Wem gehört das Medium?

Ingo Bartling postete neulich ein Foto eines Klassenzimmers, in dem – obwohl Laptop und Beamer da waren – dann doch Tafel, Kreide und die olle Erdkundekarte an der Wand benutzt wurden.

Es ist tatsächlich so, dass manche Kollegen noch wenig wissen, welches schöne Material es digital gibt und wie man es nutzt. Manche können auch nicht sicher mit der Technik umgehen. Allerdings: Manchmal funktioniert die Technik auch einfach nicht.

So oder so fand ich bei Ingos Foto vor allem die Erdkundekarte an der Wand ganz attraktiv. Einladend. Wie kam das? Ich konnte mich nicht erinnern, dass mir die Karten in meiner Schulzeit irgendwie interessant erschienen. Aber bei meinen jährlichen Rollenspielen, da arbeiten wir viel mit Karten:

Zugegeben, wir spielen in den 1930er Jahren, da hätte ein Beamer – statt des papierenen Kartenmaterials – vielleicht eine anachronistische Note. Aber sowohl bei Fantasy-Abenteuern als auch bei Cyberpunk wäre mir Material aus Papier erst einmal lieber gewesen. Erst einmal: weil ich mir bei Cyberpunk schon auch digitale Medien vorstellen kann, also Webseiten. Ich hätte da aber gern, dass jeder Spieler sein eigenes Tablet hat. Und es muss viel Material geben, auch schöne Interviews, die man immer wieder anhören kann, im Prinzip ein Alternate Reality Game. Wenn ich aber nur die Wahl hätte zwischen einem Beamer und einer großen Erdkundeunterricht-Landkarte an der Wand, dann wäre mir die Landkarte weitaus lieber.

Warum? Einmal sicher, weil es Spaß macht, sich wie in alten Filmen vor die Karte zu stellen und eventuell sogar Stecknadeln reinzupieksen. Aber noch mehr, glaube ich, weil ich als Spieler – und vielleicht auch als Schüler – gerne die Kontrolle über mein Medium habe. Beim Beamerbild vom Rechner des Spielleiters – oder Lehrers – könnte ich mir nie sicher sein, dass die Landkarte, beispielsweise, immer zu meiner Verfügung steht. Der Lehrer – oder Spielleiter – kann sie ausschalten oder ein anderes Bild an die Wand werfen. Bei dem Kartenausschnitt auf dem Spieltisch oder der Landkarte an der Wand wäre das nicht so. Ich kann – während des Rollenspiels – jederzeit den Papierstapel auf dem Tisch durchwühlen, bis ich die Karte, den Brief, den Tagebuchausschnitt, das Foto gefunden habe, das ich haben wollte, um etwas nachzuprüfen. Die Erlaubnis des Spielleiters brauche ich dazu nicht.

Es läuft für mich wohl auf die Frage hinaus: Wer hat die Kontrolle über die verwendeten Medien? Medien, das sind, wenn ich mal Geräte und Formen mischen darf: Tafel, Rechner/Beamer, Landkarte. Poster an der Wand. Schulbuch, Atlas. Wohl auch Realien, also Mitbringsel. Filmaufnahmen, Audioaufnahmen, Tageslichtprojektor. Zählt das selbst geführte Schulheft dazu?
Kontrolle haben die Schüler üblicherweise und innerhalb gewisser Grenzen allenfalls über… hm, nicht viel. Also, wenn sie am Rechner (oder Tablet) sitzen, dann schon. Und Poster im Klassenzimmer oder das Periodensystem, die werden in der Regel nicht plötzlich abgedeckt; wenn Schüler dieses Material auch nicht kontrollieren, so können sie sich doch auf deren Vorhandensein verlassen. Alles andere steht üblicherweise unter der Herrschaft der Lehrkraft.

So sieht es auch der lern-/lehrtheoretische Ansatz, das Berliner Modell, das man im ersten Didaktikkurs serviert kriegt:

BerlinerModell
(Quelle: Oeclan@Wikipedia, CC-BY-SA 3.0 unported)

Medien sind Mittel – Mittel, die vor allem die Lehrkraft einsetzt. Wikipedia – in diesem Fall sicher nicht die zuverlässigste Quelle – versteht unter dem Begriff der Medien in diesem Modell:

Die Mittel, die Medien, die ich [anzunehmen: als Lehrkraft] brauche, wenn ich diesen Weg gehen will:
Habe ich diese Mittel/das Material, oder muss ich den Weg ändern, weil sie mir nicht zur Verfügung stehen? (Z. B.: Mir fehlt ein Dia-Projektor und ich wollte Bilder zeigen.)
Passen die Medien zu den Voraussetzungen der Teilnehmer, den Zielen, den Inhalten usw?

Ein anderer Ansatz wäre, statt Mittel “Werkzeuge” in den Vordergrund zu stellen. Welche Werkzeuge stelle ich den Schülern zur Verfügung, welche kennen sie, um das angestrebte Ziel über die ausgewählten Inhalten zu erreichen? Oder gehört das im Berliner Modell dann einfach zu den Methoden? Die besondere Stellung der Medien in diesem Modell hat mich als Student irritiert, und auch heute sehe ich die Medien den Methoden eher untergeordnet als gleicherbechtigt neben ihnen.

Werkzeuge für Schüler: Dann müssten die Schüler darüber Kontrolle haben, und den Umgang damit geübt haben. Offiziell gehören Atlas, Taschenrechner, Formelsammlung und Wörterbuch dazu, und zumindest beim Wörterbuch ist es schwierig, den Schülern das als Werkzeug schmackhaft zu machen. Der Computer ist ein geeignetes Werkzeug für vieles, aber man könnte ebenso mit dem eigenen Heft, dem Schulbuch (wenn es sich denn dafür eignete), der Materialsammlung oder Postern im Klassenzimmer anfangen.

Letzte Woche November 2013 – Alltag, Uni, Vorlesung

Es ist eigentlich doch ganz schön abwechslungsreich, so als Lehrer.

Unterricht in verschiedenen Klassen mit verschiedenen Inhalten und Methoden. Vertretungsstunde und Klausuraufsicht bei einer Klasse, die ich drei Jahre nicht mehr hatte; interessant, was aus ihnen geworden ist. Wahlunterricht, auch am Freitag vor den Ferien, nach den regulären Stunden, bis ich die letzten Schüler nach Hause schicke, lange nach der offiziellen Zeit. Vormittagsunterricht, Nachmittagsunterricht, Streit mit Kollegen. (Wie schon getwittert: In Zukunft werde ich Kollegen mit Computerproblemen fragen, ob ich es a) einfach lösen oder b) ihnen beibringen soll. Bin nur zu b) bereit.)

Dann die Arbeit an der Uni. Didaktikprüfung, Vorlesung. Langsam gewöhne ich mich daran. Bei manchen Fragen hat man als fleißiger Blogleser und Populärkulturkenner eine Fülle von Einstiegsmöglichkeiten:

Nächstes Wochenende ist das LernLabBerlin. Was mit Schule und Medien. Ich wäre diesmal vermutlich hingefahren – aber der Termin ist schon lange fest gebucht. Das jährliche Call-of-Cthulhu-Rollenspiel hat da eindeutig Vorrang. (2012, 2011, 2010, 2008, und in Zukunft werde ich das ausführlicher festhalten.)

Ich unterrichte Gluck

Coca Cola hat mir vorgeschlagen (“Da du ja selbst Lehrer bist”), auf dieses Projekt hinzuweisen (rel=“nofollow”):

http://www.coca-cola-deutschland.de/coca-cola-wow-stories/ich-unterrichte-gluck-monika-fahrenbach-gottingen

Kinders, bevor ich mit Coca Cola “Gluck” unterrichte, bringe ich meinem CMS bei, den Umlaut “ü” als “ue” in den Link einzubauen. Für Wordpress gibt es ein Plugin, dass das macht.

– Unterrichtet wird Glück nicht nur von Monika Fahrenbach in Gottingen, sondern an hundert weiteren Schulen; initiiert von Ernst Fritz-Schubert, Lehrer und “Mitglied im Expertenbeirat des Happiness Instituts”. Das möchte “aus halb leeren Gläsern halb volle machen”… Hauptsache, es ist Cola drin?
Na gut, wenn einem das Schulfach Glück wichtig ist, setzt man sich auch mit Coca Cola ins Boot. Ist ein Schulfach Glück wichtig?

Als Pflichtfach an einer staatlichen oder städtischen Schule: Selbstverständlich nicht. Zum einen bin ich überzeugt, dass es sehr viele Schüler gibt, die das nicht brauchen. Wie hätte ich gelacht als Kind! Ich war viel zu beschäftigt, um mich um Glück oder Unglück zu sorgen. Schule war schön, weil man Leute traf und etwas lernte. Um mein Glück wollte und konnte ich mich selber kümmern, vielen Dank. Zweitens gehört nicht alles in die Schule. Ein bisschen was muss man den Eltern und Schülern selber überlassen. Ich möchte nicht zum Glück gezwungen werden, das weckt den Calvin in mir – den von Calvin und Hobbes, nicht den protestantischen. Drittens gibt es viele Wege zum Glück, und ich kann mir nicht vorstellen, dass in dem Schulfach meiner gelehrt wird.
Wie begründet das eine glückliche Pärchen in Woody Allens Stadtneurotiker sein Glück: “Uh, I’m very shallow and empty and I have no ideas and nothing interesting to say.” / “And I’m exactly the same way.”

Privatschulen: Dürfen machen, was sie wollen. Zum Beispiel hier in der Schweiz. Da sind auch Spinner dabei. Soll es geben. Hoffentlich werden es nicht zu viele.

Als Wahlpflichtfach: Nein, da ja dann anderer, ernst zu nehmender Unterricht nicht gewählt wird.

Als Wahlfach, auch an öffentlichen Schulen: Klar, gerne. Es gibt einen Topf für Chor und Robotik-AG und Aquarellzeichnen und Maschineschreiben, wenn stattdessen Glück oder Aromakerzen oder Bällchenwerfen fürs Gehirn gemacht werden, dann darf die Schule das. Ich hoffe sehr, dass sich Schulen für ein sinnvolles Angebot entscheiden, möchte aber schon, dass sie Spielraum haben.

Auch in München wird schon mal so ein Fach gefordert: “Das neue Schulfach heißt Glück, weil der Wortursprung ‘gelungen’ auf die Voraussetzungen für ein gelingendes Leben verweist” – mein alter Freund, das argumentum ad etymologiam, wenn einem auch wirklich gar nichts Sinnvolles einfällt.

Ein Wortspiel, das aus “non olet” ein “non est klebrig und zuckrig” macht, wollte mir leider nicht gelingen.

Wochenrückblick – auf Vorlesung, Unterrichtsbesuch, Ingolstadt

Irgendwann war mal der Personalausflug nach Ingolstadt: Erstaunlich viele Touristen dort, hätte ich nicht gedacht. Bei der Stadtführung begegneten wir oft anderen Gruppen; eine Standardwarnung, die man als Stadtführer der fremden Gruppe zuruft, ist wohl “Passen’S auf! Die lügt!” Viel Zeit bleibt bei so einem Besuch nicht, ich empfehle das Museum für konkrete Kunst und das Armeemuseum. Recht versteckt sind dort drei Turmstockwerke voller Zinnfigur-Dioramen, das hier ist nur ein Ausschnitt:

armeemuseum

Dann habe ich den Achtklässlern für das Papier zu Referaten gezeigt, im Computerraum, wie man automatische Aufzählungen und Stichpunktlisten im Textverarbeitungsprogramm verwendet. Eine Schülerin wollte das Tastaturkürzel dafür wissen, da wusste sogar ich keine Antwort. Und ich mache so viel wie möglich mit der Tastatur. Bis zur Folgestunde hatte ich das zwar herausgefunden (F12 beziehungsweise Shift-F12), aber die Schülerin auch.

Während eines Unterrichtsbesuchs letzte Woche hat die Klasse mustergültig mitgearbeitet. Die Stunde war auch sorgfältig – wenn auch wenig aufwendig – vorbereitet; ich hatte mich vorher schon darauf gefreut, wie rund das laufen würde. Tat es dann auch, und ich habe die Klasse in der Folgestunde gelobt. Ihnen war sehr bewusst, dass die Stunde gelungen war, und dass sie dazu beigetragen hatten (schon auch, weil die Schulleitung hinten saß). Leider heißt das keinesfalls, dass die das jetzt immer so machen – aber so ist der Mensch.

Am Donnerstag hielt ich dann meine erste Vorlesung an der Uni, “Fachdidaktik Informatik I”. Ein bisschen als Hochstapler fühle ich mich schon, tut man das nicht immer? Den Stoff kann ich, zu sagen habe ich auch etwas, aber wie ich das jeweils vermittle, und was genau ich aus dem Stoff auswähle, das weiß ich noch nicht so recht. Praktisch ist, dass ich als Uni-Angehöriger – wie jeder Student auch – mich aus der Online-Datenbank bedienen kann, aus der man viele Aufsätze und ganze Bücher als pdf herunterladen kann.

Also gut, ALSO GUT, ich bin mit Noten auch nicht zufrieden

Ausgangspunkt: Siehe vorletzten Eintrag, in dem ich nicht über meine Einstellung zu Noten geschrieben habe, sondern über den Umgang mit Sekundärliteratur. Deshalb hier jetzt meine Gedanken zu Noten, zum Teil schon anderswo in den Kommentaren geschrieben.

Was gegen Noten spricht:

  1. Sie machen mir Arbeit. Aufsätze korrigieren ist schwer genug, eine Note darunter zu setzen noch viel schwerer. Mir wäre es sehr viel lieber, unter einen Aufsatz nur zu schreiben, was gut oder schlecht daran war.
  2. Erschwert wird das noch durch die Entscheidung über das Vorrücken, die von Noten getragen wird. Sie führt oft genug dazu, dass die Note geschönt wird, weil mit der passenden Leistungsbeurteilung ein Vorrücken nicht möglich wäre. Damit erfüllt die Note nicht mal mehr die Funktion, die sie ursprünglich hatte.
  3. Sie werden gelegentlich zur Disziplinierung missbraucht.
  4. Allein die Möglichkeit, sie zur Disziplinierung zu missbrauchen, sorgt bei Eltern und Schülern für Unsicherheit und Misstrauen, Furchtsamkeit und Fehlattribuierung bei schlechten Noten.
  5. Noten haben viele nützliche Funktionen, aber auch mindestens eine unnütze: Manchmal macht man sie nur, weil das so vorgeschrieben ist. Mit Datum und allem. Ich muss von jedem Schüler ungefähr gleich viele und zeitlich ungefähr gleich verteilte Noten machen. Dann mache ich das halt, aus rein formalen Gründen.
  6. Wenig erlebt: Streitereien zwischen Schülern. Aber das wird gerne mal angeführt.
  7. Noten entstehen teilweise intransparent, teilweise sind sie nicht vergleichbar. Dadurch entsteht das eigentliche Problem: Sie sind ungerecht. Das finde ich tatsächlich nur begrenzt ein Argument gegen Noten. So ungerecht sind sie nämlich auch wieder nicht. Und: Es gibt Möglichkeiten, sie gerechter zu machen.
  8. Generell schlecht an der Notenorientierung: Lehrer werden oder fühlen sich gedrängt, nur das zu unterrichten, was benotet werden kann. Nicht sehr, aber immer mehr.

Warum ich trotzdem Noten gebe:

  1. Das ist meine Arbeit, für die ich gut bezahlt werde. Schüler, Eltern und der Souverän möchten das so. Das ist der Hauptgrund.
  2. Ich halte sie, einen Kommentar von Jan-Martin Klinge aufgreifend, für die schlechteste aller funktionierenden Formen. Aber die einzige, der ich bisher vertraue. Überzeugt bin ich davon nicht. Aber ich hätte gerne ein vergleichbareres Vorbild als Finnland oder was auch immer.
  3. Ihre Rückmeldefunktion ist begrenzt. Aber es gibt sie. Andererseits: Unter Deutschaufsätzen muss auch immer zusätzlich ein Kommentar stehen; die Note ist keinesfalls die einzige Rückmeldung.
  4. Persönliche Gründe: Ich war ein sehr guter Schüler. Wenn mich ein Fach interessiert hat, habe ich gute Noten bekommen. Wenn nicht, und ich nicht gelernt habe, habe ich schlechte bekommen – und wusste, dass ich selbst dafür verantwortlich war. Konsequentes Aufpassen und Mitdenken hat gereicht. Diese Erfahrung verführt dazu, zu glauben, dass es anderen Schülern auch so geht. (Dass das kein gute Grund ist, weiß ich selber. Aber er führt dazu, dass ich überdramatisierte und pauschale Aussagen von der verwerflichen Folge von Notengebung nicht ernst nehmen kann. Einfach ein “Bei manchen Schülern” davor setzen, dann höre ich zu.)

(Wird ergänzt.)

10 Bücher

Via Neues von der Sandbank: Wenn wir – so wie in England – eigene Klassenzimmer hätten, welche 10 Bücher würden wir dort als Klassenbibliothek aufstellen?
Hier ohne besondere Reihenfolge meine Liste, für Jahrgangsstufe 5–12, mit dem Schwerpunkt irgendwo in der Mitte.

  1. S. Morgenstern, Die Brautprinzessin
  2. Martin Gardner, Mathematischer Zirkus (oder ein anderes seiner Bücher)
  3. William Golding, Der Herr der Fliegen
  4. Der neue Conrady. Das große deutsche Gedichtbuch
  5. A.S. Neill, Die grüne Wolke
  6. Kathrin Passig/Aleks Scholz, Lexikon des Unwissens
  7. Isaac Asimov, Robotergeschichten
  8. Walter Jens, Ilias und Odyssee
  9. Jens Soentgen, Selbstdenken!
  10. Richard Adams, Unten am Fluss

Ich glaube ja, das ist so ein Rorschach-Test um herauszufinden, welche Art Lehrer man ist. Damit wird überprüft, was man wohl gerne hätte, das die jungen Leute lesen… zwanzig Bücher wären mir lieber gewesen als zehn, jedenfalls hätte ich keine Probleme, noch zehn weitere zu finden. Recht viele Sachbücher, keine explizite oder typische Jugendliteratur, und ich habe versucht, für jede Jahrgangsstufe etwas zu haben. Keine Fantasy, kein Harry Potter, kein Herr der Ringe; das kennen die eh schon – sondern eher Bücher, auf die sie sonst nicht so leicht stoßen. An sich lesen meine Schüler ja gar nicht so wenig, aber eben nur Aktuelles.

Nicht mehr untergebracht:

Douglas Adams/Mark Carwardine, Die Letzten ihrer Art
Arthur Conan Doyle, Der Hund von Baskerville
Robert Gernhardt, Gedanken zum Gedicht
Lewis C. Epstein, Denksport Physik
Wolfgang Herrndorf, Tschick
und vielleicht noch etwas Lesefutter für die Unterstufe.

Wenn man nicht alles selber liest…

Ich lese in letzter Zeit viel gegen Noten. Angefangen hat das mit einem Kommentar zu einem meiner Blogeinträge, dann ging es weiter mit einer Diskussion im Lehrerforum, wo auf Nachfragen dann auch eine wissenschaftliche Quelle zur Behauptung “Noten sind willkürlich und nicht objektiv” genannt wurde.
Einer Diskussion bei Twitter (sofern möglich; auf Twitter gibt es keine sinnvollen Diskussionen) folgte dieser Blogeintrag bei Forschungswege. Und heute morgen lese ich schon wieder ganz apodiktisch bei Twitter: “Noten sind Unsinn, da nicht vergleichbar, undifferenziert und als Feedback unbrauchbar.”

Ich bin ja auch sehr skeptisch, was Noten betrifft. Aber vieles von dem, was ich da lesen musste, ist falsch. (Zugegeben, die Kommentare stammen alle von Lehrern mit Schwerpunkt Grundschule, vielleicht lässt sich das auch einfach nicht übertragen auf meine Schulart.) Aber dazu später mehr in einem eigenen Blogeintrag. Heute geht es mir nur um die oben genannte Quelle zur Behauptung, Noten seien willkürlich und nicht objektiv. Die Quelle – sicher nicht die einzige, aber die einzige, die genannt wurde – war der Kommentatorin nur aus einem anderen Buch bekannt. Ich bin gestern selber in die Bibliothek und habe den Aufsatz herausgesucht: “Wie einig sind sich Lehrer bei der Aufsatzbeurteilung? Eine Replikationsstudie zur Untersuchung von Rudolf Weiss”, Peter Birkel/Claudia Birkel, in: Psychologie in Erziehung und Unterricht 49/2002, S. 219 – 224.

Hier meine Zusammenfassung des Aufsatzes:

Der Versuchaufbau

Ausgangspunkt waren vier unterschiedlich gute Aufsätze aus einer 4. Klasse, ursprünglich benotet von 2+ bis 4-. Von jedem Aufsatz wurden zwei Varianten erstellt, eine mit wenig und eine mit viel Rechtschreibfehlern. 89 teilnehmende Grundschullehrer(innen) erhielten jeweils diese vier Aufsätze – in unterschiedlichen Kombinationen von guter/schlechter Rechtschreibung. Die sollten sie dann benoten.
Den teilnehmenden Lehrern wurde Anonymität zugesichert, so dass über ihre Zusammensetzung nichts bekannt ist; ich gehe davon aus, dass sie alle aus dem gleichen Bundesland stammen (sonst wäre das Ergebnis nicht brauchbar), vermutlich Baden-Württemberg, da die Autoren in diesem Land an der Universität bzw. PH arbeiteten.

Die Lehrer erhielten keine Kriterien zur Bewertung. Zwar belegten Untersuchungen, dass mit Kriterienkatalogen “die Reliabilität der Zensuren so sehr gesteigert werden kann, dass sie nahe an die Größenordnung herankommt, die für formelle Tests gefordert wird” (S. 220). Aber da Grundschullehrer solche Kriterienkataloge in der Regel nicht benutzten, so die Autoren, gab es auch keine bei dieser Untersuchung.

Die Ergebnisse

Die durchschnittliche Benotung aller Aufgaben entsprach äußerst gut der ursprünglich gegebenen Note.
Die Rechtschreibung spielte eine Rolle bei der Benotung; im Schnitt wurden die Aufsätze mit vielen Fehlern um eine Drittelnote schlechter benotet als die ohne.
Allerdings gab es deutliche Unterschiede bei der Einzelbenotung. Der ursprünglich mit 1- bewertete Aufsatz wurde (in der Version mit wenig Rechtschreibfehlern) von 1- bis 4- bewertet. Zugegeben, von 37 Lehrern gab es die Note 1 bis 2–3, nur von 1 Lehrer die Note 4-. (Zum Herumhacken auf den Tendenzen: Es geht wohl um Baden-Württemberg, und zumindest damals wurde die Note 2+ als 1.75 gewertet und die Note 2- als 2.25 – in Bayern gibt es nur volle Noten.)
Ähnliche Streuung – also Note 1–5 für den selben Aufsatz gibt es auch bei den anderen Aufsätzen, am wenigsten bei dem ursprünglich mit 4- benoteten Aufsatz. Es sind zwar jeweils nur wenige Ausreißer, aber die sind nun einmal da.

Interpretation der Ergebnisse

“Offenbar ist es wohl leichter, bei einer schlechten Leistung ein größeres Maß an Übereinstimmung zu erreichen als bei mittelmäßigen oder guten Leistungen!” (S. 223). Das deckt sich übrigens mit meiner Erfahrung; ob eine Leistung ausreichend ist (1–4) oder nicht (5–6), das kann ich selber auch leichter entscheiden als den Grad dessen, wie sehr sie ausreicht beziehungsweise sehr gut ist. Insofern ist es etwas schade, dass keine nicht ausreichenden Leistung in die Untersuchung einbezogen wurden.

Weiterhin bemängeln die Autoren der Studie, dass die Rechtschreibleistung signifikant bei der Bewertung des Aufsatzes eine Rolle gespielt habe. Sie schließen daraus, dass wenn man bei der Bewertung eines Aufsatzes Schwierigkeiten hat (und die hat man immer, sage ich, leicht ist das nicht), gerne auf leichter zu bewertende, aber irrelevante Merkmale wie Anzahl der Rechtschreibfehler oder Geschlecht des Schülers ausweicht. Uh? Ich gehe davon aus, dass es in Baden-Württemberg zumindst damals in der 4. Klasse so war, dass Rechtschreibung explizit nicht in die Aufsatzbewertung einfließen sollte, oder habe ich das missverstanden? Das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen.

Die Autoren der Studie sagen zur großen Spannbreite bei den Noten: “Kriterienkataloge könnten hier Abhilfe schaffen!” (S. 223), aber Grundschullehrer würden im Studium nichts davon hören und sie deswegen auch in der Praxis nicht anwenden. Bisher hätte die “Anwendung solcher Kriterien eher im Bereich der Sekundarstufe Eingang gefunden […] und ihren Wert bewiesen.” Ein weiterer Grund könne sein, dass in der Grundschule oft fachfremd Deutsch unterrichtet werde; kein Wunder, dass diese Lehrkräfte nichts von Kriterienkatalogen hielten.

Mein Kommentar

Es ist interessant, dass die Durchschnittsnote der Aufsätze sehr genau den ursprünglich gegebenen Noten entspricht. Man könne der Lehrerin, die die Aufsätze ursprünglich benotet hat, “ein Kompliment machen” (S. 223). Nicht nachgegangen wird der Frage, wie das zu erklären ist. Gibt es manche Lehrer, die doch objektiv benoten können? Zeichnet sich diese ursprünglich ausgewählte Lehrkraft durch bestimmte Merkmale aus? Oder ist es einfach wahrscheinlich, eine Lehrkraft zu erwischen, die genauso benotet wie der Durchschnitt der Lehrkräfte?

Was nicht untersucht wird: Hatten die die jeweiligen Lehrkräfte eigene Kriterienkataloge, implizit oder explizit? Waren diese Kriterien den Schülern und Schülerinnen bekannt? Objektivität müsste man eher dadurch messen, dass ein Aufsatz von derselben Lehrkraft mit einem Abstand von einem Jahr benotet wird, und nicht durch Vergleich mit anderen Lehrkräften mit anderen expliziten oder impliziten Kriterienkatalogen. Sicher auch kein einfacher Versuchsaufbau.

Insgesamt: Schön zu lesen. Das steckt Interessantes drin. Für ein pauschales: “Aufsatznoten sind willkürlich und nicht objektiv” ist der Aufsatz allerdings keinesfalls Beleg und will es auch nicht sein.

Sind Noten möglicherweise trotzdem willkürlich und nicht objektiv? Kann sein. Andere Untersuchungen zeigen das vielleicht. Aber den nächsten Aufsatz überprüft dann bitte jemand anderes.

Im Schweinchenbau

Vom Schweinchenbau habe ich von Kollegen immer wieder mal gehört. Münchner Lehramtsstudenten der LMU ist das Gebäude wohlvertraut – aber ich habe in Augsburg studiert. Der Schweinchenbau ist außen rosa, innen auch einigermaßen, und beherbergt die Fakultät für Psychologie und Pädagogik und vor allem deren Fachbibliothek. Und da war ich heute zum ersten Mal. Ich habe zwar einen Zugang zu den Onlinezeitschriften (wo man sich Beiträge als pdf herunterladen kann), aber noch gibt es viele früheren Jahrgänge nicht digital, und ich brauchte etwas aus dem Jahr 2002.

Sehr hübsch, die Bibliothek. Drei oder vier Stockwerke, jeweils mit so Drumrum, dass in der Mitte frei ist, wie heißt das gleich wieder… Galerie? Außenrum sind Einzeltische mit Lampen und Regale mit Büchern. Alle sehr großzügig, viel Platz, zumindest jetzt, solange die Vorlesungszeit noch nicht begonnen hat. Kopiergeräte gibt es auch, in deutlich größerer Zahl als in Augsburg damals, funktioniert haben sie auch, 5 Cent pro A4-Kopie. (Es gibt auch Plastik-Kopierkarten, aber ich wollte ja nur einen Aufsatz haben.) Und vor allem gibt es Scanner, kostenlos. Man steckt den mitgebrachten USB-Stick ein, platziert das Buch – aufgeschlagen, Text nach oben blickend, wo erst mal gar nichts ist, aber von irgendwo dann doch eine Leseeinheit herunterblickt – und drückt aufs Knöpfchen. Man bestätigt irgendwas mit Urheberrecht und so, was ich nicht gelesen habe, und hat dann zu Hause je Kopie eine pdf-Datei auf dem Stick. Zum Zusammensetzen zu einer einzigen Datei gibt es ja Werkzeuge.

Vermutlich weiß jeder schon, dass es so etwas gibt, aber ich habe es zum ersten Mal gesehen und benutzt. Schon schön, so.

Buchhändler deines Vertrauens

Timo Off hat ein Thema für eine Blogparade vorgeschlagen: Schreibe einen Blogartikel über den Buchhändler deines Vertrauens: Was macht ihn oder sie besonders? In welchem Buchladen arbeitet er oder sie? Was macht den Charme dieser Person oder dieses Buchladens aus?

Dann oute ich mich mal: ich habe keinen Buchhändler meines Vertrauens. Bücher für mich selber kaufe ich grundsätzlich nur gebraucht, und zwar bei Buchhändlern über Amazon beziehungsweise abebooks.com oder zvab.com. Neuerscheinungen interessieren mich selten, und dann warte ich gerne eine Weile, bis ich das gebraucht kriege. Neue Bücher zu kaufen ist ehrenwert, man unterstützt Autoren, Verlage und Buchhandlungen – aber das ist nicht meine Aufgabe.

Klassensätze für die Schule bestelle ich bei der Tucholsky-Buchhandlung in München. Allerdings hielt ich es eine Weile auch für sinnvoll, Schüler ihre Lektüre selbst besorgen zu lassen. So vor einigen Jahren. Denn ich fand es wichtig, dass Schüler selber mal in eine Buchhandlung gehen und dort ein Buch bestellen oder kaufen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich anfing, in Buchhandlungen einzukaufen. Mit öffentlichen Bibliotheken war ich spätestens seit der Unterstufe vertraut; ebenso mit Flohmärkten, Kiosken und Bahnhofsbuchhandlungen und dem wunderbaren kleinen Laden für gebrauchte Taschenbücher, Comics und Heftromane am Judenberg in Augsburg (meine Mutter hob mir den Zeitungsartikel auf, in dem von der Schließung des Ladens berichtet wurde; seitdem ist etwas ganz und gar Unwichtiges darin). – Aber Buchhandlungen waren etwas anderes. Damit fing ich erst mit sechzehn oder siebzehn an. Und es kostete mich schon etwas Überwindung. Deshalb fände ich es schön, wenn ich Schüler in Buchhandlungen schicken könnte.
Aber so viel Buchhandlungen wie in meiner Heimatstadt gibt es nicht mehr. Und wenn ich die Schüler heute ihre Bücher einzeln kaufen lasse, tun die sich natürlich zusammen, und einer von denen bestellt dann für alle bei Amazon. Auch nicht das, was ich wollte.

Ebooks lese ich nur, wenn ich die Bücher in einem offenen, ungeschützten Format kriege. Ich möchte nicht nur eine Lizenz zum Lesen, die jederzeit zurückgezogen werden kann. Aber wenn ich ein altes Buch lesen möchte, lese ich das auch mal auf dem Tablet, statt mir ein antiquarisches Exemplar zu besorgen.

Wenn ich für Neffen oder Nichten Kinderbücher brauche, mache ich einen Spaziergang in den LeseLotte Kinderbuchladen in der Reichenbachstraße. Große Auswahl, da finde ich immer etwas.

Bleiben noch Geschenke für Referendare und, sehr gelegentlich, Familie. Also keine gebrauchten Bücher. Ja, da gehe ich dann in die große Kette und schaue, ob ich etwas finde. (Denn ich schaffe es nie, rechtzeitig vorher daran zu denken, so dass ich eventuell noch Bücher bestellen könnten.) Selten finde ich, was ich suche. Da könnte ich mir etwas Besseres angewöhnen, auch wenn das nur zweimal im Jahr vorkommt.

Warum habe ich keinen Buchhändler, keine Buchhandlung meines Vertrauens?
Erstens kann ich meinen – großen – Bedarf an Büchern auch ohne decken. Auf die letzten zwanzig Bücher, die ich gelesen habe, bin ich auf folgende Weise gekommen: Besprechung in einem abonnierten Literaturmagazin (1x), geschenkt gekriegt (1x), wiedergelesen aus meiner Bibliothek (7x, untypisch viel), Fachbücher via andere Fachbücher oder Literaturlisten (2x), das abonnierte Literaturmagazin im Taschenbuchformat, herausgegeben von einer englischen Buchhandlung (1x), ausgeliehen von Frau Rau (2x), Empfehlungen im Internet (3x), im Regal bei anderen gesehen (1x), unbekannt/vermutlich Internet (2x). Auf Deutsch waren 5, auf Englisch 15 Bücher; vorrätig in Buchhandlungen dürften vielleicht 3 sein. (Enttäuschend waren 2 davon, das nur am Rand.)
Zweitens dürfte ich bei meinem esoterischen Büchergeschmack nur in Spezialbuchhandlungen die Beratung kriegen, die ich brauche, und davon kenne ich keine in München. Reinspazieren und fragen, was ich lesen könnte? Was für Schüler geeignet ist? Wie viel besser die eine Übersetzung von “Little Brother” ist als die andere?

Eine Lieblingsbuchhandlung meiner Kindheit hatte ihre Bücher nach Verlagen sortiert. Das kam mir sehr entgegen, ich hatte meine Bücher selber lange so sortiert.

Charles Portis, True Grit

portis_true_grit Dafür, dass ich an sich recht viel Genre-Literatur lese, sind ziemlich wenig Western dabei. Ich glaube, True Grit (1968) war erst mein zweiter. Mein erster war Riders of the Purple Sage (1912) von Zane Grey, Autor von zwei Dutzend Bestsellern im frühen 20. Jahrhundert. Riders ist sein bekanntestes Buch und möglicherweise der bekannteste Western überhaupt. Geheimnisvolle maskierte Reiter, ein Held namens Lassiter, eine recht kitschige Räuberpistole. Hat das Genre geprägt, heißt es.

True Grit ist da anders. Ich habe weder die John-Wayne-Verfilmung (1969) gesehen noch die mit Jeff Bridges (2010); ich mag Western nicht besonders. Es geht darin um die 14-jährige Mattie, die den Mord an ihrem Vater rächen will und einen Marshall dafür bezahlt, den Mörder zu verfolgen; sie selbst will dabei sein. Die Handlung ist geradlinig und ohne viel Ecken und Wendungen, aber das Buch lebt auch nicht von der Handlung, sondern von der Ich-Erzählerin Mattie. Ich habe es nicht deshalb gelesen, weil ich wissen wollte, was als Nächstes passiert, sondern weil ich lesen wollte, was Mattie von der Welt denkt. Die Geschichte spielt Mitte der 1870er Jahre; erzählt wird sie Anfang des 20. Jahrhunderts von der vierzigjährigen Mattie; verändert hat sie sich in den fünfundzwanzig Jahren dazwischen nur wenig. Mattie ist nüchtern, unsentimental, voller Bibelzitate und Sonntagsschullehrsprüche, schnell mit Einschätzungen und Wertungen bei der Hand, furchtlos, gottesfürchtig und unvergebend. Macht die Buchhaltung auf der Farm ihres Vaters, interessiert sich nicht für Schusswaffen (außer wenn es darum geht, den Mörder ihres Vaters zu töten), hat für Alkohol, Tabak und Revolverhelden nur fromme Sprüche übrig.

Möglicherweise ist der Anfang des Buches berühmt, ich sehe ihn jedenfalls oft zitiert, wenn es um das Buch geht. Er ist aber auch gut, deshalb schließe ich mich der Tradition an:

People do not give it credence that a fourteen-year-old girl could leave home and go off in the wintertime to avenge her father’s blood but it did not seem so strange then, although I will say it did not happen every day. I was just fourteen years of age when a coward going by the name Tom Chaney shot my father down in Fort Smith, Arkansas, and robbed him of his life and his horse and $150 in cash money plus two California gold pieces that he carried in his trouser band.

Diese Geschichte muss man sich doch einfach erzählen lassen.

Wohl auch als Schullektüre geeignet, obwohl ich nie weiß, wie Schüler Bücher aufnehmen, die hauptsächlich vom Erzähler leben.