Schuljahresende 2005

Nach der letzten Konferenz nochmal zusammensitzen:

Schön, auch wenn dann doch immer alle sehr schnell weg sind.
Die Instrumente sind übrigens fürs Gstanzl-Singen, und dafür bin ich unserem Sänger und Dichter dankbar. Das wird von manchen belächelt, ist aber eine schöne Tradition, und allemal besser als manche Abschiedsreden.

Sommerbiene

“Mach doch mal was mit Tieren”, heißt es. Auch ich habe ein Bild dort hineingestellt, und mich von anderen Bildern dazu anregen lassen, die Gebrauchsanleitung meiner Kamera zu lesen. Jetzt kann ich schon mal solche Aufnahmen machen wie heute, an einem heißen, heißen Sommertag, auf dem Rückweg von der Schule.

Das ist wissenschaftlich

Übers Wochenende hat mich eine Studentin aus Edinburgh angemailt, die Englisch-Schülergruppen sucht, die ihr Programm – als Abschlussarbeit im Studiengang Artificial Intelligence – testen wollen. Heute war der letzte Schultag mit regulärem Unterricht und ich hatte eine Doppelstunde, also haben wir das gerade noch hingekriegt.

Aber eine Doppelstunde braucht man auch, wenn das zeitlich funktionieren soll. Details will ich ja nicht ausplaudern: Ich stelle mir das so vor, dass es auch in der glamourösen Welt der Künstlichen Intelligenz Industriespione gibt, und undurchschaubare Männer in weißen Laborkitteln mit einer Stahlklaue statt Hand (“Dr. Claw, I presume”), galante Doppelagenten à la Clark Gable im Auftrag großer Konzerne, und fanatische Forscher auf dem Weg zu einem Roboter-Imperium.

– Jedenfalls mussten die Schüler die Software nutzen und korrekt mit Daten füttern. Die meisten haben aufgepasst und meine gedruckte Anleitung gelesen, bei ein paar anderen war die Konzentration zum Schuljahresende hin schon nicht mehr so groß. (Aber schließlich lesen auch meine Kollegen ihre Anleitungen mitunter nur halbherzig durch.) Ursprünglich hatte ich der Klasse auch eine andere Abschlussstunde versprochen und musste das kurzfristig ändern. So fand ich das jedenfalls weit spannender. Vielen Dank jedenfalls, falls ihr das lest!

Schülerverhalten

Das sind die vorläufigen Ergebnisse einer kleinen Umfrage, die ich in einer Klasse gemacht habe. Darin ging es darum, wie unangemessen bestimmtes Schülerverhalten im Klassenzimmer ist, wie Lehrerreaktionen eingeschätzt werden, und – schon mal aus Gründen der Fairness – wie unagemessen Lehrerverhalten ist.

Leider hatte ich vergessen, nach Geschlecht zu fragen. Die Schüler hatten die Möglichkeit, meine Punkte im Fragebogen durch eigene zu ergänzen; die gründlichere Auswertung einschließlich der von Schülern ergänzten Verhaltensarten gibt es nach den Sommerferien. Dann gibt es auch die Ergebnisse der parallelen Lehrerbefragung.

Diese Umfrage ist wohl noch nicht sehr aussagekräftig. Statt einer 10-Punkte-Skala wäre es wohl besser gewesen, fünf Kriterien zu verwenden, etwa: “sehr falsch”, “falsch”, “unangebracht”, “ziemlich harmlos” und “völlig okay”. Aber das ist ein Anfang, beim nächsten Mal kann ich meinen Fragebogen verbessern. Wenn jemand Tipps fürs Vorgehen hat, ich wäre sehr dankbar dafür.

Für wie schlimm hältst du folgendes Verhalten von Schülern?
1: Kleinigkeit, fast nicht erwähnenswert – 10: Völlig daneben, unangebracht
(0: Kein Fehlverhalten.)

Aufgefallen:

  • Die Minima und Maxima gehen weit auseinander, für fast jedes Verhalten gibt es Schüler, die das Verhalten als äußerst harmlos sehen, und andere Schüler, die es weit ernster gewichten.
  • Das Minimum für die durchschnittliche Gewichtung all dieser Verhalten liegt bei 2,05 hat, das Maximum bei 5,68. Das heißt, manche Schüler finden ein sehr breites Spektrum an verhalten durchaus akzeptabel, andere nicht.

Wie gewichtig sind folgende Reaktionen von Lehrern auf falsches Verhalten von Schülern? Das heißt, ist das eine einfache Kritik oder eine einer größeren Sache angemessene Strafe?
1: Kleinigkeit – 10: Sehr ernste Strafe

Hier kannst du Beispiele für Lehrerverhalten angeben, von dem du glaubst, dass es unangemessen ist. Wie falsch ist das Benehmen?

Aufgefallen:

  • Ähnlich wie oben gehen die Einschätzungen dessen, wie ernst eine Lehrreaktion ist, weit auseinander. Das gilt auch dafür, wie unangebracht Lehrerverhalten ist.

Kunst und Krempel: Meine Opiumpfeife



Auch wenn sie nicht fachgerecht restauriert wurde und die Hintergrundgeschichte nicht gesichert ist: Mein privates Stück Kunst und Krempel.
Die Pfeife hat meinem Großvater gehört; benutzt hat sie keiner von uns.

William Golding, Lord of the Flies (und ein bisschen Madagaskar)

Herr der Fliegen war zu meiner Schulzeit eine häufige Klassenlektüre; ich kannte den Namen und den Inhalt, auch wenn ich das Buch nie gelesen hatte. Außerdem kannte ich “William Golding” aus den Regalen der Buchhandlungen, wo ich lange Zeit auf der Suche nach Büchern von William Goldman war. Golding kam direkt davor und noch häufiger ganz anstelle von Goldman. Und schließlich kannte ich das Buch noch aus Science-Fiction-Literaturgeschichten: Bei den Dystopien und Apokalypsen wird auch gerne mal Lord of the Flies aufgezählt. Immerhin spielt das Buch vor dem Hintergrund eines eben ausgebrochenen, möglicherweise atomaren Krieges.
Ein Freund und Mitschüler war schwer beeindruckt von Herr der Fliegen; als Referendar sah ich mal eine Theaterfassung davon; vor ein paar Wochen habe ich das Buch dann endlich gelesen.

Ich fand es sehr gut. Allerdings musste ich nach jedem Kapitel einen Tag Pause einlegen, so sehr hat mich das Buch mitgenommen. Vielleicht deshalb, weil alles so unausweichlich scheint. Die Prämisse: Eine große Zahl englischer Schüler im Alter von vielleicht sechs bis zwölf Jahren landet (im Zuge einer Evakuierung mittels Flugzeug) schiffbrüchig auf einer Insel. Die Kinder versuchen, zurecht zu kommen, Nahrung zu finden und Behausungen zu bauen, Regeln für das Zusammenleben aufzustellen und ein Signalfeuer aufrecht zu halten. Und das geht alles ganz furchtbar schief. Kooperation entwickelt sich nicht, zielgerichtetes Handeln, das nicht auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, ist den meisten Kindern unmöglich. Es gibt zwei rivalisierende Anführer mit zwei rivalisierenden Vorstellungen vom Leben auf der Insel. Der eine steht für vernunftbasierte Ordnung und den Wunsch nach Rückkehr. Der andere steht für eine gewaltbasierte Hierachie und Aberglauben – und scheint die Insel der Zivilisation vorzuziehen. Nach und nach schließen sich fast alle Kinder der wilden Seite an.

Für die Schule geeignet: Das Buch ist voller Symbole. Das Signalfeuer als Symbol der Hoffnung auf Rettung und des Wunsches nach Rettung, als Zeichen für Ordnung und Vernunft. Ebenso die Muschel als Symbol der Ordnung: Sie wird zum Zusammenrufen der Kinder verwendet, und nur wer bei den Versammlungen die Muschel hält, hat das Rederecht. Der aufgespießte Schweinekopf, der “Herr der Fliegen” des Titels. Der zweite Tote als rituelles Opfer: Simon geht alleine auf den Berg, hat dort eine Art epileptischen Anfall und eine Vision, und wird von den anderen in einem Ritual getötet, nachdem er zu ihnen herabgestiegen ist. Die Kriegsbemalung, das Verwildern der Kinder. Der Fallschirmspringer.
Für die Schule geeignet: Die Unausweichlichkeit der Handlung. Gibt es Punkte, an denen die Geschichte einen anderen Verlauf hätte nehmen können? Der Konflikt zwischen Ralph und Jack, der von Anfang an besteht: Ließe er sich anders lösen? – Das einzige Fleisch auf der Insel sind Schweine. Bald werden sie getötet, ihr Töten durch rituelle Tänze nachgespielt und der Tanz dann als Jagdzauber verwendet. Auf der fünften Seite erfährt man den Spitznamen eines Kindes (des vernünftigsten, auch wenn er ein Außenseiter ist): “Piggy”. Das kann ja nicht gut gehen.
Für die Schule geeignet: Gerade vor dem Atomkrieg im Hintergrund kann man das Buch sicher auch als Parabel über den Menschen lesen. Aber erstmal ist es ein Buch über Kinder. Wie würde man sich selber in der Situation verhalten? Was würde mit der Klasse passieren, wenn sie auf dieser Insel wäre? Der Gedanke hat allerdings etwas teuflisch Faszinierendes. Vielleicht doch nicht so geeignet.

Am Rande notiert: Der Public-School-Slang der 50er Jahre. Wenn etwas toll ist, dann ist es “wizard” oder “wacco”. “Waxy” ist jemand, der wütend ist.

– Ach ja, Madagaskar. Genauer: Madagascar, der Dreamworks-Film, den ich gestern gesehen habe. Als Film sehr nett, nicht so viele gelungene Scherze wie bei Finding Nemo, auch wenn die Pinguine klasse sind – aber eines hatte der Film für mich, was die anderen Filme alle nicht hatten: Einen echten Konflikt. Alex, der Löwe, und Marty, das Zebra sind Freunde. Sie kennen nur das Leben im Zoo des Central Park in Manhattan, wo sie gefüttert und verwöhnt werden. Wo die Steaks herkommen, weiß Alex gar nicht. Auf Madagaskar wundert er sich über sein wachsendes Hungergefühl. Und statt seiner Freunde sieht er nur noch Steaks. Und fällt im Traum über sie her. Er ist ein Fleischfresser auf Entzug, kann sich nicht mehr kontrollieren und wird zur Gefahr für Marty. Ganz hervorragend hätte ich es gefunden, wenn Alex offscreen zumindest ein paar Lemuren gefressen hätte, oder wenigstens einen Foussa – wie Alex und Marty mit der Scham und Schande umgegangen wären. (Andererseits gibt’s für so was Vampirfilme.)
Das größte Raubtier auf Madagaskar ist tasächlich der Foussa, auch ihn gibt es wie einen Großteil der Tier- und Pflanzenarten dort nur auf Madagaskar. Viele Arten sind vom Aussterben bedroht.

Die Verbindung zum Herr der Fliegen: Die Muschel, mit der alle Lemuren zusammengerufen werden, der Leichnam des Fallschirmspringers, der vom Baum hängt, und die Knochenhand des Königs – der seinen Berater zusammenstaucht, weil der redet, ohne die Hand in Händen zu halten.

Wochenende

Jetzt bin ich erst mal erschöpft. Letzte Neuigkeiten vor dem Wochenende:

Den Mittwoch- und Donnerstagnachmittag verbrachte ich in der Schule, Personalversammlung und Hilfe für die Kollegen beim Benutzen eines neuen Computersystems. Manche Kollegen brauchen mehr Hilfe als andere, und das System hatte auch noch einige auszubügelnde Macken.

Gestern abend bin ich dann noch ein Stündchen mit dem Zug gefahren, die Chorleute auf ihren Musiktagen zu besuchen. (Unter anderem wird dort für das Konzert zum Schuljahrsende geprobt.) Das war schön: Schliersee, Berge, Sonnenschein. Eine Gruppe meiner Schüler hat mich am Bahnhof abgeholt und zum Haus geleitet, das tat auch sehr gut. Ich musste natürlich mit einem dummen Scherz anfangen statt mit einem einfachen: “Schön euch zu sehen.” Na ja. Das Haus selber kannte ich schon von vor ein paar Jahren als Verbindungslehrer beim Klassensprecherseminar. Wunderbar gelegen, viel Terrasse zum Sitzen und viel Rasen zum Fußballspielen. Die Schüler wirkten alle sehr fröhlich – Kunststück, lauter Freiwillige, die gerne das taten, was sie dort tun sollten.

Da war ich, um für das Abendprogramm zu sorgen. Also packte ich meine Square-Dance-Kassette aus dem Studium aus und präsentierte meine spärlichen Square-Dancing-Kenntnisse. Aber für eine knappe Stund langten sie, und danach war eh jeder erschöpft. Das Hoppsen ist ziemlich anstrengend.

(Danach gab’s noch eine halbe Stunde Walzer und so, auf Wunsch einiger Schüler. Ehrlich, ich hatte die Musik nur mal vorsichtshalber dabei, aber wenn mich die Schüler dann schon fragen…)

Malcolm Pryce, The Unbearable Lightness Of Being In Aberystwyth

Nach Aberystwyth, Mon Amour und Last Tango In Aberystwyth der dritte Krimi um Louie Knight, den Privatdetektiv in den mean streets von Aberystwyth. Ein wichtiges Element der Bücher ist die Prämisse: Aberystwyth in Wales ist so etwas wie das Los Angeles von Philipp Marlowe oder San Francisco von Sam Spade. Die Stadt ist von walisischen Barden kontrolliert, von Zeitungsjungen und Eiskremverkäufern bevölkert, gegessen wird Laverbread, in den Nachtclubs wird walisische Tracht getragen und heiße Blondinen hauchen walisisches Liedgut ins Mikrophon. Eine Parodie und Hommage zugleich auf die Pulp Fiction, und Wales wohl auch, obwohl ich mich da nicht so auskenne.

Brillant sind die Bücher nicht, aber unterhaltsam. Und gerade eben habe ich mich wieder gut unterhalten. So wie Philip Marlowe aus einem luxuriösen Spielcasion oder Nachtclub geworfen wird, von Männern in Nadelstreifen, mit dünnen Oberlippenbärtchen und Narben auf der Wange, geradeso wird Louie Knight aus der nur nominell öffentlichen Bibliothek von Aberystwyth geworfen. Von Bibliothekarinnen im Nadelstreifenazug, mit Oberlippenbärtchen und Narben auf der Wange – stimmungsmäßig jedenfalls. Marmorsäulen links und rechts wie beim Sternwood-Anwesen in Tote schlafen fest.

Später wartet dann draußen eine Limousine. Drinnen ein Mann mit Sonnenbrille. Das verspiegelte Fenster wird herunterkurbelt, allerdings etwas ruckartig. “Mit elektrischem Fensterheber sieht’s besser aus”, meint Louie. Der Gangster drin soll ihn zu “Ll” bringen. “Zu wem?” “Ll.” “Wie bitte?” “Ll. So wie M oder Q.” Und dann streiten sie sich, ob “Ll” als Initiale zulässig ist oder nicht, einen Buchstaben darstellt oder mehrere. (Für Nichtwaliser: Die für Wales typische Buchstabenkombination “ll” steht für einen Laut, der etwa “chl” ausgesprochen wird.)

Überhaupt, die Namen. Seit meinem seligen Englisch-LK damals und einer Wegwerfbemerkung des Lehrers kenne ich Dylan Thomas und habe mehrere Radioversionen von Under Milkwood, die ich früher rauf und runter gehört habe. Ich weiß also, wie man “Myfanwy” ausspricht, “Llareggub” kenne ich so gut, dass ich Terry Pratchetts “Llamedos” sofort verstehe.

Randbemerkung: Als Nebenfigur gibt es Rimbaud, einen Patagonien-Veteran. Patagonien ist in der Welt von Louie Knight so etwas wie das Vietnam von Wales. Und dass ich in Rimbaud sofort Rambo entdeckt habe, liegt weniger an meinem blitzgescheiten Kopf als an der Kurzgeschichte “Drunkboat” von Cordwainer Smith von 1962. (Auch zu ihm wäre mal ein Eintrag fällig.) Die Hauptperson darin heißt Rambo, und blitzgescheite Köpfe sollen darin sofort den französischen Dichter Rimbaud erkennen. Natürlich denkt ein heutiger Leser erst mal an Stallone.

Wieder mal Kreatives (Evolution und ID, Linkliste)

Heute wieder ein Tag Informatik, Zusammenfassung eines unserer vier Semester. Wenn wir alle vier durchhaben, gibt’s Examen. Ein bisschen konfus heute, aber viel Galgenhumor. Gelehrt wurde uns von einer neuen Mitarbeiterin am Lehrstuhl, die noch letztes Schuljahr in meiner Informatikklasse zu Gast war – für eine Umfrage im Rahmen ihrer Diplomarbeit. So klein ist die Welt der Informatik noch. (In der Pause haben wir eine echte Studentin Lehramt Mathe/Informatik getroffen. Die einzige ihres Semesters. Viele Lehramtsstudenten gibt es für dieses Fach wirklich noch nicht.)

Und in der SZ auf der Wissen-Seite steht heute Neues zum Kreationismus. (Siehe auch früheren Eintrag und Süddeutsche.de) Man hört auch in Deutschland immer mehr davon, sogar in Büchern für den Biologieunterricht – zugelassen ist davon allerdings bislang keines. Verkauft werden sie allerdings, zumindest in Schubibliotheken dürften sie stehen.

Bah, Humbug. (Wie gesagt, siehe letzten Eintrag.)

Gott will sich nicht beweisen lassen, er will, dass wir glauben. (Meine Prämisse.) Wenn er sich beweisen ließe, entspräche das einer Erpressung zum Glauben. Dann kann man ja nicht anders. (Meine Folgerung.) Da steht er doch drübber.

(Die Prämisse ist bei mir wenig verhandelbar; über die Korrektheit der Folgerung ließe ich mich auf einen Streit ein. Man könnte argumentieren, wer den Beweis nicht sieht, ist verblendet; der Mensch ist ja nicht gezwungen, einen Beweis zu akzeptieren, nur weil es ein waschechter, lückenloser Beweis ist. Auch Humbug, aber da könnte man diskutieren.)

Wenn es für eine Erklärung der Vielfalt der Arten einen Gott braucht, dann ist das ein Beweis für die Existenz Gottes. Den gibt es laut meiner Prämisse nicht. Also muss es auch ohne Gott gehen. Wenn der Kreationismus das zugesteht, darf er im Hintergrund soviel lenkenden Gott postulieren, wie er möchte. Aber er darf nicht so tun, als könnte Intelligent Design die gottlose Evolution irgendwie widerlegen oder ersetzen.

(Leider geschieht genau das durchs Hintertürchen. Intelligent Design oder Kreationismus wird als Alternative, als Ergänzung zur Evolution geschildert, und das so lange, bis Leute glauben, Evolution könnte durch sie ersetzt werden. Es wird nahe gelegt, dass zugleich Intelligent Design wahr und Evolution falsch sein könnte. Intelligent Design lässt sich per Definition nicht widerlegen. Damit kann man sie glauben, aber über ihren wissenschaftlichen Anspruch zu diskutieren ist witzlos. Es wird immer eine gottlose (also: wissenschaftliche) Alternative geben. Das eine ist Glauben, das andere Wissenschaft. Zwei verschiedene Dinge.)

Emma Bull, War For the Oaks

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf dieses Buchgekommen bin. Irgendwer Estara hat es online gelobt als Begründer eines Subgenres der urban fantasy oder so ähnlich, seinen Nachahmern weit überlegen.
Na ja. Ein ganz normaler Mensch, eine Rockmusikerin, wird in einen Streit in der Feenwelt hineingezogen, und all das mitten in Minneapolis. Nicht schlecht, aber nicht so mein Fall. Ich misstraue Rockmusikern, die wissen, wie man “Sidhe” ausspricht und schreibt. “Bodhran” lasse ich zur Not noch für den Wortschatz eines typischen Rockmusikers zu, aber “Sidhe”? (Zur Aufklärung, falls nötig: “sidhe” wird wie “she” ausgesprochen und heißt Elfe, elfisch – irische Elfenwesen allerdings, nicht die von Tolkien oder dem Sommernachtstraum. “Bean-sidhe” ist unter der Schreibung “banshee” bekannter.)
Ich misstraue auch Erzählern, die mehr Blumen und Farbtöne kennen als ich, und ihr Wissen schamlos dazu nutzen, die Kleidung der Hauptpersonen zu beschreiben. Der männliche Held (rauhe Schale, weicher Kern; leidet gerne; toller Liebhaber) zaubert sich für jeden Anlass die passende Kleidung zusammen. Mich erinnert das ein bisschen an das Anziehen von Barbie-Puppen.

Das Buch ist spannend und schön und sentimental, aber ein klein wenig humorlos. Als Rock-Fantasy dann doch lieber George R.R. Martin, Armaggedon Rock, als Urban Fantasy lieber Matt Ruff oder Peter S. Beagle. Die grusligsten Elfen gibt’s bei Terry Pratchett in Lords and Ladies.

Der Hauptgrund fürs Bloggen: Mir sind schon wieder andere Bücher eingefallen beim Lesen. Und zwar all die vielen, wo ein ganz normaler Erdenmensch durch widrige Zufälle in einer anderen Welt landet und dort plötzlich ganz wichtig ist. (Das muss ein Tagtraum aller Menschen sein: So wie man bei Big Brother dadurch zum Star wird, dass man einfach man selber ist und dadurch den Beifall und die Aufmerksamkeit von Millionen verdient – so einfach stellt es sich heraus, dass man ein verlorener Königssohn oder der Heilsbringer einer fremden Welt ist.) John Carter verschlägt es auf den Mars, Carson Napier auf die Venus – aber meine Lieblinge sind immer noch die Bücher von Abraham Merritt. Zwanzig Jahre habe ich sie nicht mehr gelesen. Eines vor allem: Ship of Ishtar, 1924 im Argosy-All-Story-Magazin erschienen. Meine Ausgabe ist die damals in zwei Bänden bei Terra Fantasy erschienene:

Nicht dass wir uns missverstehen: Wir reden von pulp fiction. Eskapistischen Trivialromanen.

Der Archäologe John Kenton, ein Mann unserer Tage[,] verfällt einem uralten Zauber und erreicht eine andere, längst vergangene Welt. Aus seiner eigenen Dimension herausgerissen, findet er sich plötzlich auf einem Schiff wieder, das die Götter dazu verdammt haben, für alle Ewigkeit die Ozeane einer fremden Welt zu befahren.
John Kenton wird Zeuge des Streites der Götter. Auf der Seite Ischtars nimmt er teil am ewigen Kampf zwischen der Göttin der Liebe und der Rache und Nergal, dem Totengott.

Aber besser so von Ishtar gehört als gar nicht. Heute lese ich das Gilgamesch-Epos in meiner Freizeit. Dazu die wunderbaren Illustrationen von Virgil Finlay:

(Siehe auch hier, hier und hier. Und hier und hier. Zwei ganz große Illustratoren: Finlay und Sidney Sime – auch den bitte mal anschauen: hier zum Beispiel.)

In König der zwei Tode gab es einen betrunkenen desillusionierten König, der sich plötzlich doch ein bisschen für Kenton interessiert, weil beide den (wohl erfundenen) chaldäischen Dichter Maldronah zitieren können: “Besser tot sein als leben, sprach er – / Und besser noch, gar nicht zu sein”. Das amerikanische Original klingt besser. Aber gemerkt habe ich mir diese Szene doch zwanzig Jahre lang. Und gerade eben das Buch auf englisch bestellt. Mal sehen, was ich jetzt dazu sage.

NACHTRAG: Jetzt habe ich also Ship of Ishtar wiedergelesen. Schön war’s: Ich war erstaunt, an was ich mich alles erinnerte – nicht über die Menge, aber über die Auswahl an Erinnerungsstücken. Wer das Buch als Teenager gelesen hat, wird sich mit Freude darin wieder entdecken; wer nicht, der sollte die Finger davon lassen. An manchen Stellen, vor allem in der ersten Hälfte, ist es nämlich peinlich schlecht. Nun ja, das ist ja Gottseidank nicht die Hauptsache.