf besiegen konnte, und nahm ihren Vater schriftlich dieses Versprechen ab.
Der schickte an alle Enden seines Reiches und lud Kandidaten ein: Besiegten sie seine Tochter im Ringkampf, erhielten sie sie zur Frau; ansonsten müssten sie ihr hundert Pferde schenken. Und einer nach dem anderen kam und versuchte sein Glück, doch die Tochter – Aigiarm, “Mondschein” mit Namen – besiegte alle und hatte so schon mehr als zehntausend Pferde erhalten.
Um das Jahr 1280 herum kam aber der Sohn eines reichen Königs, der war jung und schön. König Kaidu redete seiner Tochter zu, sie solle doch beim Kampf nachgeben, da Kaidu den Prinzen sehr gern als Schwiegersohn gehabt hätte. Aber Aigiarm weigerte sich, und so kam es zu dem Ringkampf. Der Prinz setzte tausend Pferde statt hundert, aufgrund seiner hohen Stellung.
Aber der Prinz verlor, und Aigiarm heiratete ihn nicht, sondern zog mit ihrem Vater in viele Schlachten und zeichnete sich dort durch große Taten aus.
– Knochentrocken erzählt, und mehr erfahren wir nicht von dieser Geschichte.

- Mein liebstes Kapitel ist Kapitel 23 im vierten Buch, hier in seiner Gänze wiedergegeben:

Von der Meerenge von Konstantinopel

Bei der Meerenge, die in [das Schwarze Meer] führt, befindet sich auf der westlichen Seite ein Hügel, Faro genannt. Aber seit ich begonnen habe darüber zu schreiben habe ich meinen Sinn geändert, da so viele Leute alles darüber wissen, deshalb werden wir ihn nicht in unsere Beschreibung aufnehmen, sondern zu etwas anderem kommen. Und so werde ich erzählen von den Tartaren [des Westens] und ihren Herrschern.

Sticky Toffee Pudding

Eine Portion Sticky Toffee Pudding

Eine Portion Sticky Toffee Pudding
(Bild: Anders von Hadern)

Pudding-Rezept hauptsächlich von David Lebovitz, Toffeesoße variiert nach BBC-Rezept.

Erst macht man die Soße. Wer gut plant, kann natürlich auch alles gleichzeitig machen:

  • 175g Zucker, halb Muscovado, halb Demerara oder normaler Zucker – insgesamt jedenfalls keine zu dunkle Mischung, jedenfalls für den Anfang
  • 60g Butter
  • 1 Becher Sahne (200g)
  • 1 Esslöffel dunkler Rübensirup, oder sonst so etwas

Zucker und Butter und die Hälfte der Sahne in einem Topf schmelzen, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Den dunklen Sirup einrühren, ein paar Minuten köcheln, bis einem die Farbe gefällt (und dabei immer wieder mal umrühren), vom Herd nehmen und die restliche Sahne einrühren. Beiseite stellen.

Pudding:

  • 200g Datteln, die leckersten und besten, die man finden kann (Medjoul-Datteln, getrocknet natürlich, nicht frisch)
  • 200ml Wasser, heiß
  • 1 Teelöffel Backnatron
  • 175g Mehl
  • 1 Teelöffel Backpulver
  • 1/2 Teelöffel Salz
  • 55g Butter
  • 150g Zucker
  • 2 Eier
  • 1 Teelöffel Vanille-Extrakt (optional, habe ich nie benutzt)

Ofen auf 180°C stellen. Acht kleine Soufflé-Förmchen buttern und eventuell leicht mit Mehl bestäuben, wenn man einzelne Puddings will – oder eine große 24cm-Form für alles auf einmal.

Manche Leute füllen die Souffléform jetzt schon mit ein bisschen von der Soße, geben die Form dann in den Kühl- oder Gefrierschrank und später den Teig darauf. Kann man machen, habe ich schon ausprobiert, aber ich glaube, mir ist es lieber, wenn der Pudding erst mal nur Pudding ist. Klar saugt der dann nicht so viel Soße auf. Das Bild oben entstand von der Version ohne Soße in den Förmchen.

Die Datteln entsteinen, halbwegs fein hacken und in ein Töpfchen geben. Dazu ein scharfes Messer nehmen, das ist ein wenig Mühsam. Heißes Wasser auf die Datteln geben und sie weich werden lassen. Eine halbe Stunde oder mehr, wenn man Zeit hat und rechtzeitig daran denkt, sonst halt nicht.

Mehl, Backpulver, Natron, Salz in eine Schüssel geben.

In einer Rührschüssel die Butter und den Zucker miteinander cremig rühren. Nach und nach die Eier dazu geben, eventuell den Vanille-Extrakt, die Hälfte des Mehls, die Dattelmischung, das restliche Mehl, und gerade mal schön verrühren.

Gegebenenfalls die Souffléform oder ‑förmchen aus dem Kühl- oder Gefrierschrank nehmen und die Masse darauf verteilen. Nicht zu voll machen, das geht noch auf. 25–30 Minuten backen bei kleinen Förmchen, 50 Minuten bei einer großen Form. Stäbchenprobe: ein paar saftige Krümelchen dürfen mit rauskommen.

Etwas abkühlen lassen, aber ehrlich gesagt: das passiert ja automatisch, bis das auf dem Teller ist. Die (restliche) Soße darüber geben, gerne noch einmal angewärmt. Auch noch flüssige Sahne, wer will. Ich lasse sie meistens weg, man muss ja auf die Kalorien achten. Auch denkbar: Vanilleeis.

Lässt sich zur Not auch kalt essen und in der Mikrowelle sehr gut aufwärmen. Oder vorbereiten, und wenn die Gäste da sind: mit Stäbchen einpieksen, Soße darüber geben, Alufolie drauf, und bei 150°C ein Weilchen in den Ofen zum Heißwerden.

- Bei dem Rezept weiß ich nicht wirklich, was wichtig ist und was nicht. Wieso das Natron? Ich kenne es als Triebmittel, aber andere Rezepte geben es gleich zu den Datteln und dem Wasser. Und es gibt viele Varianten davon mit unterschiedlichen Mengenangaben. Insgesamt ist der Sticky Toffee Pudding natürlich extrem süß, aber das sollte beim Lesen des Rezepts klar geworden sein und gehört so.

Sticky Toffee Pudding ist ein traditioneller englischer Nachtisch – und zwar seit den 1970er Jahren, wo der erst erfunden wurde, und zwar nach einem aus Kanada importierten Rezept. Aber das weiß kaum einer mehr.

Partizipation in der Schule

Jan-Martin Klinge hat geschrieben, dass er in der Schule entscheidet; Dejan Mihajlovic widerspricht und macht daraus eine Blogparade; Tom Mittelbach nimmt daran teil und wer das nicht so sieht wie er, “wird regiert von einer tief sitzenden Angst”. Dass es andere Gründe gibt, zieht er – zumindest in seiner Formulierung – nicht in Betracht.

Der Hauptgrund, warum man Klassen wenig entscheiden lässt, ist meiner Meinung nach vielmehr der, dass das effizienter ist. Privat entscheide ich selber ungern, bin alles andere als ein Alphamännchen. Aber wenn halt, zefix, niemand sonst entscheidet, dann kann ich einspringen – das habe ich im Referendariat gelernt. Im Studium standen wir nach dem Kino noch laneg herum und konnten uns nicht entscheiden, ob wir jetzt noch in ein Café gehen sollten, und wenn ja, welches, oder doch eine Kneipe, oder zu einem nach Hause… das habe ich keineswegs als unangenehm empfunden. Im Studium. Im Referendariat hatte ich dann keine Zeit – oder keine Geduld – mehr für dieses Herumstehen, und wenn es mir zu viel wurde, habe ich entschieden oder auf eine Entscheidung gedrängt.

Ich rate jedem Lehrer, im Unterricht klarzumachen, dass er oder sie der Chef ist. Wer das anders handhaben will: gerne, es gibt viele Arten, ein guter Lehrer zu sein. Aber im gegenwärtigen System bin ich nun mal auch formal und rechtlich der Chef, diese Rolle nicht anzunehmen, halte ich für albern und unehrlich. Andere Systeme als das gegenwärtige sind denkbar, aber um die geht es hier nicht.

Dejan fasst den Begriff der Partizipation weit: “Echte Mitbestimmung an Schulen bedeutet, dass Schüler*innen bei allen das Zusammenleben betreffenden Ereignissen und Entscheidungsprozessen miteinbezogen werden.” Das stößt bei mir erst einmal auf Widerspruch, der aber nicht gerechtfertigt ist: Das Miteinbeziehen kann die Form von (reiner) Information sind, von Mitsprache, aber eben auch von Mitentscheidung. Und dann gebe ich ihm völlig recht: Bei allen Entscheidungen, die das Zusammenleben aller an der Schule betreffen, ist das Minimum das transparente Vorgehen und die Information der Beteiligten, und bei manchen Entscheidungen ist Mitsprache oder Mitentscheidung sinnvoll.

Am wenigsten Spielraum sehe ich bei den fachlichen Inhalten: Da gibt es den Lehrplan, und den kennt nur die Lehrkraft und sie ist verantwortlich für dessen Erfüllung. Bei Schullektüren lasse ich mir Vorschläge der Klasse machen und entscheide dann selber, oder entscheide, welche Vorschläge die Klasse zur Auswahl erhält. Das mache ich auch von vornherein klar. Notengebung: da halte ich wenig von Mitsprache oder gar Mitentscheidung, aber Information sollte es mehr geben als bisher. (Ob man damit die völlig überzogen wahrgenommene Wichtigkeit von Noten zurückdrehen kann: anderes Thema.)

Sehr viel ungenutzten Spielraum sehe ich bei der Hausordnung und Veranstaltungen. Vielleicht fällt mir das auch leichter, weil das außerhalb meines Unterrichts liegt; die Schulleitung – in deren Bereich das fällt – hat sicher wieder ganz andere pädagogische und sonstige Interessen als ich. Jedenfalls hätte ich da sehr gerne sehr viel mehr Beteiligung der Schülerinnen und Schüler. Nur: ebendiese wollen das nicht. Verstehe ich auch – als Schüler habe ich Schule als sehr willkommene Dienstleistung empfunden, und hätte es als Zumutung empfunden, wenn ich mich in irgendeiner Form über den Unterricht hinaus hätte einbringen müssen. Dejan zitiert Jan-Martin: “Die Wahl zu haben, überfordert sie, macht sie unglücklich.” Ich glaube, das stimmt. Ich würde sie aber gerne dazu kriegen, wählen zu wollen und mitzuentscheiden. Wie das geht, weiß ich aber nicht. Und ich bin mir nicht mal sicher, dass das nötig ist, um später aus ihnen bessere Demokraten zu machen. Vielleicht. Ich versuche, im kommenden Schuljahr die Augen aufzuhalten, was geht. Für den Anfang wäre ich schon mit besseren Informationsstrukturen an meiner Schule zufrieden – vor allem innerhalb der Schülerschaft gibt es da nichts. Und so etwas wie eine Presse bräuchte es vielleicht.

Liminale Lokale

Christopher Campbell von den Film School Rejects macht sich im letzten Eintrag Gedanken über Remixkultur, und was alles noch möglich wäre, wenn es legal möglich wäre. Seine Hauptbeispiele sind drei Filme von Antonio Maria Da Silva, in denen dieser Szenen aus Filmen zusammenschneidet und bearbeitet, so dass ein fiktiver Ort entsteht: Hell’s Club, ein Club außerhalb der Kontinuität der Filme, in dem sich Figuren der Filme treffen und ausspannen. Hier Teil 1:

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Solche Lokale zwischen den Welten sind recht verbreitet. Das erste, auf das ich stieß, war der Alte Phönix in Poul Andersons Ein Mittsommernachtssturm (1974). Der Roman selber spielt im 17. Jahrhundert in einer Parallelwelt, in der Shakespears Geschichten alle wahr sind (und er als Historiker verehrt wird). Die Handlung orientiert sich an Sturm & Sommernachtstraum, und nach einem guten Drittel stößt Prinz Rupert, der sich auf der Flucht vor den Roundheads befindet, auf eine Wirtschaft im Wald, eben den Alten Phönix. Gäste dürfen höchstens eine Nacht bleiben, und manche schauen auch nur auf ein Bier vorbei – ein Gast kommt aus der römischen Antike, ein anderer aus dem 20. Jahrhundert (wenn auch einem alternativen zu dem unseren, nämlich dem einer anderen Romanwelt von Poul Anderson). Den Gästen aus verschiedenen Zeiten und Orten stellt sich der Wirt mit verschiedenen Namen vor. “Dies hier ist neutraler Boden” heißt es von dieser Taverne.

Das gilt auch für die Cafés der Kette Common Grounds aus der gleichnamigen sechsteiligen Comic-Miniserie: Dort können Superhelden und Superschurken auch mal Pause machen und eine Kaffee trinken, ohne sich bekriegen zu müssen.

In Neil Gaimans Sandman-Serie gibt es sechs Hefte, die in der Taverne World’s End spielen (gesammelt in Band VIII); zumindest dient diese Taverne als Rahmenhandlung für die einzelnen Episoden, die die Gäste einander erzählen. Auch hier kommen diese Gäste aus verschiedenen Welten, aus unserer, aus Sandman-spezifischen, und aus anderen. “This is a free house. It is not part of any kingdom or empire.” Die namenlose Wirtin sieht indisch aus und als Schatten werden ihr zwei zusätzliche Arme verlieren – Lakshmi? Kali?

Für mich erscheint die Urversion dieser Wirtschaft zwischen den Welten, oder am Ende der Welt, im Gilgamesch-Epos, zu Beginn der zehnten Tafel. Der Herrscher Gilgamesch ist getrieben von der Suche nach Unsterblichkeit, nachdem sein bester Freund gestorben ist, und hat die Heimat als Wanderer verlassen. Er kommt zur göttlichen “Schenkin Siduri, die da wohnt in des Meeres Abgeschiedenheit” – eine Gastwirtin am Rande des Ozeans, der das Ende der Welt darstellt. Von ihr erfährt er den Weg zu Ur-šanabi, dem Fährmann; nur er weiß, wie man über das Wasser des Todes ins Land der Seligen kommt, wo der einzige Mensch lebt, der das Geheimnis der Unsterblichkeit kennt. (Gilgamesch kommt dort auch an, verliert das Geheimnis aber.)

- Das Restaurant am Ende des Universums kenne ich natürlich. Wirtschaften sind gerne mal nicht nur in der Dorfmitte, sondern auch an deren Rand oder außerhalb, für Wanderer. In einer Liste (Blogeintrag dazu), die älter ist als dieses Blog, habe ich vor Jahren mal solche Orte (und verschwindenende Häuse, unheimliche Bibliotheken, und so weiter) gesammelt.