Place names

Mein Interesse für amerikanische Ortsnamen hat angefangen, soweit ich mich erinnere, mit einem Blogeintrag von Peter David. David, ein bekannter Comic-Autor, trug zumindest damals eine Fehde mit dem ähnlich bekannten John Byrne aus. Lange Geschichte, und vielleicht ist Fehde nicht mal das richtige Wort.
Jedenfalls machte man sich im Byrne-Forum über den Namen eines Schauplatzes in einer Serie von Peter David lustig, eine Stadt namens Bete Noire. So heißt doch keine Stadt!
David kommentierte das in seinem Blog so:

Well, gee. I could have gone for something even more obvious, like Hell, but that’s a real city in Michigan. Or perhaps Panic or Fearnot, but those are both in Pennsylvania. Some believe that Bete Noire is where the dead reside, so I could have called it River Styx, but that’s in Ohio. Peculiar would’ve been good, but the folks in Peculiar, Missouri, might have objected. Maybe the sound makes when one is scared: Eek. But no, that’s in Alaska, the state that also gave us a town called Chicken. The population of Bete Noire is eclectic, but we’d probably hear from the mayor of Eclectic, Alabama, who might have been tipped off to it by the mayor of another Alabama locale, Muck City.

I could have gone for something ironic and called it Plain City, but that’s in Utah, or Boring, but that’s in Maryland. Or just plain No Name, but that’s in Colorado. My search for a city name built to a Climax… …Climax, North Carolina, not to be confused with Climax, Pennsylvania, which is also not to be confused with Intercourse, Pennsylvania.

And shall we discuss Monkeys Elbow, Kentucky or the name of another city in Louisiana…… Uncle Sam, LA? Nah. (blog entry July, 2003)

Davon angestachelt, lieferten die Kommentare zum Blogeintrag viele weitere ungewöhnliche Städtenamen:

  • „Having grown up in North Carolina, I know that Climax, NC is not too far from Horneytown, NC.“
  • „Someday someone will write about all the weird and unusual things that ironically go on in NORMAL, IL.“
  • „In terms of strange place names…please. I live in Newfoundland. I have to drive through Dildo (and South Dildo) to get to my grandparents who live in Heart’s Delight. If I want to see my aunt and uncle, I have to go through Heart’s Desire and Heart’s Content.“
  • „And that doesn’t include places such as Conception Bay, Placentia, Upper Gullies, Joe Batt’s Arm, Virgin’s Arm and Leading Tickles. Just to name a few.“
  • „The One Name to Rule Them All: TOAD SUCK, ARKANSAS.“

Außerdem schlugen die Kommentatoren zwei Bücher zur Lektüre vor: Blue Highways von William Least-Heat Moon. Das habe ich gelesen, auch wenn Ortsnamen nur eine kleine Rolle spielen. Interessanter in dieser Hinsicht ist Passing Gas, And Other Towns Along the American Highway von Gary Gladstone, eigentlich ein Bildband. Das Konzept: Gladstone suchte sich kleine Orte mit merkwürdigen Namen aus, fuhr hin, plauderte mit den Einheimischen, machte ein möglichst prägnantes Porträtfoto und schrieb eine Vignette zu dem Ort. Untertitel: „Portrait from the Heartland.“
Das Buch lebt von den Bildern und den kurzen Texten, die ich hier nicht beschreiben oder wiederholen will.

Die von Gladstone besuchten Orte sind natürlich Gas (Passing Gas ist ein Wortspiel); daneben Surprise, Purgatory, Boogertown, Embarrass, Boring, Good Grief und viele mehr. Auch das oben schon erwähnte Toad Suck ist dabei. Laut Ozzie, dem Besitzer von Ozzie’s Toad Suck One Stop Supermarkt, kommt der Name von den Fährleuten, die dort früher Selbstgebrannten getrunken haben, bis sie aufquollen wie Kröten. Oder so ähnlich.
Allerdings möchte ich auf folgenden NPR Podcast hinweisen, den ich auch schon mal als Listening Comprehension eingesetzt habe: The Dog Who Loved to Suck on Toads. (Google liefert weitere Artikel zu diesem Thema.) Anscheinend ist das Gift mancher Krötenarten eine psychedelische Droge, zumindest für Hunde. Vielleicht sollte man das mal recherchieren.

Aber es gibt ja noch so viel Schönes zu Namen! Im schon mal vorgestellten Limits of Language stellt Mikael Parkvall anhand von etwa fünfzig Beispielen die amerikanische Tradition der Portmanteau-Ortsnamen vor: Calnevari, Nevada, an der Grenze zu California und Arizona. Ähnlich Calneva, Calvada und Calzona. Dakoming zwischen Wyoming und South Dakota. Texarkana auf der Trennlinie zwischen Texas und Arkansas. Mexicali in California, Grenze zu Mexico. (Auf der anderen Seite: Calexico.)
Parkvall führt auch Ortsnamen an, die aus rückwärts buchstabierten Nach- oder Vornamen bestehen: Siwel, Sevets, Nostrebor und Roylat, oder Darnoc, Lebam und Adnaw.

Kein Blogbeitrag des Ortsnamen-Freunds wäre vollständig ohne Erwähnung des Lieds „Entering Marion“ von John Forster. Es geht darin um die jährliche Urlaubsreise eines jungen Mannes mit dem Auto durch Amerika, der dabei durch die Stadt Marion kommt. Ich würde das Lied ja neben „The Biggest Ball of Twine in Minnesota“ (Weird Al) regelmäßig im Unterricht durchnehmen, wenn der Inhalt nicht so zweideutig wäre:

But the feeling of entering Marion
Had a kick that was hard to define…
A rapturous rush, a physical flush,
Chills up and down the spine.
For the few minutes I was in Marion
All Massachusetts was mine.

Das geht so lange gut, bis er eine andere Route nimmt und auf die Stadt namens Beverly stößt. Und Sharon. Seine Fahrten geraten außer Kontrolle. Erst nach den Ortschaften Lawrence, Quincy und Norton findet er wieder zu seiner ersten Liebe zurück. Und das alles in sehr fröhlichem Rhythmus.

— Auslöser für diesen Blogeintrag war letzten Endes ein Podcast von Slate zur Neuauflage von Names on the Land von George R. Stewart: „A historical account of place-naming in the United States.“ Erstausgabe 1945, überarbeitete Ausgaben 1956 und 1967. Das habe ich bestellt und es liegt vor mir. Freue mich schon darauf. Slate preist das Buch als „a disguised wartime plea for the triumph of cardinal American virtues: buoyancy and tolerance, curiosity and confidence, love of the land and faith in the future.“

George R. Stewart, klingt irgendwie bekannt… von dem ist Earth Abides, ein Klassiker der Science Fiction. Die Welt ist doch klein. Ich habe das Buch nicht gelesen, bin aber immer wieder darauf gestoßen und kenne eine zweiteilige Hörspielfassung aus den 1950ern.

Da wollen wir doch schließen mit ein paar Zeilen aus dem Zwischenkapitel „The Naming of Names“ aus The Martian Chronicles von Ray Bradbury:

They came to the strange blue lands and put their name upon the lands. Here was Hinkston Creek and Lustig Corners and Black River and Driscoll Forest and Peregrine Mountain and Wilder Town, all the names of people and the things that the people did. Here was the place where Martians killed the first Earth Men, and it was Red Town and had to do with blood. And here where the second expedition was destroyed, and it was named Second Try, and each of the other places where the rocket men had set down their fiery cauldrons to burn the land, the names were left like cinders, and of course there was a Spender Hill and a Nathaniel York Town….

Solange es noch Facharbeiten gibt, könnte man ja eine zu diesem Thema vergeben. Mir fällt aber keine gute Fragestellung dazu ein. Ortsnamen in der Literatur? Vergleich mit Ortsnamen der britischen Inseln?

Louise Fitzhugh, Harriet the Spy

Bei meinem Podcast-Potpourri war neulich auch folgender NPR-Beitrag „Unapologetically Harriet, the Misfit Spy“ dabei, ein Beitrag aus der Reihe „In Character“ über wichtige, bekannte, folgenreiche oder vielleicht auch nur interessante fiktionale Figuren der amerikanischen Literatur und Popkultur.

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Von Harriet hatte ich noch nie gehört. Das klang interessant, ich habe mir das Buch besorgt (ist von 1964), es gelesen, und fand es so mitteilenswert, dass ich das hiermit teilen möchte.

Harriet ist elf Jahre alt und führt schon seit einigen Jahren ein Notizbuch, in das sie alle Beobachtungen, die sie macht, einträgt. Beobachtungen heißt: Sie sieht sich als Spionin, hat einen Arbeitsgürtel mit Spion-Utensitilien und eine regelmäßige Route, auf der sie Freunde, andere Kinder, ihre Eltern, Lehrer, Nachbarn beobachtet. Schriftstellerin will Harriet mal werden. Harriet ist nicht unsympathisch, aber doch eher Richtung… „sociopath“ hat einer bei Amazon geschrieben, und da ist was dran. Ihre beste Freundin, ebenfalls zu ernst für ihr Alter, hat ihr Zimmer zum Chemielabor umgebaut und hat das Ziel, eines Tages die Schule in die Luft zu sprengen. Die Eltern spielen keine große Rolle in der Welt der Kinder, auch die von Harriet nicht ganz so blöde sind wie die von Courtney Crumrin. (Lobenswert immerhin, dass es am frühen Abend Martini-Cocktails für Vater und Mutter zu Hause gibt.)

Eines Tages gerät das Notizbuch in die Hände von Harriets Mitschülern. Die das überhaupt nicht lustig finden, was da über sie drinsteht; die Feinde nicht und die Freunde auch nicht. Harriet wird zur Ausgestoßenen, reagiert trotzig und gemein. Ihre Aufzeichnungen – sie hat sich natürlich gleich ein neues Buch gekauft – werden immer zwanghafter.

Ein bisschen lustig, aber nicht sehr; eher spannend, vor allem nach der Entdeckung des Notizbuches; vor allem wieder mal eine Hauptfigur mit ganz eigener Gedankenwelt, jünger und nicht ganz so introspektiv wie Adrian Mole – sie beobachtet sich selber nicht so genau wie ihre Umwelt.

Als Englischlektüre? Vielleicht in einer guten achten Klasse. Ich muss das mal einem Schüler zur Probe ausleihen.

The Great Depression

Der Anlass: Die Library of Congress, bei der es ohnehin unglaublich viel an Material zu finden gibt, hat vor ein paar Tagen über 3000 Fotos bei flickr eingestellt. Ich finde den Gedanken schon mal toll, dass staatliche Institutionen ihr Material öffentlich zugänglich machen, und dass die dazu dann auch noch die Mittel nutzen, mit denen man heute Publikum erreicht. (Lobenswert ist bei uns die Bundeszentrale für politische Bildung, die viel anbietet – die Texte der Informationen zur politischen Bildung etwa, auch wenn mir das ganze Heft als pdf lieber wäre.)

Es gefällt mir, dass die USA so ein sammelwütiges Verhältnis zur Geschichte haben. Die Geschichte der USA mag nicht so lang sein wie die Deutschlands, aber sie wird gelebt. Nur so kann man zum Beispiel Lieder wie „The Presidents“ (Youtube) von Jonathan Coulton erklären, ein Lied, in dem alle Präsidenten der USA aufgezählt und kurz kommentiert werden.

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Bei den Bildern handelt sich um Fotos aus den 1910er und aus den 1930er-1940er Jahren. Die Bilder sind lizenzfrei (ich nehme an, dass sich das auch auf nicht-amerikanische Nutzer bezieht), man kann sie kommentieren und bewerten – Web 2.0 halt. Die Library of Congress bittet sogar um Kommentare und Mithilfe bei der Identifizierung.

Die 1930er Jahre sind eine für mich sehr spannende Zeit. Die Depressionszeit kennen wir aus der Fernsehserie Die Waltons. „Gute Nacht, John-Boy“ sagt selbst meinen LK-Schülern noch etwas.
Nach dem Börsenkrach 1929 ging es den USA wirtschaftlich sehr schlecht, die Arbeitslosenquote stieg auf bis zu 25%. Ikonisch geworden sind Suppenküchen und die bread lines, an denen man anstehen konnte, um etwas zu essen zu kriegen.

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(Franklin Delano Roosevelt Memorial, Washington.
Beim USA-Aufenthalt mit Schülern aufgenommen.)

Tolles Buch dazu: They Shoot Horses, Don’t They von Horace McCoy. Ein Klassiker der schwarzen Serie, gar nicht lang. Rückblickend wird die Geschichte zweier Teilnehmer an einem Tanzmarathon erzählt. So ein Tanzmarathon sah so aus: Paare meldeten sich an, in der Hoffnung, einen eher mageren Preis zu gewinnen. Und dann wurde getanzt, rund um die Uhr, mit fünf Minuten Pause pro Stunde und einer ganzen Stunde Pause pro Tag. Und das Tag um Tag um Tag um Tag. Das letzte Paar auf den Beinen kriegt den Preis. Drumrum immer wieder Zuschauer, und wenn es denen zu langweilig wurde, gab es eine kleine Einlage – drei Runden um die Bahn etwa, und das letzte Paar musste ausscheiden. Dschungelcamps gab es früher also auch schon.

Ein anderes Phänomen: Taxi Dancing. Das waren Etablissements, in denen man als zahlender Herr mit den dort angestellten Damen tanzen konnte. Am bekanntesten ist das geworden durch das Lied „Ten cents a dance“ gesungen von Ruth Etting, noch schöner allerdings in der Version von Doris Day aus der verfilmten Lebensgeschichte von Etting. („Love Me Or Leave Me“, zusammen mit James Cagney. Das war ein paar Jahre, bevor sich Doris Day zur braven Filmhausfrau entwickelte.)

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Ten cents a dance, that’s what they pay me
Gosh how they weigh me down.
Ten cents a dance, pansies and rough guys, tough guys who tear my gown.
Seven to midnight I hear drums, loudly the saxophone blows,
Trumpets are tearing my ear-drums, customers crush my toes.
Sometimes I think, I’ve found my hero
But it’s a queer romance;
All that you need is a ticket,
Come on big boy, ten cents a dance.

(Da das Lied inzwischen nicht mehr bei Youtube ist, hier eine schöne Version bei Vimeo.)

Gerne im Vergleich dazu: „Nachtcafé“ von Gottfried Benn, ein Gedicht, das ich sehr oft im Unterricht vorstelle.

(Ganz am Rande: Ich suche den Titel einer Kurzgeschichte, die ich irgendwo mal gelesen habe. Ein Mann kommt in ein Tanzlokal, trifft dort Tanzdame oder Zigarrettenmädchen, die erzählt von ihrem Ex, den sie sitzen lassen hat; der Mann erledigt sein eigentliches Geschäft dort – irgendeine Schießerei? – der Exfreund kommt und holt sie raus. Der Titel war irgendein Eigenname, glaube ich. Die üblichen Verdächtigen: Irgendwas aus der Pulp-Zeit; lange glaubte ich, es sei „Cigarette Girl“ von John M. Cain, das war’s aber doch nicht. „The Dancing Detective“ von Cornell Woolrich auch nicht.)

Der aberwitzigste Film zur Depressionszeit ist Sullivan’s Travels von Preston Sturges (1941). Ein erfolgreicher Regisseur und Autor von Filmkomödien entdeckt sein Gewissen und möchte ein relevantes, sozialkritisches Werk verfassen. Dazu zieht er mittellos durch Amerika und erlebt Abenteuer. Der Film ist genial. Einen solchen Tempowechsel von Slapstick, screwball comedy, Beziehungsdrama, Sozialdrama, Gefängnisfilm kenne ich sonst nur aus chinesischen Filmen. Am Schluss ist der Regisseur jedenfalls geläutert und will weiterhin Komödien drehen. People mutht be amuthed. Seinen geplanten sozialkritischen Film macht er nicht, er hätte „O Brother, Where Art Thou“ geheißen.

(Was zu einem anderen Film überleiten könnte, der in der Depressionszeit spielt, der köstliche „O Brother, Where Art Thou“ der Coen-Brüder.)

Seichte Unterhaltungsfilme: Die Dreißiger waren auch ein Höhepunkt der Unterhaltung, der Radiosendungen, der Pulp-Magainze, von Film und Hollywood-Musical. Fred Astaire und Ginger Rogers sangen und tanzten ganz wunderbar, als ob um sie herum nicht Armut und Leid herrschten. Again: People mutht be amuthed.

Überhaupt waren die 30er eine große Zeit für Musik. Das war die Zeit noch vor Jazz und Swing (nichts gegen Swing), und noch war genug Potential im gemeinen Schlager, um tolle Lieder zu schaffen. Cole Porter, George und Ira Gershwin, Irving Berlin und und und. Ich habe einige CDs mit „Great Songs of the Depression“; in vielen populären Schlagern dreht es sich ums tägliche Brot und Arbeitslosigkeit. Einige Titel:

There’s no depression in love
What have we got to lose?
Supper time
I’m in the market for you
Banking on the weather
I’m an unemployed sweetheart
The boulevard of broken dreams
If I ever get a job again
Are you making any money?
Halleluja, I’m a bum
If I had million dollars
Let them eat cake
We’re out of the red
We’re in the money
Just a gigolo (das Gegenstück zu Ten cents a dance)

Und viele, viele mehr. Gibt es das heute auch noch, dass die populäre Musik in solchem Umfang Themen aufgreift, oder geht es nur um Herz und Schmerz? Damals haben natürlich Erwachsene die Musik gehört und gekauft und noch keine Teenager.

Schließen will ich mit der Hymne der Depressionszeit, „Brother, can you spare a dime“. Ein tolles Lied. Ich weiß, man muss ein Lied hören, um etwas dazu sagen zu können, der Text allein reicht nie. Aber falls euch das Lied irgendwann mal begegnen sollte, hört gut hin. (Aufnahmen gibt es viele Dutzend, alte und moderne. Es soll eine Tom-Waits-Version davon geben, derer ich aber noch nicht habhaft werden konnte. Die George-Michael-Version interessiert mich weniger.)

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(Viele andere Fassungen zum Reinschmecken bei Youtube.)

They used to tell me I was building a dream
With peace and glory ahead —
Why should I be standing in line, just waiting for bread?

Once I built a railroad, I made it run,
Made it race against time.
Once I built a railroad, now it’s done —
Brother, can you spare a dime?

Interpretation, Songtext und Real Audio zum Anhören
Texte weiterer Lieder aus der Zeit

Und dann ist da noch Studs Terkel. Studs Terkel ist, grob vereinfacht, ein amerikanischer Historiker, der unter anderem viele Sammlungen von oral histories verfasst hat. Hard Times (1970) ist eine lesenswerte derartige Sammlung von Erinnerungen an die Depressionszeit. Informationen dazu gibt es bei den Seiten von Studs Terkel. Unter anderem interpretiert dort auch Yip Harburg, Autor von „Brother, can you spare a dime“, das Lied sehr nachvollziehbar. Man kann diesen Text als gestreamtes real audio anhören, am Anfang der Aufnahme hört man eine schöne Version von den Weavers.

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(Woody Guthrie und John Steinbeck wollte ich auch noch unterbringen im Text, habe das aber nicht mehr geschafft. Zum wirtschaftlichen Hintergrund der Depression habe ich auch nichts geschrieben, und nichts über Franklin Delano Roosevelt, über den New Deal und die Programme, mit denen die Arbeitslosigkeit bekämpft wurde, nichts über den Zweiten Weltkrieg, der die USA erst wirklich aus dieser Phase holte.)

Links:


Casey at the Bat

JochenEnglish schlägt das Auswendiglernen von Gedichten als Möglichkeit vor. Als Nachtrag zu einer kurzen Baseball-Einlage vor den Weihnachstferien habe ich heute im LK diesen amerikanischen Klassiker von Ernest Lawrence Thayer gemacht. Auswendig werden ihn meine Schüler nicht lernen, aber bis Montag müssen sie den Vortrag üben.

Nötig ist ein bisschen Baseball-Grundwissen; ich empfehle auch sehr die Entstehungs- und Aufführungsgeschiche bei Wikipedia nachzulesen. Meine Audioaufnahme (unten angehängt) ist nicht perfekt, aber für mehr als zwei Versuche habe ich keine Zeit. Am schönsten war doch der Vortrag heute in der Schule – man braucht einfach ein Publikum dafür und muss das ganze natürlich durch Mimik und Gestik unterstützen.

Casey at the Bat

The outlook wasn’t brilliant for the Mudville nine that day:
The score stood four to two, with but one inning more to play.
And then when Cooney died at first, and Barrows did the same,
A sickly silence fell upon the patrons of the game.

A straggling few got up to go in deep despair. The rest
Clung to that hope which springs eternal in the human breast;
They thought, if only Casey could get but a whack at that –
We’d put up even money, now, with Casey at the bat.

But Flynn preceded Casey, as did also Jimmy Blake,
And the former was a lulu and the latter was a cake;
So upon that stricken multitude grim melancholy sat,
For there seemed but little chance of Casey’s getting to the bat.

But Flynn let drive a single, to the wonderment of all,
And Blake, the much despis-ed, tore the cover off the ball;
And when the dust had lifted, and the men saw what had occurred,
There was Jimmy safe at second and Flynn a-hugging third.

Then from 5,000 throats and more there rose a lusty yell;
It rumbled through the valley, it rattled in the dell;
It knocked upon the mountain and recoiled upon the flat,
For Casey, mighty Casey, was advancing to the bat.

There was ease in Casey’s manner as he stepped into his place;
There was pride in Casey’s bearing and a smile on Casey’s face.
And when, responding to the cheers, he lightly doffed his hat,
No stranger in the crowd could doubt ‚twas Casey at the bat.

Ten thousand eyes were on him as he rubbed his hands with dirt;
Five thousand tongues applauded when he wiped them on his shirt.
Then while the writhing pitcher ground the ball into his hip,
Defiance gleamed in Casey’s eye, a sneer curled Casey’s lip.

And now the leather-covered sphere came hurtling through the air,
And Casey stood a-watching it in haughty grandeur there.
Close by the sturdy batsman the ball unheeded sped-
„That ain’t my style,“ said Casey. „Strike one,“ the umpire said.

From the benches, black with people, there went up a muffled roar,
Like the beating of the storm-waves on a stern and distant shore.
„Kill him! Kill the umpire!“ shouted someone on the stand;
And it’s likely they’d a-killed him had not Casey raised his hand.

With a smile of Christian charity great Casey’s visage shown;
He stilled the rising tumult; he made the game go on;
He signaled to the pitcher, and once more the spheroid flew;
But Casey still ignored it, and the umpire said, „Strike two.“

„Fraud!“ cried the maddened thousands, and echo answered fraud;
But one scornful look from Casey and the audience was awed.
They saw his face grow stern and cold, they saw his muscles strain,
And they knew that Casey wouldn’t let that ball go by again.

The sneer is gone from Casey’s lip, his teeth are clenched in hate;
He pounds with cruel violence his bat upon the plate.
And now the pitcher holds the ball, and now he lets it go,
And now the air is shattered by the force of Casey’s blow.

Oh, somewhere in this favored land the sun is shining bright;
The band is playing somewhere, and somewhere hearts are light,
And somewhere men are laughing, and somewhere children shout;
But there is no joy in Mudville – mighty Casey has struck out.

Published in The Examiner (San Francisco) (3 June 1888)

Wie viele andere bin ich durch einen Aufsatz von Martin Gardner auf das Gedicht aufmerksam geworden. Es gibt viele Aufnahmen davon, Links alle bei Wikipedia. Fortsetzungen, Parodien, Neufassungen gibt es zuhauf; verschiedene Fassungen sowieso.

Mit Schülern kann man die Handlung zusammenfassen, die wenigen wichtigen Spielpositionen aufzeichnen und überprüfen, ob die Baseballregeln sitzen. Außerdem kann man mock-heroic untersuchen und die verschiedenen Register des Gedichts untersuchen, die nicht alle zur letztlich ja banalen Handlung passen.

Lies My Teacher Told Me

Weil doch bei Stiftung Warentest die Bio- und Geschichtsbücher so schlecht abgeschnitten haben, hier der Hinweis auf:

Ausgangspunkt des Buches ist laut Vorwort der schlechte Ruf, den Geschichte als Fach an amerikanischen High Schools hat: Die Schüler mögen es nicht, sie lernen nichts dabei, und die Universitäten jammern, dass sie bei Null anfangen müssen oder schlimmer noch, bei minus zehn, weil die Schüler so viel Falsches im Kopf haben.

In diesem Buch von 1995 untersucht James W. Loewen zwölf (zumindest damals) aktuelle Geschichtsbücher daraufhin, wie sehr sie an dieser Lage schuld sind. Ich bin noch im ersten Drittel, deshalb nur kurz: Loewen weist vor allem auf Auslassungen und grobe Vereinfachungen hin, untersucht deren Gründe und schlägt vor, wie man Abhilfe schaffen könnte. Denn letztlich sei Geschichte ja unglaublich spannend.

Liest sich sehr spannend. Und ich lerne viel über amerikanische Geschichte dabei.

Olbermann, Bush, Habeas corpus

Ich schreibe hier ja sonst nicht viel zum Zeitgeschehen. Aber der Kommentar „Beginning of the end of America“ von Keith Olbermann ist sehr lesenswert. (Und für die Schule gut verwendbar. Immer mein erster Gedanke. Passt leider grad nicht zum Rest des Unterrichts.) Gestern hat George W. Bush den Military Commissions Act unterzeichnet – wer wen wann foltern darf, wie öffentlich Gerichtsverhandlungen sein müssen, wann habeas corpus nicht mehr gilt. Ist schon traurig, was da mit den USA geschieht. Kippen könnte das ganze allerhöchstens noch ein Bundesgerichtshof, aber das sieht nicht wahrscheinlich aus.

Aber da wird Gewaltenteilung und habeas corpus, so oller Kram, wie er halt im Lehrplan steht, prall mit Leben gefüllt.

Gehört und gelesen: Podcasts & Superhelden 1

Transom ist eine Seite, die amerikanische Amateur-Rundfunkbeiträge veröffentlicht, und das schon seit vielen Jahren. Bevor es Podcasts gab, war das eine meiner schönsten Quellen für gut gemachtes Tonbeiträge; es gab nicht viel, aber sehr gutes Material.
Transom bringt Radiobeiträge, die den Ansprüchen des öffentlichen Rundfunks entsprechen, also sauber produziertes, intelligentes Material, mit technischen Angaben über die Aufnahmegeräte und -bedingungen für die Liebhaber. (Zu meiner Freude sehe ich, dass es inzwischen auch einen Podcast mit ausgesuchtem Material gibt. Wunderbar, gleich abonniert.)

Über Transom bin ich vor allem auf The Little Gray Book Lectures gestoßen, und um die geht es mir heute.

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Die schlechte Nachricht vorweg: Die Little Gray Book Lectures gibt es der ursprünglichen Form nicht mehr. Das zwaren zweistündige bunte Abende in diversen Bars oder Pubs (in Williamsburg, Brooklyn), mit vier Vorträgen pro Veranstaltungen. Anders gesagt: „TWO HOUR INSTRUCTIONAL VARIETY SHOW, often involving POWERPOINT PRESENTATIONS, ACCORDIONS AND DOGS.“
Veranstalter und Gestalter waren John Hodgman und Jonathan Coulton, dazu kamen Gastredner und Gastmusiker. Eine Pilot-Aufnahme gibt es bei Transom, und Ausschnitte aus anderen Lectures gibt es, angereichert mit irrwitziger Rahmenhandlung, bei LGB (auch als Podcast, es wird aber wohl bei den bisherigen sieben Beiträgen bleiben).

Die Lectures sind eine Parodie auf erzieherische und bildende Vortragsreihen und Broschüren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Themen sind drahtlose Kommunikation, Rollenspiele (mit Live-Spiel auf dem Podium), Vorteile des gemeinschaftlichen öffentlichen Singens, die wenig bekannte Musikrichtung des spy rock. (Das erinnert mich an die Einladung zum Essen bei mir, bei der jeder Gast ein kurzes Referat zum Thema „Was ich schon immer sagen wollte, was mich aber noch niemand gefragt hat“ halten musste.)
Wert gelegt wird auf audience participation, Abwechslung, Musik, Skurillität.

Aber wie bei allen guten Voträgen habe ich auch Einiges gelernt: Zum einen, dass George Washington nicht der erste Präsident der USA ist. Details gibt es in dieser Roadside Attraction, aber die Kurzfassung: Washington wurde Präsident im Jahr 1790. Die Unabhängigkeitserklärung war 1776. Was war eigentlich in der Zeit dazwischen? 1781 gab es die Articles of Confederation, den Vorgänger der Constitution. Unter diesem Vorgänger gab es acht Präsidenten, George Washington war (lediglich) der erste unter der aktuellen, noch heute gültigen Verfassung. Da ist doch auch irgendwo eine Facharbeit drin versteckt.

Weiterhin habe ich von Mrs Favell Lee Mortimer erfahren. Geboren 1802 in London, Bestseller-Kinderbuchautorin, unter anderem von „The Peep of Day; or: a Series of the Earliest Religious Instructions the Infant Mind is Capable of Receiving“ – die Zitate daraus haben mich dazu gebracht, das Buch gleich zu besorgen.
Vor allem hat sie aber drei Bücher über Europa und die Welt geschrieben, ebenfalls für Kinder, und das ohne jemals diese Länder gesehen zu haben. Das erste ist The Countries of Europe Described (1849), kommentierte und mit einem Vorwort versehene Auszüge aus allen Bänden gibt es in The Clumsiest People in Europe. Ein paar Proben ohne besondere Reihenfolge:

Siam:
Cross a river, and you pass from Burmah to Siam. These two countries, like most countries close together, have quarreled a great deal, and now Britain has got in between them, and has parted them: as a nurse might come and part two quarrelsome children. […] The Siamese resemble the Burmese in appearance, but they are much worse-looking. Their faces are very broad and flat; and so large are the jaws under the ears, that they appear as if they were swollen. Their manner of dressing their hair does not improve their looks […] In disposition the Siamese are deceitful and cowardly.

Portugal:
Portugal is very much like Spain; the people are alike, the customs are alike, the plants and animals are alike, and though the languages are not the same, there is a great likeness between them. Yet there is some difference between these countries.
What? Though the Portuguese are indolent, like the Spnaiards, they are not so grave, and sad, and silent. They are proud like the Spaniards, but they are more deceitful. They have black eyes, and hair, and dark complexions liek the Spaniards, but they have whiter teeth, for they never smoke, and it is smoking paper cigars which spoils the teeth in Spain.

Scotland:
One day a traveller said to a Scotchman, „Does it always rain, as it does now?“ „No,“ replied the man, „it snaws sometimes.“
He said „snaws,“ instead of „snows,“ for the poor Scotch speak their words very broad.

Germany:
I cannot say the cottages are very pleasant. The lower room is the cow’s stable. This would be well if the upper room was clean; but it is not. As the women are so much out of doors, they do not keep the house clean. There is a dresser with the shelves, beds with curtains, and a stove; but all is dirty and uncomfortable.

Borneo:
This is the largest island in the world, except one. Borneo is a heathen island. Yet Borneo is not an island of idols, as Ceylon is. All heathens do not worship idols.

Madrid:
This city is built just in the middle of Spain.
The king, who chose Madrid for his chief city, made a foolish choice; for it is far from the sea, and there is no great river near, only a little stream, so that ships cannot come near it. It is built also on a high plain, where very cold winds blow. It would not be well to go to Madrid in winter, it is so very windy, and there are no good plans for keeping the houses warm. In summer it is very hot.

(Mit den letzten Aussagen hat diese Florence Foster Jenkins der Reiseliteratur sogar recht.) Wunderbar ist der erzieherische, chauvinistische, arrogante Tonfall; jedes Land kriegt sein Fett weg. Soviel zum britischen Empire. Auch hier könnte mal eine Facharbeit daraus werden.

Ich habe mir übrigens doch noch eine vollständige Ausgabe aus dem 19. Jahrundert besorgt, hier kann man nach gebrauchten, auch antiquarischen Büchern schauen. Im Moment gibt es da nur eine Ausgabe des Buches, und auch die vielleicht nur, weil der Name der Autorin fälschlicherweise als „Morimer“ eingegeben wurde.

Das alles hat übrigens dazu geführt, dass ich mir ein Buch von John Hodgman und zwei Platten von Jonathan Coulton bestellt habe. Die sehen auch sehr spannend aus.

 

Tja, zu den Superhelden komme ich dann wohl erst ein anderes Mal.

Greendale (vom Flohmarkt)

Auf dem letzten Flohmarkt habe ich für einen Euro das hier gefunden:

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Und das Geld ist es mehr als wert. „This is Greendale“ ist eine kleine Publikation von 45 Seiten, erschienen 1948, und zwar zum zehnjährigen Jubiläum der Kleinstadt Greendale.

Its people and life / Its hopes and ambitions / Its happenings and triumphs
Its eventful past / Its interesting present / Its challenging future

Am Anfang wird in einem epischen Gedicht („This is Greendale“) die Entstehungsgeschichte von Greendale erzählt (8 Seiten, viele Fotos). Das Gedicht ist reimlos, aber mit regelmäßigem Metrum, und sehr episch. Darauf folgt, neben weiteren Fotos, ein fünfseitiger Artikel zur Gründung der Stadt („The Story of Greendale“). Danach kommen vier Seiten „Greendale and the Future“, geschrieben von einem der Stadtplaner und Architekten.
Die ganze zweite Hälfte der Broschüre machen Gratulationsanzeigen von verschiedenen Geschäften und Institutionen in Greendale und Milwaukee aus: Greendale Drug Store Inc. („Visit Our Modern Soda Grill“), Greendale Poultry Farm („FRESH EGGS FROM ME TO YOU“), Loomis Center Garage („When Your Engine or Generator Goes / Plop – Come to Our Shop“). Greendale Barber Shop, Beer Depot, Grill, Radio Sales and Service Shop, Sewage Treatment Plant und viele viele mehr.

Gegründet wurde die Stadt zusammen mit zwei weiteren „Greenbelt Towns“ 1938 in Wisconsin, südwestlich der Stadt Milwaukee. Auftraggeber war die Regierung. Drei Ziele waren mit der Gründung verbunden: 1. Eine neue Art von Vorstadtsiedlung zu schaffen, die die Vorteile vom Leben in der Stadt und dem auf dem Land verbinden sollte. 2. Hochwertigen Wohnraum zu schaffen für mittlere Einkommen und damit die Innenstadt von Milwaukee zu entlasten. 3. Arbeit zu schaffen für Tausende von Arbeitern, die die Stadt errichten sollten.
Denn 1936, als die Planungen begannen, herrschte immer noch die große Depression, die erst der Zweite Weltkrieg wirklich beenden sollte. Die ersten Maßnahmen von Präsident Franklin D. Roosevelts „New Deal“ zur Überwindung der Depression griffen allerdings schon mehr oder weniger, darunter eben auch sozialer Wohnungsbau in der Art von Greendale.
Greendale bestand 1938 aus 572 Wohneinheiten in 366 Gebäuden, davon 52 Wohneinheiten mit einem Schlafzimmer, 230 mit 2, 272 mit 3 und 18 mit 4 Schlafzimmern. Gartengröße, Baumaterial, öffentliche Gebäude, Schule, Kläranlage, Beleuchtung – alles wird erklärt. Einziehen durfte man unter bestimmten Bedingungen, je nach Familiengröße musste zum Beispiel das Jahresgehalt zwischen 2000 und 3500 Dollar liegen. Die Miete für die kleinsten Wohnungen war 34, für die größten 46 Dollar.

Die Funktion des Waldgürtels um Greendale wird erklärt, die spezielle Anlage der Fußwege, die es ermöglicht, zur Schule zu gelangen ohne über Straßen gehen zu müssen; die Sackgassenbauweise, die zu schnelles Fahren verhindert.

1948 lebten 2810 Menschen in Greendale, in 635 Familien. Will jemand wissen, wieviele Familienoberhäupter Angestellte waren, Arbeiter, Studenten, Pensionisten, im Gaststättengewerbe? Steht alles drin, und noch viel mehr.

Wunderbar charmant.

Da muss man sich doch fragen, was heute aus Greendale geworden ist. Google und Google Earth geben die Antwort:

Greendale heute
Koordinaten für Google Earth: 42°56’26“ N und 87°59’45“
Einwohnerzahl heute: 14405 (also fünfmal soviel wie 1948).

Was ist aus den Plänen für die Zukunft geworden, die die Broschüre 1948 vorstellte? Das schreit doch geradezu nach einer kombinierten Facharbeit Erdkunde/Englisch, finde ich.

Besonderer Bonus: „Greendale“ ist ein häufiger Name für amerikanische Kleinstädte. Neil Young hat ein Konzept-Album namens „Greendale“ gemacht, über eine fiktive Kleinstadt dieses Namens und die Geschichten darin. Und einen Film gibt es dazu auch, und noch viel mehr. (Kollege Z. kennt sich da besser aus.) Auf dieser Seite kann man sich einen Stadtplan von Neil Youngs Greendale anschauen und beginnen, das Städtchen zu erforschen.

Good Night, and Good Luck

Gestern war ich im Kino, Good Night, and Good Luck von George Clooney.
Hat mir der Film gefallen? Ja.
Wird es ein Lieblingsfilm von mir werden? Wohl nicht. Ich brauche mehr Archetypen. Mehr Pathos.
Würde ich mir andere Filme dieser Art anschauen? Ja, unbedingt.

Der Film ist durchweg schwarzweiß. Er beginn auf einer Gala-Versammlung der Radio-Television News Directors Association 1958, mit der Keynote Speech des Fernsehjournalisten Edward R. Murrow. Die Gäste sind reich geschmückt, haben Doppelkinn und Falten und sehen sehr zufrieden aus. Murrows Rede ist auch heute noch lesenswert: Keine Abrechnung mit dem Fernsehen seiner Zeit, sondern eine Mahnung. Die eigentliche Handlung des Films spielt fünf Jahre zuvor, am Ende schließt der Film wieder mit Murrows Rede.

Der Hauptteil des Films handelt von der Fehde zwischen Murrow und Senator Joseph McCarthy. Diese Geschichte wird mit sehr viel Originalzitaten erzählt. McCarthy selbst tritt nur in historischen Fernsehaufnahmen auf; David Strathairn spricht Murrow wortgetreu, soweit ich das beurteilen kann. (Ich habe nur eine Aufnahme in meinem Archiv gefunden, Murrows Reaktion auf McCarthys Gegendarstellung bei CBS.)
Der Film ist kammerspielartig, es gibt keine Außenaufnahmen, keine Totalen, nur gelegentlich eine Halbtotale. Es gibt keine traditionelle Spannungskurve, abgesehen von der historisch korrekten, aber trotzdem konventionellen Nebenhandlung um Don Hollenbeck. Der Film besteht aus Dialog und Zitat und Pausen dazwischen. Eine Jazz-Sängerin im Studio teilt mit ihren verschiedenen Liedern den Film in Kapitel ein. (Und sie ist natürlich deshalb im Studio, weil sie live übertragen wird. Wie ein Großteil des Materials damals.)

Dass und warum in diesem Film soviel geraucht wird, kann man bei der Kritik bei Telepolis nachlesen. Ein Grund ist sicher auch der, dass sich kräuselnder Zigarettenrauch auf Schwarzweißfilm gerne mal sehr gut aussieht. Sehr lustig ist dabei die Zigaretten-Fernsehwerbung vor einer von Murrows Sendungen: „Unsere Umfragen haben ergeben, dass Sie als Zuschauer von Person to Person überdurchschnittlich gebildet sind und nicht leicht auf Werbung hereinfallen. Das freut uns, denn so können wir Ihnen…“ (Nicht erwähnt wird, dass Murrow auch eine Sendung über den Zusammenhang von Krebs und Rauchen gemacht hat.)

Eigentlich geht es in dem Film weniger um die McCarthy-Zeit als um die Rolle, die die Medien spielen können und sollen. Damit ist der Film vor allem eine Kritik an der aktuellen Berichterstattung. Murrows Rede ist heute genauso nötig wie früher. Eine Rückkehr zu Murrows Zeiten ist allerdings nicht möglich; dazu ist das System heute zu veschieden.
In den Frühzeiten von Radio und Fernsehen gab es viele lokale Sender, die von den großen Sendernetzen (wie etwa CBS, Central Broadcasting Network) Programm einkauften. „Syndication“ heißt das, so wie bei den RSS-Feeds. Die meisten Sendungen waren gesponsort, allerdings gönnten sich die Sender auch Sendungen ohne Sponsor. „Sustained“ hieß das dann, und dafür zahlte CBS dann selber. Dennoch war der Sponsor eminent wichtig. Stieg der Sponsor aus, musste man einen neuen finden, oder die Sendezeit selber bezahlen. Erst später kam das Konzept auf, Werbezeit direkt zu verkaufen, ohne einen festen Sponsor für eine Sendung zu haben.
Sehr viele Sendungen wurden live gesendet. Comedy mit Publikum im Studio, Musik mit Orchester im Raum. Werbung hieß, dass der Vertreter des Sponsors das Mikrophon in die Hand bekam und sein Sprüchlein sagte.

Am Ende des Films wird Murrows Sendung, so erfolgreich sie war, auf einen schlechteren Sendeplatz verschoben: Spielshows mit Preisen sind beliebter und viel billiger zu produzieren.

Lesen dazu: Die Kritik bei Anke Groener.

Historisches:

Vor und während des Zweiten Weltkrieges war Murrow Korrespondent in Europa. Er sendete regelmäßig Reportagen aus Londoner Bombennächten. Die Eröffnungsworte „This…. is London“ kannten viele; Edward R. Murrow genoss das Vertrauen der amerikanischen Hörerschaft als zuverlässiger Berichterstatter. Nur deshalb konnte er McCarthy angreifen.

Spätestens nach dem Ende des Weltkriegs wurde die Sowjetunion nicht mehr als Partner, sondern als Bedrohung für die USA empfunden. 1950 brach der Korea-Krieg aus, 1951 wurden Julius und Ethel Rosenberg als russische Spione hingerichtet. Senator McCarthy machte es sich zum Anliegen, Kommunisten und Sympathisanten aus der US-Regierung und unter den Regierungsangestellten zu entfernen. Streng genommen beschränkte sich McCarthy auf diesen Bereich, aber weite Teile des öffentlichen Lebens, allen voran die Film-Industrie, folgten ihm. Kommunisten und Sympathisanten – und das konnte jeder sein, der zwanzig Jahre zuvor (Depressionszeit) auf der falschen Demo war – kamen auf eine illegale Schwarze Liste. Das lud zum Denunziantentum ein. Arthur Millers The Crucible kann man fast nur als Parabel auf diese Paranoia lesen. Ein schöner Film zum Thema ist The Front. Dort verkauft Woody Allen die Drehbücher all der Autoren, die in Hollywood keine Arbeit mehr kriegen.

In den 50ern tauchte ein weiteres Problem auf: Juvenile delinquency, kriminelle Jugendliche. 1955 erschien der Film Blackboard Jungle über verrohte Jugendliche an einer High School (und mit „Rock around the clock“ von Bill Haley erreichte auch der Rock ’n Roll das Kino). Wer war schuld daran? Einmal der Kommunismus, andererseits auch die Comics. 1953 erschien Frederick Werthams Seduction of the Innocent, ein populärpsychologisches Buch, das den Comics der Zeit Gewaltverherherrlichung, Brutalisierung und Propagierung von Homosexualität vorwarf. Das Buch hatte großen Einfluss und trug einen großen Teil zum Niedergang der Comics in den 50ern bei.

Die Comics versuchten sich zu wehren, indem sie argumentierten, dass gerade die Kommunisten ein Verbot der Comics wollten. Das half ihnen aber auch nicht mehr.

Root Beer Float

Root Beer ist ein amerikanisches Erfrischungsgetränk mit langer Geschichte, das nach Zahnpasta schmeckt. (Alles über Root Beer bei Wikipedia.)
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es Erfrischungsgetränke in den USA auch im Drugstore zu kaufen. Dort wurde der Sirup, der die Basis für ein solches Getränk darstellt, in ein Glas gegeben und mit kohlensäurehaltigem Sodawasser aufgefüllt. So hat auch Coca-Cola angefangen. (Als Tonikum, als Stärkungsmittel. Erst später wurde es zum Erfrischungsgetränk.)

Eine besondere Leckerei ist dabei das Ice Cream Soda. Das besteht einfach aus einem solchen Softdrink mit einem Schlag Eiscreme. Reines Sodawasser mit Vanille-Eis. Oder: Cola mit Schokoladeneis. Beim Nachmachen zu Hause: Bitte nur mit Handschuhen und Sicherheitsbrille: Ich habe das in jungen Jahren mal mit Mineralwasser und Vanille-Eis versucht. Schauderhaft. Handelsübliches Mineralwasser ist nur bedingt geeignet.

In den USA habe ich auch schon ice cream sodas getrunken, auch wenn sie nicht mehr so beliebt sind wie früher – unter anderem meine Lieblingsvariante, das Root Beer Float. Dazu füllt man ein Glas mit Root Beer und Vanille-Eis. Das schäumt ziemlich und sieht auch ein bisschen… unordentlich aus, schmeckt aber sehr lecker. Wunderbar, wie der aufsteigende Schaum das Vanillearoma transportiert. Besonders kecke Gemüter dekorieren mit einer Kirsche.