Lev Grossman, The Magicians (und etwas zu Spoilern)

Ein Bestseller, vor zwei Jahren. Beim ersten Lesen fand ich ihn gut – nicht brillant, aber gut. Im Nachhinein wurde er aber immer besser. Und da jetzt eine Fortsetzung herausgekommen ist, habe ich dieses erste Buch noch einmal gelesen, um mir darüber klar zu werden, wie gut es mir jetzt gefällt.

Fazit: Ich bin mir immer noch nicht sicher. Ich glaube, es gefällt mir gut, einige Ideen darin sind tatsächlich brillant – aber es sind die Ideen, die mir gefallen, es ist die Handlung, nicht der Text. Also wäre mir vielleicht lieber, das Buch als Fernsehvierteiler zu sehen, statt es zu lesen.

Ich versuche, den Rest hier möglichst spoilerfrei zu halten. (Zu Spoilern allgemein: siehe unten.) Die Prämisse des Buches: Es gibt mindestens eine magische Schule, auf die man gehen kann, ähnlich wie Harry Potters Hogwarts. (Interessant auch der Wikipedia-Eintrag zu Einflüssen und Vorbildern von Hogwarts. Auf die Schule von Professor Xavier war ich selber schon gekommen.) Quentin geht auf diese Schule, nachdem er die Aufnahmeprüfung bestanden hat: Brakebills College, hier die Webseite.

Im Buch geht es darum, wie Quentin sich in der Schule zurechtfindet, älter wird, und was er nach der Schule macht. Das unterscheidet das Buch schon mal von vielen anderen Schulromanen: die hören mit der Schulzeit auf. Das ist hier anders, und das ist der eine Spoiler, auf den ich nicht verzichten mag. Aber es gibt auch noch andere Unterschiede. Sagen wir: zu jung sollten die Leser nicht sein, und meinen kleinen Bruder hat die Lektüre ziemlich heruntergezogen. So richtig fröhlich ist es nicht immer. Einige Buchbesprechungen im Web werfen dem Buch vor, dass es Sachen kaputt macht. Harumph.

Hier meine Aufteilung für den Fernsehvierteiler:

  • 1. Teil: Quentins Aufnahme in die Schule, der Alltag dort, erste Freunde. Überraschender Schluss: der Zwischenfall während der Unterrichtsstunde, der das erste Zeichen für Missstimmung sein sollte.
  • 2. Teil: Die Folgen des Zwischenfalls, das Welters-Turnier, die Aufnahmeprüfung für die fourth year students, die frohen Stunden in der Hütte der physical kids. Alices Bruder, die Beziehungen der Freunde untereinander. Überraschender Schluss: der Schulabschluss.
  • 3. Teil: Das Leben nach der Schule. Überraschender Schluss: sollte klar sein.
  • 4. Teil: Der Rest.

Ist das ganze zu teuer für einen Vierteiler? Viel Effekte braucht man nicht, Brakebills ist ein eher kleines, unspektakuläres College, mit viel weniger Schülern und Aufwand als Hogwarts.

Über Spoiler

Vor einigen Wochen machte eine Studie die Runde: Spoiler – also verratene unerwartete Wendungen einer Geschichte – erhöhten danach das Lesevergnügen (analog wohl auch für Filme), statt es zu mindern. Hier eine Quelle dazu.

Dass die Ergebnisse der Intuition widersprechen: kein Problem. Die irrt sich oft. Schauen wir uns den Versuchsaufbau an.

Es gab 12 Geschichten, eingeteilt in 3 Gruppen: ironic twist, mystery, literary. Jede Geschichte gab es in 3 Varianten: a) ungespoilertes Original; b) Original mit einem einleitenden (Spoiler enthaltenden) Absatz davor; c) Original mit einem (Spoiler enthaltenden) Absatz eingebaut in den Anfang des Textes.
Jede Fassung (12x3 also) wurde von mindestens 30 Studenten gelesen. Kannte einer den Text, wurde das Ergebnis nicht mitgezählt. Ich nehme mal an, dass jeder Teilnehmer nur eine Geschichte las und bewertete?

Leider habe ich nirgendwo gefunden, wie die Probanden die Geschichten danach bewerten mussten. Ich nehme an, sie mussten auf einer Skala angeben, wie gut ihnen die Geschichten gefielen.
Jedenfalls kam wohl heraus, dass gespoilerte Geschichten besser abschnitten, jedenfalls wenn die Spoiler klar als solche im einleitenden, nicht zum Text gerechneten Absatz standen.

Warum das so ist, das ist nicht Teil der Untersuchung, Gedanken dazu kann man aber in dem Link oben finden. An dem Ergebnis kann man auch nicht groß rütteln, man müsste sich höchstens die Auswahl und Anzahl der Probanden anschauen. (Sind sie repräsentativ? Gibt es Leute, denen Spoiler mehr ausmachen als anderen?)

Aber man kann sich fragen, wie sehr das Ergebnis übertragbar ist, und sei es nur auf andere Texte. Gilt das nur für Kurzgeschichte oder auch für Langformen wie den Roman? Und: “An Occurence at Owl Creek Bridge”? Na ja. Das ist eine berühmte Geschichte, eingeordnet in die Kategorie “Ironic Twist”. Aber bei der wäre mir der Spoiler auch egal gewesen, ich bin nie warm mit ihr geworden; eine Inhaltsangabe davor hätte mein Lesevergnügen (und hat es wohl auch) eher erhöht. Vielleicht ist es ohnehin mehr die kleine Inhaltsangabe, ohne die ein Spoiler nicht auskommt, die zu erhöhtem Lesevergnügen führt, und nicht der Spoiler an sich, auch wenn der nicht zu stören scheint. Insofern fehlt bei den Texten als Vergleichsgruppe eine Variante ohne Spoiler, aber mit vergleichbarem Inhaltsangabenabsatz zuvor.

Meine Meinung dazu

Bei vielen Filmen spielen Spoiler für mich keine Rolle. Bei Thrillern sowieso nicht. Ein Schlüsselerlebnis war für mich dabei Sliver: ein Film von Philip Noyce (1993) nach dem gleichnamigen Roman von Ira Levin (1991). Im Buch war er’s, im Film war er’s nicht. Und das war mir so etwas von egal, und es spielt für die Geschichte und das Vergnügen daran (oder dessen Abwesenheit) auch nicht die geringste Rolle.

Bei manchen Filmen bemühe ich mich sogar vorher um Spoiler. Das Vergnügen an Filmen wird dadurch oft nicht verringert – aber in manchen Fällen zumindest verändert. Momente der Erleuchtung fallen weg. Und diese Momente mag ich nicht missen. Die beste Filmsituation ist die meiner Kindheit, unwiderbringlich verloren: beim Umschalten auf ORF2 auf einen Film stoßen, kurz nachdem er angefangen hat. Man weiß nichts, nicht den Titel, nicht das Genre, nicht die Schauspieler. Oft war das egal. Manchmal war das aber toll.

Es gibt mindestens zwei Bücher und eine Kurzgeschichte, deren Titel ich hier nicht nennen möchte, die mir solche Epiphanien beschert haben. Hätten mir die Bücher auch so gefallen? Sicher. Besser? Vielleicht. Aber diese plötzlichen Erlebnisse: die waren schon toll.

Apropos verschiedene Enden

Bei John Fowles’ The French Leutenant’s Woman (1969) war das noch ein kühner literarischer Kunstgriff: der Erzähler präsentiert drei verschiedene Enden für die Handlung.
Bei Filmen ist das inzwischen fast schon üblich. Blade Runner gibt es in mindestens sieben Fassungen mit zwei sehr unterschiedlichen Enden; für Clerks gibt es ein alternatives Ende; und bei Cracked.com gibt es 5 classic movies that almost had terrible endings (die schlechten Enden gibt es allenfalls als DVD-Bonus) und 5 awesome movies ruined by last minute changes (die besseren Enden gibt es allenfalls als DVD-Bonus).

Bei all diesen Filmen ist es mir egal, ob gespoilert wird oder nicht. Ein Ende gefällt mir meist deutlich besser als das andere, aber es ist nicht so, dass ich das Ende mit Neugier erwarte.

Warum man mich mit elektrischen Geräten nicht allein lassen sollte

Ich habe mich heute morgen beim Rasieren geschnitten. Aber nicht in die Haut, sondern in den Bart. Ich dachte, ich hätte meinen elektrischen Bartschneider auf 3mm eingestellt, hatte aber im Halbschlaf auf Ratzfatz-Ganzweg gestellt. Und schon war die eine Hälfte des Bartes ziemlich ab.

Für immer sollte er ohnehin nicht bleiben, aber ein paar schöne Fotos und vor allem ein strategisches Abnehmen des Bartes nach und nach waren schon geplant.

Ein Gutes hat das ja. Ohne diesen Zwischenfall würde ich nie so herumlaufen:

War aber noch nicht aus dem Haus damit.

Ich versuche, in den nächsten zwei Wochen den Rest nachwachsen zu lassen.

Mit großem P, verdammt noch mal

Die Geschichte ist jetzt über ein Jahr alt, aber ich habe sie erst gestern mitgekriegt. Also: breaking news aus dem Lehrerzimmer.

Ich schrieb gestern an einem Blogeintrag, in dem das Wort “Wordpress” einige Male auftauchte. So schrieb ich das Wort, so wurde es gespeichert. Auf der Vorderseite des Blogs wurde es aber so dargestellt: “WordPress”. Hm. Also recherchiert.

Stellt sich heraus, dass das schon seit Wordpress 3.0 so geht. Der Anlass: WordPress (immerhin eine registrierte Marke) schreibt man mit großem P. Camel case heißt das allgemein, weil das Wort einen Buckel in der Mitte hat.
Und Matt Mullenweg, der führende Kopf hinter Wordpress, hat mit der Version 3.0 eine Methode in den Code eingebaut, die automatisch jedes “Wordpress” als “WordPress” darstellt. Die php-Funktion heißt capital_P_dangit(), auf Deutsch etwa “Großes P, zefix!”

Guter Name, weniger gute Idee. Es hagelte Kritik, unter anderem, weil a) diese Funktion nicht über den üblichen Weg der offenen Diskussion eingebaut wurde, sondern an der Community vorbei, b) weil die Programmierung schlampig war und bei Blogs, die etwa in einem Verzeichnis “Wordpress” lagen, zu Chaos führte (das kleine “wordpress” wie bei mir blieb verschont) und c) weil Mullenweg wenig diplomatisch und eher pampig auf die Kritik reagiert hat.

  • In diesem Blogeintrag (englisch) ist die Geschichte schön dargestellt.
  • Hier ein deutschsprachiger Blogeintrag.
  • Die Domain http://capitalp.org/ ist nur zur Verspottung dieser Aktion da.
  • Und wenn man das Verhalten nicht mehr haben möchte: Hier ist ein Plugin dazu, oder man fügt einfach ein paar Zeilen Code in sein Template ein, wie hier beschrieben und wie ich es gemacht habe.
    Sonst könnte ich ja nur über Umwege überhaupt darüber schreiben.
  • Eine schöne, nicht ganz ernst gemeinte Idee hier: Das Plugin No Comic Sans, Dangit! verhindert, dass jemand diese Schrift benutzt. Für die Zukunft geplant: eine Funktion, mit der man missliebige Kommentare automatisch in dieser Schriftart anzeigen lassen und deren Schreiber so als Idioten darstellen kann. Now that’s an idea.

Die Kritiker rufen “Zensur” und wollen sich nicht ihren Inhalt von einem Programm vorschreiben lassen. Außerdem müsse es plug-in heißen und nicht plugin, und sowieso WordPress®. Was wäre, wenn Microsoft in Word die beliebte Schreibweise Micro$oft unterbinden würde?

Die Verteidiger sagen: das ist auch nichts anderes als die automatische Veränderung von einfachen Anführungszeichen in typographische, oder die Veränderung von Emoticons zu grafischen Smileys, und dagegen habe auch niemand etwas. Außerdem müsse WordPress seine Marke schützen.

Darf der Mullenweg das überhapt? Aber klar. WordPress ist zwar Open Source. Das heißt nicht nur, dass der Quelltext offen gelegt ist, sondern auch, dass sie beliebig kopiert und verändert werden darf. Der Name “WordPress” ist aber geschützt, so dass nur der Inhaber der Rechte an dieser Marke Material unter diesem Namen veröffentlichen darf. Wem dessen Version nicht passt, der darf gerne auf Basis der bestehenden Software seine eigene Version verbreiten – aber nicht “WordPress” nennen.

– Ich weiß nicht, ob sich inzwischen noch jemand darüber aufregt. Vermutlich haben die meisten Blogs wissentlich oder eher unwissentlich diese Zwangsschreibung akzeptiert.

Ich habe die Funktion jedenfalls deaktiviert. Wenn die Leute aufhören, “Spiderman” zu schreiben (6.480.000 Treffer) und stattdessen das korrekte “Spider-Man” verwenden (5.850.000 Treffer), dann reden wir weiter. Die Zusammenschreibung (ohne Camel Case, ohne Bindestrich, ohne Leerzeichen) ist ein Zeichen, dass das Wort in die Sprache übernommen wurde. So wurde auch aus space ship das spaceship und aus screen play das screenplay.

Nebenbei: der Föhn ist ein trockener Fallwind, wie es so schön heißt. Die Haartrockner-Marke Fön schreibt man ohne h, auch wenn sie ihren Namen vom Wind abgeleitet hat. (Strenggenommen sogar: FOEN.) Das generische Wort für Haartrockner schreibt man heute Föhn (wie den Wind), vor der Rechtschreibreform aber Fön (wie die Marke).
Auch hier hat die Sprache sich nicht an die – vom Standard abweichende – Schreibung der Marke gehalten, und dabei die Markenbezeichung auf vergleichbare Produkte erweitert. Ich nehme mal an, dass man das als Marke verhindern will.

Captain America

War im Kino, Captain America anschauen. Ich habe mich nicht gelangweilt, insgesamt eher positiv, aber begeistert oder beschwingt bin ich nicht aus dem Kino gegangen.

Höhepunkte:

  • der kurze Gastauftritt der original human torch auf der Weltausstellung;
  • Howard Stark – der Vater von Tony “Iron Man” Stark – mit Howard Hughes als unverkennbarem Vorbild;
  • der Kinnhaken, den die Heldin des Films (sonst unterbeschäftigt) austeilen darf;
  • dass die Howling Commandos dabei waren, mit Dum Dum Dugan (Bilder), der aussieht wie Sascha Lobo (Bilder);
  • und die geniale Idee, Caps buntes Kostüm dadurch zu erklären, dass er zuerst als patriotische Witzfigur vermarktet wurde.

Dass es diesen Film überhaupt gibt, und dass er von der Kritik wahrgenommen wird, begeistert mich allerdings ungemein. Was Marvel Comics im Silver Age von DC unterschied, war das Konzept des shared universe: da liefen sich die Helden nicht nur gelegentlich in jährlichen Sonderausgaben über den Weg, sondern sie trafen ständig aufeinander oder auf ihre Spuren. Das war eine gute Idee. Anders als bei DC wohnten die Helden auch nicht in den weit auseinander liegenden Städten Metropolis (Superman), Gotham City (Batman), Central City (Flash), Coast City (Green Lantern), sondern allesamt in New York City (Spider-Man, Avengers, Fantastic Four, Daredevil) oder zumindest im Staat New York (X‑Men).
Und dieses Konzept übeträgt Marvel gerade sehr erfolgreich auf die Filme. Das begann mit Iron Man (Blogeintrag), dem besten der jüngeren Marvel-Filme. Die Einführung der Regierungsorganisation Shield war äußerst geschickt, und die Sequenz nach dem Abspann versprach Eingeweihten sehr viel. (Samuel Jackson zu Robert Downey: “You’ve just become a part of a bigger universe.”)

Hulk habe ich nicht gesehen, Iron Man 2 auch nicht, aber spätestens da war klar: die meinen es ernst. Thor (Blogeintrag) war wohl der erste Film aus dieser Reihe, der explizit nur als Vorstufe zu The Avengers (Joss Whedon, 2012) gesehen wurde, und das gilt auch für Captain America: Der Film steht strategisch nicht für sich allein, sondern soll den Boden bereiten für The Avengers. Daher vielleicht auch die flache Spannungskurve des Films: bis Cap sein Kostüm anhat und seine Rolle gefunden hat, vergeht eine Stunde; einen großen Konflikt und Wendepunkt gibt es auch nicht (Bucky Barnes stirbt eher so nebenbei, weil er überflüssig wurde).

Apropos Captain: Wieso überhaupt Captain? Müsste man ihn nicht mal befördern zum Colonel America, oder Major America?
Das geht natürlich nicht. Der Superhelden-Dienstgrad ist der Captain: es gibt die Captains America, Marvel, Victory, Atom, Britain, Carrot, und viele mehr. (TVTropes zu militärischen Rängen bei Superhelden.)
Woher kommt das? Meine persönliche Theorie: weil die Rezipienten dieser Geschichten sich mit den Mannschaftsdienstgraden identifizieren. Die Rollen sind dabei fiktional und verklärt, wie etwa in Spike Milligans äußerst lesenswerten Kriegserinnerungen. Die Realität sieht wohl anders aus; ich kenne nur die Fiktion. Nach der sind in einer Kompanie, sagen wir, hundert einfache Soldaten, Mannschaftsdienstgrade. Herumgescheucht werden sie von Unteroffizieren, rau im Umgangston, keine besonderen Respektspersonen, Ausbilder und Hausmeister, mit besonderen Kompetenzen, aber doch einer von uns. Und dann gibt es einen Hauptmann (Captain).
Für eine Heeresleitung ist ein Hauptmann der unterste Dienstgrad, der überhaupt wahrgenommen wird, sage ich mal. Darüber kommen Major, Oberstleutnant, Oberst, General; die haben etwas zu sagen. Da ist ein einfacher Captain America ein reiner Befehlsempfänger, kein Entscheider.
Für die Mannschaftsdienstgrade allerdings ist ihr Hauptmann die eine Kontaktperson nach oben; er wird respektiert, während die Ebenen über ihm belacht werden. Und anders als die Unteroffiziersdienstgrade hält man zu ihm Distanz.

Wenn Superheldencomics für Offiziere gedacht wären, dann gäbe es lauter Generals America.

Kohlenhydrat-Einkaufstour, sehr freundlich

Eigentlich ging es nur um Roggenschrot, von dem es an meiner üblichen Quelle nicht genug gab. Also irrte ich in der Münchner Innenstadt umher auf der Suche nach mehr davon. Und das muss gestern so ein Tag gewesen sein: alle waren freundlich zu mir. Auch wenn sie alle kein Roggenschrot hatten. Beim einen Ökobäcker war gerade “unser Müller” da, bei dem hätte ich welches bestellen können. Oder Roggenschrotbot kaufen, aber das wollte Frau Rau ja selber machen.

Fündig wurde ich dann bei einem Reformhaus, nicht dem ersten das ich besuchte. Dort mischte ich mich noch in ein Gespräch zwischen Kunde und Verkäuferin über dn Veganer bei uns ums Eck ein (Max Pett, sehr lecker) und bekam dafür neben meinem Roggenschrot ein bisschen Sesamkrokant. (Und ein Lächeln, nicht das erste am Tag.)

In einem Bio-Supermarkt war meine Suche nach Roggenschrot zwar erfolglos, aber dafür fand ich das:

Mhm, Chufas. Erdmandeln. Ein kurzer Rundblick: da gab es etliche Chufas-Produkte, Chips und Frühstücksbrei. Und eben gemahlen, um daraus mit Wasser oder Milch ein Getränk herzustellen.

Ich kenne chufas aus Spanien. Schon im vorbereitenden digitalen Sprachkurs tauchte das Wort “horchata (de chufa)” auf, ein Getränk aus eben diesen Erdmandeln (eine Knolle, keine Nuss). Das gibt es fertig zu kaufen im Supermarkt, wo es ganz ordentlich und interessant schmeckt. Aber eine horchata von einem Händler auf der Straße, kalt und frisch gerührt, ist noch viel, viel besser. Und so eine wollte ich gestern unbedingt haben.

Gekauft habe ich das Pulver trotzdem nicht. Schmeckt sicher nicht so wie auf der Straße in Madrid. Bestenfalls wie eine Supermarkt-Horchata. Wenn ich eine echte Horchata will, muss ich wohl nach Spanien, und wenn ich nicht nach Spanien komme, kriege ich auch keine Horchata. So ist das nun mal, und das gefällt mir eigentlich. Örtliche Spezialitäten, und keine unvollkommenen Imitationen anderswo. Anders wäre es natürlich, wenn hier in München so ein fahrender Horchata-Händler auftauchen würde, da wäre ich Stammkunde.

Für die Zukunft trotzdem mal, sicherheitshalber:

Das Blog ist tot

Heiko hält ein Plädoyer für das Blog (als Reaktion auf Herrn Larbig). Meine Meinung: private Blogs sind ein Nischenprodukt und bleiben das.

Den Tod des Blogs aus einer anderen Sicht verkündet das Sprachlog: Duden, Facebook-Umfrage, Korpusanalyse belegen, dass das Neutrum das Blog weiterhin auf dem Rückzug ist und das Maskulinum der Blog dominiert. Das gelte tendenziell auch für Fachkreise, so dass das Maskulinum seufzend und klagend auch vom Sprachlog als die zukünftig geltende Form akzeptiert wird.

Der Kampf ist vorbei. […] Sprachgefühl hin oder her, man muss wissen, wann es Zeit ist, aufzugeben.

Nö, muss man nicht. Zugegeben, kämpfen um Wörter muss man ohnehin selten. Kann mich noch an Wolf Schneider erinnern, wie er seinen Widerstand gegen rasant aufgab, das eigentlich ursprünglich “knapp, streifend” hieß und vom Rasieren kam, und von der rasant genommenen Kurve kam dann die Geschwindigkeit (mit etwas Interferenz vom Rasen). Widerstand ist zwecklos, aber natürlich darf man trotzdem sprechen, wie man will, und die Sprachmitverwender sind kein Grund, auf gesuchte Konjunktive oder idosynkratische Genera zu verzichten. In der Sprache muss es auch konservative Kräfte geben, und ich bin gerne eine davon.

Also sage ich weiter das Blog. Ich sage der Radio und der Pub und nicht das, der Con und nicht die.

Woher kommt eigentlich das Genus bei einer Entlehnung aus einer Fremdsprache? (Siehe dazu auch das Sprachlog oben.) Man nimmt entweder das Genus der deutschen Entsprechung dazu. Aus dem Maskulinum le bar/el bar wird das Femininum die Bar, weil, weil… die Kneipe, die Gaststätte, die Wirtschaft? (Siehe eventuell auch unten wegen die Barriere.)
Dass counter auf deutsch der Counter heißt, liegt am Suffix -er, der beiden Sprachen gemein ist. Kommt vom lateinischen -arius und ist Maskulinum.
Oder man nimmt das Genus eines deutschen Wortes, das so ähnlich klingt. So wird der Blog von “der Block” beeinflusst.
Viele der Wörter sind außerdem Clippings oder andere Kurzformen, und da wird das Genus von dem verloren gegangenen Teil bestimmt: der Radio kommt von der Radioapparat/-empfänger und das Radio von das Radiogerät. Manche Leute wissen vielleicht, dass pub von public house kommt, und da muss es natürlich das pub heißen. Warum sage ich dann der pub? Sicher ist, dass ich die Kurzform vor der Langform kennengelernt habe und deswegen nicht mit Haus in Verbindung gebracht habe. Wieso aber Maskulinum? Mir fallen weder ein ähnliches noch ein entsprechendes deutsches Maskulinum ein. Ist das Maskulinum einfach mein/der deutschen Sprecher Standardgenus für Entlehnungen? (Ich habe aus Unizeiten im Kopf, dass das eher das Neutrum ist, aber alle meine Beispiele sprechen dagegen. Also doch Maskulinum?)
Zu den Kurzformen gehört auch der Con. Was das ist, muss ich mal in einem Beitrag beschreiben, wenn mein Fotoalbum wieder hier ist. Die Kurzfassung: mehrtägiges Treffen einer nicht zu kleinen Zahl von Scence-Ficon‑, Film‑, Comic- und anderen Fans. Und das englische “con” ist natürlich die Kurzform von “convention”. Und doch: in meinen Jugendjahren war es der Con. Erst nach und nach wurde die Con daraus, und wenn das in meinen Augen auch richtiger erscheint, so klingt das in Ohr und Herz falsch.
Hier übrigens mein Bericht über meinen ersten Con 1982, da war ich gerade 15 geworden. Dort steht allerdings das Femininum für Con, obwohl ich das so kaum geschrieben habe. Müsste mal mein Original herausziehen, ob das schon damals der Redakteur war oder erst beim Web-Abdruck geändert wurde.

Fazit: bei Pub und Con war ich zu spät dran mit dem Einsteigen und habe das Standardmaskulinum, bei Blog war ich früh genug dabei, das Logbuch zu erkennen, und bleibe beim Neutrum.

(Das ist alles noch nichts im Vergleich zu der, die oder das Dschungel.)

Warum nicht mal Schwein kochen?

Angefangen hatte es mit dem Wunsch, mal pease puding zu kochen, englisches Erbspüree. Im Prinzip geht das so: gelbe Erbsen kochen, zerstampfen. Man kann auch noch Kräuter ins Kochwasser geben oder Wurzelgemüse, und dann natürlich Salz. Jamie Oliver merkte an, die Erbsen würden besonders lecker, wenn man sie gleich mit dem boiled bacon zusammen gekocht würden, zu dem sie oft als Beilage serviert wurden. Also machte ich den.

In den USA kommt bacon aus dem Schweinebauch und wird in Scheiben als Frühstücksspeck herausgebraten, anderswo kommt bacon aus anderen Teilen vom Schwein, boiled bacon hat jedenfalls nichts mit Frühstücksspeck zu tun. Bacon ist erst mal ein Stück vom Schwein, das gepökelt wurde, entweder in Salzlake eingelegt oder mit Salz bestreut und gelagert. Das kann so ziemlich jede Art von Schweinebraten sein, wobei ham eher für alle Bereiche aus der Keule verwendet wird – aber die Termninologie mag lokal verschieden sein.

Diesen green bacon verarbeitet man dann weiter, indem man ihn kocht, trocknet oder räuchert. Ich wollte das mit dem Kochen ausprobieren. Angefangen habe ich mit einem nicht zu mageren Stück Schwein (in diesem Fall: Schweinehals, eineinhalb Kilo), das habe ich mehr oder weniger nach diesem Rezept erst einmal in Lake eingelegt.

Die Salzlake bereiten:
– 3/4 Tasse Salz
– 3/4 Tasse Zucker
– in 1 Tasse heißem Wasser auflösen (Nachtrag: oder mehr!), dann
– mit 2 Litern kaltem Wasser aufgießen,
– grob gemahlener Pfeffer und ein Loorberblatt dazu.

In die kalte Lake das Fleisch und das 48 Stunden darin liegen lassen. Das Rezept hätte das Fleisch gerne zusammengeschnürt, damit es nicht gar zu salzig wird. War mir egal. Wenn man das Fleisch so einlegt, wird es nach dem Kochen genauso grau wie Schweinebraten; schöner ist es wohl, wenn man Nitrit- oder Nitratpökelsatz nimmt, dann wird das Fleisch rosa, wie man es vom Kassler kennt. Außerdem wirkt es antibakterieller als normales Salz, sagt zumindest Wikipedia. Aber in den Ferien versiegt meine Quelle von Nitratpökelsatz (=kochender Chemiekollege), und mit normalem Salz, wie im Rezept angegeben, funktioniert das auch.

Nach 48 Stunden das Fleisch ein bisschen abwaschen, aber nicht wässern – wegen dem bisschen Lake nicht nötig. Ohne weiteres Salz in den Topf:

Ein oder zwei Zwiebeln dazu, mit drei oder vier Nelken gespickt, nach Lust auch mehr:

Grünzeug darauf, ein paar Zweige Petersilie, Thymian, zwei Loorbeerblätter:

Dann 340 g gelbe Erbsen, über Nacht eingeweicht. In unserem Haushalt gibt es ein kleines Säckchen für Hülsenfrüchte, dadurch kann man die gekochten Erbsen dann später leicht auf einmal aus dem Topf nehmen:

Mit kaltem Wasser bedecken, aufkochen, danach leise vor sich hin köcheln lassen. Bei mir waren es etwas mehr als anderthalb Stunden, da waren die Erben auch schön weich. Die verschiedenen Rezepte sagen so etwas wie: 20 Minuten pro Pfund, und dann nochmal 20 Minuten, oder 30 Minuten pro Pfund (=450 gr).

Dazu gab es dann zwei Saucen, eine Senfsauce von hier:
– 150 ml Brühe, direkt aus dem simmernden Topf
– 1 Becher Sahne
– 3 Esslöffel Senf (ich habe Dijon genommen statt englischem)
– gehackte Petersilienblätter.

Und eine klassische Petersiliensauce von hier, die überraschend gut war:
– aus etwas Butter und Mehl und 300 ml Milch eine Bechamelsauce machen
– salzen, pfeffern, gehackte Petersilie dazu geben (2 Esslössel, gerne mehr)

Die Erbsen werden mit etwas Butter und wenn nötig Salz zermanscht.

War ausgesprochen lecker, die Saucen und auch die Erbsen. (Die waren am nächsten Tag noch besser. Leider blieb nicht genug übrig, um daraus mit Tahini zusammen eine Art nördliches Hummus auszuprobieren. Das hole ich aber noch mal nach.) Das Fleisch war saftig und köstlich, auch am nächsten Tag und am Tag darauf, dann kalt. Vielleicht war es einen Tick zu fett, aber das ist Geschmackssache. Zu mager darf es nicht sein, mit Kassler hat boiled bacon ohnehin nichts gemeinsam.

Laienhafte Notizen zu germanischer Dichtung (mit Weltende)

Ja, die Germanen. Eine völkerwandernde Gruppe von Sprechern verwandter indoeuropäischer Dialekte. Grob kann man die Dialektgruppen Nordgermanisch (die Nachfolger davon in Skandinavien und Island), Ostgermanisch (Gotisch gehört dazu, Nachfolger gibt es keine mehr) und Westgermanisch (Althochdeutsch, Altenglisch, Altniederdeutsch/Altsächsisch) unterscheiden; es gibt natürlich noch weitere Klassifizierungen.

Die Germanen auf dem Großteil des Kontinents, also die Sprecher westgermanische Dialekte, hinterließen nicht viele schriftliche Zeugnisse. Ein paar Namen sind noch da: Donar, der Donnergott, nach dem der Donnerstag benannt ist; Wodan/Wotan, auf den Wednesday zurückgeht. (Auch die meisten anderen Wochentagsbezeichnungen gehen auf germanische Götter zurück – die Germanen übernahmen die 7‑Tage-Woche von den Römern und ersetzten die römischen Götter durch entsprechende eigene. So wurde aus dem Tag des Jupiter – dies iovis, jeudi, jueves – der Tag des Donar; beides sind Donnergötter. Und aus dem Tag des Merkur – dies mercurii, mercredi, miércoles – wurde eben der Tag des Wodan; beide kann man als Trickster-Götter sehen.)
Was man über die germanische Götterwelt weiß, weiß man hauptsächlich aus nordgermanischen Quellen, und in diesen Dialekten heißen die beiden genannten Götter Thor und Odin, und bei diesen Formen der Namen bleibe ich jetzt auch.

Kennengelernt habe ich Thor natürlich hier:

marvel_thor

Lief ja auch neulich im Kino. Und deshalb habe ich schon als Kind die germanischen Sagen gelesen. Die Göttersagen jedenfalls, die Heldendichtung weniger. Überliefert sind viele Sagen vor allem in zwei Werken, die dummerweise beide Edda heißen. Das eine Buch beginnt tatsächlich mit den Worten “Dieses Buch heißt Edda”, es heißt auch Prosa-Edda, weil viel davon in Prosa geschrieben ist, oder Snorra-Edda, nach dem Autor, Snorri Sturluson. Das andere, bekanntere, wird in Anlehnung an das erste Buch Lieder-Edda genannt, oder auch Ältere Edda, weil man früher davon ausging, dass es vor dem ersten Buch entstanden ist – was aber wohl nicht stimmt.

Die Lieder-Edda ist eine Sammlung vollständiger, aber unverbundener Götter- und Heldensagen. Geschrieben ist sie in stabgereimten germanischen Langzeilen, vier davon je Strophe.

Hier eine Strophe aus der “Heimholung des Hammers”. Der Riese Thrym hat Thors Hammer gestohlen und will ihn nur herausgeben, wenn er Freyja zur Frau erhält. Loki und Thor machen sich auf, den Hammer zurückzuholen – Thor verkleidet als Freyja, Loki als Zofe. Eine Idee Lokis, natürlich. Die vermeintliche Freyja fällt erst einmal durch recht männlichen Hunger und Durst auf. Schließlich fordert Thrym einen Kuss und hebt den Schleier der vermeintlichen Braut:

Kusslüstern lüftete das Linnen der Riese;
Doch weit wie der Saal schreckt’ er zurück:
“Wie furchtbar flammen der Freyja die Augen!
Mich dünkt es brenne ihr Blick wie Glut.”
(Übersetzung: Karl Simrock)

Und dann beginnt auch schon die Prügelei.

– Weniger bekannt, aber auch sehr reizvoll ist die Snorra-Edda, und in der habe ich neulich etwas herumgelesen. Sie stammt aus derselben Zeit wie die anonyme Lieder-Edda, dem 13. Jahrhundert, hat aber einen ausgemachten Autor: Snorri Sturluson. Sturluson war ein isländischer mittelalterlicher Gelehrter, Christ natürlich. Island war spät christianisiert worden, aber zu Sturlusons Zeit schon durch und durch christlich. Allerdings wurden, anders als auf dem Kontinent, die Reste des germanischen Glaubens nicht groß bekämpft; sie hielten sich ohnehin nur als Sagenstoff. Im Gegenteil, die alten Sagen und Stoffe wurden geachtet, drohten aber in Vergessenheit zu geraten: Ihr Auftritt, Snorri Sturluson!
Der schrieb mit seiner Edda nämlich ein Lehrbuch für Dichter. Die altnordische Dichtung gilt – wir wissen das seit John Irvings The Water-Method Man – als sehr komplex, da zu ihrem Verständnis nicht nur formale Zusammenhänge beitragen (Metrik, Reim), sondern auch ein bestimmtes Vokabular (dazu später mehr) und ein großes Wissen um mythologische Zusammenhänge. All dieses Wissen wollte Sturluson bewahren und weitergeben, deswegen schrieb er sein Lehrbuch.

Die Sturluson-Edda besteht aus einem kurzen Vorwort, in dem Sturluson (wenn das Vorwort denn tatsächlich von ihm ist) den Sagenstoff in das aktuelle christliche Weltbild einordnet: Die germanischen Götter waren gar keine Götter, sondern menschliche Helden, die erst im Nachhinein zu Göttern verklärt wurden. Und zwar waren sie die Kämpfer um Troja, die danach auswanderten nach Europa – aus Asien nämlich, und deshalb wurden sie Asen genannt.
Darauf folgt ein etwas ausführlicherer Prosateil, in dem in einer Rahmenhandlung Göttersagen nacherzählt werden. (Das muss aber nicht heißen, dass diese Fassung tatsächlicher germanischer Religion entspricht. Zu dieser Zeit war das nur noch Folklore, und der Redakteur oder Autor Snorri ein Christ mit eigenen Schwerpunkten.)
Daran schließen sich zwei umfangreiche praktische Teile an, in denen anhand zitierter altnordischer Dichtung (von benannten und anonymen Dichtern, darunter auch Strophen, die sich fast gleichlautend in der Lieder-Edda finden) poetische Prinzipien der altnordischen Dichtung vorgeführt und erklärt werden. Die mythologische Abhandlung zuvor bildet quasi die Grundlage dafür.

So, das war der allgemeine Teil fast schon. Hier noch ein Ausschnitt aus der Snorra-Edda. Ragnarök: Das Schicksal der Götter ist gekommen, die meisten von ihnen werden zugrunde gehen. Die riesige Midgardschlange, auch Jörmungandr genannt, erhebt sich, der Geister-Kapitän Hrym sticht mit seinem Schiff Naglfar in See. (Das Schiff Naglfar: wird nach und nach aus den Fingernägeln Verstorbener gebaut. Zum Ende der Welt wird es gerade fertig geworden sein, deshalb ist es wichtig, den Toten die Nägel sauber zu schneiden.) Der Feuerdämon Surtur greift an; die Herrin der Unterwelt, Hel, empfängt viele Tote. In der Übersetzung von Karl Simrock:

Hrym fährt von Osten, es hebt sich die Flut;
Jörmungandr wälzt sich im Jötunmuthe.
Der Wurm schlägt die Brandung, aufschreit der Adler,
Leichen zerreißt er; Naglfar wird los.

Surtur fährt von Süden mit flammendem Schwert,
Von seiner Klinge scheint die Sonne der Götter.
Steinberge stürzen, Riesinnen straucheln,
Zu Hel fahren Helden, der Himmel klafft.

Bin nur ich das, oder erinnert das wirklich sehr an Jakob van Hoddis’ berühmtes “Weltende”:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

Parodiert der Hoddis am Ende tatsächlich die Ragnarök-Dichtung? Oder ist Katastrophendichtung eh immer gleich?


Bonusteil 1: Tolkien

Nur ganz kurz: der war ja Professor für Altenglisch/Angelsächsisch und las in einer Runde Gleichinteressierter isländische Sagas im Orginal. Vor zwei Jahren erschien ja seine Legende von Sigurd und Gúdrun, in stabgereimten Langversstrophen, in der er Lücken im Mythenkanon durch Neudichtung spielerisch schließt. Der Herr der Ringe knüpft stärker an germanische Dichtung an, als man meint (Fußnoten dazu in altem Blogeintrag). Hier nur kurz eine Auswahl an Namen von Zwergen, die an einer Stelle der Snorra-Edda aufgezählt werden: Dwalinn, Bifurr, Bafurr, Bömbur, Nori, Ori, Oinn, Thorinn, Fili, Kili, Gloinn. (Und Gandalf.) Nur Balin(n) muss aus einer anderen Quelle kommen.

Bonusteil 2: Kenningar

So beginnt Snorri den Abschnitt über die Dichtkunst:

Nun sollt ihr hören, wie die Skalden die Dichtkunst mit diesen Ausdrücken umschreiben […]: zum Beispiel nennen sie sie Kwasirs Blut und Schiff der Zwerge, Zwergenmet, Asenmet, Auslöse des Riesenvaters, die Flüssigkeit von Odrödir und Bodn und Son […], Flüssigkeit Hnitbörgs, Kampfesbeute Odins und Geschenk Odins.

Puh. Heute ist man von der Muse geküsst, aber das war es schon. Dass Zwergenschiff für Dichtkunst steht, kann man nur verstehen, wenn man den Mythos von der Entstehung der Dichtkunst kennt, und eben den hat Snorri deshalb zuvor erzählt. Diese Art der Umschreibung ist typisch für altnordische Dichtung und heißt Kenning. (Wikipedia deutsch, sehr viel ausführlicher Wikipedia englisch).

Die Kurzfassung: Kenningar bestehen immer aus zwei Begriffen, einem Grundwort und einem Bestimmungswort. Bei “Lindwurmlager” ist “Lager” das Grundwort, bestimmt wird es näher durch “Lindwurm”. Das Bestimmungswort kann auch im Genitiv stehen, vor- oder nachgestellt. Gemeint ist aber weder das eine noch das andere, sondern etwas anderes: in diesem Fall “Gold”. (Ist das verwandt mit dem, was im Germanistikstudium “Bahuvrihi” hieß? Wohl nicht, siehe Kommentare.)

Beispiele für Kenningar:

Lindwurmlager, für: Gold
das Verderben der Zweige, für: Feuer
Bienenwolf (Beowulf), für: Bär
Zahnröter des Wolfes, für: Mann (get it?)
Wundbiene, für: Pfeil

Ich mag diese Kenningar, und irgendwann will ich mal Schüler darauf ansetzen. Eine Liste von Kenningar aus dem Schulalltag? Zuerst kämen wohl Allerwelts-BahuvrihiKomposita wie “Schaumschläger” und “Dünnbrettbohrer” heraus, man müsste also Neuschöpfungen verlangen. Ein Lehrer… Freudevernichter? Kreidezerstörer? Etwas episch-heldisch sollte es schon klingen.

Entschlüsseln kann man eine Kenning relativ leicht, wenn sie offensichtlich metaphorisch oder metonymisch ist, wie in den Beispielen oben. Wenn sie allerdings mythologischen Hintergrund hat, und das ist oft der Fall, dann braucht man dieses Hintergrundwissen:

Swafnirs Saalschindeln, für: Schilde (Swafnir=Odin, sein Saal=Valhalla, und deren Dach ist mit Schilden gedeckt)
Ymirs Schädel, für: Himmel (aus dem Schädel des Frostriesen wurde der Himmel erschaffen)
Zwergenschiff, für: Dichtung (zu lange Geschichte für hier)

Snorri Sturluson zählt in seiner Edda mehr oder weniger systematisch und anhand von Beispielstrophen wichtige Kenningar für Dichtkunst, Thor, Balder, Njörd, Freyr, Heimdall und andere Götter auf und erklärt sie. Leider habe ich online keine deutsche Übersetzung der poetologischen Teile der Prosa-Edda gefunden (Simrock hat nur die Mythen), hier gibt es immerhin den ersten poetologischen Teil auf Englisch.

Eine Auswahl von Kenningar und Heiti (siehe weiter unten) gibt es hier auf Deutsch, eine Datenbank altnordischer Kenningar mit englischen Übersetzungen gibt es hier und, semantisch klassifiziert, hier.

Und jetzt für Fortgeschrittene: In einer Kenning kann das Bestimmungswort (manchmal auch das Grundwort) selbst durch eine Kenning umschrieben werden. “Fütterer der Kriegs-Möwen” bedeutet dann “Fütterer der Raben”, bedeutet dann: “Krieger”. Und “Zerstörer des Hungers des Adlers” bedeutet dann “Fütterer des Adlers”, bedeutet dann: “Krieger”. Und, man ahnt es schon, auch diese nunmehr dreiteilige Kenning kann erweitert werden, indem man wieder einen Begriff durch eine Kenning ersetzt. Und so weiter:

Fjordknochen: Steine
Männer der Fjordknochen: Felsriesen
Brandung der Hefe der Männer der Fjordknochen: Bier der Riesen (=Dichtkunst) bzw. ihr Vortrag
(aus der Übersetzung von Arnulf Krause)

Das hat schon was von cryptic crossword puzzle. Snorri empfiehlt als Grenze für verständliche Kenningar maximal fünf Teile, die längste überlieferte Kenning besteht aus neun:

nausta blakks hlé-mána gífrs drífu gim-slöngvir oder nausta blakks hlémána gífrs drífu gimsløngvir
“Feuerschwinger des Schneegestöbers des Trolls des Schutzmonds des Rosses des Bootshauses”
Ross des Bootshauses: Boot
Schutzmond des Boots: Schild
Troll (=Feind) des Schilds: Axt
Schneegestöber der Axt: Kampf
Feuerschwinger des Kampfes: Krieger
(meine Übersetzung aus dem Englischen, daher vielleicht falsch)

Es zeichnet sich ein Muster ab: wenn man nicht weiß, was eine Kenning bedeutet, liegt man mit “Krieger” oft nicht falsch. Der zweite Tipp ist dann wohl “Odin”.

Bonusteil 3: Heiti (und grammatische Traktate)

Eine weitere Zutat altnordischer Dichtung sind Heiti (Wikipedia englisch). Auch das sind (in der heute verbreiteten Bedeutung) synonyme Umschreibungen, anders als die Kenningar bestehen sie aber nur aus einem einzigen Begriff. Sie sind kulturell festgelegt, man muss halt wissen, dass “Eber” für “Fürst” steht, “der Gierige” für “Feuer”, “Baum” für “Mann” und “Salz” für “Meer”.
Über Heiti habe ich im Web nicht viel gefunden. Eine Liste von Heiti soll im Dritten grammatischen Traktat stehen. Also: Es gibt einen Codex Wormianus. Der enthält unter anderem die einzelnen Abschnitte der Snorra-Edda und vier grammatische Traktate. Der dritte Traktat stammt von, Moment, Óláfr Þórðarson, einem Neffen von Snorri. Am meisten dazu habe ich noch hier gefunden.
Der erste grammatische Traktat (anonym, um 1150) sieht aber auch interessant aus. Darin werden Vorschläge zu einer systematischen Schreibung des Altisländischen gemacht. Das Lautsystem wird anhand von Minimalpaaren untersucht, neue Vokalgrapheme werden vorgeschlagen und die Markierung von Langvokalen und Nasalen durch diakritische Zeichen. Da wirkt das Mittelalter gleich etwas weniger finster.

Weiterführende Lektüre, neben den verlinkten Quellen:

  • Anfangen mit einer Nacherzählung germanischer Sagen und Mythen, etwa: Germanische Götter- und Heldensagen, nach den Quellen neu erzählt von Reiner Tetzner.Stuttgart: Reclam 1997. Sehr vollständig.
  • Erst dann die Edda des Snorri Sturluson. Ich fand verständlich die Fassung von Arnulf Krause (Reclam 1997), der die Verse wörtlich übersetzt und dabei die Metrik nicht berücksichtigt. Leider fehlt der letzte poetologische Teil von Sturluson. Bei Wikipedia gibt es die alte metrische Simrock-Übersetzung beider Eddas, da fehlen aber noch größere Teile der Snorra-Edda.

Zoo 2011

Ein Kleiner Panda:

Auf Englisch auch Firefox.

Nördlicher Hornrabe imitiert Pfau?

Die Süßen:

Röhrenaale:

Werden schmählich vernachlässigt im Amquarium. Nicht mal ein Namensschild hatten sie mehr. Dabei sind die so cool. Und natürlich keine Aale.

Marabu, sitzend:

Hätte ich mir anders vorgestellt.

Robben, ganz allgemein gesagt:

Detail der Flosse:

Seelöwenjungen:

Zum ersten Mal [lernen sie] sich selbstständig im Leben zurechtzufinden. Natürlich finden sie es besonders schön, gemeinsam mit ihren Freunden spielerisch die Welt zu entdecken.


Als Lehrer ist man nicht besonders überrascht von dem Bild, das die jungen Robben passend zur Schildaufschrift bieten.

Ausgebüxter Ziegenbock wird abgeführt:

Fundsachen in den Ferien

Eigentlich könnte ich von weiteren Programmierprojekten erzählen, mit denen ich die letzten Tage verbracht habe. Aber zum einen interessiert das wohl niemanden besonders – andererseits hat mich das noch nie von irgend etwas abgehalten. Nein, vor allem musste ich jetzt zwei Tage Pause einlegen, da sich vor meinem Kopf die Klassendiagramme schon drehten und der Code rotierte. So als echter Programmierer, wie viele Stunden verbringt man denn am Tag mit Diagrammen oder dem Schreiben von Code? Das macht mein Kopf nämlich nicht so recht mit. Teambesprechungen zwischendurch? Pausen? Jedenfalls müsste ich, um die Projekte vorzeigbar zu machen, mich wieder damit beschäftigen, und das traue ich mir im Moment noch nicht zu.

Also sammle ich eher das, was mir so aufgefallen ist:


Essknete. “Die wahrscheinlich sicherste Knete der Welt.” In vier Farben. Mit Tipps und Knetvorlagen. Kleingedruckt steht darunter, vielleicht aus rechtlichen Gründen, die Produktbeschreibung, nämlich: “Backmischung”. Ah! Man rührt sie mit genau abgemessenem Wasser an, gestaltet Formen damit und backt diese dann im Ofen. Bunte Kekse also.


Apple lässt den Konkurrenten Galaxy Tab in Europa verbieten. Zu ähnlich sei er dem iPad. Das Motorola Xoom ist wohl als nächstes dran. Das erinnert mich – ich bin da vielleicht etwas eigen – an das juristische Vorgehen von DC Comics (damals unter dem Namen National Periodical Publications) gegen Fawcett Comics Anfang der 1950er Jahre: zu ähnlich sei deren Captain Marvel dem eigenen Superhelden Superman: beide groß und stark, können fliegen und haben ein Cape. Mehr Ähnlichkeit war da nicht, das Kostüm des einen war rotgolden, mit weißgoldenem asymmetrischen Cape, aber das reichte für eine Klage und dazu, den erfolgreicheren Konkurrenten zu verdrängen. Es geht – mindestens auch – um das Design des Galaxy:

Es ist ebenfalls “ein rechteckiges Produkt mit vier gleichmäßig gerundeten Ecken”, es hat “eine flache, klare Oberfläche, welche die Vorderseite des Produkts abdeckt” und es zeigt “die Ansicht einer metallischen Einfassung um die flache, klare Oberfläche”. (Heise Newsticker)

Zu Recht erzählte mir ein Mensch aus einer großen IT-Firma neulich von einer Fortbildung, wo es zum Thema IP (Intellecutal Property) hieß: “IP is a sword, not a shield.”


Das Lesen eines Didaktikbuches – dem ersten seit langem, sollte man eigentlich öfter machen – brachte mich dazu, nach dem Erfahrungskegel von Dale zu recherchieren. Der ist an sich schon in Ordnung und sortiert die Medien ein von den abstrakten (Wörter allein) über die anschaulichen (Foto, Fernsehen, Museum) bis zu denen der Teilnahme:


(Autor: Midiman74, licensed under the Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 License, Quelle)

Was daran Humbug ist, und nicht von Dale selber stammt, und auch nicht aus irgendeiner anderen wissenschaftlichen Quelle, sind die Zahlen, die oben in dem Diagramm angegeben werden, und denen man immer wieder mal begegnet. Sehr schön recherchiert und zusammengestellt ist das in diesem Blog-Artikel. Ich habe selber vor Jahren mal danach recherchiert, aber nicht so gründlich. Diese Quantifizierung ist Quatsch. Dale selber wollte übrigens auch nicht so verstanden werden, dass bestimmte dieser Medien besser wären als andere, dass anschauliche immer besser wären als symbolische. (Es kommt ja auch darauf an, was man mit den symbolischen Medien – meinen Lieblingen, den Wörtern – macht: eine Geschichte erzählen oder Begriffe präsentieren.)

A propos Statistiken: auch die beliebte Prozentangabe des Körpergewichts, die das Gewicht einer Schultasche nicht übersteigen soll, ist aus der Luft gegriffen.


Auch an bayerischen Berufsschulen kann man den mittleren Schulabschluss (“mittlere Reife”) erwerben, wenn man nämlich einen Zeugnisdurchschnitt von 2,5 hat und eine 3 in Englisch. Nein, halt, der Landtag hat beschlossen, dass ein Durchschnitt von 3,0 reicht. Rückwirkend, so dass die Zeugnisse dieses Halbjahrs und des Schuljahresendes teilweise neu geschrieben werden müssen. (Und das mit der 3 in Englisch soll in Zukunft auch umgewandelt werden in eine 4.)


Und jetzt weiter Ferien. Der Blues in mir will geübt werden, wenn auch nur auf der Ukulele.