Es passiert grad nicht viel

Meine Schultage sind gerade alle sehr rund. In allen Klassen bis auf einer flutscht es, bin mit Informatikklausur und Deutschschulaufgabe zufrieden. Ist das dieser Flow, von dem man so viel hört? Ich habe viele Termine bis nach Pfingsten hin, arbeite aber jetzt schon daran. (“I pace myself”, gibt’s da was auf Deutsch?)

Ansonsten dräut das Abitur. Die Schüler sind ein bisschen nervös, ich zweifle auch immer wieder, ob sie auch genug bei mir gelernt haben, aber sie scheinen ordentlich was zu wissen und zu können. Außerdem ist die Luft ist bei mir raus – ich habe jetzt nichts mehr, was ich ihnen beibringen könnte. Das ist auch gut so, weil gerade immer wieder was ausfällt oder Schüler nicht da sind.

In Informatik in der 11. läuft jetzt und bis zum Rest des Schuljahres nur ab und zu unterbrochen die Projektphase. Ich schaue zu und helfe. Die Hauptaufgabe: Kommunikation unter der Schülern ermöglichen. Den Moodlekurs gibt es sowieso, ich habe ein paar GoogleDocs geöffnet, ansonsten bleibt den Schülern überlassen, ob sie mit Forum, Mail, ICQ arbeiten wollen.

Ich lese gerade The Satanic Verses von Salman Rushdie. Das letzte Mal habe ich es zu Unizeiten gelesen und damals reich mit Bleistift kommentiert. Respekt, was war ich früher für ein konzentrierter und sorgfältiger Leser. Die vielen erkannten und notierten Querverbindungen, auf die wäre ich bei meinem heutigen Lesestil kaum mehr gekommen. Nu ja, schönes Wochende zusammen.

Düsseldorf ist, wie man weiß, eine sehr mondäne Stadt.

It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune, must be in want of a wife.
(Jane Austen, Pride and Prejudice)

Ein launiger Satz. Das Buch könnte durchaus noch traurig werden, aber einen gewissen Humor wird es haben, denn dieser erste Satz ist bereits ironisch zu lesen. Sage ich jetzt mal, obwohl der im 19. Jahrhundert oft bierernst gelesen wurde. Es ist aber auch schwierig, zu sagen, wann etwas ernst zu lesen ist und wann nicht. Nehmen wir nur folgenden Schatz, den ich neulich am Beginn einer Geschichte Mitteleuropas entdeckte:

Düsseldorf ist, wie man weiß, eine sehr mondäne Stadt, die sich gern mit Paris vergleichen läßt.
(Rudolf Pörtner, Bevor die Römer kamen. Düsseldorf: Econ 1961. Erstes Kapitel: Der Weltbürger aus dem Neandertal.)

Hm. Ernst gemeint oder nicht? Schwiegermutter tippte auf ernst, da Düsseldorf in den 1950er Jahren wohl tatsächlich angesagt war. So oder so: im Text ist wie bei Austen nichts, dass die Entscheidung erzwingt.

Darauf komme ich gerade über Three Men in a Boat von Jerome K. Jerome. Da weiß man natürlich, dass das ein heiteres Buch ist und kann so die Zeilen richtig deuten: Aus dem Anfang des zweiten Kapitels, als die drei Abenteurer – der Ich-Erzähler, George und Harris – ihre Fahrt planen:

CHAPTER II.

We pulled out the maps, and discussed plans.
We arranged to start on the following Saturday from Kingston. Harris and I would go down in the morning, and take the boat up to Chertsey, and George, who would not be able to get away from the City till the afternoon (George goes to sleep at a bank from ten to four each day, except Saturdays, when they wake him up and put him outside at two), would meet us there.
Should we “camp out” or sleep at inns?
George and I were for camping out. We said it would be so wild and free, so patriarchal like.
Slowly the golden memory of the dead sun fades from the hearts of the cold, sad clouds. Silent, like sorrowing children, the birds have ceased their song, and only the moorhen’s plaintive cry and the harsh croak of the corncrake stirs the awed hush around the couch of waters, where the dying day breathes out her last.
From the dim woods on either bank, Night’s ghostly army, the grey shadows, creep out with noiseless tread to chase away the lingering rearguard of the light, and pass, with noiseless, unseen feet, above the waving river-grass, and through the sighing rushes; and Night, upon her sombre throne, folds her black wings above the darkening world, and, from her phantom palace, lit by the pale stars, reigns in stillness.
Then we run our little boat into some quiet nook, and the tent is pitched, and the frugal supper cooked and eaten. Then the big pipes are filled and lighted, and the pleasant chat goes round in musical undertone; while, in the pauses of our talk, the river, playing round the boat, prattles strange old tales and secrets, sings low the old child’s song that it has sung so many thousand years – will sing so many thousand years to come, before its voice grows harsh and old – a song that we, who have learnt to love its changing face, who have so often nestled on its yielding bosom, think, somehow, we understand, though we could not tell you in mere words the story that we listen to.
And we sit there, by its margin, while the moon, who loves it too, stoops down to kiss it with a sister’s kiss, and throws her silver arms around it clingingly; and we watch it as it flows, ever singing, ever whispering, out to meet its king, the sea – till our voices die away in silence, and the pipes go out – till we, common-place, everyday young men enough, feel strangely full of thoughts, half sad, half sweet, and do not care or want to speak – till we laugh, and, rising, knock the ashes from our burnt-out pipes, and say “Good-night,” and, lulled by the lapping water and the rustling trees, we fall asleep beneath the great, still stars, and dream that the world is young again – young and sweet as she used to be ere the centuries of fret and care had furrowed her fair face, ere her children’s sins and follies had made old her loving heart – sweet as she was in those bygone days when, a new-made mother, she nursed us, her children, upon her own deep breast – ere the wiles of painted civilization had lured us away from her fond arms, and the poisoned sneers of artificiality had made us ashamed of the simple life we led with her, and the simple, stately home where mankind was born so many thousands years ago.
Harris said:
“How about when it rained?”

Die vier langen Absätze in der Mitte wären auch ohne den verräterisch kurzen Einwand Harris’ in der letzten Zeile als humorvoll-parodistisch zu identifizieren. Allerdings könnten sie in anderem Zusammenhang gerade so gut ernst gemeinter lyrischer Kitsch sein. Aus der Sprache selbst heraus lässt sich der Humor schwer erklären.

Fundstücke der letzten Wochen

  • Jan-Martin Klinge stellt im Halbtagsblog vor, wie er mit Kollegen unter Verwendung der Notizenverwaltungssoftware OneNote von Microsoft Unterrichtsmaterial tauscht und verwaltet. Im Prinzip eine tolle Sache: man einigt sich – innerhalb des ohnehin gegebenen OneNote-Formats – auf bestimmte Sortierung und Formatierung und synchronisiert dann die individuellen OneNote-Verzeichnisse miteinander. Das kommt meinem Traum vom “iTunes für Unterrichtsmaterial” schon nahe, weil es ein Problem löst: das einheitliche Dateiformat, das Grafik und Text und alles enthalten kann, aber doch leicht Modifizierungen durch den Benutzer zulässt.
    Allerdings ist das Format Microsoft-proprietär und nicht XML-basiert. So wichtig ist mir der Materialtausch auch nicht, dann warte ich lieber, ob nicht doch irgendwo ein Format auftaucht, mit dem ich eher leben kann. Trotzderm, ein inspirierendes Projekt, unbedingt mal anschauen.
  • Bei gestreift-berührt-geteilt erzählt rebis von den irrwitzigen Vorbereitungen einer Wandertagsfahrt mit 100 Schülern, und wie Bus & Bahn sich da querlegen. Lesenswert, auch wenn danach dann doch alles gut ausgegangen ist. (Und mal merken, den Gedanken: wer kein Abi korrigiert, geht auf Wandertag; die Abileute korrigieren stattdessen. Hmmmmmm.)

Die Normalverteilung, Teil 3 (Wirre Reste)

Zum vorhergehenden Beitrag. Der ist inzwischen so lange her, dass ich etwas den Faden verloren habe. Es ging um die Punkte, Noten und Normalverteilung. Jetzt eher wirr, Sie mögen verzeihen, der Rest.

Meine Erkenntnisse bisher: Gesamtpunktzahlen sind tatsächlich mehr oder weniger normalverteilt, zum Beispiel so:

Die abstrakterer Normalverteilungskurve dazu sieht so aus:

Diese halbwegs normalverteilten Punktezahlen werden dann nach einem äquidistanten Schlüssel in Noten von 1 bis 6 umgerechnet. Das sieht dann so aus:

Auch hier wieder die Normalverteilungskurve, wobei die 6 Farben den 6 Noten entsprechen.

Diese Farbverteilung gilt für eine normal schwere Englischschulaufgabe. (Wären die Aufgaben besonders schwer oder leicht, wäre eine andere Punkteskala angebracht. Dann wären die rechten 5 Farbstreifen jeweils alle etwas schmäler oder breiter.) Die eingezeichnete Kurve ist die einer gut ausgefallenen Schulaufgabe, in der es keine 6 gab und der Mittelwert bei knapp über 3 lag. Die auf der Basis des äquidistanten Punkteschritts entstandene Notenverteilung ist immer noch halbwegs normalverteilt: weniger 1er und 5er, mehr 2er und 4er, noch mehr 3er. Dass es keine 6er gibt, ändert nichts an der Normalverteilung, sondern schiebt die eingezeichnete Kurve einfach etwas nach rechts; bei einem schlechteren Ergebnis muss man sich die Kurve einfach weiter links und eventuell etwas flacher vorstellen.

Genauso gut könnte man allerdings auch einen anderen, nicht äquidistanten Punkteschlüssel verwenden, bei dem die Bereiche für die 1 und 6 viel, die für 2 und 3 ein bisschen größer und die für 3 und 4 kleiner sind. So etwa:

Wenn man den Bereich für die 3 und 4 entsprechend klein, den für 1 und 6 entsprechend groß macht, kann trotz normalverteilten Punktezahlen jede Note etwa gleich oft heraus kommen. (In der Oberstufe wird im Fach Englisch ein solcher nicht äquidistanter Schlüssel angewendet. Der spreizt die Bereiche allerdings nur ein bisschen; die letztliche Notenverteilung ist dann doch wieder normalverteilt. Also steckt da schon der bewusste Wunsch dahinter, zu einer Normalberteilung der Noten zu kommen.)

Ist diese letztlich ja doch angestrebte Normalverteilung an Noten 1–6 als Ziel sinnvoll? Warum nicht mal eine bimodale Verteilung:

Macht es überhaupt Sinn, sich den Durchschnitt und die Verteilung von Noten anzusehen? Theoretisch ist es so, dass es zwischen den Noten 4 und 5 eine wichtige Grenze gibt: Die Noten 1–4 sind sehr gut bis ausreichend und gelten als “bestanden”. Ausreichend halt. Die Noten 5–6 sind ungenügend oder schlimmer. Eben nicht ausreichend, um zu bestehen. Bei der Benotung von Deutschaufsätzen wird das auch so gehandhabt, bei allen punktezählenden Klausurvarianten wird die Grenze relativ willkürlich auf eine bestimmte Punktzahl festgelegt. Bei diesen wünsche ich mir eine bessere Möglichkeit, ausreichend von nicht ausreichend zu unterscheiden.

Andere Länder

In der Schweiz sieht es übrigens so aus: es gibt Noten von 6 bis 1, dabei ist 6 die beste Note und 1 die schlechteste. Vor allem ist aber die Aufteilung der Noten eine andere: 1–3 ist ausreichend (sehr gut, gut, genügend), 4–6 ist nicht aureichend (ungenügend, schlecht, sehr schlecht). Das wünsche ich mir manchmal auch: weniger Differenzierung bei den ausreichenden Leistungen und mehr bei den nicht ausreichenden.
Auch in Italien ist das wohl so: Da gibt es die Noten 0 bis 10, wobei 10 am besten ist. Die Noten 0–5 entsprechen verschiedenen Graden von nicht ausreichend, die Noten 6–10 sind ausreichend (genügend bis ausgezeichnet).

Ganz extrem finde ich das bei den 15 Punkten der bayerischen Oberstufe: es gibt elf bis zwölf Noten für ausreichend (15 bis 5 oder 4 Punkte, je nachdem wie man es sieht) und gerade mal vier bis fünf Noten für nicht ausreichende Leistungen (4 oder 3 bis 0). In welchem Bereich ist eine möglichst differenzierte Rückmeldung denn sinnvoller? Das weiß ich noch nicht.

Natürlich liegt die größere Differenzierung im oberen Breich auch daran, dass mehr Schüler Ergebnisse in diesem Bereich erzielen, was ja schön ist. Und an der inflationären Natur von Noten. Wenn alle immer bessere Noten kriegen, muss man halt oben anbauen. So führt England 2009/10 auch bei den A‑Levels die Note A* ein, weil es einfach zu oft A gibt.

(Mehr zu Noten in verschiedenen Ländern bei Wikipedia.)

Leistungen und das Leben danach

Vermutlich unterscheiden sich die Noten in den verschiedenen Bundesländern nicht sehr von einander. Allerdings scheint es so zu sein, dass aus vielerlei Gründen die Schüler in einem Bundesland, sagen wir mal, bessere Leistungen erzielen als in, sagen wir, einem anderen Bundesland. Das können internationale oder bundeslandübergreifende Tests ergeben. Darauf ist dann das eine Bundesland stolz.
Meine Vermutung ist: zu Recht. Aber sicher bin ich mir nicht. Wer mehr in der Schule lernt und wer mehr nach der Schule kann, muss nicht unbedingt ein glücklicheres oder produktiveres Leben führen, auch wenn ich das vermute. Das zu untersuchen ist wichtiger, aber auch schwieriger.
Ich erinnere nur an diese Studie, deren Ergebnisse nahelegen, dass über das Leben nach der Schule nicht das Schulsystem entscheidet (Gesamtschule, Dreigliedrigkeit), sondern immer noch die soziale Herkunft der Familie: “Wenn es um die weiteren Bildungsstufen geht, um die risikobehafteten Entscheidungen beim Schulabschluss, bei der Ausbildung und bei den Berufslaufbahnen, dann verliert sich dieser schulische Einfluss, und die familiären Ressourcen in der Gestaltung der Entscheidungen treten in den Vordergrund.”

Die Vergleichsarbeiten

Bei den Vergleichsarbeiten in der 8. Jahrgangsstufe gibt es für jede Aufgabe nur einen Punkt: Gelöst oder nicht gelöst. Der Schwierigkeitsgrad der verschiedenen Aufgaben ist den Testauswertern bekannt, und abhängig davon, wie viele Aufgaben welchen Schwierigkeitsgrads gelöst worden sind, lässt sich – theoretisch – errechnen, auf welchem Leistungsstand der Schüler ist.
(Deshalb macht es bei diesen Aufgaben auch wenig Sinn, die Punkte zu summieren, also den Prozentsatz an gelösten Aufgaben zu errechnen. Es kommt darauf an, welche Aufgaben gelöst wurden. Zugegeben, wenn man wollte, könnte man das schon hochrechnen, jedenfalls wenn man den Schwierigkeitsgrade der Aufgaben kennte.)

Punkte bei Teilaufgaben

Zufrieden war ich neulich bei einer Prüfung, die ich gestellt habe. Stoff der letzten Stunde, plus etwas Grundwissen. Es gab eine Aufgabe, die das mir Wichtigste enthielt: wer die nicht schaffte, bei dem sah ich die Leistung insgesamt als nicht ausreichend. Note 5 oder 6. Dazu gab es zwei kleinere Aufgaben, die darüber entschieden, in welchem Abschnitt von “ausreichend” sich die Leistung bewegen würde (falls die erste Aufgabe gelöst war), die machten also den Unterschied zwischen 1–4 aus.

Die Deutschstunde

Deutsch, 6. Klasse, Erlebniserzählung. Verlangt: Perspektivenwechsel, Metapher/Vergleich, innere Handlung.
Manche Schüler tun sich schwer bei innerer Handlung. Mit der Kettensäge auf den Eisbären los, das ist kein Problem, aber Angst, Neugier, Tollkühnheit schildern, das schon.

Zum Üben habe ich den Schülern “Die Klavierstunde” von Gabriele Wohmann gegeben, eine Geschichte, die fast nur aus innerer Handlung besteht: Ein Junge geht zur Klavierstunde und spielt mit dem Gedanken, sich zu drücken, etwas anderes zu tun. Er hasst diese Klavierstunde. Parallel dazu bereitet sich die Klavierlehrerin auf die Stunde vor. Sie hasst die Stunde ebenso, hat Kopfschmerzen, würde lieber absagen. Die Perspektive wechselt regelmäßig zwischen beiden hin und her, die Absätze werden immer kürzer, bis der Junge das Haus erreicht hat und hereintritt und zum Schluss die Klavierstunde beginnt. (Und die Geschichte endet.)

Das ist üblicherweise etwas für die 9. Jahrgangsstufe. Da hatte ich vor ein paar Jahren auch schon einmal ausprobiert, die Schüler die naheliegende Parallelgeschichte “Die Deutschstunde” schreiben zu lassen. (In einem Wiki, nebenbei.) Klappt mit der 6. Klasse aber auch, wie man hier sieht:

Die Deutschstunde

Die S‑Bahn hielt an. Der Junge stieg aus. Genau wie viele andere Leute, die schlaftrunken, müde und missgelaunt durch das schlechte Wetter gingen. “Es ist ungemütlich,” war der erste Gedanke als ihm der eisige Wind ins Gesicht blies. Langsam ging er in Richtung der schmutzverschmierten, matschigen, glitschigen Treppe, die er heruntergehen musste. Unten angekommen schlurfte er an einem verstopften Gulli vorbei. Er entzifferte die verworrene Schrift auf den Plakaten, die zerfetzt und verschimmelt an der Wand hingen. Die schlechten Graffities an der Fassade einer Ruine, die pöbelnden Jugendlichen und die ungewaschenen Bettler, die flehend die Hände ausstreckten, das alles beachtete er nicht. Ab und zu blieb er stehen und fand in sich die fürchterliche Möglichkeit, umzukehren, nicht hinzugehen. Sein Mund, trocken vor Angst, er könnte wirklich so etwas tun. Er war allein, niemand der ihn bewachte. Trotzdem: Die Beine trugen ihn fort und er leugnete vor sich selbst den Befehl ab, der das bewirkte und den er gegeben hatte.
Er hoffte, er würde krank werden, als er vor der Ampel stand, oder er würde sich etwas brechen. Die Ampel schaltete auf gelb. Die Ampel schaltete auf grün. Mechanisch fuhr er los. Der Scheibenwischer schrappte über das Frontglas. Er bog nach rechts auf den überfüllten Parkplatz ein und zog den Zündschlüssel aus dem Schloss. Und da sah er den Jungen, der ihn an sein grausames Schicksal erinnerte. In der ersten Stunde hatte er die schlimmste Klasse der Schule. Widerliche kleine Affen!
Widerlicher fetter Affe! Damit meinte der Junge die laufenden 190 Kilo, die gerade aus dem Auto stiegen und ihm an sein grausames Schicksal erinnerten. In der ersten Stunde hatte er den schlimmsten Lehrer im Land, der eine Mütze über seine sauber frisierten drei Haare zog. Das machte sein Aussehen nicht gerade besser, denn er sah aus als wäre er ein 80 Jahre alter Elefant. Trotzdem ging er weiter über die schief gelegten Betonplatten, über den alten fast haarlosen Teppich. Er ging extra langsam und hoffte damit zwei Minuten herausholen zu können. Es gelang ihm nicht.
Der Lehrer dachte immer noch wie er es schaffte zu Hause zu bleiben. Aber trotzdem kam er zur Tür der Klasse, durch die er schon die Schüler hörte. Er ging dort hinein und sah flüchtig über die Schüler, ließ die Begrüßung aus und begann zu erklären. Laut und humorlos.

(Unverbessert, ein paar Holperer sind noch drin. Mit Erlaubnis und gegen 1 Euro Bezahlung abgedruckt, aber nicht unter CC-Lizenz veröffentlicht. Und natürlich sind Teile des Aufsatzes sehr nahe am Wohmann’schen Original.)

In der letzten Stunde haben die Schüler fünf oder sechs dieser Geschichten mit sichtlichem Vergnügen vorgelesen und angehört. Bei allem Stolz auf die schönen Leistungen, so eine Stunde zieht die Lehrerstimmung schon ganz schön herunter, wenn die Schüler da mit ihren Engelsgesichtern solche Sachen vorlesen.
Das ganze ist natürlich eine Fingerübung, die Schüler wissen sehr wohl, dass sie damit nicht ihren Alltag beschreiben. (Ich rate also davon ab, das als Audruck einer gequälten Schülerseele zu sehen.) An dieser hier hat mir die apokalyptische Stimmung am Bahnhof so gut gefallen, auch wenn die gar nicht Thema war.

Leistungskursfotos (Kultur, seit Menschengedenken)

Heute wurden die Leistungskursfotos geschossen, die dann später in den Jahresbericht kommen und von denen Schüler sich Abzüge machen lassen können. Das ist ein Termin, der den Schülern sehr wichtig ist. Ein besonders wichtiger Punkt dabei ist das thematische Verkleiden oder zumindest die Andeutung davon. So sieht man gleich, welcher Leistungskurs das war: Die Wirtschafts-LK kommen in angedeuteten Nadelstreifen, andere LKs schwenken Fahnen, halten Bücher hoch, tragen passende T‑Shirts. Ich halte das für eine schöne Idee. (Dass die Lehrer manche Ideen nicht mitmachen, etwa das Demonstrieren von Wein- oder Bierflaschen, damit müssen die Schüler leben.) Trotzdem muss ich ein bisschen daran herumpieksen.

Warum machen die Schüler das? Weil’s lustig ist, klar. Aber vor allem auch deshalb, weil sie das aus dem Vorjahr kennen, weil das Tradition ist, weil das schon immer so gemacht wurde. Aber was heißt das eigentlich, schon immer?

Auch das englische Rechtswesen kennt ein “schon immer”, genauer gesagt, ein “since time immemorial”, zu deutsch “seit Menschengedenken”. Leser und Hörer von Douglas Adams wissen es bereits: dafür gibt es ein Datum, den 6. Juli 1189. Da beginnt time immemorial, da beginnt das Menschengedenken, was seit damals gilt, gilt schon immer.

Bei Schulen ist das etwas anders. Da ist “schon immer” vielleicht acht Jahre her, höchstens zehn. Alles, was es seit acht Jahren gibt, war schon immer so. Das gilt für Abiturfeiern, für Leistungskursfotos, aber auch für Konferenzbeschlüsse, glaube ich manchmal.

Kultur ist, was eine Generation der anderen weitergibt. Wenn es das nicht gäbe, müsste die Menschheit in jeder Generation von vorne anfangen – ohne das erworbene Wissen der früheren Generationen, ohne ihre Erkenntnisse, ohne die Geschichten zur Erklärung der Welt und Bewältigung des Lebens, ohne die errungenen Wertmaßstäbe. Kulturelles Wissen wird weitergegeben in Form von schriftlichen und anderen Aufzeichnungen, aber auch durch Lernen am Vorbild und durch mündliche Überlieferung.
Was lernen eigentlich die jüngeren Schüler von den älteren? In der heilen Welt der Internatsliteratur ist das viel, da übernehmen ältere Schüler Verantwortung in Form von Aufsichten, da gibt es Aufnahmerituale, und auch weniger erfreuliche Traditionen. Wie sieht das bei uns aus? Einige Sachen fallen mir ein, vor allem die Tutoren, die an unserer Schule ganz gut funktionieren. Da lernen die Jüngeren von den Älteren. Aber sonst sind für die Vermittlung von Kultur eigentlich weitgehend die Lehrer zuständig – abgesehen vom Abitur. Da werden uralte Traditionen plötzlich interessant.

– Vielleicht dazu passend ein Lied, “Standing on the shoulders of freaks”:

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Alltag zur Zeit

Es geht mir gut, ich bin nur etwas beschäftigt. In den Osterferien habe ich ein bisschen korrigiert, aber das Ausschlafen trotzdem genossen. Eine in eine banale Textdatei handgetippte To-Do-Liste habe ich erfolgreich zum Abschluss gebracht, ganz autodidaktisch, ohne das Handbuch dazu gelesen zu haben.

(In einem Anflug von Organisationswahn hatte ich mir tatsächlich mal so ein Buch gekauft, aus Mangel an Zeit aber nie gelesen und es schon wieder weitergegeben. Eigentlich bin ich mit meinem Zeitmanagement ganz zufrieden.)

Aber die Liste hat mir sehr genutzt; ich war fleißig. Das muss ich die nächsten acht Wochen über noch bleiben.
Die letzten Tage war ich dann noch kurz im deutschsprachigen Ausland, und seit gestern führe ich wieder einen regelmäßigen Lebenswandel, wie es mir in den Ferien nie gelingt: die Schule hat mich wieder. Kollegen treffen, Sachen planen, macht alles Spaß. Auch mit meinem Unterricht bin ich gerade zufrieden, ich gehe in alle Klassen gerne rein. (Das ist nicht immer so, meist habe ich erklärte Lieblingsklassen, die aber alle sechs Wochen wechseln, so dass jede mal drankommt.)

Ansonsten: angefangene Blogeinträge und viele Blogeinträge bei anderen, auf die ich mal verweisen oder die ich kommentieren möchte. Bald mal.

Kirsten Boie, Der Prinz und der Bottelknabe

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Dieses Jugendbuch bringt die Handlung von Mark Twains Der Prinz und der Bettelknabe in die heutige Zeit: Calvin Prinz aus bestbürgerlichem Haus (Einzelkind, Hockey, Nachhilfeunterricht, neueste Computer, Markenklamotten, Gymnasium, ehrgeizige Eltern, Villa) trifft zufällig auf Kevin Bottel (alleinerziehende Mutter, mehrere Kinder unterschiedlicher Väter, Hauptschule, Geldnot); die beiden sehen sich verblüffend ähnlich.

Sie beschließen die Rollen zu tauschen, erst nur für einen Tag, aber dann finden beide Gefallen an der Situation des jeweils anderen, und so wird mindestens eine Woche daraus.

Das Buch ist witzig geschrieben, keineswegs im Sozialkramproblemstil, eher als Komödie. Schließlich ist die Handlung ja auch märchenhaft.

Sehr nett für Zwischendurch oder eine 6. Klasse. Eine Empfehlung vom Kollegen Z.

A Green and Pleasant Land

Wiedergelesen: Kenneth Grahame, The Wind in the Willows (1908). Ein Klassiker. In einzelnen Episoden, aber auch einer übergreifenden Handlung, werden die Abenteuer von Maulwurf, Wasserratte und Kröte erzählt, die alle unten am Fluss wohnen. Dachs spielt auch eine wichtige Rolle, aber der lebt etwas zurückgezogener im Wald und sucht weniger die Gesellschaft anderer Tiere.

Wiedergelesen hatte ich das Buch vor allem, weil ich mich an eine Episode erinnerte, die mich beim ersten Mal irritiert hatte. Die Tiere begegnen darin dem Gott Pan, ohne ihn recht zu erkennen und ohne sich danach an ihn erinnern zu können. War Pan damals populär? Eine ähnlich heitere Episode gibt es in James Stephens, The Crock of Gold (1912),während Arthur Machens “The Great God Pan” (1890/94) eher gruslig ist.
Der Wind in den Weiden ist alles andere als gruslig oder phantastisch, sondern eine bodenständige englische Idylle. Es geht viel darum, wie schön es am Fluss ist, wie die Jahreszeiten wechseln, wie wichtig das Heim und gutes (einfaches) Essen ist. Wie schön England ist, auch wenn manchmal der Süden lockt und man mit den Zugvögeln mitwandern möchte.

So schön wird das Leben am Fluss beschrieben, dass jetzt endlich mal wieder Three Men in a Boat (1889) lesen muss, um das damit zu vergleichen – und vielleicht auch einmal in Izaak Waltons The Compleat Angler (1653–1676) hineinschauen werde, ein Sammelwerk zum Angeln, eingekleidet in den Disput eines Falkners, eines Jägers und eines Anglers, voller Gedichte, Lieder, Beschreibungen und eben auch Angeltipps.

Gestört wird die Idylle in Wind in the Willows durch Kröte. Der ist nicht böse, aber eitel, oberflächlich, rücksichts- und gedankenlos. Richtig schlimm wird das, als er seine Liebe zu Automobilen entdeckt und süchtig danach wird. Er schreckt auch vor Autodiebstahl nicht zurück und wird zum Schrecken seiner Umwelt. Kröte ist angeberisch:

Ho! ho! I am the Toad, the motor-car snatcher, the prison-breaker, the Toad who always escapes! Sit still, and you shall know what driving really is, for you are in the hands of the famous, the skilful, the entirely fearless Toad!

und nicht sehr zuverlässig:

Secrets had an immense attraction for him, because he never could keep one, and he enjoyed the sort of unhallowed thrill he experienced when he went and told another animal, after having faithfully promised not to.

Aber irgendwo liebenswert ist Kröte doch auch. Er muss es sein, denn was würden Maulwurf, Dachs und Wasserratte sonst an ihm finden? Ähnliches kenne ich nur von Lovecraft’s Book von Richard A. Lupoff. Auch da spielt Lovecraft eine untergeordnete Rolle, er wird als manipulierbar und nicht gerade sympathisch dargestellt. Der Plot: seine Freunde wollen ihn davon abbringen, leichtfertig ein Nazipropaganda-Buch zu verfassen, und geraten mitten in einen geheimen deutschen Plan zur Infiltration Amerikas. Wer solche Freunde hat, die soviel für einen tun, der kann nicht ganz schlecht sein.

Jedenfalls: Nach vielen Abenteuern kommt Kröte zurück und muss feststellen, dass sein Gutshaus von den bösen Wieseln und Hermelinen aus dem Wald übernommen wurde, die dort randalieren und wüste Feste feiern. Wird es unseren Freunden gelingen, die ungebetenen Gäste zu vertreiben? (Klar.)

- Für mich ist Wind in the Willows zutiefst Englisch, ebenso wie Three Men in a Boat* oder Cider with Rosie von Laurie Lee, wenn ich mich recht erinnere. Aber wenn ich mir Kate Fox’ Watching the English in Erinnerung rufe, so werden darin einige reflexhafte Reaktionen als typisch Englisch aus gemacht (hypocrisy, moderation, humour), einige Sichtweisen der Welt (class-consciousness, empiricism, Eyeorishness) und einige Werte (fair play, honesty, modesty). Zusammengehalten jeweils durch das verbindende Element: social dis-ease. Meine Frage nun, die man auch gerne mal einem W‑Seminar stellen könnte: wie verhalten sich typisch englische Romane zu diesen typisch englischen Merkmalen? Die zentrale dis-ease fehlt beim idyllischen Wind in the Willows zumindest völlig. Liegt das daran, dass da ein einfaches Leben auf dem Land mit akzeptierten Klassensystem geschildert wird oder gilt das für Romane aus dieser Zeit allgemein? Gab es diese dis-ease da noch nicht? Fox’ Werte sind alle drin, die Reflexe und Sichtweisen wohl auch.

*Letztes wurde das Jahr von Dan Kieran und Ian Vince umgewandelt zu Three Men in a Float, in dem sie von ihrem Abenteuer berichten, einmal mit einem elektrischen Milchauslieferwagen aus den 50er Jahren quer durch England zu fahren. Reichweite bei voller Ladung – nur an Starkstromanschlüssen, etwa an aufgeschraubten Herden, möglich – 30 Meilen, mit 8 Stunden Ladezeit. Quer durch die Dörfer. Da reist man automatisch nicht sehr schnell.


Nachtrag: Wenn man so einen Blogeintrag nicht sofort veröffentlicht, wächst er einem über den Kopf wie Zucchini im Garten. Inzwischen habe ich die ersten Kapitel von The Compleat Angler gelesen. Das ist tatsächlich ein Angelführer in dialogischer und erzählerischer Form. Der Jäger (Venator) will vom Angler (Piscator) das Angeln lernen. In Kapitel III gibt es die erste Lektion: The Chavender, or Chub. Plural: cheven. Einfach zu fangen, aber gilt als wenig wohlschmeckend, jedenfalls wenn man ihn nicht optimal zubereitet.
Der Fisch heißt auf Deutsch Döbel, im Januar 2010 gab es wohl in Tübingen einen ungewöhnlichen Döbelschwarm.

Die Formulierung “the Chavender, or Chub” kam mir sehr bekannt vor. Und richtig, ich kannte sie aus einem Gedicht aus meinem treuen Faber Book of Comic Verse; es findet sich aber auch in weiteren Anthologien. Dem Gedicht ist das Zitat aus dem Compleat Angler vorangestellt; diese Wortfolge hat den Autor zum Gedicht animiert. Sonst habe ich kaum etwas über ihn herausgefunden. Warham St Leger hieß er, 1850–1915, kein Wikipedia-Eintrag, nicht verwechseln mit dem gleichnamigen Soldaten des 16. Jahrhunderts. “He appears to have made 2 marriages within 7 years, 1885 and 1892”, steht in einem Genealogie-Forum. Wer weitere Informationen will, braucht Offline-Quellen.

Da das vollständige Gedicht online nicht zu finden ist, habe ich es abgetippt und stelle es hier herein als Dienst am Internet:

A FALSE GALLOP OF ANALOGIES
‘The chavender, or Chub’–Izaak Walton

There is a fine stuffed chavender,
A chavender or chub,
That decks the rural pavender,
The pavender or pub,
Wherein I eat my gravender,
My gravender or grub.

How good the honest gravender!
How snug the rustic pavender!
From sheets as sweet as lavender,
As lavender, or lub,
I jump into my tavender,
My tavender, or tub.

Alas! for town and clavender,
For business and club!
They call me from my pavender
To-night; ay, there’s the ravender
Ay, there comes in the rub!
To leave each blooming shravender,
Each Spring-bedizened shrub,
And meet the horsey savender,
The very forward sub,
At dinner at the clavender,
And then at billiards dravender,
At billiards roundly drub
The self-sufficient cavender,
The not ill-meaning cub,
Who me a bear will davender,
A bear unfairly dub,
Because I sometimes snavender,
Not too severely snub
His setting right the clavender,
His teaching all the club!

Farewell to peaceful pavender,
My river-dreaming pub,
To bed as sweet as lavender,
To homely, wholesome gravender,
And you, inspiring chavender,
Stuff’d chavender, or chub.

Warham St Leger

Der in der Anthologie angegebene Gedichttitel muss nicht der richtige sein. Eine Quelle wird nicht genannt; das Internet vermutet St Legers Gedichtsammlung Ballads from Punch and other Poems (London 1890). Das ist aber falsch, ich habe einen Scan des Buchs aufgetrieben – das Gedicht befindet sich nicht darin. Es scheint aber möglicherweise sehr wohl mal im Magazin Punch erschienen zu sein: The Naturalist on the Thames von C. J. Cornish (1902) hat ein Kapitel “The Chavender or Chub”, dem folgende Zeilen vorangestellt sind:

“Now when you’ve caught your chavender,
(Your chavender or chub)
You hie you to your pavender,
(Your pavender or pub),
And there you lie in lavender,
(Sweet lavender or lub).”
Mr. Punch.

Weiter keine Angaben zur Quelle. Vermutlich hat also – wohl – St Leger mal in der einen oder anderen Form in Punch geschrieben, und vielleicht auch noch anderswo. Vielleicht hat er auch eine anonyme Quelle bearbeitet und erweitert, wer weiß.

John Buchan schreibt in seinem Roman Huntingtower (1922) am Anfang des 2. Kapitels folgende idyllische Szene:

Dickson McCunn was never to forget the first stage in that pilgrimage. A little after midday he descended from a grimy third-class carriage at a little station whose name I have forgotten. In the village nearby he purchased some new-baked buns and ginger biscuits, to which he was partial, and followed by the shouts of urchins, who admired his pack–“Look at the auld man gaun to the schule”–he emerged into open country. The late April noon gleamed like a frosty morning, but the air, though tonic, was kind. The road ran over sweeps of moorland where curlews wailed, and into lowland pastures dotted with very white, very vocal lambs. The young grass had the warm fragrance of new milk. As he went he munched his buns, for he had resolved to have no plethoric midday meal, and presently he found the burnside nook of his fancy, and halted to smoke. On a patch of turf close to a grey stone bridge he had out his Walton and read the chapter on “The Chavender or Chub.” The collocation of words delighted him and inspired him to verse. “Lavender or Lub” – “Pavender or Pub” – “Gravender or Grub” – but the monosyllables proved too vulgar for poetry. Regretfully he desisted.

Make of that what you will.

Erzählen mit Perspektivenwechsel: Eisbär im Haus

Erlebniserzählung, 6. Klasse: Umgestaltung einer Zeitungsmeldung in eine Erzählung. Als Hausaufgabe gab es einen Artikel zu einem Eisbären, den ein Junge aus Neufundland aus der elterlichen Wohnung vertrieben hatte. Aus diesem Artikel sollte eine Erzählung werden. Ich hatte ihn mal aus einer Handreichung oder einem Schulbuch gezogen, und weil ich zu faul bin, nach der Quelle zu suchen, kann ich ihn hier nicht abdrucken.

Zusätzliche Bedingung bei dem Übungsaufsatz (und dann später auch in der Schulaufgabe): Es musste einmal die Erzählperspektive gewechselt werden, zum Beispiel so, dass eben zuerst aus der Sicht einer Person erzählt wird und dann – nicht am Schluss, sondern im Hauptteil – aus der Sicht einer anderen Person, oder von mir aus auch des Eisbären. Am einfachsten geht das in der 3. Person, denn bei Ich-Erzählern führt das meist nur zu Verwirrung, wenn man nicht etwa Kapitelüberschriften hat.

Wie das genau geht, habe ich gar nicht groß erklärt; die Schüler sind mit Perspektivenwechsel ohnehin aus ihrer Freizeitlektüre vertraut. Auch in Aufsätzen ist das nicht neu, sondern steht seit Jahren in Handreichungen – selbst wenn vielleicht nicht viele Lehrer davon Gebrauch machen. Immerhin: zu meiner Schulzeit gab’s das gar nicht.

Hier ist einer der Übungsaufsätze. Absätze und Leerzeilen im Original, und herzlichen Dank dafür. Ich habe lediglich fünf oder sechs Rechtschreibfehler verbessert und sonst nichts geändert. Abdruck mit Genehmigung der Autorin.

Das Brummen des Automotors wurde leiser. Endlich! Peter hatte sich schon seit einigen Tagen auf diesen Abend gefreut. Er war allein zu Haus. Seine Eltern waren gerade eben zu einem Konzert gefahren, seine Geschwister waren auf Partys oder bei Freunden. Alles im Haus war still. Obwohl es Anfang März war, herrschte draußen ein lauwarmer Abend wie im Sommer.
Peter öffnete sein Zimmerfenster einen Spalt und schaltete den Fernseher ein. Jetzt konnte er tun lassen, was er wollte.

Peter schreckte hoch. Leise Geräusche hatten ihn geweckt. “Wahrscheinlich war das nur der Fernseher,” sagte er zu sich selbst und blickte in das immer noch laufende Gerät. “Kein Wunder,” dachte er. Im Fernseher lief irgendein Krimi gerade an der Stelle, da der Inspektor den Täter mit lautem Aufschrei verfolgte. Schnell schaltete er um. Langsam fielen ihm wieder die Augen zu. Abermals hörte er ein Geräusch, doch er konnte nicht unterscheiden, ob das Wirklichkeit oder Traum war. Da! Peter sprang auf. “Das war kein Traum! Werde ich verrückt oder was?”, murmelte er, öffnete die Zimmertür und setzte den Fuß auf die Schwelle.

Peter zögerte. Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War das ein Einbrecher, der sich gerade an ihrem goldverzierten Türschloss zu schaffen machte und versuchte, leise wie eine Katze Dinge aus ihrem Haus zu befördern? Oder war es nur die Nachbarskatze, die wieder einmal versuchte, einige Leckereien von der Familie Kennedy abzustauben?
Langsam schlich Peter die Treppe zum Erdgeschoss nach unten. “Verflucht! Kann Papa nicht endlich diese Treppenstufe reparieren?”, entfuhr es ihm. Die Treppenstufe quietschte schon seit Monaten und Peters Vater hatte schon vor Monaten versprochen sie zu reparieren. Peter war vor dem Quietschen zurückgezuckt und hatte dabei den Getränkekasten umgestoßen. Jetzt purzelten die Flaschen hinunter und zerbrachen der Reihe nach. Im Haus war es still geworden wie in einem Leichenschauhaus. Hatte er den Einbrecher vertrieben? Er schlich weiter ins Wohnzimmer. Als Peters Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er nichts Verdächtiges. Bis das Fenster zerbrach und er zu Boden gehen musste, um nicht von den messerscharfen Splittern getroffen zu werden…

Als er sich langsam wieder aufrichtete, erkannte er eine Gestalt vor sich, keine drei Meter von ihm entfernt. Langsam wich er zurück, doch die Gestalt bewegte sich nicht. Der Körper war viereckig und… “Der Körper ist viereckig?”, fragte Peter erstaunt. Es stellte sich heraus, dass es bloß ihre alte Standuhr war. Dann wurde ihm sein Fehler bewusst. Er hatte sich lauthals etwas gefragt, falls wirklich ein Dieb oder schlimmer, ein Krimineller eingebrochen war, konnte das sein Ende bedeuten.
Schnell ließ er sich auf die Knie fallen und stützte sich mit den Händen auf dem Teppich ab. Der Teppich war weich wie eine Baumwolldecke, ebenso warm und kuschelig und …bewegte sich? Er tastete weiter nach vorne und fühlte etwas Rundes mit einer Art… Ohren? Soweit seine Augen erkennen konnten, war der Gegenstand weiß… Er wich mit einem Angstschrei zurück. Das war nicht ihr Teppich. Es war ein Eisbär!

“Das war ein schöner Abend!”, meinte Frau Kennedy lachend und sperrte die Haustür auf, nachdem ihr Mann endlich den Haustürschlüssel aus dem Autofach gekramt hatte und zu ihr kam. Sie verharrte an dieser Stelle. “Ist irgend was?”, fragte ihr Mann erstaunt. Dann hörte er es auch. Ein markerschütternder Schrei war zu hören. Frau Kennedy riss die Haustür auf und musste zusehen, wie ihre Wohnzimmertür aus den Angeln gerissen wurde. Peter kam aus dem Türrahmen, erblickte die Eltern und kam auf sie zugerannt.
“Peter! Was hast du angerich…” Weiter kam sie nicht, denn ein Eisbär, der, wie sie vermutete, die Tür aus den Angeln gerissen hatte, die quer durch den Hausgang auf die Familie Kennedy zugeflogen kam und dann an ihnen vorbei, kam auf die Familie zugerannt. Herr Kennedy schnappte sich das nächstbeste Buch aus dem Bücherregal, das in der Nähe der Tür stand. “Hier hast du ein Gastgeschenk!”, rief er grimmig und warf das Buch nach dem Bären. Der sah den fliegenden Schinken nicht kommen, als ihn das Buch schon an der Flanke traf und sein Bein zum Einknicken brachte. Er fiel hin, blieb einige Sekunden verdattert liegen. Dann rappelte er sich wieder auf und hinkte, so schnell es ging, davon, um nicht noch weitere Würfe einkassieren zu müssen. Peter rannte ihm nach und sah gerade noch, wie die Hinterbeine des Bären aus dem Fenster verschwanden. “Komm bloß nicht wieder!”, schrie Peter ihm nach.

“Oh Gott, warum hast du nicht uns, die Nachbarn oder Polizei angerufen? Das hätte ein böses Ende nehmen können!”, fragte Frau Kennedy ihren Sohn halb vorwurfsvoll, halb erleichtert. Man konnte ihr deutlich anmerken, wie froh sie war, dass Peter noch heil und gesund war. “Glaubst du, das fällt einem ein, wenn man komische Geräusche hört?”, erwiderte Peter nur. Aber bevor seine Mutter noch etwas sagen konnte, meinte Herr Kennedy: “Wie wär’s, wenn wir jetzt erst mal den Zoo anrufen und sagen, dass wir den entlaufenen Bären gesichtet haben?”

Der Aufsatz oben ist sehr gut. Beim Vorlesen in der Stunde kam der Perspektivenwechsel sehr schön zur Geltung. Natürlich gibt es noch einige Punkte zu verbessern, die vielen Auslassungszeichen etwa.
Eine andere Schülerin hat den Wechsel ein paarmal hin und her gemacht. War auch gut. Sehr interessant war es auch, bei einer dritten Schülerin Spuren des Jugendbuchs zu entdecken, das ich ihr einige Zeit zuvor geliehen hatte. Man rechnet nicht damit, dass Schüler bei so einer Aufgabenstellung in sehr personalem Jugendbuchstil schreiben.

Bei vielen Schülern ist mir aufgefallen: die Neigung, besondere sprachliche Ausdrucksweisen nicht episch-beschreibend auszudrücken, sondern nachahmend-dramatisch. Wenn jemand stottert, wird d‑d-das s‑s-o g‑g-geschrieben, wenn jemand innehält, wird mitten im Wort abgebrochen (mit Auslassungszeichen), wenn jemand schreit, gibt es Großbuchstaben, und Krach! Peng! Zack! gibt es auch. Meine letzte Unterstufe Deutsch ist viele Jahre her; damals schien mir das nicht so häufig zu sein. (Insgesamt bin ich aber schon sehr zufrieden mit den Leistungen.)

Die Schüler und vor allem Schülerinnen erzählen sehr gerne, man sollte das noch öfter von ihnen verlangen. Persönlicher Brief und sachlicher Brief dagegen, Bericht und Protokoll – nicht so gut. Das kann gerne später kommen.

Auf die Übungsaufsätze habe ich übrigens Probenoten geben, also darunter geschrieben, welche Note das wohl in der Prüfungssituation gewesen wäre. Das wünschen sich Schüler fast immer. Warum? Weil sie mit den Kommentaren unter der Aufgabe nicht genug anfangen können, aber wieso nicht? Weil sie sich einordnen können wollen, weil sie eine präzise Aussage statt pädagogischer Verbrämung wollen?

Jedenfalls komme ich so gut wie nie diesem Wunsch nach. Bei unbekannten Aufsatztypen sowieso nicht: welche Kriterien sollte ich denn auf den Übungsaufsatz anwenden? Heißt eine “3” dann “befriedigend für eine erste Übung” oder “befriedigend, wenn das schon die Prüfung wäre”? Außerdem ist das Benoten anstrengend.
Aber bei einer Aufsatzart, die den Schülern gut genug bekannt ist, mache ich mir schon mal diese Mühe.