Cheerleader Noir

abbott_dare_meDare Me von Megan Abbott spielt an einer amerikanischen High School unter den Cheerleadern dort. Eine neue Trainerin stellt ehrgeizige Ansprüche an das Team, sie wird von den meisten verehrt, bei anderen führt das zu Eifersucht; Gerangel um begehrte Positionen im Team gibt es ohnehin. Und Gezicke.

Das Buch ist ein Krimi. Kein Krimi der englischen Landhausschule – Mord als Puzzle in Landhaus, Flugzeug, Orientexpress, auf dem Nildampfer oder einer winzigen Insel -, sondern ein Krimi amerikanischer Tradition. Mean streets, Verbrechen und Korruption und Verfall überall, niemandem kann man trauen. Diese Art Krimi entstand aus der Pulp-Literatur, Carrol John Daly war 1922 wohl der erste hard-boiled Autor; der bekannteste der frühen Generation ist Dashiell Hammett: Bei ihm gibt es den moralisch ambivalenten, aber letztlich doch ehrenhaften Privatdetektiv, der sich in dieser schmutzigen Welt bewegt und in ihr besteht (auch wenn er nicht das Mädchen kriegt). Eine halbe Generation später schafft Raymond Chandler die klassische, geradezu ritterliche Version davon. („But down these mean streets a man must go who is not himself mean, who is neither tarnished nor afraid.“) Und bei Cornell Woolrich und James M. Cain gibt es gar keinen Lichtblick mehr, nur Abgründe und mehr oder weniger normale Menschen, die daran scheitern. Danach landen wir bei Mickey Spillane und den 1950er Jahren, worüber wir nicht reden wollen.

„Noir“ heißt diese klassische Richtung, nach dem film noir, der viele dieser Romane als Grundlage hat. Typischerweise gehören dazu Schlapphüte und Neonlicht, Dunkelheit und Regen, verführerische Frauen, Verrat und Kooperation, Großstadt. Häufig eine mehr oder weniger gescheiterte, positive Detektivgestalt, aber oft genug nicht einmal das (James M. Cain: The Postman Always Rings Twice; Double Indemnity). Aber noir war im amerikanischen Raum schon früh produktiv und ist es noch immer, einer der besten klassischen Filme, „Out of the Past“, spielt draußen auf dem Land bei hellem Tageslicht. „Blade Runner“ und „Radioactive Dreams“ machen Science Fiction daraus, „Who Censored Roger Rabbit?“ spielt im Cartoonfigurenmilieu, die Abenteuer von Bug Maldoon spielen unter den Insekten im Vorgarten. (Ein Sonderfall ist „Bugsy Malone“, eher Gangsterfilm als noir, alle Rollen gespielt von Kindern und Jugendlichen mit Durchschnittsalter zwölf. Trailer.) Und dann ist da „Brick“ (Wikipedia) aus dem Jahr 2005, spielt an einer High School unter Teenagern und jungen Erwachsenen und ist noir bis ins Mark.

Dare Me ist cheerleader noir, eher wie bei James M. Cain, also ohne Lichtgestalt. Kein Neonlicht, kein Regen, keine Hüte; aber eine bedrohliche Atmosphäre, Fragen von Leidenschaft, Vertrauen und Verrat. Die erste Hälfte des Buches ist ungemein dicht. Man ahnt, dass eine Katastrophe geschehen wird, weiß aber nicht genau, aus welcher Richtung sie kommen wird. Die Cheerleader sind ein Gemisch von Naivität, Unschuld, Erfahrung, Berechnung und Kaltschnäuzigkeit, bei dem man sich als älterer Herr etwas voyeuristisch vorkommt, als würde man Tagebücher lesen. Jungs, Männer, Lehrer, Drogen, Diäten, Brechmittel. Trotzdem: Hundertfünfzig Seiten bedrohliche Atmosphäre, ohne dass wirklich etwas passiert, das ist etwas zu viel. — In der zweiten Hälfte ist die Katastrophe dann geschehen, wer und warum und was genau, das stellt sich dann erst heraus. Das Finale war mir etwas zu, hm, ja, undramatisch.

Die Hauptfigur Addy, zwischen ihrer besten Freundin Beth (manipulatives Alphamädchen), und der Trainerin (genauso manipulativ) hin- und hergerissen. Es fehlt nicht an Western-Metaphorik, aber viele Sätze könnten in jedem hard-boilded Krimi stehen oder aus dem Off eines Films kommen:

Her tears come and I fight off the urge to slap those swollen jowls of her. I fight it off because she’s about to give me gold, and she doesn’t even know it. She thinks her gossip, her petty grievances are significant, but they are tiny pinholes. The things around them, though, the fabric of Beth’s lies and fictions, they are the gold. (S. 277)

Was mir noch aufgefallen ist:

Die Autorin lässt Beth Nietzsche zitieren („When you gaze into the Abyss […], the Abyss gazes into you“, S. 210), Shakespeare („We happy few, we band of bitches“ S. 218, auch 292) und Goethe („We are never deceived; we deceive ourselves“, S. 247), jeweils unmarkiert. Soll das heißen, dass Beth die Sätze als Zitat spricht, dass sie also irgendwo Nietzsche aufgeschnappt hat? Kann ich mir nicht vorstellen. Drei der vier Stellen sind außerdem Beth von der Ich-Erzählerin Addy zugeschriebene Zitate. Kennt Addy Nietzsche? Oder sind das – wahrscheinlicher – keine Zitate der Personen, sondern einfach hyperdramatische Sätze, die einfach gut zum aufgeputschten Drama passen, vor allem natürlich für die, die sie erkennen? Schließlich benutzt das Buch ja auch Noir-Motive, um die Cheerleaderhandlung mit Drama aufzuladen.

(Dass ich die Zitate als Zitate erkennt habe, liegt übrigens an meiner Wissenskompetenz. Wenn ich Henry V nicht kennen würde, wäre mir das vielleicht nicht aufgefallen. Da hätte mir jede andere Kompetenzkompetenz nicht viel geholfen, weil ich ja nicht auf gut Glück bei jedem Satz bei Google überprüfen kann, ob das vielleicht ein Zitat von anderswoher ist. Andererseits: Gibt es einen Mehrwert, wenn ich eine Stelle als Zitat erkenne, oder reicht, wenn ich die Sprache als episch aufgeladen erkenne?)

Ein echter Fehler ist aber auf S. 281 „pixilated“ statt „pixelated“. Nur Letzteres hat mit Pixeln zu tun, ersteres kenne ich aus „Mr Deeds Goes to Town“ von Frank Capra (screwball comedy, 1936), wo Gary Cooper in einer dramatischen Zeugenaussage vor Gericht so beschrieben wird: etwas verrückt nämlich, von den pixies, Kobolden, verwirrt. Gern geschehen, man ist ja Lehrer.

Weiterführendes Material:

  • Ein alter Blogeintrag zu Noir-Filmen.
  • Ein halber Blogeintrag zu Dashiell Hammett.
  • Ein Hinweis auf das amerikanische Taschenbuch-Genre der jugendlichen Gang-Mitglieder der 1950er Jahre, gerne auch Mädchengangs; die Google-Bildersuche zu Buchumschlägen verrät einem alles.
  • Und natürlich darf wohl keine Besprechung des Romans ohne einen Hinweis auf „Bring It On“ auskommen, ein Film aus dem Jahr 2000 (Regie: Peyton Reed, von dem wir auch „Down With Love“ kennen und bald den Marvel-Ant-Man, nachdem Edgar Wright nicht mehr wollte). Eine Sportkomödie unter Cheerleadern: Das Team von Kirsten Dunst fliegt fast aus der Meisterschafts-Vorrunde, weil sie unwissentlich mit einer geklauten Choreographie gearbeitet haben, also müssen neue Nummern her. Das alles solide und humorvoll gemacht. (Die zahllosen DVD-Fortsetzungen des Films sind wohl uninteressant.)
    Reinschnuppern bei Youtube:
    Der neue Choreograph
    End Credits

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3 Thoughts to “Cheerleader Noir

  1. Sehr faszinierender Artikel, vielen Dank! Hat gerade bei mir zu einem Streifzug durch Wikipedia und mehreren Vormerkungen auf Goodreads und IMDb geführt.

    Das mit den unmarkierten Zitaten hat mich an Axolotl Roadkill erinnert. Intuitiv ist es etwas anderes, wenn man Formulierungen weltberühmter Klassiker wiederverwendet als die unberühmter Blogger. Und auch die Masse der Wiederverwendungen trug bei Helene Hegemann wohl zu viel Empörung bei. Aber wo genau verläuft die Grenze? Zitate nicht zu markieren kann ja, wie im Artikel schon anklingt, als künstlerisches Mittel durchaus notwendig sein, um der Leserin den möglichen Mehrwert des Selbsterkennens zu verschaffen. Weiteres vier Jahre altes Rambling von mir dazu unter https://texttheater.net/geistiger-diebstahl (Abschnitt Fremde Federn).

  2. Ich habe mal einen Roman gelesen, in dem die meisten Nebenfiguren Namen von Hollywood-Schauspielern hatten. Bizarr, aber auch ein Mittel zur Weltenbildung. Genauso könnte man die passendsten Zitate der Weltliteratur seinen Romanfiguren zuschreiben. Oder Filmzitate, aber natürlich in einer Welt, in der diese Stellen nicht als Zitate erkannt werden. Wie wirkt das, wenn eine Romanfigur: „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ sagt, und keiner zu lachen beginnt? Wäre mal interessant zu lesen.

    Viele der Dialogstellen aus Der Name der Rose sind ja mehr oder weniger originalmittelalterlich, ohne so gekennzeichnet zu sein. Legitim. Axolotl Roadkill selig habe ich damals nicht gelesen; die Grenze ist sicher fließend, aber was ich so mitgekriegt habe, ordne ich Hegemann klar auf der uninteressanten Seite der Grenze ein. (Und „geistiger Diebstahl“ ist Quatsch, klar.)

  3. „We few, we happy few, we band of brothers“ wird auch irgendwie ständig zitiert und abgewandelt, zum Beispiel auch bei Buffy.
    Solche Zitate sind auch immer ein schönes Beispiel für Rezeptionsästhetik. „High Fidelity“ oder „Der Turm“ bekommen hier zum Beispiel eine ganz andere Qualität, wenn man die meistens ebenfalls unmarkierten Zitate einordnen kann.

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