Manners for the Digital Age

Schöner Podcast: Manners for the Digital Age. Der Technik-Kolumnist und die Anstandsdame von Slate beantworten gemeinsam Fragen der digitalen Etikette. Wie geht man mit Müttern um, die Kindergeburstagsfotos bei Facebook posten, mit allen kleinen Gästen darauf? Sind (Foto-)Handys im Umkleideraum okay, auch wenn die Benutzung offiziell verboten ist? Wann muss man Ohrstöpsel aus dem Ohr nehmen? Wie geht man mit Freunden um, die einem kommentarlos die besten bei Facebook geposteten Beiträge klauen? Wie mit Kollegen, die Unwahrheiten über sich posten?

Wenn ich noch Englisch unterrichten würde: Jeweils den Anfang vorspielen, in dem die um Rat suchende Lesezuschrift vorgelesen wird; dann spekulieren lassen, was die beiden wohl antworten werden beziehungsweise einen eigenen Kurzvortrag dazu vorbereiten und vortragen lassen, dann die Originalantwort anhören und vergleichen.

Ich bin selber meist anderer Meinung als die beiden. Auffällig ist ansonsten noch, dass die hiesigen Bedenken über das Internet als bösen Ort voller Gefahren so was von gar keine Rolle spielen. Das Internet ist einfach da und Teil des Alltags.

Dynamische Texte

Im Studium saß ich als Hiwi am Englisch-Lehrstuhl nach Jahren des Umgangs mit etwas moderneren Betriebssystemen (Windows 3.1, Atari-TOS) wieder an einem alten Rechner mit monochromem Bildschirm, 80 Zeichen pro Zeile und keiner weiteren Grafik. Auf so einem Gerät hatte ich als Fünfzehnjähriger herumgespielt, ein einfaches Snake programmiert, solche Sachen.
Aus Spieltrieb kramte ich damals meine alten Basic- und Peek&Poke-Kenntnisse heraus und versuchte, ASCII-Lyrik zu schreiben. Im Netz hatte ich schon ein Magazin dieses Namens entdeckt, aber das war nicht ganz das, was ich mir vorgestellt hatte. Zur Erinnerung (alter Blogeintrag): ASCII ist ein Zeichensatz, bei dem die Nummer 65 einem großen A entspricht, die 66 einem großen B und so weiter, bei 97 kommt das kleine a und 122 ist das z. Im Prinzip entsprechen die Nummern 32–126 verschiedenen druckbaren Zeichen, also Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen. Wenn man einem kleinen Programm sagt, dass es nacheinander die Zeichen mit den Nummern 72–96-154–154-157 ausdrucken soll, dann kommt “Hallo” heraus. Bislang mäßig lyrisch.

Aber es gab ja auch noch die nicht druckbaren ASCII-Zeichen von 0 bis 31. Die kann man genauso ausgeben wie die anderen Zeichen, nur dass sie sich anders verhalten… Zeichen 7 gibt einen kurzen Piepton aus, bei Zeichen 12 (“Line Feed”) geht man eine Zeile nach unten, bei Zeichen 15 (“Carriage Return”) geht man an den Anfang der Zeile. Wenn man also dem Programm sagt, dass es nacheinander die Zeichen mit den Nummern 72–96-154–154-157–15-74–101 ausdrucken soll, dann schreibt das Program H‑a-l-l‑o, geht zum Zeilenanfang und überschreibt die ersten beiden Zeichen der Zeile mit J‑e, so dass am Schluss J‑e-l-l‑o dasteht.

Damit ausgerüstet, machte ich mich daran, ein Gedicht des japanischen Dichters Arakida Moritake (1452–1540) in ASCII-Lyrik umzuformen. Das Gedicht war mir in einer englischen Übersetzung begegnet und hatte gleich beim ersten Lesen großen Eindruck auf mich gemacht. Hier ist es:

The fallen blossom flies back to its branch:
                A butterfly.
(Moritake)

Die ASCII-Form des Gedichts schrieb zuerst die erste Zeile, wartete dann kurz, und überschrieb danach Teile der ersten Zeile mit der zweiten. Das Gedicht war damit nicht unbedingt besser geworden, aber ich hatte mich an die ASCII-Beschränkung gehalten und das Gedicht dynamisch gemacht; der Text veränderte sich mit der Zeit.

In gedruckter Literatur ist mir einmal ein vergleichbarer Effekt begegnet, in einem ansonsten nicht sehr wichtigen Roman von Philip Roth. In einem späteren Kapitel tauchten Personen auf, die es laut einem früheren Kapitel eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Wie-wo-was? Ich war wirklich verwirrt. Der Text hatte sich für mich umgeschrieben. War dann aber doch nicht so, wie ein kurzes Nachschlagen ergab: der Philip Roth hatte einfach unmarkiert und unauffällig einige Regeln des Erzählens gebrochen, Kapitel 2 war sozusagen nicht die Fortführung von Kapitel 1, sondern die eines Kapitels, in dem die Handlung anders verlaufen war. Wie gesagt, ein kurzes Zurückblättern klärte das.

Bei digitalem sich selbst veränderndem Text lässt sich das aber nicht so leicht überprüfen. Ahem, wenn ich wieder mal meine neue Lieblingstextsorte Interactive Fiction bemühen darf… da fallen mir zwei Spiele ein, die sich genau das zunutze machen. Bei einem davon hat man recht schnell den Verdacht, dass da etwas nicht stimmt, dass die Raumbeschreibung nicht mehr ganz die gleiche ist wie zuvor. (Ein Merkmal von Interactive Fiction ist ja, dass man sich immer wieder Raumbeschreibungen neu geben lässt, weil einem das bei der Orientierung hilft.) Das kristallisiert sich bald als zentrales Element des Spiels heraus. Bei einem anderen Spiel geschieht das unauffälliger, aber ähnlich effektiv. Die Welt bricht um einen zusammen, eines Philip K. Dick würdig, ohne dass man so einfach zurückblättern kann. Aber zugegeben, vielleicht zählt das Speichern und Laden des Spielstands doch als Zurückblättern.

In jungen Jahren wollte ich immer mal eine Geschichte lesen, oder zur Not schreiben, bei der der Name der Hauptperson alle paar Seiten wie durch einen Tippfehler leicht variiert werden würde, und zwar das ganze Buch durch immer mehr. Andere Namen vielleicht auch. Digital kann man so etwas gut machen, und zwar eben auch rückwirkend. Dann war quasi der Name immer schon anders.

Im Übrigen: Schöne Pfingstferien zusammen!

Was mache ich denn so nach der Schule?

Fragte heute ein Kollege in gegebenem Zusammenhang, und so ganz unrecht hat er mit der Frage nicht. Es ist schon so, dass ich im Lauf der Jahre immer irgendwelche Jobs gemacht habe, manche ein Jahr lang, manche fünf Jahre, und gerade auf einen Anruf wegen einer neuen kleinen Aufgabe warte. Ich war in einer Arbeitsgruppe, die sich mit VERA befasst hat, war beteiligt am Englisch-Jahrgangsstufentest, war in einem Moodleteam, und zur Zeit bin ich mit 1/3 meiner Stunden an der LMU als eine Schnittstelle zwischen Schule und Universität.

Dabei macht mir das Unterrichten Spaß. Aber andere Sachen reizen mich auch, vermutlich, weil ich neugierig bin und mich einen Tick unterbeschäftigt fühle. (Darf man das so öffentlich sagen?) Kurzfristig habe ich auch sogar über eine Doktorarbeit nachgedacht, Didaktik der Informatik, bin im Moment aber wieder davon abgekommen – so unterbeschäftigt bin ich dann auch wieder nicht. Für die Karriere bringt das alles übrigens nichts*, aber man fühlt sich etwas unabhängiger und kriegt interessante Einblicke in Zusammenhänge und sieht, wie andere Schulen arbeiten. Wenn ich davon ausgehe, dass ich noch fünfundzwanzig Jahre Deutsch, Englisch und Informatik in den Klassen 5 bis 12 unterrichte, brauche ich zwischendrin soviel Abwechslung, wie ich kriegen kann.

Also, gestern nachmittag war ich jedenfalls Zweitprüfer bei einer mündlichen Staatsexamensprüfung an der TU München. Die aktuellen Lehrer kennen das ja noch aus ihren Studientagen; aber nach der neuen modularisierten Lehramtsprüfungsordnung – nach der die neuen Studenten schon ihr Studium beginnen, die ersten zu Prüfenden dürften in zwei, drei Semestern soweit sein – gibt es dann nur noch schriftliche Prüfungen. Je Fach zwei fachwissenschaftliche Klausuren und eine zur Fachdidaktik (drei Stunden). Mündliche Prüfungen (und damit Lehrer-Zweitprüfer) gibt es im Fachstudium dann gar keine mehr; nach dem erziehungswissenschaftlichen Bereich habe ich mich allerdings nicht erkundigt.
Danach habe ich zwei Stunden mit einem meiner Gegenstücke an der TU geplaudert, einem dort teilabgeordneten Lehrer. Man will ja auch Kontakt halten. Lief sehr nett.
Heute stehen Gedanken über einen geplanten Fortbildungstag an, und noch eine letzte Redaktion des Textes zu einem Flyers über das Lerhamts-Informatikstudium an der LMU.

Zählt mein Basteln an Inform 7? In einem mittelkühnen Experiment soll eine Studentengruppe ein kleines Projekt dazu mit Schülern durchführen. Gestern kam mein erstes seriöses Buch zum Thema an, Creating Interactive Fiction with Inform 7 von Aaron A. Reed, so richtig in einem seriösen akademischen Verlag erschienen. Außerdem will ich das bei der nächsten Fortbildungsgelegenheit als ein Thema anbieten. Bei den Zehntklässlern kommt es gut an, ich weiß nur noch nicht, ob genug Informatik drin steckt.

Ansonsten mache ich dann noch Zweitkorrektur in Deutsch und Informatik (dort aber nur ein Schüler); habe Exen herumliegen und eine Klausur, und für eine erkrankte Kollegin habe ich die Schreibarbeit einer Deutsch-Schulaufgabenkorrektur übernommen.

*Ich würde ja auch karriererförderliche Jobs annehmen, aber davon gibt es nicht viele, und wenige, die mich reizen oder für die ich, ehrlich gesagt, so richtig geeignet bin.


Zum Schluss noch ein Webfundstück aus Twitter: Schottische Neunjährige bloggt über das unzureichende Schulkantinenessen, bis der zuständige Gemeinderat Änderungen zugesteht. Fünf Einträge reichen. Power of the Web? Instrumentalisierung von Kindern? Druck der Öffentlichkeit? Mir gefällt’s jedenfalls.

Lesenswert auch Gedanken zu werbefinanzierten Webauftritten, allen voran beim sozialen Netzwerk Facebook. Der Tenor: Die Preise, die Facebook für Werbung pro Person gezahlt bekommt, sinken kontinuierlich. Werbung wird immer weniger wert. Ein Plus macht man, solange der Preisverlust ausgeglichen wird durch stetig wachsende Mitgliederzahlen.

Bel Kaufman, Up the Down Staircase

Wie konnte mir dieses Buch denn all die Jahre entgehen?* Das erste Mal hörte ich Anfang der 1990er Jahre davon, aber der Spur nachgegangen bin ich erst vor ein paar Monaten. Dabei scheint es ein echter Klassiker zur sein – weltbekannt (in den USA, und früher mal), verfilmt und alles. Erstausgabe 1965.

Und außerdem ist das Buch gut. Es geht um das erste Schuljahr von Sylvia Barrett als Englischlehrerin an einer amerikanischen Highschool. Der Form nach ist es am ehesten ein Briefroman, chronologisch geordnet. Aber die wenigsten Dokumente darin sind Briefe. Manche Kapitel sind – vorgeblich – der Inhalt des Papierkorbs zu einem gegebenen Zeitpunkt, allen voran Rundschreiben der Schulleitung. Andere Kapitel enthalten Korresponzen mit anderen Lehrern, Memos, Auszüge aus Schüleraufsätzen zu einem Thema, den Inhalt des Schwarzen Bretts im Klassenzimmer, den Inhalt des Schwarzen Bretts über der Stechuhr für die Lehrer. (Herkömmlich erzählende Kapitel gibt es gar keine.) Ein weiteres Kapitel ist quasi das Hausaufgabenheft einer Schülerin, mit Entwürfen für Liebesbriefe, Kritzeleien der Banknachbarin, Unterrichtsfragmenten und teilweise gemachten Hausaufgaben. Ein Hausaufgabenfragment darin zeigt, wie wenig sich geändert hat:

Bring in own sentences illustrating vocabulary words.
(enigmatic) She was very enigmatic.
(vindictive) She was very vindictive.
(vacillating) She was very vacillating.

(Das Kursive sind die Schülersätze. Ohne die richtige Typographie leider nur halb so gut.)

Aus all diesen eben auch typographisch und durch Rechtschreibung markierten Schnipseln entsteht ein Bild, das an The Office erinnert. Sehr viel Bürokratie, mangelnde Ausstattung, blödsinnige Vorschriften. Schlimmer als heute, das muss ich zugeben, aber der Geist ist noch sehr ähnlich. Und natürlich waren es auch damals schon immer die falschen Eltern, die beim Elternsprechabend auftauchten. Überhaupt sind viele Probleme, aber auch viel Gejammere über die Jahrzehnte unverändert geblieben. Gelernt außerdem: “Proctor” = Abituraufsicht, “Homeroom” = Klassenleiterstunde.

Ein häufig wiederkehrendes Kapitel sind die Fundstücke aus der Letterbox von Sylvia Barrett. Sie ermuntert Schüler, Rückmeldungen und Wünsche in den Klassenbriefkasten zu legen; viele der Nachrichten sind anonym. Vermutlich versucht der Leser noch mehr als Barrett herauszufinden, welcher Schüler welche Nachricht geschrieben hat.

Insgesamt: Sehr schönes Buch. Handlungsbogen: nicht viel, aber so ist das im Schuljahr. Und eine Tick sentimental, aber das erwarten wir ja von Büchern übers Lehrersein. Das Lesen ist trotzdem vergnüglich.

Kaufman, inzwischen 101-jährig, unterrichtet seit Februar 2011 als Professorin an ihrer alten Universität.

*Vielleicht liegt es daran: übersetzt in 16 Sprachen, aber Deutsch scheint keine davon zu sein.

Feedback-Idee

Könnte man nicht die gesamte Rückwand jedes Klassenzimmers durch einen Spiegel ersetzen? So wie in Tanz- oder Sportstudios?

(Oder würden zu selbstverliebte Lehrer dann gar nicht mehr auf Schüler achten?)

Ich vernerde zusehends.

(Liegt daran, dass ich dieses Jahr nur Informatik und weder Deutsch noch Englisch unterrichte. Holt mich hier raus, ich bin ein Sprachenlehrer.)

Andere Leute programmieren Tischfußball oder Pacman in Inform 7, da habe ich mich mal an einfach verkettete Listen gemacht (unter Benutzung des Kompositum-Entwurfsmusters). Das metaphorische Modell: Es gibt einen Karawanenführer, der hinter sich ein Karawanentier führt. Das kann entweder ein Esel sein; der bildet den Schluss jeder Karawane und kann keine großen Lasten tragen. Oder es ist ein Kamel. Jedes Kamel trägt eine Last und hat hinter sich wieder ein Karawanentier – einen Esel (dann ist die Karawane zu Ende) oder ein weiteres lasttragendes Kamel, das wiederum als Nachfolger… und so weiter.

Die Klassen sind dabei schnell und einfach angelegt:

A piece of baggage is a kind of thing. The plural of piece of baggage is pieces of baggage.

A caravan member is a kind of animal. [Oberklasse Listenelement]
A caravan member has a caravan member called the successor. [Nachfolger-Attribut]

A camel is a kind of caravan member. [Klasse Knoten]
A camel has a piece of baggage called the load. [Attribut Datenelement]

A donkey is a kind of caravan member. [Klasse Abschluss]

A caravan organizer is a kind of man.
A caravan organizer has a caravan member called the leader. [Anfangs-Attribut]

Allerdings werden bei Inform eigentlich keine Objekte zur Laufzeit angelegt; alle müssen schon vorher da sein. Es gibt also keine Konstruktormethoden, die man während der Laufzeit aufrufen könnten. Die Erweiterung “Dynamic Objects” von Jesse McGrew schafft da Abhilfe – es geht also doch, bis irgendwann der Speicher vollläuft.

Implementiert habe ich bisher nur: vorne einfügen, hinten einfügen, Anfang oder Ende geben (und aus der Liste entfernen), beliebiges Element suchen und geben (und aus der Liste entfernen). Außerdem Länge geben und Inhalt ausgeben.

Es fehlen noch etliche Methoden, aber im Prinzip ist alles machbar. Natürlich stellt die Sprache selber auch schon Listen zur Verfügung, wenn man eine Liste für irgendetwas benutzen wollte, nähme man nicht meine Karawane. Und ich will auch nicht, dass Schüler in Inform Listen programmieren, das ist doch etwas – uh – arg weit hergeholt. Und umständlich; für so etwas ist Inform nicht gemacht. Aber um mich vertraut zu machen mit der Sprache war das eine schöne Fingerübung.

Zum Ausprobieren für Freunde des Absurden: Linked Lists, meine Karawane in Inform 7.

Der kleine ernste Kern hinter dem Gedanken: Metaphern und Visualisierung spielen in der Informatikdidaktik eine wichtige Rolle. Man stellt sich die abstrakten Konzepte immer irgendwie vor. Das Oldenbourg-Buch (Brichzin, Freiberger, Reinold, Wiedemann) etwa veranschaulicht einfach verkettete Listen mit einer Reihe von Männern (=Knoten der Liste), die jeweils einen Dackel spazieren führen (=das Datenelement). Ich selber habe es mit Flaschengeistern versucht. Zu beiden Konzepten gibt es Präsentationen und Animationen zur Veranschaulichung und Visualisierung.

Meine Frage und Vermutung: Kann man das nur visualisieren über eine Präsentation/Animation/Trickfilm, oder nicht auch über einen Text, den man liest? Klar, gedruckter Text ist nicht sehr visuell. Andererseits…

Wir im Didaktik-Business unterscheiden (nach Bruner) die enaktive Repräsentation von Sachverhalten. Das heißt so viel wie Verstehen durch Begreifen, Anfassen, mit etwas Umgehen.
Dann gibt es die ikonische Repräsentation von Sachverhalten: als bildliche Darstellung. Dazu gehören Präsentationen, Videofilme, Fotos, die etwas darstellen sollen. Und zuletzt gibt es die symbolische Repräsentation: der Sachverhalt wird nicht als Spielzeug begreifbar gemacht, und nicht als Bild gezeigt, sondern nur als Symbol gezeigt. Sprache ist unter diesem Aspekt betrachtet immer symbolische Repräsentation von außersprachlichen Dingen.

  • Addition kann man enaktiv darstellen (mit bunten Steinen spielen lassen), eine Liste auch (die Schüler stellen sich auf und zeigen auf ihren Nachfolger).
  • Addition kann man ikonisch darstellen (Bilder von Äpfeln), eine Liste auch (Bilder von Männern mit Hund hintereinander).
  • Addition kann man symbolisch darstellen (Summenzeichen), Listen auch (Objekt- oder gar Klassendiagramm).

Im Unterricht sollte man möglichst viele dieser Repräsentationsebenen ansprechen.

Nun gibt es in der Folge von Bruner weitere Repräsentationsformen. Die semi-enaktive kennen wir aus dem Chemieunterricht: der Lehrer macht es vor, die anderen schauen zu. Und dann gibt es im Informatikunterricht auch die virtuell-enaktive Repräsentation: Robot Karol etwa, ein auf den Bildschirm gezeichneter Roboter, den man mit Befehlen und Tasten manipulieren kann. Die Manipulation ist es, die das Enaktive ausmacht, nur dass man den Roboter eben nicht selber in die Hand nimmt, sondern mit der Tastatur befingert.

Und ist das nicht auch so mit Interactive Fiction? Die besteht nur aus Text, symbolischer Repräsentation. Aber es ist Text, den man in die Hand nehmen und untersuchen kann (take the box, open the box, examine the box, close it); Text, in dem man sich selbstständig und frei bewegen kann (go east, north, enter the dungeon). Ist das nicht auch irgendwie enaktiv?

Vermutlich alles schon längst mal untersucht, ich bin ja fast zwanzig Jahre raus aus der Didaktik. Aber es nagt das Gefühl an mir, dass Text zum Anfassen – meine eigene Definition von Interactive Fiction – noch unerforschte Möglichkeiten bietet.

Schüler, Lehrer, Internet

Durch einen Tweet von vilsrip bin ich auf diesen Bericht in der Süddeutschen aufmerksam geworden: Demnach ist ist ein Lehrer im Kirchendienst in Passau vorläufig suspendiert worden, weil er mit Schülerinnen über Fachebook kommentiert hat. Über den Inhalt der Nachrichten selber steht nichts im Artikel, sie seien “weder obszön noch sexistisch noch unter der Gürtellinie” gewesen, hätten aber doch Anstoß erregt; die Diözese reichte das Material an die Staatsanwaltschaft zur Prüfung weiter.

Erste vor ein paar Tagen bin ich interviewt worden zur Frage, ob Schüler und Lehrer in Facebook befreundet sein dürfen sollten. Freundschaft ist hier im technischen Facebook-Sinn gemeint, hat also nichts mit Freundschaft zu tun. Meine Antwort: ja, klar. Elektronische Kommunikation mit Schülern ist sinnvoll, und das geht am einfachsten über Facebook. Man soll doch die Schüler dort abholen, wo sie sind, wird einem immer pädagogisch um die Ohren geschlagen, und das, wo sie sind, ist nun einmal Facebook. E‑Mail fällt den meisten schon zu schwer.
Allerdings: Mann soll die Schüler dort abholen, wo sie sind, aber dann nicht dort stehen bleiben, sondern weiter gehen. Also zu Moodle, Doodle, GoogleDocs, Blogs und E‑Mail (mit eigenem Client). Deswegen würde ich nie eine Arbeitsgruppe auf Facebook gründen oder befürworten. Schon mal aus persönlichen Gründen: ich verwende meinen Facebook-Account nicht. Meine gelegentlichen Tweets werden nach Facebook weitergeleitet, da es Leute gibt, die gerne mitkriegen, was ich so mache, aber nur bei Facebook online sind. Ansonsten ist der Facebook-Kanal offen für Leute, die mich kontaktieren wollen und keine anderen Kanäle verwenden können oder wollen. Aber dort etwas schreiben oder lesen, was andere tun, das mache ich nicht.

Schüler bilden solche Arbeitsgruppen sehr schnell. Und auch Lehrer nutzen sie. Klar: Austausch mit Partnerschule in anderem Land, da wird schnell eine Gruppe für teilnehmende Schüler, Lehrer, Eltern erstellt, und jeder kriegt alles mit. Gegenargument: muss jeder immer alles gleich mitkriegen? Gegenargument zum Gegenargument: vernünftige Eltern werden nicht jeden Tag nachschauen und kommentieren, was das Kind heute getan hat.

Echte private Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern sind immer ein Problem, und wenn es nur die Mitgliedschaft im gleichen Sportverein ist, oder das Wohnen Tür an Tür, oder die Eltern-Kind-Beziehung. (Das eigene Kind an die Schule zu geben, an der man unterrichtet: problematisch.) Aber das sind alles lösbare und keinesfalls dramatische Probleme. Man muss halt wissen, was man wann zu wem sagt.
Missbrauch kommt sicher auch vor, neulich in Hamburg etwa (46jähriger Lehrer, 14jährige Schülerin, Kontakt via Facebook).
Sympathien zwischen jungen Lehrern und älteren Schülern, die sich dann – vermutlich und hoffentlich – nach dem Schulabschluss zu Partnerschaften entwickeln, gibt oder gab es auch; ich kenne mindestens vier Lehrer, die ehemalige Schüler geheiratet haben.

Das hat aber nichts mit Facebook und dem Kontakt via Facebook zu tun. Trotzdem würde ich mich zurückhalten beim Chatten mit Schülern. Grundsätzlich muss man davon ausgehen, dass alles, was man bei Facebook tut, öffentlich ist. Und das ist doch sehr gut so: wenn man sich mit Schülern unterhält, dann nur so, dass das öffentlich bekannt und für jeden einsehbar ist. Alles andere: schwierig. Problematische Inhalte bespricht man nicht bei Facebook.

Brauchen Schulen eine Social Media Guideline? Also Richtlinien, wie man sich bei Facebook verhält? (Eine Vorschrift kann und soll das sicher nicht sein.) Unternehmen haben so etwas.


Dann noch ein Spiegel-Artikel: zwei Schüler hacken sich in Lübeck in die Schulrechner und manipulieren ihre abiturrelevanten Noten. Zugang hatten sie als Teil einer Arbeitsgruppe zur Verbesserung des Schulnetzwerks. Jetzt ermittle die Staatsanwaltschaft gegen die beiden wegen Ausspähens von Daten und Datenveränderung.

Aus diesem Grund würde ich nie Schüler an das Schulnetz lassen. (In Bayern gilt ohnehin: getrennte Netze für Verwaltung/Schulleitung und den Rest der Schule. Aber getrennt heißt auch immer: mehr oder weniger getrennt.) Um es mit Eugen Roth zu sagen: “’s ist auch den Guten / Mehr zuzutraun, als zuzumuten.” Exploratives Verhalten ist genau das, was computeraffine Leute auszeichnet. Die sollte man nicht auch noch der Versuchung aussetzen zu schauen, wo sie überall hinkönnen im System.


Einige unserer Oberstufenschüler wünschen sich, im Unterricht mit Laptops zu arbeiten – und auch außerhalb des Unterrichts, zu schulischen Zwecken, innerhalb des Schulgeländes. Ich wünsche ihnen alles Gute dabei und habe ihnen ein Tipps gegeben, wie sie sich um die Erlaubnis dazu bemühen sollten. Für den Unterricht: das entscheidet jede unterrichtende Lehrkraft selber. Aber ich denke, die wenigsten werden etwas gegen einen klar abgegrenzten Versuch haben, wenn er ihnen auf geeignete Weise vorgesachlagen wird. Außerhalb des Unterrichts: mittelfristig eine Frage für das Schulforum, selbst wenn das wohl eigentlich nicht dafür zuständig ist. Kurzfristig: die Schulleitung fragen. Man müsste klar erkennbar machen, welche Schüler unter welchen Bedingungen mit dem Laptop außerhalb des Unterrichts auf dem Schulgelände arbeiten dürfen.

  • Wo? Bibliothek, Sitzecken, Aula, Cafeteria, Gänge?
  • Wann? Vormittägliche Pausen, Mittagspause, Freistunden?
  • Was? Mit Internet – mit Handy-Tethering unbemerkbar zu machen – oder ohne?
  • Welche Konsequenzen bei Regelüberschreitung?

Schulen mit Laptopklassen haben schon länger solche Regelungen.


Bei Netzpolitik geht es gerade um Webfilter in Schulen. Ausgangspunkt war, dass die Webseiten der Piratenpartei gesperrt waren; ähnlich ging es auch schon SPD und Grünen.

Technisch sieht das mit den Filtern so aus:

1. Eine Firma stellt Software und eine Liste von gesperrten Seiten zur Verfügung. Diese – sehr umfangreiche – Liste wird hauptsächlich automatisch durch einen mehr oder weniger guten Algorithmus erstellt, der zum Beispiel Seiten mit bestimmten Schlagwörtern sperrt.

2. Die Schule kauft diese Dienstleistung und übernimmt die Sperrliste. Theoretisch kann die Schule Ausnahmen hinzufügen oder weitere Seiten sperren; in der Praxis kommt das kaum vor. Ich habe jedenfalls keine Ahnung, wie man den Filter bei uns anpasst. (Aber ich habe einen Proxy laufen auf meinem eigenen Server, der auf keiner Blacklist steht. Damit komme ich selber dann doch überall rein.)

3. Eine Alternative zu Sperrlisten wäre die Alterskennzeichnung von Webseiten, wie sie immer wieder gefordert wird. Dann könnte man den Browsern für Unmündige sagen, dass sie nur Seiten bis zu einem bestimmten Alter durchlassen. Das ist international nicht machbar und obendrein nicht sinnvoll, aber ein anderes Thema.

Rechtlich wird argumentiert, dass Schulen solche Filter haben müssen. Ich bin mir dessen nicht sicher und halte es für möglich, dass das gute Lobbyarbeit und vorausschauendes Vermeiden von Ärger ist. Aber ja, es gab Fälle, wo Eltern sich beschwerten, dass ihr Kind im Unterricht Dinge gesehen hatte, die es nicht hätte sehen dürfen.
Braucht man solche Filter auch für den Unterricht oder nur für den außerunterrichtlichen Zugang zum Web? Im Moment ist es an meiner Schule so, dass Schüler nicht ohne eine Aufsicht führende Lehrkraft ins Web kommen dürften. Wenn ein Schüler im Unterricht heimlich Pornographie anschaut, muss der Schüler bestraft werden und nicht der Lehrer. Wenn ein Schüler im Unterricht heimlich einem anderen Pornographie zeigt (der sich dann zurecht zu Hause beschwert), muss der Schüler bestraft werden und nicht der Lehrer. Wenn Schüler irgendwann mal unbeaufsichtigt ins Internet dürfen, dann wird’s schwierig.

Dazu möchte ich mal eine Erörterung lesen.

Hoffnungsfroh

Gestern habe ich in einer Vertretungsstunde eine Klasse in den Computerraum begleitet, Unterstufe. Auf dem Weg – einen Gang entlang, eine Treppe, noch ein Gang, ein paar Ecken – spielte ein Schüler konzentriert mit einem Zauberwürfel, ein anderer war in ein privates Buch vertieft. Zeit in der Schule sinnvoll nutzen, das sehe ich auch so.

Disingenuous

(Nachtrag: peinlichen Schreibfehler korrigiert.)

“Disingenuous” ist ein sehr schönes englische Wort. Es bedeutet ungefähr, sich dümmer zu stellen, als man ist, um dadurch eigene Ziele zu erreichen.

Das Wort ist mir spontan eingefallen bei der Pressemitteilung des Kultusministeriums heute:

Kultusministerium zum eigenverantwortlichen Unterricht der Referendare an den Schulen – Zur Eingabe des Bayerischen Philologenverbandes an den Landtag

MÜNCHEN. Die Lehrerausbildung gliedert sich in Bayern in zwei Phasen:
1. Eine erste, stark fachtheoretische Ausbildung an den Hochschulen, die mit dem ersten Staatsexamen abgeschlossen wird. Diese umfasst allerdings bereits Praxisanteile – je nach Schulart – in einem Umfang von etwa einem halben Jahr.
2. Und eine zweite stark berufspraktische Phase, in der die angehenden Lehrkräfte – betreut von erfahrenen Seminarlehrern und ‑leitern – auch eigenverantwortlichen Unterricht halten. Dieser ist für eine qualifizierte und berufsorientierte Ausbildung unverzichtbar. Die Mindeststundenzahl für die zweite Ausbildungsphase an Realschulen und Gymnasien an der jeweiligen Einsatzschule beträgt 10 Unterrichtsstunden pro Woche, die Höchstgrenze 17. Die Stunden, die die Referendare über die Mindestanzahl von 10 pro Woche unterrichten, werden ihnen zusätzlich zu den Bezügen als Referendar bezahlt.

Ich weiß nicht genau, wie die Anfrage des bpv lautete. Die Antwort geht jedenfalls an den Fragen vorbei, die sich Lehrer an den Schulen stellen. Den eigenverantwortlichen Unterricht von Referendaren an sich stellt wohl niemand in Frage. Eigenverantworlich unterrichten Referendare in der Phase der Einsatzschule (was so viel heißt wie: ohne größere Betreuung durch erfahrene Seminarlehrer und ‑leiter). Zu meiner Zeit war die Obergrenze 14 Stunden, erweiterbar auf 16, wenn dringende Gründe dafür sprachen, also wenn ansonsten Unterricht ausfallen würde. De facto hieß das 16 Stunden, weil das mit den dringenden Gründen nie so genau gesehen wurde. Inzwischen sind es 17 Stunden. Das müsste nicht so sein.

Vor und nach dem Arbeiten in der Einsatzschule befinden sich Referendare in der Seminarschule. Dort findet die Betreuung durch erfahrene Seminarlehrer und ‑leiter statt. Und da gab es früher gar keinen eigenverantwortlichen Unterricht. Inzwischen – es mag etwas mit Lehrermangel und Finanzierungsproblemen zu tun haben – unterrichten Referendare dort sehr oft eigenverantwortlich, so dass man weniger Lehrer einstellen muss. Zu dieser Praxis hätte ich lieber Antworten vom Kultusministerium gehabt.

Lernzirkel

Ich mag Lernzirkel nicht besonders. Sie haben etwas Muffiges, riechen nach den 1970er Jahren und nach Turnhalle. Da kommen sie ja auch her, vom Zirkeltraining: Es gibt verschiedene Stationen (liebevoll aufgehäufte Papierstapel im Klassenzimmer, teilweise laminiert), die sich die Schüler in beliebiger Reihenfolge vornehmen, um beim Pfiff des Schiedsrichters zur nächsten Station zu wechseln. Das ganze zu dem Zweck, dass man Schülern so Arbeit unterjubelt, die sie sonst nicht leisten würden.

Für den klassischen Lernzirkel habe ich meine Meinung auch nicht geändert. Warum müssen die Schüler von Station zu Station gehen (den Kassettenrekorder als beschränkte Ressource gibt es ohnehin nur bei maximal einer davon)? Es ist so viel einfacher, Ihnen das gesamte Material auf einemal in einem Dossier zu geben und zu sagen: Macht mal, teilt euch die Zeit selber ein, ihr hat zwei Wochen Zeit. Wenn sich das digital machen lässt, um so besser, dann entfallen die Kopien und das Laminieren. Aber bei der aktuellen Ausstattung mit Rechnern geht das noch nicht; zum ausführlichen Arbeiten mit webbasiertem Material sind Handys zu unpraktisch.

Also waren meine Erwartungen heute gedämpft, als ich in einer Vertretungsstunde in der Unterstufe einen Lernzirkel beaufsichtigen sollte. Das lief aber überraschend gut, eben weil es gar kein Lernzirkel war, sondern Freiarbeit in festen Gruppen. Jede Gruppe bekam ihr Materialpaket ausgehändigt. (Wir träumen allerdings von einer Welt, in der Schüler ihr Material selbst verwalten können; vielleicht sollte das mal Schwerpunkt sein. Ein Schrank in jedem Klassenzimmer könnte da schon helfen.) Dann arbeiteten die Schüler gemeinsam an den kleinschrittigen Grammatik-Aufgaben und verglichen danach ihre Ergebnisse mit den Lösungen. Die Klasse war das möglicherweise gewohnt, jedenfalls lief es gut. Alle waren beschäftigt, die Atmosphäre war angenehm.

Bei Material für Freiarbeit halte ich Typographie und Layout für noch wichtiger als bei regulären Arbeiten: Man soll auf den ersten Blick sehen können, ob etwas Aufgabe oder Lösung ist. Und wenn schon Papierkopien, dann ein Satz Kopien in einer eigenen Mappe für das Projekt. Aber sonst: sollte man öfter machen.