Schultag gestern (Sandmann, Freud, bisschen Sartre)

Lang, erschöpfend, aber durchaus in Ordnung. Zuerst eine Doppelstunde im LK mit einem gelungenen Referat zum Aufsatz „Das Unheimliche“ von Freud, in dem er E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ psychoanalytisch interpretiert. (Unsere aktuelle Lektüre.) Sehr lesenswert, wird nächstes Jahr gemeinfrei. Kerngedanken der ersten Hälfte:

  1. Die Ästhetik beschäftigt sich kaum mit dem Hässlichen. Es gebe nur einen Aufsatz über das Unheimliche von Jentsch, für den das Unheimliche ist: der „Zweifel an der Beseelung eines anscheinend lebendigen Wesens“ und umgekehrt. Beispiel Olimpia, Frankenstein. (Siehe dazu auch Uncanny Valley bei Wikipedia. Im deutschen Artikel ist von einem „empirisch messbaren“ Effekt die Rede, im englischen wird angemerkt, dass die Theorie aufgrund fehlender Beweise auch kritisiert wird.)
  2. „Unheimlich“ ist ohnehin ein Problem: Es ist das Gegenteil von heimlich, das aber selber zwei gegensätzliche Bedeutungen hat: gemütlich, heimelig und fremden Blicken verborgen bis hin zu gruselig, unheimlich, also seinem eigenen Gegenteil. Überlegungen dazu, wie das wohl kommt. Viele Belege dazu aus dem Grimmschen Wörterbuch. Vergleiche auch englisch „homely“ in den Bedeutungen „heimelig, gemütlich, einfach, reizlos, unattraktiv“.
  3. Jentschs Erklärung passt zu Olimpia, aber das eigentlich unheimliche Element in der Novelle ist der Sandmann, der die Augen von Nathanael bedrohnt und ihn in den Wahnsinn treibt. Für dessen Erklärung reicht nur die psychoanalytische Deutung, nach der die Angst vor dem Verlust der Augen mit Kastrationsangst gleichgesetzt wird. (Die umständliche Formulierung ist nötig, um das Wort „Penis“ zu vermeiden. Wir haben es die ganze Doppelstunde geschafft, das Wort nicht zu benutzen. „Kastrationsangst“ ist für die Schüler schwer genug, außerdem saß die Chefin hinten und sah zu.)
  4. Belege für diese Deutung: 1. Ödipus, wo der Held für die Sünde des Inzest mit dem Verlust der Augen bestraft wird statt mit dem eigentlich zu erwartenden Verlust des, äh, jetzt also doch: Penis. 2. Angst vor Kastration durch den als Konkurrenz gesehenen Vater: Es ist jeweils eine Vaterfigur, die die Augen von Nathanael beziehungsweise Olimpia bedroht. Zuerst Coppelius (als böses Äuqivalent zu Nathanaels Vater), dann Coppola (als böses Äquivalent zu Olimpias Vater Spelanzani) Coppola verhindert jeweils die Liebesbeziehungen zu Klara, Olimpia, wieder Klara.

(Ich muss bald mal meine aktuelle Romantik-Sequenz zusammenschreiben. Da passt nämlich viel zusammen. Ödipus haben wir gelesen; Interpretationsansätze an Märchen illustriert, darunter auch psychoanalytische Deutungen von Rotkäppchen und Froschkönig. Grimmsches Wörterbuch kennen sie auch.)

Beim Herumlesen bin ich gestern noch auf einen Serienmörder bei Hellblazer gestoßen, einen schon älteren Mann, der vornehmlich Familienmitglieder tötet, unter anderem den Vater von John Constantine. Und dann geht er mit dem Messer und den Worten „I want your eyes“ auf John los. Das Motiv der Augen taucht sonst in der Hellblazer-Geschichte nie auf, es erscheint also völlig unmotiviert – es sei denn, man greift auf die psychoanalytische Deutung zurück. Passt auch zum Hass des väterlichen Serientäters auf Familien und der Übernahme der Vaterrolle für Constantine. (Vermutlich kann man bei moderner Literatur allerdings davon ausgehen, dass den Autoren dieser Gedanke bekannt und bewusst ist, es muss sich also nicht unbedingt etwas Verdrängtes äußern.)
Vermutlich sollte ich meine Schüler mit so etwas verschonen. Dann müsste ich auch „the Corinthian“ erwähnen, einen zum Leben erweckten Alptraum aus der Sandman-Reihe: wenn der seine Sonnenbrille abnimmt, sieht man, dass er statt Augen Zähne hat. Der sieht richtig alptraumhaft aus. Und er frisst auch gerne fremder Leute Augäpfel.
Dann käme ich wohl auch nicht an der vagina dentata vorbei. Mal schauen.

Danach war die Besprechung der Stunde mit der Chefin. Wer’s nicht weiß: Alle vier Jahre werden die verbeamteten Lehrer, die diesseits einer bestimmten, gerüchteweise abzuschaffenden Altersgrenze sind, beurteilt. Grundlage ist alles mögliche, darunter mindestens (lies: genau) drei in der Regel unangekündigte Unterrichtsbesuche durch die Schulleitung.
Das Verfahren ist nicht heiß umstritten, weil Lehrer selten etwas heiß umstreiten. Aber kritisiert wird es schon.

Die Stunde lief gut, ich habe aber auch einen guten Kurs. Vielleicht liegt es auch daran, dass die K12 noch konzentrierter arbeitet als die K13.

Danach gemischtes Arbeiten in der Schule, darauf Schulforumssitzung, abends Schultheater in der Aula. Sartre, Geschlossene Gesellschaft. Ich mag Drama nicht besonders, jedenfalls nicht auf der Bühne. Bei Stücken, deren Text selbst poetisch ist, machen mir die Schauspieler in den meisten Inszenierungen zu viel dramatische Pausen, so etwas ähnliches wie Joeys „Smell the fart“-acting aus Friends. Brauche ich nicht. Dafür gibt’s den Text.
Bei Stücken wie dem Sartre allerdings enthält die Sprache wenig Poesie oder andere Kraft. Da ist es mir recht, wenn viel mit Körperhaltung, Pausen, Figurenkonstellation auf der Bühen gearbeitet wird.

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5 Thoughts to “Schultag gestern (Sandmann, Freud, bisschen Sartre)

  1. „Das Verfahren ist nicht heiß umstritten, weil Lehrer selten etwas heiß umstreiten. Aber kritisiert wird es schon.“
    Ich habe es schon weitergegeben, aber das Zitat ist wert, bei all den Klassikerzitaten, die wir zu Unrecht für Sprichwörter halten, eingereiht zu werden. Muss gleich mal an Büchmenn schreiben! ;-)

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