The Jazz Singer I (Hintergrund)

Vor einer Woche kam The Jazz Singer auf Arte, spät nachts. Ich bin stolz auf meine Familie, denn selbst meine Mutter hat diesen Film unabhängig von mir aufgenommen. Es folgt eine längere Geschichte.

Ich bin aufgewachsen mit amerikanischen Film-Musicals der 30er bis 50er Jahre. (Than which, there are few things better, believe you me.) Die frühen, schwarz-weißen Fred-Astaire-Filme; die nächste Generation mit Gene Kelly; die wunderbaren Filme nach Fred Astaires Comeback: The Band Wagon, Easter Parade.

Eines der berühmtesten dieser Musicals, und eines der letzen reinen Filmmusicals ohne Broadway-Vorlage, ist Singin’ in the Rain (deutsch: Du sollst mein Glücksstern sein).
Die Handlung spielt Ende der 20er Jahre: Der erste große Tonfilm, eben The Jazz Singer, revolutioniert das Filmgeschäft. Don Lockwood und Lina Lamont, ein erfolgreiches Stummfilm-Paar, müssen sich umstellen: Ihr erster Tonfilm wird eine Katastrophe, da Linas Sprechstimme, die bislang ja keine Rolle spielte, furchtbar ist. Don, ein Freund aus Vaudeville-Tagen, und das Nachwuchstalent Kathy Seldon wollen den Film retten: Indem sie Kathy die zickige Lina synchronisieren lassen und einen Musikfilm aus dem ursprünglichen Mantel- und Degenfilm machen.
Singin’ in the Rain (1952) enthält lustige Parodien auf Stummfilme, großartige und berühmte Tanznummern (von Cyd Charisse kann ich gar nicht genug sehen), und so gut wie alle Lieder sind Lieder aus eben der Zeit, in der der Film spielt. Dabei hat die fabelhafte neue Version der Titelnummer, “Singin’ in the Rain” mit Gene Kelly tanzend im Regen, jegliche Erinnerung an irgendwelche Vorgänger verdrängt. Zu diesem Film wäre noch soviel zu schreiben, dass irgendwann mal ein eigener Eintrag fällig ist.

Und daher kenne ich also The Jazz Singer. Außerdem wusste ich, dass der Film tatsächlich den Tonfilm einläutete, ein Riesenerfolg war, und dass Al Jolson die Hauptrolle spielt – viel mehr wusste ich nicht.
Von Al Jolson wusste ich, dass George Burns ihn für den größten Entertainer der Welt hielt.

Oy.

Jetzt muss ich auch noch erklären, wer George Burns und Al Jolson waren.

George Burns kennt man aus The Sunshine Boys, dem Film nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Neil Simon (hier eine Liste von Simons Drehbüchern und Theaterstücken). Neben Walther Matthau spielt er die eine Hälfte eines Vaudeville-Duos.… herrgott, muss ich jetzt auch noch was zu Vaudeville schreiben?… eines Komikerduos, das für eine TV-Jubiläumssendung noch einmal auf die Bühne soll. Die beiden hassen sich allerdings immer noch wie die Pest.
George Burns, Jahrgang 1896, war damals 79 Jahre alt und erhielt einen Oscar. Zwei Jahre später spielte er Gott in Oh God! (mit John Denver; Regie: Carl Reiner, von dem wir auch Dead Men Don’t Wear Plaid/Tote tragen keine Karos haben, ganz zu schweigen von Rob Reiner, seinem Sohn, ich sag’ nur: The Princess Bride, Stand By Me, Misery, When Harry Met Sally).
Und danach ging George Burns’ Karriere erst richtig los: Filme, Fernsehauftritte, Kabarettauftritte, Bücher. Dicke Brille, große Ohren, Smoking, dicke Zigarre, Martinis, zweideutige Witze, viel Persönlichkeit. George Burns starb 1996 einige Wochen nach seinem hundertsten Geburtstag. “I’m going to stay in show business until I’m the only one left.” So gut wie ihm ist das kaum einem gelungen.

Aber das war nur die dritte Karriere von George Burns. Von 1950–1958 lief im amerikanischen Fernsehen The George Burns and Gracie Allen Show.
George Burns und seine Frau Gracie Allen waren einige der wenigen Radiostars, die den Sprung zum Fernsehen geschafft hatten. Bei der Umstellungen auf das neue Medium blieben fast so viele Karrieren auf der Strecke wie bei der Umstellung zum Tonfilm – ähnlich wie in Singin’ in the Rain geschildert.

Vor dieser Fernsehshow waren George Burns und Gracie Allen Radiostars. Ihre Show lief nach einem ersten Radio-Auftritt 1929 (in England) von 1932–1950. Während der Zeit hatten sie Gastauftritte in vielen Kinofilmen, und waren auch ab und zu selbst die Hauptdarsteller, etwa zusammen mit Fred Astaire in A Damsel in Distress (Drehbuch: P.G. Wodehouse, und das merkt man). Vor dieser Erfolgsserie tingelten George Burns und Gracie Allen durchs amerikanische Varieté, das Vaudeville, wo fast alle amerikanischen Entertainer der ersten Jahrhunderthälfte ihr Handwerk lernten (George Burns, George Jessel, Eddie Cantor, Al Jolson, die Marx Brothers, Jack Benny, Fred Allen, Jimmy Durante, Sophie Tucker, Fanny Brice – gespielt von Barbra Streisand in Funny Girl, und viele mehr).

George Burns spielte dabei den straight man, Gracie Allen war für die lustigen Sprüche zuständig. Das war eine übliche Aufgabenteilung bei Komikerduos (wie bei Abbott und Costello, Dean Martin und Jerry Lewis); wobei die Rolle des straight man keinesfalls die leichtere war. Zeit seines Lebens spielte George Burns seine eigene Leistung herunter und betonte, allen Erfolg habe er nur seiner Partnerin und Frau Gracie zu verdanken. Dabei schrieb er beider Texte, und seine Leistungen im hohen Alter zeigen, dass George Burns keinesfalls so unbeteiligt am Erfolg gewesen sein kann, wie er immer behauptete.

Und dieser Mann hielt Al Jolson für den größten Entertainer seiner Zeit.

Al Jolson wurde um 1886 in Litauen als Asa Yoelson geboren; sein genaues Geburtsdatum war ihm selbst nicht bekannt. Er war 41 Jahre alt, als The Jazz Singer in die Kinos kam, und hatte bereits eine große Broadway-Karriere hinter sich. 1945 kam eine Filmbiographie heraus, The Jolson Story; Jolson spielte sich zwar nicht selbst (er war um die 60), sang im Soundtrack aber seine eigenen Nummern, und wurde damit wieder ein Star.
Jolson ließ in der Künstlergarderobe immer das Wasser laufen, um ja nicht den Applaus der Nummer vor ihm mitzukriegen. Er war wohl ungemein von sich selbst eingenommen:

It was easy enough to make Jolson happy at home. You just had to cheer him for breakfast, applaud wildly for lunch, and give him a standing ovation for dinner. (George Burns)

Und:

I’ll tell you when I’m going to play the Palace. That’s when Eddie Cantor and George Burns and Groucho Marx and Jack Benny are on the bill. I’m going to buy out the whole house, and sit in the middle of the orchestra and say: Slaves, entertain the king! (Al Jolson)

Er muss aber auch unglaublich gut gewesen sein:

Gracie and I are playing in Denver. And we are on number three. We were a little man-and-woman act. We were playing the big time, but we’re a small act. AI Jolson is playing at another theater. We got two tickets and we ran over to see Jolson. We never took off our makeup. We got there about … ten minutes after nine. Nine-thirty, no Jolson A quarter to ten, the people are applauding. Finally Jolson walks on the stage full of snow. It was snowing in Denver. He told the audience he went to a party and got carried away. He was talking, and he’s sorry he was late.
He said, ‘Do you mind if I put on my makeup here?’ He stripped to the waist up. Put on blackface. Did about twenty minutes of the show and then said, ‘Wait a minute! You know what happens. The horse wins the race. The fellow gets the girl. Do you want to see that, or do you want me to entertain you?’ They all said, ‘Entertain us!’ He brought the Golden Girls out on the stage. He said, you girls who have dates, go about your business.’ Three or four girls left. He said, ‘The rest of you sit down on the floor.’
He entertained the audience until one o’clock in the morning. At one o’clock in the morning he says, ‘I’m going to take off my makeup and I’m going next door in the restaurant. There is a piano in there. I’ll bring out the piano player and sing a few songs, too.’ Everybody ran out after him. There was nobody like him. (George Burns, zitiert nach: Herb Fagen, George Burns. In His Own Words)

Als Al Jolson mit 64 Jahren starb, wurden die Lichter am Broadway in Erinnerung an ihn ausgeschaltet.

All das wusste ich über Al Jolson; ich kannte ein paar Lieder, ich kannte ihn von Radioauftritten und ein paar Episoden seiner Radiosendung The Al Jolson Show. Sie hieß eigentlich gar nicht so, sondern immer nach dem jeweiligen Sponsor, etwa: The Colgate Program, und lief mit einigen Jahren Unterbrechungen immer wieder mal von 1932–1949. Ich wusste, dass eines von Jolsons Markenzeichen war, sich an besonders dramatischen Stellen im Lied auf ein Knie sinken zu lassen, und ich wusste, dass einige blackface-Nummern für ihn typisch waren. (Dazu später mehr.) Aber ich hatte ihn noch nie gesehen, und auch The Jazz Singer noch nicht.

Meine Begegnung mit den beiden kriegt einen eigenen Eintrag, und zwar den nächsten. Um mit dem berühmtesten Zitat von Al Jolson zu schließen:

You ain’t heard nothing yet.

(Fortsetzung.)

Eine Antwort auf „The Jazz Singer I (Hintergrund)“

  1. Ein toller Bericht und tolle Bilder. Ich bin echt sprachlos.
    Werde deine Seite in meine Favouriten aufnehmen.
    gruß KARl

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