Eoin Colfer, Artemis Fowl (und: Tropen-Lexikon)

In meiner letzten 7. Klasse wusste ich nicht recht, was wir als Lektüre lesen sollten. Ich ließ mich deshalb von Schülern beraten, machte selber Vorschläge, wir stimmten ab (was ich nicht immer so mache) und entschieden uns letztlich für Artemis Fowl von Eoin (ausgesprochen wie “Owen”) Colfer, das erste Buch einer Reihe – auch deshalb, weil das Buch in den Lektürevorschlägen des Lehrplans für diese Jahrgangsstufe aufgeführt war.

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Kurzfassung: Vermutlich werde ich das Buch nicht mehr als Lektüre lesen. Ich fand es nicht besonders gut und mir fiel nicht viel ein, was ich damit im Unterricht machen wollte. Die Artemis-Fowl-Reihe wird viel gelesen, ist ein Bestseller, wird viel gelobt. Vielleicht sind die anderen Bände besser: Ihr Held ist am Anfang zwölf Jahre alt, hochintelligent und sehr reif; unterstützt von einem treuen, kampferprobten Butler lebt er in einem alten irischen Schloss und plant seine verbrecherischen Raubzüge. Am meisten zu holen gibt es bei den Unterirdischen – der Welt der Feen, Elfen, Trolle.

Die erste Seite hat mir schon mal nicht gefallen: Im Prolog taucht der Rahmenerzähler und fiktive Herausgeber auf, ein Doktor der Psychologie, der indirekt als klischeehaft trottelig charakterisiert wird. Hilflos steht er vor Artemis’ geistiger Überlegenheit: “[Artemis] hat die gelehrtesten Mediziner zur Verzweiflung gebracht, und so manche von ihnen sind in ihren eigenen Irrenhäusern gelandet.” Solche Pseudowissenschaftler kann ich nicht ernst nehmen, und damit auch indirekt ihren Widersacher nicht.

Kapitel 1 beginnt dagegen, mit einem sehr schönen Satz: “Ho Chi Minh City im Sommer.” Zugegeben, die Übersetzung hat mich geärgert: Es heißt “Ho Chi Minh Stadt” und nicht “City”. Trotzdem: So ein Anfang überrascht mich bei einem Buch, in dem es um Elfen und Trolle geht.
Das ganze erste Kapitel ist dann auch ein schöner Indiana-Jones- oder James-Bond-Anfang, eine Pre-Title-Sequence, in der erst einmal ein paar Prämissen aufgestellt und Personen vorgestellt werden, man sieht förmlich danach die Titelsequenz abrollen.

Die letzten Kapitel des Buches sind dagegen ein reiner Ego-Shooter, komplett mit Endgegner. Ich habe mich wirklich an Quake-Sitzungen erinnert gefühlt. Das war ziemlich langweilig, auch weil das halbe Schloss dabei demoliert wurde. Nicht durch Magie, sondern durch banale Schusswaffen und Raketen oder brachiale Monster-Körpergewalt.

Dazwischen gibt es ein wenig Handlung und einige Charaktere. Und die waren es besonders, die mir das Buch so uninteressant machten. Es hat mir zwar gut gefallen, dass die unterirdische Elfenwelt so ganz und gar nicht märchenhaft. Stattdessen ist sie reine Polizei-Fernsehserie, aber leider mindestens so flach, wie man sie aus Fernsehserien kennt: Der ruppige Chef mit dem Herz auf dem rechten Fleck, der flippige Computerspezialist (hier ein Zentaur und kein Edelpunk wie bei Navy CIS, aber das Prinzip bleibt gleich), die Polizistin, das Bürgermeisterbüro, das politischen Druck ausübt. Unterstützt wird Artemis, der mich nicht von seiner Genialität überzeugt hat, von einem bedingungslos gehorsamen Butler wie aus dem Söldner-Katalog. Ne, hat mich nicht überzeugt. Das Buch ist vielleicht etwas für Jungs, die sonst nicht viel lesen – und hat deshalb vielleicht doch als Schullektüre seinen Wert.

Beigefügt ist dem Buch eine lange Botschaft in einer monoalphabetischen Ersetzungschiffre (wie wir Leute gerne sagen, die einen Einführung in die Kryptographie im Regal stehen haben). An sich lobenswert, früher habe ich mich auf solche Rätsel gestürzt, aber in WWW-Zeiten macht es keinen Spaß, wenn man genau weiß, dass die Entschlüsselung mit ein paar Mausklicks zu holen ist.

Zwei Bilder zu Ergebnissen von Gruppenarbeit:

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(Handlungsstränge)

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(Spannungskurve)

Als Zuckerl für Leute, die bis hierhin gelesen haben: Das Wiki unter http://tvtropes.org besteht aus einer Sammlung von wiederkehrenden Situationen, Charakteren, Problemen, Tropen, die man aus Fernsehserien oder Romanen kennt. Kann man stundenlang drin lesen. (Das ist was für dich, Estara, viele Tropen stammen aus japansichen Serien.)
Es gibt auch Aufzählungen zu den Tropen in Harry Potter und zu denen in Artemis Fowl. Der Harry-Potter-Beitrag ist interessanter und ausführlicher (von Accidental Kiss, Achey Scars, All Of The Other Reindeer bis zum Wronski Feint), aber hier eine Liste der Tropen, die auch in Artemis Fowl erscheinen:

* Adults Are Useless
* Always Chaotic Eviltrolls.
* Battle Butler
* Enfante Terrible
* Da Chief
* Face Heel Turn
* Heel Face Turn
* Humans Are Bastards
* Turn In Your Badge
* Xanatos Roulette

Details dort nachschlagen.

Kann ich das irgendwie für die Schule verwenden? Würde mich freuen.

9 Antworten auf „Eoin Colfer, Artemis Fowl (und: Tropen-Lexikon)“

  1. > Vielleicht sind die anderen Bände besser

    “Artemis Fowl and the Lost Colony” auf jeden Fall schon mal nicht. Die ersten zwei Drittel sind noch recht amüsant, das letzte Drittel, in der es die meiste Zeit um “inter-dimensional” Zeitreisen geht, ist m.E. einfach nur langweilig.

  2. Sie sind Lehrer? Dann beglückwünsche ich Sie dazu, dass sie es vermutlich geschafft haben, den Kindern eines der spannendsten Exemplare an Jugendliteratur madig gemacht zu haben.

  3. Ist ja schön, dass Ihnen das Buch gefallen hat. Wenn ich das vorher gewusst hätte, wäre mir natürlich klar gewesen, dass meine Meinung die unrechte sein muss.

    (Über die Reaktion der Schüler auf das Buch habe ich übrigens nichts geschrieben. Aber ja, die meistem – vor allem die Mädchen – mochten das Buch tatsächlich nicht besonders. Darf ich mir wieder eine Kerbe in die Schultasche schnitzen, jawoll.)

  4. der ausschnitt vom pingback is einfach toll gewaehlt man muss eifach schauen wer da ueber typisches lehrergejammer schreibt…

  5. OOOOOOOO danke, da fang ich doch gleich an zu lesen. Toll finde ich, dass du überhaupt echte Lektüre liest, in meiner Schulzeit erinnere ich mich nur an Easy Readers bis auf den Leistungskurs E. Ich habe mal mit einer 11. im Referendariat Winnie the Pooh analysiert, das war wirklich interessant. Bei meinen Realknaben habe ich mir das abgeschminkt, aber Easy Reader mögen sie schon.

  6. Ich lese noch immer sehr gern Kinder- und Jugendliteratur, habe viel Spaß mit den Harry-Potter-Büchern gehabt, und dann auch irgendwann zu Artemis Fowl gegriffen – weil es ja immer wieder hochgelobt wurde. War aber sehr enttäuscht. Meine Leseeindrücke entsprechen in etwa den hier im Blog geschilderten, mit dem Unterschied, dass ich die Freiheit hatte, mitten im Buch nicht mehr weiterzulesen, weil ja kein Unterricht davon abhing. Kommt normalerweise sehr selten vor, dass ich was nicht zuende lese.

    Englische Jugendbücher für ca. 7. Klassenstufe? Vielleicht wäre Tamora Pierce eine Möglichkeit – Abenteuer, Ritterromatik, Fantasy, wunderbare Side-Characters in Form von Tieren, keine komplette Schwarz-Weiß-Malerei. Viele kämpferische, weibliche Hauptcharaktere, was ja auch mal ganz nett ist. ;-)
    Ich habe als Kind mit Begeisterung Pierces Tetralogie um die Figur Alanna von Trebond gelesen (“Song-of-the-Lioness”-Quartet), und jetzt vor kurzem in der hiesigen Berliner Zentral- und Landesbibliothek die anderen Zyklen auf englisch in die Finger bekommen: und verschlungen. Pierce mag eine Vielschreiberin sein, aber auf ziemlich hohen und amüsanten Niveau.
    Die vier Bücher von “The Circle of Magic” und die vier dazugehörigen Fortsetzungen “The circle opens” machen großen Spaß, gestalten Magie in einer sehr einfallsreichen, komplett anderen Art als Rowlings HP, zeigen die Interaktion zwischen vier sehr unterschiedlichen Problemkindern… Band vier der “The Circle opens”-Serie, “Shatterglass”, besticht besonders durch den trockenen Humor seiner Hauptfigur, ihre Art, magisch mit Wind und Wetter umzugehen und einem versehentlich entstandenen lebendigen Glasdrachen eines vom Blitz getroffenen Glasbläsers – wie gesagt, die tierischen Nebencharaktere.

  7. Vielleicht kleines Missverständnis: Das Buch habe ich im Deutschunterricht gelesen, nicht in Englisch. In der 6. Klasse habe ich aber The Giggler Treatment gelesen, für die 8. Klasse gibt’s zum Beispiel Coraline von Neil Gaiman. Aber nichts gegen bearbeitete Lektüren; als junger Student stand ich denen sehr versnobt gegenüber, inzwischen bin ich nicht mehr so elitär.

    Annesch, danke für die Lektüretipps. Tamora Pirece sagte mir gar nichts, ich behalte den Namen mal im Ohr.

  8. was soll denn das hier werden?
    haben sie einen an der waffel?
    zitat: Die letzten Kapitel des Buches sind dagegen ein reiner Ego-Shooter, komplett mit Endgegner. Ich habe mich wirklich an Quake-Sitzungen erinnert gefühlt. Das war ziemlich langweilig, auch weil das halbe Schloss dabei demoliert wurde. Nicht durch Magie, sondern durch banale Schusswaffen und Raketen oder brachiale Monster-Körpergewalt.
    …ähm was is da das problem?
    wolln sie, dass ein großer arkaner zauberhut kommt und die apokalypse bringt?
    das is ein affengeiles buch und nur weil sie ´s nich kapieren, müssen sie´s nich runtermachen!
    “schon die erste seite hat mir nich gefallen”…oooooh man!

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