Apfel oder Banane?

Ich mag an den USA, dass das Land so viele Möglichkeiten bietet, so vielfältig ist, so vieles zulässt. Blödsinn natürlich auch, etwa die Debatte Creationism vs. Evolution.

Hier geht es zumindest auf oberster Ebene darum, wie der Mensch entstanden ist. Es gibt dazu vor allem zwei wichtige Ansätze:

Evolution (Modell Banane):
Das ist der Ansatz, nach dem das Leben auf der Erde evolutionär entstanden ist. Das heißt, dass sich Tierarten durch Mutation aus anderen Tierarten entwickelt haben; dass die Auslese durch die Natur dazu geführt hat, dass manche Tierarten aussterben und andere nicht; und dass all das letztlich auch für die Entwicklung des Menschen gilt. Meist wird Charles Darwin als prominentester Vertreter genannt. Der vereinfachende Vorwurf lautet oft, der Mensch stamme vom Affen ab. Daher die Banane.
Das ist der richtige Ansatz. Über verschiedene Punkte sind sich die Wissenschaftler uneins, zum Beispiel darüber, wie sprunghaft sich Arten evolutionär verändern. Trotzdem gibt es keine ernst zu nehmenden Wissenschaftler, die daran zweifeln.

Creationism (Modell Apfel):
Laut diesem Ansatz hat (der christliche) Gott die Tierarten und den Menschen geschaffen, so wie sie sind. Es findet keine Entwicklung der Arten statt; manchmal, aber nicht immer, schließt das den Glauben mit ein, dass die Erde nur 10.000 Jahre alt ist und dass Fossilien von Gott als Fossilien geschaffen wurden.
Dieser Ansatz ist Unfug. Manche Fundamentalisten fühlen sich dabei auf die Zehen getreten, aber das ist so. Zahlen schwanken, aber ein Drittel bis die Hälfte der Bürger der USA halten ihn für den wahrscheinlichsten:


(Quelle)

Eben weil dieser Ansatz kaum zu halten ist, gibt es eine Variante davon, die so tut, als wäre sie etwas anderes: Intelligent Design. Dabei wird das Wort „Gott“ nicht genannt, die Erde darf so alt sein wie sie will und die Tierarten haben sich aus einander entwickelt. Nur: Das geschieht nicht durch natürliche Auslese, sondern durch ein Direkt Eingreifendes Höheres Nicht Weiter Definiertes Wesen. (Das Wort „Gott“, wie gesagt, wird vermieden.) Ohne ein solches unmittelbares Eingreifen sei die Entwicklung der Arten oder gar des Menschen nicht denkbar. — Und das ist auch wieder Blödsinn, excuse my French. Gründe dafür folgen weiter unten.

Im öffentlich Leben zeigt sich diese Kontroverse zum Beispiel in folgenden Fällen:

  • IMAX-Kinos zeigen in verschiedenen Südstaaten-Städten einen Film über Vulkanismus nicht, in dem unter anderem Evolution angesprochen wird. Die Kinos befürchten Widerstand von fundamentalistischen Christen im Süden.
  • 19 US-Staaten arbeiten an Gesetzgebung, die die Rolle von Evolution im Schulunterricht unterminieren soll. Vorbild ist Präsident Bush, der öffentlich behauptet: „On the issue of evolution, the verdict is still out on how God created the Earth“. Wie borniert, wie anti-wissenschaftlich, wie sehr andere Religionen ausschließend ist dieser Satz! Die Gesetzgebung soll letztlich ermöglichen, dass die wissenschaftliche Theorie der Evolution gleichwertig neben religiösen Lehren gelehrt werden soll, und will bewusst den Unterschied zwischen Religion und Wissenschaft verschleiern:

    „If students only have one thing to consider, one option, that’s really more brainwashing,“ said Duckett, who sent her children to Christian schools because of her frustration. Students should be exposed to the Big Bang, evolution, intelligent design „and, beyond that, any other belief that a kid in class has. It should all be okay.“

    — Was ist das für Unfug? Intelligent Design soll gleichwertig neben Evolution gelehrt werden, und gleichwertig zu jedem anderen Glauben, den irgendein Kind in der Klasse hat? Dass wir von Außeriridischen abstammen, dass uns der Storch gebracht hat? Alles gleichwertig, und der mündige Schüler entscheidet dann?

  • Zumindest in Minnesota, New Mexico, Ohio und Georgia gab es Elterninitiativen, die verlangten, dass auf wissenschaftliche Bücher in der Schulbibliothek, die Evolution behandelten, folgender Aufkleber angebracht wurde:

    Der Aufkleber geht falsch mit dem Begriff „Theorie“ um, als sei eine Theorie nicht glaubwürdig. Hier gibt es eine Reihe von parodierenden Alternativ-Aufklebern, die Schülern an solchen Schulen zur klammheimlichen Anbringung anempfohlen werden; ein paar Beispiele:

    Bislang haben die Gerichte allerdings diesen Elterninitiativen nachträglich immer noch widersprochen.

Was habe ich eigentlich gegen Creationism beziehungsweise das Deckmäntelchen vom Intelligent Design?
Gegen diese Theorie spricht: Dass das Eingreifen eines solchen Designers nicht nötig ist. Dass sich auch ohne dieses kontinuierliche Eingreifen unsere wunderbare Welt so entwickeln konnte. Damit ist keinesfalls bewiesen, dass es dieses ständige Eingreifen nicht gibt, nur dass es unnötig ist, davon auszugehen. (Occams Rasiermesser: Bei Theorien soll man auf verzichtbare Elemente verzichten.) Beweisbar oder widerlegbar ist solches Eingreifen nicht, und damit ist es kein geeigneter Ansatz für wissenschaftliches Denken, sondern eben Glaubenssache. Glauben darf man daran durchaus, genauso wie man an den ursprünglichen Creationism glauben darf; nur soll man nicht so tun, als wäre das ein wissenschaftlicher Ansatz.
Für die Theorie des Intelligent Design spricht: Nichts. Natürlich sehen das Anhänger von Intelligent Design anders, und sie unterstützen ihre Sicht mit folgenden Argumenten:

  • Die Berufung auf Autoritäten. Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass auch viele Wissenschaftler die Theorie vom Intelligent Design unterstützen, und dass es wissenschaftliche Institute gibt (wie dieses hanebüchene), die sich damit beschäftigen. Hier wird fälschlich davon ausgegangen, dass jeder mit einem Diplom oder auch Doktorgrad ein Wissenschaftler ist. Anhänger des Intelligent Design werden mir das „fälschlich“ nicht durchgehen lassen und meine Definition von Wissenschaftlichkeit als zu eng empfinden. Ist wissenschaftlich, wer einen akademischen Abschluss hat? Ich denke, nein. Wissenschaftlich ist für mich, wer wissenschaftlich denkt und arbeitet, also falsifizierbare Hypothesen aufstellt und diese an gemessenen Daten überprüft.
    Trotzdem gibt es Listen von Akademikern, die an Intelligent Design glauben, etwa die „Dissent from Darwin„-Liste mit über 300 Wissenschaftlern. Ein Gegenstück dazu ist die Steve List: Eine Liste aller Wissenschaftler, die Intelligent Design für Humbug halten, und „Steve“ mit Vornamen heißen, mit bislang 513 Unterzeichnern. Nur um die andere Liste ein bisschen zu relativieren :-)
  • Die Behauptung, Evolution sei nur eine Theorie. Hier wird mit dem Begriff „Theorie“ Schindluder getrieben. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist eine Theorie etwas Wackeliges, Unsicheres, an der Praxis nicht Erprobtes oder Scheiterndes. Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch ist eine Theorie das sicherste und stabilste, was es gibt. „Wahrer“ und anerkannter als eine Theorie geht es nicht. Schwerkraft, Relativität, das sind alles nur Theorien. Ja und?
  • „Wissenschaftler sind sich uneins über die Evolutionslehre.“ Schon. Über Details. Aber doch nicht über das Prinzip!
  • „So etwas Komplexes wie das menschliche Auge kann sich nicht nach und nach evolutionär entwickeln, sondern nur auf einmal als ganzes. Ein halbes Auge ist unbrauchbar.“ Unfug. Das Auge hat sich unabhängig von einander 30 mal bei verschiedenen Tierarten entwickelt. Ein Proto-Auge, das das noch so wenig erkennen lässt, ist besser als gar keines. Selbst Bakterien können im Helligkeit von Dunkelheit unterscheiden. Eine ausführlichere Diskussion zum Beispiel in diesen Seiten aus dem Scientific American.
  • Mein Favorit: Unsere Welt und der menschliche Körper ist zu komplex, als dass er ohne lenkenden Eingriff entstanden sein könnte. Gegenfrage: Wie einfach muss ein Universum denn gestrickt sein, damit ein Anhänger des Intelligent Design keinen Designer postulieren muss? Da erkennt man schnell, dass es keinen denkbaren Kosmos gibt, der diesem Kriterium genügt. Also ist das Argument ein Scheinargument.

Zur Lektüre empfohlen:

  • Der oben schon mal genannte Artikel aus dem Scientific American.
  • The Blind Watchmaker von Richard Dawkins, auf deutsch leider gerade vergriffen.
  • Charles Darwin, Origin of Species (auch auf deutsch). Ein geniales Buch, ich hab’s allerdings auf Englisch gelesen und weiß nicht, wie leicht oder schwer die Übersetzung ist. Darwin geht sehr langsam Schritt für Schritt vor, entwirft seine Theorie sehr anschaulich, nennt selber unklare Punkte und Gegenargumente und versucht sie mit seiner Theorie zu erklären. Darwins Leistung ist dabei weniger die Erkenntnis, dass sich die Tierarten aus einander entwickelt haben. Das war zu seiner Zeit in wissenschaftlichen Kreisen gar nicht mehr so strittig. Aber zu erkennen wie das geschieht, nämlich durch natürliche Auslese, das ist Darwins Verdienst. Er beginnt mit menschlicher Auslese bei der Taubenzüchtung und zeigt, was diese hervorzubringen vermag. Und erklärt, wie natürliche Auslese noch viel mehr vermag. — Das einzige, was ihm noch zur Lösung des Rätsels fehlt, ist die Erklärung, wie Eltern ihre Eigenschaften mehr oder weniger unverändert an ihre Kinder weitergeben. Er weiß jedenfalls, dass das mit der Geburt geschieht (und nicht wie bei Lamarck durch Umwelteinflüsse während des Lebens). Aber von Genen weiß er halt noch nichts.

Zuletzt: Es stimmt nicht, dass sich Evolution und Glaube an Gott widersprechen. Je mehr man wissenschaftlich über das Leben und das Universum weiß, desto wundersamer erscheint es einem.

Lake Wobegon

„That’s the news from Lake Wobegon, Minnesota, where all the women are strong and all the men are good looking and all the children are above average.“

So endet jede Geschichte aus Lake Wobegon, der Kleinstadt in Minnesota, am Mikrophon erzählt von Garrison Keillor.
Seit 1974, mit einem oder zwei Jahren Pause Ende der 80er Jahre, gibt es jede Woche im öffentlichen amerikanischen Radio die Sendung A Prairie Home Companion. Zwei Stunden gibt es dann Live-Bands, Gesang, Kunstpfeifer, eine Reihe von erfundenen Werbespots, die Abenteuer von Privatdetektiv Guy Noir und vieles andere, was zu einem bunten Abend gehört, eben auch den Geschichten aus Lake Wobegon, der Höhepunkt der Sendung.
Die Hälfte des Jahres über wird aus St. Paul, Minnesota gesendet, die andere Hälfte der Shows wird in verschiedenen anderen Städten in Minnesota aufgezeichnet – alles live und vor Publikum. Am 3. März 2001 wurde sogar aus Berlin, Deutschland, ausgestrahlt – mit Max Raabe und den Berlin Comedian Harmonists. Die Stimmung von A Prairie Home Companion balanciert dabei zwischen altmodischer Einfachheit und einer liebevollen Parodie eben dieser Einfachheit.

Die Geschichten aus Lake Wobegon sind wunderbar. „It has been a quiet week in Lake Wobegon, my home town“ beginnen die Monologe, zehn bis zwanzig Minuten lang, erzählt von einem ehemaligen Sohn der Stadt, der den Absprung ins Anderswo geschafft, aber noch engen Kontakt zur Heimatstadt hat: Lake Wobegon kriegt man nicht mehr aus dem Blut. Mal streiten sich wie immer Herr und Frau Krebsbach, mal meldet sich der junge Tollefson am College an und wird dabei von der ganzen peinlichen Verwandschaft begleitet. Mal geht es um Earls beständig wachsenden Haufen von Jutesäcken, der anwächst zum größten Haufen von Jutesäcken in Minnesota und der zur heilkräftigen Pilgerstätte wird (vergleiche das Größte Garnknäuel in Minnesota). Pastor Ingqkvist gönnt sich nie einen Urlaub in Florida; Mütter spielen mit dem Gedanken, die Konzert-Tickets des Sohnes zu verbrennen (um die er unter größen Entbehrungen stundenlang angestanden ist), weil Rockmusik Teenager ins Verderben führt. Mal rückt die ganze Kleinstadt aus, um eine Lebende Flagge auf dem Marktplatz darzustellen: Ein Händler für Baseballkappen hat ihnen rote, blaue und weiße Kappen verkauft, und mit denen auf dem Kopf bilden sie die Flagge der USA nach. Nur dass immer ein paar abspringen, um sich das Schauspiel von oben anzusehen, und dann jeder warten muss, bis alle mal die Gelegenheit hatten, nach oben zu gehen. Zwischendrin immer wieder wortkarge „Norwegian Bachelor Farmers“, ein eigener Menschenschlag.

Themen der Geschichten sind Kindheit, Generationenkonflikte, Arbeit, Nachbarn, Männer und Frauen, Heimat, Toleranz, Religion. Ein paar Geschichten sind sentimental, viele poetisch, fast alle heiter, einige dazu noch besinnlich. Viele haben einen absurden Einschlag – hier zeigt sich die Verwandschaft zum tall tale, der Lügengeschichte der amerikanischen Pionierzeit.
Diese Geschichten fangen harmlos an und steigern sich ins Absurde. Im Laufe einer durchweg glaubwürdigen Geschichte findet man sich plötzlich in einer Situation, wo ein Pastor und Leiter eines Feriencamps an einem improvisierten Drachen auf Wasserkiern hinter einem Boot hergezogen wird und in die Luft steigen soll, aber hinfällt und nicht loslässt, und ihm die Badehose nach unten auf die Knöchel gezogen wird, und dann hebt der Drachen ab in die Luft, und er hängt hilflos in der Luft, bis das Boot eine Kurve macht und der Drachen Richtung rettendes Land gezogen wird und langsam sinkt und der Pastor geradezu auf eine Brombeerhecke zusteuert, aber noch rechtzeitig davor landet und die Landung natürlich abfedern möchte, indem er er mitläuft, aber er hat ja immer noch die Badehose um die Knöchel.

Dank Lake Wobegon weiß ich, wo Minnesota liegt. („Lake Wobegon put Minnesota on the map for me. “ Das kann ich auf Deutsch nicht so gut ausdrücken.) Was wissen wir über Minnesota?
Bei der Fernsehserie Golden Girls kam die dümmliche der alten Damen aus Minnesota. Fargo, der Film der Brüder Coen, spielt in North Dakota, gleich westlich von Minnesota und nicht so verschieden davon.
Im Mittleren Westen der USA, wozu auch Minnesota gehört, wird Getreide angebaut, die Leute wählen republikanisch und stehen für uramerikanische Werte wie Hilfsbereitschaft, Religiösität, Anständigkeit, Ehrlichkeit, Genügsamkeit, Fleiß. Die Zeit ist dort ein bisschen stehen geblieben.
Andere Aspekte sind Intoleranz, religiöser Fundamentalismus, Arbeitslosigkeit, ein schlechtes Bildungssystem, keine Perspektiven für junge Menschen.
Minnesota hat allerdings in der letzten Präsidentschaftswahl knapp demokratisch gewählt; Minnesota ist ganz im Norden des mittleren Westens, die Winter sind kalt und schneereich, ganz typisch für den Mittleren Westen ist es nicht. Besiedelt wurde es von Deutschen und wortkargen Norwegern, viele der Familien in Lake Wobegon tragen noch deutsche oder norwegische Wurzeln. All die positiven Werte des Mittleren Westens sieht man in Lake Wobegon mit einem Körnchen Salz: Die Leute sind freundlich und hilfsbereit und ehrlich; aber sie schwindeln auch manchmal und sind ein bisschen neidisch und ungeduldig und genervt. Ihre Religion und ihre konversative Haltung sind aber ebenso gebrochen durch Menschlichkeit, Toleranz und gegenseitigen Respekt und Anerkennung. Geradezu subversiv, das ganze.

Bei Cornelsen gab’s mal eine Audiokassette mit vier Geschichten aus Lake Wobegon (Cornelsen Audio Library: Garrison Keillor, News from Lake Wobegon. 1995), zusammen mit Text, Fragen zum Text und Worterklärungen; zur Zeit ist sie, glaube ich, allerdings vergriffen. In allen vier Geschichten geht es um Kindheit oder Erwachsenwerden, in der Hoffnung, dass das die Schüler am meisten anspricht. Ich hab’s auch schon im Quasi-Sprachlabor (als unser Computerraum noch Audiodateien abspielen konnte) ausprobiert, es kam ganz gut an.

Ein bisschen kann man die Geschichten mit Hanns Dieter Hüschs Geschichten vom Niederrhein vergleichbar, aber sie sind wesentlich elaborierter und noch etwas liebevoller. Ein noch besserer Vergleich sind die Geschichten um Don Camillo und Peppone: Auch dort ist die Dickschädeligkeit der beiden Gegenspieler gebrochen durch Anerkennung und Menschlichkeit. So radikal, wie sie tun, sind weder der Katholik noch der Kommunist.
(Weitere Kleinstädte gibt es natürlich in den Fernsehserien Northern Exposure/Ausgerechnet Alaska und Twin Peaks. Ersteres mochte ich damals sehr, aber die Bewohner dort sind etwas zu heiter und schräg. Hier fehlt der trockene Relaismus von Lake Wobegon.)

Ein guter Startpunkt zum Reinhören ist die CD News from Lake Wobegon: Spring für 12 Euro.

Ein Leckerbissen für Fans ist die DVD zum 30. Jahr Ausstrahlung von A Prairie Home Companion: NTSC-Format, aber regionalcodefrei.

Auf der Homepage von A Prairie Home Companion kann man sich nach Möglichkeiten erkundigen, die Show zu hören, auch online.

Lesen kann man einige der Geschichten unter anderem in der Sammlung Lake Wobegon Days. Das macht immer noch Spaß, aber von Keillor vorgetragen sind die Geschichten nochmal um Längen besser.

Nachträge:

Magic 8 Ball

Ah, Amerika! In den USA ist er liebe Erinnerung an frühe Teenagerjahre, hierzulande kennt man ihn allenfalls aus einzelnen Episoden amerikanischer Fernsehserien: den Magic 8 Ball.

Beim Billardspiel ist die 8er-Kugel schwarz, und kann zu einem frühen Spielende führen, wenn sie einem in die Quere kommt. Manchmal scheint sie den Spieler teuflisch zu verfolgen, kein Wunder, steckt sie doch voller Magie.
Die noch magischere Version davon ist ein beliebtes Kinderspiel aus Plastik, etwa doppelt so groß wie eine echte Billardkugel. Dafür hat der Magic 8 Ball aber auch auf der Unterseite ein Fenster, in dem die Kugel wie von Geisterhand Antworten auf die Fragen des Benutzers gibt. Die Antworten reichen von „Yes“ und „It is certain“ und „It is decidedly so“ bis zu „My sources say no“ und „Don’t count on it“. Selbst die magische schwarze Kugel ist nicht allwissend, sie gibt das aber auch zu: „Ask again later“ und „Reply hazy, try again“.
Auf alle Lebensfragen, wenn sie denn in Ja-Nein-Form gestellt sind, gibt die magische Kugel Antwort.
(Die Fragen drehen sich meistens darum, ob man in dem und dem Alter schon verheiratet ist, und ob man Kinder haben wird. Auch noch bei Elftklässlerinnen, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen. Nicht: Werde ich Erfolg im Beruf haben und den Nobelpreis gewinnen?)

Sicherheitshalber steht auf der Verpackung der Hinweis, es handle sich bei dem Magic 8 Ball um ein Spielzeug, das keinesfalls wirklich die Zukunft voraussagen könne.

Auf der Seite Secrets of the Magic 8 Ball revealed! hat ein Freund der Kugel den Traum jeden Besitzers erfüllt und das Ding auseinandergenommen und erklärt, wie es funktioniert. Na ja, wie es funktioniert hat – nach dem Auseinandernehmen ist das Teil nämlich kaputt.

The Public 8 Ball ist was für Geeks: Dort ist eine Webcam auf einen Ball gerichtet, der in einem Lego-Gerüst steckt; man kann Fragen hinschicken, der Linux-Rechner sendet Signale per Infrarot an die Lego-Teile, die den Ball drehen, und das Ergebnis zurückschicken…. Ausführlich wird die Technik erklärt, aber leider funktioniert das Teil zur Zeit leider nicht. Vielleicht hat ja mal jemand später Glück damit.

Bei Amazon – selbst in Deutschland – kann man ein Exemplar kaufen. In den USA sind sie billiger, aber das ist trotzdem ein nettes Geschenk für USA-Freunde.

Und in der Schule kann man damit prima Ja-Nein-Fragen wiederholen.

Ray Bradbury, Löwenzahnwein (mit Rezept)

Bradbury ist einer der ganz, ganz Guten.
Dandelion Wine (dt. Löwenzahnwein) ist wie viele der Romane von Bradbury eigentlich eine thematisch verbundene Sammlung von Kurzgeschichten. Die Verbindung ist diesmal Douglas Spaulding, zwölf Jahre alt, und der Sommer, den er Anfang der 30er Jahre in Bradburys fiktiver Kleinstadt Green Town, Illinois erlebt. Er führt eine Liste, was er in diesem jahr, in diesem Sommer, alles zum erstenmal gemacht hat. Amazon.de drückt es gut aus:

„Es ist ein Sommer voller Schrecken und Wunder, den der zwölfjährige Douglas Spaulding in Green Town, Illinois, erlebt. Es kommen vor: ein Trödler, der Leben rettet; ein Paar Turnschuhe, in denen man schnell wie eine Gazelle laufen kann; eine menschliche Zeitmaschine; eine Hexe aus Wachs, die wirklich die Wahrheit sagt; ein Mann, der beinahe alles Glück zerstört, indem er eine Glücksmaschine baut. […]
Im Laufe dieses Sommers wird Douglas bewusst, dass auch er eines Tages sterben wird, und gerade deswegen spürt er um so intensiver, was es heißt, zu leben.“

Die Geschichten sind sentimental, gruslig, lustig, phantastisch. Sie spielen etwa zeitgleich mit der Fernsehserie „Die Waltons“, also Anfang der 30er Jahre. Es geht ums Älterwerden, um Abschiednehmen. Symbolisch für den Sommer und die gesammelten Erinnerungen stehen die Flaschen voll flüssigen Sommers im Keller: Löwenzahnwein (ein tatsächlich während der armen Depressionszeit häufig gebrautes Getränk). „Dandelion wine. The words were summer on the tongue. The wine was summer caught and stoppered.“

Gerade jetzt im Herbst ist man froh, wenn man noch ein Fläschchen im Keller hat.

 


(Aus: William F . Nolan, The Ray Bradbury Companion. A Life and Career History, Photolog, and Comprehensive Checklist of Writings With Facsimiles From Ray Bradbury’s Unpublished and Uncollected Work in all Media. Detroit: Gale 1975.


Ein Rezept für Löwenzahnwein.

Vor über zehn Jahren hatte ich mühsam Rezepte gesucht, und drei ausprobiert; das hier lieferte das beste Ergebnis. Das war vor dem WWW, heute könnte man vielleicht noch bessere Rezepte finden – oder ursprünglichere, denn meines stammt, ähem, aus Frankreich.

Drei Liter Löwenzahnblüten (früh im Sommer gepflückt, so daß noch viel Nektar darin enthalten ist) mit 4 l kochendem Wasser übergießen und 24 h ziehen lassen. Danach die Blüten herausnehmen, und 500 g Rosinen, 3 Orangen und 3 Zitronen (jeweils in Stücken) dazutun. Außerdem kommen noch 3 ½ Pfund Zucker hinein.
Das ganze 21 Tage lang stehen lassen und jeden Tag einmal umrühren (mit Liebe umrühren, darauf legte meine Quelle besonderen Wert).
Danach filtern und in Flaschen füllen, die nicht luftdicht verschlossen sein sollten. Jetzt noch 6-8 Wochen stehen lassen. (Besser noch ein halbes Jahr; das war jedenfalls meine Erfahrung.)

The Jazz Singer II

In meinem letzten Eintrag habe ich meine Vorkenntnisse zu The Jazz Singer dargelegt, den Arte letzte Woche in einer 1998 restaurierten Fassung gezeigt hat. Wie geschrieben, war ich nicht wirklich vorbereitet auf das, was kommen sollte.

Überraschung 1: Der Film, oft gepriesen als erster Tonfilm, ist das nur zum Teil. Nur die Musiknummern und ein paar Zeilen gesprochener Text um sie herum hat synchronisierten Ton, der Rest ist Stummfilm, komplett mit Texttafeln. Aber es gibt etliche Musiknummern: In dem Film geht es um Gesang, er ist gedreht nach einem Theaterstück mit Gesang; der Hauptdarsteller war berühmt als Sänger. Ich glaube, man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie der plötzliche Originalton auf das Publikum gewirkt hat.

Überraschung 2: Den Film kriegt man weniger oft zu sehen, als er es verdient hat. Stummfilme gehen nicht gut, hierzulande sagt einem dieser Film eh nicht viel, und in den USA ist der Film heute vielen aus Gründen der political correctness peinlich. Es gibt nämlich die Tradition des blackface: Weiße Entertainer schminken sich schwarz, die Lippen bleiben ausgespart und sehen so wesentlich größer aus; und dann singt der Entertainer in der Rolle eines Schwarzen. In The Jazz Singer ist aber nur eine einzige Blackface-Nummer, wenn auch zweimal gebracht: Zuerst hinter, danach vor der Bühne – und diese Nummer bringt die Handlung voran und gibt Sinn. (Zu blackface später mehr. )

Überraschung 3: Aber jüdisch ist der Film bis ins Mark; warum hat mir das keiner gesagt?

Wir beginnen mit ein paar Straßen- und Marktszenen im jüdischen Ghetto in New York. Überblendung auf Kantor Rabinowitz, der in der fünften Generation Kantor. Sein dreizehnjähriger Sohn Jakie Rabinowitz soll einmal nach ihm Kantor werden und am Abend Kol Nidre singen, aber Jakie treibt sich lieber in einer Kneipe herum und singt Jazz (erste Musiknummer). (Das ist aber nicht der Jazz, der heutzutage spät nachts in den Regionalprogrammen kommt, sondern einfach die Erwachsenen-Popmusik dieser Zeit; noch keine Kunstform, sondern verrufene Schwarzen- und vor allem Kneipenmusik. Gute Musik; das, was später Bing Crosby und Frank Sinatra singen.)
Es kommt zum Streit, auch die liebende Mutter Sara kann nicht schlichten. Während der Vater am abend Kold Nidre singt (zweite Musiknummer) verlässt Jakie die Familie und geht ins Show Business. Er schlägt sich recht und schlecht durch (dritte und vierte Musiknummer), nur manchmal denkt er traurig an Mutter und Vater – etwa wenn er in Chicago das Konzert des Kantors Joseff Rosenblatt besucht (fünfte Musiknummer).
Schließlich erhält er seine große Chance: Eine große Revue in New York. Er besucht seine Eltern und freut sich immens, seine Mutter wieder zu sehen. Er erzählt ihr begeistert von der Revuew und singt seiner Mutter ein Lied daraus am Klavier vor („Blue Skies“ von Irving Berlin) (sechste Musiknummer). Da erscheint sein Vater; der alte Streit ist nicht beigelegt – Jakie, der sich jetzt Jack Robin nennt, möchte auf der Bühne singen und nicht in der Synagoge. „Verlasse dieses Haus!“ und „Ich habe keinen Sohn mehr.“

„The Eve of the Day of Atonement“ / „Der Vorabend des Versöhnungstages“ – Während der Proben für die Revue erkrankt Jakies Vater – sein Herz ist gebrochen. Sara Rabinowitz besucht ihren Sohn und will ihn überreden, statt des Vaters Kol Nidre zu singen; es würde dem im Sterben Liegenden vielleicht neuen Lebensmut geben. Aber die Revue ist die Chance, auf Jack sein Leben lang gewartet hat. Es ist Generalprobe; die Mutter sieht ihn in blackface und meint: „Jakie, this ain’t you?“ Der mitgekommene Freund der Familie: „He talks like Jakie – but he looks like his shadow.“
Während Jack „Mother of mine“ probt (siebte Musiknummer) , sieht die Mutter ein, dass ihr Sohn auf die Bühne gehört, und verlässt das Theater. Die Nummer ist hier zwar in blackface, aber sonst überhaupt nicht in der Rolle eines Schwarzen. „Mother of mine, I’m sorry I wandered away, breaking your heart“ – im Finale wird das noch einmal aufgenommen werden.
Jack besucht nach der Probe, kurz vor der Premiere, seinen sterbenden Vater. Sie versöhnen sich. Die Szenen sind sentimental, aber wirkungsvoll. Es gibt immer noch keinen Sänger für Kol Nidre in der Synagoge. Seine Bühnenpartnerin und der Produzent treiben Jack in der Wohnung seiner Eltern auf und verlangen von ihm, sofort mit zum Theater zu kommen. Wie wird sich Jack entscheiden?

– Die Premiere fällt aus. Jack singt Kol Nidre (achte Musiknummer), sein Vater hört ihn vom Krankenbett aus; parallel geschnittene Szenen Synagoge-Krankenzimmer; der Vater stirbt in Frieden, während Jack singt.
Etwas sehr schnell geht es dann weiter mit „The season passes – and time heals – the show goes on.“ Die Show hat es anscheinend doch noch auf die Bühne gebracht; das Haus ist voll; Jacks Mutter sitzt im Publikum. Al Jolson als Jack Robin singt voller Schwung seine Glanznummer: „Mammy“ (neunte Musiknummer). Diesmal passt das blackface immerhin zum Text: Jolson/Jack singt von seiner „mammy“ in „Alabammy“.

Ende.

Wow. Die Geschichte funktioniert als Film besser, als man vielleicht denkt; anders gesagt, der Film hat sich gut gehalten. (Es gibt zwei Remakes des Films; außerdem spielt eine Simpsons-Episode darauf an, in der es um die Vergangenheit von Krusty dem Klown geht: Er ist Sohn eines Rabbis, mit dem er sich zerstritten hat, weil Krusty Komiker werden wollte statt Rabbi wie sein Vater. Bart und Lisa versöhnen die beiden miteinander.)
Jacks Konflikt wird in sentimentalen und herzergreifenden Szenen dargestellt. Das geschieht etwas zu ausführlich; es gibt meiner Meinung nach unnötige strukturelle Wiederholungen: Zuerst kommt der Freund der Familie ins Theater, um Jack zu holen (allerdings eine sehr lustige Szene, wie der konservative Jude auf die frivole Bühnenwelt trifft), dann die Mutter; erst muss er sich zwischen Generalprobe und Synagoge entscheiden, dann zwischen Premiere und Synagoge. Variety bemängelte 1927 die fehlende Liebesgeschichte, die ich selber nicht vermisst habe; ansonsten schrieben sie Folgendes:

Undoubtedly the best thing Vitaphone has ever put on the screen. The combination of the religous heart interest story and Jolson’s singing ‚Kol Nidre‘ in a synagog [sic] while his father is dying and two ‚Mammy‘ lyrics as his mother stands in the wings of the theater, and later as she sits in the first row, carries abundant power and appeal.
[…] Al Jolson, when singing, is Jolson. There are six instances of this, each running from two to three minutes. When he’s without that instrumental spur Jolson is camera-conscious. But as soon as he gets under cork the lens picks up that spark of individual personality solely identified with him. That much goes with or without Vitaphone [i.e. the synchronized sound system]. (Variety 1927)

Wunderbar, diese Formulierung: „as soon as he gets under cork“ – damit ist der verbrannte Korken gemeint, mit dem früher das Gesicht schwarz angemalt wurde.

Besonders faszinieren mich an diesem Film zwei Dinge:

Der Umgang mit dem Judentum. Die Hauptpersonen des Films sind Juden, weil nur so diese Handlung denkbar ist. Ihr Leben findet in einer jüdischen Welt statt, die dem Publikum damals vertraut gewesen sein muss. Natürlich waren viele Mitglieder des Showbusiness selber Juden – aber das Publikum doch nicht. (Immerhin war das Stück schon am Broadway ein Erfolgt.) Und dennoch wird weder erklärt, was ein Kantor ist. Oder was Kol Nidre ist. Warum Jakie auf der Bühne Jack Robin heißt. Oder dass Kantoren berühmt genug sind um Gastkonzerte in anderen Großstädten zu geben. Das scheint alles als bekannt vorausgesetzt worden sein.
Dabei ist das kein exklusiv jüdischer Film. Es geht nicht ums Judentum; Judentum ist nicht das Thema. Es ist Voraussetzung für die Handlung, auf eine Art und Weise, wie das heute kaum mehr möglich ist.
Den Kantor Rosenblatt, dessen Konzert Jack in Chicago besucht, gab es übrigens wirklich: Er spielt und singt sich im Film selber; außerdem singt er in der ersten Nummer den Vater von Jakie. In einem Auszug aus Yossele Rosenblatt, einem Buch, das sein Sohn 1954 über ihn geschrieben hat, wird erzählt, wie es zu Kantor Rosenblatts Rolle in The Jazz Singer kam.

Al Jolson, der größte Entertainer der Welt: Ich hatte keinen Grund, davon auszugehen, dass an dieser Behauptung irgendwas Wahres ist. Und die Frau Rau hat er auch ziemlich kalt gelassen; aber sie hatte vorher auch noch keine seiner Nummern gehört, während ich zumindest „Mammy“ und „Toot, Toot, Tootsie Goodbye“ in den Jolson-Versionen kannte. Und vor allem bei dieser zweiten Nummer hat sich sein Auftritt als ungemein energiegeladen herausgestellt. Warum mich das so beeindruckt hat? Ich weiß nicht. Natürlich wirkt vieles etwas antiquiert. Und dazu das übertriebene Makeup und die Mimik des Stummfilms. Aber trotzdem blieb noch viel Präsenz für mich übrig; auf ein Konzert mit Al Jolson würde ich gerne gehen.

[A] leathery baritone, that could sing like a lark, wail like a wounded animal, declaim like a street-corner soapbox orator, hit the high notes, and then zoom down again in a delightful nasal slur-slide. […] And if all these tricks didn’t work, then Al grabbed their attention by whistling and clapping and snapping his fingers. Or else he went into his own special ragtime dance, full of wriggles and slides and hands on hips. Nobody slept when Al was working. (Ian Whitcomb im Begleitheft zu einer CD mit den Film-Aufnahmen von Jolson)

Sein Gesang ist bei „Blue Skies“, ein bisschen – ist manieriert das richtige Wort? (Ich kenne mich bei Musikterminologie überhaupt nicht aus.) Ich sehe das lieber so, dass er einfach zu viel Energie hat; er kann einfach nicht ruhig singen, so wie andere Leute nicht ruhig sitzen können. Ständig zappelt er mit der Stimme.
Ich habe mir jedenfalls gleich bei eine Doppel-CD bestellt; hier bei Amazon kann man in einige Nummern reinhören.

Jolson war selber Sohn eines sehr strengen Kantors; der Film basiert auf einem Stück von Samson Raphaelson, nach seiner Kurzgeschichte, inspiriert von Al Jolsons Leben. Hier ist eine kurze Biographie aus der Sicht eines Freimaurerkollegen.
Auf der Bühne spielte George Jessel die Rolle von Jakie Rabinowitz; er wollte die Rolle im Film aber nicht übernehmen, ebenso wenig wie Eddie Cantor, dem sie nach ihm angeboten wurde. Keine für sie sehr geschickte Entscheidung, im Nachhinein betrachtet.
Auf dieser Al-Jolson-Website kann man einige Videoclips anschauen.

„If you don’t get my letter then you’ll know that I’m in jail.“ Das ist eine Zeile aus „Toot, Toot, Tootsie Goodbye“; in dem Lied nimmt ein Mann von seiner Freundin (?) Abschied. Ich selber bin der Zeile, die vermutlich weit verbreitet ist und keineswegs in diesem Lied ihren Ursprung haben muss, zum ersten Mal begegnet in „On the Nickel“ von Tom Waits: Ein sehr poetisches und wunderschönes Abschiedslied. (Auf der Platte Foreign Affairs ist ein Medley „Jack & Neal/California, Here I Come“; letzteres ist eine bekannte Al-Jolson-Nummer.)

Exkurs: Blackface Die Konvention, sich als Weißer schwarz zu schminken, stammt aus einer Zeit, als Schwarze praktisch nicht auf der Bühne zugelassen waren. Und später mussten teilweise auch diese blackface auftragen, wenn ihre Haut nicht dunkel genug war; das stand zumindest bei dieser kurzen Verteidigung und historischen Einordnung des blackface anlässlich einer Amateuraufführung von Show Boat. Blackface wird dort unterschieden von der Tradition der minstrel show, aber das ist eine andere Geschichte.

Aus dieser Quelle auch folgendes Zitat:

Just before the show opened, I went to New Orleans to talk to black blues singers – about Jolson and the whole business of whites blacking their faces. It was the artist rejoicing in the name Tugboat Henry who put it all into perhaps astonishing perspective for me: „No, you couldn’t do it today with anything like the same effect,“ he said. „But we should always be grateful for Jolson. He gave us a dignity which no one else was letting us have.“ And then he said, pointedly, „The only other person who did that for us was Jerome Kern with Show Boat“.

Das alles heißt nicht, dass es nicht auch Künstler in blackface gab, die lediglich negative Stereotypen darstellten.

Die berühmtesten Künstler in blackface waren vielleicht Amos & Andy – als Radioprogramm, das von den späten 20ern bis in die 40er Jahre lief (und darüber hinaus, aber das ist eine lange, andere Geschichte; und 1932 gab’s auch einen Kinofilm). Heute ist die Show aus Gründen der political correctness nicht mehr zu sehen oder zu hören; dabei sind vor allem die frühen Episoden immer noch gut und keinesfalls rassistisch – wenn man die Prämisse, dass Weiße Schwarze spielen, nicht schon als Rassismus gelten lassen will. (Das gilt übrigens keinesfalls für alle Radiosendungen dieser Zeit, oder alle Sendungen, in denen Weiße Schwarze spielen; Amos & Andy beziehungsweise Freeman S. Gosden und Charles V. Correll waren nun mal die besten ihrer Art.) Vor allem die frühen Episoden – täglich 15 Minuten – waren Straßenfeger, und das weniger wegen des Klamauks, sondern wegen der spannenden Soap-Opera-Fortsetzungshandlung: damals ein völlig neues Konzept. Kinos unterbrachen ihre Vorstellung für 15 Minuten, damit das Publikum Amos & Andy hören konnte.

Jongleure waren als Tramp verkleidet, Komiker kleideten sich irisch oder als Cowboys; Clowns schminkten sich weiß, Minstrels schwarz. Und sangen dann irische Schnulzen oder erzählten, wie Eddie Cantor, witzige Monologe mit yiddischen Wortfetzen. Ay caramba, ich glaube, für heute lasse ich es gut sein.

The Jazz Singer I (Hintergrund)

Vor einer Woche kam The Jazz Singer auf Arte, spät nachts. Ich bin stolz auf meine Familie, denn selbst meine Mutter hat diesen Film unabhängig von mir aufgenommen. Es folgt eine längere Geschichte.

Ich bin aufgewachsen mit amerikanischen Film-Musicals der 30er bis 50er Jahre. (Than which, there are few things better, believe you me.) Die frühen, schwarz-weißen Fred-Astaire-Filme; die nächste Generation mit Gene Kelly; die wunderbaren Filme nach Fred Astaires Comeback: The Band Wagon, Easter Parade.

Eines der berühmtesten dieser Musicals, und eines der letzen reinen Filmmusicals ohne Broadway-Vorlage, ist Singin‘ in the Rain (deutsch: Du sollst mein Glücksstern sein).
Die Handlung spielt Ende der 20er Jahre: Der erste große Tonfilm, eben The Jazz Singer, revolutioniert das Filmgeschäft. Don Lockwood und Lina Lamont, ein erfolgreiches Stummfilm-Paar, müssen sich umstellen: Ihr erster Tonfilm wird eine Katastrophe, da Linas Sprechstimme, die bislang ja keine Rolle spielte, furchtbar ist. Don, ein Freund aus Vaudeville-Tagen, und das Nachwuchstalent Kathy Seldon wollen den Film retten: Indem sie Kathy die zickige Lina synchronisieren lassen und einen Musikfilm aus dem ursprünglichen Mantel- und Degenfilm machen.
Singin‘ in the Rain (1952) enthält lustige Parodien auf Stummfilme, großartige und berühmte Tanznummern (von Cyd Charisse kann ich gar nicht genug sehen), und so gut wie alle Lieder sind Lieder aus eben der Zeit, in der der Film spielt. Dabei hat die fabelhafte neue Version der Titelnummer, „Singin‘ in the Rain“ mit Gene Kelly tanzend im Regen, jegliche Erinnerung an irgendwelche Vorgänger verdrängt. Zu diesem Film wäre noch soviel zu schreiben, dass irgendwann mal ein eigener Eintrag fällig ist.

Und daher kenne ich also The Jazz Singer. Außerdem wusste ich, dass der Film tatsächlich den Tonfilm einläutete, ein Riesenerfolg war, und dass Al Jolson die Hauptrolle spielt – viel mehr wusste ich nicht.
Von Al Jolson wusste ich, dass George Burns ihn für den größten Entertainer der Welt hielt.

Oy.

Jetzt muss ich auch noch erklären, wer George Burns und Al Jolson waren.

George Burns kennt man aus The Sunshine Boys, dem Film nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Neil Simon (hier eine Liste von Simons Drehbüchern und Theaterstücken). Neben Walther Matthau spielt er die eine Hälfte eines Vaudeville-Duos…. herrgott, muss ich jetzt auch noch was zu Vaudeville schreiben?… eines Komikerduos, das für eine TV-Jubiläumssendung noch einmal auf die Bühne soll. Die beiden hassen sich allerdings immer noch wie die Pest.
George Burns, Jahrgang 1896, war damals 79 Jahre alt und erhielt einen Oscar. Zwei Jahre später spielte er Gott in Oh God! (mit John Denver; Regie: Carl Reiner, von dem wir auch Dead Men Don’t Wear Plaid/Tote tragen keine Karos haben, ganz zu schweigen von Rob Reiner, seinem Sohn, ich sag‘ nur: The Princess Bride, Stand By Me, Misery, When Harry Met Sally).
Und danach ging George Burns‘ Karriere erst richtig los: Filme, Fernsehauftritte, Kabarettauftritte, Bücher. Dicke Brille, große Ohren, Smoking, dicke Zigarre, Martinis, zweideutige Witze, viel Persönlichkeit. George Burns starb 1996 einige Wochen nach seinem hundertsten Geburtstag. „I’m going to stay in show business until I’m the only one left.“ So gut wie ihm ist das kaum einem gelungen.

Aber das war nur die dritte Karriere von George Burns. Von 1950-1958 lief im amerikanischen Fernsehen The George Burns and Gracie Allen Show.
George Burns und seine Frau Gracie Allen waren einige der wenigen Radiostars, die den Sprung zum Fernsehen geschafft hatten. Bei der Umstellungen auf das neue Medium blieben fast so viele Karrieren auf der Strecke wie bei der Umstellung zum Tonfilm – ähnlich wie in Singin‘ in the Rain geschildert.

Vor dieser Fernsehshow waren George Burns und Gracie Allen Radiostars. Ihre Show lief nach einem ersten Radio-Auftritt 1929 (in England) von 1932-1950. Während der Zeit hatten sie Gastauftritte in vielen Kinofilmen, und waren auch ab und zu selbst die Hauptdarsteller, etwa zusammen mit Fred Astaire in A Damsel in Distress (Drehbuch: P.G. Wodehouse, und das merkt man). Vor dieser Erfolgsserie tingelten George Burns und Gracie Allen durchs amerikanische Varieté, das Vaudeville, wo fast alle amerikanischen Entertainer der ersten Jahrhunderthälfte ihr Handwerk lernten (George Burns, George Jessel, Eddie Cantor, Al Jolson, die Marx Brothers, Jack Benny, Fred Allen, Jimmy Durante, Sophie Tucker, Fanny Brice – gespielt von Barbra Streisand in Funny Girl, und viele mehr).

George Burns spielte dabei den straight man, Gracie Allen war für die lustigen Sprüche zuständig. Das war eine übliche Aufgabenteilung bei Komikerduos (wie bei Abbott und Costello, Dean Martin und Jerry Lewis); wobei die Rolle des straight man keinesfalls die leichtere war. Zeit seines Lebens spielte George Burns seine eigene Leistung herunter und betonte, allen Erfolg habe er nur seiner Partnerin und Frau Gracie zu verdanken. Dabei schrieb er beider Texte, und seine Leistungen im hohen Alter zeigen, dass George Burns keinesfalls so unbeteiligt am Erfolg gewesen sein kann, wie er immer behauptete.

Und dieser Mann hielt Al Jolson für den größten Entertainer seiner Zeit.

Al Jolson wurde um 1886 in Litauen als Asa Yoelson geboren; sein genaues Geburtsdatum war ihm selbst nicht bekannt. Er war 41 Jahre alt, als The Jazz Singer in die Kinos kam, und hatte bereits eine große Broadway-Karriere hinter sich. 1945 kam eine Filmbiographie heraus, The Jolson Story; Jolson spielte sich zwar nicht selbst (er war um die 60), sang im Soundtrack aber seine eigenen Nummern, und wurde damit wieder ein Star.
Jolson ließ in der Künstlergarderobe immer das Wasser laufen, um ja nicht den Applaus der Nummer vor ihm mitzukriegen. Er war wohl ungemein von sich selbst eingenommen:

It was easy enough to make Jolson happy at home. You just had to cheer him for breakfast, applaud wildly for lunch, and give him a standing ovation for dinner. (George Burns)

Und:

I’ll tell you when I’m going to play the Palace. That’s when Eddie Cantor and George Burns and Groucho Marx and Jack Benny are on the bill. I’m going to buy out the whole house, and sit in the middle of the orchestra and say: Slaves, entertain the king! (Al Jolson)

Er muss aber auch unglaublich gut gewesen sein:

Gracie and I are playing in Denver. And we are on number three. We were a little man-and-woman act. We were playing the big time, but we’re a small act. AI Jolson is playing at another theater. We got two tickets and we ran over to see Jolson. We never took off our makeup. We got there about . . . ten minutes after nine. Nine-thirty, no Jolson A quarter to ten, the people are applauding. Finally Jolson walks on the stage full of snow. It was snowing in Denver. He told the audience he went to a party and got carried away. He was talking, and he’s sorry he was late.
He said, ‚Do you mind if I put on my makeup here?‘ He stripped to the waist up. Put on blackface. Did about twenty minutes of the show and then said, ‚Wait a minute! You know what happens. The horse wins the race. The fellow gets the girl. Do you want to see that, or do you want me to entertain you?‘ They all said, ‚Entertain us!‘ He brought the Golden Girls out on the stage. He said, you girls who have dates, go about your business.‘ Three or four girls left. He said, ‚The rest of you sit down on the floor.‘
He entertained the audience until one o’clock in the morning. At one o’clock in the morning he says, ‚I’m going to take off my makeup and I’m going next door in the restaurant. There is a piano in there. I’ll bring out the piano player and sing a few songs, too.‘ Everybody ran out after him. There was nobody like him. (George Burns, zitiert nach: Herb Fagen, George Burns. In His Own Words)

Als Al Jolson mit 64 Jahren starb, wurden die Lichter am Broadway in Erinnerung an ihn ausgeschaltet.

All das wusste ich über Al Jolson; ich kannte ein paar Lieder, ich kannte ihn von Radioauftritten und ein paar Episoden seiner Radiosendung The Al Jolson Show. Sie hieß eigentlich gar nicht so, sondern immer nach dem jeweiligen Sponsor, etwa: The Colgate Program, und lief mit einigen Jahren Unterbrechungen immer wieder mal von 1932-1949. Ich wusste, dass eines von Jolsons Markenzeichen war, sich an besonders dramatischen Stellen im Lied auf ein Knie sinken zu lassen, und ich wusste, dass einige blackface-Nummern für ihn typisch waren. (Dazu später mehr.) Aber ich hatte ihn noch nie gesehen, und auch The Jazz Singer noch nicht.

Meine Begegnung mit den beiden kriegt einen eigenen Eintrag, und zwar den nächsten. Um mit dem berühmtesten Zitat von Al Jolson zu schließen:

You ain’t heard nothing yet.

(Fortsetzung.)

Lee Server, Danger Is My Business

Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines

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Lee Server
Danger Is My Business. An illustrated history of the fabulous pulp magazines, 1896-1953.
San Francisco: Chronicle Books 1993
144 pp.

Wer heißt Clark mit Vornamen, hat eine Festung der Einsamkeit in der Arktis und wird in den stets nach Synonymen ringenden Zeitungen gern als Mann aus (einem bestimmten) Metall bezeichnet? Wem auf diese Frage nur eine Antwort einfällt, der sollte sich schleunigst wieder hinsetzen und seine Hausaufgaben machen.

Hilfreich ist dabei dieses Buch. Es erzählt die Geschichte der amerikanischen pulp magazines, der mit billigsten Druckverfahren und auf billigem, rauhem Papier hergestellten Groschenhefte, deren Blütezeit in den 30er Jahren dieses Jahrhunderts lag. Auch für die Autoren wurde nicht viel Geld ausgegeben – bei einem halben cent pro Wort fing man an, und arbeitete sich zu einem renommierteren Pulp hoch, wo es das Doppelte gab. Viel mehr Geld gab es dagegen bei den slicks zu verdienen, Zeitschriften auf glattem, glänzenden Qualitätspapier, wie der Saturday Evening Post. Dafür mußte man aber auch Qualität liefern – und vor allem keine Genreliteratur. Also tummelte sich im Bereich der Pulps alles, was sich für Science Fiction – wie das Zeug dann später genannt wurde – interessierte, für Kriminalgeschichten, Western, Fantasy, Liebesgeschichten oder Abenteuer in der Südsee.

Dementsprechend besteht Servers Buch, nach einem einführenden Kapitel, das die Vor- und Frühgeschichte der Pulps behandelt, aus sieben Kapiteln, deren jedes einem Teilbereich der Pulps gewidmet ist: „Horror and Fantasy“, „Adventure“, „Private Eyes“, „Romance and Sex“, „Hero Pulps“, „Tales of Weird Menace“ und schließlich „Science Fiction Pulps“. Dieser letzte Abschnitt ist sicher für viele besonders interessant – es erübrigt sich fast, daran zu erinnern, daß hier alles angefangen hat: Bunte Titelbilder mit halbnackten Frauen, deren Anatomie jeglicher Schwerkraft spottet, tentakelbewehrte Monster, Raumpiraten – aber auch Bloch, Bradbury, Simak, Sturgeon, Asimov kommen aus den Pulps, ebenso wie der verlagstechnisch so geschickte Gedanke der Leserkontaktseiten, wie das amerikanische Fandom überhaupt.

Danger Is My Business ist keine Anthologie von Geschichten aus der Pulpzeit und enthält nur sehr wenige Ausschnitte aus der Literatur. Dafür ist es eine Schatzkammer anTitelbildern, Illustrationen, faksimilierten Seiten, Autorenfotos (darunter das eine Bild von Lovecraft, das eh schon jeder kennt, dafür aber nicht nur die Kopfansicht, sondern ganz). Bunt, bunt, bunt. Der Begleittext ist so ausführlich, daß man dennoch nicht mehr von einem reinen Bildband sprechen kann; er zeigt (auch wirtschaftliche) Zusammenhänge in der Entwicklung der Magazine auf und enthält darüber hinaus köstliche Anekdoten und Details aus dem Leben der Autoren: Walter Gibson schrieb durchschnittlich 10.000 Wörter am Tag für The Shadow, die Figur des Shadow selbst wurde von einem geistig labilen Radioschreiber erdacht, der ein paar Jahre später in einer Absteige in der Bowery umgebracht wurde, Walt Coburn war einer der wenigen echten Cowboys unter den Schreibern von Westernpulps.

Über der Phantastik sollte man jedoch nicht die anderen Kapitel vernachlässigen. Die Faszination der Pulps kommt für mich erst bei den Western-, Abenteuer- oder Liebesgeschichten voll zum tragen. Die sündigen Geschichten mit überraschend freizügigen Illustrationen erschienen in French Night Life oder in der Spicy-Serie: Spicy Detective Stories, Spicy Western, Spicy Adventure, Spicy Mystery. Einzelne Absätze werden zitiert, die sich wirklich köstlich lesen. Und echtere Helden als Doc Savage findet man nirgendwo:

„Nun,“ sagte Doc Savage, „Ich schätze, man könnte es unseren Beruf nennen, Unrecht wiedergutzumachen und Übeltäter zu bestrafen, und dabei bis an die entferntesten Enden der Welt zu gehen, wenn es nötig ist.“
„Das klingt ziemlich dumm,“ sagte Fiesta.
Der Mann aus Bronze gab keine Antwort darauf.

Auch für die Entwicklung der Kriminalliteratur spielen die Pulps eine große Rolle. Hammett und Chandler schrieben beide für Black Mask. Ausschnitte aus älteren Geschichten, vor der Zeit als Carroll John Daly und Dashiell Hammett das Genre revolutionierten, führen einem erst deren Leistung vor Augen.
Mich faszinieren die Pulps einmal wegen dieser Auswirkungen auf die spätere Genreliteratur, vor allem aber wegen der einzigartigen Kombination aus Naivität und Berechnung, aus Kreativität und wirtschaftlichen Faktoren, die sie ausmachen. Die Geschichten sind oft formelhaft – Lester Dent schrieb meist mehrere Doc-Savage-Romane gleichzeitig, an nebeneinanderstehenden Schreibmaschinen -, meist für ein jugendliches oder jedenfalls einfaches Publikum konzipiert; die Autoren schrieben unter Zeitdruck. Es waren archaische, unschuldige Geschichten, man mußte sich keines Klischees schämen. (Desto mehr empört es mich, wenn mir heute in Film oder Buch Unfug vorgesetzt wird, der dieselben alten Klischees bringt, dem aber die Frische und der durchaus nicht immer unfreiwillige Humor der Pulps abgeht.) Ein Autor konnte sich auf hundert Seiten austoben, um sich erst im letzten Absatz wieder auf die Handlung zu besinnen und rasch eine Erklärung für das gesamte Geschehen im Roman zu liefern:

Chandra Lal saw Elise on the street once, desired her, checked up on her, found you, bribed the Calder girl to help him. They took their time. The Calder girl practised until she could imitate the voice of your wife. She was well paid, but not enough to justify the murder of Bergstrom, for which she must pay the penalty as an accomplice. Edna Calder suggested Chandra Lal to Elise. He wasn’t a Hindu. He just made up for the part. He has a record at headquarters a mile long. For crimes, and attempted crimes, of passion…

Und so sind viele der Geschichten heute noch mit Genuß und Belehrung zu lesen; die anderen sind immer noch von historischem Interesse.
Ein abschließendes Kapitel in Servers Buch beleuchtet die letzten Jahre der Pulps und erörtert Gründe für ihren letztendlichen Untergang (etwa den Aufstieg der comic books). Ein Anhang informiert über das Sammeln von Pulps und nennt Adressen, die dabei behilflich sein können; die letzten Seiten enthalten eine Bibliographie und den Index.

Das Buch ist leider im Moment nicht mehr im Druck; man kann es aber unschwer gebraucht finden (etwa bei www.abe.com oder bei Amazon).

Balls II

Eine vielgeliebte Einrichtung des nordamerikanischen Kontinents sind Roadside Attractions. Es gibt dort so viele leere Landstraßenkilometer und so wenig Geschichte, dass sich entlang der Straßen die Kuriositäten breit machen: George Washington schlief hier; Alligatorenfarmen; das Tupperware-Museum; ein Felsen, der aussieht wie ein großes Kaninchen; oder eben auch das größte Garnknäuel in Minnesota, vielleicht sogar der Welt:

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Weird Al Yankovic hat diesem Knäuel eine großartige Hymne gewidmet. Hier gibt es den Text, reinhören kann man bei Amazon.de.

Garrison Keillor hat in den Geschichten aus Lake Wobegon, zu denen ich dringend bald etwas schreiben muss hier etwas geschrieben habe, eine Geschichte über The Biggest Pile of Burlap Bags in Minnesota – den größten Haufen an Leinensäcken in Minnesota. Wie der Haufen zu wachsen beginnt, aus reiner Faulheit des Besitzers. Und wie dann sein Schwiegersohn, ein rechter Spötter, eine Webseite dazu einrichtet. Diese Webseite wird immer populärer, und der Haufen wächst, und Touristen kommen vorbei, und der Berg an Säcken gewinnt spirituelle Bedeutung und ändert das Leben der vorbeikommenden Touristen. Und sei es nur, dass der Anblick solchen enormer Massen einen übergewichtigen Trucker tröstet. Nicht jede Stadt kann den größten Berg und den tiefsten Canyon haben, aber irgendein Höchstes oder Größtes ist immer drin. Das erklärt diese Attraktionen vielleicht.

Der Route 40 kann man quer durch Amerika folgen und dabei an vielen Attraktionen vorbeikommen:

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Burma Shave

burmashave

Das erste Mal bin ich wohl in einem Johnny-Hart-Cartoon darauf gestoßen („Neander aus dem Tal“ / „B.C.“). Dort rollt einer den Berg hinunter und liest nacheinander die Schilder: „Kurve scharf / Abfahrt wild / Schauf auf die Straße / Nicht aufs Schild“. So etwas merke ich mir, ich weiß auch nicht warum.

Dann kamen mir immer wieder mal Hinweise auf „Burma Shave“ unter, nicht zuletzt etwa bei dem gleichnamigen Lied von Tom Waits. Oder bei Thomas Pynchon, Gravity’s Rainbow, S. 65 meiner Ausgabe (ich hab’s nie zu Ende gelesen, aber wohl immerhin mal bis dorthin geschafft).
Das war Jahre, bevor ich wusste, wie man ein Lexikon bedient. Das Internet war damals noch gar nicht gefunden.

Jetzt weiß ich’s endlich, nicht zuletzt dank Frank Rowsome, Jr., The Verse By the Side of the Road: Reklame für rasierpinselfreien Rasierschaum von 1927 bis 1963. Die Firma Burma Shave stellte entlang der reichlichen und damals noch weniger befahrenen Landstraßen der USA Schilder auf, rot mit weißer Schrift. Meist jeweils sechs Schilder mit je einer Zeile eines Gedichts; die letzte Zeile war dabei immer „Burma Shave“. Versmaß, Reim, Tonfall und typische Themen kann man den folgenden Beispielen entnehmen:

Frauen

His cheek
Was rough
His chick vamoosed
And now she won’t
Come home to roost
Burma-Shave

If your peach
Keeps out
Of reach
Better practice
What we preach
Burma-Shave

To kiss
A mug
That’s like a cactus
Takes more nerve
Than it does practice
Burma-Shave

Verkehrssicherheit

On curves ahead
Remember, sonny
That rabbit’s foot
Didn’t save
The bunny
Burma-Shave

Violets are blue
Roses are pink
On graves
Of those
Who drive and drink
Burma-Shave

Frauen und Verkehrssicherheit

The place to pass
On curves
You know
Is only at
A beauty show
Burma-Shave

Hygiene

His brush is gone
So what’ll we do
Said Mike Robe I
To Mike Robe II
Burma-Shave

My job is
Keeping faces clean
And nobody knows
De stubble
I’ve seen
Burma-Shave

Süß.