Alles über: Den Lehr- und Lernmittelausschuss

Jede Schule kriegt jedes Jahr einen Etat für Lehr- und Lernmittel. (Was da der Unterschied ist, weiß ich nicht. Das eine für die Lehrer, das andere für die Schüler?) Das ist dieser Etat, zu dem vor einiger Zeit die Eltern etwas beisteuern mussten, bis das ganze gekippt wurde. Auch so eine unüberlegte Aktion. Verwaltet und organisiert wird dieser Etat maßgeblich von derjenigen Lehrkraft, die mit der Betreuung der Lehr- und Lernmittelbibliothek betraut ist. (Das ist eine wichtige Aufgabe, aber keine Funktionsstelle. Deswegen macht man das meist nur ein paar Jahre, und sucht sich dann etwas Honoriertes, etwa Mittelstufenbetreuer. Das bleibt man dann mehr doer weniger auf Lebenszeit.)

Ich habe online keine Zahlen für Bayern dazu gefunden, wie groß dieser Etat ist. Für andere Bundesländer habe ich Werte zwischen 30 und 50 Euro pro Schüler und Jahr gefunden; deshalb schätze ich für Bayern in diesen letzten Jahren des Umbruchs vom G9 zum G8 (wo viele neue Bücher für die Schüler angeschafft werden müssen), dass pro Jahr und Schüler größenordnungsmäßig etwa 40 Euro zur Verfügung stehen. Bei einem Gymnasium von 1000 Schülern sind das also etwa 40.000 Euro. Dafür kauft man ein. Nur zugelassene Lernmittel können von diesem Geld gekauft werden. Während eines kleinen Zeitfensters in den Sommerferien kriegt man dafür von den Verlagen auch einen günstigeren Preis; bestellt man zu einem späteren Zeitpunkt (weil man es verschlafen hat, das Buch erst spät zugelassen wurde oder man unerwartet zusätzliche Exemplare braucht), muss man den regulären Preis zahlen – schließlich gilt auch für Schulen die Buchpreisbindung.

Die verantwortliche Lehrkraft koordiniert die verschiedenen Wünsche der einzelnen Fachschaften. Sonst kann es ja vorkommen, dass die einen den halben Etat verbraten. Ohnehin kann man manches aus den unterschiedlichen Ansprüchen der verschiedenen Fachschaften lernen.

Die Gedichte aus Dead Poets Society – und ein bisschen Textkritik

Im Laufe der ersten Jahre, nachdem ich im Kino Dead Poets Society gesehen hatte, habe ich so ziemlich alle Gedichte, die dort erwähnt werden, zusammengetragen. Ich mag Gedichte, und ich suche gerne. Da waren auch schöne Fundstücke dabei: Seit Jahren überlege ich, ob ich nicht irgendwie Vachel Lindsays ungeheuer rhythmisches mehrstimmiges Gedicht The Congo (A Study of the Negro Race) in den Unterricht kriege. Aber das geht wohl nicht, unter anderem wegen der Frage, wie gut gemeint, aber doch rassistisch das Gedicht ist (Wikipedia dazu).

Irgendwann wollte ich die Gedichte auch mal fürs Web zusammenschreiben. Aber natürlich hat das längst einer getan, hier ist eine Webseite zu den Gedichten aus dem Film (aber nicht über den Film). “The Ballad of William Bloat” ist anscheinend das einzige Gedicht, das mir entgangen ist.

Eines meiner Lieblinsgedichte ist seitdem “Ulysses” von Tennyson, der dramatische Monolog eine gealterten Odysseus, der seine Amtsgeschäfte dem braven Sohn überlässt, um noch einmal auf große Fahrt zu gehen. So endet das Gedicht:

Come, my friends,
‘T is not too late to seek a newer world.
Push off, and sitting well in order smite
The sounding furrows; for my purpose holds
To sail beyond the sunset, and the baths
Of all the western stars, until I die.
It may be that the gulfs will wash us down:
It may be we shall touch the Happy Isles,
And see the great Achilles, whom we knew.
Tho’ much is taken, much abides; and tho’
We are not now that strength which in old days
Moved earth and heaven, that which we are, we are;
One equal temper of heroic hearts,
Made weak by time and fate, but strong in will
To strive, to seek, to find, and not to yield.

Ganz schön heroisch. Kein Wunder, dass mir der chronologisch letzte Conan-Roman (Conan of the Isles von L. Sprague de Camp and Lin Carter) so bekannt vorkommt: da dankt der alte, zum Herrscher eines Reichs aufgestiegene Conan zu Gunsten seines Sohnes ab, um noch einmal auf Abenteuer zu gehen. Etwas weniger martialisch ist da Robert A. Heinleins letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Buch, To Sail Beyond the Sunset, Abschluss der Lazarus-Long-Reihe.

Aus einem anderen schönen Gedicht werden nur die ersten zwei Zeilen verwendet werden, soweit ich mich erinnere. Hier ist die erste von drei Strophen:

The Prophet – Abraham Cowley

Teach me to love? go teach thy self more wit;
     I chief professor am of it.
     Teach craft to Scots, and thrift to Jews,
     Teach boldness to the stews;
In tyrants courts teach supple flattery,
Teach Jesuits, that have travell’d far, to lye.
     Teach fire to burn and winds to blow.
     Teach restless fountains how to flow,
     Teach the dull earth, fixt, to abide,
Teach woman-kind inconstancy and pride.
See if your diligence here will useful prove;
     But, pr’ithee, teach not me to love.

(Siehe auch John Donne, “Song: Go and catch a falling star”, gut gegen Liebesfrust.)

Mir geht es im Moment um die zweite Zeile des Cowley-Gedichts. Die lautet so, wie sie oben steht: “I chief professor am of it.” Geht rhythmisch auch gar nicht anders. Im Web steht an vielen Stellen aber “I am chief professor of it.” Das geht gar nicht. Kinder, traut dem Internet nicht. Dass Groß- und Kleinschreibung, Rechtschreibung und Interpunktion je nach Modernisierung der Quelle unterschiedlich sind, keine Frage. Aber das ist einfach ein Fehler. (In Vers 9 ist noch einer.)

Solche Fehler können natürlich auch bei Büchern vorkommen. Ich erinnere mich noch an meinen Deutsch-Leistungskurs, als wir Faust begannen. Stolz hatte ich meine Ausgabe von zu Hause mitgebracht, noch stolzer las ich auf Aufforderung die vorangestellten Verse, und wurde schon beim ersten Wort korrigiert. “Zueignung, nicht Zuneigung” – ein Lesefehler, wie er bei vielen Schülern vorkommen mag, aber doch nicht bei mir! Tatsächlich war meine Ausgabe fehlerhaft:

zueignung-zuneigung

Man sieht noch meine erboste Bleistiftkorrektur. (Also, dass sie erbost war, sieht man nicht. War sie aber.) Es ist also schon sinnvoll, fürs wissenschaftliche Arbeiten und für die Schule nicht irgendwelche Ausgaben zu nehmen.

Robert Louis Stevenson, The Bottle Imp (im Papierweb)

Es war einmal vor vielen Jahren, da fragte Michael Ende am Lehrstuhl für englische Literaturwissenschaft in Augsburg nach, ob man ihm mit eine Auskunft dienen könnte. Für ein Projekt brauche er Informationen zu den Quellen einer Erzählung von Robert Louis Stevenson, “Der Flaschenteufel”. Aber gerne; ich begann zu recherchieren. Die Geschichte selber kannte ich aus meiner Jugendzeit. Hier fasse ich alles zusammen, was ich damals herausgekriegt hatte; nach ein paar Fehlstarts musste ich eigentlich nur den richtigen Aufsatz finden, der sich genau dieser Frage angenommen hatte.

Inhalt der Stevenson-Geschichte: Schauplatz Hawaii, mit Abstechern nach San Francisco und Tahiti. Ein junger Mann, Keawe, kauft einem alten Mann mit einem schmucken Häuschen eine magische Flasche ab, eine mit einem Flaschenteufel darin: die Flasche erfüllt einem fast alle Wünsche. Der Haken: Wer im Besitz der Flasche stirbt, den holt der Teufel. Man kann sie jederzeit weiterverkaufen, allerdings, und das ist der zweite Haken, nur gegen Münzgeld und immer nur gegen eine geringere Summe als die, für die man sie gekauft hat.
Ursprünglich wurde die Flasche für ein Vermögen gehandelt; als ein früher Besitzer wird Priesterkönig Johannes genannt (dessen Legende in England/USA wohl verbreiteter ist als bei uns; dort heißt er Prester John). Napoleon war wohl ein weiterer Besitzer. Keawe kauft die Flasche für fünfzig Dollar, wünscht sich ein Haus, und erbt daraufhin unerwartet Land und Geld. Das Haus wird gebaut. Er verkauft, wie abgemacht, einem Freund die Flasche weiter.
Keawe genießt sein Leben. Das Haus ist zwar viel zu schön und zu groß, um darin zu wohnen, aber die beiden Verandas sind ganz hervorragend. Schließlich verliebt sich Keawe in Kokua, wirbt um sie, sie nimmt an – und da entdeckt Keawe die ersten Anzeichen von Lepra an sich. Er müsste jetzt sein Haus verlassen und die Hoffnung auf Kokua aufgeben. Stattdessen macht er sich auf die Suche nach seinem Freund, der die Flasche aber schon weiterverkauft hat, und spürt der Flasche hinterher. Immer wieder stößt er auf neu gebaute Häuser und verdächtigen Reichtum. Schließlich landet er bei einem hoffnungslosen jungen Mann, der die Flasche tatsächlich in seinem Besitz hat. Allerdings ist der Preis inzwischen weiter gefallen. Der Mann hatte – aus Gründen, und voller Verzweiflung – die Flasche für zwei Cent gekauft. Und findet jetzt natürlich keinen mehr, der sie ihm für eine einzelne Cent-Münze abkauft. Aus Liebe zu Kokua geht Keawe allerdings auf den Handel ein. Er wünscht sich Gesundheit; die Lepra verschwindet; Keawe und Kokua heiraten.
Richtig glücklich werden sie nicht, da Keawe unter der Last seines Schicksals depressiv wird. Schließlich erzählt er Kokua die Geschichte; sie erzählt ihm, dass es ja noch kleine Münzen als den Cent gibt, etwa französische Centimes. Gemeinsam brechen sie auf. Schließlich kauft Kokua durch einen Mittelsmann (4 Centimes) selber die Flasche (3 Centimes), um an Keawes Stelle dessen Last und Schicksal zu tragen. Als dieser das mitkriegt, will er durch einen anderen Mittelsmann (2 Centimes) die Flasche endgültig in seinen Besitz bringen. Als dieser Zwischenkäufer, ein betrunkener, brutaler und verbrecherischer Seemann, sich erfolgreich eine Flasche Rum gewünscht hat, rückt er die magische Flasche nicht mehr heraus. In die Hölle wird er ohnehin fahren: “So off he went down the avenue towards town, and there goes the bottle out of the story.” (12.500 Wörter.)

Eine schöne Geschichte, eine Novelle eigentlich, Teil der Sammlung Island Nights’ Entertainments (1893). Distanzierter, leicht märchenhafter Tonfall. Hier Wikipedia dazu.

Die Suche nach einer Quelle war spannend. Leider habe ich fast alle Unterlagen dazu am Lehrstuhl gelassen, aber manches kriege ich noch zusammen.

Erstens waren manche Angaben in Artikeln dazu falsch, denn dort hieß es oft, Stevenson habe die Idee aus einem Theaterstück von O. Smith. Wenn man die Bemerkung am Anfang der Geschichte aber richtig liest, weiß man, dass das nur der Schauspieler war, der in einer Bühnenfassung das Stück populär gemacht hat:

Any student of that very unliterary product, the English drama of the early part of the century, will here recognise the name and the root idea of a piece once rendered popular by the redoubtable O. Smith. The root idea is there and identical, and yet I hope I have made it a new thing. And the fact that the tale has been designed and written for a Polynesian audience may lend it some extraneous interest nearer home.

Irgendwann entdeckte ich, dass natürlich schon jemand vor mir die Quellen zu “The Bottle Imp” zusammengetragen und mir die ganze Arbeit abgenommen hatte, so dass ich mir nur die jeweiligen Texte besorgen musste. Das war “The Devious Genealogy of the ‘Bottle-imp’ Plot” von Bacil F. Kirtley in: American Notes & Queries, Vol. IX, Number 5, January 1971. (Vollständiger Text mit Scan-Fehlern hier, einfach nach “bottle imp” suchen, oder sich die Datei als pdf anzeigen lassen.) Der Aufsatz greift Ergebnisse auf, die zuvor von Joseph Warren Beach gesammelt wurden, in: “The Source of Stevenson’s Bottle Imp”. Modern Language Notes 25 (Jan. 1910), p. 12–18.

Nach der Lektüre Kirtleys wusste ich:

  1. Richard John Smith, Spitzname Obi Smith, spielte 1828 in einem erfolgreichen Stück namens The Bottle-Imp.
  2. Dessen gedruckte Form erschien ebenfalls 1828 (Autor: R. B. Peake, Esq); das war die Vorlage für Stevenson.
  3. Für die Vorlage dafür gibt es zwei Kandidaten, beides Übersetzungen desselben deutschen Texts. Erstens “The Mandrake” in: The German Novelists: Tales selected from ancient and modern authors in that language: From the earliest period down to the close of the eighteenth century. Translated from the originals: with critical and biographical notices, herausgegeben von Thomas Roscoe (4 volumes, London 1826), in Vol II, S. 327–366 (Link). Iris Sells sieht in “Stevenson and La Motte Fouqué, ‘The Bottle Imp’ ” in Revue de Littérature Comparée 28 (1954), S. 334–343 diesen Text als Vorlage für das Theaterstück.

    Joseph Warren Beach findet in “The Sources of Stevenson’s Bottle Imp” Belege dafür, dass die Vorlage aber dieser Text war: “The Bottle Imp” in: Popular Tales and Romances of the Northern Regions, Volume 1, London 1823. Dort wird der Stoff in ähnlicher Weise behandelt. Damals kam ich nur schwer an das Buch, habe noch eine Kopie der Geschichte (vom Microfiche) zu Hause. Heute gibt es vollständige Scans (und E‑Text) im Web, dank Digitaldruck gibt es jede Menge Nachdrucke bei verschiedenen Verlagen.

    bottle_imp

  4. Beide Texte sind Übersetzungen von Friedrich de la Motte Fouqué, “Eine Geschichte vom Galgenmännlein” (1810); beim ersten Text ist er als Autor genannt, beim zweiten Text werden die Autoren im Vorwort genannt, die Zuordnung zu den einzelnen Geschichten bleibt aber dem Leser überlassen.

    Inhalt bei Fouqué: Zur Zeit des dreißigjährigen Krieges kommt der junge Kaufmann Reichard nach Venedig, gerät an eine Kurtisane, verprasst sein Geld, kauft das Fläschchen mit dem Galgenmännlein drin. Für 3 Dukaten verkauft er es an seinen Arzt, ohne diesen über das Wünschen und den Fluch zu informieren. Der verkauft ihm die Flasche heimlich als Medizin zurück (2 Dukaten), Reichard jubelt es seiner ehemaligen Geliebten unter, die ihn verlassen hat (1 Dukaten). Die verkauft es ihm unwissentlich und über einen Mittelsmann zurück. Reichard geht nach Rom und versucht erfolglos, das Fläschchen für drei Groschen zu verkaufen; zieht als Soldat in den Krieg zwischen zwei italienischen Kleinstaaten und wird das Fläschchen letztlich für einen Groschen an einen Kameraden los. Versehentlich kauft er es für einen Heller wieder zurück, weil er seine Patronen verspielt hat und er bei der bevorstehenden Kontrolle erschossen werden würde. Eine kleinere Münze kennt er nicht. Reichard zieht durch die Gegend, gerät schließlich an eine merkwürdige Gestalt (teuflisches Aussehen, schwarzes Pferd, blutrotes Wams), der mit Reichard einen Plan vereinbart: er wird einem örtlichen Fürsten ein Monster auf den Hals hetzen, Reichard soll als Retter auftauchen; der Fürst wird ihm aus Dankbarkeit entlohnen wollen und Reichard solle sich wünschen, dass zumindest zwei Halbheller geprägt würden, so dass der Fremde Reichard das Fläschlein abkaufen kann. So geschieht das auch, komplett mit Monster, “einem ungeheuern, griesgrämischen Affen […], der noch überdem ein gewaltiges Hirschgeweih auf den Kopfe trug”. Das Prägen neuer Münzen ist gar nicht nötig, da die Heller in diesem Fürstentum eh nur ein Drittel eines normalen Hellers wert sind
    Reichard trifft den Fremden an verabredeter Stelle, durch eine finstere Höhle zum Schwarzbrunnen, mit dessen Wasser man sich schwarz wäscht. Dort gesteht der Fremde, einen Bund mit dem Teufel geschlossen zu haben und ohnehin in die Hölle zu fahren. Die Flasche wechselt für einen Drittelheller ihren Besitzer. Reichard lebt in Zukunft fromm und ehrenwert. (In der englischen Fassung wird darauf hingewiesen, dass der Fremde Reichard aus edlen Motiven die Flasche abnimmt, um dessen Seele zu retten und dadurch vielleicht auch seine eigene. In der deutschen steht nichts davon.)

    Unterschiede zu Stevenson: Es gibt viel mehr Hin und Her mit der Flasche; die Flasche wird ohne Wissen der Parteien untergeschoben; jeder betrügt den anderen. Bei Stevenson: Liebe statt Habgier als Motiv; kein Betrug; Italien statt Pazifik.
    Gemeinsamkeiten: Die erste Probe beim Flaschenkauf ist die, sich das ausgegebene Geld zurückzuwünschen. Die Flasche kehrt jeweils auf magische Weise zum Besitzer zurück. In beiden Fällen nimmt am Schluss ein Sünder den Fluch freiwillig auf sich.

  5. Als Quelle für Fouqué wird allgemeines Sagengut vermutet. Homunculi, Galgenmännlein, Flaschengeister gibt es viele, und sie haben das Motiv vom Bottle Imp sicher beeinflusst. Aber das konstituierende Element ist doch das, dass man die Flasche immer nur für weniger Geld verkaufen kann. Das findet sich auch in den Deutschen Sagen der Brüder Grimm, Nr. 85, “Spiritus familiaris”. Dieser

    bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Krieg fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Besitzer immer den Sieg hat, auch behütet es vor Haft und Gefängnis. Man braucht ihn nicht zu pflegen, zu baden und kleiden wie ein Galgenmännlein.
    Wer ihn aber behält, bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum sucht ihn der Besitzer wieder zu verkaufen. Er läßt sich aber nicht anders verkaufen als immer wohlfeiler, damit ihm einer bleibe, der ihn nämlich mit der geringsten Münze eingekauft hat.
    Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefährlichen Geist kennenlernte, warf ihn seinem vorigen Besitzer vor die Füße und eilte fort; als er zu Hause ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf.

    Ansonsten läuft die Geschichte bei den Grimms anders ab als bei Fouqué, erschien auch sechs Jahr nach diesem, ist als direkte Quelle also wenig wahrscheinlich.

  6. Quellen für Grimm? Kirtley nennt als Ausgangspunkt eine Episode in den Kapiteln 18 bis 22 in Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens “Trutz Simplex oder Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörtzerin Courasche” (1670). (Auch bei Fouqué spielte die Handlung während des Dreißigjährigen Kriegs.) Auch hier muss man das Fläschlein billiger verkaufen:

    “Ach Frau Courasche!” antwortet er, “es ist hiermit nicht wie mit anderer War beschaffen; sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf, vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie dies Kleinod wieder hingibt, daß sie es nämlich wohlfeiler verkaufe, als sie es selbsten erkauft hat.”

    Das Fläschlein hat magische Fähigkeiten:

    “Frau Courasche! es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der ihn erkauft und bei sich hat, groß Glück zuwegen bringt. Er gibt zu erkennen, wo verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer Handelschaft genugsame Kaufleute und vermehret die Prosverität; er macht, daß sein Besitzer von seinen Freunden geliebt und von seinen Feinden gefürchtet werde. Ein jeder, der ihn hat und sich auf ihn verläßt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor Gefängnis; er gibt Glück, Sieg und Überwindung wider die Feinde und bringt zuwegen, daß seinen Besitzer fast alle Welt lieben muß.”

    Es ist pflegeleicht:

    dann ich hätte gehöret, daß diejenige Zauberer, welche andere Leute in Gestalt eines Galgenmännels bestehlen, das sogenannte Galgenmännel mit wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg verehren müßten. Der Alte antwortet, es dürfte des Dings hier gar nicht; es sei viel ein anders mit einem solchen Männel als mit einem solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte.

    Auch hier findet die Flasche immer wieder ihren Weg zum Besitzer, und der letzte Käufer, der dafür die kleinste Münze gegeben hat, hat Schwierigkeiten damit:

    er konnte ihn aber drum nicht wieder verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs Ende kommen war. Ehe er nun selbst Haar lassen wollte, gedachte er, mir denselbigen wieder anzuhenken und zuruckzugeben, wie er mir ihn dann auch auf dem Generalrendevous, als wir vor Regenspurg ziehen wollten, vor die Füße warf. Ich aber lachte ihn nur aus und solches zwar nicht darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein nicht auf, sondern da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fande er ihn wieder in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack gefunden, bis er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und also seiner losworden.

    Die Parallelen zu der Sage bei Grimm sind so offensichtlich, dass die Grimmsche Version wohl auf die von Grimmelshausen zurückgeführt werden kann.

  7. Weiter zurück geht Kirtley nicht mehr. Grimmelshausen habe durch die Kombination vom Männchen in der Flasche und dem Galgenmännlein (eigentlich der unter bestimmten Umständen gepflückten Wurzel der Alraune) die Urform der Geschichte geschaffen. Laut Kirtley sei ein Kennzeichen des Galgenmännleins: “it must be sold more cheaply than bought; and it brings damnation upon anyone who dies while possessing it.” Das wäre der Ansatzpunkt für weitere Forschung, oder zumindest weiteres Zusammentragen.
  8. Neben Grimmelshausen ist eine weitere mögliche Quelle für Grimm Der leipziger Avanturieur oder eines gebornen Leipzigers eigenhändiger Entwurf seiner Schicksale, 2 Bände 1756. In einer Episode auf Seite 37–43 (Band 2) gibt es zwei Binnenerzählungen. In der ersten geht es um ein Schächtelchen mit unbekanntem Inhalt (stellt sich heraus: eine Fliege, Symbol des Teuflischen), das Reichtum verleiht. Der Besitzer versucht es einmalig loszuwerden an denjenigen, von dem er es hat; der ist aber verschwunden. In der zweiten Geschichte wird dem Erzähler eine schöne neue Hose überraschend billig verkauft; er hat daraufhin viel Glück, wird misstrauisch und entdeckt an der Hose einen Knopf, den man öffnen kann und in dem sich ein merkwürdiger Wurm befindet. Der Beichtvater rät ihm, die Hose weiter zu verkaufen, “um eben so vieles Geld, als [er] dafür gegeben”. Er findet lange keinen Käufer, weil alle entweder meinen, dass für den niedrigen Preis etwas nicht stimmen kann mit der Hose, oder noch weniger dafür zahlen wollen (und das geht in dieser Variante nicht). Es ist wieder ein “abgedankter Soldat”, bei dem der magische Gegenstand am Schluss landet.

Inzwischen war Michael Ende gestorben, ich bereitete mich aufs Examen vor, und aus der weiteren Recherche wurde bis heute nichts. Beim Aufräumen bin ich auf meine wenigen Kopien von damals gestoßen und habe das jetzt mal alles zusammengeschrieben. Könnte man ja mal eine Recherche-Webquest daraus machen, wenn ich nicht eh schon alles hier verlinkt hätte.

Weitere Gedanken und Hinweise:

  • Spielverderber werden natürlich auf Gremlins-Modus umschalten: Was passiert, wenn die Münze ihren Kurs ändert? Geht es nur um den Nennwert? (Vermutlich schon. Könnte man eine schöne moderne Geschichte daraus machen, bei der eine wertvolle Münze mit niedrigem Nennwert gestohlen wird.) Und was passiert eigentlich mit der Flasche, wenn der Besitzer stirbt und zur Hölle fährt? Zu welchem Preis geht es dann weiter?
  • Vergleich mit anderen Deals-with-the-devil-Geschichten: Die Methode scheint mir sicher. Der Teufel kriegt so oder so eine Seele, auch wenn er möglicherweise länger darauf warten muss. Dafür ist es sicher viel leichter, einen ersten Käufer für die Flasche zu finden, als sonst jemanden, der einen Pakt mit dem Teufel eingehen würde. Das Risiko für den Teufel besteht darin, dass er am Schluss die Seele von jemandem kriegt, der ohnehin zur Hölle gefahren wäre, wie es in den Geschichten oben ja auch geschieht.
  • Ich mag Geschichten mit Teufelspakten. Irgendwann wollte ich mal eine Kurzgeschichte schreiben um jemanden, der einen solchen Pakt eingeht: der Teufel führt in eine zauberische Buchhandlung, wo sich der junge Mann so viele Bücher mitnehmen darf (auch seltene Ausgaben, verschollene Werke) wie er will. Bedingung: Wenn er sie bis zum Ende seines Lebens gelesen hat, ist er frei; wenn er vorher stirbt, kommt er in die Hölle. Der junge Mann nimmt sich natürlich zu viele Bücher mit. Das Lesen wird ihm verleidet, er macht es aus Pflicht. Oder: Seine kleine Bibliothek wird gestohlen/fällt einem Brand zum Opfer, er muss also versuchen, diese Bücher, gerne auch in anderen Ausgaben, wieder zu bekommen und zu lesen. Das ist bei manchen Bänden, eben den seltenen, gar nicht so einfach. Die Geschichte würde mit dem jungen Mann beginnen, irrer, fiebriger Blick, der versucht, dem Besitzer eines selten Buches dieses abzukaufen, und ihm deshalb seine Geschichte erzählt. – Inzwischen gibt es das Internet und E‑Texte, und mir sind Bücher nicht mehr so wichtig. Also, falls jemand anderes diese Geschichte schreiben möchte, nur zu.
  • Sollte man die Flasche für einen Cent kaufen? Nein, weil man sie ja nie wieder loswerden würden. Sollte man zwei Cent dafür zahlen? Nein, weil man ja nie einen dummen Käufer finden würde, Transparenz vorausgesetzt, der sie einem für einen Cent abnehmen würde. Sollte man drei Cent dafür zahlen? Nein, weil es ja keinen 2‑Cent-Käufer geben sollte, wie wir gerade gesehen haben. Originelles Beispiel für das (vielleicht nur scheinbare) Paradoxon der angekündigten Hinrichtung.
  • Es gibt ein schön gemachtes Kartenspiel zu Stevensons Erzählung. Man kann es auch online spielen; sieht nach einem Stichspiel mit einer Art Schwarzem Peter aus.

Alles über: Die Respizienz

Respizienz heißt das, wenn die Fachbetreuer sich die schriftlichen Prüfungen ihrer Kollegen (in Kernfächern nur die großen Leistungserhebungen) anschauen.

Das sieht so aus: Der Lehrer lässt eine Schulaufgabe (=Test, große Leistungserhebung) schreiben, korrigiert sie und gibt sie nach spätestens zwei, ab der 10. Klasse drei Wochen den Schülern zurück. Damit hat der Lehrer, wenn ich mal von mir selber ausgehen darf, das Gefühl, seine eigentliche Arbeit erledigt zu haben, und geht den restlichen verwalterischen Aufgaben mit meist nur mäßigem Eifer nach.

Derer sind zum Ersten das Einsammeln der Prüfungen. Bei manchen Klassen dauert das tatsächlich nur Tage, bei anderen läuft man noch nach Wochen einzelnen Schülern hinterher – das hängt davon ab, wie viel Druck der Lehrer macht, wie wichtig es ihm ist.

Danach reift der Schulaufgabenstapel noch beim Lehrer, während der dem zweiten Teil seiner Aufgabe nachkommt: die Schulaufgaben kommen in einen Umschlag, auf dem Klasse, Thema, Notenverteilung und dergleichen notiert werden. Das Datum der Schulaufgabe darauf, das Datum der Rückgabe (das sich kaum ein Lehrer merken dürfte, also nimmt man einfach das erste Datum und addiert 14 Tage), noch ein paar andere Felder ausfüllen und unterschreiben. Vielleicht haben andere Schulen auch weniger vollständige Formulare. Außerdem kommen noch ein oder zwei leere Schulaufgaben-Angaben hinein und – je nach Schule, Fach und Gepflogenheit – eine Musterlösung und ein Erwartungshorizont.
All das führt dazu, dass die Schulaufgabe bestenfalls etwa zwei Wochen nach dem Rückgabetermin beim Respizienten landet (blitzschnell, kommt aber vor), manchmal zwei Monate danach, manchmal auch erst nach neun Monaten, also zum Schuljahresende.

Dann schaut sich der Respizient die Schulaufgaben an – auch das bestenfalls möglichst schnell, damit er dem Lehrer bald Rückmeldung geben kann. Manchmal dauert das allerdings auch länger. Von früheren Fachbetreuern, auch in anderen Fächern, bin ich gewöhnt, dass man gar keine Rückmeldung kriegt. Heißt das, dass man alles schon halbwegs richtig gemacht hat? Oder dass sich niemand das Zeug überhaupt angeschaut hat? Manchmal gibt es auch in der Fachsitzung eine pauschale Rückmeldung für alle Lehrer: sorgfältiger korrigieren, mehr auf Zeichensetzung achten, bitteschön nicht zu sehr von der üblichen Punkteskala abweichen.

Bei mir – ich bin Juniorfachbetreuer Deutsch – sieht das so aus: Ich schaue mir pro Schulaufgabe eine kleine Menge an Schülerarbeiten an. Mindestens eine gute, eine schlechte, eine mittlere; meist noch eine dazu, manchmal auch zwei, aber keinesfalls eine von jedem Thema und jeder Note – dafür ist diese Arbeit dann doch nicht wichtig genug. Wenn ich die Klasse kenne und neugierig bin, sind es mehr Arbeiten; ebenso, wenn mir etwas auffällt oder unklar ist.
Außerdem rechne ich oft den angegebenen Durchschnitt nach. Man sollte nicht meinen, wie oft da falsch gerechnet wird.
Bei den Schülerarbeiten achte ich darauf, wie sorgfältig korrigiert wurde, ob die Note zum Aufsatz und zur Begründung passt, ob das Thema mit dem Lehrplan vereinbart werden kann. Außerdem stelle ich fest, aber das bislang nur so vor mich hin, welcher Kollege den Genpool des Aufgabenordners mit neuem Material befüllt und wer sich wieder nur an den alten Themen bedient. Es gibt da eine Zeichnung zur Textsorte “Unfallbericht auf Basis von Zeugenaussagen”, die ich in meinem ersten oder zweiten Jahr an der Schule angefertigt habe und bei der ich mich jedesmal wieder freue, wenn ich sie sehe.

Kommentare und Ergänzungen von mir sind in grün. Ah! Schon zu meiner Schulzeit hieß es immer, grün sei die Farbe des Direktors. Daher kommt das also.

Dann tippe ich meine Erkenntnisse in ein Datenbank-Dokument: Schuljahr, Klasse, Lehrkraft, Textsorte und dergleichen; die Notenverteilung, den Durchschnitt, einige Dropdownfelder (Rückgabe: “angenehm rasch”, “rechtzeitig”, “verspätet”, “so verspätet, dass Konzept Respizienz ad absurdum geführt”); natürlich auch einen frei geschriebenen Kommentar. Dann zwei Exemplare dieser Seite ausdrucken, eines wird mit “Rau” unterschrieben und kommt zum Schulaufgabensatz, der dann an die Schulleitung weitergeht; das andere wird mit “Thomas” unterschrieben, eventuell mit zusätzlichen handschriftlichen Ergänzungen versehen. Dieses Exemplar kriegt der Lehrer als Rückmeldung in sein Fach gelegt.

Warum der Zettelkram? Weil ich ohnehin eine Rückmeldung für die Schulleitung verfassen muss, auch wenn die nur aus ein paar handschriftlichen Zeilen bestehen könnte. Und vor allem, weil ich es aufgegeben habe, die vielen Kollegen abzupassen und ihnen zwischen Tür und Angel etwas von einem Spickzettelchen vorzulesen – ich bin immer wieder mal nicht da, die sind immer wieder mal nicht da; es kann sich ziehen, bis man sich wieder mal begegnet.

Warum die Datenbank? Zum einen, weil ich ich mit Datenbanken (Open Office Base, das Quasi-Äquivalent zu MS Access) üben möchte. Zum anderen, weil es nicht mehr Aufwand macht, meine Bemerkung da hinein zu tippen als in ein Textdokument. Und vor allem deshalb, weil ich so einen Überblick gewinne – zum Beispiel darüber, in welchen Jahrgangsstufen nie eine 1 oder 6 gegeben wird.

Warum überhaupt Respizienz? Damit es eine Instanz gibt, die wenigstens halbwegs einen Überblick hat, welche Themen zu oft dran kommen, welche vielleicht gar nicht lehrplankonform sind, wie unterschiedlich die Kollegen korrigieren (oder auch nicht). Als Ansprechpartner bei schwierigen Entscheidungen. Viel ist aber reine Formsache.

Nachtrag 2021: Formal hat sich nicht viel geändert. Allerdings wird nicht jede Schulaufgabe mehgr gründlich angeschaut, sondern manche nur oberflächlich – ehrlich gesagt: das war schon immer so. Es sind immer weitere Aufgaben auf Fachbetreuung und andere zugekommen, so dass bei der Respizienz gespart wird. Schadet auch nicht. Außerdem werden immer mehr Prüfungen parallel geschrieben, bei uns in Deutsch insbesondere in 10, 11 und 12 und teilweise 9 – da kann man davon ausgehen, dass die Kollegen und Kolleginnen sich ja ohnehin absprechen.

Stein, Schere, Papier – die Auswertung

Anfang Juli habe ich in diesem Blog ein kleines Informatikprojekt für das Ende der 10. Klasse vorgestellt: In Java habe ich ein Stein-Schere-Papier-Turnier programmiert. Dabei treten in mehreren Duellen verschiedene STRATEGIEN gegeneinander an. Kernstück ist die Klasse STRATEGIE, die die wichtigsten Methoden enthält, um anhand von Punktestand, Rundenzahl und der vergangenen eigenen Entscheidungen und vor allem denen des Gegners entscheiden zu können, was man jeweils in der nächsten Runde spielt: Stein, Schere oder Papier.

Hier der alte Blogeintrag dazu, der das Konzept ausführlicher vorstellt.

Jeder Schüler musste eine Unterklasse zu STRATEGIE schreiben, und da eine Unterklasse alle Methoden der übergeordneten Klasse erbt, stehen diese den Schüler-Strategien ebenfalls zu Verfügung. Hier das endgültige ursprüngliche, inzwischen in einer neueren Version vorliegende Klassendiagramm:

stein-schere-papier-turnier
Hier schreibe ich die Ergebnisse zusammen, allein schon mal deshalb, weil ich das Projekt am 4. Informatiklehrertag in Passau (5. Oktober 2009) in einem Workshop vorstelle.

17 Schüler-Strategien waren funktionstüchtig, 1 war nicht so weit, dass ich sie reparieren konnte, 2 Schüler (mit die erfahrensten am Computer) waren leider nicht da zum Turnier. (Weitere 2 Schüler waren beurlaubt/nicht mehr in der Klasse.) Außerdem nahmen fünf Gaststrategien, die ich hier übers Blog erhalten habe, am Turnier teil.

Das Turnier: Ohne Zufall; einmal jeder gegen jeden; jeweils 100 Runden. 2 Punkte für Sieg, 1 für Gleichstand (also wenn beide das gleiche wählen), 0 für Niederlage. Das heißt, dass bei jedem Duell 200 Punkte in einem Nullsummenspiel zu vergeben sind – wenn der eine Spieler 160 Punkte macht, muss der andere 40 kriegen. Im Schnitt macht jede Strategie 100 Punkte pro Duell, also 1,0 Punkte pro Runde.

Da keine Strategie einen Zufallsgenerator benutzen durfte, sind die Spiele determiniert – es kommt bei jedem Turnier gleicher Länge genau das gleiche Ergebnis heraus. Optional kann man eine Zufallsstrategie mitspielen lassen. Dann schwanken die Ergebnisse ganz leicht, aber wirklich nur leicht. Die Zufallsstrategie hat immer etwa 1,0 Punkte pro Runde – was kein Wunder ist. Egal, gegen wen oder welche Strategie eine reine Zufallsstrategie spielt, sie gewinnt immer etwa ein Drittel der Runden, zieht bei einem weiteren Drittel gleich und verliert etwa ein Drittel, kriegt also 100 von 200 Punkten. Es ist schwer, eine Zufallsstrategie zu schlagen. Es ist aber auch schwer, von ihr geschlagen zu werden.

Deswegen durfte ja keine mitspielen. Von Menschen geschriebene, determinierte Strategien neigen dazu, in Mustern zu spielen oder bestimmte Entscheidungen häufiger als andere zu treffen. Wenn eine andere Strategie diese Muster erkennen kann, ist sie im Vorteil.

Die Gewinner: Hier alle Teilnehmer und ihre durchschnittliche Punktezahl, angeordnet von der Strategie mit den wenigsten Punkten bis zum Sieger:

Vicky hat 0.7361905 Punkte.
Kilis hat 0.7704762 Punkte.
Emanuel hat 0.78095233 Punkte.
Huhuu hat 0.8295238 Punkte.
gemeiner Stein hat 0.91571426 Punkte.
Serienkiller hat 0.9190476 Punkte.
Alex hat 0.92904764 Punkte.
Held hat 0.93 Punkte.
Lisa hat 0.9671428 Punkte.
loW hat 0.96952385 Punkte.
Julia hat 0.97761905 Punkte.
Shakespeare hat 0.9809524 Punkte.
Jonas hat 0.98761904 Punkte.
Der Deufel hat 0.99333334 Punkte.
Jandl hat 1.0052382 Punkte.
Melanie hat 1.0290476 Punkte.
Roman hat 1.0738095 Punkte.
Tobi hat 1.0909524 Punkte.
Die Antistrategie hat 1.1057142 Punkte.
Niklas hat 1.1380953 Punkte.
Zeras Strategie hat 1.2952381 Punkte.
Nicht-mein-Tag-heut hat 1.5747619 Punkte.

Platz 1, “Nicht-mein-Tag-heut” und Platz 2, “Zeras Strategie”, sind beides Gaststrategien; die beste Schüler-Strategie, “Niklas”, landet auf dem dritten Platz. Süßwarenpreise wurden an die bestplatzierten Schüler verteilt.

Ein Schnitt von 1,57 heißt, dass “Nicht-mein-Tag-heut” 57 Prozentpunkte häufiger gewonnen als verloren hat (also zum Beispiel 57% Siege, 43% Gleichstand, 0% Niederlagen; oder 78,5% Siege, 0% Gleichstand, 21,5% Niederlagen).

Variationen:

  1. Die Langstrecke: Wenn man statt 100 über 1000 Runden spielt, den Strategien also mehr Zeit gibt, die Muster der anderen zu erkennen, verändert sich dann die Rangfolge?
  2. Zufallsstrategie als Teilnehmer: Dadurch ändert sich nicht viel, außer dass es immer einen Teilnehmer gibt mit einem Schnitt von etwa 1,0 Punkten. Wer besser ist als diese Strategie, der war erfolgreich, wer schlechter ist, nicht.
  3. Das Überleben der Tüchtigsten: Nach dem ersten Turnier findet ein zweites statt, an dem nur die teilnehmen, die im Turnier zuvor einen besseren Schnitt als 1,0 hatten. Danach macht man ein drittes Turnier, und notfalls weitere, bis man zum Schluss nur noch zwei überlebende Strategien hat.
  4. Tag team: Mehrere Instanzen der Strategien spielen gegeneinander. So kann eine Instanz der anderen Punkte zuschanzen. Variante: Das geht auch, indem man mehrere verschiedene Strategien ins Turnier zuschickt, von denen einige nur Unterstützer sind und der Hauptstrategie ihre Punkte geben.
  5. Einzelduelle: Auch die Gewinnerstrategie gewann im Einzelduell nicht gegen alle Mitspieler. Tatsächlich spielte sie gegen eine andere Strategie unentschieden und verlor gegen zwei weitere. Platz 4 , “die Antistrategie”, gewann gegen 12 Mitspieler und verlor gegen 7 (bei 2 Gleichstand), der besser platzierte Platz 3, “Niklas” dagegen gewann nur gegen 10 Strategien (bei viermal Gleichstand und 7 Niederlagen). Wie ist das zu erklären? “Niklas” hatte zwar seltener mehr Punkte als sein Gegner, aber wenn er das hatte, dann räumte er wohl mit deutlicherem Abstand ab als “die Antistrategie”. Hier sieht man die Ergebnisse der einzelnen Duelle in einer Matrix. Was fehlt, ist der Abstand zwischen Gewinner und Verlierer, und der ist für die Gesamtpunktzahl und die Rangfolge sehr wichtig.
    stein-schere-papier-turnier_ergebnis
    Rot heißt Niederlage, bzw. Gewinn für Spieler 2. Blau heißt Sieg, bzw. Gewinn für Spieler 1. Gelb ist Gleichstand.

Die Analyse: Warum gewinnen manche Strategien? Was gab es überhaupt für Strategien?
Es gab simple und komplexe Strategien. Bei den Schülern ging das von 16 bis 151 Zeilen Java-Code. Die siegreichen Gaststrategien hatten über 200 Zeilen. Generell haben die komplexen Strategien besser abgeschnitten als die simplen. Bis auf “Niklas”, die beste Schülerstrategie, die gegen den Gewinner “Nicht mein Tag heut” sogar Gleichstand schafft. Ich habe nicht die geringste Ahnung, warum “Niklas” so gut abschneidet. Die Strategie wählt in der ersten Runde “Papier” und in allen nachfolgenden Runde genau das gleiche, was der Gegner in der Runde zuvor gewählt hat. Also: nicht das Gegenteil dessen, sondern das gleiche. Gegen eine simple Nur-Stein-Strategie würde “Niklas” immer mehr oder weniger einen Durchschnitt von 1,0 erbringen, also Gleichstand. Tatsächlich verliert “Niklas” gegen 7 Strategien (nur knapp?) und gewinnt gegen 10 (dafür hoch?). “Deufel”, “Antistrategie”, “Melanie”, “Serienkiller”, “Jandl” und “Roman” gewinnen öfter als “Niklas”, haben aber jeweils weniger Punkte im Endergebnis.

Die Gewinnerstrategie “Nicht-mein Tag-heut” gewinnt gegen 18 andere Strategien, spielt unentschieden gegen “Niklas” und verliert im Duell lediglich gegen “Roman” und “Melanie” – allerdings nur auf die Standarddistanz, bei 1000 statt 100 Runden gewinnt in allen Fällen “Nicht-mein-Tag-heut”, wenn auch unterschiedlich knapp (gegen “Niklas” mit nur 1 Spiel Unterschied, gegen “Melanie” mit 11, gegen “Roman” mit 93).

Lässt man nur diese vier gegeneinander spielen, gilt für die erreichte Gesamtpunktzahl allerdings: Niklas > Nicht-mein-Tag-heut > Melanie > Roman, auch auf der 1000er-Langstrecke. Auf der 10.000er-Strecke überholt “Melanie” bei diesem Vierkampf sogar “Nicht mein Tag-heut”.

(“Melanie” geht ähnlich vor wie “Niklas”; die Strategie wiederholt die Züge des Gegners jeweils 5 Runden versetzt.)

Einfache und komplexe Strategien: Komplexe Strategien sind die, die so kompliziert sind, dass ich aus dem Programmcode erst einmal nicht schlau werde. Dazu gehören zum Beispiel “Roman”, “Zeras Strategie” und “Nicht-mein-Tag-heut”. “Roman” ist mir sehr sympathisch; möglicherweise steckt aber noch ein (semantischer) Programmierfehler drin, so dass die Strategie gar nicht das tut, was sich der Programmierer gedacht hat. Hier die Beschreibung des Schülers:

Meine Strategie berechnet das Rückgabeergebnis anhand der vorherigen Entscheidungen des Gegners. Hierfür benötige ich diverse globale und lokale Variablen und Felder (sowohl zwei- und dreidimensional). Einer Erklärung bedarf es bei den Feldern, die am Anfang deklariert werden:

  • zugMod3_counters (zweidimensionales Feld) speichert die Entscheidungen des Gegners (Schere, Stein oder Papier) für „runde %3“. Dadurch kann ich später unterscheiden, wann der Gegner wie gespielt hat.
  • Zum zweiten benötige ich das dreidimensionale Feld zugMod3_wechsel_cnt, indem ebenfalls der „Rundenrest“ und der Wechsel von der vorletzten zur letzten Runde (z. B. von Stein -> Stein, Stein -> Schere, Stein-> Papier…) gespeichert wird.

Nachdem ich diverse Variablen deklariert und initialisiert habe (diese brauche ich meist für den korrekten Speichervorgang in den Listen), schreibe ich vor jeder Entscheidung meinerseits in die Felder, wie sich der Gegner in der letzten Runde entschieden hat. Mit diesen Informationen komme ich ab Runde 3 (vorher wird mehr oder weniger zufällig die Rückgabe über die Nachkommastellen von Pi, die oben in einer Variable gespeichert sind ermittelt) über zwei mögliche Wege zur Rückgabe:

  • Entweder es fällt auf, dass der Gegner besonders häufig ein bestimmtes Ereignis auswählt (z. B. Stein). Für diesen Fall nehme ich dann die optimale Gegenoperation (z. B. Papier)
  • Oder der Gegner wechselt besonders häufig nach einem bestimmten Zug zu einem bestimmten Ereignis (z. B. häufig von Stein -> Papier). Auch für diesen Fall nehme ich die optimale Gegenoperation (hier: Stein)

Bei beiden Rückgabefindungen beachte ich die aktuelle Lage: vorher in die Listen eingespeicherte Werte verlieren mit der Zeit an Relevanz, da die Werte jede Runde (im oberen Teil) mit 0,98 multipliziert werden. Dadurch vermeide ich, dass mich jemand 40 Runden in die Irre führt und ich dann die letzten 60 Runden ganz einfach ausgetrickst werden kann.

Es gab bisher folgende Arten von Strategien:

  1. Zufallsartige passive Strategien: für mindestens 100 oder besser noch 1000 oder 10.000 werden die Züge nach einem Zufallsverfahren festgelegt, zum Beispiel über die Dezimalstellen von Pi. Das ist dann immer noch determiniert, aber es lässt sich kein Muster erkennen und jede Entscheidung tritt etwa gleich oft auf (abhängig von der Art des Pseudo-Zufallsgenerators). Solche Strategien dürften im Schnitt immer 1,0 Punkte machen, eben ähnlich wie echter Zufall.
    (Die Terminologie aktiv/passiv habe ich vom Programmierer von “Nicht-mein-Tag-heut” übernommen.)
  2. Einfache passive Strategien: Stein, Schere und Papier werden nach einem mehr oder weniger simplen Muster wiederholt, ohne dass die Züge des Gegenspielers dabei eine Rolle spielen. Solche Strategien können gegen mustererkennende Strategien hoch verlieren. Streng genommen gehört auch der Pseudozufall hierher, nur dass da die Wiederholung erst sehr spät (effektiv: gar nicht) eintritt.
  3. Einfache aktive Strategien: Das sind solche, die ihre Entscheidung jeweils von einer konkreten Entscheidung des Gegners abhängig machen (der letzten, oder vorletzten oder fünftletzten; vielleicht auch der letzten zwei oder drei). Manchmal erstaunlich erfolgreich (“Niklas”, “Melanie”), manchmal nicht (“Deufel”).
  4. Komplexe aktive Strategien: Die versuchen, Muster in den vergangenen Entscheidungen des Gegners zu erkennen. Im einfachsten Fall zählt die Strategie nur mit und reagiert auf die relativen Häufigkeiten der bisherigen Entscheidungen; bei anspruchsvolleren Strategien, wie den beiden Gewinnern, wird gezielt nach bestimmten Arten von Mustern gesucht. Das ist bisher am erfolgreichsten.

Schönheitsfehler: Manche Strategien funktionieren erst bei Duellen mit mindestens 10 oder 12 Runden und sind auf kürzere Duelle nicht eingerichtet; andere melden Fehler bei Duellen, die länger als 200 Runden sind. Das ist kein großes Problem, da für das Turnier von Anfang an Duelle von 100 Runden angesetzt waren. Allerdings ist es auch spannend, wie sich das Verhältnis der Strategien auf längeren Distanzen wandelt. Nächstes Mal daran denken.

Gute Idee: Jeder Schüler musste eine Textdokument abgeben, dass seinen Namen enthielt, seinen Programmcode, und eine Beschreibung dessen, wie die jeweilige Strategie vorgeht. Das war sinnvoll, denn manchmal führten leicht behebbare Programmierfehler dazu, dass sich das Programm anders verhielt als beschrieben. Außerdem sollten die Schüler erklären, warum sie sich für diese Strategie entschieden hatten. So werden die Schüler mit dem Thema Dokumentation vertraut gemacht.

Hilfreich: Diesmal haben die Schüler recht rasch das Modulo-Rechnen kapiert. Viele Strategien benützen etwas wie: “jeder 5. Zug” – und das geht am einfachsten mit modulo 5, in Java etwa: if (rundeMitteilen()%5==0). Modulo-Rechnen heißt, den Rest bei der Division auszurechnen. 17 modulo 5 (17%5) ist 2, weil ein Rest von 2 bleibt; 39%5 ist 4, 40%5 ist 0.

Durchführbarkeit: Der Stoff der 10. Klasse ist zu viel für die Schüler. An ein Projekt ist dabei eigentlich kaum zu denken. Lehrplan und Buch gehen davon aus, dass fähige Schüler die Klassen TURNIER und DUELL und STRATEGIE ganz oder teilweise selber programmieren. Vielleicht. Sehr vielleicht könnte man das die Schüler selber programmieren lassen. Aber die Zeit dazu hat man nie und nimmer. Ich habe meine Schüler dann doch nur ihre eigenen Strategien schreiben lassen. Manche haben es sich leicht gemacht, andere haben es sich schwer gemacht. Immerhin ist für jeden etwas dabei. Man braucht eigentlich nicht viel Zeit, trotzdem hatte ich nicht genug davon und musste hetzen – und es gab keine Gelegenheit, die Strategien nach dem ersten Turnier zu verbessern. Ich hatte zwar den ganzen Juli dafür veranschlagt, aber wegen Konferenzen und anderer Sperenzen gab es in diesem Monat kaum Informatikunterricht.

Für die Zukunft: Das ganze kann man wiederholen, die neue Schulklasse kann sich dabei durchaus an den Gewinnern des Vorjahres messen. Aber mit noch mehr Zeit. Als Alternative zu Stein-Schere-Papier kann man das Gefangenendilemma wählen, aber auch Finchley Central, allerdings wohl mit Zufallsgenerator. Das Spiel, auch per Post spielbar, geht so: Jeder Spieler nennt gleichzeitig einen der Bahnhöfe der Londoner U‑Bahn. Wird ein Bahnhof mehrfach genannt, scheiden alle Spieler aus, die ihn genannt haben. Es gewinnt derjenige, der als Erster – aber eben auch als Einziger – den Bahnhof “Finchley Central” wählt. Man kann also ein Spiel gewinnen, indem man im ersten Zug “Finchley Central” wählt – solange man das als Einziger macht. (Als Bonn noch Hauptstadt war, hieß die deutsche Variante “Immenburg” und wurde mit Bonner Bahnhöfen gespielt.)

Oder gleich das ganz Jahr aufs Spielen ausrichten: Wenn ich noch einmal eine 10. Klasse kriege, mache ich das nämlich anders. Peter Brichzin hat ein Konzept entwickelt, bei dem die Schüler nach und nach ein Pacman-Spiel entwickeln und dabei fast alle Inhalte des Lehrplans lernen. Man braucht dazu nur BlueJ mit einer kleinen Erweiterung. Die Schüler erhalten dazu eine PDF-Datei mit Anleitung und Aufgaben. Sehr schön gefällt mir, dass an bestimmten Stellen immer wieder aufgefordert wird, das bisher Gelernte in einen Hefteintrag zu packen. Nach jedem Kapitel schaut man als Lehrer, ob die Hefteinträge passen. Auch sonst hat man genug zu tun, das ist kein programmierter Unterricht. Schwierige Punkte (Felder vermutlich) wird man zusätzlich erklären müssen. Am Schluss steht ja ein einfaches, aber spielbares Pacman. Das Projekt heißt Krümel und Monster, die Seite dazu ist leider noch im Aufbau. Das PDF- und Java-Material gibt es aber schon, Peter hat es auch schon mehrfach im Unterricht eingesetzt und stellt es bei Fortbildungen vor – so habe ich auch davon erfahren.

kruemelundmonster

Nachtrag: Hier gibt es das Stein-Schere-Papier-Projekt interaktiv. Keine Erklärungen zur Bedienung, Oberfläche ist schlicht gehalten, weil ich mich nicht sehr für Oberflächen interessiere. Die Strategie “Manuell” erlaubt es, als menschlicher Spieler gegen eine oder mehrere Strategien zu spielen. Dafür würde ich die Rundenzahl erst mal niedrig setzen.

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Mervyn Peake, Lean sideways on the wind

Als ich in der 11. Klasse war, hat Englischlehrer rip bei uns unter anderem dieses Gedicht gemacht:

peake_lean_sideways

Für heutige Augen vertrauter:

Lean sideways on the wind

Lean sideways on the wind, and if it bears
Your weight, you are a daughter of the Dawn -
If not, pick up your carcass, dry your tears,
Brush down your dress – for that sweet elfin horn

You thought you heard was from no fairyland -
Rather it flooded through the kitchen floor,
From where your Uncle Eustace and his band
Of flautists turn my cellar, more and more

Into a place of hollow and decay:
That is my theory, darling, anyway.

Mervyn Peake

Copyright the Estate of Mervyn Peake, and quoted with kind permission.

Das Gedicht gefiel mir gut, und als Leser von Science-Fiction- und Fantasy-Romanen las ich ein paar Jahre später Mervyn Peakes bekanntestes Werk, die Gormenghast-Trilogie. Die gefiel mir auch gut, war aber sehr mühsam. Ich habe sie mir herausgelegt, vielleicht schaue ich wieder hinein.

Das Peake-Gedicht von oben habe ich während meiner Bundeswehrzeit zu übersetzen versucht, als ich für einen Monat in die Nachbarkaserne abkommandiert war. Auf einem 5‑Kanal-Lochstreifengerät getippt, neben Nachrichten verschiedener Geheimhaltungsstufen, die ich empfangen, tippen und kopieren musste. Das war ein ganz schönes Gewirr mit diesen endlosen Lochstreifen.

Hier ein Zeugnis dieses ersten Versuchs:

peake_lean_sideways_alt

Man sieht, das Genie ist noch am Reifen. Hier ein aktueller Übersetzungsversuch, an dem ich die letzten Tage über gebastelt habe:

Lehn seitwärts dich am Winde an: wenn dein Gewicht
Er trägt, bist, Tochter, du der Morgenröte Kind.
Wenn nicht, heb deine Knochen auf, putz dein Gesicht,
Streich glatt dein Kleid, denn dieser süße Elfenwind,

Den du zu hören meinst – vom Märchenlande war
er nicht. Er drang vielmehr vom Küchenboden her,
von wo dein Onkel Eustace, er und seine Schar
Flötisten, meinen schönen Keller mehr und mehr

Zu einem Ort der Leere machen, des Verfalls.
So sehe ich die Sache, Liebling, jedenfalls.

Mängel daran:

  1. Das ganze ist jambisch sechshebig statt wie im Original fünfhebig.
  2. Vers 2: Das Füllwort “Tochter”, das allerdings als einzige Stelle das Geschlecht der Angesprochenen klar macht.
  3. Vers 4: “Elfenwind” kann man nicht hören. Allerdings finde ich es legitim, da die Flötisten unten ja auch Wind produzieren. Dass elfischer Hörnerklang im Englischen ein Topos ist und im Deutschen nicht, lässt sich ohnehin nicht retten.
  4. Vers 7: Noch schöner hätte ich “seine Bande/von Flötisten” gefunden. Aber das Metrum ist rein jambisch, die Kadenz stets männlich. Ein Aufeinandertreffen zweier Senkungen (wie bei weiblicher Kadenz und jambischem Beginn des nächsten Verses) wäre gar nicht gegangen; ich fände völlig legitim, den weiblich endenden Vers eine Silbe länger zu machen und dafür dem nächsten die erste Silbe zu kürzen – aber Jambus-Trochäus-Anhänger würden da Zeter und Mordio schreien. Also erst einmal nicht.
  5. Vers 7: Das störende “er”, das nur drin ist, weil ich eine Silbe brauchte.
  6. Vers 8: Das “schönen” ist reines Füllwort und gehört gestrichen.
  7. Den identischen Reim der letzten beiden Verse finde ich lässlich.

Hier eine fünfhebige Variante, die ich etwas zu kurz und knapp finde:

Lehn an den Wind dich an: wenn dein Gewicht
Er trägt, bist du der Morgenröte Kind.
Wenn nicht, steh auf und putz dir dein Gesicht,
Streich glatt dein Kleid, denn dieser Elfenwind,

Den du im Ohr: vom Märchenlande war
er nicht. Er drang vom Küchenboden her,
von wo dein Onkel Eustace und die Schar
Flötisten meinen Keller mehr und mehr

Zu einem Orte machen des Verfalls.
So sehe ich das, Liebling, jedenfalls.

Hm. Vielleicht gefällt mir das Fünfhebige doch besser. Einige schöne Nuancen fehlen, aber dafür gibt’s keine Füllwörter.

Sebastian Peake, der Sohn Mervyn Peakes, betreibt die Webseite http://www.mervynpeake.org. Er hat mir freundlicherweise erlaubt, das Originalgedicht und meine Übersetzungen hier zu veröffentlichen. So einfach ist das, wenn die Verwertungsrechte (und nicht nur das Urheberrecht) nicht bei einem Verlag liegen, sondern tatsächlich bei einem Künstler oder dessen Verwandten.

Demnach können meine Übersetzungen nicht unter der üblichen Creative-Commons-Lizenz in meinem Blog stehen.

Dietrich Weichold, …und nebenbei ein toter Lehrer

Dieses Buch war im Juli bei mir im Briefkasten, ein Ansichtsexempar des Schmetterling Verlags. Auch wenn es an “Tobias Rau” ging, ich lese gerne Krimis, und Bücher im Lehrermilieu obendrein, also: vielen Dank. Außerdem war keine Bitte um Kommentierung in meinem Blog dabei, also schreibe ich gerne etwas dazu.

weichold_toter_lehrer

Das Buch ist ein Kriminalroman. Am Anfang, wie sich das für einen Krimi gehört, gibt es eine Liste der wichtigsten Personen. Wie ich das immer mache, habe ich gleich anhand dieser Liste auf den Täter getippt. Wie meistens lag ich daneben. Das ist allerdings verzeihlich: in diesem Buch geht es gar nicht so sehr darum, den Täter herauszufinden, denn der ist dann doch der, den man meint. Oder bin ich nur zu versiert als Krimileser?

Auf den ersten Seiten findet die Beerdigung des Opfers – eines Lehrers – statt. Ratlosigkeit unter Lehrern und Schülern. Dann ein Sprung zurück, vier Monate, und die eigentliche Geschichte wird erzählt. Cyberbullying, Mobbing. Etwa in der Mitte des Buches geschieht das Verbrechen; der Rest ist Aufklärung durch die Polizei.
Als Krimi ist das Buch etwas enttäuschend. Aber zum Genre Krimi gehört ja auch ein Mehrwert – in jedem Krimi erfährt man etwas über tropische Gifte oder das Leben auf dem Landsitz, oder über einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft oder eine Region. Hier ist es das Schwäbische um Tübingen herum, und das Lehrerkollegium. Kleinstadt und Kultur. Grantler und Nörgler und Besserwisser. Schlangen vor dem Kopiergerät. Eine Schulleitung, die ungewöhnlich ruhig bleibt, als am Morgen des Abiturs eine Leiche gefunden wird – erst der zweite Gedanke gilt dem Abitur (Alptraum jedes Schulleiters), der erste dann doch dem Todesfall. Bewundernswert. Möglicherweise unrealistisch.

Gefesselt haben mich die fiktiven Kollegen allerdings trotzdem nur mäßig. Die sehe ich doch eh jeden Tag. Vielleicht mag ich Lehrer in der Literatur dann doch nur in der grotesken Übertreibung. Am meisten habe ich mich auf die Tagebucheinträge der Neuntklässlerin gefreut, die den meisten der kurzen Kapitel folgen.

Dietrich Weichold war bis 2008 Lehrer für Spanisch, Englisch und Deutsch am Gymnasium. Amazon hat von ihm noch eine Theaterversion vom Hobbit im Angebot und ein kleines book on demand mit Anekdoten aus den 1950ern, das ich mir bestellt habe, weil es sehr interessant klang. Ich bewundere normale Leute enorm (Lehrer etwa), die die Ausdauer haben sich hinzusetzen und einen Roman zu schreiben. Ich komme mir nach den ersten Zeilen gleich so albern vor, dass ich in den letzten fünfzehn Jahren nie mehr geschafft habe.

Alles über: Den Fachbetreuer

Für jedes Fach gibt es am bayerischen Gymnasium einen Fachbetreuer. Bei Fächern mit vielen Lehrern (Englisch, Deutsch, Mathematik) gibt es an größeren Schulen auch zwei davon, quasi einen Junior- und einen Seniorfachbetreuer. Bei kleinen Fachschaften kann auch ein Lehrer die Fachbetreuung in zwei Fächern übernehmen, etwa Geschichte und Sozialkunde oder Wirtschaft und Geographie.

Aufgabenbereich und Verantwortlichkeit des Fachbetreuers nach §23 LDO und ISB-Handreichung “Fachbetreuung”

Die Fachbetreuerin/ der Fachbetreuer unterstützt die Schulleitung in allen das Fach betreffenden Fragen. Dazu gehören folgende Aufgaben:

  • Durchsicht der Schulaufgaben und Kurzarbeiten bzw. in Fächern, in denen keine Schulaufgaben geschrieben werden, die anfallenden Stegreifaufgaben und Kurzarbeiten in einer für die Schulleitung transparenten Form,
  • fachspezifische Beratung bei der Anschaffung von Lehr- und Lernmitteln und der Ausgestaltung von Fachräumen,
  • Information des Fachkollegiums über wesentliche fachliche und didaktisch-methodische Veröffentlichungen, Beratung des Fachkollegiums in fachlicher Hinsicht, Besprechung von didaktischen Fragen des Faches, Organisation von Fachsitzungen,
  • Betreuung der Referendare (an der Einsatzschule) und der nebenberuflichen Lehrkräfte des betreffenden Faches bzw. der Fachgruppe. Die Fachbetreuerin bzw. der Fachbetreuer kann in dieser Aufgabe auf Weisung der Schulleitung durch geeignete Fachkollegen unterstützt werden.
  • Auf Anordnung der Leiterin bzw. des Leiters der Schule Besuch von Unterrichtsstunden, insbesondere im Zusammenhang mit der Dienstlichen Beurteilung von Lehrkräften.

§23 der LDO (Lehrerdienstordnung, zuletzt geändert durch Bekanntmachung vom 31. Januar 2008) lautet:

(1) Soweit Fachbetreuer bestellt sind, unterstützen sie den Schulleiter in fachlichen Fragen, insbesondere bei der Koordinierung des Unterrichts.
(2) 1 Der Fachbetreuer berät die Lehrkräfte in fachlicher Hinsicht, bespricht mit ihnen didaktische Fragen und unterstützt den Schulleiter bei der Überprüfung von Leistungsnachweisen auf Angemessenheit und Benotung. 2 Fachbetreuung darf nicht dazu führen, dass die Lehrkraft in der Freiheit ihrer Unterrichtsgestaltung unnötig eingeengt wird. 3 Die Verantwortung derLehrkraft wird durch die Tätigkeit des Fachbetreuers nicht aufgehoben.
(3) 1 Der Fachbetreuer übt nicht die Tätigkeit eines Vorgesetzten, sondern die eines Beraters aus.
2 Seine Aufgaben schließen keine Aufsichtsbefugnis über die Unterrichtsführung der Lehrkräfte und kein Weisungsrecht ein. 3 Ein Besuch von Unterrichtsstunden durch den Fachbetreuer erfolgt nur auf Anordnung des Schulleiters. 4 Für die Beurteilung der rein fachlichen Leistungen einer Lehrkraft kann der Schulleiter die Ansicht des Fachbetreuers verwerten; die Verantwortung für die Beurteilung trägt der Schulleiter.

Was heißt das in meinen eigenen Worten?

Aufgaben der Fachbetreuer:

  1. Respizienz. In Kernfächern (also Fächern mit Schulaufgaben = angekündigte schriftliche Prüfungen über längeren vorhergehenden Zeitraum, die insgesamt meist 2/3 der Note ausmachen) schaut sich der Fachbetreuer die Schulaufgaben an, nachdem der Fachlehrer sie korrigiert, ausgeteilt, wieder eingesammelt und – das dauert am längsten – sie dem Fachbetreuer weitergeleitet hat. In den anderen Fächern geschieht das auch mit kleinen schriftlichen Leistungserhebungen.

    Die Fachbetreuer schauen sich die Themenstellung und stichprobenartig einige Schüleraufsätze an, ob Lehrplanbezug, Schwierigkeitsgrad, Transparenz der Korrektur passen.

  2. Fachsitzungen. Es müssen mindestens zwei Fachsitzungen pro Schuljahr veranstaltet werden. Da müssen wichtige Sachen verlesen und Entscheidungen gefällt werden.
     
  3. Probeunterricht
     
  4. Betreuung von Referendaren. Das machen oft, aber keinesfalls immer, die Fachbetreuer. Die betreuende Lehrkraft besucht den Unterricht des Referendars und lässt sich von diesem besuchen, gibt Rat und Hilfe, lässt sich die Schulaufgabenentwürfe zeigen und auch die Benotungsvorschläge. Ich bin mir nicht sicher, dass Betreuern und Referendaren immer klar ist, dass letztere in der Regel eigenverantwortlichen Unterricht führen, dass die Vorschläge des Betreuungslehrers wirklich nur Vorschläge sind.
    In der Lehrprobe ist der Betreuungslehrer dabei, darf bei der anschließenden Beratung auch etwas sagen, aber nicht mit über die Note entscheiden. Außerdem unterstützt der betreuende Lehrer die Schulleitung bei der Formulierung des Zweigschulgutachtens für den Referendar.
     
  5. Unterstützung der Schulleitung beim Gestalten. Dazu gehören all die gemischten kleinen Aufgaben, die so anfallen. Geschenklein für scheidende Kollegen. Tag der offenen Tür.
     
  6. Lehr- und Lernmittelausschuss. Dort wird entschieden, welche Bücher für die Schule und die Schüler angeschafft werden.
     
  7. Koordination der Klassenwünsche fürs kommende Schuljahr. Das ist nicht an allen Schulen so. An manchen geben die Lehrer Wünsche ab, welche Klassen sie sich im kommenden Jahr wünschen; an manchen koordinieren die Fachbetreuer diese Wünsche; entschieden wird das letztlich von der Schulleitung.

Nicht zu den Aufgaben gehört die Führung der Kollegen. Man hat keinerlei Weisungsbefugnis; das haben nur die Schulleitung und deren Stellvertretung. Bei der letzten Beurteilungsrunde wollte das Ministerium, dass die Fachbetreuer bei der Bewertung der Kollegen mitwirken. Das haben sich die Fachbetreuer verbeten. Viele wollen keine Führungsaufgaben übernehmen; und keiner will lediglich als Alibi herhalten, um die Schulleitung zu entlasten,

Lohn der Fachbetreuung:

  • Je nach Fach und Gepflogenheit der Schule gibt es keine, eine oder auch zwei Anrechnungsstunden für diese Arbeit. Eine Anrechnungsstunde heißt, dass man eine Stunde weniger Unterricht gibt. Anrechnungsstunden sind die heimliche Währung der Schule; manche sind für diverse Jobs vorgeschrieben, die meisten stammen aber aus einem Topf, über den relativ frei verfügt werden kann. Es gibt nie genug Anrechnungsstunden für die vielen Zusatzaufgaben an der Schule. Die Aufteilung ist gegenüber Änderungen recht stabil: wenn man einem Lehrer eine geben will, der vorher keine hatte, muss man sie erst einem anderen – verdienten, erfahrenen, bewährten, lautstarken – Kollegen wegnehmen.
     
  • Die Wertigkeit der Funktion. Manche Jobs an Schulen (nicht immer die wichtigsten oder anspruchsvollsten) sind sogenannte Funktionsstellen. Das sind Stellen, die beförderungsrelevant sind. Neben guter Führung Beurteilung spielt die Wertigkeit der Funktion eine wichtige Rolle dabei, wie schnell und ob man jemals befördert wird. Und sie beeinflusst natürlich auch indirekt die Beurteilung.

Je niedriger die Wertigkeit der Funktion, desto schneller wird man OStR. Um überhaupt noch StD zu werden, braucht man eine höherwertige Funktionsstelle und viel Geduld. In Abhängigkeit von der Größe der Schule haben Funktionen zum Beispiel folgende Wertigkeit:
Stellvertretung: 1
Fachbetreuung: 2 oder 3, bei kleinen Schulen auch 4 – je nachdem, ob Senior- oder Juniorbetreuer.
Schulbibliothek; Sammlungsleitung: 5

Details stehen im Funktionenkatalog (August 2004), der an alle Schulen verschickt wurde. Ist natürlich nicht online, so etwas. Ausschnitte und Kommentar zu Neuerungen beim Philologenverband – ich blicke da allerdings nicht durch. Hier die Formel zur Wartezeit für die Beförderung von A14 (OStR) nach A15 (StD):

W = 59 + 2,1 x ( 2 x letzte Beurteilung +1 x vorletzte Beurteilung) x (Wertigkeit der derzeitigen Funktion + 3) + 0,4 x funktionslose Zeit + / – 0,2 x die Zeit in der Funktion mit anderer Wertigkeit. (Quelle: bpv)

Ganz unbeliebt ist übrigens die Praxis, Funktionsstellen nur kommissarisch zu besetzen. Dann hat man die Arbeit, aber nicht die beförderungsrelevante Wertigkeit. Denn man muss – das ändert sich aber immer wieder mal – bestimmte Bedingungen erfüllen, um eine solche Stelle übernehmen zu dürfen. Zur Zeit sieht das so aus:
Wenn man zwischen 34 und 58 Monate Dienstzeit auf dem Buckel hat (nach der Lebenszeitverbeamtung, nehme ich an?), braucht man eine Staatsexamensnote nicht schlechter als 2,50; wenn man länger dabei ist, nicht schlechter als 3,00. Wenn man schon OStR ist oder ein Jahr davor steht, dann nicht schlechter als 3,50. In anderen Fällen, wenn man also noch nicht so lang dabei ist, erfolgt die Übertragung komissarisch.

(Wird fortgesetzt.)

Wiedergelesen: Hammett und Amis

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Dashiell Hammett, The Maltese Falcon. Den Film kannte ich zuerst, er gilt zu Recht als Meisterwerk. Über das Buch habe ich vor einiger Zeit schnöde Worte gelesen, auch Frau Rau hat es damals vor fünfzehn Jahren nicht gefallen. Grund zum Wiederlesen.

Inhalt: Eine Klientin, die immer wieder ihren Namen und ihre Geschichte ändert, bittet die Detektive Sam Spade und Miles Archer um Unterstützung. Archer wird erschossen. Spade, der seinen Partner mit dessen Frau betrügt, gerät unter Verdacht. Bald taucht ein Joel Cairo auf, der ebenso wie die Klientin (Brigid O’Shaugnessy) auf der Suche nach einem schwarzen Vogel ist. Ein junger Möchtegerngangster beobachtet ihn, im Dienst von Casper Gutman. Der erzählt Spade schließlich auch die Geschichte vom Malteser Falken, einer ungemein wertvollen, unscheinbaren Statue, dem verschollenen Geschenk eines Kreuzritterordens. Seit fünfzehn Jahren jagt Gutman dem Falken hinterher. Höhepunkt und Finale: Spade, Cairo, O’Shaugnessy, Gutman und der Junge warten gemeinsam eine Nacht lang in einem Hotelzimmer auf den Morgen, bis ihnen der Falke ins Hotel gebracht werden kann. Sie lassen einander nicht aus den Augen und spielen Psychospielchen.

Das Buch gefällt mir immer noch. Die Anekdote von Flitcraft/Pierce, die romantische Geschichte um den Falken. Die Erzählperspektive: Man kriegt nie eine Innensicht in die Charaktere. (Ganz anders der ich-erzählende Marlowe bei Raymond Chandler, mit langen Exkursionen und inneren Monologen, auch wenn ich den ebenso schätze.)

Klar gewinnt man in Folge der Dialoge und der Lenkung der Aufmerksamkeit durch den weitgehend neutralen Erzählers doch eine Meinung darüber, was in den Köpfen der Figuren vorgeht. Aber so ganz klar ist das nicht, gerade Brigid O’Shaugnessy und natürlich Sam Spade bleiben schwer zu durchschauen. Er hält sich bedeckt, sie ist eine chronische Lügnerin; allesamt sind sie moralisch nicht eindeutig zu fassen.

“I saw him tonight.” Spade did not look up and he maintained his light conversational tone. “He was going to see George Arliss.”
“You mean you talked to him?”
“Only for a minute or two, till the curtain-bell rang!”
She got up from the settee and went to the fireplace to poke the fire. She changed slightly the position of an ornament on the mantelpiece, crossed the room to get a box of cigarettes from a table in a corner, straightened a curtain, and returned to her seat. Her face now was smooth and unworried.
Spade grinned sidewise at her and said: “You’re good. You’re very good.”
Her face did not change. She asked quietly: “What did he say?”
“About what?”
She hesitated. “About me.”
“Nothing.” Spade turned to hold his lighter under the end of her cigarette. His eyes were shiny in a wooden satan’s face.
“Well, what did he say?” she asked with half-playful petulance.
“He offered me five thousand dollars for the black bird.”
She started, her teeth tore the end of her cigarette, and her eyes, after a swift alarmed glance at Spade, turned away from him.
“You’re not going to go around poking at the fire and straightening up the room again, are you?” he asked lazily.

Unerreicht ist das Personal des Romans. Die meisten Personen kann ich zwar nur schwer von ihrer wichtigsten Filmversion trennen – Mary Astor als Brigid O’Shaugnessy, Peter Lorre als Joel Cairo, Sidney Greenstreet als Casper Gutman, Elisha Cook als Wilmer treffen ihre Rolle perfekt. (Bogart als Spade trifft es nicht ganz so, gut dagegen wieder Lee Patrick als Sekretärin.) Aber diese Rollen sind eben auch schon im Roman ganz hervorragend angelegt.

 

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Kingsley Amis, Lucky Jim. Wie schön. Es ist mir ein bisschen zu lang geworden beim Wiederlesen, aber wirklich nur ein bisschen. Ich hatte vergessen, dass es ja außerdem eine wunderschöne Liebesgeschichte ist, ich sentimentaler Kerl. Lieblingsszene: Die nächtliche Autofahrt etwa in der Mitte des Buches.

Inhalt: James Dixon arbeitet als Dozent an einem College, ist in der Probezeit und bangt um seine Anstellung, da er akademisch nicht sehr interessiert ist und außerdem von einem Fettnäpfchen ins andere tritt. Er versucht sich bei seinem Chef Liebkind zu machen, verliebt sich in die Freundin dessen Sohnes, lebt in romantischer Verwirrung mit einer Kollegin, trägt Fehden mit anderen Kollegen aus.

Sehr gut erinnern konnte ich mich an einzelne Szenen und an die Tatsache, dass James Dixon gerne Gesichter schneidet, wenn niemand hinsieht. Und das sehr bewusst: Er hat sein Eskimogesicht, und andere feste Gesichter; manchmal improvisiert er auch.* Überhaupt: Er verbirgt sehr viel von sich vor seiner Umwelt, ist dabei unglaublich analytisch, ständig denkt und beurteilt und bewertet und gärt es in ihm. Seine Phantasien sind manchmal gewalttätig: “He was saying ‘Most impressive’, and for a second Dixon felt like picking up the spanner he could see in the dashboard pocket and hitting him on the back of the neck with it”, richten sich auch gegen Unbelebtes: “He hated that Toby jug, with it sopen black hat … more strenuously than any other inanimate occupant of this house, not excepting Welch’s recorder. Its expression proved that it knew what he thought of it, and it could tell nobody. He put a thumb on each of his temples, waggled his hands at it, rolled his eyes, mouthed jeers and imprecations.”

Eine sehr sympathische, eben doch überhaupt nicht sehr glückliche Figur – wenn ihn da nicht doch noch die Liebe retten würde. Zum glücklichen Ende gehen ihm die Gesichter aus: “He thought what a pity it was that all his faces were designed to express rage or loathing. Now that something had happened which really deserved a face, he’d none to celebrate it with.”

* Was dem Lucky Jim seine faces sind, sind The Ginger Man von J.P. Donleavy seine walks – verschiedene Arten zu gehen, je nach Stimmung und Anlass. The Ginger Man dürfte zur gleichen Zeit entstanden sein, Mitte der 1950er Jahre. Ich habe es deshalb gelesen, weil ich mal eine irische Phase hatte, weil das Buch lange verboten war, und vor allem, weil ich aus einem schönen Lied der Pogues (“A Rainy Night in Soho”) eine “ginger lady” kenne und der Spur nachgehen wollte. Hat mich nicht weit gebracht, aber dass Shane McGowan das Buch kannte, dürfte klar sein – ein späteres Buch von Donleavy, einem amerikanischen expatriate in Irland, heißt A Fairy Tale of New York

Filmmarathon in Augsburg

Einmal im Jahr will ich mir nicht wie ein Lehrer vorkommen. Zum Beispiel so: Filmmarathon in Augsburg, ausgerichtet von einem Kino und einer Film-Seite, die ein Freund von mir betreibt. Und der hatte gestern auch Geburtstag. Dazu gab es: einen Kinomarathon von 12.00 mittags bis 06.00 Uhr morgens. Sieben Filme, der erste ein älterer Film, die anderen sneak previews – lauter Filme, die noch nicht in Deutschland laufen. Gleich vorweg: Ich musste nach dem vierten Film gehen, so etwa 22.15 Uhr, um noch nach München zu kommen, weil ich heute fit sein muss für eien Hochzeitsfeier. Aber vier Filme am Stück, mit ein bisschen Pause dazwischen, einer Traile-Rolle, Cola, Kaffee und Popcorn – kein Problem. Wäre auch noch fit für den fünften gewesen, während sechs und sieben hätte ich dann vermutlich leise vor mich hin geschnarcht. Bleibe halt doch immer Lehrer.

Die Filme:

  1. Strange Days. Hatte ich noch nie gesehen, hat also Lücke geschlossen.
  2. The Hurt Locker. Kathryn Bigelow 2008, Action-Drama. Bombenentschärfer im Irak. Nicht mein Genre, habe mich aber unterhalten und nicht geärgert. Das ist schon viel.
  3. The Visitor. Letztes Jahr für Oscar nominiert. Alternder, kraftloser Professor hilft einem Paar junger, illegaler Immigranten.
  4. Up. Zu Deutsch: “Oben” – kein sehr glücklicher Titel, läuft in den USA aber sehr gut: der neue Pixar-Disney-Film. Sehr nett. Aber bizarr. Die Hälfte des Films über läuft ein 78-jähriger mit einem angeseilten schwebenden Haus (getragen von Unmengen von Luftballons) herum.
  5. Red Cliff/Chi bi. John Woo. Nicht mehr gesehen.
  6. The Brothers Bloom. Nicht mehr gesehen.
  7. Zack and Miri Make a Porno Nicht mehr gesehen.

Nächstes Jahr wieder, wenn es noch einmal so etwas gibt. Das ganze hatte etwas von Bloggertreffen: die Forumsteilnehmer stellten sich mit ihren Forennamen vor und so weiter.