James Branch Cabell, Jurgen

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Vermutlich habe ich zum ersten Mal von Cabell gehört durch das Buch Von Atlantis bis Utopia: ein Führer zu den imaginären Schauplätzen der Weltliteratur von Alberto Manguel und Gianni Guadalupi. Von A-Z gelesen; kaum Fantasyreiche drin, viele Utopien der frühen Neuzeit, viel Weltliteratur. Keine Science Fiction, keine Märchen.

Gelesen habe ich ihn einige Jahre später, zuerst ein oder zwei deutsche Bastei-Lübbe-Ausgaben, und dann, 1991 in England, Jurgen. Das ist Cabells bekanntestes Werk, letztlich wohl nur deshalb, weil es 1920-1922 einen vielbeachteten Prozess darum gab. („Represents and is descriptive of scenes of lewdness and obscenity, and particularly upon pages 56, 57, 58, 59, 61, 63, 64, 67, 80, 84, 86, 89, 92, 93, 98, 99, 100, 103, 104, 105, 106, 107, 108, 114, 120, 124, 125, 127, 128, 134, 135, 142, 144, 148, 149, 150, 152, 153, 154, 155, 156, 157, 158, 161, 162, 163, 164, 165, 166, 167, 168, 170, 171, 174, 175, 176, 177, 186, 196, 197, 198, 199, 200, 203, 206, 207, 211, 228, 229, 236, 237, 238, 239, 241, 242, 271, 272, 275, 286, 321, 340, 342, 343 thereof, and is so obscene, lewd, lascivious and indecent that a minute description of the same would be offensive.“)

1. Inhalt

Eine kurze Herausgeberfiktion erinnert zu Beginn an die Legende von Jürgen, die einen Teil der Geschichten um Dom Manuel bildet. Der hat das spätmittelalterliche Reich Poictesme gerettet (in Cabells Figures of Earth), bevor er verschwand oder entrückt wurde. Jürgen ist der Sohn eines Weggefährten von Manuel, über vierzig, Pfandleiher von Beruf und verheiratet. Nach ein paar eher beiläufigen freundlichen Wörtern über den Teufel ist Jürgens Frau verschwunden, und Jürgen macht sich widerstrebend auf die Suche nach ihr. Der Weg führt in eine Höhle; auf der anderen Seite trifft er in einem magischen Garten seine Jugendliebe wieder, so wie er sie damals idealisiert gesehen hat. Sie erkennt den alten Jürgen nicht und erzählt ihm von ihren und des jungen Jürgen großen Plänen. Danach überredet Jürgen eine Göttin des Mittwochs (lange Geschichte), ihn einen vergangenen Mittwoch wiederholen zu lassen. An diesem Mittwoch gibt es einen Ball am Hof; der inzwischen verjüngte Jürgen sieht seine Jugendliebe, seinen Rivalen, Höflinge, und kennt ihr und sein zukünftiges Schicksal. Der Versuch, dem Geschehen eine andere Wendung zu geben, misslingt. Jürgen macht sich ein zweites Mal auf in die Höhle. Es folgt eine lange, lange Phase, in der sich Jürgen bei verschiedenen Frauen herumtreibt, menschlichen und nichtmenschlichen; die Aneinanderreihung zweideutigen Abenteuer ermüdet etwas beim Lesen. Jürgen steigt dabei vom Herzog zum König auf, dann zum Kaiser und landet (nach einem Zwischenspiel in der Hölle) sogar auf dem Thron Gottes. Aber er findet – trotz wiedergewonnener Jugend – keine Zufriedenheit. Am Schluss wählt er wieder sein Leben als Mittvierziger, mit seiner wiedergefundenen Frau.

2. Jürgen und ich

Ich habe Jurgen damals bestimmt zwei oder drei mal gelesen, und die anderen 18 Bände der Biographie von Manuel auch mindestens einmal, und andere Bücher von Cabell und seine Briefe, Aufsätze über ihn und Biographisches. Man kann sagen, ich bin ein Fan. Aber an Cabell muss man sich gewöhnen, und ich kann ihn beileibe nicht jedem empfehlen. Manche Dinge sind gut gealtert, andere weniger. Und das bringt mich zu Jurgen.

Nach einem starken Anfang – die Begegnung des alten Jürgen mit seiner Jugendliebe, die auf magische Weise wiederholte Ballnacht, Jürgens ratlose Unzufriedenheit mit beidem – interessierte mich der Mittelteil des Buches beim Wiederlesen weniger. Ich glaube, das war schon beim ersten Lesen so. Jürgens Abenteuer wiederholen sich – das ist Absicht; ähnlich wie Faust ist er auf der Suche nach Zufriedenheit, ist sich dessen aber nicht völlig bewusst, und kennt nur einen Weg dorthin: Liebesabenteuer mit Frauen. Sein Kodex gebietet es, mit jeder – ausnahmslos liebreizenden – Frau, die seinen Weg kreuzt, nach Recht und Anstand zu verkehren. Am Schluss wird Jürgen allerdings attestiert, sich stets tadellos verhalten zu haben, keine Ferkeleien, „to deal fairly“ war stets einfach nur das; jedes Schwert, jede Lanze, jeder Stab, jedes Zepter, mit denen er die Frauen erfreut hat, war einfach nur das, Mehrdeutigkeiten liegen im Auge des Betrachters, und was da eventuell im Dunkeln geschehen ist, ist weder dem Leser explizit geschildert worden noch hat Jürgens Schatten (der ihn beobachtet, lange Geschichte) das mitgekriegt. Der ist im Dunkeln ja nicht da.

13 mal taucht „to deal fairly“ im Buch auf. 17 mal bezeichnet sich Jürgen als „monstrous clever fellow“. Das ist sein Credo, auch wenn gelegentlich durchscheint, dass Jürgen vermutet, dass das so nicht notwendigerweise der Wahrheit entspricht. Aber das ist es, an das er glaubt – sonst gibt es nämlich nichts, an das er glauben kann. Für die Illusionen seiner Umwelt hat Jürgen nur höflichen Zweifel übrig. 13 mal sagt er: „certainly I cannot go so far as to say you are wrong; but still, at the same time –“

Schon früh auf seiner Reise trifft Jürgen auf eine bocksfüßige Gestalt im Wald, wie das in Büchern vom Anfang des 20. Jahrhundert gelegentlich geschah (siehe Blogeintrag und Kommentar dazu). Diese Gestalt klärt Jürgen darüber auf, wie die Welt wirklich funktioniert – und nur weil Jürgen ein Dichter ist und deshalb die Realität leugnen kann, wird er durch die gesehene Wahrheit nicht wahnsinnig. (Auch wenn das Dichtersein eher behauptet als gezeigt wird.)

„Were there a bit of truth in your silly puppetry this world of time and space and consciousness would be a bubble, a bubble which contained the sun and moon and the high stars, and still was but a bubble in fermenting swill! I must go cleanse my mind of all this foulness. You would have me believe that men, that all men who have ever lived or shall ever live hereafter, that even I am of no importance! Why, there would be no justice in any such arrangement, no justice anywhere!“

(Poetry/Art ist einer der drei Modi, die Cabell anbietet, um mit einer bedeutungslosen Existenz in einem bedeutungslosen Universum – Shakespeares „tale told by an idiot, full of sound and fury signifying nothing“. – fertig zu werden. Die anderen sind Chivalry und Gallantry.)

Diese Gedanken waren es, die das Buch lesenswert gemacht haben für mich, damals und auch noch heute. Nach dem für mich weniger interessanten Mittelteil sind die Gespräche zwischen Jürgen und einer Schöpfergestalt am Schluss dann wieder gut zu lesen. Aber vielleicht muss man dazu erst durch das vorhergehende durch. Die Kurzfassung: Das Leben ist kurz und sinnlos, Zyniker muss man trotzdem nicht sein (die Begegnungen mit Helena und Gott nehmen Jürgen auf unterschiedliche Weise sehr mit), und Illusionen sind wichtig.

Hier eine zusammenhängendere Besprechung als meine.

3. Jürgen als Heldenreise

Beim Lesen fiel mir auf, dass Jürgens Abenteuer Merkmale einer typischen Heldenreise aufweisen, wie sie bei Wikipedia beschrieben werden:

  1. Ruf: Erfahrung eines Mangels oder plötzliches Erscheinen einer Aufgabe.
    Jürgens Frau ist plötzlich nicht mehr da, möglicherweise als Folge eines Gesprächs von Jürgen mit einem Wunder wirkenden Fremden.
  2. Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben.
    Jürgen macht erst mal keine Anstalten, nach seiner Frau zu suchen, sondern lebt anscheinend ganz zufrieden als Junggeselle.
  3. Aufbruch: Er überwindet sein Zögern und macht sich auf die Reise.
    Jürgens angeheiratete Verwandtschaft drängt ihn, der wandelnden Erscheinung seiner Frau zu folgen. („[T]his was the manly thing to do.“)
  4. Auftreten von Problemen, die als Prüfungen interpretiert werden können.
    Das Treffen auf seine Jugendliebe. Der Streit mit den Philistern. Viele weitere.
  5. Übernatürliche Hilfe: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren.
    Der Zentaur Nessus zeigt ihm den Weg und gibt ihm ein magisches Hemd zu tragen. Die Göttin Sereda lässt ihn einen Mittwoch wiederholen, verjüngt ihn und gibt ihm einen magischen Schatten.
  6. Die erste Schwelle: Schwere Prüfungen, Kampf mit dem Drachen etc., der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann.
    Frauengeschichten, Rittergeschichten, the lot. Vor allem nach dem zweiten Eintritt in die Höhle.
  7. Fortschreitende Probleme und Prüfungen, übernatürliche Hilfe.
    Die Liebesgeschichte um Guinevere, abgelöst durch die Beziehung mit der übernatürlichen Anaïtis.
  8. Initiation und Transformation des Helden: Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird.
    Initiation: Vielleicht der mehrdeutige Ritus in Kapitel 22, eine Parodie auf die Gnostische Messe von Crowley.‘
    Elixir oder Schatz zur Rettung der Alltagswelt: Nichts dergleichen. Anders als der klassische Heros, der aus der magischen Welt mit einer Rettung für sein Land zurückkehrt, kehrt Jürgen mit völlig leeren Händen zurück. Das magische Hemd gibt er vorher ab.
  9. Verweigerung der Rückkehr: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren.
    Hm. Jürgen denkt gar nicht an Rückkehr, bis zum Schluss. Dann gelingt es ihm nur mit einigen Tricks, seinen Wunsch – den der Rückkehr in seinen vorherigen Zustand – auch erfüllt zu bekommen.
  10. Verlassen der Unterwelt: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht.
    Jürgen kehrt aus der Welt jenseits der Höhle, aus seiner künstlichen Jugend zurück. Auf magische Weise, ja.
  11. Rückkehr: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, und muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird.)
    Jürgen kommt in Ort und Zeit genau an die Stelle zurück, von der er aufgebrochen ist. Seine Frau glaubt ihm kein Wort, aber letztlich ist die Geschichte dann ja auch nie passiert. Es gibt nichts auf der Heldenreise Gefundenes oder Errungenes, nicht für Jürgen und schon gar nicht für die Gesellschaft.
  12. Herr der zwei Welten: Der Heros vereint Alltagsleben mit seinem neugefundenen Wissen, und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben.
    Die Gesellschaft hat gar nichts von Jürgen – außer dass sie den alten Jürgen zurück hat, der seiner gealterten Jugendliebe dann noch einen Gefallen tun kann.

Fazit: Als Einstieg in Cabells Werk empfehle ich Jurgen nicht. Dann eher Figures of Earth, das Buch, das Cabell gleich nach Jurgen schrieb und mit dem die Legende von Manuel beginnt. Hier ein Blogeintrag dazu.

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