Pork Pie, selbstgemacht, erster Versuch

Als Jugendlicher hat mich das Wort „Pastete“ irritiert, vor allem als Übersetzung für das englische pie. Was war an einem apple pie pastetenhaft? Die Pastete, die ich kannte, war eine feinere Leberwurst, nur halt in eckig.

Pasteten werden in Formen gebacken. Die können rund oder eckig sein, mit Deckel oder ohne, mit Teigmantel oder ohne. Auf Deutsch geht das mit der Pastete und der Terrine und der Königin-Pastete und der Wildpastete im Blätterteigmantel arg durcheinander, auf Englisch gibt es pie und paté und pasty, und das verstehe ich. (Obwohl es auch da noch terrine und rillettes gibt, zugegeben.) Jedenfalls würde ich apple pie und pork pie ungerne mit „Pastete“ übersetzen.

Ein Pork Pie ist klein gewürfeltes Schweinefleisch (Salz, Pfeffer, vielleicht Thymian, als Geheimtipp ein paar Tropfen englische anchovy essence) in einer Teighülle, im Ofen gebacken, nach dem Erkalten mit noch flüssiger Schweinesülze (oder Brühe mit Gelatine) aufgefüllt. Wird kalt gegessen.

Ich kenne die aus englischen Supermärkten, esse sie recht gern, und die Lektüre eines noch zu verbloggenden historischen Werks zur englischen Küche hat mich darauf gebracht, sie einmal selbst zu machen. Das ist noch nicht so recht gelungen, aber ich kann schon mal darüber bloggen.

Der Knackpunkt ist nämlich der Teig. Zu Mehl und Salz wird eine heiße Schweineschmalz-Wasser-Kombination gegeben, und der noch warme und formbare Teig wird dann traditionell um einen runden Holzzylinder gewickelt. Füllung rein, Teigdeckel drauf, mit etwas Eigelb festkleben, Loch rein. Das heißt dann raised pork pie. Die meisten heutigen Rezepte nehmen statt des Holzzylinders herkömmliche Förmchen, die – wie man das kennt – innen mit Teig ausgekleidet werden, und in denen der Pie gebacken wird.

Dieses Formen hat bei mir nicht gut geklappt. Zum einen habe ich eine moderne Super-Duper-Holzform benutzt statt eines einfachen Zylinders, und ich bin mir nicht sicher, ob die besser ist. Vermutlich tut es ein großes Glas übrigens genauso. Aber hauptsächlich wird es am Teig gelegen haben: Der war zu weich. Entweder war es das Rezept, oder – wahrscheinlicher – ich habe die Anleitung zu wörtlich genommen und den Teig zu warm verarbeitet. Kälter hätte er vermutlich besser gehalten und weniger an der Holzform geklebt.

Die Holzform und die Füllung:

Pork Pie Form und Fleischmasse

Üblicherweise ist die Holzform ein glatte Zylinder ohne Löcher. Aber hey, habe ich mir gesagt, kaufst du das neuentwickelte Supermodell mit Kerben und Löchern, alles, damit der Teig sich danach besser löst. Ja, Pustekuchen. Das nächste Mal nehme ich auch mal ein Marmeladenglas zum Vergleich.

Hier, arg unglücklich und viel zu niedrig, der Teig zu dick, ein gefüllter Rohling:

Roher, gefüllter Pie

Vier fertige Pies bereit für den Ofen:

Rohe Pies auf Backblech

Vier Pies nach dem Ofen, bereit zur Füllung mit gelierter Schweinsfußbrühe*:

Gebackene Pies mit Einfülltrichter

Ein angeschnittener Pie:

Angeschnittener fertiger Pie

Er hat sehr gut geschmeckt. Einen habe ich eingefroren.

Das Rezept und schöne Fotos von einem richtig gelungenen Pie poste ich, sobald ich solche mal habe. Das Originalrezept für den Teig lautet eh: „1 stone of flour, 4 lb. of lard, 4 pints of slightly salted water“, und muss dementsprechend abgewandelt werden.

*Dabei an das schöne Wort head cheese erinnert worden. So heißt weißer Pressack oder Presskopf oder Schwartenmagen auf Englisch. Sollte man nicht meinen.


Nachtrag: So, jetzt habe ich es noch einmal versucht, und fühle mich schon etwas sicherer. Diesmal habe ich nur einen Pie gemacht – eine gute Idee für den Anfang. Hier wird der Teig um die Holzform gewickelt:

Teighülle um Holzform

Ich glaube, die Superspezialform mit den Schlitzen ist gar keine so gute Idee, eine rein runde Form ist besser. Denn die Hauptschwierigkeit besteht darin, die fertige Teighülle von der Holzform zu lösen, ohne sie wieder zu zerstören. – Der Teig wird flachgedrückt, die Form aufgesetzt, und dann der überstehende Rand nach open getrieben. Schön rund kriegt man die Form, wenn man den Holzzylinder mit dem Teig daran ein wenig über die Arbeitsfläche rollt. Und schön löst sich die Form, vielleicht, wenn man den Holzzylinder innerhalb der Form drehen kann – und das geht mit der Superspezialform gar nicht. Das nächste Mal nehme ich einfach ein Glas.

Immerhin sieht das Ergebnis schon ein wenig besser aus als zuvor:

roher fertiger Pork Pie

Und so gebacken:

fertig gebackener Pork Pie

Aufgeschnitten:

angeschnittener Pork Pie

Der Teig weiterhin zu dick. Vielleicht klappt es nächstes Mal mit einem Glas als Form besser. Man kann natürlich auch eine herkömmliche Backform nehmen und innen mit Teig auskleiden, aber dann ist das kein raised pork pie mehr. Und man kann das auch ohne jegliche Form machen, indem man einen Klumpen Teig aushöhlt oder die Ränder an der Füllung entlang nach oben pappt – heißt es.


Das (überarbeitete) Rezept für 1 Pork Pie aus einer Form von 8,5 cm Durchmesser (Marmeladenglas)

Die Füllung:

  • 180g Schweineschulter (oder anderes Schweinefleisch) in kleine Stückchen schneiden, von so einem guten halben Zentimer Durchmesser
  • dazu eher mehr Salz als wenig, Pfeffer, etwas frischen Thymian (weil der gerade da war, ansonsten irgendwas anderes), ein guter Schuss asiatische Fischsoße als Ersatz für anchovy essence, alles mischen.

Der Teig, für 1 runde Form von etwa 7,5 cm Durchmesser:

  • 150g Mehl und
  • 1 guter halber Teelöffel Salz in eine Schüssel geben,
  • 70g Schweineschmalz und
  • 10ml Wasser in einem Topf erhitzen, heiß ins Mehl geben und (mit einem Holzlöffel) verrühren, dann mit den Händen verkneten, sobald das geht. Das gibt eine weißliche, gut formbare, aber sehr weiche Masse.

Zusammenbau:

  • Möglichst kurz Glatt kneten, dann ein Viertel davon für den Deckel beiseite legen, den Rest ausrollen oder flachdrücken. Dann das Marmeladenglas in die Mitte der Teigscheibe und den Rand an den Seiten andrücken und heraufziehen. Das Glas immer wieder mal drehen, es ist ziemlich schwierig, das Glas herauszukriegen, ohne die eben erstellte Form zu zerstören. Das Glas mit dem Teig auch mal einfach hin und her rollen, das gättet. Aufpassen, dass keine Löcher entstehen, sonst fließt am Ende das Gelee dort hinaus.
  • Mit dem Fleisch füllen; da ich gerne ein bisschen mehr Gelee im Pie habe, packe ich das Fleisch nicht zu dich. Über dem Fleisch muss noch ein Teigrand sein.
  • Diesen Teigrand innen mit verquirltem Ei bestreichen, aus dem Teigrest einen Deckel formen und den auf das Fleisch legen. Andrücken, aber der Teigrand muss weiter überstehen.
  • Den Teigrand nach innen drücken, und zwar mit je einem Finger auf zwei gegenüberliegenden Stellen. Wenn man das ein paarmal ringsum macht, gibt es so eine Art sternförmiges Muster.
  • Ein kleines Loch formen (für den Dampf und um später mit Gelee aufzufüllen) und den Teigdeckel mit dem verquirlten Ei bestreichen.

Eine halbe Stunde bei 180 Grad, dann noch einmal eine ganze Stunde bei 160 Grad backen.

Wenn das ausgekühlt ist, mit ein wenig verflüssigtem Gelee füllen. Ich hatte dazu einen (zersägten) Schweinefuß gekauft und eine Stunde mit einer Karotte und Zwiebel gekocht, und danach wohl noch ein wenig weiter eingekocht und gesalzen – das wird dann im Kühlschrank schön fest, und zum Befüllen erwärmt und verflüssigt man das dann wieder. Alternativ nimmt man Gelatine und gekörnte Hühner- oder Fleischbrühe. Mit einem Trichter füllt man das in das Loch, das man oben gebohrt hat, so dass das flüssige Gelee die letzten Hohlräume füllt und das ganze auch noch ein wenig saftig hält. Wenn der Pie allerdings ein Loch unten hat, dann fließt das Gelee da wieder heraus.

(Die Fischsoße macht keinen echten Unterschied, glaube ich, der Thymian passt aber sehr gut. Mehr Wasser, weniger Schmalz: Geht wohl auch. Und das mit der gelierten Brühe… wenn’s klappt, lecker; wenn’s nicht klappt, auch gut.)

Kommunikation mit Pokémon Go

Bis vorgestern bin ich davon ausgegangen, dass ich weiter die Didaktik-Vorlesung 1 im Sommersemester halten werde. Mein Kollege, der im Wintersemester die Didaktik-Vorlesung 2 hält, hört auf; die Nachfolge war noch unklar. Und jetzt hieß es, dass ich seine Vorlesung übernehmen soll, jetzt gleich im Wintersemester.

Also, inhaltlich ist das okay. Im Sommer macht dann jemand anderes meine Vorlesung 1, wird auch Zeit dafür. Aber es wäre besser gewesen, wenn der Zuständige, der mich fragen sollte, ob ich das überhaupt machen kann oder will, das getan hätte. (Weitere Interna behalte ich für mich.) Immerhin, so musste ich mich nicht auf irgendetwas vorbereiten. Der Zuständige ist gerade im Urlaub, aber zumindest über Pokémon Go erreichbar:

Pokemon-Go-Screenshots

Das unten und oben bin ich, und ich führe als Buddy einen Kindwurm mit mir, das ist das kleine blaue Monster. Nur dass ich meinen Kindwurm umbenannt habe. Dieser Zuständige und ich, wir sind über Pokémon Go befreundet; das heißt, ich sehe, mit welchem Buddy-Tierchen er gerade herumläuft, und er sieht meines. Also habe ich meinen umbenannt, und er dann seinen, und ich dann wieder meinen. So kann man immerhin ganz kurze Textnachrichten austauschen.

Natürlich hätte ich auch eine E-Mail schreiben können. Aber dann hätte ich meinen Unmut nicht für mich behalten können.

Lord Dunsanys Gürtel

Einschusslöcher an Dubliner Hauptpostamt
Einschusslöcher an Dubliner Hauptpostamt

In Dublin machten wir eine Führung zum Easter Rising mit. Das waren sechs Tage Aufstand in (hauptsächlich) Dublin; das Hauptpostamt wurde besetzt und zum Hauptquartier des Aufstands. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, die 15 Anführer hingerichtet – was wiederum zu Wahlgewinnen für die Unabhängigkeit fordernde Partei Sinn Féin im (englischen) Parlament führte, dann einer Unabhängigkeitserklärung, dem Krieg danach. Nicht gewusst hatte ich, dass eigentlich ein irlandweiter Aufstand vorbereitet war, der dann aber wegen mehrfacher Kommunikationsprobleme doch weitgehend auf Dublin begrenzt war.

Ein englisch-irischer Autor jener Zeit, den ich sehr schätze, ist Lord Dunsany – Edward John Moreton Drax Plunkett, 18. Baron Dunsany; Betonung auf der langen zweiten Silbe, mit Diphtong; aus bekannter, verzweigter und reicher irischer Familie. Ich wollte wissen, wie er sich eigentlich während des Osteraufstands verhalten hatte. Also schlug ich bei Wikipedia nach.

Er war im Militär, aber gerade im Urlaub; fuhr trotzdem gleich nach Dublin, um (den Briten) zu helfen, wurde verwundet, dann aus dem Krankenhaus entlassen. Und dann steht bei Wikipedia, ohne Quellenangabe:

His military belt was lost in this episode and was later used at the burial of Michael Collins.

Michael Collins ist ein Nationalheld, Führer des Unabhängigkeitskampfes, und starb 1922 in einem Feuergefecht im irischen Bürgerkrieg. Was niemanden auf Wikipedia verwundert, mich aber schon: Wie kommt Lord Dunsanys Gürtel, von dem wir zuletzt 1916 gehört haben, sechs Jahre später zur Beerdigung von Michael Collins?

Dunsany beschreibt diese Tage in dem ersten seiner drei schmalen Bändchen Autobiographie. Ich habe nur den zweiten Band im Regal, aber auf Lord Dunsany in the Great War werden Dunsanys Erfahrungen beschrieben, mit vielen Zitaten aus der Autobiographie. Anscheinend steht in dieser aber nichts von dem Gürtel, auch eine Google-Books-Suche im (nicht öffentlich zugänglichen) Scan nach „Belt“ bringt kein Ergebnis. Genannt wird in dem Blogeintrag allerdings eine Seite aus der Dunsany-Biographie von Mark Amory, und die habe ich im Regal:

A curious postscript was told to him [Dunsany] long afterwards by a doctor who necessarily knew many of the secrets of both sides. Dunsany’s Sam Browne belt was taken from him by the Sinn Feiner who delivered him to the hospital. Seven years later when Michael Collins, the Nationalist leader, was murdered, it chanced to be lying around and Collins was laid out and buried with it. (Mark Amory, Lord Dunsany: A Biography. London: Collins, 1972, p. 129)

Das war’s. Keine Quelle angegeben. „It chanced to be lyring around?“ Das klingt recht unwahrscheinlich, aber hey, das ist Irland, das passieren unwahrscheinliche Dinge, und Irland ist klein. Der nächste Schritt wäre, sich Michael Collins vorzunehmen und die Umstände seiner Beerdigung. Wikipedia dazu:

The body was first presented at Shanakiel Hospital in Cork, a small military establishment, and then shipped around the coast to Dublin where it was laid out in St Vincent’s Hospital Dublin. From there it was removed to the City Hall beside Dublin Castle where it was laid in state.

In keiner der Biographien, die mir über die Google-Büchersuche zugänglich waren, habe ich etwas zum Gürtel gefunden. Nur sehr gelegentlich wird Amory zitiert. (Viele Bücher sind bei von Google eingescannt und zwar nicht als Ganzes zugänglich, können aber nach Wörtern durchsucht werden.)

Sicher ranken sich um Michael Collins auch viele Legenden. Ist das eine davon? — Ich habe den Historiker, der die Easter-Rising-Tour geleitet hat, angeschrieben; er kennt einen Michael-Collins-Spezialisten und will es diesem weiterleiten. Wenn etwas herauskommt, hänge ich das hier an.

„Das finde ich schon sehr stark übertrieben!“ (Meine Aufsätze aus der vierten Klasse)

Wo ich gestern über effekheischende und sensationslüsterne Literatur geschrieben habe: Hier sind, beim Aufräumen gefunden und eingescannt, einige meiner Aufsätze aus der vierten Klasse, 1977/1978. Überrascht hat mich, dass die meisten Aufsätze in zwei Fassungen im Heft stehen, einer ersten und einer verbesserten. Außerdem habe ich viel mit Bleistift geschrieben, das muss wohl so verlangt gewesen sein.

Man merkt vielleicht, dass ich schon damals ein fleißiger Leser und Filmeschauer war. Und Terroristen hat es damals schon gegeben.

Aufsatz aus der Grundschule

Aufsatz aus der Grundschule

Aufsatz aus der Grundschule

Weird Menace: Spicy Mystery Stories August 1935

Die pulp magazines, das war eine Art seichte Unterhaltungsliteratur der USA hauptsächlich in den 1920er bis 1940er Jahren, abgelöst dann durch die Comic-Hefte. Ihren Namen haben die Magazine von dem billigen, holzhaltigen Papier, auf dem sie gedruckt waren, mit „wood pulp“ als Ausgangspunkt. Das Gegenstück waren die seriösen Magazine für Hausfrau und Hausmann auf teurerem Papier, die slicks.

Pulps gab es in allen möglichen Genres und Subgenres – Horror, Krimi, übermenschliche Verbrechensbekämpfer, Western, Liebesgeschichte, Science Fiction. Science Fiction auf der Erde, auf anderen Planeten, mit Raumschlachten oder mit Außerirdischen, technisch, weniger technisch – sehr auf den diskriminierenden Kunden ausgerichtet. Ganz ohne Sex oder mit ein bisschen Sex, das heißt: heftig wogende Busen und halbdurchsichtige Gewänder. Das gab es vor allem bei den Spicy Pulps aus dem Haus Culture Publications: Spicy Adventure Stories, Spicy Detective Stories, Spicy Mystery Stories, Spicy Western Stories.
Titelbild Pulp-Magazin

Anfang der 1930er brachten einige reguläre Detektiv-Pulps Geschichten mit übernatürlichen, bedrohlichen Geschichten; das kam an, ein neues Genre war geboren, und damit eine neue Reihe von Magazinen. Die Detektiv-Pulps kehrten zu ihren regulären Geschichten zurück oder stellten wie Dime Mystery (Book) Magazine ganz auf die neue Mode um. Diese Genre nannte man shudder pulps oder weird menace oder the weirds. Da ging es um sinistre Verbrechen, fehlende Körperteile, Entführung, Folter – eher unangenehmes Zeug. Ich habe eine Anthologie davon; deprimierende Lektüre.

Ein wenig besser – aber immer noch schlecht – ist die spicy Variante davon, und da habe ich gerade eine Faksimile-Ausgabe von Spicy Mystery Stories Vol I, No. 4, August 1935 gelesen. Hier die Geschichten darin:

(1) Robert Leslie Bellem, „The Executioner“

Enttäuschend, Bellem ist sonst einer der angenehm übertrieben blumigen Autoren. Hier eine schlichte Geschichte um den New Yorker Gerard, der einen Unfall erleidet und danach den Geist mit seinem ihm unbekannten eineiigen Zwillingsbruder Gerhardt (Scheidung, Emigration, Trennung der Kinder) in Deutschland taucht, der dort für Hitler als amtlicher Scharfrichter arbeitet und dazu gezwungen wird, seine Geliebte hinzurichten. (Die Zwillingstauschgeschichte ist völlig unnötig für die Handlung; in Deutschland ist Gerard auch nur ein bisschen ein verwirrter Gehrhardt. Am Ende sind beide tot.)

(2) Atwater Culpepper, „The Isle of the Restless Dead“

Schatzsuche mit einer kleinen Crew, Meuterei, verführerische exotische Frau (aber dazu mehr in späteren Geschichten), eine Bambuskathedrale eines wahnsinnigen Missionars, Juwelen. Ich kann mich an nicht viel erinnern aus dieser Geschichte; das spricht eher für sie. Ein paar Tahitianische Fremdwörter dazwischen, also nicht alles verloren.

(3) Ellery Watson Calder, „Cats of Cassandra“

Eine Wahrsagerin und cat lady erzählt ihrem Gast, der in Wirklichkeit ein Räuber ist, die Geschichte von Homers Kassandra, hat dann Sex mit ihm. Als sie sich in eine Katze verwandelt, tötet er sie, worauf er dann wiederum von ihren Katzen gefressen wird.

(4) Carl Moore, „Mate for Medusa“

Wir begeben uns zum ersten Mal in echtes weird menace territory. Ein Reporter besucht das Labor eines exzentrischen weltberühmten Chirurgen, das sich inmitten eines Sumpfes vor der Stadt befindet. Der hält seine Schwägerin gefangen, nachdem seine Frau – ihrer Schwester – Opfer seiner Experimente wurde. Der Reporer ertastet den Puls der Schwägerin:

There was no mark to mar the unflecked perfection of her loveliness; the racing heart-beat burning through soft flesh into the palm of his questing hand proved she had merely fainted.

Overwritten, much? Die Erwachte berichtet davon, wie sie davor schon mal erwacht war, weil sie von einem fremden Mann – eben nicht befingert wurde, denn:

The fumbling, passionate digits that swept across burning breasts, caressing he vibrant flesh, were not fingers. They were toes!

Kursiv im Original. Der verrückte Chirurg hat einem Patienten die Arme abgenommen und sich und seinem – schwarzen – Unterling jeweils einen dritten Arm verpasst. Der Armlose macht sich wieder an sein Opfer:

Seeking, probing toes skimmed caressingly over every curve of her round hips, across those tapering thighs so white in the moonlight

Den Rest der Beschreibung schenke ich mir. Die Frau des Doktors lebt noch, ist aber zu einer grotesken Riesing verformt; seine Assistenten lehnen sich aus niederen oder nicht niederen Gründen gegen ihn auf; die Helden werden gerettet und auch für die Ehefrau gibt es wohl noch Heilung.

(5) E. Hoffmann Price, „Naga’s Kiss“

Eine fast schon brauchbare Geschichte. Burma; der weiße Finlay unter abergläubischen Eingeborenen, unterstützt von seinem treuen Sikh-Gefährten. Eine Riesenschlange macht das Dorf unsicher, oder vielleicht ist es ein Schlangendämon? Eine geheimnisvolle Frau erscheint in manchen Nächten und verführt Finlay. Ist sie in Wirklichkeit das Schlangenmonster? Nein, stellt sich heraus, ist sie nicht, aber sie ist ein anderes Schlangenwesen. Am Ende tötet der Sikh die Schlangenfrau. – Interessant ist, wie sie im Bettgeflüster versucht, Verständnis für die Schlangenwesen zu erwecken.

(6) Jerome Severs Perry, „Dead Legs Walk“

Wieder weird. Ein Paar nackter wandelnder Frauenbeine – ohne Körper darüber – erschreckt den Zeitungsmann Dexter im nächtlichen Schlafzimmer; als der Licht macht, liegen zwei amputierte Frauenbeine und ein Drohbrief auf dem Boden: Er solle sich heraushalten, sonst gehe es ihm und den Beinen seiner Verlobten Doris schlecht; gez. The Doctor of Death.

Doris wohnt mit ihrer Halbschwester und dessen Ehemann zusammen. Ihr französisches Dienstmädchen ist verschwunden. Die Polizei wird verständig, die amputierten Beine sind verschwunden. — Der Drohbrief kann nur von Professor Astro kommen, einem Scharlatan, gegen den Dexters Zeitung eine Kampagne führt. Dexter dorthin:

The place was a brooding, rococo frame structure overshadowed by ancient, gnarled trees that wispered with a thousand sinister tongues in the night wind. Grotesque wooden ornamentation, twisted carvings, rotting and weather-decayed filigrees marked every inch of the black facade of the house; shuttered, unlighted windows loomed liked close eyes of a corpse. […] A malevolent, noxious atmosphere of foreboding permeated the very air that surrounded the house. In the trees above Dexter’s head, a bat flitted eerily… An owl hooted…

Das ist schon sehr viel sinistre Atmosphäre auf einmal. Zu viel, das ahnt der geübte Leser bereits: Professor Astro ist unschuldig, auch wenn die Leiche des Zimmermädchens bei ihm gefunden wird:

Her nude body gleamed whitely in the bluish light; her breasts, firm and heavy and crimson-centered[,] were rounded melons of pathetic, lifeless beauty.
And her swelling white thighs ended horribly in blood-raw, hacked ends of flesh from which pinkish bones protruded nauseatingly…

Es war wieder der Schwager, und alles nur ein elaborierter Plan.

(7) Don King, „Hell Hole of Horror“

Die Zirkusbesitzerfamilie Elkins scheint verflucht; es verschwinden im Lauf von Jahren mehrere ihrer Kinder. Der Polizist Lane ermittelt auf eigene Faust; die Spur führt in den Black Forest, wo es Schlangenspuk gibt und er eine exotische Schöne trifft:

It was already too dark to see the feminine ripeness that was so rapturously soft against him, but Lane’s sense of touch was keen enough to appreciate each quivering hill and each undulating valley of her figure.

Man möchte sich waschen nach der Lektüre. Auffällig die Metaphorik aus der Geologie, mit der hier Frauenkörper beschrieben werden. (Ein paar Zeilen davor erscheint noch „firm hillocks“.) Aufgeräumt aund aufgeklärt wird alles hektisch auf der letzten Seite der Geschichte: Böse alte Frau entführt Elkins Kinder und wandelt sie in Schlangenwesen um, die sie dann als Freaks an Zirkusse verkauft, um sich zu rächen. Stirbt an ihren eigenen Schlangen.

(8) Charles R. Allen, „Out of the Tomb“

Martin, Reporter, kriegt mit, wie im Hotelzimmer nebenan die schöne Helen einen kryptischen Drohbrief kriegt; als sie zum angeführten Ort fährt (einem örtlichen Friedhof mit Vampirlegenden), folgt er ihr heimlich mit dem Betreiber des Hotels, Costigo. Damit ist für erfahrene Leser alles klar. Auf dem Friedhof ist es unheimlich, am Ende stellt sich heraus, dass Costigo der unbekannte Mann war, der Helen und ihren Vater epresst hat (der war mit „Hasheesh“ willenlos gemacht worden). Costigo wird erschossen. – Eine zivile Geschichte, keine zu übertriebenen Stellen, nichts Unappetitliches, auch die Frauenkörperbeschreibung hält sich in Grenzen. Bin ich schon mal dankbar für.

(9) Charles A. Baker, Jr., „Bride of the Serpent“

Hier merkt man, dass die Autoren nach Wortzahl bezahlt wurden. Sich wiederholende Beschreibungen, die nichts zur Wirkung beitragen. – Sandra und ihr Ehemann Clive sind irgendwo in einem für sie exotischen Land; wir erfahren nicht mal einen Namen, aber es gibt natives und tropical heat. Die beiden besuchen Clives Cousin Malik, dessen Haus ganz im Schlangenmotiv gehalten ist: Teppich, Wandbehänge, Kaminsims, Feuerzangen, Leuchter. In der Nacht geht Sandra wie hyptnotisiert in das Haus, trifft eine Riesenschlange, liebkost sie auf metaphorisch auffällige Weise, bevor Clive die Schlange erschießt – und das Haus anzündet, denn der Schlangenleichnam war verschwunden; stattdessen lag dort Maliks toter Körper!

(10) Arthur Wallace, „Death Vault of Venus“

Ein frisch verheiratetes Paar im Bus Mailand-Rom. Der hat einen nächtlichen Unfall; in Begleitung eines anderes Fahrgasts, Dr. Vecchio (sic) suchen sie das in der Nähe gelegenen Haus von dessen Bekannten auf, Dr. Cagliostro (sic). Gruselschloss mit groteskem Zweg Ubaldo, mit Stiletten. Als wär seit Ann Radcliffe und der gothic novel nichts passiert. Vecchio ist ein ehemaliger Kollege von Cagliostro, der ein wahnsinnsiger, mordender Wissenschaftler, der dessen Frau und Tochter gefangen hält. Er wird überwältig.
Zuerst wollte ich lobend die Brocken Italienisch erwähnen, die man in der Geschichte aufschnappen kann, aber non podemos liberarnos kam mir recht Spanisch vor.


Zum Format: Alle Geschichten beginnen auf einer geradzahligen Seite, also links; so kann man auf die ersten Seiten jeder Geschichte eine große, über zwei Seiten gehende Illustration platzieren. Nach acht oder zwölf Seiten wird die Geschichte abgebrochen, falls sie nicht gerade zu Ende ist, damit die nächste Geschichte wieder auf einer Doppelseite beginnen kann; die letzten ganzen oder halben Seiten der ersten Geschichte stehen viele Seiten später am Ende des Magazins („Continued on page 118“).

Auffälliges: Der Held ist stets ein Mann; gibt es einen zweiten Mann als Nebenfigur, stellt sich dieser am Ende als der drahtziehende Schurke heraus. Eine Ausnahme ist (5), aber vielleicht zählt ein Sikh nicht als ebenbürtig. Der Mann besiegt das Böse stets, mit Ausnahme von (1) und (3) – in der letzten Geschichte ist das aber auch kein Held, sondern ein Räuber; und auch in diesen Geschichten stirbt – wie in allen – der Schurke. (3) und (5) sind die einzigen Fälle, in denen sich die Frau als zumindest teilweise böse herausstellt; sonst ist sie Opfer und muss gerettet werden. Die Frau ist entweder bereits mit dem Mann liiert (6, 9, 10) oder die beiden werden nach der Rettung ein Paar (2, 4, 7, 8). Zweimal hat die Frau eine Schwester oder Halbschwester (4, 6), das ermöglicht, diese stellvertretend für die Frau zum Opfer oder zur Mittäterin zu machen. Wissenschaft taucht als Chirurgie auf und ist gefährlich (4, 10). Verwirrspiel um Körperteile gibt es in (4) und (6).

Siehe auch: Ignaz Ferdinand Arnold, Der Schwarze Jonas (Blogeintrag) – das Äquivalent aus der deutschen Räuberromantik.

Besuch herumführen in München, und Familien-Vergangenheit mit amerikanischen Soldaten

Heute sollte ich einen Gast in München herumführen, D., männlich, aus den USA, vielleicht gut fünfzehn Jahre älter als ich. Das habe ich natürlich gerne gemacht, und zwar das volle Programm:

Zuerst gingen wir durchs Sendlinger Tor und in die Asamkirche. Die ist (Spät-)Barock und vor allem sehr bunt innen. Dann zum Marienplatz, pünktlich zum täglichen Glockenspiel. Kurz dessen Geschichte recherchiert und weitergegeben. Weiter zur Feldherrnhalle (am Platz eines der weiteren alten Stadttore), in den Norden auf Siegestor und Königsplatz hingewiesen. Kurz in die Theatinerkirche. Die ist auch Barock, aber eher weiß und gold, wie man das so kennt. Ursprünglich war sie sicher auch so bunt wie alle Barockkirchen, aber heute, nach viel Wiederaufbau und vielleicht auch mit anderem Zeitgeschmack, lässt man sie vie viele Barockkirchen weiß.

Danach gingen wir in die Residenz. „Kurfürst“ heißt auf Englisch „Elector“, das wusste ich mal, hatte ich aber vergessen. „Kur-“ gehört zu ahd. chiosan, „wählen, ernennen“, wenn ich mich recht erinnere, und steckt noch in „Kür“ und „auserkoren“ drin, und natürlich im englischen choose. Die Residenz ist groß und man läuft sehr viel herum. Die Galerie der Familienportraits gefällt mir am besten.

Danach, früher Nachmittag, zum Sedlmayr, Einkehren in Traditionsgaststätte. Schweinebraten für ihn, für mich die Kalbszunge – weil die Bäckchen zwar auf der Karte standen, aber erst wieder im Herbst zu haben sein würden. Nu, meine Zunge ist besser, aber ich nehme auch gepökelte. Aber war schon okay. Nächstes Mal vielleicht doch mal die sauren Nierchen?

Zum Abschluss Viktualienmarkt, dann via Sendlinger Tor und Karlstor zum Hauptbahnhof.


D.: Den kennt meine Familie seit 1977. Er ließ sich als junger Soldat nach Deutschland versetzen, erst für ein Jahr, dann für ein weiteres, und ging danach zurück nach New Mexico. In Augsburg gab es viele amerikanische Soldaten, und damit viel amerikanische Comics auf den Flohmärkten, schon früh Pizzerias und – viel später – einen Kentucky Fried Chicken. Und es gab das sagenumwobene PX („pi äx“), post exchange – so hießen die Läden auf den US-Stützpunkten, wo Truppenangehörige, aber eben nur die, amerikanische Waren einkaufen konnten. Comics! Hershey bars! Golden Grahams! Butterfingers! Live Savers! Erdnussbutter nicht, die gab’s ja bei uns auch im Supermarkt; „Skippy“ hieß die früheste Sorte, an die ich mich erinnern kann, so wie das Buschkänguru aus der gleichnamigen Fernsehserie. (Flipper an Land, sozusagen.)

Damit die G.I.s Anbindung an Familien fanden, gab es es ein Programm, bei dem Augsburger Familien amerikanische Soldaten über Weihnachten aufnehmen konnten. Und das tat meine Familie, mehrere Jahre hintereinander. D. war der erste davon. Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Wir hielten zwei Jahre in Deutschland Kontakt und auch danach immer wieder, besuchten ihn 1979 in New Mexico. Dort: Eine freilaufende Tarantel gesehen, Klapperschlangenklappern gefunden, in den Carlsbad Caverns und den White Sands gewesen:

White Sands, New Mexico

Im Fernsehen eine Episode Spider-Man gesehen – genau, das mit dem Titelsong. Bei einem Prachtessen Süßkartoffelauflauf vorgesetzt bekommen und nicht gemocht. Elfeinhalb Jahre war ich bei all dem, und dazu kamen dann noch New York und Florida, mit Raketen und Alligatoren. My parents were awesome.

Meine Eltern und D. hielten die ganze Zeit über weiter Kontakt, tauschten Weihnachtskarten aus, D.s Tochter verbrachte mal ein paar Wochen bei uns – und jetzt war D. eben wieder einmal in Augsburg.

Ukuleletreffen in Giesing (nebst anderem)

Samstag auf Dinnerparty, Sonntag Biergarten in Augsburg, Montag Treffen mit ehemaligem Kollegen, Dienstag Ukuleletreffen – jetzt reicht es mir erst einmal mit den Menschen; ich freue mich darauf, einen Abend mit Frau Rau zu Hause zu verbringen.

Aber dieses Ukuleletreffen, das war eine große Sache. Wir treffen uns etwa einmal im Monat, es war das 34. Treffen, ich bin dabei seit dem fünften oder sechsten Treffen, wechselnde Locations. Und dieses Mal haben wir eine sehr schöne Heimat gefunden, das Giesinger Bräu in, uh, Giesing:

Screenshot Webseite Ukulele Tuesday

So richtig mit Ankündigung als „Ukulele Tuesday“. Dreißig Ukulelespieler und -spielerinnen, zwei Beamer und zwei Monitore, und mit fortschreitendem Verlauf des Abends dann auch Diskokugel und Mikrofon. Publikum. Einen bühnenerfahrener Spieler machte den Conférencier, lockte sogar Publikum nach vorne (ein Pärchenjubiläum), ermunterte andere ans Mikrofon zu kommen – und dann kam die eine Spielerin heraus, die Amy Winehouse singen konnte, die andere Michael Jackson, ein dritter meldete sich bei Johnny Cash, eine vierte war Spanisch-Muttersprachlerin und widmete sich den spanischen Nummern im Songbook. Sehr, sehr rege.

Ukulelespieler vor Beamer

Ein besonderer Dank unserem Cajón-Spieler, der eigentlich auch lieber mehr Ukulele spielen würde, aber die Percussion kommt sooo gut in der Gruppe. Ich bin um halb elf gegangen, lange bevor es vorbei war. Nächstes Treffen ist wieder in Giesing am 11.9.2018, achtzehn Uhr – und danach wahrscheinlich sogar vierzehntägig statt monatlich. Kann ich nur empfehlen. Aber wer singen kann, wird vors Mikro gezerrt, damit muss man dann rechnen.

Weniger spektakuläre Nachrichten: Der Wassernapf wird von den Vögeln angenommen, nicht häufig, aber doch ab und zu. Amsel und Buntspecht waren schon dran, die Meisen habe ich sogar fotografiert:

Blaumeise an Wassernapf

Kohlmeise an Wassernapf

(Außerdem noch irische Kartoffelpfannkuchen gemacht. Halb aus Kartoffelbrei, halb aus rohen geriebenen Kartoffeln, mit etwas Mehl und einem Ei drin. Rezept.)

Turing Tumble

Für $80 (einschließlich Mehrwertsteuer) und $14 Porto, also etwa 80 Euro, habe ich mir – damals noch über eine Kickstarter-Vorbestellung – ein Spielzeug gekauft: Den Turing Tumble (Webseite).

Schachtel von Turing Tumble

Der Turing Tumble ist eine murmelgetriebene Rechenmaschine, der deutlich an den Digi Comp II erinnert (Blogeintrag). Aber nicht nur ist er ein klein wenig billiger, er trägt auch in freundlichen Lettern die Aufschrift „Kann sogar mehr“ – oder er könnte sie jedenfalls tragen; tatsächlich fehlt jeglicher Hinweis auf den Vorgänger.

Wie beim Digi Comp II laufen Murmeln eine Bahn herab und legen dabei kleine Schalter um. Unten angekommen, lösen sie den nächsten Murmelabwurf aus, bis die Aufgabe erledigt ist und die letzte Murmel abgefangen wird, so dass die Maschine zur Ruhe kommt. Beim Digi Comp II sind die Murmelbahnen festgelegt und größtenteils vor dem Benutzer verborgen; beim Turing Tumble kann und muss man sich die Bahnen erst selber stecken. Außerdem gibt es zwei verschiedene Kugelspender für verschiedenfarbige Kugeln und mehr Bauelemente, also elaboriertere Schalter sozusagen. Das bedeutet zum einen, dass damit viel mehr Rechenaufgaben möglich sind als das a*b+c des Digi Comp, zum anderen macht es den Turing Tumble zu einem schönen Puzzle-Spiel – indem man die Aufgabe stellt und den Turing Tumble dann erst selber zusammenstecken/programmieren muss.

Das Begleitheft enthält 60 solcher Puzzles in einem Buch mit Comic-Rahmenhandlung: Eine Reihe von Bits/Schaltern parallel zu einer gegebenen anderen Reihe von Bits/Schaltern konfigurieren (also ein Kopiervorgang), binäres Herauf- und Herabzählen und Addition und Multiplikation und ganzzahlige Division sowieso, auch ein fertiges Nim-Spiel gegen die Maschine ist dabei. (Das ist das Spiel, wo man 1, 2 oder 3 Streichhölzer wegnehmen muss.)

Im Forum dazu gibt es noch weitere Aufgaben und Herausforderungen, ganz neue Aufgabenformen, und rege Diskussionen – wo immer noch diskutiert wird, ob der Turing Tumble wohl Turing-vollständig ist. (Das heißt: Dass damit alles berechnet werden kann, was überhaupt berechnet werden kann, also auch alles, was mit einem großen Computer möglich ist. Natürlich geht es dabei um ein ideales, räumlich unbeschränktes Turing Tumble.)

Hier stelle ich einige der Steckelemente vor:

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Und hier ist Aufgabe 38, die mich einige Zeit gekostet hat. Links oben sind Zahnräder, die ich in diesem Fall so einsetze, dass beim ersten Durchlauf die Kugel die eine Richtung, bei allen späteren Durchläufen eine andere Richtung nimmt:

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Einsatz in der Schule: Schwierig. Also, binäres Zählen kann man damit eher noch schöner vorstellen als mit dem Digi Comp, und die Rückführung von Multiplikation auf Addition und die auf Nachfolgerfunktion auch. Aber das zeige ich gerade mal in der Oberstufe. Als Spiel zum Selberpuzzlen ist das sehr anregend, weil Murmelbahnen nun mal toll sind.

(Natürlich kann man sich das auch virtuell anschauen: hier eine JavaScript-Simulation des Turing Tumble.)

Diplomacy in der Klasse spielen

In den letzten Tagen des Schuljahr habe ich mit meiner 10. Klasse nicht nur Super-Babel gespielt, sondern auch Diplomacy. Diplomacy ist in ernsthaften Brettspielkreisen sehr bekannt, situiert Anfang des 19. Jahrhunderts in Europa, bei dem sieben Großmächte um die Vorherrschaft in Europa kämpfen. Weniger als sieben Spieler und Spielerinnen sollten es nicht sein, und fürs Klassenzimmer ist es sogar sinnvoll, wenn zu einer Großmacht zwei oder drei Schüler oder Schülerinnen gehören.

Gedacht war Diplomacy als Brettspiel, es wird aber häufig per Brief oder heutzutage über Webforen gespielt. Die Besonderheit daran: Alle Züge werden gleichzeitig ausgewertet und durchgeführt. Das heißt: Man verbringt erst eine Viertelstunde mit Diskussionen in Plenum oder eher der Lobby, um Unterstützung für die eigenen Pläne zu erhalten oder sie anderen zu gewähren; dann schreibt man die Züge auf, dann folgt eine kurze Phase der Auswertung – manche Truppenbewegungen gelingen, andere nicht. Und diese Diskussions- und Planungsphase macht den Reiz des Spiels aus.

Das ist das Spielbrett am Anfang, im Klassenzimmer auf dem Stehpult platziert für die, die sich gerne physisch über Landkarten beugen, ein ganz besonderes Vergnügen:

Diplomacy-Spielbrett

Eigentlich gibt es nur ganz wenig Regeln, aber sie ermöglichen viele Situationen, die man erst auf den zweiten Blick als problematisch erkennt. Deshalb ist es ganz praktisch, die Züge in ein Computerprogramm einzugeben, das die Auswertung für die Runde übernimmt. Ich nutze dazu jDip (Sourceforge). Wer sich dafür interessiert: In „Adjucating Diplomacy Games by Computer“ von Stewart Cross wird beschrieben, an was man bei Umsetzung der Regeln in ein Programm alles denken muss.

Hier wird jDip auf dem Monitor im Klassenzimmer dargestellt, nach den ersten paar Zügen:

Diplomacy auf Monitor

Und parallel dazu wirft der Beamer das Bild an die Wand:

Diplomacy auf Beamer

Als Beschäftigung für das Schuljahresende ideal. Wir haben zweieinhalb Doppelstunden damit verbracht; es hätten ruhig mehr sein können. Die Spielregeln sind komplex und unvertraut genug, um eine angenehme Herausforderung darzustellen, die Verhandlungen der Großmächte untereinander liefen gut. Gerade die kompetitiveren Schüler und Schülerinnen erwischt man sehr gut damit.

Eigentlich will ich auch einmal versuchen, das Spiel unter dem Schuljahr zu spielen. Ich suche noch nach genug Rechtfertigung dafür. Klar, Wissen kann man damit nicht viel vermitteln (außer, und das nicht zu unterschätzen, Geographisches), aber Kompetenzen doch ganz bestimmt. Und sei es nur die, sich an Regeln zu halten und Konsequenzen zu spüren. Ich könnte im Klassenzimmer eine Pinwand für Proklamationen aufhängen.


– So, ab hier hört der reguläre Blogeintrag auf; ich halte ab jetzt nur so viel von den Regeln für Diplomacy fest, wie ich mir merken möchte; insbesondere ein paar Punkte, die ich immer wieder vergesse. So können die Schüle rund Schülerinnen beim nächsten Mal ebendiese nachlesen.

Die Regeln von Diplomacy

Jeder Spieler, jede Spielerin übernimmt die Rolle einer Großmacht Anfang des 19. Jahrhunderts: Deutschland, England, Frankreich; Italien, Österreich-Ungarn; Russland, Osmanisches Reich. Das Spielfeld ist eine Karte Europas, eingeteilt in sogenannte Provinzen. (Die tragen manchmal den Namen von Städten, manchmal von Regionen, das ist egal.) Ähnlich wie beim bekannteren Risiko geht es darum, die Welt zu erobern, oder zumindest Europa. Allerdings kann hier in jeder Provinz nur höchstens eine Einheit stehen. Der Hauptunterschied ist allerdings folgender: Es gibt keine Würfel, und alle Züge aller Spieler und Spielerinnen werden gleichzeitig ausgeführt.

Das heißt: In einer ersten Phase einer Runde planen alle Spieler ihre Züge; zu manchen brauchen sie die Unterstützung anderer Spielerinnen; zu diesem Zweck sprechen sie sich untereinander ab. Das dauert eine Viertelstunde, wenn man Diplomacy als Brettspiel spielt. Dann werden die Züge gleichzeitig aufgedeckt und ausgeführt; manche Abmachungen der Mitspieler werden eingehalten, andere vielleicht nicht. Manche Bewegungen laufen so ab, wie man sie erwartet hat, andere werden durch Mitspielerbewegungen unmöglich gemacht. Diese Phase dauert fünf Minuten. Dann geht es wieder mit den Verhandlungen los.

Und darin liegt der Reiz bei Diplomacy: Man muss verhandeln, sich Partner verschaffen, und wird dann überrascht von den Entscheidungen der anderen Spieler. (Tatsächlich halten sich die meisten an Abmachungen, auch die Schüler und Schülerinnen.)

Die Regeln in etwas mehr Detail

Jeder Spieler schreibt für jede Einheit auf, was die im nächsten Zug tun soll. Zwei häufige Möglichkeiten sind stehen bleiben (die Standardaktion, falls nichts anderes angegeben ist), und sich in eine erreichbare (meist: benachbarte) Provinz bewegen. Und da gibt es drei Fälle:

  1. die Zielprovinz ist leer und niemand sonst will dort hin
    (Variante: das Ziel ist zwar besetzt, aber die Einheit dort zieht erfolgreich weg)
  2. die Zielprovinz ist leer, und mindestens eine andere Spielerin will auch dorthin
    (Variante: das Ziel ist zwar besetzt, aber die Einheit dort zieht erfolgreich weg)
  3. die Zielprovinz ist besetzt, und niemand sonst will dorthin
  4. die Zielprovinz ist besetzt, und mindestens eine andere Spielerin will auch dorthin

Fall 1 ist einfach: Na, dann zieht man die Einheit eben dorthin.

Fall 2: Wenn alle Einheiten mit der gleichen Stärke angreifen, passiert gar nichts, sie blockieren einander – wer soll denn dann auch rein? Das umstrittene Gebiet bleibt leer. Wenn eine Einheit mehr Stärke hat als irgendein anderer Angreifer, dann zieht diese dort hin.

Fall 3: Wenn der Angreifer mehr Stärke hat als der Verteidiger, wird dieser zurückgeschlagen und der Angreifer bewegt sich in die umkämpfte Provinz. (In einer späteren Phase muss sich der Verteidiger dann entscheiden, in welche benachbarte Provinz er sich zurückziehen will; es muss eine leere sein, und darf nicht die sein, aus der der Angriff gekommen ist. Wenn es eine solche nicht gibt, wird die Einheit aufgelöst.) – Wenn der Angreifer nicht mehr Stärke hat als der Verteidiger, bleibt alles unverändert.

Fall 4: Wenn kein Angreifer eine höhere Stärke hat als der Verteidiger, passiert nichts. Wenn ein Angreifer eine höhere Stärke als der Verteidiger hat und eine höhere Stärke als jeder andere Verteidiger, gelingt der Angriff. (Der Verteidiger muss sich wie oben in einer späteren Phase zurückziehen.) Wenn mehrere Angreifer eine höhere Stärke als der Verteidiger haben, aber keiner mehr als die anderen (sich also gegenseitig blockieren), passiert auch nichts, wie in Fall 2.

Sonderfall: Ein unmittelbarer Tausch zweier Einheiten in benachbarten Provinzen ist nicht möglich. (Die Einheiten können nicht einfach aneinander vorbei lauifen.) Ein Ringtausch von drei oder mehr Einheiten ist möglich.

Die Stärke eines Angriffs:

Hierin liegt der taktische Kern des Spiels. Eine Einheit kann eine erreichbare, benachbarte Provinz mit einer Einheit darin angreifen. Die Angriffsstärke ist 1, die Verteidigung ebenfalls 1 – erstmal ein Patt. Andere Einheiten können den Angreifer unterstützen, wenn die umkämpfte Provinz für sie erreichbar ist. Das erhöht die Angriffsstärke jeweils um 1. Andere Einheiten können auch den Verteidiger unterstützen, wenn die umkämpfte Provinz für sie erreichbar ist. Das erhöht die Verteidigungsstärke jeweils um 1.
Eine Unterstützung wird unwirksam, wenn die unterstützende Einheit selbst angegriffen wird.

Flotten, und Truppentransporte:

In jeder Provinz kann maximal eine Einheit stehen, eine Armee (Land-, Küstenprovinz) oder eine Flotte (Küsten-, Meerprovinz).

Bei den Flotten muss man manchmal darauf achten, an welcher Küste sie liegen, da das darüber entscheidet, wohin sie sich bewegen können. Man kann vom Schwarzen Meer nach Bulgarien, aber nur an die Ostküste; man kann von dort aus nicht is Ägäische Meer, obwohl das Bulgarien benachbart ist. Ähnlich ist das mit St. Petersburg und Spanien.

Eine Flotte kann angreifen oder unterstützen wie eine Armee auch (aber natürlich nur in erreichbare Provinzen hinein, also Küsten- und Seeprovinzen). Wenn Sie in einer Meer-Provinz ist (also nicht an einer Küste), kann sie auch eine Art Seebrücke für eine Armee bilden und einer Armee so die Bewegung (also einen Angriff) übers Meer ermöglichen. An solch einer Seebrücke können auch mehrere Flotten beteiligt sein, dieser Truppentransport geht dann gleich über mehrere Provinzen. (Natürlich kann man auch Truppen anderer Spielerinnen transportieren.) Eine Flotte, die angegriffen wird, kann nicht geleiten; in diesem Fall bricht der Truppentransport zusammen.

Die Sache mit den Versorgungszentren

Die mit schwarzen Punkten markierten Provinzen besitzen Versorgungszentren, die später für den Aufbau und Erhalt von Einheiten wichtig sind. Es gibt Frühlings- und Herbstzüge, die sich abwechseln. Nach jedem Herbstzug wird gezählt, wer wie viele Versorgungszentren kontrolliert. (Man kontrolliert ein Versorgungszentrum, wenn man nach einem Herbstzug eine Einheit darauf stehen hatte – danach kann man die Einheit wegbewegen und man kontrolliert weiter die Provinz, bis ein anderer Spieler nach einem Herbstzug darauf eine Einheit stehen hat.) Hat man mehr Einheiten als Versorgungszentren, muss man im Anschluss Einheiten auflösen; hat man weniger, kann man im Anschluss neue Einheiten bauen – aber nur in den Versorgungszentren von leeren Provinzen, die man bereits bei Spielstart kontrolliert hat; die alte Heimat sozusagen.

Ist Trump Punk?

In den 1990er gab es im privaten Nachmittagsfernsehen viele und unsägliche Nachmittagstalkshows. Da saßen vier oder fünf Gäste nebeneinander und stellten – wahrscheinlich, ich weiß das nicht mehr genau – ihre Geschichte vor und kommentierten einander. Es kam nicht zu Prügeleien wie in amerikanischen Pendants, soweit ich weiß, aber es war auch so dämlich genug.
In einer dieser Sendungen, lassen wir es Arabella gewesen sein, Thema egal, war ein Punker als Gast, oder zumindest jemand, der so aussah und sich so gerierte. Der sagte etwas, und als die Moderatorin das kurz darauf wiederholte, behauptete er, das nie gesagt zu haben. Das wiederholte sich, beim nächsten Mal hieß es plötzlich: Doch, genau das habe ich gesagt. Dann wieder: Nein, nie passiert.

Das fand ich faszinierend. Da hatte jemand die Basis jeglicher Diskussion, vielleicht der Kommunikation erkannt und angegriffen. Die unausgesprochenen Regeln selbst des Streits galten nicht mehr. Wie kann man da diskutieren? Das war Punk, Anarchie.

Bei Trump muss ich immer wieder an diese Episode denken.

(Beim Recherchieren auf diese Arabella-Show gestoßen: https://magazin.punkfoto.de/arabella-1998pro7/ Das mit den Handgreiflichkeiten nehme ich zurück. Zutiest historisch, und so gestellt wie Profi-Wrestling. So schlecht wie damals ist das Fernsehen heute nicht, oder?)