Ich will Ihre Kinder ändern!

Alle zehn Jahre darf man sich doch im Blog wiederholen, oder? Anlässlich eines Gesprächs auf Twitter vor ein paar Tagen ist wohl Zeit für eine Ergänzung meines Blogeintrags von 2008, „Bleib so wie du bist“.

Ja, ich will Ihre Kinder ändern! Oder jedenfalls sie begleiten, wenn sie sich ohnehin ändern, und die Änderung lenken, soweit das in meiner Macht steht, in Babyschritten. Das muss ich sogar, das ist mein Auftrag und meine Dienstpflicht und steht so in der (bayerischen) Verfassung.

(1) Die Schulen sollen nicht nur Wissen und Können vermitteln, sondern auch Herz und Charakter bilden.

(2) Oberste Bildungsziele sind Ehrfurcht vor Gott, Achtung vor religiöser Überzeugung und vor der Würde des Menschen, Selbstbeherrschung, Verantwortungsgefühl und Verantwortungsfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und Aufgeschlossenheit für alles Wahre, Gute und Schöne und Verantwortungs­bewusst­sein für Natur und Umwelt.

(3) Die Schüler sind im Geiste der Demokratie, in der Liebe zur bayerischen Heimat und zum deutschen Volk und im Sinne der Völkerversöhnung zu erziehen.

(4) Die Mädchen und Buben sind außerdem in der Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft besonders zu unterweisen.

Art. 131 der Verfassung des Freistaats Bayern

Meine Gesprächspartnerin fühlte sich durch meine Aussage, dass Schulen auch Erziehungsziele habe, getriggert (ihre Worte), aber ähnlich steht das sicher in anderen Bundesländern auch in den Verfassungen und Lehrplänen. Manche Eltern wehren sich vielleicht gegen den Gedanken, dass die Schule irgendetwas mitzuerziehen hätte. Aber wie es heißt: It takes a village… bei der Erziehung eines Kindes spielen viele Faktoren mit. Medien, Peergroup, Schule – die Hauptrolle haben sicher die Eltern, aber eben nicht nur die.

Laut dieser Allensbach-Umfrage von 2009 (pdf) ist zwar besonders wichtig, dass Schule „Gute Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik“ vermittelt (88%), aber immerhin soll sie auch „Hilfsbereitschaft, Rücksicht auf andere“ vermitteln (66%) sowie Pünktlichkeit (62%), „Höflichkeit und gute Manieren“ (52%). Das ist doch Erziehung, oder? Und wenn jemand vorher unhöflich war und danach höflich, dann ist das Veränderung – wie umgekehrt natürlich auch.

Besonders spannend finde ich die 2. Jako-O-Bildungsstudie von 2012 „Eltern beurteilen Schule in Deutschland!“, über deren Qualität ich nichts sagen kann und über die ich 2012 schon mal geschrieben habe. Damals war noch die Frage „Zuständigkeit für die Verwirklichung von Bildungszielen“ im Programm – in den Folgestudien 2014 und 2017 war sie vielleicht nicht mehr opportun, jedenfalls fehlt sie, deshalb hier das Ergebnis von 2012:

Gut die Hälfte meint, dass für Pünktlichkeit und Manieren hauptsächlich die Eltern zuständig sind; der Rest sieht das als Aufgabe von Schule und Eltern gleichermaßen an. Und das ist richtig so; Erziehung ist eine Aufgabe von mindestens Eltern und Schule – in guter Zusammenarbeit. Dass allein die Schule für etwas zuständig sein soll, spielt in der Umfrage allenfalls bei „Fachwissen“ eine Rolle, und auch da sehen 39% das als Aufgabe von Eltern und Schule. (Wenn das Elternhaus so eine große Rolle spielt, ist das mit der Bildungsgerechtigkeit natürlich schwierig, aber das ist ein anderes Thema.)

Meine Gesprächspartnerin nahm keinesfalls in Anspruch, in irgendeiner Form repräsentativ zu sein mit ihrer Irritation bezüglich des Erziehungsauftrags der Schule, führte diese aber auf ihre DDR-Sozialisierung zurück. Insofern interessiert mich das schon, ob es da Unterschiede bei den Bundesländern gibt, und ob sich die Ansichten in den letzten sieben Jahren geändert hat.

Was das alles mit Ändern zu tun hat: Erziehen heißt ändern. Lernen heißt per Definition ändern: „Lernen besteht also im Erwerb von Dispositionen, d.h. von Verhaltens- und Handlungsmöglichkeiten.“ Lernen ist „Bildung von Erfahrungen, die in der Zukunft neue Aktivitäten beeinflussen. Die ist das wesentlichste Merkmal des Lernens.“ (Edelmann, Lernpsychologie, noch vom Studium.) Lernen heißt nicht, dass man sich danach anders verhält, aber aber das man sich danach anders verhalten kann. Man kann auch nicht nicht lernen, ebenso wenig, wie man sich nicht verändern kann – man kann nur das Falsche lernen, aus Sicht der Gesellschaft und Medizin. Die Frage, was richtiges und falsches und gesundes und krankes Verhalten ist, ist natürlich wiederum kompliziert. Und die Frage, wie man die menschliche Veränderung, das menschliche Lernen begleitet oder lenkt, wie man jungen Menschen beim Lernen, also beim Verändern, hilft und ob das gelingt: ein anderes Thema.

Man mag vielleicht einwenden, das sei ein sehr wörtlich Verständnis von Änderung, und das sei ja gar nicht gemeint. Aber ich glaube, dass es eine Veränderung bewirken kann, wenn man ein Konzentrationslager besucht oder wenn man im Biologieunterricht am sächsischen Gymnasium „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ durchnimmt (Lehrplan Sachsen noch im Jahr 2017). Gleichzeitig stimmt natürlich, dass man bei aller Veränderung selbst das Gefühl von Kontinuität hat; und man würde nie sagen „Mensch, du hast dich aber verändert“, nur wenn jemand das Klavierspielern erlernt hat. Ändern heißt nicht, dass sich alles ändert.

Ja, und dann ist da noch die Realität. Wie sehr sieht sich Schule, wie sehr sehen sich Lehrer und Lehrerinnen als herzens- und charakterbildend, wie sehr im Auftrag der Wissensvermittlung? Wie viel Erziehung gelingt an der Schule unter den gegebenen Bedingungen, wie viel ist nötig? Ich weiß es nicht, aber manche Phrasen in den Lehrplänen scheinen mir schon recht hohl zu sein.

Schöne Sachen machen einfach gemacht

Im Blog von Pascal Schiebenes habe ich einen Hinweis auf den Webdienst lumen5 gefunden. Ich war gleich bereit, mich darüber aufzuregen: Pascal zeigt, wie man mit dem Dienst einfach Text mit Bild- oder Videomaterial kombinieren kann, um einen Film, eine Art animierter Präsentation, zu erstellen. Pascals Beispiel ist das Gedicht „Inventur“ von Günter Eich:

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Ich war skeptisch, weil ich an ein anderes Werkzeug dachte, mit der man aus einem Wikipediabeitrag automatisch eine Präsentation erstellen kann. Minimale eigene Leistung, aber dafür ein enorm schick aussehendes Ergebnis.

Damit habe ich Pascal aber Unrecht getan und zu viel von lumen5 erwartet. Ja, man lädt einen Text hoch; ja, der wird automatisch in Absätze geteilt und deren Text auf Folien verteilt; und ja, die Webseite erstellt automatisch Musik dazu und sucht Bilder oder Videos aus. Allerdings steckt da, anders als ich eben gedacht hätte, noch keine nennenswerte KI dahinter. Dabei wäre es doch gar nicht so schwer, thematisch passende Bilder auszusuchen? Jedenfalls habe ich das also mal ausprobiert mit dem Gedicht „Das Karussell“ von Rainer Maria Rilke, manuell erstellt, aber in kurzer Zeit und ohne groß auf Schriftart und so zu achten:

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Erkenntnisse:

  • Wenn es richtig gut aussehen soll, muss man Schriftgröße und -position auf jeder Folie manuell anpassen. Ich habe mir die Mühe nur wenig gemacht.
  • Pro Vers eine Folie wäre zu viel, also muss man entscheiden, welche Verse man auf einer Folie gruppieren möchte: Das ist schon mal eine gewisse, auch interpretatorische Leistung.
  • Bei der Auswahl des Bildmaterials hilft die Automatik gar nichts. Ich war überrascht, wie viel Mühe ich mir bei der Auswahl des Bildmaterials gemacht habe, und hoffe, dass das auch für Schüler und Schülerinnen gilt, wenn ich das als Aufgabe stellen würde. Ich kann bei den meisten Bildern erklären, was ich mir dabei gedacht habe.
  • Da ist nichts, was man nicht auch mit jeder einfachen Video- oder gar nur Präsentationssoftware erstellen könnte, aber der Zugriff auf einen relativ großen Fundus an kostenlos (aber auch: kostenpflichtigen) verwendbaren Bilder und Videoschnipseln macht das Arbeiten schon sehr viel leichter.

Klar, Schüler und Schülerinnen müssten sich einen Account zulegen, und das kann und will ich nicht verlangen. Also doch mit Videoschnittsoftware arbeiten?

Mein ursprüngliches Problem war wohl: Es gibt viel Software, mit der man ohne viel Leistung toll aussehende Produkte erstellen kann. Eigentlich müssten das noch viel mehr solche Produkte werden, eben wenn die KI noch thematisch passende Bilder aussieht. Übersetzungen gehen schon automatisch. Prezi sieht schnell hübsch aus. Der Einsatz von Werkzeugen ist völlig in Ordnung, solange man nicht denkt, man hätte etwas geleistet, bloß weil das Ergebnis gut aussieht. Das ist nur die Illusion von Leistung. Eigentlich möchte ich ja schon, dass meine Schüler und Schülerinnen mit digitalen Werkzeugen umgehen können. Aber die wichtige Leistung liegt nicht darin. Eine Präsentation mit Pappschildern und Buntstifttext darauf kann besser sein.

(Nachtrag: Jetzt kann ich meinen Pi-hole wieder einschalten – lumen5 war in der Sperrliste drin, und ich habe noch nicht genug Grund, es da wieder rauszuholen.)

Philip Roth, Our Gang

Die zwei anderen Romane, die ich von Philip Roth gelesen habe, haben mich wenig interessiert. Um so besser fand ich stets dieses, im Nachhinein: völlig untypische Buch aus dem Jahr 1971. Gelesen habe ich es um 1991 herum, und jetzt ein zweites Mal.

Das ganze läuft unter Roman, ist aber eher eine Sammlung von nur lose verknüpften Einzelszenen aus dem Leben von Trick E. Dixon, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Die Titel der einzelnen Geschichten – „Tricky Comforts A Troubled Citizen“, „Tricky Holds A Press Conference“ – weisen bereits auf den episodenhaften Charakter hin, auf einen legendenhaften Geschichtenzyklus um eine mythische Figur.

Die erste, kürzeste Geschichte gibt dabei den Ton vor: Ausgangspunkte sind erstens eine Rede Richard Nixons vom April 1971, in der er wortreich für die Rechte der Ungeborenen eintrat, und zweitens das Urteil zum My-Lai-Massaker, bei dem amerikanische Soldaten in Vietnam mehrere hundert Zivilisten und Zivilistinnen töteten. Im März 1971 war ein einziger Angeklagter für schuldig befunden und zu lebenslänglich verurteilt worden; zwei Tage nach dem Urteil holte Nixon den Verurteilten aus dem Gefängnis und setzte ihn unter Hausarrest. (Später wurde das Urteil auf 20 Jahre Haft reduziert, nach dreieinhalb Jahren davon wurde die Haft ganz ausgesetzt.) In „Tricky Comforts A Troubled Citizen“ fragt nun ein besorgter Bürger, ob es nicht möglich gewesen sei, dass sich unter den 22 toten Zivilisten auch eine schwangere Frau befunden habe; dass Leutenant Calley damit eine Abtreibung vorgenommen habe; und dass die Rechte des Ungeborenen damit nicht geschützt worden seien. Wortreich erklärt Tricky, dass das ja eine hypothetische Frage sei, dass es davon abhängt, ob man der hypothetischen Frau das habe ansehen können, dass die Frau kein Englisch gekonnt hätte und man von Leutenant Calley nicht hätte erwarten können, auf die umständehalber wirre Zeichensprache der Frau einzugehen, falls sie ihm das hätte kommunizieren wollen; dass ähnlich unzumutbar gewesen sein, zwischen einer hypothetische schwangeren und einer einfach nur dicken Vietnamesin zu unterscheiden; dass die Frauen dort sich ja weigerten, amerikanische Umstandsmode zu tragen; dass die Verantwortung für eine „Abtreibung auf Verlangen“ eindeutig bei der Frau gelegen hätte; dass eine so schwierige Operation unter Kampfbedingungen ja geradezu auszeichnenswert wäre – kurzum, am Ende kommt nichts heraus dabei.

Ich glaube, ich habe den Zynismus der Geschichte nur unzureichend wiedergegeben. Man lacht nicht gern beim Lesen.

Alle Geschichten sind in Form von Szenen geschrieben, Dialogen mit wiederkehrenden Regieanweisungen, teilweise auch langen Monologen. Tricky verteidigt sich gegen Vorwürfe, nur an den Stimmen der Ungeborenen interessiert zu sein; sucht verantwortlich zu Machende für die Empörung unter den Pfadfindern, die Tricky beschuldigen, Unzucht zu fördern, um mehr Ungeborene zu haben. Man einigt sich auf Schuldige, was dazu führt, dass die USA Dänemark angreifen und Helsinor befreien („das ist keine Invasion“), en passant wird eine Atombombe auf Dänemark geworfen, und beim Einsatz des Militärs gegen demonstrierende Pfadfinder wird die Anzahl an getöteten Pfadfindern als genau die richtige Zahl gelobt – weniger würde man nicht ernst nehmen, mehr wären unnötig. Die tödlichen Waffen, die die Pfadfinder mit sich führen, werden dem erschrockenen Publikum präsentiert, die perfiden Einsatzmöglichkeiten der vier Klingen in schillerndsten Farben zur Abschreckung geschildert:

Let’s begin here, with the smallest of the four blades. In the language of those who employ such weapons, it is knowns as the “bottle opener.” I’ll tell you how it got that name in a moment.

Die Gefährlichkeit der größten Klinge wird dadurch demonstriert, dass Tricky damit brutal ein Blatt Papier durchschneidet, auf dem die Präambel der Verfassung, die Bill of Rights, und die zehn Gebote abgedruckt sind.

Aber mit einer, uh, enclosed camping site, in der die Pfadfinder zusammengetrieben werden und Gelegenheit bekommen, ihre für die Wildnis gelernten Fähigkeiten einzusetzen, gelingt es Tricky, der Aufständischen Herr zu werden.

Am Ende wird Tricky umgebracht (oder vielleicht ist nur etwas schief gegangen bei der Operation, ihm die Schweißdrüsen über seinen Lippen zu entfernen). Die Polizeit hat schon Täter, wartet aber noch auf die offizielle Bestätigung, dass tatsächlich ein Verbrechen stattgefunden hat. In ganz USA reagieren die Bürger gleichmütig oder gar fröhlich – interpretiert von der Tricky-nahen Presse als Zeichen ihrer fassungslosen Trauer. Und noch in der Hölle macht Tricky weiter Politik.

Ein bitteres Buch, und man vergleicht es natürlich mit der Gegenwart. An Trump erinnert das „Justice in the Streets Program“, das die Gerichte entlasten soll, bis man diese eines Tages nur noch als Touristenattraktion braucht. Warum die vielen Umstände, wenn man gleich auf der Straße urteilen und bestrafen kann? Gelegentlich noch etwas Großspurigkeit: „this mighty giant of a nation of which I am, by extension, the mighty giant of a President“. – Ein Hauptthema ist, wie Tricky und seine Bande Worte im Munde herumdrehen, sich herausreden, lügen; vorangestellt sind Zitate aus Gulliver’s Travels und von George Orwell: Ziel der politischen Sprache sei es, Lüge wie Wahrheit und Mord wie etwas Respektables aussehen zu lassen. Ach, so viel Mühe gibt sich Trump nicht mal mehr.

Außerdem habe ich etwas gelernt über die jüngere amerikanische Geschichte, weil ich per Wikipedia mein Wissen um Spiro Agnew, die Black Panthers und den Baseballspieler Curt Flood aufgefrischt habe.

Link: LA Review of Books, „When Nixon asked Haldeman about Philip Roth“

Die geheimnisvollste Insel

Literarische Inseln gibt es viele:

  1. Der Gesellschaftsentwurf oder -spiegel: Utopia, Atlantis, Liliput.
  2. Die Pirateninsel: Die Schatzinsel, Monkey Island, Der Graf von Monte Cristo
  3. Die Toteninsel: Reprobates/Next Life (Computerspiel 2007), Wings of Fame (Film 1990) – nach dem Tod findet man sich auf einer Insel wieder, zusammen mit anderen Gestorbenen; vielleicht gehört sogar die griechische Unterwelt mit ihren fünf Flüssen und den verschiedenen Bereichen hierher
  4. Die Robinsonade: Robinson Crusoe, Castaway, die Schwundstufe der Don-Martin-Inselcartoons in Mad Magazine
  5. Die geheimnisvolle Insel: Fremde kommen auf eine Insel, oft schiffbrüchig, und finden heraus, dass die Insel Geheimnisse birgt: Die geheimnisvolle Insel (Verne), Die Insel des Dr. Moreau (Wells), Graf Zaroffs Insel aus The Most Dangerous Game und dessen Kurzgeschichtenvorlage, Lost, Shakespeares The Tempest – hier ausnahmsweise einmal aus der Perspektive des Drahtziehers hinter den Inselgeheimnissen.

Die geheimnisvollste Insel ist für mich Fantasy Island. Fantasy Island war eine amerikanische Fernsehserie, die von 1977 bis 1984 ausgestrahlt wurde und sehr erfolgreich war. Seit meiner Jugend ist mir die Serie ein Begriff – von der deutschen Erstausstrahlung ab 1989 habe ich allerdings nichts mitgekriegt. Vielmehr muss ich die Serie bei Besuchen in den USA kennengelernt haben, oder aus dem MAD-Magazin. Ich glaube nicht, dass ich bis vor kurzem je eine ganze oder auch nur halbe Episode gesehen hatte – zu wenig hätten sie mich interessiert, zu wenig sah meine deutsch-amerikanische Verwandtschaft fern. Aber das Konzept war mir sofort sonnenklar, glaube ich, und die Bilder der Serie sind derart ikonisch, dass man sie vielleicht nur einige Male zu sehen braucht, bevor sie sich einprägen:

Ein distinguierter Ricardo Montalbán (schwamm früher mit Esther Williams und sang mit ihr „Baby , it’s cold outside“, war danach und davor der Khan im Zorn des Khan) als Mr. Roarke mit einem kleinwüchsigen Franzosen, Tattoo genannt (Hervé Villechaize), beide in weißen Leinenanzügen in tropischer Umgebung vor Korbgeflechtstuhl.

Der Plot jeder Episoden: Ricardo Montalbán ist Herr über die Urlaubsinsel Fantasy Island, die Gäste besuchen, um dort ihre Fantasien auszuleben. Einmal reich sein? Auf einer Seance den Geist des toten Bruders beschwören? Vielleicht sogar einmal Superman sein? Mr. Roarke macht es zwei Gästen pro Folge möglich. Jede davon beginnt damit, dass Tattoo das Flugzeug entdeckt („Ze plane! Ze plane!“), von Mr. Roarke ein wenig verspottet wird, bevor der in die Hände klatscht und die willkommnenden Südseemädchen mit „Smiles, everyone, smiles!“ auffordert, die Gäste zu empfangen. Davor kommt eine Titelmelodie, die mich an „Bali Hai“ aus South Pacific erinnert, eine ähnlich mystifizierte Insel.

Typische Folge

Eine typische Folge: (1) Eine kleine Angestellte möchte einmal Firmenchefin sein. Roarke macht sie zur Chefin einer ihm bekannten Firma, weil deren Chef verschollen ist und ihm eine Vollmacht hinterlassen hat. Sie deckt einen Betrug auf, und am Ende taucht der ursprüngliche Chef wieder auf – es war ein Trick. (2) Ein Mann sucht nach Informationen über seinen Vater, vermutlich tot, als Dieb verrufen, aber der Sohn glaubt nicht daran. In einer Gefangenenkolonie wie aus den 1930er Jahren findet er jemanden, der das Schicksal seines Vaters kennt. Am Ende Flucht, Hunde, Treibsand, Erkenntnis.

Fantasy Island wird im Mad Magazine 203 (Dezember 1978) so parodiert: (1) Die schöne Farrah Fawcett Majors will einmal Aschenputtel sein und arbeitet verkleidet als Kellnerin, Dick van Dyke verliebt sich in sie und sie werden ein Paar. (2) Shaun Cassidy möchte Revolverheld werden und spielt Der Mann, der Liberty Valence erschoss nach. Das klingt wie eine echte Episode, aber die hat es so nie gegeben. Aber tatsächlich gibt es meist bekannte Schauspieler als Gaststars, wenn auch eher die der 1960er oder 1950er Jahre – Milton Berle, Bill Bixby, Linda Blair, Sonny Bono, Horst Buchholz, Joseph Cotten, Hans Conreid. Namen, die mir alle etwas sagen.

For whatever we lose (like a you or a me)
it’s always ourselves we find in the sea

(e.e.cummings)

Dieses Konzept der Gaststars ist etwas, das ich sonst nur von Columbo kenne. Könnte es das auch fürs deutsche Fernsehen geben? Gibt es das heute noch? (Eben läuft zufällig eine Folge Grey’s Anatomy mit Tyne Daly in einer Gastrolle – das Gesicht kennt man aus Cagney & Lacey, hier singt sie in Bernsteins On the Town.) Das wäre so, als hätte der Blaue Bock eine Spielfilmhandlung gehabt und alle Gäste spielten Rollen. Geht organisatorisch wohl gar nicht mehr.

Der letze Nachfolger dieser Art Serie war vielleicht Quantum Leap/Zurück in die Vergangenheit (1989-1993, Scott Bakula und Dean Stockwell): Individuelle Episoden statt großer Handlungsbögen, nie ganz geklärte phantastische Elemente, moralisch angemessenes Schicksal aller Beteiligten. Aber Quantum Leap war weniger schräg, weil ausgewiesener phantastisch; dafür mit wesentlich intelligenteren, kritischeren und inklusiveren Plots.

Mr. Roarke und seine Vorläufer

Mr. Roarke kann Wünsche erfüllen. Manche sind im Rahmen dessen, was einem exzentrischen Multimillionär möglich ist. (Die Gäste zahlen wohl auch für diese Dienstleistung, abhänging von ihren Verhältnissen.) Andere Wünsche erfordern Zeitreisen oder andere Unmöglichkeiten, auch kein Problem. Die Gäste akzeptieren das, ohne nachzufragen. Wiederkehrende Rollen gibt es wenige – aber dazu gehören eine Meerjungfrau, die in der Nähe der Insel lebt, und der Teufel höchstpersönlich. Mr. Roarke betont, dass er auf den Nachbarinseln keine Autorität habe; angedeutet wird, dass er unsterblich ist. Mit so etwas kriegt man mich.

Tatsächlich spielt er für die Geschichten keine Rolle; nicht mal die Insel spielt eine Rolle. Fantasy Island ist strukturell einfach eine Anthologie-Serie mit zwei völlig unabhängigen abenteuerlichen, übernatürlichen, romantischen, exotischen, gefährlichen Geschichte pro Episode. Vom Realismusanspruch der Plots her sind sie auf dem Niveau meiner geschätzten Hörspielserien der 1940er und frühen 1950er Jahre: Escape oder Suspense. Die Geschichten können überall auf der Welt spielen; notfalls versetzt Mr. Roarke Zeit und Raum. Roarke ist nur die Klammer, die die Episoden verbindet, so wie The Mysterious Traveler in der gleichnamigen Radioserie. Der hatte allerdings mit den von ihm erzählten Geschichten wirklich gar nichts zu tun. Noch ähnlicher ist er demnach dem Whistler in der wiederum gleichnamigen Radioserie. (Hier habe ich viel zu ihm geschrieben.)

Nur sehr gelegentlich interagiert die Erzählerfigur the Whistler mit der Welt seiner Erzählungen, aber es kommt schon mal vor, dass die Figuten abgelenkt werden von seinen Schritten in der Nacht oder der Melodie, die er pfeift. Oft spricht der Whistler zu seinen Figuren, quasi als Du-Erzähler: “Yes, Roy, you have it all figured out, haven’t you.” Allerdings hört Roy und hören die anderen Figuren ihn nicht. Anders ist das bei Mr. Roarke, mit ihm interagieren seine Gäste – aber nie so, dass das eine Wirkung hätte. Roarke gibt kryptische Hinweise und Ratschläge, aber die werden erst einmal nicht angenommen – für den Ablauf der Handlung spielt er keine Rolle. Er könnte genauso gut nicht gehört werden und für den personifizierten Zufall oder die Ironie des Schicksals stehen. (Manchmal macht er den deus ex machina, aber das könnten auch diese Instanzen übernehmen.)

Though we thought it was a modern, radical idea at the time, Fantasy Island now more clearly resembles the throwback to the Vaudeville Era that it really is.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Nein, nicht Vaudeville, sondern Radio und wohl auch Fernsehen der frühen 1950er Jahre. Obwohl es eine Episode gibt, in der ein alter Varieté-Künstler (Phil Silvers) noch einmal die Vaudeville-Nummer mit dem alten Partner (Phil Harris, großer Fan hier) vorführen will. Ich kenne die Episode nicht, aber sie klingt ein bisschen nach The Sunshine Boys mit George Burns und Walter Matthau (1975). Überhaupt hat sich Fantasy Island wohl immer wieder mal der Plots von älteren Kinofilmen bedient.

Eine Episode, Season 3 Episode 11: The Victim/The Mermaid (1979)

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The Mermaid

Ein Meeresbiologe will eine große Entdeckung machen. Seine Frau begleitet ihn; die Ehe steckt in einer Krise. Er entdeckt die Meerjungfrau Nyah – sehr übertrieben geschminkt, aber bei diesen Sachen kurz vor oder nach 1980 weiß ich nie, ob das komisch geschminkt sein soll oder nicht. “I must tell my colleagues of your existence.” “No, please, no other mortal must know of my existence.” Er verliebt sich in sie; sie will ihn zu sich ins Meer holen, wohl eher nicht mit guten Absichten. Nyah ist eine böse oder zumindest amoralische Meerjungfrau. Sie zieht ihn zu immer längeren Tauchausflügen ins Wasser – nach einem liegen sie beide ermattet am Strand. “That was an incredible experience. Unbelievable. I will never forget it.” Fehlt nur noch die Zigarette.

Währenddessen macht sich die Frau des Biologen Sorgen um die Beziehung. Mr. Roarke zu ihr: “Come now, Mrs deHaven, mermaids aren’t real. How could you have seen your husband with something that doesn’t exist?” Das hätte genauso gut der Whistler ungehört vor sich hin sprechen können. Die Aufgabe: Sie muss um ihn kämpfen und ihn zurückgewinnen, und das gelingt ihr auch. “I promise I will be more understanding.” – Laut imdb ein Remake von Mr. Peabody and the Mermaid (1948).

Interessant noch das kurze Geplänkel zwischen Roarke und Nyah, das Vorgeschichte und mythischen Status andeutet: “You summoned me?” / “We have battled before.” (Nyah wird in einer späteren Folge wiederkehren und selber eine Wunschvorstellung ausleben wollen.)

The Victim

Eine Frau möchte ein Date mit einem Mann, den sie vor vier Jahren kurz kennengelernt hat. Mr Roarke ermöglicht das, warnt sie aber vor ihm und insbesondere davor, die Insel zu verlassen. Es kommt zu einem romantischen Abendesse, komplett mit „Feelings“ als Hintergrundmusik. Aber der Mann mischt ihr eine Droge ins Getränk und sie wacht in einem Harem auf der Nachbarinsel auf. Dort Yvonne de Carlo als Bordellchefin und viele weiße, hochglänzende, Champagner trinkende junge Frauen als Gefangene. “We perform… services, for the men he brings here,” die Frauen bezeichnen sich als “slave hookers”. Bisschen Auspeitschen, wenn man nicht pariert, nicht zu viel; aber selbst für einen 10-Uhr-Fernsehslot 1979 überraschend.

Den Frauen gelingt aus eigener Kraft die Flucht; sie werden von den Übeltätern verfolgt, aber Mr. Roarke steht ihnen bei. Allerdings heißt es: “Wait a minute, Roarke, you have no authority on this island.” Als wären das Urgewalten, jeder als Herrscher über seine eigene Insel. Woher hat Roarke die Entscheidungsgewalt auf seiner Insel? Tatsächlich hat Roarke die Polizei der Nachbarinsel mitgebracht, die sich um alles kümmert. Danach noch homerisches Gelächter der befreiten Sexsklavinnen bei der Aussicht auf Erholung auf Fantasy Island.

Certain aspects of the formula haven’t aged as well.

https://www.dvdtalk.com/reviews/54623/fantasy-island-season-two/

Fortsetzungen

1998er gab es ein Remake mit Malcolm McDowell, nur eine Staffel.

2015 wurden Pläne für ein Remake angekündigt, aus dem aber wohl nichts wurde: Mit einer Frau statt Mr Roarke (okay), aber ohne Insel, sondern in der Großstadt. Strukturell ändert sich nichts, aber der Charme wäre weg: Damit wären wir endgültig bei der Godgames- Firma gewesen aus Chestertons Club of Queer Trades (Blogeintrag) gewesen. Dort wird eine Firma vorgestellt, bei der man Abenteuer bestellen kann.

Ende Februar 2020 soll eine Kinofassung kommen: “A horror adaptation of the popular ’70s TV show about a magical island resort.” Bin schon sehr gespannt, kann aber nur schlecht werden. Es bräuchte Gastauftritte aus der vorherigen Generation und coole Erzählerfiguren. (Michael Peña als Mr. Roarke, der Rest sagt mir nichts.)

Pi-hole in den Ferien, und weiteres

Angeregt durch diesen Blogeintrag und weil ich ohnehin einen gerade ungenutzten Raspberry Pi herumliegen habe, habe ich jetzt endlich auch einmal Pi-hole ausprobiert. Das ist eine Möglichkeit, störende Werbung auszublenden.

(Monitor und Maus/Tastatur sind nur beim Installieren dran, danach brauche ich die ja nicht mehr.)

Also: Wenn ich im Browser einen Adblocker habe, filtert der mir Werbung heraus, mehr oder weniger. Im Handy geht das allerdings schwieriger, und gegen die Werbeanzeigen innerhalb von Apps (wenn man Apps verwendet, die Werbung anzeigen) kann man so gar nichts machen.

Pi-hole geht die Sache anders an. Dazu muss man wissen, was der DNS (Doman Name Service) ist. Das ist ein Dienst, der dafür sorgt, dass ich in die Adresszeile „https://facebook.com“ eingeben kann und dann tatsächlich auch bei der Adresse „157.240.8.35“ lande, was die tatsächliche Adresse von Facebook ist. Dazu ist bei meinem Router die Adresse eines DNS angegeben, natürlich in Form einer IP-Adresse, weil ich die sonst ja nicht finden würde. Wenn ich „facebook.com“ abschicke, geht das erst an den DNS, der packt die richtige Nummer dazu, so dass die Anfrage auch wirklich an 157.240.8.35 geht.

(Welcher DNS in meinem Router eingestellt ist, hängt wohl von meinem Internetprovider ab und was mir der gesagt hat. Ich kann auch einstellen, dass ich automatisch den DNS verwende, denn der Provider vorschlägt. Dann sehe ich die tatsächliche DNS-Adresse vielleicht nicht.)

Das ist eine sehr wichtige Aufgabe. Wenn der DNS manipuliert ist oder betrügt, kann ich brav oben „facebook.com“ oben eingeben und lande dann doch bei einer anderen Adresse – die möglicherweise genau so aussieht und meine Passwortdaten haben möchte.

Mein Raspberry Pi mit dem darauf laufenden Pi-hole-Programm ist erst einmal nur ein weiterer Rechner in meinem Heimnetz. Allerdings habe ich bei meinem Router die IP-Adresse dieses kleinen Pi als DNS angegeben. (Und bei der Installation von Pi-hole auf dem Raspberry Pi habe ich dort einen anderen DNS, sicheren, zuverlässigen angegeben.) Jede Anfrage aus meinem Heimnetz geht an den Router, und jede Routeranfrage läuft über den Pi, und der Pi blockiert mithilfe einer Liste alle Anfragen, die an eine Werbe-Adresse geschickt werden. Werbung kommt nämlich meist von einer dafür spezialisierten und bekannten Adresse.

Das funktioniert auch tatsächlich recht gut. Es war aber gar nicht so leicht, das zu überprüfen: Mein Adblocker filtert tatsächlich schon viel an Werbung heraus, so dass ich mit meinem Standardbrowser gar keinen Unterschied merke. Bei meinem Handy allerdings, der so etwas gar nicht hatte, fehlt jetzt tatsächlich weitgehend die Werbung. (Auch das habe ich nicht gleich festgestellt, weil ich es so gewohnt bin, sie auszublenden.)

Ich merke keinen Unterschied bei der Geschwindigkeit. Allerdings musst ich manuell die vgwort.de auf die Whitelist setzen: Die Seite stand auf der Standard-Sperrliste und war somit im Browser nicht mehr erreichbar. Ansonsten bin ich noch auf keine Seite gestoßen, die nicht ansprechbar gewesen wäre.

Technisch: Ich habe mir eine neue SD-Karte gekauft, mit NOOBS das Raspbian-Betriebssystem aufgespielt, und die Pi-hole-Software installiert und konfiguriert. Dann den Router umgestellt, dauert alles nicht lange. Das schlimmste, was passieren kann: Der Pi fällt aus, dann muss ich auf dem Router wieder eine herkömmliche IP-Adresse eintragen.

Fazit: Lobenswerte Idee, aber ich merke den Unterschied nicht so recht, weil ich auf dem Handy im Heimnetz nicht viel im Web bin und kaum Apps nutze mit Werbung drin.

Ansonsten: Beim Orthopäden gewesen, bei Physiotherapie gewesen. (Halswirbelsäule/Schulter, wie jedes Jahr um diese Zeit), Zahnarzttermin ausgemacht; Frühstücken gewesen, wandern gewesen; Blumen gegossen bei Nachbarn (und mit Frau Rau eine verirrte Amsel aus deren Wohnzimmer befreit), gekocht, gelesen, Filme aufgeschaut, programmiert. Podcast aufgenommen, Kleidung aussortiert (aber noch nicht weggebracht), neuen Yukata gekauft. Ferien halt.

Weisheiten aus der Bildungsszene

Teaching creative computer science: Simon Peyton Jones at TEDxExeter (Youtube):

  1. Die Aufgabe von Bildung hat nur indirekt mit Jobs zu tun. Aber gut, vielleicht ist Education auch nicht Bildung.
  2. Die Probleme der Menschheit sind seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten bekannt: Klimakatastrophe, Armut, Ungerechtigkeit.
  3. Richard Riley, amerikanischer Bildungsminister: Na und?
  4. Er hat es ja auch gar nicht so gesagt. Das Zitat wird meist in anderer, ähnlicher Form verbreitet, die aber wohl auch nicht korrekt ist. (Wer die Spuren verfolgen möchte, kann hier anfangen.)

Und dann war noch der Pädagoge auf Twitter, der mir das hier schickte, als wäre es originell:

Tatsächlich mag ich diesen Cartoon. Er erinnert mich daran, dass die Schule nicht fair ist, dass die Noten nicht fair sind, und das sollten Lehrer und Lehrerinnen nicht vergessen. Nur: Was soll man machen? Auf Noten verzichten oder Leistungsforschritt oder Anstrengungsbereitschaft benoten statt Leistung? Kann man machen, am Anfang. Aber irgendwann werden Leute wissen wollen: Na, wie gut kann sie denn jetzt Bäume erklettern? Irgendwann wird es Noten geben. – Oder soll man Klettern war nicht üben, weil das nicht alle gleich gut können?

Weitere Beiträge aus dieser Reihe:

Der Seam-Carving-Algorithmus

Via Twitter auf diese Anregung gestoßen, von dort zu dieser ausführlichen und sehr hilfreichen Princeton-Programmieraufgabe geleitet worden, und am Ende einfach Wikipedia dazu gelesen, wo man das schön interaktiv ausprobieren kann. Natürlich zum Lernen gleich nachprogrammiert und Blogpost daraus gemacht, damit es sich lohnt und ich es wirklich verstehe. Aber man kann statt dessen auch einfach Wikipedia lesen, da steht das auch alles.

Es geht um einen gar nicht mal so alten Algorithmus zur Bildbearbeitung. Nehmen wir mal dieses Bild, das wir bearbeiten wollen:

Da sieht man sechs Tiere, das Bild ist 700 Pixel breit, und wenn man nur 350 Pixel Platz hat für ein Bild, dann kann man es entweder verkleinern (alles wird klein), zuschneiden (aber dann fehlen Tierteile) oder zusammenquetschen (aber dann sieht alles so schmal aus). Eigentlich möchte man vielleicht, dass die Tiere einfach näher bei einander wären, mit weniger Grün dazwischen, davon gibt es eh genug.

Und das kann der Seam-Carving-Algorithmus. Aus jeder Zeile des Bildes soll erst einmal ein Pixel verschwinden, dann ist das Bild einen Pixel schmaler. Dabei wird zuerst für jeden Pixel bestimmt, wie wichtig er ist. (Zu den Details später.) Die Wichtigkeit der Pixel sieht man hier:

Wenn man in jeder Zeile den unwichtigsten Pixel entfernt, und das alles 350 mal wiederholt, kommt leider nicht ganz das heraus, was man möchte:

Man sieht, dass die Bildpixel, die zu den wichtigen Elementen gehören (den Tieren), noch alle vorhanden sind und demnach aus jeder Zeile viele – nämlich 350 – zumeist grüne, also tatsächlich eher unwichtige Pixel verschwunden sind. Aber das Bild ist verzerrt – aus der ersten Zeile sind vielleicht Pixel aus der linken Hälfte verschwunden, danach welche aus der rechten, dann immer wieder abwechselnd. Hier sind die unwichtigsten Pixel des ersten Durchgangs rosa markiert:

Man sieht, eher sprunghaft. (Dass sie im mittleren Bereich halbwegs zusammenhängen, ist Zufall und passt für mein Beispiel gar nicht so.)

Abhilfe schafft das seam carving. Seam heißt hier so viel wie Ader, und zwar die aus dem Bergbau. Man beginnt mit dem unwichtigsten Pixel in der ersten Zeile und bahnt sich von diesem aus einen Weg nach unten, wobei man immer nur die Wahl hat zwischen dem Pixel unmittelbar darunter oder dem links oder rechts davon. Das macht man so, dass man ganz unten den minimalen aller möglichen derartigen Wege hat. (Wie man das macht: später.) Dann kriegt man beim ersten Durchgang diese Ader ganz rechts im Bild:

Wenn man alles rechts der rosa Linie einen Pixel nach links verschiebt, fällt das sehr viel weniger auf, als wenn man das bei den versprengten rosa Punkten oben machen würde. Wiederholt man das 350 mal, kommt folgendes Bild heraus:

Die Proportionen der Tiere sind größtenteils erhalten, obwohl das Bild nur halb so breit ist. Nur die Kuh rechts unten ist schmaler, aber nicht am Kopf, so dass es wenig auffällt.

Ähnlich lässt sich diese Schafherde zusammentreiben:

Halb so breit:

Ich musste ein bisschen suchen, bis ich geeignete Bilder zum Demonstrieren fand. Sinnvoll ist das, wenn mindestens am rechten und am linken Bildrand Objekte sind, die sich vom Rest abheben, die also beim Ergebnis dabei sein sollen, und wenn dazwischen neben eventuellen anderen Objekten viel gleichartige Fläche ist – Himmel, Wasser, Wiese. Oft ist der Algorithmus weniger erfolgreich. Hier ein Original:

Und die wieder um 50% verschmälerte Fassung, was zugegeben schon auch recht viel ist. Die Proportionen sind weitgehend okay, aber es fehlen schlicht Stellen:

Natürlich gibt es noch Möglichkeiten, den Algorithmus schneller oder besser zu machen, aber mir reicht das erst einmal.

Technische Details

Drei Probleme habe ich oben allenfalls angedeutet: 1. Wie findet man heraus, welcher Pixel wichtig ist und welcher nicht? 2. Wie findet man so einen seam, einen relativ unwichtigen vertikalen Pfad? Und: 3. Wie entferne ich diesen Pfad aus dem Bild? Das erste Problem ist das interessante, und die anderen beiden sind programmiertechnisch fisseliger, als ich erwartet hatte.

1. Energie/Wichtigkeit eines Pixels

Gespeichert habe ich die Energien in einem eindimensionalen int-Array der Länge Bildgröße*Bildbreite. Wahrscheinlich gibt es mehrere Möglichkeiten, die Energie eines Pixels (heißt in der Anleitung, die ich verwendet habe, so, energy) zu berechnen. Die oben verlinkte Anleitung macht das so:

  1. Berechne die Rot-Differenz zwischen dem linken und dem rechten Nachbarpixel des Pixels, dessen Energie bestimmt werden soll.
    In Java bestimmt man die rgb-Anteile eines Pixels (x,y) des BufferedImage image so:
    int r1 = new Color(image.getRGB(x,y)).getRed();
    int g1 = new Color(image.getRGB(x,y)).getGreen();
    int b1 = new Color(image.getRGB(x,y)).getBlue();
    Natürlich ist es umständlich, aus dem mit getRGB erhaltenen int-Wert erst wieder eine Farbe machen zu müssen, um sich daraus dann wieder mit getRed() den Rotwert geben zu lassen. Das geht mit Bitmanipulation schneller, aber das haben wir in der Schule noch nicht.
  2. Quadriere diesen Rot-Unterschied.
  3. Mache das gleiche für die Unterschiede bei den Grün- und Blau-Anteilen.
  4. Wiederhole das alles für die Unterschiede zwischen den Pixeln über und unter dem Pixel, dessen Energie bestimmt werden soll.
  5. Addiere diese sechs Quadrate. Das ist die Energie!
  6. Randpixel: Die linke Spalte hat die rechte als linken Nachbarn, die oberste Zeile hat die unterste als oberen Nachbarn, und jeweils umgekehrt. Alle Pixel haben also zwei horizontale und zwei vertikale Nachbarn.

2. Finden eines minimalen Pfades

Auch dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten, die aber natürlich alle zum selben Ergebnis führen. Ich habe das, der Anleitung folgend, so gemacht. Gespeichert wird der (vertikale) Pfad in einem eindimensionalen int-Array der Länge Bildhöhe.

Erster Teil, Anpassung der Energiewerte:

  1. Ändere nichts an den Energiewerten der Pixel in der ersten Zeile.
  2. Betrachte für jeden Pixel der Zeile darunter die zwei bis drei oberen Nachbarn (Randpixel haben hier nur zwei obere Nachbarn). Addiere den kleinsten der zwei oder drei Energiewerte zum eigenen Energiewert.
  3. Wiederhole das für alle Zeilen einschließlich der letzten.

Zweiter Teil, Speichern des Pfades:

  1. Suche in der untersten Zeile den niedrigsten Energiewert. Das ist das letzte Element des Pfades.
  2. Suche in den zwei bis drei oberen Nachbarn den mit dem niedrigsten Energiewert. Der ist dann das vorletzte Element des Pfades.
  3. Wiederhole das mit allen Zeilen, von unten nach oben immer das Element mit dem niedrigsten Energiewert auswählen und da weitermachen.

3. Entfernen eines Pfades

  1. Erzeuge ein neues leeres Bild, um 1 Pixel schmäler als das vorhergehende.
  2. Gehe das Originalbild zeilenweise durch.
  3. Kopiere jeweils alle Pixel links des Pfades vom alten in das neue Bild.
  4. Verschiebe alle Pixel rechts des Pfades im alten Bild um 1 nach links im neuen Bild.

Das wird vielleicht etwas klarer bei der Java-Implementierung.

Java-Umsetzung

Attribute und einfache Methoden der Klasse SeamCarver:

import java.awt.image.BufferedImage;
import java.awt.Color;
 
public class SeamCarver {
  BufferedImage image;
  int [] energy;
  int [] seam;
  int width;
  int height;
 
  public SeamCarver(BufferedImage img){ setImage(img);}               
  public SeamCarver(){}               
  public void setImage(BufferedImage img) { 
    image = img; 
    width=image.getWidth();
    height=image.getHeight();
  }
  public BufferedImage getImage() { return image; }
}

Höhe und Breite des Bildes brauche ich so oft, dass ich sie als Attribute speichere. Die Energie könnte ich auch in einem zweidimensionalen Array speichern, aber erstens habe ich das Projekt mit Processing angefangen, wo die Bildpixel als eindimensionales Array bearbeitet werden und ein entsprechendes Energy-Feld nahe liegt; außerdem weiß ich nicht, ob sich meine Schüler und Schülerinnen mit zweidimensionalen Arrays zu schwer tun, und drittens sind die Arrays in Java ja gar nicht wirklich zweidimensional.

Die von außen hauptsächlich aufzurufende Methode ist die hier:

public void carveVertical(int number) {
  for (int i=0; i<number; i++) {
    setEnergy();
    findVerticalSeam();
    removeVerticalSeam();
  }
}

Dann kann man sich mit getImage() das neue Bild geben lassen. Die kniffligen Methoden sind die hier:

void setEnergy(); //ruft fuer alle Pixel die beiden calculateEnergy-Methoden auf und fuellt das energy-Array
void findVerticalSeam(); //fuellt das seam-Array von hinten nach vorn mit den x-Positionen der entsprechenden Pixel
void removeVerticalSeam(); //ersetzt das alte Bild durch ein neues, schmaeleres
int calculateEnergyStart(int x, int y); //berechnet den Energiewert anhand der Differenzen der vier Nachbarpixel 
int calculateEnergyChanged(int x, int y); //aendert den Energiewert anhand der zwei oder drei oberen Nachbarpixel

Dazu kommen noch folgende Hilfsmethoden:

void paintVerticalSeam(); //malt einen rosa Strich, wo der seam ist 
BufferedImage getEnergyImage(); //erzeugt ein neues Bild mit Grauwerten, der Energie an dieser Position entsprechend
int energyToColor(int energyValue); //Hilfsmethode, um Energiewert in einen Grauton umzuwandeln
void printSeam(); //zum Debuggen und Testen
void printEnergy(); //zum Debuggen und Testen

Sehr lustig finde ich dabei, wie ich mich anstelle, wenn es gilt, Funktionen herausfinden. Das Hinundherrechnen mit dem eindimensionalen Energie-Array und der zweidimensionales Ansprache des Bildes ist ein wenig umständlich.

Was man noch machen könnte

Methoden, um horizontale Pfade geringster Energie zu finden und zu entfernen. Methoden, um vertikale oder horizontale Pfade einzufügen, um das Bild dezent zu vergrößern.

Kann ich das mal mit Schülern und Schülerinnen machen? Ich schwanke immer: Wenn ich zu viel vorgebe, wird die Arbeit zu kleinschrittig und man interessiert sich nicht mehr für den Zusammenhang; aber vorgeben muss ich viel. Vielleicht arbeitsteilig die Methoden machen lassen? Dazu ordentliche Testklassen mitgeben.

Käsekästchen, Autorennen, Panzerschlacht: Spiele auf kariertem Papier

Schiffe versenken habe ich in der Schule so gut wie nie gespielt. Zu groß war wohl der Aufwand mit den getrennten Zetteln für zwei Spieler, außerdem hatten wir das zu Hause groß aus Plastik von MB.

Was wir gespielt haben, war natürlich Käsekästchen. Das gibt es heute wohl auch noch: Auf Karopapier und in einem rechteckigen, durch Linien begrenzten Spielfeld; jeder Spieler macht der Reihe nach einen senkrechten oder waagrechten Strich von einer Kästchenlänge, und wenn man dadurch ein Kästchen auf allen vier Seiten umschließt, zählt das als Punkt für einen und man darf gleich noch einen Strich machen. (Das führt oft zu kaskadierenden Zügen.)

Gar nicht mehr gesehen habe ich in den letzten zwanzig Jahren Autorennen. Man zeichnet eine Fahrstrecke auf kariertes Papier; jeder Spieler fährt abwechselnd mit seinem Auto, darf dabei aber nicht aus der Bahn kommen. (Sonst… muss man einmal aussetzen?)

Man fährt pro Zug je nach aktueller Geschwindigkeit zwischen 1 und 5 Kästchen, immer geradeaus, und kann vor allem die Geschwindigkeit pro Zug immer nur um 1 erhöhen oder verringern. Wenn man sich da vertut, wird man schnell aus der Kurve getragen.

Ein anderes Spiel hieß Panzer, glaube ich, vielleicht auch Panzerschlacht? Ich weiß nicht mehr, wie man die Panzer gezeichnet oder platziert hat. Man schoss jedenfalls abwechselnd, indem man einen Bleistift senkrecht auf einem eigenen Panzer platzierte und mit einer Hand oben festhielt, und danach mit den Fingern der anderen (meist: rechten) Hand die Bleistiftspitze derart anschnipste, dass sie eine – nicht ganz leicht vorhersehbare – Spur hinter sich auf dem Papier zog. Erreichte so ein Strich einen gegnerischen Panzer, war der zerstört.

Nach dem gleichen Prinzip konnte man auch Autorennen spielen, aber die Variante oben war populärer. Man schnippste mit dem Bleistift von der jeweils letzten Fahrzeugposition weiter, durfte aber nicht die Fahrbahngrenzen verlassen.

Ansonsten gab es noch eine Phase, in der wir Labyrinthe zeichneten, elaborierte, auf Karopapier, DIN A 5, dann A4, teilweise auch A3 mit aneinander geklebten Blättern. Schade, dass ich die nicht mehr habe.

– Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schüler oder Schüler an meiner Schule diese Spiele heimlich im Unterricht spielen. Zu sehr wird da aufgepasst. War das bei uns auch nur Zeitvertreib in den Vertretungsstunden? Sicher kann ich mich nur an heimliches Lesen, Zeichnen und Hausaufgabenmachen erinnern; später in der Oberstufe kam Stricken dazu, das aber ganz öffentlich und geduldet. In unseren modernen Zeiten nicht vorstellbar.

Nachrufe

Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Rutger Hauer ( † Juli 2019) als Roy Batty in Blade Runner

Ich habe diese Zeilen zum ersten Mal 1982 gehört; ob sie mir da sofort aufgefallen sind oder erst ein Jahr später, das weiß ich nicht mehr. SIe leuchteten mir sofort ein und führten dazu, dass ich als Teenager über Sterblichkeit nachdachte, vermutlich zum ersten Mal ernsthaft.

Batty trauert nicht um sich, sondern um all das, was mit ihm sterben wird: Seine Empfindungen, seine Erinnerungen, das Schöne und Aufregende und Überwältigende, das er gesehen hat. Jeder Mensch ist eine eigene Welt, die mit ihm stirbt.

Hinterfragt habe ich die Zeilen erst jetzt. Dieser fast solipsistische Ansatz gefiel mir als Teenager, und dass ich weniger wichtig bin als meine Erinnerungen, das passte zu meinem Selbstbild. Aber den Menschen um dich herum ist es völlig egal, ob du C-Beams gesehen hast oder nicht, ob du vor der Schulter des Orion warst oder nicht oder dir das nur eingebildet hast.

Ach. Sophie, ich vermisse dich. Dreimal habe ich dich getroffen; du warst auf unserem Fest, hast das Geschenk besorgt; du warst klug und lieb, und wohl krank. Und jetzt bist du tot und wir hätten vielleicht mehr tun müssen.

Schuljahresende 2019 und Malteserfalken

„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – ja, aber manchem Ende auch. Heute war Schuljahresende, das dienstlich und privat mehr gefeiert wird als Ferienanfang, glaube ich. In den ersten sechs oder sieben Jahren meines Lehrerseins brauchte ich immer ein paar Tage, um mich an die Ferien zu gewöhnen. Ich glaube, dieses Jahr habe ich einfach schon in der vorletzten Woche angefangen, mich in die Ferien zu verabschieden, also gedanklich und emotional.

Die letzten zehn Tage und mehr findet ja eh nur eine Art Schule spielen statt. Wandertag, die sogenannten Projekttage, Konferenzen mit effizienzorientierten (quasi automatisierten) Abstimmungen. Da wird nicht viel gedankliche Anwesenheit von mir gefordert. Zugegeben: Ich könnte mit gedanklicher Anwesenheit dafür sorgen, dass etwa die Projekttage besser wären. Aber schon zu meiner Schulzeit waren diese SMV-Tage anarchische Phasen ohne ordentliche Aufsicht und ohne nachvollziehbares Programm; diese Erfahrung will ich den Schülern und Schülerinnen nicht nehmen.

– Dieses Jahr wieder ausgezählt, wieviel Unterricht ich tatsächlich gehalten habe und wieviel Prozent durch schulinterne Aktionen ausgefallen ist (zwischen 5,7% und 21% je nach Klasse; Nachmittagsunterricht ist immer ein Problem, aber das hört im G9 ja auf). Bevor ich das der Schulleitung noch einmal explizit mitteile warte ich sicherheitshalber, bis mir die nächste Fortbildung genehmigt ist. Ich gehe nämlich auf drei Fortbildungen pro Jahr; die machen aber nur einen kleinen Teil der ausfallenden Stunden aus. Krank bin ich eh nie.

– Frustrierend die sich abzeichnende Zukunft von Bring Your Own Device der Schule. Was man von Sachaufwandsträger und Kultusministerium hört, sieht das so aus, als werden Schüler und Schülerinnen zumindest im nächsten Jahrzehnt nie mit eigenen Handys oder Tablets ins Internet dürfen. Keine Moodle-App, keine Süddeutsche-Zeitung-App. Nicht mal freiwillig. Ich glaube ja immer noch, dass das der Einfluss der Hardwarelobby ist. (Datenschutz, Sicherheitsbedenken.)

– Rein technisch bietet das bayrische Mebis-Moodle ja schon eine Art datenschutzsichere Schulcloud. Alle Schüler und Schülerinnen haben 1 GB Speicherplatz, es müsste doch auch zu machen sein, dass sie Daten kursweise freigeben können. So oder so ist das aber nicht einsetzbar, da die Interfaces dazu – die Webseite und die Moodle-App – zu umständlich dazu sind. das müsste doch einfach per Kommandozeile gehen, und dann halt mit ordentlicher grafischer Oberfläche dazu. Das KuMi schreibt auch regelmäßig Stellen zur technischen Weiterentwicklung aus, am End wissen die noch, was geboten ist.

– Da Frau Rau drei Wochen auf Reha war, habe ich an langen, einsamen Abenden einige der Filme nachgeholt, zu denen ich sonst nicht komme. Unter anderem die ersten zwei Verfilmungen von Dashiell Hammetts The Maltese Falcon:

The Maltese Falcon (1931). Gar nicht schlecht, gar nicht schlecht. Ich mag das Buch sehr gerne, und die Verfilmung von 1941 ist zu Recht ein Klassiker. (Sydney Greenstreet in seiner ersten Filmrolle!) Die Fassung von 1931 dagegen kennt kaum jemand, dabei ist um Längen besser als die von 1936 (Satan Met A Lady) – eine freiere Fassung mit Bette Davis und Screwball-Elementen: Mit dem Stetson-Hut und dem weiten Mantel sieht da das Spade-Äquivalent („Shane“) den Großteil des Films über wie ein Schäfer aus. Es geht auch nicht um einen Falken, sondern ein Horn mit ähnlich historischer Vorgeschichte, und statt Casper Gutman gibt es eien sehr interessante Madame Barabbas (Alison Skipworth, viermalige Filmpartnerin von W.C. Fields). Alle drei Filme zeigen mehrfach Zeitungsseiten zur Informationsvermittlung, aber nur 1936 hat – in ähnlichem Stil – eine Art Poster außerhalb der Filmhandlung, das die gegenwärtige Situation zusammenfasst: „Who Will Be Next -„, gefolgt von Fotos der Schurken.

Die Fassung von 1931 sieht weit mehr als zehn Jahre älter aus als die von 1936. Die Kleidung ist älter. Die Möbel. Alte Telefone, und auf der Post schreibt man noch mit Feder und Tintenfass seine Adresse auf. Und weil der Film entstand, bevor der Selbstzensur-Code Hollywoods („Hays Code“, „Motion Picture Production Code“) umgesetzt wurde, gibt es anzügliche Stellen – halbnackte Frauen, deutlichere Anspielungen auf Homosexualität. Die Schauspieler sind nicht so gut, die Handlung zieht sich, die Gesichter sind manchmal fast noch stummfilmhaft. Aber Ricardo Cortez, der den Sam Spade spielt, hat ein sehr unsympathisches Lachen, und das passt gut zum Buch; und eine Gefängnis-Coda am Ende illustriert das Verhältnis zwischen Spade und Brigid O’Shaughnessy sehr schön.

– Damit ist der gleiche Roman 1931, 1936 und 1941 verfilmt worden, und damals hat wohl auch keiner gemeckert und ich finde das voll in Ordnung. Auch Romane sollte man in verschiedenen Versionen haben, finde ich, aber da kenne ich nur die Fantasy-Fassung von Der Richter und sein Henker, ein paar Gottfried-Keller-Reminiszenzen bei Walter Moers und Übersetzungen wie der Simplicissimus in modernem Deutsch.