ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher

Titelbild Suhrkamp-Taschenbuch

Neulich ging es um Literaturkanons, und da wurde ich auf diese Sammlung hingewiesen: 1978 bis 1980 erschienen die Kolumnen in der Zeit, es wurde jeweils ein Werk der Weltliteratur in einem kurzen beschreibenden Essay vorgestellt.

Titelbild Suhrkamp-Taschenbuch

Die Sammlung ist selbst ein Zeitdokument. Man merkt, dass sie noch aus einer prä-postmodernen Zeit stammt: „Krimi wird nun nicht geboten, es sein denn, man hielte Dostojewskis ‚Dämonen‘ für einen“, schreibt Herausgeber Fritz J. Raddatz gönnerhaft in seinem Vorwort. Die Grenze zwischen U- und E-Literatur wird noch ganz hart gezogen. Der Beitrag zu Dantes Göttlicher Komödie beginnt: „Die Deutschen haben ein gestörtes Verhältnis zu Dante.“ Man möchte den Autor schütteln, oder in den Arm nehmen, denn nein, den Deutschen ist Dante so etwas von egal, die haben gar kein Verhältnis zu ihm. Dass unter den 100 Werken gerade mal ein einziges ist, das von einer Frau geschrieben wurde, ist den Herausgebern selber aufgefallen; im Vorwort wird diese Beobachtung – wiederum gönnerhaft – gelobt als „Argument, das die sympatische kritische Wachheit unserer weiblichen leser dokumentiert.“ Aber das ist kein Problem, denn ausgewählt wurde „ausschließlich nach literarischen Kriterien.“ Diese Kriterien zu hinterfragen, so weit war man damals noch nicht. In der Jury saßen nur Männer, und – adding insult to injury – der Beitrag zum Buch der einzigen Autorin, Anna Seghers‘ Das siebte Kreuz, ist der einzige Beitrag, der nicht von namhaften Intellektuellen verfasst wurde, sondern von einer 17-jährigen Schülerin.

Von den hundert Werken habe ich etwa ein Viertel gelesen. Weltliteratur ist drin, mit Schwerpunkt Deutschland, und daneben Europa, das ist legitim. Ganz wenig Amerika, gar kein Asien oder Afrika. Swift, Fielding und Sterne, aber weder Jane Austen noch eine Brontë-Schwester noch Mary Shelley. Das Nibelungenlied ist drin, in Ordnung – ist das eigentlich Weltliteratur, oder hätte man das in Deutschland nur gerne? Trotzkis Autobiographie ist drin, ein wenig sonderbar. Goethes Werther wird als avantgardistisch gelobt, weil man so unmittelbar dran ist an dem armen Mann. Dafür

opfert man dann gern den schon damals allwissend und schwatzhaft sich selber feiernden, sogenannten „ironischen“ Erzähler, der uns mit seinen entsetzlich langen Romanen, in denen er auf Zehenspitzen hin- und herhuschend alles hübsch und artig dekoriert, bis zum heutigen Tage zu Tode langweilt. (Reinhard Lettau)

Also, ich mag den lieber als den Werther. — Die Auswahl hat mich bisher dazu gebracht, Faulkner zu lesen (nicht mein Fall), mich wieder mal an die Langwerke Kafkas zu machen (interessieren mich viel weniger als die Kurzprosa), Kleist wiederzulesen (immer ein Vergnügen) und Hebel (dito). Spuren von Ernst Bloch klang interessant und ist in der Post.

Wilde Woche, weiterhin (und Thomas Pynchon, Lot 49)

Bogenschützen beim Schießen

Montag

Nachmittags Fachsitzung Englisch, Informationen zum LehrplanPLUS. Fazit: Für Englisch keine Änderungen, das Fach war eh schon kompetenzorientiert. Es gilt weiterhin der SBR (spezielle bayerische Referenzrahmen für Sprachen), der an den GER (gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen) angelehnt ist, aber zusätzliche Stufen kennt – hier der Blogeintrag zur Faustregel, anhand derer man sich merken kann, in welchen Jahrgangsstufen A1, A1+, A2, A2+ und so weiter erreicht sein sollen.

Englischunterricht scheint mir inzwischen weitgehend reduziert zu sein auf ein: Englisch verstehen und sprechen und lesen können. Vielleicht ist das auch okay. In meiner Studienzeit wurde in der Fachdidaktik thematisiert, warum am Gymnasium der Englischunterricht traditionell mehr war als ein einfacher Sprachkurs – ob das Standesdünkel war oder Bildungsanspruch, ist eine andere Frage. Deswegen Shakespeare, Elisabethanisches Weltbild, beides noch drin im Lehrplan, ja. Aber die Zeiten, als ich im Leistungskurs Zeit für den Great Vowel Shift hatte, sind vorbei.

Dienstag

Den ganzen Tag in Feucht bei Nürnberg gewesen als Begleiter unseres Schulteams zu den Bayerischen Schulmeisterschaften im Bogenschießen, so wie letztes Jahr.

Bogenschützen beim Schießen

Wunderschönes Wetter. Ansonsten siehe letztes Jahr.

Mittwoch

Nach dem Unterricht Treffen einer der Schulentwicklungsgruppen, mal sehen, ob dieses Schuljahr noch etwas geht, ansonsten nächstes Jahr. Danach wie jeden Mittwoch die Vorlesung Informatik; leider fährt die Straßenbahn zur Zeit nicht von meinem Wohnort aus durch, so dass ich doch lieber die – schnellere – U-Bahn/Bus-Kombination nehme. Mir entgehen dabei halt die vielen Pokestops, die ich sonst bei der gemächlichen Straßenbahnfahrt mitnehmen kann. Thema der Vorlesung diesmal. Informatik udn Gender.

Donnerstag

Titelbild Thomas Pynchon: The Crying of Lot 49Abends Treffen der Leserunde bei Frau Rau und mir. Es gab kalten Wurst- und ebensolchen Zucchinisalat, beides ausgesprochen lecker, dazu Käseplatte. Das Buch, das wir diesmal gelesen hatten, war The Crying of Lot 49 von Thomas Pynchon. Leider war ich der einzige, der viel über das Buch reden wollte. Ich hatte es schon vor fünfundzwanzig Jahren im Regal stehen, zusammen mit Gravity’s Rainbow, und war bei beiden Büchern nie weit gekommen.

The Crying of Lot 49 erschien 1965 und ist ein waschechter postmoderner Roman; ich hatte nicht gewusst, dass das schon so früh losging mit der Postmoderne. The Shaodw wird zitiert auf den ersten Seiten, Perry Mason, Fu Manchu, Bonanza, „Road Runner in blank verse“ heißt es zu irgendeinem Thema, und das ist ja die Postmoderne. Stilistisch und sprachlich konnte ich dem Buch wenig abgewinnen, ausgenommen vielleicht das eingebaute und großzügig zitierte (fiktive) elisabethanische Drama, alles in Blankvers. Inhaltlich ist das Buch schon eher mein Ding: Paranoia, Geheimgesellschaften, Weltverschwörungen; die Welt bricht um die – allerdings gar nicht so bürgerliche – Hauptperson zusammen. Das Buch ähnelt darin dem zuvor gelesenen Philip K. Dick, Time Out of Joint. Und das wiederum hatte Gemeinsamkeiten mit Gravity’s Rainbow, aber die sah vielleicht nur ich. Geschichte und Fiktion werden gemischt, reale Geheimgesellschaften treffen sich mit erfundenen. Und das ist interessant einmal wegen der vielen Verschwörungstheorien der letzten sechzehn Jahre – Kondensstreifen und Identitäre Bewegung und all die ganzen Spinner. Hintergrund des Pynchon-Buchs ist die Kommunistenhatz der 1950er Jahre, die von der Regierung angeordnete Fluoridisierung des Trinkwassers, die schon in Dr. Strangelove als Anlass für Verschwörungstheorien herhalten muss. Eine Auswirkung all dessen, vielleicht von Pynchon beeinflussst, vielleicht nicht, aber auffallend ähnlich, ist die berühmte Illuminatus!-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson, 1975 erschienen. Ähnlich wie Pynchon, aber deutlicher, ist das eine Parodie auf all das.

Verwandte Blogeinträge dazu:

– Als ich bei Twitter etwas über Pynchon twitterte, wurde das gleich von einem Pynchon-Kanal geliked, der das Stichwort wohl abonniert hatte. Über den Kanal stieß ich zu einem Alternative Reality Game zu The Crying of Lot 49, das zur Zeit in Shoreham bei Brighton, meiner englischen Urlaubsgegend, gespielt wird.

Freitag

Seit 2009 bin ich regelmäßig Anfang Juli am Tag der Informatiklehrer und -lehrerinnen an der LMU München. Fünf Jahre lang als Mitorganisator, dieses Jahr nur mehr als Workshopleiter – ich stellte mein Storyworld-Projekt vor (Blogeintrag dazu).

Der Eröffnungsvortrag war von irgendwem über Calliope, einen gerade viel diskutierten Mikrocontroller, entwickelt für die Grundschule. Der „irgendwer“ als Vortragender erzählte dann von seiner kleinen Tochter, einem großen Merkel-Fan, und da dachte ich mir: das kennst du doch irgendwer. Kurze Recherche bei Twitter: der Vortragende war niemand anderes als der Herr Holadiho, mir seit vielen Jahren über Blog und Twitter ein Begriff. Aber wer merkt sich denn schon, dass die Leute echte Namen haben, in diesem Fall „Stephan Noller“? Über Frau Rau, auf Twitter und in Blogs aktiver als ich, kriegte ich immer wieder mal etwas von @holadiho mit. Die Anekdote mit der Tochter, die Merkel so schätzt, war allerdings eine Fehlerinnerung: Eine andere Blog-/Twitter-/Re:publica-Bekannte von Frau Rau war es, deren kleiner Sohn so ein großer Merkel-Fan ist.

Calliope: Sah übrigens sehr, sehr fein aus.

Jetzt Feierabend. Am Wochenende Korrekturen.

Schullektüre 2017 (2) Whisper

Titebild Abedi, Whisper

Wenn man als Lehrer die Schullektüre auswählt und sie den Schülern und Schülerinnen nicht gefällt, ist das kein Problem. Das halten Lehrer aus, und außerdem kommt es ja auch nicht darauf an, dass die Lektüre unmittelbar gefällt. Dass es der Deutschunterricht mit den Lektüren ist, der Schülern das Lesen vergällt, halte ich ohnehin für ein Gerücht. Wenn man die Schülerinnen auswählen lässt, und ein Vorschlag wird dann genommen, und dann gefällt es der Klasse nicht – das stelle ich mir schon schwieriger vor. Aber vermutlich reicht es da, wenn der Lehrer sagt, dass ihm das Buch nicht gefallen hat, um alle Schüler das Buch plötzlich viel positiver zu sehen.

Normalerweise lasse ich über Lektüren abstimmen, je nach Alter und Thema, mache aber von vornherein klar, dass ich ein Vetorecht behalte beziehungsweise nicht alle Bücher zur Abstimmung zulasse. Wenn es um andere Epochen als um die letzten fünfzig Jahre geht, haben die Schülerinnen und Schüler meist ohnehin keine besondere Meinung. Aber in meiner anderen aktuellen 9. Klasse haben wir schon die zwei Pflichtlektüren gelesen, und eine dritte Lektüre wollten sich die Schüler und Schülerinnen selber aussuchen, also stellten Freiwillige ihre Kandidaten vor, und die Klasse stimmte ab, und mehrheitlich entschied man sich für Isabel Abedi, Whisper. Nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2006.

Titebild Abedi, Whisper

Whisper ist ein modernes Jugendbuch mit Mädchen als Zielgruppe; nicht mein liebstes Genre. Aber okay, nachdem weder die Schachnovelle noch Der Richter und sein Henker irgendwelche nennenswerten Frauenrollen hatten, ist es nur fair, etwas mit Frauen zu lesen. Ich fand das Buch uninteressant, aber es war ergiebig, mal ein schlechtes Mädchenbuch zu lesen und nicht nur die vielen, vielen schlechten Jungenbücher meiner eigenen Jugend. Ich sah die nie als Jungengeschichten, das war einfach ganz normale Science Fiction und Fantasy – aber es ergab sich halt doch immer, dass der Erdenmann auf einem fremden Planeten die Prinzessin aus ihren Schwierigkeiten rettet und am Schluss innig küsst und widergeküsst wird. Whisper enthält andere Klischees, aber es bleiben Klischees.

Was tun mit einer Lektüre? Vom Arena-Verlag gibt es eine Pdf-Datei mit Vorschlägen für die Klassen 7 bis 9, Arbeitsblätter mit Lösungen oder Lösungsvorschlägen. Es gibt einen kurzen didaktischen Kommentar zu den Arbeitsblättern, aber die Aufgaben überzeugen mich nicht – Fotolovestory, Wörtersuchquiz; bei vielem erkenne ich nicht genug Lernziel. Eine Aufgabe heißt „Recherche“:

Die Frage, ob es Geister gibt oder nicht, kann nur schwer beantwortet werden. Die Menschen, die sich mit dieser Frage beschäftigen, sind sich uneinig über dieses Thema. Recherchiere im Internet und in Büchern und bilde dir selbst eine Meinung. Du sollst das, was du sagst, begründen können und auch angeben, wo du dich informiert hast. Informiere dich auch über das Geisterspiel, das Noa und David durch Gilbert kennen gelernt
haben. Es nennt sich Gläserrücken. Was denkst du darüber?

Oh my. Ja, mit der Geisterfrage werden wir uns beschäftigen, aber doch nicht so, als könnte man das demokratisch und durch Diskussion lösen, und als stünden im Internet nicht lauter Sachen, die nicht stimmen. Also gute: Fake news; Leonhard Euler und die Frage, woher wir wissen, was wahr ist; allgemeine Wahrheiten; Experiment und Hypothesenüberprüfung; Ockhams Rasiermesser; Liste kognitiver Täuschungen – Stoff für die nächste Stunde.

Ansonsten habe ich meine eigenen Arbeitsaufträge erstellt und den Schülerinnen und Schülern ausgeteilt:

  1. Personen
    Erstelle eine Liste oder ein Diagramm aller wichtigen Personen, aus denen die Verhältnisse zueinander hervorgehen.
  2. Parallelen
    Die Geschehnisse von 2005 und von 1975 haben mehrere Parallelen. Finde zwei oder drei davon.
  3. Rätselfragen
    Um Spannung zu erzeugen, werden den Lesern (und den Hauptpersonen) immer wieder kleinere Rätsel oder offene Fragen präsentiert. Mache eine Liste von fünf solchen Rätseln, notiere dabei jeweils die Seite, wo sich die aufmerksame Leserin zum ersten Mal die Frage stellt, und die Seite, auf der es eine Antwort gibt.
  4. Intertextualität
    Texte beziehen sich immer auf andere Texte, bewusst oder unbewusst. Finde vier Beispiele, jeweils mit Seitenangabe, von anderen Texten (Filme, Bücher, Lieder usw.), die in Whisper bewusst referenziert werden.
  5. Klischees
    Es gibt nicht nur die bewusste Referenz, sondern auch das mehr oder weniger unbewusste Übernehmen von Elementen, die man aus anderen Geschichten kennt. Das kann im besten Fall eine originelle Variation eines solchen Bausteins sein, oft ist es aber auch ein Klischee. Finde acht solcher Klischees – Standardsituationen, die man aus anderen Geschichten kennt.
  6. Sprache
    Finde drei Stellen, die sprachlich besonders interessant sind – entweder, weil sie besonders gut oder besonders schlecht sind. (Mir selber sind zum Beispiel viele Hyperbeln aufgefallen.) Denk and die Seitenzahlen!
  7. Bonusaufgabe: Überflüssiges
    Gibt es Elemente, die man hätte weglassen können aus dem Buch, um es vielleicht etwas zu kürzen oder zu vereinfachen? Wenn ja, erkläre und begründe deine Entscheidung.
  8. Bonusaufgabe: Eigener Schwerpunkt
    Hast du eine eigene Frage an das Buch, etwas, das du untersuchen möchtest? Dann mache das.
  9. Noch ein Buch
    Folgende Situation sei gegeben: Das Buch ist ein Erfolg, der Verlag bestellt bei einem Autor oder einer Autorin ein ähnliches, das an die gleiche Zielgruppe verkauft werden soll.
    a) Schreibe eine kurze Inhaltsangabe dieses anderen Buches, sozusagen als Verkaufsvorschlag der Autorin, damit sich der Verlag dafür entscheidet. Schau dir als Beispiel für eine solche Verlags-Inhaltsangabe den inneren Klappentext von Whisper an.
    b) Ergänze eine Art Checkliste von inhaltlichen Punkten, die laut Verlag vorhanden sein müssen, um ein ähnliches Buch erzeugen zu können.
    (Die Reihenfolge der beiden Teilaufgaben ist beliebig.)
  10. Erzählperspektive
    Hierzu gibt es viel zu untersuchen, aber dafür braucht es ein eigenes Arbeitsblatt und eine Präsentation, später einmal.

Über die Intertextualität – darunter Die Brüder Löwenherz, Eichendorffs Mondnacht (mit Fehler im ersten Vers, der das Metrum stört; kann man zum Wiederholen nutzen) – kommt man zu den Klischees. Stille im Saloon, Das Missverständnis (Es war doch nur seine Schwester), Schatten am Fenster, Finstere Mühle, Unverständliche Weissagung der Alten, Blitz und Donner beim Geisterspiel. Dann die Sprache – ein Schüler hatte das Buch als Ebook dabei, da fällt es besonders leicht, den Text nach „unendlich“ zu durchsuchen – Hyperbeln gehören sehr zum Genre. „Unendlich viel Zärtlichkeit, unendlich viel Schmerz, unendlich Trauriges.“ Thomas Mann schreibt in „Tonio Kröger“ auch einmal von einem „unendlich sympathische[m] Gesicht“, aber ansonsten ist die Liebe Krögers „gut und fruchtbar. Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.“ Schon etwas differenzierter.

Das mit der Erzählperspektive ist mir wichtig, erfordert aber noch Vorarbeit. Fast alles ist personal aus der Perspektive der Heldin verfasst, aber dreimal gibt es Varianten von „little did she know“, und einige Male wird die Natur mit Fachausdrücken geschildert („Mädesüß, Hornklee, Wiesenschaumkraut“), die ich mir bei der Heldin nicht vorstellen kann, die also von einer anderen Instanz kommen müssen.

Schullektüre 2017 (1) Die Brautprinzessin

Titelbild Brautprinzessin

In der einen neunten Klasse lesen wir als Lektüre William Goldman, Die Brautprinzessin — ein Schülervorschlag, und Sieger bei der Abstimmung. Selber habe ich das Buch seit sicher mehr als zwanzig Jahren nicht mehr gelesen, damals war es toll; beim Wiederlesen jetzt war ich etwas enttäuscht – aber das lag vielleicht an der Übersetzung, die mir an etlichen Stellen unangenehm auffiel. Aber vielleicht bin ich zu empfindlich, bei Filmen allerdings stören mich Synchronfassungen kaum.

Bei Schullektüren geht es nicht hauptsächlich darum, ob einem das Buch gefällt, sondern was man damit anfangen kann im Unterricht. Erzählperspektive anschauen, Figurenkonstellation, sprachliche Bilder, Symbolik? Oder, notfalls, so etwas Vages wie: Aufbau. Noch ist mir zur Brautprinzessin nicht gar so viel eingefallen, aber das kommt vielleicht noch.

Titelbild Brautprinzessin

Wer es nicht weiß: Zum Buch gehört ein langes Vorwort, in dem der Autor und Drehbuchautor William Goldman etwas zur Entstehungsgeschichte des vorliegenden Buchs erzählt, einer bearbeiteten Fassung des Originals von S. Morgenstern. Goldmans Vater, ein Immigrant, hatte es ihm in seiner Kindheit vorgelesen, dabei aber – ohne Wissen Goldmans – die langweiligen Passagen übersprungen. Als Erwachsener bearbeitet Goldman nun das Original und legt eine Fassung vor, die nur die spannenden Teile enthält: Fecht- und Faustkampf, Rache, wahre Liebe, Verrat, Piraten, Prinzen, Prinzessinnen, Flucht und Triumph. – Das alles ist natürlich erfunden, ebenso wie die Hälfte der biographischen Details. Aber das gibt Goldman eine schöne Gelegenheit, immer wieder als vorgeblicher Bearbeiter teils umfangreiche Kommentare einzustreuen – farblich abgesetzt. Sehr auktorial!

(Genau diese Kommentare sind für mich ein besonderer Genuss am Buch, während meine Schülerinnen und Schüler sie ganz im Gegensatz als irritierend und störend empfanden. Mal sehen, ob ich ihnen meinen Genuss daran noch vermitteln kann.)

Ich nehme den Anfang der Haupterzählung auch gerne als Beispiel für auktoriales Erzählen:

In dem Jahr, als Butterblume geboren wurde, war die schönste Frau der Welt ein französisches Küchenmädchen namens Annette. Annette arbeitete in Paris für den Herzog und die Herzogin von Guiche, und es entging der Aufmerksamkeit des Herzogs nicht, dass jemand Außergewöhnliches ihnen die Zinnteller putzte. Die Aufmerksamkeit des Herzogs wiederum entging nicht der Aufmerksamkeit der Herzogin, die weder sehr schön noch sehr reich, aber enorm gescheit war. Die Herzogin machte sich daran, Annette zu studieren, und schnell fand sie die tragische Schwäche ihrer Gegnerin heraus.

Auktorial ist, wenn man das schlecht verfilmen kann, und wenn die Stimme des Erzählers mehr oder weniger deutlich kommentierend und Stellung beziehend erkennbar ist. Ohne Erzählerstimme aus dem Off lässt sich der Anfang der Brautprinzessin kaum verfilmen.

Als Gegenbeispiel präsentiere ich den Klassen gerne diese Stelle aus der Odyssee, nicht auktorial und fast nicht allwissend, und leicht zu verfilmen:

Jetzo entblößte sich von den Lumpen der weise Odysseus,
Sprang auf die hohe Schwell‘, und hielt in den Händen den Bogen
Samt dem gefüllten Köcher; er goss die gefiederten Pfeile
Hin vor sich auf die Erd‘, und sprach zu der Freier Versammlung:
Diesen furchtbaren Kampf, ihr Freier, hab‘ ich vollendet!
Jetzo wähl‘ ich ein Ziel, das noch kein Schütze getroffen,
Ob ich’s treffen kann, und Apollon mir Ehre verleihet.
Sprach’s, und Antinoos traf er mit bitterm Todesgeschosse.
Dieser wollte vom Tisch das zweigehenkelte schöne
Goldne Geschirr aufheben, und fasst‘ es schon mit den Händen,
Dass er tränke des Weins; allein von seiner Ermordung
Ahnet‘ ihm nichts: und wer in der schmausenden Männer Gesellschaft
Hätte geglaubt, dass einer, und wenn er der Tapferste wäre,
Unter so vielen es wagte, ihm Mord und Tod zu bereiten!
Aber Odysseus traf mit dem Pfeil ihn grad‘ in die Gurgel,
Dass im zarten Genick die Spitze wieder hervordrang.
Und er sank zur Seite hinab; der Becher voll Weines
Stürzte dahin aus der Hand des Erschossenen; und aus der Nase
Sprang ihm ein Strahl dickströmendes Bluts. Er wälzte sich zuckend,
Stieß mit dem Fuß an den Tisch, und die Speisen fielen zur Erde;
Brot und gebratenes Fleisch ward blutig.

Ich finde ja, dass Romane auktorial beginnen sollten: „It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair […].“ Oder von mir aus auch nur: „It is a truth universally acknowledged, that a single man in possession of a good fortune must be in want of a wife.“ Alles andere ist Kurzgeschichtenanfang. Aber die meisten Romane der letzten hundert Jahre sehen leider anders aus.

— Im Mediävistik habe ich Tropen und Topoi kennengelernt. Ein Topos ist ein Erzählbaustein, der in verschiedenen Formen immer wieder auftaucht, seit der Antike etwa der locus amoenus – ein idyllischer, friedlicher, schöner Ort, oft einer, an dem sich das Liebespaar der Geschichte trifft. Auf Englisch heißt so ein Topos populärsprachlich inzwischen oft „trope“, das ist vielleicht ein wenig verwirrend.

Gerade Genre- und Unterhaltungsliteratur, aber nicht nur die die, ist voll solcher Figuren. Ich habe davon einige – seriöse und weniger seriöse – bei tvtropes.org geklaut und für die Schülerinnen und Schüler übersetzt; sie sollten dann Beispiele aus der Brautprinzessin (1 Punkt) und aus anderen Werken – Film, Fernsehserie, Comic, Buch – dafür finden (2 Punkte). Das Team, das als erstes 50 Punkte zusammen hat, meldet sich. Technisch würde man nicht alles als Topos bezeichnen, aber sei’s drum.


Rahmenhandlung
Die Hauptgeschichte ist eingebettet in eine andere Geschichte. Der Rahmen kann nur am Ende oder nur am Schluss oder an beiden Enden auftauchen, oder auch zwischendurch; er kann mehr oder weniger mit der Binnenerzählung zu tun haben.

Höfliche Bösheit
Der Schurke ist ein besonders höflicher und scheinbar freundlicher Mensch. (Allein schon das Konzept „Schurke“ ist ein Topos.)

Der trinksüchtige Held
Ein Held hat ein Laster, häufig Alkohol, gegen das er ankämpft. Gibt es häufig auch im Western.

Anachronismus-Eintopf
Ein Anachronismus liegt dann vor, wenn in einem Werk, das zu einer bestimmten Zeit spielt, etwas erscheint, das erst in einer späteren Zeit erfunden oder bekannt wird. Kann Absicht oder Zufall sein.

Böser Aristokrat
Aristokraten sind böse, einfaches Volk ist gut.

Kampf der Gewitztheit
Held und Schurke messen ihren Verstand.

Der große Kuss
Ein Kuss, auf den der Leser oder die Leserin lange gewarttet haben.

Groß, dünn und klein: Das Trio
Ein Held ist besonders groß, einer besonders dünn, einer klein.

Held mit Schlagwort
Ein Held oder eine Heldin hat einen Ausdruck, den er oder sie immer wieder verwendet.

Prinzessin in Gefahr
Eine Heldin (weiblich), nicht unbedingt eine Prinzessin, ist in Gefahr und muss von einem Helden (männlich) gerettet werden.

Der Drache
Der Oberschurke hat oft einen besonders starken oder mächtigen Gehilfen oder Mitschurken, der erst überwunden werden muss, bevor man zum Oberschurken vordringt.

Albinos sind böse
Selbsterklärend.

Der sanfte Riese
Eine besondes starke, aber auch besonders sanftmütige Figur.

Die Eiskönigin
Eine abweisende Frau, die dann doch auftaut (und sich etwa in den Helden verliebt).

Der Literaturagent
Der echte Autor eines Werks tut so, als wäre er nur der Herausgeber, Bearbeitet, oder literarischer Agent eines erfundenen Autors.

Harmlose Piraten
Piraten, tatsächlich sehr blutrünstige Gestalten, werden als recht harmlos dargestellt.

Attribute sind cool
Eigennamen von Personen, Orten oder Gegenschaften mit einem Attribut (meist: Adjektiv oder Genitiv-Attribut) im Namen.

Der unzuverlässige Erzähler
Ein Erzähler, bei dem man nicht sicher sein kann, dass er stets die wahrheit sagt. Immer ein Ich-Erzähler.


Bestimmt muss man einige dieser tropes problematisieren, etwa die Eiskönigin und die Prinzessin in Gefahr. Und auch Albinos sind nicht böser als andere.
Nach ein wenig Zögern am Anfang fanden die Schülerinnen und Schüler dann doch reichlich Beispiele und hatten Lust am Suchen. Ein Team heimste besonders viele Punkte bei den großen Küssen ein (Vampirgeschichten und so). Viele Beispiele stammten aus Barbie-Filmen, die ich alle nicht kenne. Am schwierigsten war der unzuverlässige Erzähler, da kam nur ein Ergebnis bisher.

Karl May wiederlesen: Orientzyklus, Band 1-3

Diagramm mit Handlung von Von Bagdad nach Stambul

Karl May: Den habe ich in der Grundschule gelesen, ziemlich früh, und vielleicht bis in die fünfte Klasse hinein. Wenn ich in Fahrt war, schaffte ich ein Buch am Tag. Dabei haben mich die Amerika-Geschichten nie so interessiert; ich habe keinen einzigen Winnetou-Band gelesen, die Orient-Erzählungen dafür um so mehr. Vor zweieinhalb Jahren habe ich zufällig angefangen, wieder hineinzulesen, und mich jetzt an den Orientzyklus gemacht.

Durch die Wüste

Titelbild "Durch Wüste und Harem"

Es beginnt damit, dass Kara Ben Nemsi und Halef eine Leiche in der Wüste finden, ein ermordeter französischer Kaufmann, wie sich herausstellt. Der Mörder wird verfolgt, aber letztlich bleibt die Tat vorerst ungesühnt und unaufgeklärt. Daraufhin gibt es weitere vorerst unverbundene Episoden: Die Rettung einer Entführten, der Kampf gegen Piraten. Schließlich helfen die beiden einem Beduinenstamm gegen ihre Feinde; Kara ben Nemsi erhält dabei das Pferd Rih als Geschenk. Am Ende zieht er mit Halef und dem Scheich eines befreundeten Stamms in Richtung Türkei, sie wollen den Sohn des Scheichs aus türkischer Gefangenschaft befreien. Dort helfen sie einer großen Gruppe von Jessiden gegen ihre türkischen Feinde. Begleitet werden sie von Sir David Lindsay, einem reichen Engländer, der auf der Suche nach archäologischen Mitbringseln ist, allen voran „fowling-bulls“, geflügelten Stieren.

– Das Episodenhafte hatte ich nicht so in Erinnerung; der Fall des toten Kaufmanns wird erst viel später wieder aufgegriffen werden. Ich konnte mich noch gut erinnern an den gefährlichen Ritt über den Salzsee Schott el Dscherid, an Rih, sonst hatte ich das meiste vergessen. Sehr gut weiß ich noch, wie ich in diesem Buch auf das Wort „Vatermörder“ stieß und mir erklären lassen musste. Auch sonst habe ich sicher viel aus dem Buch gelernt: Sunniten, Schiiten, der Koran, Suren, Jessiden, Mekka, die Hadsch, Couscous, Shisha, Piaster, Mariatheresientaler, Pilaw.

Zeitlich scheint das nach den Geschichen aus Am Stillen Ozean zu spielen, da Lindsay direkt davon spricht und sich mit Bezug auf einen spleenigen Engländer daraus vorstellt:

Bin Freund von Sir John Raffley, Mitglied vom Traveller-Klub, London, Near-Street 47.

Das wird vielleicht auch mein erster Kontakt zu spleenigen Engländern und ihren Clubs gewesen sein.

Kara Ben Nemsi ist nicht so nervig wie in Im Lande des Mahdi. Er töte nicht gern, und ist schon recht superheldisch, kann Spurenlesen und Faustkämpfen wie Sherlock Holmes und überhaupt alles. Es gibt nur ein- oder zweimal Gefangennahme und Ausbruch, das ist okay. (Der Mahdi bestand quasi nur daraus.)

Durchs wilde Kurdistan

Titelbild "Durchs wilde Kurdistan"Schwächer als der Vorgängerband. Die Jessiden haben die Türken umzingelt, Kara ben Nemsi hilft bei politischen Verhandlungen und verhindert ein Blutvergießen. Die kleine Gruppe befreit den Sohn des Scheichs und macht sich auf den Rückweg; abseits der türkischen Herrschaft werden sie in die Auseinandersetzungen zwischen Kurden und nestorianischen Christen hineingezogen. Auch hier vermittelt unser Held und verhindert sinnloses Blutvergießen. Kara ben Nemsi hat am Anfang nicht viel zu tun, aber der Scheich, der ihn begleitet, und Sir David, der später zu ihm stößt, noch viel weniger, die sind reine Staffage.

– Insgesamt schon etwas mehr Gefangennahme und Ausbruch, aber weiterhin erträglich. Das ständig thematisierte Christentum des Helden war mir als Kind nicht aufgefallen; beim wiederlesen erschien es mir plump, aber nicht wirklich störend. Bei einem modernen Autor würde mich das Belehrende viel mehr stören, warum ist das im Orientzyklus nicht so?
Voll an mir vorbeigegangen ist der zum Teil abgedruckte Prester-John-Brief; ich habe keinerlei Erinnerung daran. Bewusst bin ich diesem Stoff wenige Jahre nach der Karl-May-Lektüre begegnet, in einem Heft der Fantastic Four, richtig informiert habe ich mich erst bei der Marco-Polo-Lektüre neulich: Im 12. Jahrhundert tauchte ein Brief eines sagenhaften Priesterkönigs Johannes auf, der angeblich in Asien über ein großes christliches Reich herrschte und seinen Brüdern im Westen diesen Brief schrieb. Auch der bei Marco Polo wiederholte Trick mit dem Asbesthemd wird zitiert.

– Karl May schreibt gar nicht schlecht. Nur seine Plots sind sehr schwach. Gefangennehmen, Entkommen, Befreien; Verhandeln zwischen verfeindeten Parteien, das wiederholt sich ständig. Der Held kommt in eine neue Stadt, er schafft sich einen neuen Freund unter der Bevölkerung, weil da jemand krank oder vergiftet ist und er mit seinem überlegenen deutschen Wissen helfen kann, worauf er jemand hat, der ihn später aus der nächsten Gefahr retten wird.

„Ein Bewohner von Amadijah, dessen Tochter krank ist.“

führt regelmäßig zu zu:

„‚Du hast nicht ihr allein, sondern auch mir das Leben erhalten, und du weißt nicht, wie gut dies ist für viele, die du weder kennst noch jemals gesehen hast.'“

Das ist ein- oder zweimal okay, aber mit der Zeit wird es auffällig.
Karl May ist bewusst, dass er in einer literarischen Tradition schreibt:

Wie oft hatte ich gelesen, daß ein Gefangener durch die Berauschung seiner Wächter befreit worden sei, und mich über diesen verbrauchten Schriftstellercoup geärgert! Und jetzt befand ich mich in voller Wirklichkeit infolge eines Rausches in dem Besitze aller Gefangenen.

Und doch: Die Bücher sind page turner, lesen sich fast von selbst. Ja, andere Völker werden von oben herab betrachtet, als unreife Kinder, aber immer wieder auch mit Toleranz, Verständnis und Aufruf zum Frieden. Wo liest man denn in der deutschen Hochliteratur etwas über den Orient? Da fällt mir eigentlich nur der Chinese in Effi Briest ein, den wir Deutschlehrer den Schülerinnen und Schülern gerne verkaufen als Element des Exotischen, Mystischen, Kolportagehaften. Seine Rolle im Buch ist minimal. Bei Karl May habe ich jedenfalls mehr gelernt als bei Fontane.

Diagramm zur Handlung:

Diagramm mit Handlung von Durch die Wüste

  • Gelb ist das erste Abenteuer: Der Fund der Leiche, die Verfolgung des Mörders, die Überquerung des Salzsees. Aufgelöst wird es erst später.
  • Orange ist das nächste Abenteuer: Die Befreiung einer Entführten. Auch diese Geschichte findet später eine Fortsetzung, und eine Verbindung zur ersten.
  • Weiß ist der Rest: Die Abenteuer bei den Beduinen.
  • Blau ist alles, was für mich aus Durchs wilde Kurdistan geblieben ist.

Von Bagdad nach Stambul

Titelbild "Von Bagdad nach Stambul"

Kara Ben Nemsi, Halef und Lindsay reiten mit Mohammed Emin und dessen im letzten Band befreiten Sohn Amad el Ghandur über Umwege nach Hause. Es gibt Streit mit einem Kurdenstamm und untereinander, Scheich Mohammed stirbt bei einem Überfall der Kurden auf persische Reisende, Amad sucht Blutrache und verlässt die Gruppe. Die Reisende sind Hassan Ardschir-Mirza, seine Braut und seine Schwester, von Feinden verfolgt und inkognito unterwegs. Kara Ben Nemsi verkauft in des Mirza Auftrag dessen Güter in Bagdad, kann aber nicht verhinden, dass der Mirza und seine Schwester von den Verfolgern umgebracht werden. Sie begegnen einer Todeskarawane, stecken sich mit die Pest
Wieder gesundet wollen sie nach Istanbul, treffen aber vorher den reisenden Kaufmann Jacub Afarah aus Damaskus, der ihnen einen Brief an seinen Bruder dort mitgeben will und sich als Onkel von Isla Ben Maflei aus dem ersten Band herausstellt. In Damaskus lebt unter der Identität eines ermordeten Verwandten niemand anders als Abrahim-Mamur, ein Schurke aus dem ersten Band, mit dem Ziel, Afarah zu bestehlen. Er flüchtet mit geraubtem Gut, wird zwar in den Ruinen von Baalbek gestellt, kann aber entkommen – nach Istanbul. Die Helden ihm nach, zu Isla Ben Maflei und dessen Vater, die Geschäftsbeziehungen zu Henri Galingré unterhalten, dem Vater des Ermordeten Paul aus dem ersten Band, und der ebenfalls betrogen werden soll. Die Bande ist auch bei Galingré involviert. In Istanbul treffen sie auch Omar, der seit dem ersten Band auf der Suche nach dem Mörder seines Vaters ist. Omar tötet Abrahim-Mamur, der sich als Anführer eine Räuberbande herausstellt, zu der auch der gesuchte Mörder, dessen Bruder und Neffe gehören. Dieser Bruder, Barud el Amasat, befindet sich unter falschem Namen in Adrianopel, und wird von Kara Ben Nemsi, Halef, Omar, Isla Ben Maflei, und dem zur Gruppe gestoßenen Vater Senitzas, Osco, entlarvt. (Sir David Lindsay hat die Reisegruppe kurz vorher entlassen.) Allerdings wird ihm zur Flucht verholfen; sein Sohn Ali Manach wird von Spießgesellen erschossen, damit er nichts ausplaudern kann.

– Als Kind mochte ich diesen Band am wenigsten von den sechs Teilen des Orientzyklus, zumindest konnte ich am wenigsten damit anfangen. Jetzt fand ich ihn am interessantesten – vom ersten Viertel abgesehen, das eine Fortsetzung des letzten Bandes und recht fade ist. Gut ist jetzt, dass die Handlung Fahrt aufnimmt: Es gibt Verschwörungen und eine Räuberbande, die losen Fäden werden verknüpft. Gut sind die Schauplätze – große Städte, die stimmig beschriebene Ruinenstadt Baalbek. Gut ist das Schicksal des verfolgten Mirza; die Pest, an der Kara Ben Nemsi und Halef erkranken, und vor allem die Todeskarawane.

Diese Todeskarawane. Also: Kara Ben Nemsi wird erzählt, dass diejenigen Schiiten, die in der Stadt Kerbela begraben werden, gleich ins Paradies kommen, ohne Umweg über ein Fegefeuer. Deshalb lassen sich viele Schiiten dort begraben. Deshalb gibt es ganze Karawanen mit Leichnamen, die dorthin transportiert werden, über weite Strecken, in großer Hitze – Todeskarawanen, voller Verwesungsgeruch. Sehr eindrucksvoll geschildert. Neil Gaiman hätte seine Freude daran. (Hier eine Diskussion in einem Karl-May-Forum, inwiefern es solche Karawanen tatsächlich gegeben hat: Eher ja.)

– Kara Ben Nemsi ist so heldenhaft wie stets. Hier zeigt er Züge von Sherlock Holmes, zwar mit mehr Bescheidenheit, aber mit dessen Betonung der lernbaren Beobachterei:

„Aber Emir,“ fragte Hassan, „wie kannst du an den Messern sehen, wer der Täter war?“
„Sehr leicht! Eine flache Klinge wird einen ganz anderen Schnitt machen, als eine dreikantige, die sich mehr zum Stoße eignet. Die Schnittflächen wurden weit auseinander gedrängt, darum war der Schnitt nicht mit einem dünnen Instrumente geschehen. Und nun blicke her: diese Schnittflächen sind da, wo sie beginnen, nicht glatt, sondern zerrissen und gestülpt; die Klinge, mit der die Tat geschah, hatte also eine sehr bemerkbare Scharte gehabt. Und nun sieh dir diesen Dolch an: er ist der einzige von allen, der eine solche Scharte hat.“
„Herr, deine Weisheit ist zu bewundern!“
„Dieses Lob verdiene ich nicht. Die Erfahrung hat mich gelehrt, in allen Lagen auch das Kleinste zu beobachten; es ist also nicht Weisheit, sondern einfache Gewohnheit von mir.“

In Damaskus stimmt er nicht nur das Klavier des Kaufmanns:

Ich hatte früher als armer Schüler oft Pianos gestimmt, um ein kleines Taschengeld zu erwerben; es fiel mir also nicht sehr schwer, das Klavier in einen spielbaren Zustand zu versetzen.

– sondern überwältigt auch noch die eingeladenen Gäste und Leute auf der Straße mit seinem Klavierspiel.

Die Informationsvermittlung ist manchmal so plump, wie man es sonst nur als übertriebenes Beispiel kennt:

„Aber du hast doch erfahren, wohin er geht. Jedenfalls [d.h. bestimmt] reitet er nach Iskenderiëh, wo Hamd el Amasat, sein Bruder, der dein Oheim ist, auf ihn wartet.“

Dass dieser Bruder der Oheim des Angesprochenen ist, wird der ja wohl wissen.

Diagramm zur Handlung:

Diagramm mit Handlung von Von Bagdad nach Stambul

  • Blau ist das Abenteuer mit dem Kurden, bis zum Tod Scheich Mohhameds. Fade.
  • Grün ist das Abenteuer mit dem anonym reisenden Perser. Das ist gut, allein schon mal wegen der Todeskarawane und der Pest.
  • Gelb und Orange der Rest: Jacub Afarah bringt sie auf die Spur von Abrahim-Mamur und Barud el Amasat und der Räuberbande, nach Damaskus, Istanbul, Edirne.

Der Richter und sein Henker, und heldenhafte Lehrer (Alpha Alpha)

Ich habe zum Halbjahr zwei Informatikklassen mit zusammen 4 Stunden abgegeben und eine Klasse in Deutsch neu erhalten, mit vier Stunden. Das kommt öfter vor: Zum Halbjahr gehen immer einer paar Referendare und Referendarinnen, andere werden der Schule neu zugewiesen, und deren Fächerkombinationen sind selten genau die gleichen, so dass sie nicht einfach die Klassen der Vorgänger übernehmen können. Also gibt es Tausche und Ringtausche, und mit meiner Deutsch-Informatik-Englisch-Kombination bin ich da eine geeignete Tauschstelle, ein sehr kurzer Weg zwischen Sprachen und den exakteren Wissenschaften.

Das Arbeiten mit der neuen Klasse macht Vergnügen. Eine Schülerin liest gerade sogar Stalky & Co. Tiralala-itu! Dass es so etwas noch gibt!

Wir lesen Der Richter und sein Henker, von der Referendarin ererbt. Ich glaube, ich habe das Buch 1998 in meinem ersten halben Jahr als Lehrer als Schullektüre eingesetzt und in guter Erinnerung; allerdings weiß ich auch, dass es mich als Schüler überhaupt nicht interessiert hatte. (Denn ich arbeite immer noch mit der Ausgabe, die ich 1982 als Lektüre erwarb; damals ein deutlichg jüngeres Buch als heute; Seitenzahl identisch, aber die – aus der Seitenzählung herausgenommene – zweiseitige Reklame für Pfandbriefe und Kommunalobligationen gibt es heute nicht mehr.)

Anzahl der Frauen im Buch: 3, davon 2 mit Namen. Keine ist wichtig, zwei sind dezidierte Anhängel von Männern, eine davon wird als Besitz quasi weitervererbt, wenn auch ganz höflich: „Werden Sie mir […] das gleiche wie Ihrem verstorbenen Bräutigam sein?“
Der ermittelnde Polizist verrät seine dem Leser verborgenen Informationen über den Täter nicht etwa dadurch, dass er diesen als „Mann“ deklariert. An eine Frau in so aktiver Rolle denkt man im Rahmen dieser Männergeschichte gar nicht.
In der Parallelklasse lese ich „Schachnovelle“, eine Schülerwahl. Anzahl der Frauen: 1, ohne Namen, eine beiläufig erwähnte Krankenschwester, wenn ich mich richtig erinnere. Darauf sollte man Schülerinnen und Schüler immer wieder mal hinweisen, bis es ihnen vielleicht selbst einmal auffällt.

***

Bin ich der einzige, der bei Der Richter und sein Henker von Friedrich Dürrenmatt an The Maltese Falcon von Dashiell Hammett denken muss? Ich sehe da Parallelen. Der übermächtige Gegenspieler des Ermittlers begegnet dem Leser in dem einen Buch zuerst als mysteriöse Initiale G, von der man nicht weiß, wer sich dahinter verbirgt. Im anderen Buch erscheint der mächtigste Gegenspieler des Ermittlers dem Leser zuerst als ein von einem anderen Schurken in die Luft gezeichnetes G – das Kapitel heißt sogar „G in the Air“. Bei Dürrenmatt steckt dahinter „Gastmann“, bei Hammett „Gutman“ – gespielt von Sydney Greenstreet in der bekanntesten Falcon-Verfilmung, und auch wenn wir über Gastmanns äußere Erscheinung nicht mehr erfahren als dass er „bäuerlich“ wirkt, was alles und nichts heißen kann, habe ich mir immer Sydney Greenstreet in dieser Rolle vorgestellt.

In beiden Romanen geht es um eine jahrzehnte dauernde Jagd, nach Gastmann im einen, nach dem Falken im anderen. Beide Romane haben eine philosophische Note: Das Gespräch von Gastmann und Bärlach in Istanbul; die Anekdote, die Sam Spade von Charles Pierce erzählt. Istanbul ist der Ausgangspunkt der Fehde Bärlach-Gastmann, und Konstantinopel (also Istanbul) ist der Punkt, von dem die Falkenjäger nach San Francisco gehen und zu dem sie am Ende des Romans wieder hinwollen, um die Spur weiter zu verfolgen.
Eine Falkenstatue haben wir nicht bei Dürrenmatt, aber einen Schlangendolch.

***

Neulich beim Ukuleletreffen im Gastwirtschafts-Nebenraum gesellten sich Mutter und Kind zu uns, die uns von außen durch ein Fenster gesehen und zugehört hatten. Dann wollten sie halt noch mehr hören und kamen herein. Wir haben dann ein paar Wünsche erfüllt und hatten überhaupt seine sehr schöne Zeit.

***

Mein Freund B. hat mir eine Fernsehserie der frühen 1970er Jahre empfohlen. Die weiteren Episoden – es gibt insgesamt nur 13 – sollen überraschend gut und ihrer Zeit weit voraus sein. Die erste Episode ist es noch nicht so sehr.

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Die Geschichte: Eine Geheimorganisation sucht für internationale Einsätze hochkarätige Agenten, sogenannte Alphas. „Persönlichkeiten, die fähig sein müssen, für die Menschheit zu entscheiden.“ Nicht jeder ist qualifiziert, viele arbeiten nur als Betas – schon auch wichtig, aber halt nur Helferlinge.
So futuristisch die Organisation ist: Am Anfang kriegen wir zu sehen, wie Nachrichten aus aller Welt eingehen und verteilt werden – von Frauen, versteht sich. Die Führungsriege der Organisation besteht aus fünf – Männern, versteht sich.

Anklänge von The Prisoner, Mission Impossible, durchaus ehrenhaft. Sehenswert die Drehorte: München zur Baustellenzeit vor den Olympischen Spielen 1972. Eine Szene spielt auf dem Olympiaturm.
Produktionsqualität: Na ja, schon okay, öffentlich-rechtlich. Aber wegen eines Schauspieler-Versprechers hat man da noch lange keine zweite Aufnahme einer Einstellung gemacht.

Für unsereiner zusätzlich interessant: Der Held und zukünftige Alpha, der in der ersten Episode allerlei Prüfungen besteht und schließlich in die Organisation aufgenommen wird, ist — ein Studienrat. Graumeliert, Mathematik und Sport. Bewährt sich gegen fiese Rockerbanden („Bill, Jim, erledigt das!“); setzt bei der Exkursion in die Satellitenzentrale seine anwesenden Mathematikschüler, männlich, zur Berechnung ein, weil ein Computer ausfällt; vertauscht erfolgreich – wenn auch nicht überzeugend – den Medizinball in der Sporthalle gegen Kampfkunstmanöver, um sich eines Pistolenheinis zu erwehren.

Verschwörungstheorien in den Zeiten vor dem Internet: Das Foucaultsche Pendel

Titelbild Das Foucaultsche Pendel

Titelbild Das Foucaultsche Pendel

(Nach meinen ersten Gedanken zur erneuten Lektüre hier der Rest.)

Inhalt

Die erste Hälfte des Romans ist die Vorgeschichte: Casaubon schreibt in den 1970er Jahren in Mailand an einer Dissertation über die Templer. Er lernt die etwas älteren Diotallevi und Belbo kennen, die bei einem Verlag arbeiten, der als Nebengeschäft Möchtegernautoren für obskure Produktionen Geld aus der Tasche zieht. Ein solcher ist Oberst Ardenti, der ein Manuskript, ein Dokument und eine Verschwörungs-Räuberpistole mitbringt. Bevor aus dem Geschäft etwas werden kann, verschwindet Ardenti unter mysteriösen Umständen; die Polizei unter Inspektor De Angelis munkelt von Mord und ermittelt, kommt aber zu keinem Ergebnis.

Nach einem Zwischenspiel in Brasilien kehrt Casaubon zurück; mit Belbo und Diotallevi spinnt er die Geschichte des Oberst Ardenti weiter – aus dem ursprünglichen Dokument entwickeln sie eine Verschwörung der Verschwörungen, die die wichtigsten Ereignisse der (europäischen) Weltgeschichte erklärt und die mit den Templern beginnt, dann Freimaurer, Rosenkreuzer, Illuminaten, Juden, Assassinen, den Eiffelturm, die Pyramiden, Kathedralen, U-Bahnen, Stonehenge, Ley-Linien, Crowley und Cthulhu und alles einbaut, was einem sonst noch dazu passen zu scheint. Diese Megaverschwörung ist gänzlich erfunden, das Dokument, das ihre Basis bildet, ein Witz – aber sie entwickelt ein Eigenleben und damit doch so etwas wie Realität. Inspektor De Angelis fragt Casaubon, ob ihm eine Gruppe „Tres“ etwas sage, und sie geben ihrer Verschwörungsverschwörung diese Bezeichnung, samt erfundener Hintergrundgeschichte. Und prompt bildet sich diese Gruppe, oder bildet es sich ein.

Gedanken

Das Buch hat mich etwas weniger beeindruckt als beim ersten Lesen, aber mir wohl noch etwas besser gefallen. Den Aufbau finde ich etwas unausgeglichen; die ganze erste Hälfte des Buchs (von Rahmenhandlung/Rückblenden abgesehen) ist Vorbereitung, die Figuren werden in Position gebracht, wir kriegen viel Zeitkolorit und ein wenig Mystik. Das ist aber auch interessant zu lesen. Die zweite Hälfte besteht zu einem Großteil einfach aus der beeindruckend ausführlichen Konstruktion der Verschwörung und einem Finale mit Nachspiel.

Illuminaten, Rosenkreuzer, Weltverschwörung kannte ich vorher schon. (Ich sage nur: Illuminatus!-Trilogie.) Aber dass mein vages Interesse für esoterische Spinnervereinigungen massiv von diesem Buch beeinflusst worden war, das hatte ich vergessen. Es gab eine Zeit, da habe ich die Plakate der regelmäßig in Augsburg veranstalteten esoterischen Vorträge gesammelt – ich bin im Besitz einer umfangreichen, vermutlich weltweit einzigartigen Sammlung von mehr oder weniger billig kopierten Plakaten des Zentrums für Studien Gnostischer Anthropologie aus den mittleren 1990er Jahren.

Sehr nett dieses Plakat, alleridngs von einer anderen Gruppe:

Poster: Wer möchte Prophet werden?

Auch die eine oder andere Ausgabe einer esoterischen Weltverschwörungszeitschrift ist in meinem Archiv. Da steht übrigens genau das gleiche drin wie bei den Spinnern bei Eco: Weltverschwörung, Freimaurer, die Weisen von Zion, Illuminaten, mindestens Kokettieren mit Nazi-Gedankengut. Das war noch alles vor dem Internet, wie wir es kennen, aber die Verschwörungstheoretiker und Aluhüte gab es schon damals. Nur halt per Post – das sieht man schön an diesem Band von 1988:

Buch: High Weirdness by Mail

(Alter Blogeintrag dazu, dort auch Links zu den Publikationen.) Das ist ein kommentierter Katalog von Zeitschriften und Vereinen, sortiert in Kategorien wie etwa: Weird Science, New Age Saps, Cosmic Hippie Drug-Brother Stuff, Weird Politics, Rantzines und UFO Contactees. Da schickte man früher self-addressed envelopes hin, oder Briefmarken, und kriegte ein mehr oder weniger schlecht kopiertes Heftchen.

Heute… ich sage nur: Pizzagate, bringe aber nicht die Energie auf, darüber zu schreiben. Bei Wikipedia gibt es einen Überblick, bei Cracked.com ein paar Details.

Es war geradezu deprimierend, bei Eco von genau diesen Prozessen der Konstruktion von Sinn und Verschwörung zu lesen, die einem heute im Internet begegnen.

Achten Sie verstärkt auf Symbole! Achten Sie darauf, welche Logos verschiedene Firmen benutzen!

Das steht nicht bei Eco, sondern in einer meiner Spinnerzeitschriften. Das könnte auch bei Pizzagate so stehen. Seufz.

Keine Information ist weniger wert als die andere, das Geheimnis besteht darin, sie alle zu sammeln und dann Zusammenhänge zwischen ihnen zu suchen. Zusammenhänge gibt es immer, man muss sie nur finden wollen.

Das ist jetzt von Eco, ebenso wie das:

Die Bücher der Entschleierten Isis müssen genau von denselben Sachen handeln, die auch in den anderen stehen. Sie bestätigen sich gegenseitig, also sind sie wahr.

Restliche Gedanken

Verpasste Gelegenheit? Am Ende des Romans taucht ein Doppelpendel auf, also ein Pendel, an dem unten ein zweites Pendel befestigt ist. Dem Kapitel ist ein Zitat aus einem Antwortbrief eines (realen) Architekten und Mathematikers vorangestellt, in dem das Verhalten eines solchen Pendels in einer konkreten Situation beschrieben wird: Letztlich würde – wohl: zumindest in dieser Situation – der obere Teil des Pendels still stehen, der untere weiterschwingen. Innerhalb des Romans stammt das Zitat aus einem Brief, den eine der Personen aus Interesse an einen Wissenschaftler geschrieben hat. — Irre ich mich, oder müsste eine – zumindest: ideales – derartiges Pendel nicht quasi-unregelmäßig schwingen? Das ist doch das Standardbeispiel für ein chaotisches System. Und Chaos war zu Zeiten des Pendels (oder war das erst knapp danach?) das neueste heiße Ding. Dass Eco damit nicht gearbeitet hat, wundert mich.

Erwähnen möchte ich noch den Interpretationsansatz, den mir mein Freund B. genannt hat: Das Foucaultsche Pendel als Teil deines Diptychons, mit dem Name der Rose als Kritik des Rationalismus und dem Pendel als Kritik des Irrationalismus.

Gedanken beim Wiederlesen von Umberto Eco, Das Foucaultsche Pendel

Es kommen Erinnerungen auf: Ich habe das Buch zum ersten Mal 1990 gelesen, bald nach Erscheinen, begeistert vom Name der Rose, auch wenn ich für den einige Anlaufe gebraucht hatte.

Es geht im Foucaultschen Pendel um Geheimnisse und Rätsel, zumindest oberflächlich, und schon in der Mitte der zweiten Textseite hatte ich damals Nachschlagewerke und Atlanten vor mir ausgebreitet und geheime Verbindungen zwischen den vielen mir fremden Orten und Begriffen herausgefunden, die vielleicht existiert haben mögen, vielleicht nicht – ein Web zum Nachschlagen sollte erst in einigen Jahren da sein. Mein Freund M. las das Buch parallel zu mir und etwa in gleicher Geschwindigkeit; wir trafen uns regelmäßig weltmännisch-nachts und unterhielten uns über das Leseerlebnis. Unsere eigenen Ideen, wie die Geschichte ihren Lauf nehmen würde, schienen uns am Ende viel besser als die zweite Hälfte des Buches, die uns enttäuscht hatte.

Seitdem habe ich das Buch nicht wieder gelesen, aber Freund B. erzählte neulich in warmen Worten davon, also machte ich mich daran – und muss schon ab Seite 44 etwas loswerden. Und zwar hat sich eine Figur der Handlung einen Computer gekauft, mit einem Textverarbeitungsprogramm. (Natürlich alles auf Disketten.) Und es ist so schön, in einem Mainstreamroman Details zu einem Computer zu lesen, als Teil der Handlung, mit echter Funktion. Das Gerät, Abulafia mit Spitznamen, hat für seine Betreiber etwas Magisches; sie sind Kabbalisten und beschäftigen sich auch mit den Permutationen von Zeichen – es geht darum, alle Kombinationen des Namens Gottes zu finden.

Unsereinem ist das zum ersten Mal in Arthur C. Clarkes Kurzgeschichtenklassiker „Die neun Milliarden Namen Gottes“ begegnet, tibetanischer Buddhismus statt jüdischer Mystik, aber ein ähnliches Prinzip: Gebetsmühlenartig müssen alle möglichen Kombinationen der Zeichen des Namens Gottes aufgeschrieben werden – und die Mönche im Kloster leisten sich einen „Mark-V-Varianten-Kalkulator“, der das für sie machen soll. Bei Eco geht es vorerst nur um vier Zeichen, etwa I, H, V, H, und dazu wird folgendes Programm abgedruckt:

10 REM ANAGRAMME
20 INPUT L$(1),L$(2),L$(3),L$(4)
30 PRINT
40 FOR I1=1 TO 4
50 FOR I2=1 TO 4
60 IF I2=I1 THEN 130
70 FOR I3=1 TO 4
80 IF I3=I1 THEN 120
90 IF I3=I2 THEN 120
100 LET I4=I0(I1+I2+I3)
110 LPRINT L$(I1);L$(I2);L$(I3);L$(I4)
120 NEXT I3
130 NEXT I2
140 NEXT I1
150 END
END

Tiralala-itu! Und genau so etwas habe ich als Teenager programmiert, das hatte ich schon wieder vergessen. Ja, so sahen Zählschleifen damals aus. Schöne Aufgabe für Informatikschüler: Herausfinden, was da geschieht, und das in Java schreiben, vielleicht muss man vorher ein char array erklären.

Danach rechnet Eco ein wenig vor, wieviel Permutationen es gibt bei längeren Wörtern, oder wie viel Möglichkeitenes es bei einem richtig langen Wort gibt (etwa der ganzen Tora). Milliarden Milliarden Milliarden Kombination (aber natürlich immer noch nichts im Vergleich zu richtig großen Zahlen). Dabei taucht auch das Wort „Faktorenrechnung“ auf, vermutlich eine Fehlübersetzung für Fakultät, oder ist das ein alternativer, vielleicht veralteter Begriff? Auf Englisch factorial, auf italienisch fattoriale. – Auf der Suche nach einem Passwort schreibt eine der Figuren den obigen Code um, so dass sie eine Liste der 720 Permutationen der Buchstaben IAHVEH ausdruckt – und nimmt die Seiten aus dem Drucker, „ohne sie abzutrennen, als sähe [sie] die originale Tora-Rolle durch.“ Das weiß heute auch keiner mehr, was das für ein Papier war.

(Auch die Erweiterung auf 6 Zeichen eine schöne Aufgabe. Schwerer ist dann die Aufgabe, alle Permutationen eines Wortes mit n Zeichen zu machen; im Web gibt es Lösungen für diese Aufgabe, die man umsetzen kann.)

Martin Amis, Time’s Arrow (1991)

Titelbild Time's Arrow

Titelbild Time's Arrow

(Mit Spoilern, aber das Buch ist von 1991, die Spoiler sind hier nicht wichtig, und auf Spoiler kommt es eh nicht an.)

Die Handlung dieses Buches folgt dem Leben eines Mannes, Tod Friendly (ein etwas ungewöhnlicher, aber kein einzigartiger Name, denken wir an den Regisseur Tod Browning). Ein Ich-Erzähler begleitet dieses Leben, und zwar beginnt das Bewusstsein des Ich-Erzählers zu dem Zeitpunkt, als Friendly stirbt – das Buch ist, man merkt es bald, sozusagen rückwärts erzählt: Friendly stirbt in hohem Alter, und der Ich-Erzähler gewinnt zu diesem Zeitpunkt das Bewusstsein; Friendly wird von Medizinern behandelt, es geht Friendly schlecht, bald geht es ihm immer besser, bald kann er sein Bett verlassen, aus dem Haus gehen, seinen Beruf als Arzt ausüben. Der Ich-Erzähler weiß wenig über diese Welt, er lernt nach und nach die merkwürdige Sprache verstehen, die alle Menschen dort sprechen, und er versucht, sich einen Reim darauf zu machen, was er beobachtet. Der Ich-Erzähler ist quasi Passagier in Friendlys Kopf, er hört mit dessen Ohren und sieht mit dessen Augen, auch wenn er seine Aufmerksamkeit unabhängig davon auf einzelne Objekte der Außenwelt richten kann. Der Ich-Erzähler hat keinerlei Einblick in Friendlys Gedanken, aber er bekommt mit, wenn Friednly aufgeregt oder nervös ist, auch andere Stimmungen kann er deuten. Und so wird Friendly langsam immer jünger, und die Geschichte schreitet voran, oder zurück, je nachdem.

Das ist schon mal ein interessantes Gimmick. Viele Leser des Buches werfen diesem vor, dass das auch alles sei – kann sein, aber es ist schon mal interessant genug: Wo kommen alle schönen Dinge her, die der Mensch verwendet? Aus dem Müll, der von Müllmänner angeliefert und von Toiletten gespendet wird. Nicht jeder Mensch hat schöne Dinge, es gibt Klassenunterschiede:

It all comes down to the quality of your trash.

Der Ich-Erzähler hört Friendly fluchen und beschreibt das als: „[He] invokes human ordure, from which all good things come.“ Übersetzt heißt das: Friendly flucht: „Shit.“ Dieses Übersetzen ist ein Reiz des Buches – was der Ich-Erzähler beschreibt ist oft etwas anderes, als was aus Friendlys, sprich: unserer regulären Sicht geschieht. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl, zwei Geschichten gleichzeitig zu lesen, besonders bei manchen Dialogen, die ich quasi gleichzeitig von oben nach unten und von unten nach oben las.

Schnell vergehen die Jahre. Friendly ist dem Ich-Erzähler nicht unbedingt immer sympatisch; sie haben bei vielen Dingen andere Ansichten. Friendly behandelt seine Frauenbekanntschaften (leider kein besseres Wort gefunden) sehr schlecht. Einmal gibt es eine Art Dreiecksverhältnis: Der Ich-Erzähler liebt Irene, Irene den Friendly, und der eigentlich niemanden.

Das Schicksal ist unausweichlich. Am Braunwerden von Friendlys Haut erkennt der Erzähler, dass es bald auf eine Reise gehen wird. (So ist das in dieser Welt nun einmal, dass sich Reisen derart ankündigen.) Selbstmord existiert als Konzept, ist aber unmöglich: Jeder weiß genau, wie lange sein Leben dauern wird. Gewalt erzeugt Dinge, aus dem Feuer kommen viele Gegenstände, besonders Briefe.

Das hat etwas – auch in seiner Unausweichlichkeit – von der Unschuld eines Wales, der plötzlich in der Atmosphäre eines Planeten geboren wird, sich erst orientieren muss, dem Kitzeln am Bauch den Namen „Wind“ gibt, und der nach und nach eine immer größer werdende Oberfläche auf sich zukommen sieht, die er mal probeweise „Boden“ nennt und von der er sich freudig erwartungsvoll fragt, ob sie wohl nett zu ihm sein wird.

Der Leser weiß es vermutlich vom Klappentext her, oder er stolpert über den Namen „Tod Friendly“, oder ahnt es sonst: Das geht nicht gut aus. „Tod Friendly“ wechselt mehrfach den Namen, in Mittelamerika sammelt er Goldmünzen, bis er sich schließlich auf eine Reise nach Deutschland macht, wo der Krieg vor kurzem begonnen hat. Er wird Arzt in Ausschwitz und Teil eines großes Projekts: Es gilt, die Juden aus den Lüften zu holen, aufzupäppeln, in die Gesellschaft zu integrieren. Das war grimmig und traurig und furchtbar zu lesen.

— Frau Rau hat das Buch als nett, aber nicht mehr als ein Gimmick in Erinnerung. Das deckt sich mit der Einschätzung vieler Kritiker. Bei Goodreads habe ich die Kommentare zum Buch gelesen; die klingen ähnlich oder weisen darauf hin, dass Martin Amis ja nicht der erste gewesen sei mit dieser Idee. Einer verweist auf eine Stelle aus Vonneguts Slaughterhouse Five mit einem rückwärts laufenden Film – Amis nennt Vonnegut selber als Anregung. Ein anderer nennt eine Geschichte von Jorge Luis Borges, „A Weary Man’s Utopia“. Man findet die Geschichte im Web, und sie enthält ähnliche Motive, also Vergangenheit und Zukunft, Zerstörung auf Aufbau, Hitler als Massenmörder oder Philantrop. Aber mehr Ähnlichkeit sehe ich nicht – zugegeben, bei Borges bin ich mir nie sicher, wieviel mir entgeht.

Es würde mich aber nicht wundern, wenn Borges tatsächlich so eine ähnliche Geschichte geschrieben hätte. Das passt zu ihm. Tatsächlich habe ich auch eine Anthologie herausgesucht (im Original von 1967), in der ich eine solche Geschichte vermutete, und während da auch ein Borges drin ist, so ist es doch ein anderer. Dafür enthält der Band die Kurzgeschichte „Divine Madness“ von Roger Zelazny, die zum Großteil rückwärts erzählt wird – bis hin zu einer Situation, in der sich die Hauptperson gerne anders verhalten hätte, weil es schlimme Konsequenzen gab. Und ganz am Ende erhält die Hauptperson eine zweite Chance, und die Zeit läuft wieder vorwärts, jetzt aber in einer neuen Spur. – Was da aber fehlt, auch bei dem Borges, ist der Ich-Erzähler.

Fußnote: Nicht eigentlich rückwärts erzählt, aber doch mit ähnlichem Effekt ist dieses palindromische Gedicht von James A. Lindon.

Doppelgänger

by James A. Lindon

I

Entering the lonely house with my wife
I saw him for the first time
Peering furtively from behind a bush —
Blackness that moved,
A shape amid the shadows,
A momentary glimpse of gleaming eyes
Revealed in the ragged moon.
A closer look (he seemed to turn) might have
Put him to flight forever —
I dared not
(For reasons that I failed to understand),
Though I knew I should act at once.

II

I puzzled over it, hiding alone,
Watching the woman as she neared the gate.
He came, and I saw him crouching
Night after night.
Night after night
He came, and I saw him crouching,
Watching the woman as she neared the gate.

III

I puzzled over it, hiding alone —
Though I knew I should act at once,
For reasons that I failed to understand
I dared not
Put him to flight forever.

IV

A closer look (he seemed to turn) might have
Revealed in the ragged moon.
A momentary glimpse of gleaming eyes
A shape amid the shadows,
Blackness that moved.

V

Peering furtively from behind a bush,
I saw him for the first time,
Entering the lonely house with my wife.

J. C. Wezel, Belphegor (1776)

Titelbild Belphegor

Titelbild Belphegor

Nach der Erstauflage 1776 blieb das Buch vergessen, bis Arno Schmidt es 1959 in dem Essay „Belphegor oder wie ich euch hasse“ wieder in Erinnerung brachte. Hier ein Spiegel-Beitrag zur Neuveröffentlichung 1966. Inzwischen kann man Belphegor bequem als E-Buch lesen, leider nur unbequem bei gutenberg.spiegel.de – weshalb man sich am besten mit geeigneter Software aus den einzelnen Webseiten dort eine epub-Version zusammenbauen lässt für das E-Buch-Lesegerät der eigenen Wahl.

Arno Schmidt vergleicht das Buch mit Voltaires Candide und Gulliver’s Travels von Swift. Wie bei Voltaire verschlägt es ein kleines Häuflein von Helden quer durch die Welt: Belphegor, der zumindest am Anfang an das Gute im Menschen glaubt und stets bereit ist, für eine gute Sache zu kämpfen, und der stets dafür bestraft wird:

»Wohl einem Volke«, sagte Belphegor, »das für die Freiheit fechten kann! Keine Illusion ist glücklicher als die Illusion der Freiheit, wenn man ihr gleich jährlich etliche hundert Hirnschädel opfern müßte. Mein Blut schwillt in allen Adern empor und zersprengt fast mein Herz vor übereilter, zuströmender Bewegung, wenn ich nur den begeisternden Klang ‚Freiheit‘ tönen höre. Komm! wir kehren zurück nach England: das einzige Land der Erde, wo ich von nun an wohnen will! Die Sonne muß dort erfreulicher wärmen, der Schatten viel erfrischender laben, weil er ein freyes Haupt erquickt. Freunde! wenn mein Leben nur noch in Einem Tropfen Blutes bestünde, gern wollte ich mir selbst die Ader zerschneiden und ihn herauströpfeln lassen, könnte ich durch diesen Tod eine Menge Menschen in die Illusion versetzen, sich für freyer als den Rest der Menschheit zu halten und dadurch glücklicher zu werden.«

Dann ist da Medardus, der das Glück im Kleinen sucht; ihm reicht ein Krug Apfelwein und er erträgt die Unbillen des Schicksals mit seinem Wahlspruch: „Wer weiß, wozu mirs gut ist?“ Medardus glaubt an eine Vorsehung, die schon alles richten wird, am Ende.

Und es gibt Fromal, nach dessen materialistischer Auffassung der Mensch nur den blinden Gesetzen der Natur gehorcht und im Übrigen skrupellos, gierig und neidisch ist:

Fromal fiel ihm ins Wort: »Du hast erfahren, Belphegor, daß die Menschen nicht das sind, wofür wir sie uns in dem ersten Rausche der Jugend ausgaben: keine friedlichen Geschöpfe, die vom Verlangen, wohl zu tun, glühn, die in Ruhe und Eintracht neben einander leben, sich über ihr wechselseitiges Glück freuen und heiter, froh, zufrieden den muntern Tanz des Lebens dahinhüpfen. Du hast sie gefunden, wie ich dir verkündigte – eine Heerde Raubthiere, die Eigennutz, Herrschsucht, Neid ewig zusammenhetzet, die sich in Truppe versammelten, um einander desto wirksamer befeinden zu können, durch ihre natürlichen Anlagen, durch die Oekonomie ihres Wesens zum immerwährenden Kriege bestimmt, den sie beständig in roher, grausamer oder minder grausamer oder verkleideter Gestalt fortsetzen, blutig oder unblutig, so wie Gesetze, Sitten und Verhältnisse es ihnen erlauben […] Die Maschine kann nichts mehr oder weniger und nichts anders thun, als wohin sie der Stoß der auf sie wirkenden Räder treibt, und wer sie aus ihrer Richtung herauslenken will, muß Kräfte genug zum Wiederstande haben, oder er bekömmt Stöße, wovon ihn vielleicht der erste schon zu Boden wirft.«

Vorherbestimmt ist nach beider Auffassung ohnehin alles. Am Ende, aber nicht ganz am Ende, begnügen sich alle wie Candide damit, ein kleines Gärtchen in Afrika zu bestellen – patriarchalisch über ihre Sklaven gebietend allerdings, denn selbst Belphegor entpuppt sich als allzu menschlich und findet sich auch immer wieder als Unterdrücker wieder.

Wie bei Swift reisen die Helden, allein oder getrennt, durch imaginäre Welten in Afrik- oder Amerika. Allerdings kapiert man schon nach den ersten Ländern, dass die Welt schlecht und alles eitel ist; es ist ein wenig ermüdend, dass immer wieder zu lesen. Gulliver landet wenigstens in vier deutlich verschiedenen Reichern; bei Belphegor ist alles gleich – und dass Buch ist unnötiger Weise viermal so lang wie Candide.