Informierendes Schreiben: Die Walhalla

Es gibt seit zehn Jahren im Abitur “informierendes Schreiben”, meist in Form einer Eröffnungsrede oder eines Vorworts zu einem Ausstellungskatalog, mit Themen wie: “Das Unheimliche in der Literatur” oder Faust. Dazu gibt es dann jeweils vier oder fünf Seiten Material, aus denen man sich einfach die interessanten Sachen heraussucht.

Es ist keine sehr beliebte Aufsatzsorte im Abitur und taucht dort auch nur alle paar Jahre auf – aber diesmal eben schon, so dass ich meinen Kurs darauf vorbereite. Das haben wir schon im letzten Schuljahr gemacht, aber zu einem Übungsaufsatz war es nicht gekommen, und ich wollte nicht gleich wieder mit Literaturgeschichte anfangen. Die habe ich letztes Jahr ganz lehrplankonform und wie immer mit dem Naturalismus abgeschlossen.

Die Aufgabe also, nicht genau in diesem Wortlaut:

  1. Recherchiere (im Computerraum, oder mit einem Tablet-Klassensatz), was die Walhalla ist, wie man reinkommt, und merke dir fünf Leute, die schon drin sind. Tipp: Wikipedia.
  2. Wähle einen Kandidaten oder eine Kandidatin für die Walhalla und sammle Informationen über ihn oder sie.
  3. Schreibe einen Aufsatz, in dem du entweder a) die Kandidat*in vorstellst und ihre Aufnahmeberechtigung begründest, oder b) eine Festrede zur erfolgten Aufnahme in die Walhalla schreibst.

Beispiele für Walhalla-Aufnahmereden habe ich so gut wie keine online gefunden, nur immer wieder Zitate daraus in verschiedenen Zeitungsbeiträgen. Eine Ausnahme ist die Festrede zur Aufnahme von Carl Gauß 2007, etwas mehr als doppelt so lang wie der entsprechende Abituraufsatz. Die kriegte der Kurs als Beispiel.

Hauptsächlich wird in dieser Textsorte informiert; das Material ist halt nicht gegeben, sondern muss selber recherchiert werden. Man muss aber auch argumentieren, denn die Entscheidung oder zumindest einzelne Aspekte bedürfen der Klärung. So etwa bei Sophie Scholl:

So meint Scholls Schwester Elisabeth Hartnagel, dass “Sophie die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde” angesichts der Ehrung, zumal sie in der Tat nie “anders als die anderen” innerhalb der Widerstandsgruppe hatte behandelt werden wollen.

Jörg Schallenberg in der taz
Figurator, Büste Sophie Scholl, CC BY-SA 4.0

Denn: Wieso dann doch Sophie Scholl (2003)? Und auch zu Heinrich Heine (2010) kann man geteilter Meinung sein:

Es ist doch eine absolute Respektlosigkeit gegenüber einem toten Dichter, der sich nicht mehr wehren kann, wenn man ihn genau dahin bringt, wo er nie sein wollte. Das kann man ja aus seinem Werk ganz deutlich entnehmen. Die Walhalla verkörperte all‘ das, gegen was er sein ganzes Leben lang gekämpft hat. Mit allem, was ihm an Witz und Satire und Ironie zur Verfügung stand.

Bernd Kortländer, zitiert im Deutschlandfunk

Könnte so etwas im Abitur drankommen? Kann ich mir nicht vorstellen. Auf vier, fünf Seiten genug Informationen für einen sinnvollen informierenden Text? Das geht vielleicht; geht bei anderen Themen ja auch. Aber die politische Entscheidung dahinter… Bertolt Brecht? Franz Josef Strauß? Ohne schlechte Presse geht das so oder so nicht ab.

Ich habe mir schon mal die Namen der Kandidaten und Kandidatinnen geben lassen; an den Aufsätzen wird noch gearbeitet. Etliche Personen sind mehrfach nominiert, allein Willy Brandt dreimal.

  • Emil von Behring
  • Carl Benz
  • Dietrich Bonhoeffer
  • Willy Brandt
  • Ludwig Erhard
  • Sigmund Freud
  • Richard Hamming
  • Fanny Hensel
  • Heinrich Hertz
  • Franz Anton Hoffmeister
  • Alexander von Humboldt
  • Erich Kästner
  • Robert Koch
  • Max Planck
  • Arnold Schönberg
  • Clara Schumann
Michael J. Zirbes (Mijozi), Walhalla Halle3, CC BY 3.0

Im Kunstunterricht könnte man die passende Büste dazu entwerfen lassen. (Aber wahrscheinlich ist meine Vorstellung von Kunstunterricht etwas überholt.)

Nächste Schritte vielleicht: Shortlist, Diskussion, Entscheidung, Schokoladenverteilung.

Schuljahresanfang 2021/2022, und neue Mebiskurse

Ich mag diese ersten Tage im Schuljahr. Es ist alles voller Hektik, ein Dutzend Dinge gibt es zu erledigen, am besten gleichzeitig: Zettel austeilen, Zettel einsammeln, Hausordnung erklären, eigenen Stundenplan lesen, Stundenplan der Klasse austeilen, Änderung des eigenen Stundenplans im Empfang nehmen, Änderung des Klassenstundenplans (meist nur eine Raumänderung) mitteilen. Passwörter vergeben, Mebisseiten einrichten, Sonderfälle notieren. Zu kleinen improvisierten Pop-up-Sitzungen gehen, Sachen alphabetisch sortieren, im Sekretariat abgeben, Raum inspizieren, Wandertag planen, Herausfinden, wer überhaupt Klassleitung-Stellvertretung ist, Klassensprecher:in wählen, Sprechstunde eintragen, Bücher abzeichnen – und dieser Kollege will etwas und jene Kollegin hat etwas.

Das macht Spaß, da muss man den Überblick behalten, alle wollen sie Termine machen und loswerden – voller Hektik eben und Trubel. Und dabei ist das alles so harmlos, nur eine Simulation von echter Arbeit. Die kommt dann ja später, Unterricht machen, Prüfungen erstellen und korrigieren. Die Schuljahresanfangshektik könnte ich freudestrahlend das ganze Jahr über machen und mir mächtig wichtig dabei vorkommen, aber das ist ja alles nur Simulation von Arbeit.

Zwischenbemerkung: Technisch beginnt das Schuljahr immer so um den 1. August herum und nicht erst Mitte September. Ich weiß.

Mebis hat ein Update gekriegt in den Sommerferien: Ein neues Theme löst ein altes Theme ab, auch wenn es in den Sommerferien noch wackelig lief. Ich weiß nicht, ob das jetzt stabiler ist, aber so sieht der Kurs aus, in dem ich alle meine üblichen Lektüren versammle:

Auch sonst hat das Update zu etwas unschönen Schwierigkeiten geführt, was das Design betrifft. Natürlich gibt es Workarounds, aber ich nehme davon abstand, mit CSS und anderen Mitteln die Lücken zu füllen, weil anderen Kollegen und Kolleginnen das nicht so zur Verfügung steht. Mebis muss mit Bordmitteln klappen.

An meiner Schule gibt es jetzt keine Klassenkurse (Blogeintrag März 2020) mehr, sondern alle Lehrkräfte verwalten ihre eigenen Kurse. Ich habe mir einen Deutsch- und einen Informatik-Kurs eingerichtet, in dem alle meine Deutsch- und Informatikklassen parallel sind, also nicht für jede Klasse einen eigenen Kurs. Ich habe in Informatik zwei 6. und zwei 9. Klassen parallel, und außerdem sollen die Schüler*innen der einzelnen Klassenstufen bei Neugier auch sehen können, was die anderen machen. Der Großteil des Kurses ist für alle sichtbar, aber jede Klasse hat auch einen eigenen Bereich, den nur diese Klasse sieht; dort steht eine Art Klassentagebuch, das eigentliche Material ist für alle sichtbar den Lehrplan-Punkten zugeordnet.

So sieht die Kachel-Grafik meines Deutschkurses aus – man sieht meist nur den mittleren Teil davon, je nach Bildschirmauflösung:

Und ein Siebtklässler fragte bereits in der ersten Stunde, ob das das Kloster aus Der Name der Rose sei (ist es), und was Caspar David Friedrich mit Deutsch zu tun habe. Einer anderen Schülerin fiel auf, dass in der Grafik immer mal wieder so ein irritierender Punkt auftaucht – es ist ein Käferlein, die Grafik nämlich eine animierte gif-Datei. Warum? Einfach so, weil ich’s kann, und weil mich das Mebisbasteln an die Web-Frühzeit im letzten Jahrtausend erinnert – jetzt werden Lehrer und Lehrerinnen zu Homepage-Bastlern, mit Besucherzähler und Gästebuch und eben animierten Grafiken. Was die Farben betrifft, sehe ich mitunter in anderen Kursen schon ähnliche Blütenpracht wie zu Zeiten des Web 1.0.

Informatik sieht so aus, da sieht man mich auftauchen, etwas leichter zu erkennen:

Die Klasse hält es jetzt für möglich, dass ich in allen Grafiken auf Mebis mein Gesicht auftauchen lassen kann, auch in anderen Kursen, weil ich doch einer der beiden Mebis-Beauftragten an der Schule bin, und wer weiß.

Die 5. Klassen kriegen diese Woche eine Einführung in Mebis, dazwischen Wandertag, nächste Woche dann vielleicht ganz reguläre Arbeit.

So, aufgeräumt

Das ist jetzt einerseits viel ordentlicher. Allerdings: Unter das Bett passt jetzt nichts mehr davon.

Ein bunter PDF-Strauß zum Schuljahresanfang

Die Sommerferien sind fast zu Ende, die ersten Nachrichten der Schulleitung – “Bitte auf die Homepage” – und die weitergeleiteten Nachrichten von allen, die meinen, mir Nachrichten schicken zu wollen, trudeln ein. Die Ausbeute:

Lehrplan 11. Klasse, Englisch

Wie erwartet eher allgemein-vage; die 11. scheint mir eine Art Park- und Wiederholungsjahr. Immerhin

verfügen [die Schülerinnen und Schüler] über zunehmend fundierte Kenntnisse zu grundlegenden geographischen, historischen, politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und umweltrelevanten Gegebenheiten sowie zu aktuellen Entwicklungen im UK, in den USA sowie in weiteren englischsprachigen Ländern.

Aber konkret heißt das natürlich gar nichts, und dass der Englischunterricht aus irgendsoetwas besteht, ist eh klar. Es wird aber noch präzisiert:

- Kolonialisierung und koloniales Erbe (First Empire, Second Empire, Commonwealth; Umgang mit indigenous populations); postkoloniale Entwicklungen in verschiedenen Ländern der englischsprachigen Welt, v.a. Kanada, Indien, Südafrika, ggf. ein weiteres afrikanisches Land; Massenproteste des Jahres 2020 (Black Lives Matter)
- vielfältige Aspekte einer Weltstadt am Beispiel von London oder New York, z. B. Wirtschaft, Kultur, Stadtentwicklung, Verkehr, Sicherheit, soziale Gegensätze
- Industrialisierung, Globalisierung und Digitalisierung: Auswirkungen auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt illustriert an Beispielen aus dem UK und den USA, z. B. Midlands und Kalifornien

Irland, das verbleibende EU-Land mit Muttersprache Englisch, taucht nirgendwo auf, auch wenn es bei allen Aspekten erscheinen könnte. Vielleicht in 12 oder 13, wo ohnehin manche dieser Punkte wiederholt werden werden (meine Prognose). Oder geht es dann nur um Europa und USA?

Außerdem gibt es jetzt eine “thematische Sequenz ‘Visionen der Zukunft aus Vergangenheit und Gegenwart’ ”. Inhaltlich nichts dagegen, aber ich finde es eine traurige Entwicklung, dass jetzt schon Mottos und Slogans im Lehrplan erscheinen, die früher Pressekonferenzen oder Wahlplakaten vorbehalten waren.

Lehrplan Deutsch, 11. Klasse

Das 17. und 18. Jahrhundert. Dass das Barock, wenn es nicht ganz weggelassen wird, aus der 8. in eine höhere Jahrgangsstufe wandert: unbedingt. Dass Aufklärung und Sturm und Drang dadurch verkürzt werden, ist allerdings schade. Nun, wenigstens keine “thematische Sequenz ‘Visionen der Vernunft aus Aberglauben und Furchtlosigkeit’ ”. Sonst müsste man wohl auch über die Kreuze im Klassenzimmer reden.

Rezipiert werden nur noch “eine Ganzschrift aus der Zeit der Aufklärung bzw. des Sturm und Drang und […] eine Graphic Novel oder [ein] Film.” Seit mindestens vierzig Jahren also zum ersten Mal nicht mal mehr zwei Bücher pro Jahr. Auch diese Entwicklung gefällt mir nicht. Graphic Novels konnte man bisher auch machen, habe ich jedenfalls schon erlebt; ich halte das Genre nicht für wichtig genug, es statt einem Buch in den Lehrplan zu schreiben. Außer Manga spielen Comics doch kaum eine Rolle im Leben junger Menschen? Und ist das Format so wichtig, dass man es denen, die es nicht kennen, näher bringen muss? Filme spielen eine größere Rolle, aber auch das kann man zusätzlich zur Lektüre machen, und sie werden sehr oberflächlich analysiert werden – da hielte ich die Beschäftigung mit Computerspielen noch für sinnvoller. In den 80ern gab es Schlager im Deutschunterricht, in den 90ern Trivialliteratur (Jerry Cotton im Schulbuch und so), jetzt halt das. Nun, man kann ja auch mehr lesen als im Lehrplan steht.

Visavid und Mebis

Visavid (die zentrale bayerische Schul-Videokonferenzlösung) kriegt neue Features; die Anmeldung soll an Mebiskonten angebunden werden. Alles schon angekündigt, alles erwartet, und wenn es funktioniert, wird das auch gut sein.

Kontaktbriefe

Vom ISB, dem pädagogischen Zweig des Kultusministeriums, gibt es jedes Jahr für jedes Fach einen Kontaktbrief mit aktuellen Informationen. Da sind übrigens auch viele Empfehlungen und Wünsche drin, mal mehr, mal weniger drängend formuliert – aber nichts, an das man sich halten muss, denke ich; das steht dann in anderen Schreiben. Die Kontaktbriefe werden jedes Jahr länger. Ich stelle mir das so vor, dass alle möglichen Anliegenhaber und ‑haberinnen, die gerne gelesen werden wollen, an die Kontaktbriefabteilung schreiben, dass doch bitte dieser eine Punkt doch auch noch da aufgenommen werden könnte.

In Deutsch gibt es dieses Jahr demnach das gleiche wie jedes Jahr. (Neu nur: “Informationskompetenz schulen mit SPUTNIK.”) Wie jedes Jahr auch die Tirade: Warum es gut ist, dass die Aufgaben I bis III keinen Kontext für das Schreiben haben, kein Zielpublikum, weil nämlich epistemisch-heuristisch, und das ist auch gut so, während die Aufgaben IV und V natürlich einen Kontext und eine Situierung haben, wo kämen wir sonst auch hin. Anscheinend wollen das immer noch nicht alle einsehen.

Die Unterscheidung liegt auch daran, dass Sachtexte seit jeher analysiert werden und literarische Texte interpretiert. Früher gab es im Lehrplan explizite Aufsatzformen, die demnach Analyse oder Interpretation hießen. Diese Aufsatzformen gibt es zwar schon seit vielen Jahren nicht mehr, aber sie sind noch in den Köpfen der Lehrkräfte:

Dies [=“Synergieeffekte”, ehrlich, ich denke mir das nicht aus] ist aber nur möglich, wenn wir als Deutschlehrkräfte nicht mehr in „Aufsatzformaten“ denken, sondern von den erforderlichen Teilkompetenzen ausgehen, die je nach Zieltext eingesetzt werden müssen.

Gefällt mir. Damit man das mit den weiterhin exakt vorgegebenen Abitur-Aufsatzformaten unter einen Hut kriegt, sagen wir da jetzt “Schreibformen” statt Aufsatzformate.

Ein weiterer Unterschied zwischen Sach- und literarischem Text ist der, dass der Lehrplan beim Sachtext “Verstehensentwürfe” verlangt und beim literarischen “Deutungshypothesen”. Mit diesem Konzept habe ich Schwierigkeiten, befinde mich damit aber in der Minderheit. Einig sind wir uns wohl: ein literarischer Text hat nicht eine (richtige) Bedeutung, sondern Bedeutung ist etwas, was im Kopf der Rezipierenden entsteht. Daher das behutsame “Hypothese”. Allerdings ist für mich eine Hypothese etwas, das man a) aufstellt und dann b) auf Wahrheit überprüft. Wenn man eine Hypothese sauber widerlegt, ist das auch ein Gewinn.

Geht es bei der Interpretation jetzt darum, eine Hypothese aufzustellen, irgendeine oder eine naheliegende, und die zu überprüfen? “Dieses Gedicht warnt vor dem Nationalsozialismus”, und dann schauen wir mal, ob das stimmt? Das kann eigentlich nicht sein; ich habe jedenfalls noch nie erlebt, dass eine Hypothese in einer Schul-Interpetation widerlegt wird – und der Nationalsozialismus-Deutungsthese begegnet man leider oft.

Also geht es vielleicht eher um den Prozess, wie man überhaupt auf die Idee kommt, diese Hypothese aufzustellen? Auch in der Naturwissenschaft stellt man eine Hypothese ja nicht aus dem Blauen heraus auf. Wenn es aber um das Aufstellen der Hypothese geht, heißt das dann, dass diese nie überprüft wird? Da spielt sicher der Gedanke der Vorläufigkeit jeglicher Interpretation hinein. Dann halte ich aber das Wort “Deutungshypothesen” für falsch. Vermutlich geht es einfach um “Deutung” und man will den Eindruck vermeiden, es gebe nur eine davon. – Im Erwartungshorizont zum Abitur taucht das Wort “Deutungshypothese” dann auch gar nicht auf. Da ist von “Deutung” die Rede. Nun ja.

Gottfried Keller, Sieben Legenden

Gottfried Kellers Romane Der grüne Heinrich und Martin Salander habe ich nie gelesen, sie klingen mir immer noch zu ernst; aber seine Novellenzyklen Die Leute von Seldwyla, Züricher Novellen und Das Sinngedicht schon – und jetzt eben auch die Sieben Legenden.

Man überschätzt gerne dicke Bücher, weil man stolz darauf ist, sie gelesen zu haben (E.M. Forster), und vielleicht gilt das auch für alte Bücher. Warum auch immer, das neunzehnte Jahrhundert bereitet mir tatsächlich Vergnügen. (Bei Fontane bin ich noch skeptisch.) Aber dieses kleine Büchlein ist wirklich schön, auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, das Heranwachsenden etwa in der Schule zu vermitteln. Aber versprochen: das war es jetzt erst mal mit altem Zeug, und irgendwann ist dann ja auch wieder Schule.

Es handelt sich bei den Geschichten darin um thematisch und motivisch miteinander verknüpfte Legenden. Augenscheinlich jedenfalls: Legenden sind typischerweise Heiligengeschichten, mit historischem oder für historisch gehaltenem Kern; sie erzählen von einem Martyrium oder wundersamen Begebenheiten. Und wenn es hier auch um Heilige und Wundertaten geht, so sind diese Legenden oft… subversiv diesseitig? (Das liegt wohl auch an Kellers Beschäftigung mit Ludwig Feuerbach. Der war zwar mein Schwerpunkt im Kolloquium anno 1987, aber viel ist nicht mehr da, und viel war da sicher auch nie da, so von heute aus betrachtet. Trotzdem, 15 Punkte.)

Zur ersten (“Eugenia”) und letzten Erzählung (“Das Tanzlegendchen”) habe ich nichts zu sagen, deshalb nur hier deren Titel.

Die Jungfrau und der Teufel

Ein Graf braucht Geld, um seine Schulden bezahlen und weiter wohltätige Werke ausüben zu können, und verkauft deshalb seine Frau an, nun ja, den Teufel – eine Kombination von Unmoralischem Angebot & Meet Joe Black, ohne die Frau überhaupt gefragt zu haben. Zur Übergabe an Walpurgis reitet der Graf mit der nichts ahnenden Bertrade los, die aber auf dem Weg in einem Kirchlein die Muttergottes um Beistand bittet und diesen auch erhält:

Da fiel sie in einen tiefen Schlaf; die Jungfrau sprang vom Altar herunter, nahm Gestalt und Kleidung der Schlafenden an, trat aus der Türe frischen Mutes und bestieg das Pferd, worauf sie an der Seite des Grafen und an Bertradens Statt den Weg fortsetzte.

Oookay. Da wurde ich zum ersten Mal misstrauisch. Das Motiv der Erdenwanderung kannte ich vom Herrgott, mit oder ohne Petrus, und von Odin und so weiter, aber nicht von Maria. Gibt es wohl schon, oder zumindest erweiterte Erscheinungen, wie ein Blick in die Enzyklopädie des Märchens zeigt. Aber was folgt, ist dann schon recht unmarienhaftes Verhalten, finde ich. Denn Maria-Bertrade steigt zu dem fremden Ritter, der “ganz manierlich” ist. Und der hat alles für ein schönes Stelldichein vorbereitet, und Maria trägt ihren Teil zu einem schönen Ambiente bei:

Unversehens hielt der Reiter an, sprang vom Pferde und half der Dame mit den Gebärden eines vollkommenen Ritters aus dem Sattel. Kaum berührte ihr Fuß die Heide, so entsproß rings um das Paar ein mannshoher Rosengarten mit einem herrlichen Brunnen und Ruhesitz, über welchem ein Sternenhimmel funkelte, so hell, daß man bei seinem Lichte hätte lesen können. Der Brunnen aber bestand aus einer großen runden Schale, in welcher einige Teufel in der Weise, wie man heutzutage lebende Bilder macht, eine verführerische weiße Marmorgruppe schöner Nymphen bildeten oder darstellten. Sie gossen schimmerndes Wasser aus ihren hohlen Händen, wo sie es hernahmen, wußte nur ihr Herr und Meister; das Wasser machte die lieblichste Musik, denn jeder Strahl gab einen andern Ton, und das Ganze schien gestimmt wie ein Saitenspiel. Es war sozusagen eine Wasserharmonika, deren Akkorde alle Süßigkeiten der ersten Mainacht durchbebten und mit den reizenden Formen der Nymphengruppe ineinanderflossen; denn das lebende Bild stand nicht still, sondern wandelte und drehte sich unvermerkt.

Nicht ohne feine Bewegung führte der seltsame Herr die Frau zu dem Ruhesitz und lud sie ein, Platz zu nehmen; dann aber ergriff er gewaltsam zärtlich ihre Hand und sagte mit einer das Mark erschütternden Stimme: »Ich bin der ewig Einsame, der aus dem Himmel fiel! Nur die Minne eines guten irdischen Weibes in der Mainacht läßt mich das Paradies vergessen und gibt mir Kraft, den ewigen Untergang zu tragen. Sei mit mir zu zweit, und ich will dich unsterblich machen und dir die Macht geben, Gutes zu tun und Böses zu hindern, soviel es dich freut!«

Der einsame melancholische edle Verfluchte; wir kennen ihn aus vielen Geschichten.

Er warf sich leidenschaftlich an die Brust des schönen Weibes, welches seine Arme lächelnd öffnete; aber in demselben Augenblicke nahm die Heilige Jungfrau ihre göttliche Gestalt an und schloß den Betrüger, der nun gefangen war, mit aller Gewalt in ihre leuchtenden Arme. Augenblicklich verschwand der Garten samt Brunnen und Nachtigall, die kunstreichen Dämonen, so das lebende Bild gemacht, entflohen als üble Geister mit ängstlichem Wimmern, ihren Herren im Stich lassend, und dieser rang mit Titanengewalt, sich aus der qualvollen Umarmung loszuwinden, ohne einen Laut zu verlieren.

Die Jungfrau hielt sich aber tapfer und entließ ihn nicht, obgleich sie alle Kraft zusammennehmen mußte; sie hatte nichts Minderes im Sinn, als den überlisteten Teufel vor den Himmel zu tragen und ihn dort in all seinem Elend zum Gelächter der Seligen an einen Türpfosten zu binden.

Allein der Böse änderte seine Kampfweise, hielt sich ein Weilchen still und nahm die Schönheit an, welche er einst als der schönste Engel besessen, so daß es der himmlischen Schönheit Marias naheging. Sie erhöhte sich soviel als möglich; aber wenn sie glänzte wie Venus, der schöne Abendstern, so leuchtete jener wie Luzifer, der helle Morgenstern, so daß auf der dunkeln Heide ein Leuchten begann, als wären die Himmel selbst herniedergestiegen.

Als die Jungfrau merkte, daß sie zuviel unternommen und ihre Kräfte schwanden, begnügte sie sich, den Feind gegen Verzicht auf die Grafenfrau zu entlassen, und alsbald fuhren die himmlische und die höllische Schönheit auseinander mit großer Gewalt. Die Jungfrau begab sich etwas ermüdet nach ihrem Kirchlein zurück; der Böse hingegen, unfähig, länger irgendeine Verwandlung zu tragen, und wie an allen Gliedern zermalmt, schleppte sich in grausig dürftiger Gestalt, wie der leibhafte geschwänzte Gram, im Sande davon.

Letztlich besteht die Kampfweise Marias darin, den ihr Verfallenen möglichst fest an sich zu pressen. Und dann leuchtet sie hell, und er hell, und sie noch heller, bis beide verausgabt sind. Nun ja.

Bertrades Mann stirbt noch in dieser Nacht, und Maria wird sich auf die Suche nach einem Nachfolger für sie machen.

Die Jungfrau als Ritter

Der junge Ritter Zendelwald wird vom Kaiser zu Bertrade geschickt, dessen Kommen zu arrangieren. Zendelwald “besah sich ehrerbietig die herrlichen Säle, Zinnen und Gärten und verliebte sich nebenbei heftig in die Besitzerin.” Aber er ist zurückhaltend, denkt zuviel und steht sich selber im Weg. Der Kaiser kommt und will Bertrade verheiraten, sie schlägt ein Turnier vor, dessen Gewinner ihr Gemahl sein wird. Zendelwald entschließt sich zwar zur Teilnahme, oder eher: seine resolute Mutter treibt ihn dorthin, aber er hat eigentlich keine Chance ohne Hilfe:

Da stieg die Jungfrau Maria wieder von ihrem Altare herunter, nahm seine Gestalt und Waffenrüstung an, bestieg sein Pferd und ritt, geschlossenen Helmes, eine kühne Brunhilde, an Zendelwalds Statt nach der Burg.

Maria als Brünhilde… zwischendrin versetzt sie noch einmal dem Teufel einen kleinen Tritt, was ihre Laune erheitert. Maria hat Laune?

Durch das kleine Abenteuer erheitert, ritt sie voll guten Mutes vollends auf die Burg Bertrades, wo sie eben ankam, als die zwei stärksten Kämpen übriggeblieben, um die Entscheidung unter sich herbeizuführen.

Und diese zwei Gegner haben es in sich. Der eine “trug einen pechschwarzen Schnurrbart, dessen Spitzen so steif gedreht waagrecht in die Luft ragten, daß zwei silberne Glöckchen, die daran hingen, sie nicht zu biegen vermochten und fortwährend klingelten, wenn er den Kopf bewegte. Dies nannte er das Geläute des Schreckens für seine Feinde, des Wohlgefallens für seine Dame!” Der andere hat “die aus seinen Naslöchern hervorstehenden Haare etwa sechs Zoll lang wachsen lassen und in zwei Zöpfchen geflochten, welche ihm über den Mund herabhingen und an den Enden mit zierlichen roten Bandschleifchen geschmückt waren.”

Maria besiegt als linkischer Zindelwald die beiden komischen Muskelprotzes und schneidet “mit ihrem Dolche die beiden Schnäuze mit den Silberglöcklein ab, welche sie an ihrem Wehrgehänge befestigte, indessen die Fanfaren sie oder vielmehr den Zendelwald als Sieger begrüßten.”

Damit hat Maria-Zindelwald das Turnier gewonnen und macht sich jetzt an das Herz von Betrade. Stellt sich heraus, Maria kann ganz gut mit Frauen:

Dann erhob sie sich und stellte einen Zendelwald dar, wie dieser gewöhnlich zu blöde war, es zu sein. Ohne indessen seiner Bescheidenheit zuviel zu vergeben, grüßte sie Bertraden mit einem Blicke, dessen Wirkung auf ein Frauenherz sie wohl kannte; kurz, sie wußte sich als Liebhaber wie als Ritter so zu benehmen, daß Bertrade ihr Wort nicht zurücknahm, sondern dem Zureden des Kaisers, der am Ende froh war, einen so tapfern und edlen Mann mächtig zu sehen, ein williges Ohr lieh.

Es gibt Blümchen, wie es sie mehr auch bei Disney nicht geben würde:

Heitere Wonne verbreitete sich über alle; in den grünen Laubgewölben in der Höhe sangen die Vögel um die Wette mit den Musikinstrumenten, ein Schmetterling setzte sich auf die goldene Krone des Kaisers, und die Weinpokale dufteten wie durch einen besonderen Segen gleich Veilchen und Reseda.

Am Ende sendet Bertrade noch ein “heißes stilles” Gebet an Maria, und die kriegt das natürlich gleich mit, weil sie neben ihr sitzt, und gibt Bertrade einen Kuss, der es in sich hat:

Aber vor allen fühlte sich Bertrade so glücklich, daß sie, während Zendelwald sie bei der Hand hielt, in ihrem Herzen ihrer göttlichen Beschützerin gedachte und derselben ein heißes stilles Dankgebet abstattete. Die Jungfrau Maria, welche ja als Zendelwald neben ihr saß, las dies Gebet in ihrem Herzen und war so erfreut über die fromme Dankbarkeit ihres Schützlings, daß sie Bertraden zärtlich umfing und einen Kuß auf ihre Lippen drückte, der begreiflicherweise das holde Weib mit himmlischer Seligkeit erfüllte; denn wenn die Himmlischen einmal Zuckerzeug backen, so gerät es zur Süße.

Die Jungfrau und die Nonne

Nur ganz kurz: Die schöne Nonne Beatrix, Küsterin im Kloster, “sah Waffen funkeln, hörte das Horn der Jäger aus den Wäldern und den hellen Ruf der Männer, und ihre Brust war voll Sehnsucht nach der Welt.” Und so verlässt sie eines Nachts das Kloster, nachdem sie Maria die Schlüssel ihres Amtes übergeben hat, wird Geliebte des ersten Ritters, dem sie begegnet, bis der sie im Glücksspiel an einen anderen Ritter verliert. Mit Hilfe der heiligen Maria erwürfelt sich Beatrix ihre Freiheit zurück, geht zurück zu ihrem Ritter Wonnebold, der sie daraufhin zu einer ehrbaren Frau und standesgemäßen Gefährtin macht. Sie gebiert ihm acht Kinder, bis sie eines Nachts wieder meint: so, es reicht, und zurück ins Kloster geht.

Dort ist ihre Abwesenheit gar nicht aufgefallen, weil während dieser Maria “ihre Stelle in der Nonne eigener Gestalt versehen” hat. Zum Schluss fertigen die Nonne zu einem Feiertag Geschenke für die Gottesmutter an; Beatrix kann zwar keine Handarbeiten, aber alle staunen, als zufälligerweise Beatrix’ Ehemann mit seinen acht strammen Söhnen vorbeikommt. Alle erfahren die Geschichte, und Maria segnet die Kinder.

Der schlimm-heilige Vitalis

Mein Favorit unter den Geschichten.

Der fromme Mönch Vitalis lädt eine schlimme Last auf sich, wie es Märtyrer zu tun pflegen. Allerdings geht er unerwartet vor: Er geht nachts in Bordelle und zu Prostitutierten und bekehrt sie durch Gebete und besorgt ihnen danach jeweils einen Platz in einem Kloster. Das macht er aber heimlich, so dass er nach außen den Ruf eines verderbten Lüstlings hat, und diesen Ruf genießt er sozusagen als sein Martyrium. Einmal gerät er an eine Frau, die er nicht überzeugen kann. Er geht wieder und wieder zu ihr, bietet ihr Geld, sie nimmt es und gibt sich überzeugt, nur um in der Nacht darauf das Spiel zu wiederholen.

Währenddessen hat die Nachbarstochter Jole ein Auge auf den feschen Priester geworfen; sie erkennt, dass sein schlechter Ruf ungerechtfertigt ist. Sie bezahlt die Prostituierte, ihre Position aufzugeben, und richtet sich selber in deren Haus ein – gibt vor, selbst diesen Beruf ausüben zu wollen, worauf sich Vitalis voller Elan die Hände reibt und sie zu bekehren versucht. Nach und nach gibt sie vor, auf den rechten Weg zu gelangen; gleichzeitig sorgt sie dafür, dass Vitalis feine Kleidung anzieht und sich wie ein ordentlicher Mann benimmt und letztlich bei ihrem Vate rum ihre hand anhält. Am Ende gibt er also ein Martyrium auf und wird ein noch besserer Ehemann, als er Märtyrer gewesen ist.

Mir gefällt an dieser Geschichte das Schwankhafte, und das Katz- und Maus-Spiel mit der umgedrehten Erotik, und Kellers feiner Humor – deshalb und zum Festhalten für mich hier einige Zitate.

Interessant finde ich, wie faszinierend Vitalis seine Arbeit und die Frauen findet, als wäre ihm doch das Laster schöner als die Tugend:

Hier aber konnte er gar nicht ins Innere gelangen, um seine fromme Tat zu beginnen; und doch reizte es ihn über alle Maßen, gerade diese rotschimmernde Satanstochter zu bändigen, weil große schöne Menschenbilder immer wieder die Sinne verleiten, ihnen einen höheren menschlichen Wert zuzuschreiben, als sie wirklich haben.

Dass Vitalis in dieser Szene “ungerührt von ihren Reizen” ist, glaube ich sogar, aber von irgend etwas ist er gerührt:

Das Lachen verbeißend, schaute sie darein, als ob sie von nichts wüßte, und der Mönch prüfte sie mit ungewissen und kummervollen Blicken und wußte nicht, wie er es anpacken sollte, sie zur Rede zu stellen. Als sie aber plötzlich in verlockende Gebärden überging und mit der Hand in seinen glänzenden dunkeln Bart fahren wollte, da brach das Gewitter seines geistlichen Gemütes mächtig los, zornig schlug er ihr auf die Hand, warf sie dann auf ihr Bett, daß es erzitterte, und indem er auf sie hinkniete und ihre Hände festhielt, fing er, ungerührt von ihren Reizen, dergestalt an, ihr in die Seele zu reden, daß ihre Verstocktheit endlich sich zu lösen schien.

Die Frau entdeckt Vitalis als Einkommensquelle:

Sie bereute und bekehrte sich zum dritten Mal, und auf gleiche Weise zum vierten und fünften Mal, da sie diese Bekehrungen einträglicher fand als alles andere und überdies der böse Geist in ihr ein höllisches Vergnügen empfand, mit wechselnden Künsten und Erfindungen den armen Mönch zu äffen.

Die vielen Besuche sind schlecht für den Ruf des Mönchs, und er genießt diese Art der Kasteiung:

und wenn dies alles ihm endlich in seinem Herzen schwer und schwerer zu tragen war, so bestrebte er sich um so eifriger, vor der Welt die schlimme Außenseite mit frivolen Worten aufrechtzuhalten. Denn diese märtyrliche Spezialität hatte er einmal erwählt.

Da naht Hilfe in Form der durchaus marienkritischen Nachbarstochter Jole:

Plötzlich entschloß sie sich, wenn die Jungfrau Maria nicht soviel Verstand habe, den Verirrten auf einen wohlanständigeren Weg zu führen, dies selbst zu übernehmen und ihr etwas ins Handwerk zu pfuschen, nicht ahnend, daß sie selbst das unbewußte Werkzeug der bereits einschreitenden Himmelskönigin war.

Dann zieht Jole zumindest in der Nacht in die Wohnung der Prostitutierten und erzählt Vitalis, ab jetzt diesem Beruf nachgehen zu wollen. Das bringt Vitalis geradezu ins Schwelgen:

Er strich sich vor Vergnügen den Bart, einmal so zur rechten Zeit auf dem Platz erschienen zu sein, und um sein Behagen noch länger zu genießen, sagte er langsam und humoristisch:

»Und dann nachher, mein Täubchen?«

»Nachher will ich in die Hölle fahren als eine allerärmste Seele, wo die schöne Frau Venus ist, oder vielleicht auch, wenn ich einen guten Prediger finde, etwa später in ein Kloster gehen und Buße tun!«

»Gut so, immer besser!« rief er, »das ist ja ein ordentlicher Kriegsplan und gar nicht übel erraten! Denn was den Prediger betrifft, so ist er schon da, er steht vor dir, du schwarzäugiges Höllenbrätchen! Und das Kloster ist dir auch schon hergerichtet wie eine Mausfalle, nur daß man ungesündigt hineinspaziert, verstanden? Ungesündigt bis auf den sauberen Vorsatz, der indessen einen erklecklichen Reueknochen für dein ganzes Leben abgeben und nützlich sein mag; denn sonst wärst du kleine Hexe auch gar zu possierlich und scherzhaft für eine rechte Büßerin! Aber nun«, fuhr er mit ernster Stimme fort, »herunter vorerst mit den Rosen vom Kopf und dann aufmerksam zugehört!«

“Höllenbrätchen” nennt er sie, später auch “die kleine Höllenkandidatin”. Jole lässt sich von ihm genüsslich-verführerisch die Leviten lesen, was ihr leicht fällt, da sie ihren Sündenplan ja nur vorgibt:

Jole dagegen machte es sich bequem; sie legte sich mit dem Oberleib auf den Teppich zurück, schlang die Arme um den Kopf und betrachtete aus halbgeschlossenen Augen unverwandt den Mönch, der vor ihr stand und predigte. Einigemal schloß sie die Augen, wie vom Schlummer beschlichen, und sobald Vitalis das gewahrte, stieß er sie mit dem Fuße an, um sie zu wecken. Aber diese mürrische Maßregel fiel dennoch jedesmal milder aus, als er beabsichtigte; denn sobald der Fuß sich der schlanken Seite des Mädchens näherte, mäßigte er von selbst seine Schwere und berührte nur sanft die zarten Rippen, und dessenungeachtet strömte dann eine gar seltsamliche Empfindung den ganzen langen Mönch hinauf, eine Empfindung, die sich bei allen den vielen schönen Sünderinnen, mit denen er bisher verkehrt, im entferntesten nie eingestellt hatte.

Schließlich behauptet sie, überzeugt worden zu sein, und gesteht ihm gleichzeitig (aber immer noch in der Rolle der Bekehrten) ihre Liebe. Vitalis ist erst verwirrt und sucht Hilfe bei der Gottesmutter Maria, aber wir sehen schon, dass es keine ganz christliche Maria ist:

Er schlüpfte daher in seiner Bedrängnis in ein Gotteshäuschen, wo vor kurzem ein schönes altes Marmorbild der Göttin Juno, mit einem goldenen Heiligenschein versehen, als Marienbild aufgestellt worden war, um diese Gottesgabe der Kunst nicht umkommen zu lassen.

Beim nächsten Besuch hat Jole das bisher sehr schlichte Appartment stilvoll-festlich hergerichtet:

[A]uf einem blühweißen Ruhbett, an dessen Seide kein unordentliches Fältchen sichtbar war, saß Jole herrlich geschmückt, in süß bekümmerter Melancholie, gleich einem spintisierenden Engel. Unter dem schönfaltigen Brustkleide wogte es so rauh wie der Sturm in einem Milchbecher, und so schön die weißen Arme erglänzten, die sie unter der Brust übereinandergelegt hatte, so sah doch all dieser Reiz so gesetzlich und erlaubt in die Welt, daß Vitalissens gewohnte Redekunst in seinem Halse steckenblieb.

Spintisierender Engel! Sturm im Milchbecher! Ich musste sehr lachen beim Lesen. – Jole gibt vor, Vitalis‘ Ablehnung ihres Antrags zu akzeptieren, will ihn nur vorher einmal in feiner Kleidung und rasiert und so weiter sehen. Er lässt sich darauf ein und wird verwöhnt:

Jole mischte dem stillen Vitalis eine Schale Wein und reichte ihm liebevoll etwas zu essen, so daß er sich wie zu Hause fühlte und ihm fast seine Kinderjahre in den Sinn kamen, wo er als Knäbchen zärtlich von seiner Mutter gespeist worden.

Am nächsten Morgen ist Jole weg und Vitalis sieht immer noch fein aus. Das ist ihm sichtlich peinlich, er druckst vor dem Ausgang herum: „Er steckte nun vorsichtig den Kopf bald durch diese, bald durch jene Öffnung auf die Straße und zog sich jedesmal zurück, wenn jemand nahte.“ Fasst dann aber doch einen Entschluss:

Endlich warf er sich auf das seidene Ruhbett, so bequem und lässig, als ob er nie auf einem harten Mönchslager geruht hätte; dann raffte er sich zusammen, ordnete das Gewand und schlich aufgeregt an die Haustüre. Dort zögerte er noch ein Weilchen; plötzlich aber riß er sie weit auf und ging mit Glanz und Würde ins Freie. Niemand erkannte ihn; alles hielt ihn für einen großen Herren aus der Ferne, welcher sich hier zu Alexandria einige gute Tage mache.

Und hält um Joles Hand an und wird ein fabelhafter Ehemann, und sein selbst gewähltes Martyrium ist zu Ende.

Dorotheas Blumenkörbchen

Das ist eine verhältnismäßig traditionelle Legendenerzählung, nur etwas variiert, zur Heiligen Dorothea. Die entdeckt das Christentum für sich (hier: aus unglücklicher Liebe, lange Geschichte):

Aber wo sie stand und ging, sprach sie jetzt nichts als in den zärtlichsten und sehnsüchtigsten Ausdrücken von einem himmlischen Bräutigam, den sie gefunden, der in unsterblicher Schönheit ihrer warte, um sie an seine leuchtende Brust zu nehmen und ihr die Rose des ewigen Lebens zu reichen usw.

Mir geht es um dieses letzte “usw.” (im Erstdruck steht “u. s. w.”). Soll man das in modernen Ausgaben abgekürzt lassen oder ausschreiben? Ich habe beide Varianten gesehen. Zumindest für mich liest sich die Version mit der Abkürzung deutlich schelmenhaft lapidarer als die ausgeschriebene. Andererseits war es im 19. Jahrhundert üblicher, auch im Erzähltext solche Abkürzungen zu verwenden. Leider weiß ich nichts über das Abkürzungsverhalten bei Gottfried Keller, weder handschriftlich noch im Druck, und in diesem Buch gibt es keinen vergleichbaren Fall.

Sechs Tage im Bayerischen Wald

Es war eher feucht, aber noch so, dass man gut wandern konnte.

Dunstiges Wandern
Nicht ganz so dunstig
Gipfelkreuz auf dem Silberberg: Nachts leuchtend von oben herab ins Tal – also nicht angestrahlt, sondern eher wie mit Neonröhren. Oder doch reflektierende Oberfläche?
Wanderer im Nebelwald.
Blaubeeren.
Der Gipfel des Großen Arber. Wenn es mal halbwegs trocken ist, gehen *alle* dorthin – zu Fuß, per Seilbahn, mit Fahrrad oder Auto. Also eher warten, bis die Seilbahn keine Saison hat? – Dass die Wege am Gipfel alle eingezäunt waren mit der Bitte, doch den Tieren eine Chance zu geben, hielt eine Gruppe nicht vom Picknick ab.

Also: Wandern ja. Ist auch alles gut ausgeschildert. Pilze gibt es enorm viel, aber ich kenne ich mich nicht aus und wir hätten ohnehin keine Kochgelegenheit gehabt. Ansonsten gab es in Bodenmais zu unserer Überraschung nur liebloses Essen. Wir haben uns halt beholfen, der Chinese ging noch halbwegs.

Interessieren sich andere Touristen überhaupt nicht fürs Essen, oder wieso greift das niemand auf? Einmal erkundete sich ein amerikanisches Paar nach vegetarischen Gerichten in einem der größten Gasthöfe am Ort. Die Bedienung ging mit ihnen die Speisekarte durch. “Meat… that’s meat… meat… fish… salad, but with meat…” Das Paar ging dann. Aber auch Schweinebraten und Schnitzel waren lieblos. (Der Unsitte, das Griebenschmalz mit irgendeiner Art von Bratensoßenextrakt zu versetzen, ist mir um München herum aber auch schon begegnet.)

Die beste Wanderung: Von Bayerisch Eisenstein den Großen Regen entlang über Ludwigsthal nach Zwiesel. Die zweitbeste: Auf der anderen Seite des Flusses von Ludwigsthal nach Bayerisch Eisenstein zurück.

Der Bahnhof von Bayerisch Eisenstein ist sehenswert. Riesengroß, ein gutes und schönes Restaurant ist darin, und die Grenze zu Tschechien verläuft mitten durch das Gebäude. Aber das alles kann man anderswo nachlesen. Bayerisch Eisenstein heißt so, weil es auf der tschechischen Seite Markt Eisenstein gibt, wie überhaupt die Grenze zwischen Bayern und Böhmen erst spät fix wurde, und die Bezeichnung Bayerischen Wald nach und nach Richtung Ostern wanderte – ursprünglich ist das alles zusammenhängend Böhmerwald.

Wilhelm Raabe, Stopfkuchen

“Eine See- und Mordgeschichte”, so der Untertitel. Ha! Das ist jetzt das dritte Werk des poetischen Realismus, das ich in relativ kurzer Folge gelesen habe, und bei allen gab es Mord- und Totschlag, und bei allen dauerte es bewusst und absichtlich und foppenderweise ewig, bis etwas passierte. Ist das Programm? Von “Die schwarze Spinne” kennt man die grusligen Szenen, und dabei sind die ersten 20% der Erzählung nichts als idyllische Hochzeitsvorbereitung. Der zweite Teil von Auch Einer besteht fast nur aus nichts. Und auch der Inhalt dieser See- und Mordgeschichte ist schnell wiedergegeben:

Der Erzähler, erfolgreicher Schafzüchter in Kolonial-Afrika, weit herumgekommen in seiner Laufbahn, erzählt, wie er nach Jahrzehnten wieder seine deutsche Heimatstadt besucht. Die Erzählsituation ist die Rückreise nach Afrika auf einem Schiff; sie wird mehrfach am Rande angesprochen, spielt aber für die eigentliche Handlung keine direkte Rolle. See-Geschichte ist also schon mal nicht viel. Der erzählte Aufenthalt betrifft hauptsächlich den Besuch bei einem alten Schulfreund – der wird zuerst entweder aufgeschoben, oder ist dann doch nicht so wichtig? Der Erzähler und der Schulfreund, vormals “Stopfkuchen” genannt ob seine Verfressenheit, interpretieren ihre gemeinsame Jugend auch unterschiedlich: war der Erzähler Freund, Mobber, Mitläufer, etwas dazwischen?

Auch hier bestehen die knapp ersten 15% aus Vorgeplänkel. Dann besucht der Erzähler Stopfkuchen, der inzwischen Herr auf der Roten Schanze ist und mit der Tochter des ehemaligen Besitzers verheiratet. Auf dem Hof der Roten Schanze spielt sich ein Großteil des Romans ab; Stopfkuchen erzählt dem Erzähler, wie es dazu gekommen ist, dass jetzt er auf dieser ehemaligen Armeeanlage sitzt. Der frühere Besitzer war in der Stadt schon zur Jugendzeit der beiden Männer verschrieen als Mörder eines gewissen Kienbaum. Über die Details oder auch nur Kienbaum selber erfahren wir fast das ganze Buch über nichts, nur über die Auswirkung: Ausgrenzung, Gerichtsprozesse, Abgrenzung; Verwilderung des Hofes und der Leute darauf, Mobbing gegen Vater und Tochter, Hänseleien und Prügeleien und aggressive Hofhunde. Aber schon zum Ende der Jugendzeit hin, vor dem Abschied der Schulfreunde, schließt Stopfkuchen eine erst vorsichtige Freundschaft mit Tochter, Vater und Roter Schanze.

Und der Hauptteil des Romans besteht dann eben aus der unerbittlichen Erzählung Stopfkuchens, wie es dazu kommt, dass er jetzt Herr auf der Roten Schanze ist. Genüsslich walzt er alles aus. Es ist weniger, dass er auf Abwege und andere Themen gerät, vielmehr wiederholt er sich und wiederholt sich und kommt nicht zum Punkt. Er triezt seinen Zuhörer, dem er immer wieder Versäumnisse der Jugendzeit vorhält. Wie sie ihn missverstanden und schlecht behandelt hätten, nur gerade mal eben zufällig vielleicht ein bisschen freundlich gewesen seien, ihm gegenüber, und dem Herrn der Roten Schanze und seiner Tochter nie auch nur ein bisschen.

„Dieser hier zeigte doch schon in seiner Kindheit Mitgefühl und ging als der letzte, wenn die anderen mich unter der Hecke liegenließen.“

Stopfkuchen reizt und ködert und spielt mit dem Erzähler, fordert Erinnerungen ein:

Leider erinnerte ich mich nicht mehr, und Stopfkuchen sah mich nur erwartend, grinsend an und half mir nicht ein.

„[ D]enn was soll dieser Weltwanderer und Abenteurer auf seiner demnächstigen Fahrt über das große Weltmeer eigentlich von uns denken, wenn das mit unsern Lebensabenteuern und unserer Erzählungsweise noch lange auf diese Weise weitergeht?“

Der Erzähler reagiert fasziniert-geduldig:

Es war gegen den Menschen nicht anzuerzählen.

Ich bezwang mich und schlug den Dicken mit seinem lächelnden Verständnis für mein Dasein und meine exotischen Errungenschaften nicht hinter die Ohren.

Mittendrin, ein Stück vor der der Mitte, lässt Stopfkuchen beiläufig fallen, dass er ja zufällig den echten Mörder Kienbaums herausgefunden habe; sein – inzwischen gestorbener – Schwiegervater sei in der Tat unschuldig gewesen. Davon weiß auch seine Frau, mit der er ein inniges Verhältnis (des späten 19. Jahrhunderts) hat, noch nichts; das dunkle Geheimnis ihres Heranwachsens gelöst?

Aber weiterhin müssen Erzähler, Stopfkuchens Frau und die Leserinnen warten. Unerbittlich genüsslich lässt er den Erzähler zappeln, und damit auch der Erzähler uns. .… Erst in den letzten 15% beginnt es tatsächlich um die untertitelte “Mordgeschichte” zu gehen: Stopfkuchen erzählt, jetzt in der Dorfwirtschaft, nicht mehr der Ehefrau, sondern dem Erzähler und der gebannt lauschenden Wirtschaftsbedienung (damit die das unter die Leute bringt) die wahre Geschichte. Am Ende reist der Erzähler wieder ab.

Wollen diese Realisten mich foppen? Zugegeben: Ich habe ja dann doch mit Spannung und Interesse weitergelesen. Und dem Kriminalgeschichtenleser in mir fällt auf, dass es für die letztendlich Lösung des Falles nur die Aussage Stopfkuchens gibt.

Exkurs zu Zitaten

“Wer erschlug den Hahn Gockel?”, fragt Stopfkuchen rhetorisch mindestens zweimal im Buch. Ich recherchiere, und zwar erst einmal unter “Cock Robin” (Wikipedia), weil mir das vertrauter war: Das ist ein alter langer englischer Kinderreim, der so beginnt: “Who killed Cock Robin? / I, said the Sparrow, / with my bow and arrow, / I killed Cock Robin.” Dieser Kinderreim ist oft verarbeitet worden, als Lied, und sehr viel in Krimis, und da ist er mir sicher irgendwo schon einmal begegnet. Und siehe, es gibt eine deutsche Übersetzung von Friedrich Rückert:

Des Hahn Gockels Leichenbegängnis

Wer erschlug den Hahn Gockel?
Ich, spricht der Sperber,
Ich bin der Verderber,
Ich erschlug den Hahn Gockel.

Wer hat’s gesehn?
Ich, spricht das Mäuslein,
Aus meinem kleinen Häuslein
Hab’ ich’s gesehn.

Wer trank sein Blut?
Ich, spricht das Mücklein,
Mit kleinen Schlücklein
Trank ich sein Blut.

Wer gräbt sein Grab?
Ich, spricht Rotkehlein,
Mit meinem Zehlein
Grab’ ich sein Grab.

Wer trägt die Bahr’?
Ich, spricht der Rabe,
Ich trag’ im Trabe
Die Totenbahr.

Wer ist der Priester?
Ich, spricht die Dohle,
Bin schwarz wie Kohle,
Ich bin der Priester.

Wer singt den Psalm?
Ich, spricht die Nachtigall,
Ich sing’ mit lautem Schall,
Ich sing’ ihm den Psalm.

Wer läut’ die Glock’ hell?
Ich, spricht das Böcklein,
Ich läut’ ihm’s Glöcklein;
Fahr wohl, Hahn Gockel!

Alle die Vögel in der Luft
Befiel ein Klagen und Seufzen,
Als sie hörten das Glöcklein läuten
Zu Hahn Gockels Gruft.

(Friedrich Rückert)

Einen Leitspruch zitiert Stopfkuchen häufig, er steht auch angeschlagen in seiner Roten Schanze: “Gehe aus dem Kasten!” – man denkt natürlich sofort an die box, außerhalb derer man denken soll, weil irgend jemand meint, die dunklen Ecken der box gehen niemanden etwas an. Tatsächlich geht es um Noah und seine Arche: „Gehe aus dem Kasten“ (1 Mose 8, 16).

Ein- oder zweimal sagt Stopfkuchen, wenn auch in anderem Tempus: “Die Riesen ängsten sich unter den Wassern und die bei ihnen wohnen”, was so sehr nach Zitat und außerdem so spannend klingt, dass ich die Quelle herausfinden wollte. Auch hier wieder die Bibel (Hiob 26, 5), wenn auch eine häufigere Übersetzung ist: “Die Schatten drunten erbeben, unter dem Wasser und seinen Bewohnern.” Riesen? Schatten? Also mal wieder in Hiob geschaut, bleibt kryptisch.

E‑Book (epub)

Und weil die verschiedenen epub-Versionen, die von dem Buch kursieren, alle mit Scanfehlern behaftet sind, hier meine verbesserte Version (einfach einmal entzippen).

Jeremias Gotthelf, Die schwarze Spinne

Vermutlich habe ich diese Novelle zu meiner Studienzeit gelesen, als Schüler sicher nicht. Von der Geschichte wusste ich schon lange, als Beispiel für phantastische Literatur (da hatte ich ja viel gelesen, auch Literaturgeschichtliches) oder als Fassung der modernen Wandersage von der aufplatzenden Beule, aus der lauter kleine Spinnen kommen. Dennoch hat sie mich beim ersten Lesen dann recht kalt gelassen.

Das war jetzt anders: was für eine interessante Geschichte! Von wegen Horror – die ersten 20% sind reine Rahmenhandlung, und was für eine brave, sittsame, wohlgefällige. Es geht um die Taufe eines Kindes, und da dreht es sich um zwei Dinge: erstens hat man vergessen, der Patin den Namen des zu taufenden Kindes zu sagen, und fragen darf sie nicht, weil, so der allgemeine Glaube, wenn die Patin nach dem Namen des Kindes fragt, wird es “zeitlebens neugierig”, und das gilt als schlecht. Das alles fällt der Patin erst auf dem Weg zur Kirche ein, kreideweiß ist sie. Geht aber doch gut aus; der Pfarrer weiß den Namen auch. Und zweitens geht es ums Essen und Trinken: Was da nicht alles aufgefahren wird! Dreierlei Küchlein, “dürre Bohnen und Kannenbirenschnitze, breiter Speck dazu und prächtige Rückenstücke, von dreizentnerigen Schweinen, so schön rot und weiß und saftig”, “Voressen von Hirn, von Schaffleisch, saure Leber”, “eine schöne Fleischsuppe, mit Safran gefärbt und gewürzt”, so geht das Absatz um Absatz. Geflirtet wird auch ein bisschen, aber vor allem muss man sich zieren beim Essen, vor und nach der Kirche, als Ehrengast, aber auch so. Bloß nie die erste sein, und nein, man sei schon satt, woraufhin dann Vorwürfe, dass das Essen halt nicht gut genug sei, und dann halt doch noch eine Extratasse Kaffee, und das Spiel wiederholt sich bei jedem Gericht. – Früher langweilig, heute nicht.

Diese biedere Rahmenhandlung stellt einen Kontrast dar zu den beiden verknüpften Binnengeschichten, der eigentlichen Novellenhandlung. In der ersten, längeren, die wohl um 1200 herum spielen mag, geht es um die fragwürdigen Mitglieder eines Ritterordens, die auf der örtlichen Burg hausen und deren Anführer den Dorfbewohner harte Fronarbeit abverlangt. Ein Schloss müssen sie bauen, was auch unter großer Mühe gelingt, und dann sollen die Bauern auch noch 100 Buchen von weit weg nach oben verpflanzen, um einen schönen Spazierweg zu schaffen. Er droht mit furchtbaren Strafen für Männer, Frauen und Kinder des Dorfes. So oder so bedeutet das den Ruin für alle.

Da bietet der Teufel Hilfe an und verlangt nur ein ungetauftes Kind dafür. Zuerst lehnen alle ab. Dann macht man sich ein bisschen Hoffnung, den Teufel werde man doch irgendwie betrügen können; eine Christine letztlich, ohnehin etwas verrufen, sagt für alle zu, wird zur Besiegelung auf die Wange geküsst – ohne direkt im Auftrag zu handeln, aber auch ohne später zu viel Widerspruch zu kassieren. Wird schon gutgehen. Und ja, der Teufel hilft, und ja, das nächste geborene Kind wird rasch getauft, bevor es der Teufel holen kann.

Auf Christines Wange entsteht jetzt an der Stelle des Teufelskusses ein Mal, das immer größer wird. Ist nichts, sagen die anderen. Eine weitere Frau wird schwanger, aber man sorgt sich nicht mehr groß darum: muss man halt schenll taufen, der Rest findet sich. Das Mal wird größer, und eine große, fette Spinne schaut halb – aber erst einmal nur halb – heraus. Die Leute meiden Christine, Christine leidet schreckliche Schmerzen, aber alle sagen nur so: Ja, dein Problem, wir haben das mit dem Teufel ja nicht ausgemacht.

Ab da folgt eine lange Sequenz, die mit den besten Stellen bei Poe mithalten kann, dem von “Metzengerstein”. Das Kind wird geboren und rasch getauft:

Christine umkreiste vergeblich und machtlos das Haus. Von immer wilderer Höllenqual ergriffen, stieß sie Töne aus, die nicht Tönen glichen aus einer Menschenbrust; das Vieh schlotterte in den Ställen und riss von den Stricken, die Eichen im Walde rauschten auf, sich entsetzend.

Die Spinne im Gesicht schwillt an und gebiert unzählige weitere kleine Spinnen. Und wie eine Pest wüten die Spinnen, kriechen “über das Vieh, das Futter, und was sie berührten, war vergiftet, und was lebendig war, begann zu toben, ward bald vom Tode gestreckt.” Und schon wächst die nächste Spinnenbrut in Christine heran. Die versammelten Bürger überlegen:

Nach und nach kamen aus den angstgepressten Kehlen abgebrochene Laute hervor, und wenn man sie zusammensetzte, so meinten sie gerade, was Christine meinte, aber kein einzelner hatte seine Einwilligung gegeben in ihren Rat.

Also ja, das nächste Kind kriegt der Teufel, auch wenn es niemand so gesagt hat, dass man ihn verantwortlich dafür machen könnte – außer Christine. Als Vorgriff auf Rosemary’s Baby weiß also jeder im Dorf, dass das Kind der nächsten Schwangeren dem Teufel gehören wird, bis auf die Frau selber. Auch ihr Ehemann spielt mit. Als die Geburt naht, lauert das halbe Dorf um das Häuschen herum, der Ehemann holt den Pfarrer, geht aber betont langsam (außer ein paar schnelle Schritte, wenn das Gewissen doch durchscheint) und hat es auch nicht eilig beim Pfarrer. Der Pfarrer, unter Blitz und Donner und kreideweiß im Gesicht, kämpft mit Christine, die das Kind zum Teufel bringen will, sie verwandelt sich sogar ganz in eine Spinne, aber der Pfarrer besiegt sie, das Kind wird getauft. (Pfarrer und Kind sterben bald darauf.)

Und dann wütet die schwarze Spinne – “nie war eine Pest verheerender, nie eine Krankheit grässlicher gewesen”, um es mit Poes Worten vom Anfang der “Maske des roten Todes” zu sagen. Selbst die Ritter erliegen ihr; einer reitet aus und sucht nach der Spinne und findet sie doch nicht so, wie er es erwartet hätte:

Da ritt er den Menschen zu, wollte Kunde einziehen, sie stunden ihm, bis er nahekam. Da schrien sie grässlich auf und flohen in Wald und Schlucht, denn auf des Ritters Helm saß schwarz, in übernatürlicher Größe die Spinne und glotzte giftig und schadenfroh ins Land. Was er suchte, das trug der Ritter und wusste es nicht; in glühendem Zorne rief und ritt er den Menschen nach, rief immer wütender, ritt immer toller, brüllte immer entsetzlicher, bis er und sein Ross über eine Fluh hinab zu Tale stürzten. Dort fand man Helm und Leib, und durch den Helm hindurch hatten die Füße der Spinne sich gebrannt dem Ritter bis ins Gehirn hinein, den schrecklichsten Brand ihm dort entzündet, bis er den Tod gefunden.

Es gelingt der Mutter des Kindes, unter Opferung ihres eigenen Lebens, die Spinne zu bannen, in einen Holzbalken zu sperren, mit einem Propfen zu verschließen. Und dieser Balken steht noch heute, ist Teil des Hauses geblieben; die Familie wacht darüber.

Eine zweite, kürzere Binnengeschichte erzählt, wie zweihundert Jahre darauf die Leute im Dorf wieder die Spinne herauslassen, weil sie nie mehr auf Religion und Tradition achten, “fremde Weiber” haben ihr Teil dazu beigetragen. Und wieder gelingt es jemandem aus der Familie, unter Opferung des eigenen Lebens die Spinne in den Balken zu sperren. Die Anwesenden, die diese Geschichten erzählt bekommen, gruselt es ein wenig, aber die Familie selbst fühlt sich sicher, selbst mit dem Balken im Rücken, solange alle gottesfürchtig bleiben.

Wie viel man aus der Geschichte herausholen kann! Novellenform und alten Sagenstoff, Außenseiter und Gruppendenken, Sündenböcke, Frauenrollen, Religion.

E. E. Kellett, The Lady Automaton

1. Hintergrund

In der 6. und 7. Klasse las ich William Tenn, weil mir dessen Werke zufällig über einen Freund in den Weg gespült wurden. Sonst wäre mir dieser Autor zwar da und dort in Anthologien begegnet, aber ich hätte wahrscheinlich nicht vor ein paar Jahren die dreibändige Werksausgabe (einschließlich nonfiction) gelesen und wäre nicht auf den Aufsatz “ ‘The Lady Automaton’ by E. E. Kellett: A Pygmalion Source?” gestoßen. Veröffentlicht hat Tenn, bürgerlich Englischprofessor, diesen Aufsatz unter seinem bürgerlichen Namen Philip Klass in Shaw , 1982, Vol. 2 (1982), pp. 75–100, zusammen mit Kelletts ursprünglicher Geschichte.

“The Lady Automaton” erschien im Juni 1901 in Pearson’s Magazine (Vol 11, pund danach nur in einer Anthologie aus dem Jahr 1979, sie ist eine etwas gekürzte Version von “The New Frankenstein” aus Kelletts Kurzgeschichtensammlung A Corner in Sleep and Other Impossibilities aus dem Jahr 1900. Veröffentlicht wurde die ältere Fassung seitdem wohl nur noch einmal in einer Anthologie aus dem Jahr 1994. Lesen kann man die jüngere Fassung, auf die sich Tenn bezieht, hier, auf einer Domain, in der es um ein selbst geschriebenes Pen-and-Paper-Rollenspielsystem geht, das vor dem Hintergrund der scientific romances aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geht. Dort gibt es Spielregeln, Szenarios, und viele Kurzgeschichten und Aufsätze aus dieser Zeit. Internet, yay!

Über Kellett findet man hier (mit Bild) und da Interessantes, gar neugierig Machendes, aber insgesamt nicht viel; eine eigene Wikipediaseite gibt es nicht, und selbst nach dem vollen Namen (“Ernest Edward Kellett”, 1864–1950) muss man eine Weile suchen. Dennoch, A Corner in Sleep and Other Impossibilities würde ich gerne mal lesen, der Titel klingt vielversprechend.

Ich habe nicht weiter nach Literatur zu dem Thema gesucht und weiß nicht, ob es viele oder wenige weitere Aufsätze dazu gibt; in der Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik 63(1), 2015, S. 89–100 gibt es zumindest noch “My Fair Lady Automaton” von John M . Picker, in dem es um weibliche sprechende Maschinen von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu Pygmalion von George Bernard Shaw geht, mit Exkursen in die Gegenwart.

Die Hypothese von William Tenn, um jetzt endlich mal zu seinem Aufsatz zu kommen, ist nun eben die, dass “The Lady Automaton” eine Quelle für Shaws Drama Pygmalion war (Grundlage des Musicals My Fair Lady), und Tenn/Klass weist auf viele Parallelen hin, die ich hier gar nicht wiederholen will.

2. Die Geschichte

Der Erzähler, ein Arzt, erzählt von seinem Freund Arthur, den er gelegentlich besucht. Arthur ist Wissenschaftler, oder eher Erfinder; er hat einen perfekten Phonographen entwickelt. Auf Anregung Arthurs entwickelt er danach ein Gerät, das nicht nur aufgezeichnete Stimmen wiedergeben, sondern selbstständig antworten kann. Die beiden kommen sofort darauf, dass so ein Gerät den Turing-Test bestehen würde:

[W]hat an achievement it would be to contrive a sort of anti-phonograph, that should give the appropriate answer to each question I like to put!”
“Why, a thing that could do that would be nothing less than man.”
“Well,” I said, “what is man but a bundle of sensations – a machine that answers pretty accurately to the questions daily put to it?” For I was, or pretended to be, a full-blown materialist.

(Das Rechenproblem dahinter wird kleingeredet, das sei ja auch nicht viel aufwendiger als das, was “Babbage’s calculating machine” bereits vorgemacht hat. Eher geht es um die mechanische Umsetzung, die thematisiert wird.)

Beim ersten Testen der Maschine, dem Anti-Phonographen, weiß der Erzähler nicht recht, was er sagen soll. Engländer halt: “I was at a loss how to begin the conversation, so called the weather to my aid”, gefolgt vom Stoßseufzer: “Oh, for the inventive powers of a Frenchman, in order to begin the conversation naturally!”

Aber diese Maschine ist nur der erste Schritt. Arthur will sie mit einer anderen Maschine kombinieren, die sich bewegen kann, wobei der Anti-Phonograph “the brain power” dazu liefern wird. Außerdem soll dieser neue Automat eine feine Dame sein, “behave like a lady”. Das würde so ein Automat doch wohl hinkriegen?

Der Automat – Miss Amelia Brooke – wird gebaut und als Nichte des Erzählers der Gesellschaft präsentiert. Sie ist ein großer Erfolg, gleich zwei junge Männer, Burton und Calder, verlieben sich in sie. Zwischendurch kriegt Amelia ein Hardware-Update. Die zwei jungen Männer halten beide um ihre Hand an, und weil Amelia als Automat auf gleiche Eingaben immer gleich reagiert und junge Männer zumindest in solchen Situationen immer das gleiche sagen, sagt Amelia beiden zu und auch noch für den gleichen Tag.

Der immer entsetztere Erzähler informiert jedoch Calder, der daraufhin den seinigen Hochzeitstermin verschiebt, um zu beobachten, was geschieht. Und tatsächlich, es kommt zur Trauungszeremonie. Calder ersticht Amelia. (“There was a whirr, a rush. The anti-phonograph was broken.”) Sägespäne rinnen aus der Wunde; ihr gleichfalls anwesender Schöpfer Moore stirbt. Und der Erzähler deutet im letzten Satz an, dass er kein “fashionable physician” mehr ist, sondern mitunter sogar eher als Patient betrachtet wird.

Erwähnenswerte Einzelheiten:

  • Von Anfang an wird Amelia “doll” (Puppe) genannt oder “creature” – das erinnert an Frankenstein, der einmal explizit genannt wird und ja ohnehin im ursprünglichen Titel auftaucht. Der Erzähler hasst den Automaten geradezu, er ist ihm unheimlich, das Wort “uncanny” taucht fünfmal auf, daneben gibt es “fatal, detestable, fiendish, monotonous.”
  • Der Erfinder Arthur dagegen entwickelt eine fast symbiotisch geschilderte Beziehung zu Amelia, allerdings auch eine manisch besitzergreifende:
    • “She shall walk drawing-rooms like a lady, or I will break her to pieces myself!”
    • “[S]he is more than a doll; she is Me. I have breathed into her myself”
    • Als Amelia bluten können soll, um überzeugender zu sein, will Arthur keinesfalls aufgeben: “Rather would I drain my own veins into hers. Rather go out and kill somebody. What did Mephistopheles say? ‘Blood is a peculiar sort of juice.’ But I will make it.”
    • Moore’s extraordinary success had turned his brain.
    • Could it be that by some unholy means Moore had succeeded in conveying some portion of his own life to this creature of his brain?
    • [H]is wonderful toy was broken, and the cord of Moore’s life was broken with it.
  • Das komplizenhafte Verhältnis zwischen Erzähler und Erfinder ist dementsprechend nicht ungetrübt. “I tried to enter a feeble protest, but he overbore me. You ask how; I cannot tell. Call it magic – anything you like; but it overbore me. I yielded; I promised my assistance.” Und dann sitzen die beiden da in ihrem Kämmerchen und basteln: “We sat like two mischief-making children far into the small hours of the night, plotting how we could carry out the plan best. Moore had enslaved me, body and mind; I was carried away in a kind of drunken enthusiasm and almost as feverishly excited as Moore himself. Nothing would now have stopped me. Would Frankenstein have paused the very hour before his creature took life?”
  • Es gibt Sticheleien auf die (gehobene) Gesellschaft, insbesondere Frauen. “‘The Society woman of our time,’ you proclaimed, ‘what is she but a doll? Her second-hand opinions, so daintily expressed, would not a parrot speak them as well?’” Ein Herz ist nicht Teil des Innenlebens von Amelia, scherzhaft: sie soll ja auch eine feine Dame sein. Amelia kann ein bisschen Französisch parlieren und “[s]he can enter a room, bow, smile, and dance” – was auf jeden Fall reichen dürfte, die anderen Frauen auszustechen.
  • Arthur zieht Amelia echten Frauen auf jeden Fall vor, er sieht als Vorteile des Automaten: “she is not touchy”, “she can’t blush”.
  • Dem Erzähler ist sie dagegen zu mechanisch: “She was] dancing beautifully but a little mechanically […], saying always the right things, answering questions always in the same way, and wearing at pretty regular intervals the same detestable smile.” Ihr Erfolg ist “too monotonous. Human beings sometimes put their foot in it; she never.”
  • Auch die beiden jungen Männer ziehen Amelia den anderen vor. Und diesmal ist es genau anders herum, die anderen Frauen erscheinen wie Puppen und Amelia wird eine große innere Tiefe zugeschrieben: “They have nothing to say for themselves, they are mere bundles of conventionality; but she – she is all soul.” Es ist ironisch, dass gerade die Puppe ganz Seele sein soll.

Der Text allein ist schon interessant, jenseits der Parallelen zu Pygmalion, die man bei Tenn/Klass nachlesen kann und die ich deshalb nicht wiederhole. Man kann ihn unter dem Science-Fiction-/Steampunk-Aspekt lesen, vielleicht mit etwas Informatik darin. Man kann ihn verbessern: Ist die Doppelung der beiden Verlobten nötig; könnte nicht einfach gleich der Erzähler am Ende den Automaten zerstören? Man kann ihn mit Frankenstein und Pygmalion vergleichen und überhaupt mit weiblichen Automaten in Literatur und Film. Arthur und der Erzähler als Junggesellen, die sich die perfekte Frau basteln, aber unterschiedliche Vorstellungen davon haben. Und vor allem natürlich: die Frau als Besitztum, die völlige Abwesenheit von Amelias Blickwinkel.

3. Der Sandmann

Das hat man doch kommen sehen, oder? Die Parallelen zu “Der Sandmann” von E.T.A. Hoffmann finde ich mindestens so interessant wie zu Shaw. Zugegeben, die anderen Geschichten um weibliche Automaten aus dem 19. Jahrhundert, von denen im Picker-Aufsatz oben einige aufgezählt werden, kenne ich nicht; vermutlich gibt es da bereits Zwischenstufen und verbreitete Motive. Und natürlich gibt es Offenbachs Oper auch noch als Zwischenschritt.

  1. Es gibt zwei Wissenschaftler, oder jedenfalls zwei Erbauer einer künstlichen Frau, Eingeweihte in eine Art Komplott.
  2. Amelia heißt die Frau in der einen, Olimpia in der anderen Geschichte – ich finde die Namen ähnlich. (Eliza ist auch nicht weit davon entfernt.)
  3. Beide Ingenieure hecken einen Plan aus, stellen den Automaten als eine junge weibliche Verwandte vor und führen sie in die Gesellschaft ein.
  4. In beiden Werken gibt es eine Ballszene, wo der Automat erfolgreich auftritt – wo allerdings gerade das Tanzen als zu mechanisch geschildert wird, und in Olimpia wohl nur ein Teil des Publikums getäuscht wird.
  5. In beiden Fällen wird die künstliche Frau den natürlichen Frauen als Kontrast gegenübergestellt, aber gut, das ist nur zu natürlich bei diesem Motiv.
  6. In beiden Geschichten verliebt sich mindestens ein junger Mann in den Automaten, in beiden wird der Automat am Ende zerstört und ein junger Mann macht sich unglücklich.
  7. In beiden Geschichten geht es um Wahnsinn, auch wenn der bei Kellett einen der Schöpfer und weitaus milder betrifft und bei Hoffmann den jungen Mann. Clara-Lothar-Siegmund und , der Erzähler auf der anderen Seite stehen dabei für diejenigen, die dem Wahn nicht verfallen, sie bieten eine andere, realistische Sichtweise.
  8. Freud schöpfte für seinen Aufsatz “Das Unheimliche” sehr aus dem Sandmann; als “uncanny” (unheimlich) bezeichnet Kelletts Erzähler fünfmal das Geschehen.
  9. Amelias Verehrer sieht unglaubliche Tiefe in ihr, im Gegensatz zu anderen Frauen: “What are all these painted dolls to her? They have nothing to say for themselves, they are mere bundles of conventionality; but she – she is all soul.” Und Nathanael geht es ebenso mit Olimpia: »O du herrliches, du tiefes Gemüt«, rief Nathanael auf seiner Stube: »nur von dir, von dir allein werd ich ganz verstanden.«

Vielleicht muss man den “Sandmann” neu erzählen: Einmal aus Spalanzanis Perspektive (als Watson-Figur, mit einem verkleidungslustigen Coppola-Coppelius als Holmes, und eienr Erklärung für ihren Streit am Ende), und einmal aus der von Olimpia.

4. Fußnote

Seit zwölf Jahren gibt es und höre ich den H. P. Lovecraft Literary Podcast. Die ersten hundert Folgen sind kostenlos und öffentlich, danach gibt es einen Großteil der Episoden nur im Abonnement, aber eine Folge pro Monat ist weiterhin öffentlich. Diesmal ist es die erste Folge von wahrscheinlich zweien, in denen sich die beiden Gastgeber mit E.T.A. Hoffmanns Sandmann beschäftigen. Es ist ein bisschen viel Geplänkel dabei diesmal, aber für mich als Deutschlehrer besonders interessant, wie sie diese Erzählung aus einer ganz anderen Perspektive und mit anderem Hintergrund angehen. Es hat ein bisschen was vom Genre der First-Time-Listening-Videos, wo (junge) Leute zum zumindest anscheinend ersten Mal Musikklassiker wie “Bohemian Rhapsody” hören.

Episode 558 – The Sandman – Part One
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Schullektüren meiner Schulzeit

Das sind die Schullektüren meiner eigenen Schulzeit. Es waren sicher ein paar mehr dabei, Woyzeck vielleicht, und irgendetwas in der Unterstufe. Aber anscheinend blieben nur Werke aus den Jahrgangsstufen 11 bis 13 bei mir hängen, und eben da nicht mal alle. Gedichte (Archaischer Torso! Hälfte des Lebens!) gab es natürlich auch, und kleinere Geschichten, die ich hier nicht anführe.

Antoine de Saint-Exupéry, Le Petit Prince (11)

Das war auf Französisch und damit fast außer Konkurrenz. Französisch machte mir keinen Spaß, das Buch schreckte mich nicht, war aber auch nicht wirklich gut.

Johann Wolfang Goethe, Iphigenie auf Tauris (11, 12)

Sogar zweimal: Zuerst in der 11. Klasse, wo das Drama bei allen (so ist meine Erinnerung) sehr gut ankam. Aber das war auch beim Herrn Nickles. Hängen blieb: “Das Land der Griechen mit der Seele suchen” und “Zwischen uns sei Wahrheit.” Und dann noch einmal in der 12. Klasse im Leistungskurs – wo die Lehrerin irritiert über den Vorgänger war. Hat sich jemand nicht an Absprachen gehalten, oder nicht an den damals erst wenige Jahre alten neuen Lehrplan?

Johann Wolfang Goethe, Faust I (12)

Galt als Königsdisziplin. Ich halte das Stück ja für überschätzt. Damals: Ja, war okay, aber sicher eben auch wegen des Rufs des Dramas. Dass ich Mephistopheles lesen durfte, hat sicher auch geholfen.

Gottfried Keller, “Die drei gerechten Kammacher” (12?)

Völlig uninteressant. Konnte mich an nichts erinnern. Laaaaangweilig. Heute dagegen: sehr, sehr witzig.

Friedrich Hebbel, Agnes Bernauer (13?)

Laaaangweilig. Also, wahrscheinlich. Es ist möglicherweise die einzige Lektüre, die ich dann doch nie gelesen habe, auch heute noch nicht. Erstens Realismus, nicht so meins; dann Drama, auch nicht so; und thematisch war das zu nah, weil Augsburg, und damit nicht so interessant.

Bert Brecht, Die Dreigroschenoper (13)

Kam auch sehr gut an. “Halt die Fresse, Trauerweide” wurde sprichwörtlich in unserem Kreis, auch wenn sich Jahrzehnte danach herausstellte, dass diese Stelle in vielen Ausgaben fehlt – es ist eine Szene, die erst nach dem Film integriert wurde, so wie andere vielleicht wichtigere Stellen auch.

Siegfried Lenz, Jäger des Spotts (Kurzgeschichtensammlung) (11)

Eher langweilig, damals. Wiedergelesen habe ich nur “Die Nacht im Hotel” mal, bei den anderen Geschichten sagen mir nicht einmal die Titel noch irgendetwas.

Heinrich Böll, Billard um halb zehn (13?)

Kaum Erinnerung. Mann mit Problemen. Oder war es am Ende ohnehin Ansichten eines Clowns?

William Shakespeare, Macbeth (12/13)

War okay. Aber ich kann mich nicht an Begeisterung erinnern. Zweisprachige Reclamausgabe, wenig handschriftliche Anmerkungen darin. “Something wicked this way comes” habe ich angestrichen, weil ich das schon von einem Bradbury-Roman kannte, auch wenn ich den noch nicht gelesen hatte. Und “wayward son”, weil ich diese Kollokation schon aus einem Marvel-Comic kannte. Dort: “Carrion, My Wayward Son” (1978, PPSSM #25), der Zusammenhang zu dem Lied “Carry On My Wayward Son” (1977) von Kansas hat sich mir erst heute hergestellt. Oder geht beides auf eine noch ältere Quelle zurück?

Ernest Hemingway, “The Short Happy Life of Francis Macomber” (12/13)

Langweilig. Ich konnte einfach nicht nachvollziehen, was diese Leute für Probleme hatten. Da passierte doch nichts. Heute: Sehr gute, sehr typische Hemingway-Geschichte, auch wenn ich viele andere von ihm lieber mag, die unerwartetere Seiten präsentieren.

James Joyce, “The Sisters” (12/13)

Davon nur der Anfang, auf ein oder zwei Seiten, fisselige kleine Buchseiten zusammenkopiert. Und inhaltlich völlig unverständlich. Ich finde die Geschichte heute gut, aber immer noch nicht zugänglich und völlig ungeeignet – zu fremd die Perspektive und das Land und die Zeit. (Tatsächlich lasen wir wohl auch weitere Geschichten von Joyce, “Eveline” und so.)

Bret Harte, “The Luck of Roaring Camp” (12/13)

Null Erinnerung daran als Schullektüre, außer an den Titel. Vielleicht haben wir sie gar nicht gelesen, sondern nur ausgeteilt bekommen?

Edgar Allan Poe, “The Tell-Tale Heart” (12/13)

Poe kannte ich natürlich schon, weil Filme und phantastische Literatur. (Meinen heutigen Elftklässlern sagt Poe übrigens überhaupt nichts, sie begegnen ihm erst in der zwölften Klasse.) Diese Geschichte irritierte mich. Wahrscheinlich war ich mit Metaphern und unzuverlässigen Sprechern überfordert. Wenn da stand, dass das Herz unter den Bodendielen zu hören war, dann war für mich als Leser phantastischer Literatur klar, dass da halt das Herz noch schlägt, aus irgendwelchen Gründen.

Evelyn Waugh, The Loved One (nur der Anfang) (12/13)

Mit Vergnügen gelesen. Später deshalb dann auch mal ganz gelesen und die Verfilmung mit Robert Morse gesehen. Mag Evelyn Waugh eigentlich nicht besonders, aber so kannte ich halt schon mal den Namen.

Dylan Thomas, verschiedene Radiobeiträge (12/13)

“A Visit to America”, “Under Milkwood” (auch hier nur der Anfang), wohl auch schon die Weihnachtserinnerungen? Gefiel mir alles schon damals sehr gut.

Spike Milligan, Puckoon (nur der Anfang) (12/13)

Gefiel mir gut, aber Spike Milligan musste ich dann doch erst Jahre später über einen anderen Weg für mich finden.


Nie in der Schule gelesen, aber damals als Name schon bekannt: Der Herr der Fliegen, The Catcher in the Rye und Rolltreppe abwärts – der Inbegriff des literarisch uninteressanten, erzieherischen Problembuchs, das Deutsch-Geschichte-Sozialkunde-Lehrkräfte (anders als Englisch) ihren Klassen gerne mal vorsetzten. Aber vielleicht tue ich dem Buch auch unrecht, ich habe mich nie auch nur ein bisschen damit beschäftigt. Aber es stand mehrfach als Lektüre in der Auswahl.

Fast alles, an das ich mich erinnern kann, wird heute noch gelesen, oder taucht da und dort in Abituren oder Schulbüchern auf. (Dylan Thomas und Spike Milligan eher nicht.) Autorinnen sind heute ein wenig mehr dabei, hoffe ich.

Ich bin nicht gut im Stöckchenwerfen oder Themenvorschlagen – aber es würde mich schon interessieren, gerade bei späteren Lehrkräften, aber nicht nur da, wie andere sich an ihre Lektüren erinnern. War die Auswahl bei mir (Jahrgang 1967) typisch? Dass ich mich an so viel erinnern kann, liegt vermutlich daran, dass ich diesen Texten als Student und Lehrer immer wieder begegnet bin – sonst wäre nicht so viel hängengeblieben?

Nachträge – denn mir fallen immer mehr Sachen ein, waren doch eine Menge:d

John Steinbeck, “Of Mice and Men” (12/13)

Ich weiß noch, dass ich das Wort “sycamore” dort gelernt habe, gleich auf der ersten Seite. Sonst eher uninteressant, was Handlung oder Sprache betrifft. Der Lehrer, Herr Gratzke, sehr geschätzt, fragte die Klasse allen Ernstes, ob wir wüssten, wo der Titel wohl herkomme. Ich bot “are you a man or a mouse?” an, aber das erwartete Robert-Burns-Gedicht konnte ich nicht liefern.

Alfred Andersch, Sansibar oder der letzte Grund (11)

Wenig Erinnerung, hat mich nicht interessiert.

Thomas Mann, “Tonio Kröger” (12/13)

Und “Mario und der Zauberer” gleich mit? Kamen in einem Band, aber ich erinnere mich nur an die eine Erzählung. Hat mir besser gefallen als der Andersch, weil sentimentaler, und sentimental mag ich immer noch; aber dennoch uninteressant, weil ja nichts passierte.

Friedrich Dürrenmatt, Der Richter und sein Henker (ha! endlich Mittelstufe, 9 oder 10)

Das Titelbild hat mir nicht gefallen, wie die meisten Titelbilder von Schullektüren, oder die gekritzelten Innenillustrationen. So Gebrauchskunst, wie ich sie mit Zahnarztpraxen verbinde. Dann lieber gar nichts wie bei Reclam. (Fotos gehen natürlich auch gar nicht. Titelbilder von Schullektüren, mal ein eigenes Thema wert.) Außerdem erinnere ich mich an das mindestens an einer Stelle erscheinende “Mano”, der Anrede nachgestellt, das wohl doch nichts mit dem süddeutschen “menno” oder “männo” meiner Kindheit zu tun hat, sondern, wie ich inzwischen weiß, eine berndeutsche, etwas herablassende Anrede für einen Mann ist, dessen Namen man nicht kennt. – Krimis mochte und kannte ich, war von diesem enttäuscht. The Maltese Falcon hatte ich wohl noch nicht gelesen, aber natürlich gesehen.

Carl Zuckmayer, Der Hauptmann von Köpenick (10?)
Gerhart Hauptmann, Der Biberpelz (10–13?)
Carl Zuckmayer, Des Teufels General (11?)
Deutsche Kurzgeschichten 9.–10. Schuljahr (9? gaaaanz dunkel)

Keine Erinnerung an den Unterricht, aber diese drei Stücke haben wir auch gelesen. Null Interesse. Beim ersten kannte ich den Film. Ansonsten: Drama war nie meins. Ob ich mir die Kurzgeschichtenanthologie nur bei einbilde, kann ich nicht sicher sagen. Vielleicht eine andere Sammlung? Ich habe ganz vage Erinnerungen an Poe auf Deutsch irgendwo.

Ian Fleming, For Your Eyes Only (9/10, fünf Bond-Kurzgeschichten)
John Buchan, The 39 Steps (11)
Tennessee Williams, The Glass Menagerie (12/13)

Erst mit teilweise großer Verspätung sind mir die eingefallen, und auch nur nach Anregung: Mittelstufe halt, oder Drama, ich glaube, da blieb einfach nichts hängen. Die ersten beiden Texte waren für die Schule bearbeitet (was mich nur bei John Buchan störte), beide hätten mir vom Thema eigentlich liegen müssen, taten das aber nicht. Ich kann mich auch nicht an Wörter oder Szenen daraus erinnern. Bei dem Williams wenigstens noch an zwei Wörter.


Wer auch darüber schreibt: