Der Richter und sein Henker, und heldenhafte Lehrer

By | 10.3.2017

Ich habe zum Halbjahr zwei Informatikklassen mit zusammen 4 Stunden abgegeben und eine Klasse in Deutsch neu erhalten, mit vier Stunden. Das kommt öfter vor: Zum Halbjahr gehen immer einer paar Referendare und Referendarinnen, andere werden der Schule neu zugewiesen, und deren Fächerkombinationen sind selten genau die gleichen, so dass sie nicht einfach die Klassen der Vorgänger übernehmen können. Also gibt es Tausche und Ringtausche, und mit meiner Deutsch-Informatik-Englisch-Kombination bin ich da eine geeignete Tauschstelle, ein sehr kurzer Weg zwischen Sprachen und den exakteren Wissenschaften.

Das Arbeiten mit der neuen Klasse macht Vergnügen. Eine Schülerin liest gerade sogar Stalky & Co.. Tiralala-itu! Dass es so etwas noch gibt!

Wir lesen Der Richter und sein Henker, von der Referendarin ererbt. Ich glaube, ich habe das Buch 1998 in meinem ersten halben Jahr als Lehrer als Schullektüre eingesetzt und in guter Erinnerung; allerdings weiß ich auch, dass es mich als Schüler überhaupt nicht interessiert hatte. (Denn ich arbeite immer noch mit der Ausgabe, die ich 1982 als Lektüre erwarb; damals ein deutlichg jüngeres Buch als heute; Seitenzahl identisch, aber die – aus der Seitenzählung herausgenommene – zweiseitige Reklame für Pfandbriefe und Kommunalobligationen gibt es heute nicht mehr.)

Anzahl der Frauen im Buch: 3, davon 2 mit Namen. Keine ist wichtig, zwei sind dezidierte Anhängel von Männern, eine davon wird als Besitz quasi weitervererbt, wenn auch ganz höflich: „Werden Sie mir […] das gleiche wie Ihrem verstorbenen Bräutigam sein?“
Der ermittelnde Polizist verrät seine dem Leser verborgenen Informationen über den Täter nicht etwa dadurch, dass er den diesen als „Mann“ deklariert. An eine Frau in so aktiver Rolle denkt man im Rahmen dieser Männergeschichte gar nicht.
In der Parallelklasse lese ich „Schachnovelle“, eine Schülerwahl. Anzahl der Frauen: 1, ohne Namen, eine beiläufig erwähnte Krankenschwester, wenn ich mich richtig erinnere. Darauf sollte man Schülerinnen und Schüler immer wieder mal hinweisen, bis es ihnen vielleicht selbst einmal auffällt.

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Bin ich der einzige, der bei Der Richter und sein Henker von Friedrich Dürrenmatt an The Maltese Falcon von Dashiell Hammett denken muss? Ich sehe da Parallelen. Der übermächtige Gegenspieler des Ermittlers begegnet dem Leser in dem einen Buch zuerst als mysteriöse Initiale G, von der man nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Im anderen Buch erscheint der mächtigste Gegenspieler des Ermittlers dem Leser zuerst als ein von einem anderen Schurken in die Luft gezeichnetes G – das Kapitel heißt sogar „G in the Air“. Bei Dürrenmatt steckt dahinter „Gastmann“, bei Hammett „Gutman“ – gespielt von Sydney Greenstreet in der bekanntesten Falcon-Verfilmung, und auch wenn wir über Gastmanns äußere Erscheinung nicht mehr erfahren als dass er „bäuerlich“ wirkt, was alles und nichts heißen kann, habe ich mir immer Sydney Greenstreet in dieser Rolle vorgestellt.

In beiden Romanen geht es um eine jahrzehnte dauernde Jagd, nach Gastmann im einen, nach dem Falken im anderen. Beide Romane haben eine philosophische Note: Das Gespräch von Gastmann und Bärlach in Istanbul; die Anekdote, die Sam Spade von Charles Pierce erzählt. Istanbul ist der Ausgangspunkt der Fehde Bärlach-Gastmann, und Konstantinopel (also Istanbul) ist der Punkt, von dem die Falkenjäger nach San Francisco gehen und zu dem sie am Ende des Romans wieder hinwollen, um die Spur weiter zu verfolgen.
Eine Falkenstatue haben wir nicht bei Dürrenmatt, aber einen Schlangendolch.

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Neulich beim Ukuleletreffen im Gastwirtschafts-Nebenraum gesellten sich Mutter und Kind zu uns, die uns von außen durch ein Fenster gesehen und zugehört hatten. Dann wollten sie halt noch mehr hören und kamen herein. Wir haben dann ein paar Wünsche erfüllt und hatten überhaupt seine sehr schöne Zeit.

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Mein Freund B. hat mir eine Fernsehserie der frühen 1970er Jahre empfohlen. Die weiteren Episoden – es gibt insgesamt nur 13 – sollen überraschend gut und ihrer Zeit weit voraus sein. Die erste Episode ist es noch nicht so sehr.

Die Geschichte: Eine Geheimorganisation sucht für internationale Einsätze hochkarätige Agenten, sogenannte Alphas. „Persönlichkeiten, die fähig sein müssen, für die Menschheit zu entscheiden.“ Nicht jeder ist qualifiziert, viele arbeiten nur als Betas – schon auch wichtig, aber halt nur Helferlinge.
So futuristisch die Organisation ist: Am Anfang kriegen wir zu sehen, wie Nachrichten aus aller Welt eingehen und verteilt werden – von Frauen, versteht sich. Die Führungsriege der Organisation besteht aus fünf – Männern, versteht sich.

Anklänge von The Prisoner, Mission Impossible, durchaus ehrenhaft. Sehenswert die Drehorte: München zur Baustellenzeit vor den Olympischen Spielen 1972. Eine Szene spielt auf dem Olympiaturm.
Produktionsqualität: Na ja, schon okay, öffentlich-rechtlich. Aber wegen eines Schauspieler-Versprechers hat man da noch lange keine zweite Aufnahme einer Einstellung gemacht.

Für unsereiner zusätzlich interessant: Der Held und zukünftige Alpha, der in der ersten Episode allerlei Prüfungen besteht und schließlich in die Organisation aufgenommen wird, ist — ein Studienrat. Graumeliert, Mathematik und Sport. Bewährt sich gegen fiese Rockerbanden („Bill, Jim, erledigt das!“); setzt bei der Exkursion in die Satellitenzentrale seine anwesenden Mathematikschüler, männlich, zur Berechnung ein, weil ein Computer ausfällt; vertauscht erfolgreich – wenn auch nicht überzeugend – den Medizinball in der Sporthalle gegen Kampfkunstmanöver, um sich eines Pistolenheinis zu erwehren.

5 thoughts on “Der Richter und sein Henker, und heldenhafte Lehrer

  1. kecks

    ha, danke für den hinweis auf diese serie. perfekt geeignet für mich, um der klausurkonzeption vorerst zu entgehen und sich erfreulicherem zu widmen. procrastination for the win!

  2. Hauptschulblues

    „Bin ich der einzige, der bei Der ‚Richter und sein Henker‘ von Friedrich Dürrenmatt an ‚The Maltese Falcon‘ von Dashiell Hammett denken muss?“
    Nein.
    Zumindest Frau Hauptschulblues (D/E) sagte mir das schon vor vielen Jahren. Sie las mit ihren Klassen beides.

  3. Herr Rau Post author

    Mein Respekt vor Frau Hauptschulblues wächst immer mehr.

  4. Aginor

    Ich finde es überraschend dass Sie als Schüler „Der Richter und sein Henker“ nicht so gut fanden. Ist doch immerhin eine nette Kriminalgeschichte. Ist ewig her aber ich hab es als düster und vergleichsweise spannend in Erinnerung. Als besonders ist mir auch in Erinnerung geblieben dass es keine so richtig „guten“ Charaktere gab. Hatte für mich was von DC Comics, wo ja auch die Helden meist fast genauso böse und/oder verrückt sind wie ihre Gegner.
    Müsste es mal wieder lesen, ich erinnere mich nicht mehr so wirklich gut daran.

    Ich habe es damals in der neunten Klasse gelesen (glaube ich, könnte auch die achte gewesen sein), und ich finde es war eine der besten (weil spannendsten) Lektüren meiner Schulzeit. Verglichen mit dem Rest aus der Mittel- und Oberstufe, aus dem Kopf und nicht in Reihenfolge sind das „Andorra“ (Frisch), „Die Physiker“ (Dürrenmatt), „Gestern war Heute“ (Drewitz), „Maria Stuart“ (Schiller) und „Effi Briest“ (Fontane), war es ein Traum für mich. Der „Faust“ (Goethe) ist in der Nähe, aber nicht ganz dran.

    Besser als „Der Richter und sein Henker“ fand ich nur noch Huxley’s „Brave New World“ (im Englisch LK). „Der Steppenwolf“ (Hesse) wäre OK gewesen, aber den hat mir die Sektion durch den Deutsch Lehrer (den ich ansonsten eigentlich gut fand) ein wenig verdorben. Ich glaube sogar bei den meisten Büchern dass sie mir ohne das endlose herumreiten auf den Schlüsselszenen, Stilmitteln o.Ä. besser gefallen hätten, aber so ist das nunmal in der Schule. Man ist ja nicht zum Spaß da. :-)

    Gruß
    Aginor

  5. Herr Rau Post author

    Ich fand Dürrenmatt nicht gut, weil ich in dem Alter nur Genreliteratur gelesne habe: Science Fiction vor allem, daneben Fantasy, gelegentlich Horror (Lovecraft). Chandler und Hammett kamen einen Tick später, aber die Verfilmungen kannte und schätzte ich schon. So ein Mainstreamroman hatte einfach keine Chancen. Gottfried Keller mochte ich nicht, Hemingway mochte ich nicht – beide schätze ich heute sehr. Böllromane interessieren mich heute immer noch nicht, seriöse Siegfried-Lenz-Kurzgeschichten auch nicht. Nur Iphigenie, die war gut.)
    Für einen Mainstream-Roman enthält Der Richter und sein Henker schon schöne Genre-Elemente. Konstantinopel! Schlangendolch! Jahrzehntelange Männerfeindschaft! Aber das hat halt nicht gereicht.

    > Man ist ja nicht zum Spaß da. :-)
    Da ist was dran, zumindest beim Lesen. Vergraulen will man die Leser nicht, aber nur zum Spaß reicht eben tatsächlich nicht.

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