Kamishibai: Von der Grundschuldidaktik lernen

Ich will auch so etwas haben! In Grundschulkreisen ist das anscheinend bekannt, aber ich habe erst vor kurzem bei lehrerforen.de davon gehört: Laut Wikipedia gab es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fahrende Süßigkeitenhändler, die Kinder mit Geschichtenvorführungen anlockten und unterhielten. Der Kamishibai ist eine Art Minitheater, ein hölzerner Rahmen, der eine Reihe von Bildern enthält, die nacheinander herausgezogen werden, so dass jeweils das darunter liegende Bild zum Vorschein kommt. Anhand dieser Bilder wird eine Geschichte erzählt. (Und danach werden die Süßigkeiten verkauft.)


(flickr, von Nazra!)

Hier sieht man ein Kamishibai im Gebrauch. Laut Flickr-Quelle wurde gerade Frankenstein erzählt.


(flickr, von Nazra!)

Laut Webquellen erlebt der Kamishibai eine Renaissance in der Grundschuldidaktik, in Kindergärten, in der Therapie. Der Wikipedia-Artikel enthält einige wenige Links, auch Bezugsquellen.

Bei Youtube habe ich Videos dazu gefunden, keine deutschen, erstaunlich viele aus Spanien und auf Baskisch. Hier sind ein paar ausgewählte:

Vor allem bei letzterem Video sieht man die Verwandtschaft zu der Präsentationstechnik, die ich im vorletzten Schuljahr bei Nina gesehen habe, die ebenfalls viele Zeichnungen eingesetzt hat, obwohl der Vorläufer dazu möglicherweise Bob Dylan (Don’t Look Back von D.A. Pennebaker, Youtube), nur Texttafeln einsetzt.

– So ein Kamishibai gibt es aus Holz für um die 40 Euro, je nach Ausführung. Es gibt wohl auch Versionen aus stabiler Pappe, die sicher noch billiger sind. Das wäre doch etwas für die Fachschaft Deutsch – im neuen Schulgebäude sollen wir sogar ein Eckchen kriegen, wo wir Material aufbewahren können, etwas, das uns bisher arg gefehlt hat. Für Unter- und Oberstufe, leicht internettauglich zu filmen, da man die Gesichter der Schüler nicht aufnehmen muss. Man kann damit Geschichten erzählen – ein Bild für Einleitung, für jeden Erzählschritt einschließlich Höhepunkt und für den Schluss – oder bei humorvollen Oberstufenklassen von Powerpoint wegkommen. Vielleicht klappt ja auch mal eine Zusammenarbeit mit dem Kunstunterricht.

Nachtrag: Hier mein erster Versuch mit dem Kamishibai.
Hier mein zweiter.

Weitere Quelle für Kamishibais: Zum Beispiel bei der Manufaktur Holzwurm.

Noch ein paar Sagen

Interessant an folgender Sage finde ich die Logik: Wenn man im Himmel stirbt, wird man auf der Erde wiedergeboren.
(Alle Fehler unkorrigiert. Vor allem Kommas fehlen.)

Warum der H. so viel spricht!

Jeder Schüler des Graf-Rasso-Gymnasium kennt den Herrn H. und jeder weiß dass er im Unterrricht spricht wie ein Wasserfall. Doch das war nicht immer so. Denn in seinem früheren Leben…

Der Herr H. war in seinem früheren Leben nämlich Lehrer im Himmel. Er hat in seinem Unterricht so viel geredet dass die Worte die Schüler förmlich zu zerdrücken schienen. Eines Tages beschwerte sich ein Schüler darüber, dass der H. so viel redet, beim lieben Gott.

Der liebe Gott wollte testen ob das stimmte was der Schüler ihm berichtete und schickte einen Schüler in den Unterricht, der testen sollte ob der H. wirklich so viel redet. Falls das stimmte, das der H. so viel redet sollte er vom lieben Gott, einen Kopf kürzer gemacht werden, damit der H. nicht mehr reden konnte.

Als der Schüler in den Unterricht vom H. kam wurde er von den Worten fast erschlagen. Als der Unterricht beendet war, kam der Schüler mit blauen Flecken, die ihm die Worte verpasst hatten vor den lieben Gott. Dieser sah woher die blauen Flecken kamen und damit war die Entscheidung gefallen: “Der H. wird geköpft.”

Einen Tag später wurde er zum Verhör vor den lieben Gott geschleppt. Der liebe Gott kannte keine Gnade und schlug den H. einen Kopf kürzer. Damit glaubte man die Wörtergefahr gebannt zu haben. Doch das war falsch.

Denn im Himmel wächst alles nach und so bekam der H. einen neuen Kopf mit einem größeren Mund und größeren Stimmbänder. Doch der liebe Gott köpfte ihn nicht noch einmal sondern lies sich etwas anderes einfallen.

Er erteilte dem H. Redeverbot bis zum Ende seinen Lebens im Himmel. Falls er das Redeverbot nicht einhalten täte würde er für immer in die Hölle verbannt werden. Das wollte der H. nicht und so sagte er kein Wort mehr bis er im Himmel starb.

Als er wieder auf die Welt kam wurde er Lehrer beim Graf-Rasso-Gymnasium. Weil er im Himmer so wenig geredet gatte musste er die Worte die er im Himmel nicht sagen durfte, auf der Erde herausplappern.
So kommt es das der H. so viel redet.

Vor allem die blauen Flecken gefallen mir gut. Wir haben im Unterricht verschiedene Sagen gelesen, der Schüler hat sich sicher daran oder an eigener Lektüre orientiert. Fürs Ende der Geschichte habe ich einen Verbesserungsvorschlag. Wenn es heißt: “Falls er das Redeverbot nicht einhalten täte würde er für immer in die Hölle verbannt werden,” dann sollte das genau so kommen, und die Hölle, das ist dann der Unterricht auf der Erde. (Zu böse?)

Zum Abschluss noch eine ganz kurze Sage, die Satzbaufehler leicht verbessert. Viele Rechtschreibfehler, wenig Erzählung, aber eine nette Idee:

Warum der Tageslichtprojektor immer ausgeht

Vor ungefähr 200 Jahren gab es einen Schüler am Graf-Rasso-Gymnasium, der gemein und hinterlistig war. Er war zu allen seinen Mitschülern gemein weil sie ihn wegen seinem Aussehen auslachten. Er war klein und sein Gesicht war eingedrückt und er hatte Segelohren. Eines Tages ergerte er einen kleineren Schüler der in wirklichkeit ein Zauberer war. Als er den Schüler baht aufzuhören und er es nicht tat verbande [verbannte] der Zauberer den bösen Schüler in einen Tageslichtprojektor wo er noch heute ist. Und wenn der Tageslichtprojektor ausgeht versucht der Schüler zu entkommen, doch vergebens.

Wieso Herr Rau seinen Bart abrasierte

Beim Aufräumen bin ich auf eine Mappe mit Schülertexten gestoßen – Mindmaps, Zeichnungen, und vor allem eine ganze Reihe der Sagen, die Ende 1999 eine 6. Klasse geschrieben hatte. (Beispiele hier und hier.) Eine dieser Erklärungssagen ist vielleicht von besonderem Interesse, weil sie zeigt, wie Schüler sich das Privatleben eines Lehrers vorstellten.

Der Text ist nicht korrigiert, war mit dem Computer geschrieben.

Der Bart ist ab

Wie ihr alle wißt, hatte Herr Rau vor ein paar Monaten einen kleinen Bart. Doch dann war er auf einmal verschwunden: Und das kam so:

Herr Rau saß mit seinen drei Freunden, an einem Samstagabend, in einer Kneipe. Alle drei waren schon ein bißchen beschwipst. Sie witzelten herum und plötzlich sagte Herr Rau: “Mein Bart wächst bestimmt schneller als eurer.” Die Freunde gingen darauf ein und sagten: “Vielleicht wächst er schneller als unserer, aber in einer Woche wächst er bestimmt keine fünf Zentimeter.” “Das schaffe ich bestimmt, das wette ich,”, erwiderte der Deutschlehrer fest davon überzeugt. “Okay, schließen wir eine Wette ab. Wenn dein Bart in einer Woche fünf Zentimeter wächst, gibt dir jeder von uns ein Essen aus, wenn du verlierst gibst du uns ein Essen aus, abgemacht?” “Na klar, das gewinne ich locker.”
Am nächsten Morgen hatte er die Wette schon vergessen. Tags darauf begann wieder die Schulwoche, erst am Donnerstag sah er seine Freunde zum Tennisspielen wieder, so kam es , daß er nicht mehr an die Wette dachte.
Am Donnerstag, auf dem Tennisplatz, sagten seine Freunde: “Da muss aber morgen noch ein kleines Wunder geschehen, wenn der Bart noch wachsen soll.” Plötzlich erinnerte er sich wieder an die unsinnige Wette. Zuhause überlegte er sich fieberhaft, wie sein Bart in der kurzen Zeit noch fünf Zentimeter wachsen soll. Da fiel ihm das Internet ein. Er klickte die Yahoo-Suchmaschine an und gab ein: “schneller Bartwuchs.” Der Computer hatte insgesamt 50 verschiedene Informationen gefunden. Er schaute sich alle an und fand ein Rezept. Da stand:

Zutaten: Jeweils zwei Blätter des Pfaffenhütchens, des Fünffingerkrauts, des Engelsüß und ein Blatt von der Zauberhasel. Vier Tropfen Arnikatinktur, fünf Teelöffel Heilerde und zwei Teelöffel Wasser.
Die Blätter klein hacken und in eine kleine Schüssel geben. Dann das Wasser in dieselbe Schüssel schütten und darunter die Heilerde mischen. Und zum Schluß die Tropfen der Arnikatinktur hinein tropfen.
Den ganzen Brei ca. zwei Stunden stehen lassen.

In der Nähe von Herrn Rau’s Haus ist ein kleiner Kräuterladen. Dort bekam er alles was er benötigte, außer ein Blatt von der Zauberhasel. Vor dem Laden steht ein Haselnußstrauch, davon zwickte er sich ein Blatt ab. Zuhause stellte er alle Zutaten auf den Küchentisch und fing an den Brei zu mixen. Als die Masse fertig war, trug Herr Rau sie auf seinen Bart. Er ließ sie einige Minuten einwirken. Dann spülte er sein Gesicht unter kaltem Wasser ab und dachte: “Jetzt wird mein Bart sprießen!” Doch im Gegenteil, plötzlich waren seine Bartstoppeln im Waschbecken und auf seiner Hand. Er schaute in den Spiegel. Der Bart war weg. “Irgendetwas muß ich falsch gemacht haben,” sagte er laut. Er schaute noch einmal auf der Internetseite nach. “Mist”, rief er, “Ich habe Zauberhasel mit Haselnuß verwechselt.” Dieser kleine aber feine Unterschied hat das Bartwuchsmittel zum Enthaarungsmittel gemacht. Da die Geschäfte schon geschlossen waren und er sich keine neuen Kräuter mehr besorgen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als seinen Freunden ein Essen zu spendieren.

Er hatte die Wette verloren und damit auch die Lust auf einen neuen Bart, weil seine Freunde in wegen seiner “Bart-Angeberei” verspotteten.

ENDE

William Safire, Safire’s Political Dictionary

William Safire ist ein erfahrener amerikanischer Journalist und Autor von politischen und linguistischen Kolumnen; er war Redenschreiber für Nixon, hat Sachbücher und mindestens einen Roman geschrieben. Sein Political Dictionary erschien in erster Auflage 1968, damals noch unter anderem Titel, wurde mehrfach ergänzt und bearbeitet, dieses Jahr kam eine große neue Ausgabe heraus, “updated and expanded”.

Das Wörterbuch bemüht sich, politisch neutral zu bleiben (was Safire außerhalb dieses Buchs keinesfalls ist). Amerikanisch bleibt die Perspektive manchmal trotzdem: “Although Americans are traditionally self-conscious about excessive displays of patriotism” (Fourth of July speech) – ist wohl alles relativ.

Ein paar Beispiele:

redheaded Eskimo bill Ein Gesetzesentwurf, der darauf zugeschnitten ist, einer sehr kleinen Zielgruppe Vorteile zu bringen. Erklärt sich fast von selbst.

liberal Enthält folgende Definition von Daniel Patrick Moynihan: “The central conservative truth is that it is culture, not politics, that determines the success of a society. The central liberal truth is that politics can change a a culture and save it from itself.”

Schön ist, dass unter manchen Einträgen verwandte Begriffe analysiert werden:

Pussyfoot today has a more cautious, fearful connotation than straddle or on the fence, works harder at evasion than sidestep, is less blatant than to carry water on both shoulders, is less investigative than gumshoe […] and is not as Machiavellian as being all things to all men. See creep.

journalese At the backgrounders held by authorative sources, which can be media events in themselves, members of the fourth estate – evoking the public’s right to know – refuse to settle for no comment or off the record. Instead, reporters, protected by a lid and on a not for attribution basis, eschew any chilling effect and probe the sources for materials for their tick-tocks and keepers, sometimes seeking sound bites to enliven MEGOS with the technique of rule out.

MEGO Journalisten-Jargon. Eine wichtige, aber unglaublich langweilige Sache. Steht für “My Eyes Glaze Over.”

klong Das Gefühl, wenn man gerade durch eigene Blödheit eine Krise der politischen Karriere ausgelöst hat. Man unterscheidet petit klong und grand klong. (Geprägt durch Frankie Mankiewicz, Wahlkampfleiter für Senator George McGovern 1972.)

Humor hat er auch:

“A vituperative right-wing columnist denounced this speech under a headline he wrote that read ‘Chicken Kiev’, and Mr. Bush has not talked to me since.” (Unter self-determination. “Chicken” heißt “Feigling”, “Chicken Kiev” ist ein Rezept für Hühnchen, und Bush der Ältere warnte Kiev/die Ukraine damals vor Unabhängigkeitsbestrebungen.)

Eine sehr nützliche Analyse von Lincolns Gettysburg Address ist auch drin.

Das Wörterbuch ist kurzweilig, auch wenn man schon etwas blöd sein muss, um es von A‑Z zu lesen. (Ähem.) Natürlich wird man, wie bei guten Nachschlagewerken, immer wieder dazu verleitet, einer Spur zu einem anderen Eintrag zu folgen.

Ich überlege mir, wie Schule sein müsste, dass sich die Anschaffung dieses Buchs für die Schulbibliothek lohnen würde.

Bei Amazon habe ich nach etwas Ähnlichem für Deutschland gesucht. Gibt es so etwas? Das könnte doch ein schönes Standardgeschenk für Teenager werden. Ein “Wörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland” klingt aber nicht nach dem, was ich meine.

Bildungs-Stöckchen

1. Was war deine schlechteste Zeugnisnote?

Eine Vier. Ich wollte wissen, in welchen Fächern, und habe das eben nachgeschaut: Einmal Kunst, einige Male Sport, auch einmal mit 04 Punkten in der Kollegstufe. In beiden Fächern aber auch 1er.

2. Welche Kompetenzen sollte Schule unbedingt vermitteln?

Fiese Frage, weil ich dann gleich überlege, ob die Schule das denn auch leistet. Ich gestehe, ich habe über diese Frage noch nicht genug nachgedacht.

Um mal aus meinem Zeugnis zu zitieren: “Das Auftreten des kritisch und selbständig denkenden Schülers zeichnete sich durch Freundlichkeit und Anstand aus. Sein Fleiß und sein vielseitiges Interesse sind hervorzuheben.” Mehr erwarte ich von meinen Schülern auch nicht.

Wichtige Kompetenzen sind: Kritisches Denken – auch wenn das mehr eine Haltung als eine Kompetenz ist. (Kritisches Denken ist natürlich mehr als Widerspruchsgeist.) Vielleicht sind Haltungen wichtiger als Kompetenzen?
Also: Die Kompetenz, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen und Antworten zu bewerten. Das heißt: Texte verstehen können, und wenn man sie nicht versteht, Nachschlagewerke und andere Quellen zu benutzen.
Voraussetzung für all das ist vor allem: Wissen. Dafür ist die Schule auch da. Weitere Kompetenz: Selbstständig Wissen erwerben – und das Ausmaß dieses Wissens einschätzen können.

Weil in der Frage nur von Schule die Rede ist: Wie wie Aufgaben von Schule, Familie und Gesellschaft verteilt sind, das ist im Wandel.

3. Welche Diskussion rund um das Thema Bildung fandest du in letzter Zeit spannend?

Richtig spannend: Keine, ehrlich gesagt. Viel Sommertheater. Am ehesten noch die Frage nach gegliedertem Schulwesen. Viel Diskussion habe ich da aber auch nicht mitgekriegt.

4. Was hat dich früher motiviert, jeden Tag in die Schule zu gehen?

Ich hatte nicht das Gefühl, besondere Motivation zu brauchen. Ich habe in vielen Fächern etwas gelernt, also ging ich gern hin. (In manchen Fächern habe ich nichts gelernt, was nicht am Fach lag, sondern an einer Kombination von meinem Desinteresse und Lehrern, die daran nichts änderten). Und wegen der Sozialkontakte natürlich auch.
Aber Erinnerungen sind nicht unbedingt zu trauen.

5. Wissen bedeutet

Wissen ist eine Voraussetzung für Bewertung von Behauptungen. Braucht man, um sich eine begründete Meinung zu bilden.

6. Was macht für dich einen guten Lehrer aus?

Wenn möglichst viele Schüler möglichst viel Sinnvolles lernen. Lernen heißt nicht nur: Wissenserwerb. Viele ganz verschiedene Lehrertypen können das.

Aus Kollegensicht: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Kennen der Vorschriften und Abläufe in einer Schule.

7. Was macht für dich einen schlechten Lehrer aus?

Wenn Schüler vor allem Abneigung gegen Schule lernen. Ansonsten das übliche. Mangelndes Interesse am Fach.

Aus Kollegensicht: Macht mir mehr Arbeit, indem er sich das Leben erleichtert.

8. Was ist deine liebste Figur aus Comic‑, Trick‑, Serien‑, Literatur- oder Märchenwelt und warum?

Für eine Entscheidung kenne ich zu viele davon zu gut. Am meisten geprägt hat mich Spider-Man.

9. Wenn du Kultusminister wärst – was würdest du sofort ändern?

Sofort ändern kann man auch als Kultusminister vermutlich wenig. Die Hälfte aller Vorschriften streichen. Mir überlegen, was man mit Lehrern, die mit dieser Freiheit nicht umgehen können, macht. Im Moment besteht die Aufgabe des Lehrers am Gymnasium hauptsächlich darin, gerichtsfeste Noten zu produzieren. Ob und was die Schüler lernen, ist zweitranging.

10. Was ist dein Schlusswort zu diesem Bildungsstöckchen?

Über Frage 2 und 9 sollte ich mal mehr nachdenken.
Was hat Frage 8 mit den anderen Fragen zu tun?

Elisabethanisches Essen

The Supersizers Go… Elizabethan. Das Konzept der Serie: Für jeweils eine Woche isst und kocht das Team wie in einer vergangenen Periode. Ich habe die erste Folge in England gesehen, da war es die Zeit des Zweiten Weltkriegs: Rationierung, Knappheit, Improvisation. In dieser Folge geht es um elisabethanisches Essen (also etwa aus der Shakespeare-Zeit). Natürlich das Essen der reichen Leute, nicht das der armen. Viel Fett, viel Fleisch, viel Zucker – und dennoch hatte das Team am Ende der Woche Gewicht verloren.

Beispiel für ein Festessen auf dem Land, für Königin und Gefolgschaft, nur mal der erste Gang:

Whole Pygge (roast suckling pig)
Boyled Beef
Deer-Shaped Loaf (a large deer’s head shaped pie with innards that bleed claret)
Goose with Sorrel Sauce
Grand Sallet
Manchet Bread
Claret

Könnte auch eine Facharbeit werden.

Eine Liste mit vielen weiteren Gerichten gibt’s auch und ein paar Fotos. Keine Rezepte, aber ein Link auf ein Kochbuch aus dem 17. Jahrhundert beim Projekt Gutenberg. Einen Ausschnitt aus der Episode gibt es bei Youtube, Zusammenfassungen der anderen Episoden bei der oben verlinkten Seite.

Was der Autor sich an Herausgeberhaftem unter den Nagel reißt

Sommerloch: Bis die Schule wieder anfängt, schreibe ich mir ein paar angefangene Blogeinträge von der Seele und der Warteliste, die seit Jahren darauf warten, dass ich mal richtig Energie in sie investiere. Wir haben uns entschieden, jetzt nicht mehr länger auf die Energie zu warten.

Ich reime mir das so zusammen: Es gab dereinst Leute, die Geschichten erzählten. Oder vermutlich noch eher: Es gab Geschichten. Diese Geschichten wurden später von Herausgebern aufgeschrieben. Und nach und nach sind verschiedene paratextuelle Elemente, die ursprünglich herausgeberische Zusätze waren, von späteren Autoren als Teil eines Werks übernommen worden.

Ein Beispiel erklärt vielleicht, was ich meine. Ich behaupte mal, ohne das groß zu belegen, dass ursprünglich das Inhaltsverzeichnis wie überhaupt die Unterteilung in Kapitel eine redaktionelle Entscheidung der Herausgeber waren. Das gilt zum Beispiel für die Gesänge der Odyssee und Ilias – deren Überschriften stammen von späteren, wenn auch bereits antiken, Herausgebern, ebenso wie die Einteilung der Werke in jeweils 24 Gesänge.
Spätere Autoren bauten Kapiteleinteilung und ‑überschriften dagegen bereits bei der Entstehung – und damit als Teil des Werkes – mit ein. (Beispiel 1: Martin Amis, London Fields, 24 Kapitel, zu Gruppen zusammengefasst, mit Überschriften wie “The Murderer” – und diese Einteilung täuscht, denn tatsächlich gibt es weitere Zwischenkapitel des sehr auktorialen und nicht unbedingt zuverlässigen Erzählers, die nicht als eigene Kapitel ausgewiesen sind. Beispiel 2: Henry Fielding, Tom Jones, mit Kapitelunterschriften wie: “Containing matters which will surprise the reader”, “Containing what the reader may, perhaps, expect to find in it” oder “Containing five pages of paper”.)

Inzwischen ist es selbstverständlich, dass die Kapiteleinteilung und eventuelle Kapitelüberschriften unveränderlicher Teil eines Werks sind. Aber das war eben nicht immer so. Was gibt es noch für redaktionelles Beiwerk, das vom Autor – oder Werk? – annektiert wurde?

  • Titel
    Das Gilgamesh-Epos lief im Altertum unter Shutur Eli Sharri, “Außergewöhnlichster Aller Könige”, nach den ersten Wörtern des Textes – eine redaktionelle Entscheidung. Das Nibelungenlied hat keinen Titel, und auch der Titel von Der arme Heinrich stammt nicht vom Autor, Hartmann von Aue.
    Was war eigentlich das erste Buch, bei dem der Autor über den Titel entschieden hat?
    Nachtrag. Raymond Smullyan hat in Buch ohne Titel schon versucht, den Titel loszuwerden und den Herausgebern zurückzugeben. Die Buchhändlerin war zuerst zwar tatsächlich irritiert, als ich ihr beim Bestellvorgang den Titel genannt habe, aber ein wirkliches Hindernis war es nicht. Und Umberto Eco wollte seinen Rosenroman Adson von Melk nennen, weil das am wenigsten über den Inhalt verraten hätte, aber das ließ man ihn nicht.
  • Inhaltsverzeichnis
    Siehe oben (Martin Amis, Henry Fielding, Homer). Eine weiteres Beispiel von vielen für ein explizit zum Text gehörendes Inhaltsverzeichnis ist die Verschachtelung in The Bridge von Iain Banks.
    banks_the_bridge
  • Kapitel
    Eng verbunden mit dem Inhaltsverzeichnis ist die Unterteilung in Kapitel. Eingesetzt zum Beispiel bei Flann O’Brien, At Swim-Two-Birds, das mit “Chapter I” beginnt, ohne dass jemals ein zweites Kapitel folgt. Und schon in Tristram Shandy hat der fiktive Autor Kapitel 24 in Band IV ausgelassen, was er in Kapitel 25 zu erklären versucht.
    Die Romane von Jasper Fforde enthalten alle kein Kapitel 13, außer im Inhaltsverzeichnis.
    Weiteres Beispiel: Roddy Doyle, The Giggler Treatment, in dem auf Chapter One, Two, Three eines folgt, das heißt: “A Chapter That Isn’t Really A Chapter Because Nothing Really Happens In It But We’ll Call It Chapter Four” – und in den Kapiteln danach gerät die Zählung völlig durcheinander.
    In John Barth, Lost in the Funhouse gibt es die Geschichten “Menelaiad”, in der die Kapitel 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 7, 6, 5, 4, 3, 2, 1, nummeriert sind, und “Anonymiad”, das mit 1, 1 1/2, 2 beginnt.
    Jasper Fforde, Lost In A Good Book zählt: 1, 2, 3, 4, 5, 4a, 6, 7 und so weiter. (Hat was mit Zeitreisen zu tun.)
    Karl Immermann, Münchhausen: beginnt mit Kapitel 11, die Kapitel 1–10 stehen nach Kapitel 15 – der Buchdrucker hatte sich eigenmächtig herausgenommen, die Kapitel umzustellen, um das Buch reißerischer zu machen.
  • Personenverzeichnis
    Ich weiß nicht, wann das angefangen hat, einem Roman ein Verzeichnis der darin vorkommenden Personen voranzusetzen. Typisch ist das für Krimis. Meine Ausgabe von Erle Stanley Gardner, The Case of the Caretaker’s Cat (Penguin 1955) hat so eine Liste, The Case of the Stuttering Bishop (Penguin 1953), ebenfalls ein Perry-Mason-Krimi, hat das nicht. Ich nehme mal an, dass in diesen Fällen diese Listen nicht zum Werktext gehören. Anders etwa bei Matt Ruff, Fool on the Hill, eine liebeviolle Liste der Hauptpersonen, unterteilt nach “The Bohemians”, “Other Human Beings”, “The Sprites”, “Canines and Felines”, “Cameo Appearances”. Definitiv Teil des Textes.
  • Illustrationen
    Meistens sind Illustrationen kein Teil des Werktextes, aber es gibt Ausnahmen. In Arturo Pérez Reverte, El Club Dumas (ganz schlecht verfilmt von Polanski) spielen sie dagegen eine große Rolle. Allerdings sind diese Illustrationen postmoderne Zitate: Es handelt sich um teils echte, teils fiktive Illustrationen aus anderen Werken. In Alfred Bester, Golem100 sind Illustrationen ebenfalls Teil des Textes, genauso wie Notenzeilen, Collagen und anderes – das Buch ist nah an den Stilmitellen des Dadaismus.
    Zum Text gehörende Kritzeleien gibt es bei Poe (Narrative of A. Gordon Pym) und bei Sterne (eine Illustration zum Aufbau der ersten vier Kapitel von und aus Tristram Shandy). Bei Sterne gibt es auch ein zum Text gehörendes Blatt, das nur aus Marmorierung besteht.
  • Fußnoten (und anderer kritischer Apparat)
    Das editorische Mittel par excellence, schon lange von den Autoren an- und übernommen. Ein extremes Beispiel ist Vladimir Nabokov, Pale Fire. Das Buch besteht aus dem letzten Gedicht des – fiktiven – berühmten Dichters John Shade, der 1959 ermordet wurde, zusammen mit einem Vorwort, einem Index und vielen, vielen Endnoten zum Gedicht. Aus diesem Material formt sich ein Bild des – fiktiven – Herausgebers, und eigentlich wird im Roman dessen Geschichte erzählt.
    Weitere Fußnoten habe ich mir notiert bei einem anekdotischen Buch von George Burns, dessen Titel laut LoC-Angaben im Impressum Dr. Burns’ Prescription for Happiness lautet, das aber auch als Dr. Burns’ Prescription for Happiness* *Buy two books and call me in the morning geführt wird – in verschiedenen Schreibvarianten.
    Ausgesprochen schöne Fußnoten gibt es auch bei Jasper Fforde, Lost In A Good Book. Mit dem Fußnotophon – es heißt natürlich nicht so, aber ich weiß den tatsächlichen Namen gerade nicht – kommt man in den Untergrund und kann so über Kanäle kommunizieren, ohne dass das die Personen, die nur in der Haupthandlung auf dem Hauptteil der Seite agieren, das mitkriegen.
    Sehr lange Fußnoten, die nicht wenig mit dem – ohnehin erratischen – Text zu tun haben, gibt es in The Third Policeman von Flann O’Brien, etwa in Kapitel 11.
  • Vorwort/Introduction/Widmung: The Ascent of Rum Doodle von W. E. Bowman enthält sowohl ein kurzes “Foreword” als auch eine “Introduction”, beides eher Grußworte von Personen, die im vorgeblich nichtfiktiven Buch auftauchen. Der Witz: Die beiden kurzen Texte sind floskelhaft und vor allem nahezu identisch.
  • Beispiele für zum Text gehörende Anhänge: Die Illuminatus!-Trilogie von Shea/Wilson und The Circus of Dr Lao von Charles G. Finney.
  • Autor
    Die Autorenangabe ist inzwischen Teil des Textes, behaupte ich. Einsatz etwa bei Kilgore Trout, Venus on the Half-Shell. Der Roman stammt von Philip José Farmer, Trout ist ein fiktiver Autor im Werk von Kurt Vonnegut, und Venus ein dort erwähnter Titel.
    Iain M. Banks schreibt andere Bücher als Iain Banks, obwohl beide derselbe Mensch sind, James Branch Cabell andere als Branch Cabell. Und The Silent Gondoliers ist eben nicht von William Goldman, sondern von S. Morgenstern. (Und dann gibt es noch The Iron Dream von Norman Spinrad, ein Buch, das nur aus dem Buch besteht, das ein 1919 in die USA ausgewanderter Adolf Hitler dort geschrieben hat. Ein Parallelweltroman sozusagen, obwohl es darin gar nicht um die Parallelwelt geht. Gehört nicht ganz hierher.)
    Eben entdeckt: die “Maureen Birnbaum, Barbarian Swordsperson”-Geschichten von George Alec Effinger. Die Geschichten hat Maureen (“Muffy”) jeweils ihrer Freundin Bitsy erzählt, die als Co-Autorin der Kurzgeschichten fungiert; die alte Herausgeberfiktion wieder. Bitsy ändert im Lauf ihres Lebens ihren Namen, die Geschichte lässt sich gut aus dem Inhaltsverzeichnis ablesen:

    Auch Naomi Aldermans The Power spielt damit: Das Buch tut so, als wäre es ein (historischer) Roman  von Neil Adam Armon, zusammen mit ein wenig Korrespondenz zwischen diesem und der Herausgeberin oder Lektorin Naomi.
  • Impressum
    Beim nicht korrekten Impressum landet man schnell bei der tatsächlichen Fälschung, etwas zu Propagandazwecken. Ich kenne deshalb auch nur Mischformen, also ein Impressum, dass korrekte und falsche Daten mischt, etwa bei diesem Unsinns-Sachbuch über die Giraffe, wo es im Impressum heißt: “All rights are reserved, except the right to wear orange and brown together”, nebst viel weiteren Hanebüchereien.
  • Zensur
    Zensur heißt unter anderem, dass ein staatlicher Zensor vor der Veröffentlichung oder Weitergabe von Briefen oder Druckwerken bestimmte Stellen schwärzt oder anders unkenntlich macht. Auch das wird, sobald es erst einmal etabliert ist, vom Autor eingesetzt, etwa bei Heinrich Heines Reisebilder, Kapitel XII, das nur aus den Worten “Die deutschen Censoren – - – - Dummköpfe – - – - – ” besteht. (Die Zensurstriche hier nur angedeutet, tatsächlich sind es wesentlich mehr.)
  • Ein schwer zu klassifizierender redaktioneller Einschub ist in William Goldman, The Princess Bride. Das Buch tut ja so, als wäre es die gekürzte Fassung eines längeren Werks von S. Morgenstern. Nach Jahren der Trennung treffen sich Wesley und Buttercup wieder, und diese herzzerreißende Wiedersehensszene hat William Goldman geschrieben – musste sie aber auf Druck des Verlags und der Erben von S. Morgenstern herausnehmen, da Goldmans Buch dann keine Kürzung des Originals mehr ist, sondern eine Ergänzung. Aber man könne, so steht es im Buch, einen Brief an den Verlag schicken, dessen Adresse angegeben ist, und dann kriegte man eine Kopie der Wiedersehensszene.
    Habe ich natürlich gemacht. Man kriegt einen Brief zurück mit weiteren Erklärungen, warum die Wiedersehensszene doch nicht mitgeschickt werden kann. Weitere Details zu den rechtlichen Problemen mit den Erben S. Morgensterns werden geschildert. Die Wichtigkeit von Cadminium für die amerikanische Wirtschaft. Die zweite Fassung des Briefs ist von 1978, die dritte von 1987. (Diese Fassung habe ich 1988 geschickt bekommen, nachdem ich dieses wunderbare Buch entdeckt hatte. Vermutlich gab es danach weitere Fassungen. Hat jemand nach 1988 da mal hingeschrieben? Ist die Verlagsadresse in den letzten 35 Jahren wohl dieselbe geblieben oder hat sich der Text einem eventuellen Umzug angepasst?) Zum Romantext gehören diese Briefe wohl nicht. Aber die Herausgeberfiktion wird jedenfalls in den Text eingebaut.
  • Werbung
    Ich habe noch alte Bastei-Taschenbücher mit Marlboro-Werbung innendrin. Und war es nicht Rowohlt, in deren Taschenbüchern in der Mitte immer diese Werbung für Pfandbriefe und Kommunalobligationen waren? Zum Text gehörende Werbung gibt es bei Jasper FForde in The Eyre Affair und den Folgebänden. Könnte man diese Werbung in anderen Ausgaben weglassen, ohne dass man um einen Teil des Werks betrogen wird? Vielleicht schon.
  • Anmachertext
    Früher zumindest mal, so in den 1970ern, da gab es die Praxis, auf der ersten Seite eines – meist eher trivialen – Buches, noch vor dem Inhaltsverzeichnis, einen besonders spannenden Ausschnitt aus dem Buch zu präsentieren. Damit man Lust bekommt, das Buch zu lesen, auch weil der Ausschnitt gerne mal mit einem Cliffhanger aufhört. Das gibt es auch bei Bored of the Rings (1969) von H.N. Beard und D.C. Kennedy, deutsch: Dschey Ar Tollkühn: Der Herr der Augenringe (Goldmann 1983) – nur dass die kurze Szene im späteren Buch überhaupt nicht erscheint, also klar kein redaktionelles Element ist, sondern Teil des Werks.
  • Aufkleber
    Ein Grenzfall. The Meaning of Liff von John Lloyd und Douglas Adams definiert “Liff” als: “A book, the contents of which are totally belied by its cover. For instance, any book the dust jacket of which bears the words. ‘This book will change your life’.” Auf meiner Ausgabe des Buches ist ein Aufkleber mit eben dieser Aufschrift, und ich hätte das Gefühl, die Ausgabe wäre ohne diesen Aufkleber nicht vollständig.
  • Diskussionsvorschläge für Leserunden:
    Gibt es oft bei englischen Taschenbüchern. In Pride and Prejudice and Zombies steht auf den letzten Seiten solch ein “Reader’s Discussion Guide”, der aber nicht ganz ernst zu nehmen ist und für mich einen mindestens so relevanten Teil des Buchtexts ausmacht wie das Inhaltsverzeichnis.
  • Schriftlichkeit und ihre Folgen– Die Rechtschreibung war ursprünglich kein Teil des Textes, sondern eine Entscheidung der Drucker und Herausgeber. Heute wehren sich manche Autoren gegen die neue deutsche Rechtschreibung. Goethe hat sich nicht so angestellt.
    Beispiele fürs Spiel mit der Schreibung: Der englische Dichter Spenser wird im Gespräch erwähnt und von einer anderen Person als “Spencer” aufgenommen: lautlich gleich, zeigt die in der wörtlichen Rede verwendete Schreibung, dass der Sprecher den Dichter nicht kennt (Compton Mackenzie, The Rival Monster (in: The Highland Omnibus p. 587). Ähnlich in Terry Pratchett, Pyramids (p. 121, Corgi): Das Wort “quantum” wird gerade erfunden und von jemandem anderen als “kwa-” ausgesprochen, der daraufhin korrigiert wird.

    Absätze sind auch eine neue Erfindung, die inzwischen Teil des Texts sind. Im Mittelalter wurde am Zeilende umbrochen und gut war’s.

    Zeichensetzung, etwa bei der wörtlichen Rede. In Terry Pratchett, Hogfather (p. 22, Corgi) gibt es ein telepathisches Kleidungsstück:

    ‘Good evening,’ he said.
    The robe said, Good evening, Lord Downey.

    – Dazu gehören wohl auch Korrekturzeichen. Leider kann ich mit meinen begrenzten typographischen Mitteln hier nicht den Titel eines Essays von Anne Fadiman (aus dem tollen Bändchen Ex Libris wiedergeben. Im Endeffekt lautet der Titel wohl “Insert a Caret” (Caret/Zirkumflex: ^), aber er ist entstanden aus den Wörter “Inset a Carrot”, versehen mit den üblichen Korrekturzeichen, denen zum Beispiel auch vorne im Rechtschreibduden ein Kapitel gewidmet ist. Auch im Inhaltsverzeichnis von Ex Libris taucht der Tiel in dieser Form auf, komplett mit Strichen am Rand und so weiter.

    Durchstreichung zum Zweck einer Korrektur, zum Beispiel in George Macdonald Fraser, Flashman’s Lady (p. 59 und weitere, Penguin 1988), wo Mrs Flashman in ihr Tagebuch schreibt:

    [H]e took advantage of the situation to press his lips to mine!! I was so affronted that it was some moments a moment before I could find the strength to make him desist

    Auslassungszeichen: In James Branch Cabells Figures of Earth werden die Kinder buchstäblich vom Storch gebracht. (Cabells vorhergegangenes Buch wurde als zu obszön kritisiert, hier macht sich Cabell darüber lustig.) Um den Storch zu beschwören, nimmt Manuel “fünf merkwürdige Objekte, in etwa wie kleine Sterne” aus seiner Tasche und platziert sie in einer Reihe auf dem Boden:

    *****

    und danach ist der Storch da.

    Typographische Elemente wie verkehrt herum gesetzte Buchstaben, etwa in Michael Ende, Die unendliche Geschichte, in der man ganz am anfang spiegelverkehrt, weil von der Rückseite gesehen, die Aufschrift eines Antiquariats liest. Ähnlich die Geschichte “Mirror/rorriM, off the Wall” (nur dass die Buchstaben des zweiten Wortes spiegelverkehrt sein müssten, das gibt HTML aber nicht her) von Spider Robinson in The Callahan Chronicles. Auch ein spiegelverkehrter Zehndollarschein taucht auf (01$ statt $10 geschrieben, auch wieder spiegelverkehrt, also hier nicht darstellbar).
    Der Titel der Glosse “Report on Resentialism” von Paul Jennings ist in der Sammlung The Jenguin Pennings auf dem Kopf stehend gedruckt. In der Glosse geht es um eine fiktive philosophische Richtung, deren Kernaussage die ist, dass die Dinge nicht so wollen wie die Menschen.

    – In Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Der Gaulschreck im Rosennetz, 4. Capitel, hat die Stadt “Scheibbs” (vormals “Scheibs”) ein zusätzliches “b” erhalten, da vorher “ein paarmal peinliche, sinnstörende Schreibfehler vorgekommen waren”. Gehört nicht wirklich hierher, aber hier finde ich das wieder.

    – Auch die Wahl der Schriftart war ursprünglich rein redaktionell. Wann Fraktur und wann Antiqua, das ist ursprünglich vorgegeben. Bewusster Einsatz darüber hinaus: Walter Kempowski verwendet Sütterlin in Antiqua in Herzlich Willkommen (Knaus 1984, S. 191f), als es um einen Kugelschreiber geht, der “als Reklamegabe von der Wäschereri [unleserliches Sütterlin, muss ich mal ergänzen] bezogen worden war”.
    In Comics werden Schriftarten natürlich noch bewusster eingesetzt.

    Zeichengröße und andere Varianten: In The Munitions Master, einem Abenteuer von Doc Savage (Bantam-Ausgabe Nr. 58, p. 10) drücken die Kapitälchen im Satz “A SAVAGE roar of almost unutterable ferocity came from the crowd” aus, dass die Menge nicht nur wild schreit, sondern auch den Namen der Person, auf die sie so wütend ist – Doc Savage eben.
    Jasper Fforde verwendet kleinere Buchstaben, um Flüstern darzustellen in Lost In A Good Book (Hodder & Stoughon 2002, p. 178): “ ‘Very good,’ whispered Snell.”
    In Figurengedichten von Lewis Caroll gibt es ebenfalls verschiedene Schriftgrößen, und sicher anderswo auch.

Viele Elemente um ein Buch herum sind aber immer noch paratextuell, gehören also noch nicht zum eigentlichen Text. Zumindest teilweise ist es interessant, sich auszumalen, wie man sie einbauen könnte.

  • Klappentext
    Auch wenn zum Beispiel Alasdair Gray seinem Poor Things gleich einen “blurb for a high-class hardback” und einen alternativen “blurb for a popular paperback” mitgibt: Vermutlich nicht Teil des Texts
  • Autorenangaben
    Und seien sie auch noch so fiktional (Harlan Ellison in Edgeworks I: “It was not until he threw himself in front of the assassins bullet at last year’s Academy Award ceremonies, thus saving the life of Oscar nominee Brad Pitt…”).
    Dazu gehört wohl auch das Autorenfoto auf dem Buchrücken. Auch wenn das wie im oben schon erwähnten Venus on the Half-Shelf ein verkleideter Philip José Farmer mit enorm falschem Rauschebart ist.
  • Schriftfarbe
    Ursprünglich eine reine redaktionelle Entscheidung, aber bei Michael Ende, Die unendliche Geschichte und bei einer deutschen Ausgabe (nicht aber den englischen, die ich kenne) von William Goldman, The Princess Bride werden verschiedene Farben für den Text eingesetzt. Ich nehme mal an, dass das in einfacheren Ausgaben durch Kursivsetzung ersetzt ist.
  • Titelbild
    Ich kenne kein Buch, bei dem das Titelbild tatsächlich Teil des Werktexts ist. Es gibt allerdings mindestens ein Buch, dessen Text in mindestens einer Ausgabe bereits auf dem Titelbild beginnt.
  • Erscheinungsweise
    Ein Buch, das man nur in Einzelheften lesen kann und nicht in einer Gesamtausgabe? Kenne ich nicht.
  • Am vielversprechendsten stelle ich mir das bei der Seitenzählung vor. Wenn ein Blatt doppelt im Buch ist, eine Lage im Buch fehlt oder eine Lage doppelt ist: Wiederholt sich dann auch die Handlung beziehungsweise wird sie übersprungen?
    Vorerst gibt es Verhalten bei Weltuntergang von Florian Werner (2013), eine Kulturgeschichte der Apokalypse, bei der die Seitenzahlen rückwärts gezählt werden, sozusagen als Countdown.

Krause Gedanken zum Schluss, zu einer Geschichte, die ich mal schreiben wollte:

Ich stelle mir da ein Einsatzkommando von Helden vor, das sich – durch die Fußnoten, den Subtext oder die Beschwörung Dessen, Der Zwischen Den Seiten Geht – nach vorne kämpft, um die Reihenfolge einiger Seiten zu ändern. Schon vor zehn Jahren hatte ich Ideen für eine parallele Handlung in den Fußnoten, manches davon kann ich mir aus wiedergefundenen Notizen zusammenreimen: “irgendetwas fällt (unterschiedliche Schrifttypen?) von oben runter? Oben wird von Geräusch von unten abgelenkt? Sie schmuggeln sich was in die Tasche”. Ganz kühn: “sie schieben ein Wort zum Zeilenende, um Trennstrich zu erzeugen (Homographentrennung?)”

Ich glaube, das hätte einen etwas konstruierten Text gegeben.

Ergänzung 2012: Bin ja mal gespannt, ob eBuch-Reader wie der Kindle eigene peritextuelle Elemente hervorbringen werden.

Gewicht des Schulranzens

Die Warnung vor “überladenen” Schulranzen ist wissenschaftlich nicht zu begründen. […]
Da fast 50 Prozent aller Kinder so schwache Bauch- und Rückenmuskeln haben, dass sie sich nicht dauerhaft gerade halten können – wie weitere Kidcheck-Studien gezeigt haben -, muss jedes Training zur Kräftigung willkommen sein.

Details bei Teachernews. Es geht um Grundschulkinder.

Klar muss man wissenschaftlichen Untersuchungen nicht glauben. Erst dann ein bisschen mehr, wenn sie wiederholt worden und allgemein akzeptiert sind. Irrtümer gibt es da auch. Aber in Abwesenheit anderer Erkenntnisse akzeptiere ich das Untersuchungsergebnis schon.

Der Wert von 10% des Körpergewichts, den man gelegentlich hört, wenn es um die Obergrenze des Schulranzen-Gewichts geht, ist übrigens eher aus der Luft gegriffen. Das hieß anscheinend schon immer so; wo die Zahl herkommt, weiß keiner so recht.

Schlichte Gerichte: Das Käsebrot

Noch ein Rezept von meinem Großvater: Heißes Käsebrot. Man braucht dazu: Brot, Käse (welcher Käse war das damals wohl? schon Scheibletten?) und Butter. Mehr sage ich nicht zum Rezept, schon mal, weil ich es nicht kenne. Ich versuche seit Jahren immer wieder mal, ein heißes Käsebrot zu machen, das so schmeckt wie das meines Großvaters. Es gelingt mir nicht. Brotscheiben von beiden Seiten anbraten oder nur von einer? Vielleicht meine ich es immer zu gut mit dem beidseitigen Rösten.

Nicht verwechseln mit: Welsh Rarebit, das ich einmal versucht habe, selbst zu machen. Hat sich nicht gelohnt. Kann man das wirklich besser machen?

Gerichte meiner Großmutter: 1. Zuckerwasser vor dem Einschlafen. Ist genau das, wonach es klingt. 2. Weißer Joghurt mit Zucker. Das knurspelt so schön. (Wollte zuerst “knuspert” schreiben, aber der Buchstabendreher passt besser.)

Nachtrag nach Leserhilfe: Nur eine Seite der Scheiben bestreichen und in der Pfanne bräunen. Niedrige Temperatur. Butterschmalz oder Margarine statt Butter. Dann klappt’s. Foto weiter unten.