Im Papierweb (mit vielen Märchen)

Heute geht es darum, wie ich mich in den letzten Monaten im Papierweb von einem Buch zum anderen habe führen lassen, und wo ich dadurch überall hingekommen bin. Das Ergebnis ist vielleicht nicht für jeden interessant, ich will es aber doch für mich festhalten.

Ich fange einfach mal bei der Fables-Reihe von Bill Willingham an: Eine große Zahl an Gestalten aus Märchen, Sagen und Legenden hat sich aus ihrem Heimatland in unsere Welt geflüchtet und lebt unerkannt in New York. (Diejenigen, die sich nicht unaufällig unter Menschen bewegen können – die drei Schweinchen etwa oder Papa und Mama Bär, Baloo und Bagheera – müssen auf einer Farm weiter oben im Staat bleiben.) Im Laufe der Serie geht es immer mehr darum, den Feind im Heimatreich, der die fables vertrieben hat, zu besiegen, damit sie zurückkehren können. Dieser Teil der Handlung ist wenig originell, kein Vergleich zur Sandman-Reihe. Interessanter sind die Charaktere und ihre Eifersüchteleien untereinander: Bigby Wolf, der Trenchcoat tragende, ständig rauchende Detektiv im neuen Fabelreich. Früher war er der big bad wolf, jetzt ist er reformiert, wie es überhaupt eine Amnestie für die Fabeln im Exil gegeben hat. Andere Figuren sind Dornröschen, Aschenputtel, Blaubart, die Schöne und das Biest, Baba Yaga und ein Herumtreiber namens Jack.

Jack war für mich lange nur ein generisches Märchenwesen, das ich nicht gut kannte. Ja, er war wohl auch in jungen Jahren der mit der Bohnenstange gewesen. Aber dann erzählte eines der Hefte eine Geschichte von den Abenteuern Jacks während des amerikanischen Bürgerkriegs: Wie Jack dem Teufel beim Kartenspiel einen magischen Sack abnahm, in den alles hineinmusste, was Jack wollte. “Clickety-clack! Get into my sack!” Und wie Jack dann zwar nicht auf eine Prinzessin, aber auf eine Südstaatenschönheit traf, die im Sterben lag. Gegen einen gewissen Preis verspricht Jack, sie zu retten, und packt einfach den Tod, als der die Prinzessin holen will, in den magischen Sack. “Clickety-clack! Get into my sack!” Alles wunderbar, bis die gerettete Schöne unserem Jack am nächsten Morgen Frühstück machen soll und dazu ein Huhn schlachtet. Sehr anschaulich gezeichnet, wie das Huhn trotz abgetrenntem Kopf sich weigert zu sterben. Noch anschaulicher gezeichnet, wie eine halbe Stunde später der ganze Bauernhof aussieht, als sich herausgestellt hat, dass keine Kuh, kein Huhn, kein Schwein stirbt, auch wenn man noch so sehr schlachtet. Als dann ein paar Soldaten auftauchen, die ebenfalls nicht sterben können, lässt Jack den Tod wieder aus dem Sack.

Die Geschichte kannte ich schon irgendwoher. Eine Fußnote wies auf “a couple of the Mountain Jack Tales of American folklore” hin. Und da ich mich schon länger mal gründlicher mit amerikanischen Erzählungen beschäftigen wollte (Paul Bunyan, Stackalee), habe ich mir The Jack Tales. Folk tales from the Southern Appalachians besorgt, und dazu A Treasury of North American Folk Tales (in dem ich gerade eine Version von “Die Kuh Elsa ist tot” entdeckt habe). Es stellt sich heraus, dass dieser Jack tatsächlich weit herumgekommen ist: Er ist nicht nur der Jack von der Bohnenranke, sondern auch ein Riesentöter, Meisterdieb, Wunderarzt, das tapfere Schneiderlein und Held einer ganzen Reihe von Geschichten, die ich mit wechselnden Protagonisten als europäische Märchen kenne. (“Sechse kommen durch die Welt”, ähnlich auch bei Münchhausens Abenteuern.) In Nordamerika sind viele dieser Geschichten zu einer losen Serie verknüpft worden, indem Jack in allen zur Hauptperson gemacht wurde. Hier sind Links zu “Soldier Jack” , darüber Links zu anderen Jack Tales.

Im Anschluss musste ich geradezu Grimms Kinder- und Hausmärchen lesen, um die Geschichten besser vergleichen zu können. Das war interessant. Ich habe nicht nur viele unbekannte, bekannte und halbvergessene Märchen gelesen, sondern auch Schwänke, Anekdoten, Witze – letztlich wohl alle möglichen Geschichten, die sich Leute erzählten, die aber niemand für wahr hielt. (Anders bei der Grimmschen Sagensammlung.) Folgende Geschichte ist doch ein klassischer Witz, gerne auch mit Anwälten erzählt:

Das Bäuerlein im Himmel

Es ist einmal ein armes, frommes Bäuerlein gestorben, und kam nun vor die Himmelspforte. Zur gleichen Zeit ist auch ein reicher, reicher Herr da gewesen und hat auch in den Himmel gewollt. Da kommt der heilige Petrus mit dem Schlüssel, macht auf und läßt den Herrn herein; das Bäuerlein hat er aber, wie’s scheint, nicht gesehen und macht deshalb die Pforte wieder zu. Da hat das Bäuerlein von außen gehört, wie der Herr mit aller Freude im Himmel aufgenommen worden ist, und wie sie drinnen musiziert und gesungen haben. Endlich ist es drinnen wieder still geworden, und der heilige Petrus kommt, macht die Himmelspforte auf und läßt das Bäuerlein ein. Da hat das Bäuerlein gemeint, es werde auch jetzt musiziert und gesungen, wenn er käme, aber da ist alles still gewesen; man hat’s freilich mit aller Liebe aufgenommen, und die Engel sind ihm entgegengegangen, aber gesungen hat niemand. Da fragt das Bäuerlein den heiligen Petrus, warum bei ihm nicht genauso gesungen wird wie bei dem reichen Herrn: es ginge, scheint’s, im Himmel so parteiisch zu wie auf der Erde.
Da sagte der heilige Petrus: “Aber nein, du bist uns so lieb wie alle andern und darfst die himmlischen Freuden genießen wie der reiche Herr, aber schau, so arme Bäuerlein, wie du eins bist, kommen alle Tage in den Himmel. So ein reicher Herr aber: da kommt alle hundert Jahre nur etwa einer.”

Badabing-badabing.

Erwähnenswert finde ich auch folgende kleine Horrorgeschichte:

Das eigensinnige Kind

Es war einmal ein Kind eigensinnig und tat nicht, was seine Mutter haben wollte. Darum hatte der liebe Gott kein Wohlgefallen an ihm und ließ es krank werden, und kein Arzt konnte ihm helfen, und in kurzem lag es auf dem Totenbettchen. Als es nun ins Grab versenkt und die Erde über es hingedeckt war, so kam auf einmal sein Ärmchen wieder hervor und reichte in die Höhe, und wenn sie es hineinlegten und frische Erde darüber taten, so half das nicht, und das Ärmchen kam immer wieder heraus. Da mußte die Mutter selbst zum Grabe gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und wie sie das getan hatte, zog es sich hinein, und das Kind hatte nun erst Ruhe unter der Erde.

Übrigens wird in Grimms Märchen 67 mal “es war einmal gesagt” und immerhin 6 mal “auf eine Zeit” (“upon a time”), es gibt auch noch weitere Eingangsformeln:

Zur Zeit, da unser Herr noch auf Erden ging, kehrte er eines Abends mit dem heiligen Petrus bei einem Schmied ein und bekam willig Herberge.

Erdenwanderungsgeschichten dieser Art gibt es viele. Auch Odin wandert in den germanischen Sagen gern unerkannt auf Erden und stellt Menschen auf die Probe. In den Kommentaren zu den Jack-Geschichten war ich nämlich auch auf zwei Geschichten hingewiesen worden, in denen ein Odin-artiger alter Mann auftaucht.
Über die Thor-Comics aus dem Hause Marvel war ich mit der germanischen Mythologie vertraut, hatte die Sagen aber seit über dreißig Jahren nicht mehr gelesen. Als ich in der Buchhandlung dann zufällig an einer billigen, kompakten Ausgabe germanischer Götter- und Heldensagen vorbeikam, musste ich die auch lesen. Kurz zuvor hatte ich Gilgamesch gelesen, und zwar die Fassungen von Raoul Schrott, über die ich vor einiger Zeit in diesem Blog gestoßen war. Dazu sollte ich mal einen eigenen Eintrag machen, die Geschichte fand ich sehr beeindruckend. Ich erwähne nur kurz den Hinweis auf eine verwandte Erzählung mit ähnlichen Motiven in Tausendundeiner Nacht, “Die Abenteuer Bulûkijas”, die ich dann ja auch lesen musste.

Sumerische und germanische und sonstige Mythologie und Parallelen dazwischen kannte ich schon aus meiner späten Teenagerzeit über Frazer, und diesen natürlich über Lovecraft. Auf die Trickster-Figur war ich darüber hinaus in einem Proseminar über “Long Poems” gestoßen, in dem es auch um Crow von Ted Hughes ging. (In die Hausarbeit über Crow schmuggelte ich eine Fußnote zu The Hunting of the Snark von Lewis Carroll. Den Text wiederum kannte ich über die musikalische Version von Mike Batt. Eine deutsche Fassung gibt es von Michael Ende, kommentiert ist meine englische von Martin Gardner.)
Zu welchen anderen Geschichten mich der Trickster geführt hat, würde jetzt wirklich zu weit führen.

Grimms Märchen, Grimms Sagen, fehlte eigentlich nur noch eine weitere Sammlung aus der Romantik: Des Knaben Wunderhorn von Arnim und Brentano. Da hatte ich auch noch nie hinein geschaut, der Titel wurde mir erstmals durch Gustav Meyrinks Sammlung Des deutschen Spießers Wunderhorn bewusst. Als Deutschlehrer wusste ich, dass das Wunderhorn sich als Sammlung echter Volkslieder gab, auch wenn diese Behauptung nicht haltbar war.

Aber immerhin bin ich darin auf einen jungen Bekannten gestoßen:

Die Hand

Antiquarius des Elbstroms. Frankfurt 1741. S. 616.

Sieh, sieh du böses Kind!
Was man hier merklich findt,
Die Hand, die nicht verweßt,
Weil der, des sie gewest,
Ein ungerathnes Kind,
Drum bessre dich geschwind.

Den Vater schlug der Sohn,
Drum hat er dies zum Lohn,
Er schlug ihn mit der Hand,
Nun siehe seine Schand,
Die Hand wuchs aus der Erd,
Ein ew’ger Vorwurf währt.

Hier muss allerdings nicht die Mutter nachträglich schlagen, sondern das Kind selbst hat die Hand gegen den Vater erhoben.

Letztes Wort zu den Märchen: Aus meiner Entdeckung von Selbstdenken! hatte ich noch die ersten 6 Bände der Enzyklopädie des Märchens zu Hause herumliegen. Auch die kannte ich noch vage aus meiner Studienzeit. Also habe ich mich in die gestürzt, und weitere Abgründe taten sich auf. Ich sag nur: Aarne-Thompson-Index. Schon bei den Jack Tales war ich darauf gestoßen: “This is a mixture of Type 330, The Smith Outwits the Devil, and Type 332, Godfather Death. For Type 330 see: Grimm Nos. 81, 82″, und so weiter.
Die Kurzfassung: Der Aarne-Thompson-Index bzw. dessen Weiterentwicklung ist ein Verzeichnis von Märchen- und Schwankmotiven. Ich denke mir so, dass ein Märchenforscher ganz aufgeregt zum anderen sagt: “Du, schau mal, ich habe eine neue litauische Fassung von AaTh 420 mit Spuren von AaTh 512 entdeckt.”

Jetzt aber mal genug. Ich fand es sehr interessant, wie plötzlich aus allen Ecken und Enden meiner gegenwärtigen und vergangenen Lektüren alles mögliche zusammenkam.

Taylor Mali – What teachers make

Ich habe den Link von Estara geklaut. Taylor Mali (hier seine website) ist anscheinend – ich weiß bisher noch wenig über ihn – eine Art Lehreraktivist und Slam Poet. Vielleicht sollten wir so mal im Unterricht auftreten. CDs gibt’s auch von ihm.

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Kultusminister Siegfried Schneider gibt Tipps

Aus der Pressemitteilung zur heutigen Pressekonferenz:

Im kommenden Schuljahr wird der Freistaat zusätzlich 55 Stellenäquivalente zur Verfügung stellen, damit keine Klasse mit mehr als 34 Schülern mehr an Gymnasien gebildet werde.

Das ist besser als nichts. Aber 34 klingt immer noch nach vielen Schülern.

Kultusminister Schneider betonte, dass das Bayerische Gymnasium einen anhaltend hohen Zulauf erlebt. Gleichzeitig sinke der Zahl der Wiederholer am achtjährigen Gymnasium gegenüber der am neunjährigen.

Und was sagt uns das? Ist der Zusammenhang zwischen diesen beiden Sätzen kausal, konsekutiv, final, tatsächlich nur temporal, oder bewusst offen gelassen? (In der 7. Klasse wiederhole ich gerade Adverbialsätze: Da sollen die Schüler es ihren Lesern erleichtern, indem sie solche Zusammenhänge explizit machen, durch Adverbien oder Adverbialsätze.)

Und was sollen wir aus dem Sinken der Zahl an Wiederholern schließen?

Ansonsten hat er sicher recht damit, dass der Lehrplan noch verbessert werden muss. Es muss allerdings nicht “noch klarer” gestellt werden, was Pflicht und Kür ist, es muss überhaupt erst einmal dazwischen unterschieden werden. Ob da ein “tabellarische[r] Überblick über den Aufbau und die Schwerpunkte der einzelnen Fächer von der Jahrgangsstufe 5 bis zur Jahrgangsstufe 12” vom ISB reicht?

Abistreich 2007

Fotos gibt es heute leider keine, ich hatte heute später Schule und den Anfang verpasst. Und dann habe ich mich nur kurz ins Lehrerzimmer gesetzt und bin gegangen, als es hieß, jetzt sei die Sache vorbei. Vermutlich hätte ich das auch so gemacht, wenn ich früher da gewesen wäre – ich kenne die Schüler dieses Jahrgangs fast gar nicht, hatte nur ein paar davon in der 6. Klasse. Und dadurch hat mir der persönliche Bezug gefehlt.

Der Abistreich kam mir heute ganz zupass, da ich einiges arbeiten musste und konnte. Aber so richtig sinnvoll finde ich ihn immer noch nicht. Das Kultusministerium, das sonst nur bei Papstbesuchen freigibt und sonst jeden Extratag nacharbeiten lässt, drückt beide Augen zu. Soll sein, soll sein, soll sein.

Die Idee einer liminalen Phase an der Schule gefällt mir ja. (Ich darf mir ein Stück Schokolade aus der Küche holen, weil ich das schöne Wort anbringen konnte.) Und Rituale mag ich auch, aber… hm, ich wollte gerade schreiben, dass es aber nicht so langweilig sein muss wie bei uns. Aber Rituale sind häufig langweilig, oder? Vielleicht gibt es noch nicht genug Ritual beim Abistreich?

Links der letzten Wochen

Aus drei Lehrerblogs lerne ich besonders viel. Da ist einmal Hokey, der live aus dem Referendariat berichtet.

Kluge Fragen stellt nortberto42, zum Beispiel dazu wie sinnvoll neue Medien im Unterricht sind. Dagegen hat er nichts, aber er erinnert anschaulich daran, dass das WWW nicht besser ist als eine Stellwand, wenn die Schüler nicht etwas Konkretes lernen bei einem Projekt. “Die Klarheit im Kopf des Lehrers ist übrigens durch nichts zu ersetzen.” Daran hapert es bei mir immer noch manchmal.

Unbedingt lesen: Der Eintrag zu Aufklärung, Kant und Dialog im WWW. “Daß aber ein Publikum sich selbst aufkläre,” schreibt Kant, “ist eher möglich; ja es ist, wenn man ihm nur Freiheit läßt, beinahe unausbleiblich.” Nortberto42 überlegt, wie das Web dabei hindern und helfen kann. Der Beitrag bleibt noch länger in meinem Feedreader, ich muss noch einige Male lesen.

Ganz konkrete, praxisnahe Tipps gibt JochenEnglish. Vor allem zu empfehlen: Seine Gedanken und Hinweise zu Schulaufgaben. Ich will in Zukunft auch effektiver arbeiten. Parallel dazu die Tipps zu Stegreifaufgaben.

Alte Filme: Radioactive Dreams und Dario Argento

Noch eine Erinnerung aus dem Spanienurlaub: Ich habe meinen ersten Dario-Argento-Film mit scharfen Konturen gesehen. Dessen Filme (Inferno, Suspiria) kannte ich sonst nur aus den 1980er Jahren von Videokopien der zweiten und dritten Generationen, mit Schlieren und Streifen und verschwommenen Rändern. Aber erkannt habe ich ihn gleich, obwohl ich kaum ein Wort verstanden und die ersten Minuten verpasst hatte: Ganz typisch die großen roten und blauen Flächen. Und die Horrorgestalten.

Es war dann zwar doch doch Dèmoni von Lamberto Bava, aber immerhin war das Drehbuch von Dario Argento.

Und weil das zu kurz für einen Blogeintrag ist, will ich mich noch an Radioactive Dreams erinnern. Nach einem Atomkrieg sind Phillip Hammer und Marlowe Chandler 15 Jahre in einem Bunker aufgewachsen, mit nichts zu lesen als alten Krimis. Als sie endlich als junge Männer der Bunker verlassen können, finden sie sich in einer postapokalyptischen Mad-Max-Welt mit kannibalischen Punk-Mädchen wieder. (Und tragen Hut und Trenchcoat wie Humphrey Bogart.) Cooler Soundtrack, leider nur als LP erhältlich, und eine Musik- und Tanzeinlage gibt’s im Film auch.

Muss ich erwähnen, dass der Film vermutlich eher schlecht war? Ich habe ihn allerdings in sehr angenehmer Erinnerung. Billig produziert, aber liebevoll. (Und weniger aufgeblasen als Streets of Fire von Walter Hill – diese rock opera mit Rick Moranis, auch Mitte der 80er.)
Die postapokalyptische Welt sah übrigens genauso aus, so dachten wir damals jedenfalls, wie die Rückseite von London, wenn man mit dem Zug vom Kontinent aus einfährt.

Sortieren und Palimpseste

Im Informatikunterricht hat sich wieder der Server wegen zu großer Hitze verabschiedet. Vielleicht bin doch ich schuld und wir haben dem Rechner zuviel zugemutet. Es ging um Komplexitätstheorie, Quicksort und Bubblesort im Vergleich.

Für Interessierte: Eine typische Aufgabe für Computer besteht darin, Mengen von Daten zu sortieren – eine Liste von Schülernamen, von Zahlen, von Büchern, von verschiedenen Einträgen in einer Datenbank, von Bits und Bytes jeder Art. Im Laufe der Zeit sind dazu verschiedene Sortieralgorithmen erdacht worden, so wie jeder Lehrer auch seine eigene Methode hat, Schulaufgaben zu sortieren. Wie bei allen Algorithmen gibt es dabei bessere und schlechtere.

Bubblesort hatten die Schüler schon selber in zwei Varianten untersucht. Diese Sortiermethode ist leicht zu verstehen und zu programmieren, aber sie ist relativ langsam: wenn man n Elemente sortiert, braucht man dafür grob geschätzt etwa n2 Rechenschritte. Wenn n sehr klein ist, macht das nicht viel aus, aber bei größeren n kommt da schon einiges an Rechenzeit zusammen.
Quicksort ist schneller. Wenn man mit Quicksort eine Liste von n Elementen sortiert, braucht man dazu grob geschätzt etwa n*log(n) Rechenschritte. Je größer n wird, desto deutlicher schneller ist das im Vergleich zu Bubblesort.

(Bei anderen Problemen steigt, abhängig von n, die erforderliche Rechenzeit noch viel, viel steiler an als bei Bubblesort. Hochinteressant, wenn man sich dafür interessiert.)

Quicksort habe ich den Schülern erst einmal nur vorgeführt, das Verstehen und Programmieren kommt dann später. Aber die Schüler sollten mal ausrechnen, was der Unterschied zwischen n*log(n), n2, 2n und n! für verschiedene Werte von n ist. Und ausprobieren konnten sie das in Python auch.

Und als dann zuviele Schüler Listen von 100.000 Elementen mit Bubblesort sortieren wollten, da hat der Server dann gesagt, dass es ihm zu heiß wird. Kann auch Zufall sein.

– In Deutsch gab’s einen Schülervortrag, der zu einem Teil aus dem WWW abgeschrieben war (eine dieser Referatsseiten). Sogar verhältnismäßig lieblos, im Skript waren selbst die Unterstreichungen im Text beibehalten worden. Ich glaube nicht mal, dass da viel böser Wille da war, nur Faulheit Zeitmangel und mangelndes Unrechtsbewusstsein. Dabei hatte schon das Originalreferat viel von Peter Nussers Buch über den Kriminalroman abgeschrieben, ohne die Quelle zu nennen.
Insgesamt geht es gerade um Umberto Eco, Der Name der Rose, da passt das ganz gut – am Montag kann ich den Schülern gleich mal erklären, was ein Palimpsest ist, und wie Texte immer auf anderen Texten beruhen.

– Dafür habe ich beim Korrigieren einer Schulaufgabe – Bert Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters und dazu Kurt Bartsch, Adolf Hitler ganz allein – eine Arbeit gelesen, die diese beiden Texte gar nicht ungeschickt mit Douglas Adams verglich: Mit dem Planeten, der die ganzen Telefondesinfizierer und so weiter wegschickte, nur um dann an einem Virus zugrunde zu gehen (von einem nicht desinfizierten Telefon, natürlich). In allen Texten geht es um die Rolle, die die kleinen Leute spielen. Hat mich gefreut.

Rückblick auf die Woche

Anderswo haben schon die Ferien begonnen, hier dauert es noch fünfeinhalb Wochen: Trotzdem ist das Schuljahr praktisch schon zu Ende. Wie sagt Rilke: Wer jetzt keine Noten hat, der macht sich keine mehr… oder vielleicht eben doch. Ansonsten gibt es Wandertage, Personalversammlungen, bald die Konferenzen und den allgemeinen Noteneintrag. Die letzten Schulaufgaben werden geschrieben, noch eine Ex eingeschoben.

Ich bin immer noch entspannt, auch wenn ich viel zu tun habe. Zur Tagesschau ist jedenfalls immer Feierabend.

Heute waren noch die letzten Abiturprüfungen für externe Bewerber. Man muss nämlich nicht aufs Gymnasium gegangen sein, um dort das Abitur zu machen. Wenn man dem Ministerialbeauftragten glaubhaft versichern kann, dass man sich irgendwie vorbereitet hat, kann man als externer Bewerber am Abitur teilnehmen. Dann wird man in acht Fächern geprüft, vier davon schriftlich, vier mündlich. Leicht ist das nicht, aber machbar.

Mit dem Englisch-LK habe ich mich heute in der Wikipedia rumgetrieben. Der Artikel zu Affirmative Action enthält nämlich zum einen viele lernenswerte Details, zum anderen eine Notiz: “The neutrality of this article or section is disputed. Please see the discussion on the talk page.” Und auf dieser talk page gehen die Meinung hin und her: Fehlende Neutralität wird angemahnt oder geleugnet, fehlende Quellen moniert, gelöschte oder geänderte Stellen gerechtfertigt. Da sieht man einmal, dass man nicht einfach alles glauben sollte, was auf der Wikipedia steht (was kein Vorwurf ist), dass wissenschaftliche und gesellschaftliche Themen tatsächlich diskutiert werden, dass man Behauptungen belegen muss und dass vieles zwei Seiten hat. Vielleicht hilft es was für die Facharbeit.

Informatik-Unterricht: Irgendwas stimmt an unserem Server nicht. Letzte Woche schon und heute wieder meldete sich der Server bei den Schüler-Rechnern mit der Nachricht: “Mir ist zu heiß. Ihr habt eine Minute Zeit, eure Dateien zu speichern, dann schalte ich mich ab.” Es dauert je nach Temperatur manchmal etwas länger, aber er fährt die Clients dann auch tatsächlich herunter.

Die Schülerzeitung kam heute heraus. Hat lange gedauert, ist aber endlich mal so, dass sie den Erwachsenen gefällt. Ich hoffe, den Schülern geht es auch so – schönes Layout, schöne Texte. Neuer Name, neues Format. Mit einem Text von mir über meinen Alltag, auf Wunsch von Schülern geschrieben, gibt’s auch als Audio.

Dude Ranches

Sowohl im alten Greenline wie auch im aktuellen Englischbuch für die 6. Klasse tauchen dude ranches auf: Ferienfarmen für Cowboys. Wie in City Slickers. Vielleicht, weil es da so viel nützliches Vokabluar gibt.

Für die Schüler in der 6. Klasse ein Spaß: Zu The Dude Ranchers’ Association gehen, sich dort einen Bundesstaat und eine Urlaubsranch aussuchen und zu sammeln, was es da an Aktivitäten gibt. Auf vielen Seiten gibt es auch Audio- und Videoclips. Das gibt schnell kleine Minireferate.