Projekttage allgemein, und Schule als Staat

By | 29.8.2017

Wer Projekttage sagt, der spricht ein großes Wort gelassen aus – John Dewey, Georg Kerschensteiner, Reformpädagogik, alternative Unterrichstformen. Der Umgang mit dem ursprünglichen großen Projektgedanken ist gelassen geworden, gemeint ist in der Praxis, und das schon seit meiner eigenen Schulzeit: Wie kriegen wir die letzten Schultage herum?

Mit dieser Ausgangssituation kann ich mir keine Schuljahresendbeschäftigung vorstellen, die dem Projektgedanken genüge tut. Wenn die Ausgangssituation die wäre, dass man als Schule ein Projekt machen möchte – dann sollte man das zu einem Zeitpunkt im Schuljahr tun, zu dem genug Zeit zur Vor- und Nachbereitung ist, zur Einbindung in den Unterricht, und wo alle noch bei Kräften sind. Wenn das dann mal geklappt hat, im März etwa, dann kann man ja schauen, ob das auch unter den ungünstigeren Juli-Bedingungen geht. (Wie man die letzten Tage am besten herumkriegt, darauf habe ich jetzt auch keine Antwort. Darum geht es mir hier auch nicht.)

Ein solches Projekt heißt „Schule als Staat“ und hat eine eigene (kleine) Seite bei Wikipedia. Das projekt läuft über mehrere Tage; die Schüler und Schülerinnen bauen dabei eine Art Infrastruktur und Verwaltung auf. Viel habe ich online nicht gefunden, die informativste Seite dazu nennt:

  • eine demokratische Verfassung
  • frei gegründete politische Parteien
  • ein direkt gewähltes Parlament mit Staatspräsident und Minister
  • Beamte und staatliche Institutionen (Zoll, Zentralbank, Wirtschaftskontrolldienst, Müllabfuhr)
  • eine Zentralbank mit einer eigenen Währung
  • viele Betriebe, die eigenständig wirtschaften (Bars, Restaurants, Werbefirmen, usw.)
  • Kulturbetriebe (Kunst, Theater, Sport, … )
  • Gesangswettbewerbe
  • Polizei, Richter und ein Standesamt
  • Presse (Zeitung, TV und Radio)

Bei uns kommt es aus Zeitgründen immer nur zu einer sehr kleinen Form dieses Projekts. Das ist sicher keine schlechtere Idee für die letzten Tage als ohne Staat Kuchen zu verkaufen, aber vom ursprünglichen Gedanken bleibt aus Zeitgründen nur wenig: Der Staat ist vorgegeben; die Verfassung und Gesetze ändern kann man nicht. (Eine Judikative und Exekutive gibt es. Nur eben keine Volksvertreter.) Die Aufgabe des Staats wird reduziert darauf, ein ungestörtes Wirtschaftsleben zu ermöglichen; dementsprechend heißen die Teilprojekte auch „Unternehmen“. Eine Art poll tax gibt es, aber keine Grund-, Mehrwehrts-, Einkommens-, Vermögenssteuer.

Jeder Schüler und jede Schülerin erhält das gleiche Startkapital, was suggeriert, dass das in unserem realen Staat ebenso ist. Ressourcen von außen (von den Eltern gekaufte Elektrogeräte, zu Hause gebackene Kuchen) werden in den Wirtschaftskreislauf in der Schule gebracht, so unerschöpflich wie Bodenschätze und fossile Brennstoffe lange gesehen wurden. Arbeitslosigkeit ist kein Problem, weil man die paar Tage ja ohne Lohn auskommen kann, der ohnehin nicht nennenswert hoch ist.

Mehr geht in zwei Tagen auch nicht, und nicht in der letzten Schulwoche. Schöner wäre halt, wenn man ein richtiges Planspiel daraus machen könnte, oder nur ein Spiel. Dazu gehörten unterschiedliche Ausgangspositionen, vielleicht zwei konkurrierende Gesellschaftsentwürfe. Ein bisschen wie bei Junta, was der Kollege mal in einer Vielspielerversion einzurichten versucht hat – da zieht el presidente die Entwicklungshilfe ein und verteilt die nach Gutdünken. Also mehr LARP als Schule-als-Staat, oder ein Ressourcen-Management-Spiel. (Siehe auch: Nicht-rundenbasierte Spiele.) Dann würden die Teilnehmerinnen sich mehr Gedanken darüber machen, wie Systeme funktionieren, welche Rolle unterschiedliche Ausgangspositionen haben.

So ein Planspiel könnte man parallel zum Unterricht laufen lassen, und erst einmal mit einer kleineren Gruppe, und natürlich mitten im Schuljahr.

Ich war als junger Mann mal eine Weile Mitglied in einem Briefspiel-Verein. Spiele per Post, das war mal eine große Sache, vor dem Internet. Diplomacy etwa ist ein Briettspiel, das in Europa in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg spielt, für das man sieben Spieler braucht und viel Zeit – die Spieler verbringen eine Viertelstunde mit Verhandlungen, auch privat geführten, am besten in der ganzen Wohnung verteilt, und schreiben danach ihre Züge auf einen Zettel (die vielleicht dem entsprechen mögen, was sie versprochen haben). Die Züge werden ausgeführt, und dann kommt die nächste Verhandlungsrunde. – So bietet sich Diplomacy besonders als Briefspiel an; alle zwei Wochen eine Zugabgabe, dazwischen stilvolle diplomatische Verhandlungen per Post.

In diesem Briefspiel-Verein liefen parallel viele Spiele, und die laufenden Ergebnisse wurden im regelmäßig erscheinenen Magazin veröffentlicht. Unter anderem gab es auch ein Meta-Spiel, eine Art Aktienhandel: Man handelte mit Aktien der Spieler in den anderen Spielen, also etwa der Diplomacy-Runde – schien da ein Spieler gut zu spielen, gingen dessen Aktienkurse hoch. Pädagogisch unmöglich, aber spieltechnisch reizvoll, wären Aktien auf Schulklassen. Am Anfang des Jahres gibt es für die Klassen 9a, 9b, 9c, 9d Aktien, und die Gewinnausschüttung hängt von den Halbjahresnoten oder der Menge an erteilten Ordnungsmaßnahmen ab. Geht natürlich nicht, ist aber gar nicht so weit entfernt von dem Punktesystem bei Hogwarts.

(So, ich mach jetzt erst mal weiter Urlaub.)

One thought on “Projekttage allgemein, und Schule als Staat

  1. Hauptschulblues

    Wie recht Sie haben. Projekttage sind viel zu schade, um sie an das Schuljahresende zu stopfen.
    Wir haben Projekte immer bis allerspätestens Pfingsten geplant – da fingen dann die Prüfungen an, oder sie gingen gleich über ein ganzes Schuljahr. Die Nachbereitung, die Präsentation ist enorm wichtig.
    Schönen Urlaub weiterhin Ihnen und Ihrer Frau – bald geht es ja los für Schulleitungen und deren Mitarbeiter.

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