Kickstarter: Englisch-Lektüren

Charlotte Dincher, eine bloggende Englischlehrerin, ist unzufrieden mit den vorhanden Lektüren zumindest für den Anfangsunterricht und will selber welche schreiben. Dazu hat sie ein Kickstarter-Projekt „LehrerLieblingsLektüre“ ins Leben gerufen.

Kickstarter: Da kann man Projekte vor oder am Anfang der Entwicklung unterstützen, indem man sich finanziell beteiligt. Scheitert das Projekt, krieg man sein Geld zurück, gelingt es, kriegt man die zuvor versprochenen Goodies – meist um so mehr, je mehr man mitfinanziert hat.
Auf der Kickstarter-Seite kann man sich von einer von Charlottes zwei Lektüren das erste Kapitel herunterladen: Text, Vokabelfußnoten, Fragen zum Text, Lehrermaterial (einschließlich Lückentest).

Anders als Charlotte habe ich keine Probleme mit den vorhandenen Lektüren. Ich habe schon länger kein Englisch mehr unterrichtet, aber damals auch schon ab dem ersten Lernjahr Lektüren gelesen, auch im G8, und mit Vergnügen.
Allerdings wünsche ich mir tatsächlich schon lange eine Englisch-Lektüre, mit der ich mehr machen kann: einen Robin-Hood-Dramentext etwa, den man als Hörspiel aufnehmen oder als Schauspiel aufführen kann, das Ergebnis dann auch vielleicht auf die Homepage. Als Audiodatei das ganze von Muttersprachlern gelesen. Am liebsten wäre mir das als Open Educational Resource (OER) unter einer sehr freien Lizenz, aber ich zahle auch Geld dafür, sofern das Material digital und bearbeitbar ist und die Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen. Weil ich solche Vorhaben also prinzipiell gut finde, werde ich das Kickstarterprojekt unterstützen – auch wenn ich am Gymnasium in Bayern in der 6. Jahrgangsstufe dann doch lieber mit gemischten Lektüren arbeiten oder Roddy Doyle lesen werde. Charlotte bietet zwar auch an, eine Lektüre nach Wunsch zu schreiben (für 240€), aber so weit geht der Wunsch bei mir noch nicht. Aber interessante Idee.

Bilingualer Sachfachunterricht Informatik

Bis Weihnachten unterrichte ich das Fach Informatik in meiner aktuellen 10. Klasse auf Englisch. Das Konzept dahinter heißt „Bilingualer Sachfachunterricht“ und klingt nur ein bisschen nach Lachundsachgeschichten, wird aber tatsächlich vom bayerischen Kultusmi­nisterium wie auch von der Kultusministerkonferenz gefördert.
Vom ISB (dem pädagogischen Arm – oder Fuß, oder welcher Körperteil auch immer, da gibt es verschiedene Ansichten – des Kultusministeriums) gibt es eine eigene Webseite dazu: http://www.bayern-bilingual.de/, und hier gibt es 140 Seiten von der KMK (pdf).

Auf Englisch heißt das „Content and language integrated learning“ (CLIL), keine geringere Mundvoll. Der Gedanke dahinter: Die Inhalte des Sachfachs stehen im Vordergrund, also Informatik. Nebenbei wird auch noch das Englisch der Schüler und Schülerinnen verbessert, vor allem bei Hörverstehen, Sprechfertigkeit und Wortschatz, so heißt es. Und außerdem, so die Theorie, lernen die Schülerinnen und Schüler die fachlichen Inhalte besser – weil sie besser aufpassen oder weil ich als Lehrkraft mir mehr Mühe geben muss.
Im bilingualen Sachfachunterricht gibt wird das Englisch der Schülerinnen und Schüler natürlich benotet, die deutschen Fachbegriffe werden ebenfalls gelernt, und Prüfungen sind wahlweise auf Deutsch oder Englisch. Eine Schule kann einen ganzen bilingualen Zug einrichten, eine Jahrgangsstufe, ein Fach, auch nur für drei Monate, oder eine einzelne fremdsprachliche Stunde pro Woche in einem Sachfach vorsehen, da gibt es die verschiedensten Modelle.

Darf man das so einfach? In Bayern ja. Dazu muss die Lehrkraft letztlich auch die Fremdsprache unterrichten dürfen. Meistens wird CLIL also in Kombination mit Geschichte und Geographie angeboten, weil diese Lehrer gerne auch mal Englischlehrer sind. (Gelegentlich gibt es das auch in Französisch.) Die Kombination mit Informatik ist seltener, weil das ein junges Fach ist und es nicht so viele Informatik-Englisch-Lehrkräfte gibt, auch wenn Englisch tatsächlich eines der wenigen Fächer ist, das man mit Informatk zusammen studieren kann.

Ich glaube, Informatik eignet sich ganz besonders dafür. Erstens arbeiten wir in der 10. Jahrgangsstufe ohnehin kaum mit dem Buch, aus, uh, verschiedenen Gründen. Zweitens ist viel Fachsprache ohnehin Englisch, angefangen von den Kontrollstrukturen der Programmiersprachen. Drittens, aber das darf man sicher nicht laut sagen, ist Informatik kein Fach, bei dem sich Eltern oder Schüler große Sorgen machen müssen, ob man deswegen nicht vorrücken darf. Bei Mathematik hätte man da vielleicht mehr Bedenken, auch weil das in Bayern jeder bis einschließlich Abitur belegen muss. Viertens ist Informatik ein Fach, bei dem Schüler vielleicht aktiver sind als in anderen Fächern; der Unterricht ist schon mal inhaltlich eher handlungsorientiert. Das Fach besteht viel aus Tun und weniger aus Reden. Damit zusammen hängt Punkt viereinhalb, der mir erst im Lauf der ersten Stunden aufgefallen ist: In Informatik – jedenfalls ab der Mittelstufe – wollen Schüler tatsächlich etwas vom Lehrer wissen. Zugegeben, das ist oft nur: „Warum funktioniert das nicht?“ oder „Wie kann ich das machen?“ Das gilt jedenfalls für alles, was mit Programmierung zu tun hat. Im Deutschunterricht fagen Schüler nie „Warum ist mein Satz grammatisch falsch?“, weil sie das nicht erkennen können. Beim Programmieren kriegen sie nach jeder Zeile Feedback, ob der Programm-Satz korrekt war oder nicht.
Und ichg laube, das Sprachenlernen und -verwenden fällt leichter, wenn es einen echten Redeanlass gibt. Im Deutsch- udn Englischunterricht versucht man natürlich diese Anlässe zu schaffen. Aber so richtig natürlich sind sie nicht immer.

Ich bin jedenfalls gespannt, wie das weitergeht. Die Klasse kenne ich schon vom Deutschunterricht vor zwei Jahren, und ein Muttersprachler-Gastschüler ist auch dabei. Bei den Schülerinnen und Schülern wirkt das Verwenden der englischen Sprache ganz natürlich, sind sie ja eh gewohnt, aber mehr weiß ich erst nach Weihnachten, da will ich das evaluiert haben.

(Freue mich über Hinweise zur CLIL-Forschung, da sichte ich gerade.)

Gemma Elwin Harris (Hrsg.), Big Questions from Little People

big_questionsDieses Buch entstand als Benefizprojekt für die englische NSPCC (National Society for the Prevention of Cruelty to Children). An zehn englischen Grundschulen – Alter der Kinder: 4 bis 12 – wurden Fragen eingesammelt, auf die die Kinder gerne eine Antwort gehabt hätten. Diese Fragen gingen dann an Experten, was sich so ziemlich alles vom Wissenschaftler bis zur Fernsehbekanntheit sein konnte. Die versuchten die Frage kurz und verständlich zu beantworten. Darunter sind namhafte Leute: Noam Chomsky, Richard Dawkins, David Crystal, David Attenborough, Philip Pullman, Simon Singh, Rupert Sheldrake.

Die Fragen sind eine bunte Mischung. „Warum ist Pipi gelb? Warum ist Blut rot? Warum ist der Himmel blau? Wo kommt der Wind her? Wer hatte das erste Haustier? Wo kommen die Namen der Städte her?“
Etwa achzig davon gibt es, jede ist auf etwa zwei Seiten (um die 330-380 Wörter) beantwortet. Es gibt Fragen ähnlichen denen, die jede Woche von Randall Munroe auf seiner Seite what if? beantwortet werden: „Wenn eine Kuh ein Jahr lang nicht furzt, und dann alles auf einmal, kann sie dann in den Weltraum fliegen?“, und sehr spezifische Fragen wie: „Mochte Alexander der Große Frösche?“ Bei vielen Fragen geht es um naturwissenschaftliche Phänomene (Tiere, Regenbogen, Klima, der menschliche Körper), bei anderen um Ethik und Philosophie („Warum sind manche Menschen gemein?“ „Warum gibt es Kriege?“ „Warum bin ich ich?“).

Mir gefällt am Buch – abgesehen davon, dass ich generell Antworten auf Fragen mag – die Textsorte. Die Texte sind leicht verständlich, wenig dicht, und kurz. Für den Englischunterricht die Schule kann ich so etwas brauchen.
Aber auch als Textsorte für Schüler gefällt mir das. „Erklären“ ist an der Schule ohnehin völlig unterrepräsentiert. Gelegentlich finde ich bei Aufgabenstellungen diesen Operator, aber gemeint ist dann doch immer „Begründe deine Ansicht“, und das ist doch etwa anderes. Schüler sollten öfter etwas erklären müssen.

Die Fragen sind sehr unterschiedlich gut beantwortet. Viele sind nachvollziehbar, verständlich. Warum Flugzteuge fliegen können etwa (nichts mit dem Gesetz von Bernoulli zu tun hat), warum Pipi gelb ist. Andere finde ich wohlmeinend-herablassend. Auf die Frage: „Warum schmeckt Kuchen so gut?“ lautet die gegebene Antwort letztlich, dass das wie Magie und überhaupt ganz toll ist, dass aus so einfachen Zutaten etwas so leckeres entsteht. „Warum kochen wir unser Essen?“ dagegen: Hinweis auf rohes Essen, auf die historische Entwickung, dann drei knackige Gründe. Solide beantwortet. Die Frage „Where does ‚good‘ come from?“ wird meiner Meinung nach auch nicht bwantwortet, weil man dann zugeben müsste, dass das Gute eine Erfindung ist. Aber das ist sicher auch Ansichtssache. Auf die Frage: „Warum kriegen Mädchen Kinder und Buben nicht?“ lautet die Antwort, neben einigen Punkten zur Entwicklung eines Fötus: Liegt an den Hormonen, Östrogen beziehungsweise Testosteron. Nun ist das mit dem „Warum“ ja immer so eine Sache, das kann man so oder so verstehen. Mich hätte die Antwort mit den Hormonen nicht befriedigt, weil ich letztlich hätte wissen wollen, warum es überhaupt diese Arbeitsteilung in Kinderkrieger und Nichtkinderkrieger gibt.

Am wenigsten zufrieden bin ich aber mit der Antwort darauf, ob Zucker wirklicht schlecht für einen ist (Annabel Karmel, parenting author).
Zucker wird nicht verdammt, okay, und generell ist die Antwort schon richtig. Aber Fruchtzucker wird als irgendwie besser als raffinierter Zucker hingestellt, denn: „[th]ese forms of sugar haven’t been played about with“. Zucker sei außerdem schlecht für die Zähne. Gut, das sehe ich ein. Aber dann wird als Beleg dafür angeführt, dass man ja vielleicht dieses Experiment kenne, wo man einen Zahn oder eine Kupfermünze in ein Glass „fizzy drink“ legen könne. Nach ein paar Stunden schon würde man ja sehen, was dann damit geschehe!

Bitte was? Ich hätte ja gedacht, dass alles, was da geschieht, an der Kohlensäure liegt, bei Cola auch noch an der Phosphorsäure, und nicht am Zuckergehalt.

Also frischauf ans Werk, ausprobieren. Ich habe fünf gleichermaßen gebraucht aussehende 5-Cent-Münzen gesucht. Jede liegt im Moment in einem Glas mit jeweils 200ml Flüssigkeit, Raumtemperatur. Cola mit und ohne Zucker, Limo mit und ohne Zucker, und Zuckerwasser ohne Kohlensäure. Dann wollen wir doch mal sehen, wie die Münzen am Schluss aussehen.

Inhalt der Gläser:

  1. Coca-Cola: 10,6 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Phosphorsäure)
  2. Coca-Cola zero: 0 g Zucker pro 100ml (Kohlensäure, Phosphorsäure)
  3. Sprite: 9,1 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Zitronensäure)
  4. Sprite zero: 0 g Zucker pro 100 ml (Kohlensäure, Zitronensäure)
  5. Zuckerwasser, selbst hergestellt: 10 g Zucker pro 100 ml. (Das sind etwa 4 Teelöffel pro eher kleinem Glas, was schon einiges and Umrühren erforderte.)

Verbleiben im Glas: 7 Stunden.

Versuchsanordnung:

zucker_versuchsanordnung

So sahen die Münzen vorher aus:

zucker_muenzen_vorher

So sahen die Münzen danach aus (die Seite, die oben lag):
zucker_muenzen_nachher1

So sahen die Münzen danach aus (die Seite, die unten lag):
zucker_muenzen_nachher2

Meine Interpretation der Ergebnisse:

Die kohlensäurehaltigen Flüssigkeiten haben das Metall angegriffen beziehungsweise gereinigt. Das Zuckerwasser überhaupt nicht. Die Unterseiten der Münzen, die auf dem Glasboden lagen, sind weniger angeriffen als die Oberseiten. Der Zusammenhang, der im Buch hergestellt wird, stimmt nicht.

Das heißt nicht nicht, dass Zucker den Zähnen nicht doch schadet. (Weil die Bakterien den essen.) Und auch sonst beweist das Experiment nichts, weil ein Experiment nicht viel beweisen kann. Durch Experimente überprüft man seine Vermutungen. Nötig wären jetzt weitere Experimente, mit Messung des Säuregehalts, mit verschiedenen Kombinationen von Säure- und Zuckergehalt, mit kohlensäurehaltigem Mineralwasser ohne Zitronen- oder Phosphorsäure, dann hat man mehr Daten und kann seine Vermutungen immer genauer überprüfen. Und als bewiesen kann man Sachen annehmen, wenn man eine Theorie dazu entwickelt hat und diese Theorie ermöglicht, Voraussagen zu treffen. Gibt es natürlich alles schon, siehe Chemieunterricht.

(Nebenbei: Fehlgeschlagene Experimente gibt es nicht, oder nur insofern, als sie falsch geplant oder fehlerhaft durchgeführt worden sind. Ein Experiment, bei dem nicht das herauskommt, was man erwartet hat, dürfte sogar ein höchst interessantes Experiment sein. Es kommt halt leider nicht immer das heraus, was man sich erhofft, aber aber ist etwas anderes.)

Stand by Me, Jahrzehnte danach

Different Seasons ist eine 1982 erschienene Sammlung von vier langen Kurzgeschichten – oder Kurzromanen? – von Stephen King. „Novella“ heißt diese Länge auf Englisch, und das Terminologieproblem ist noch das geringste bei Texten dieser Länge: Sie lassen sich einzeln auch schlecht verkaufen. King gelang das nur, indem er vier davon zusammenpackte. Die erste wurde als Shawshank Redemption verfilmt, die zweite als Apt Pupil, für die vierte ist ein Film in Produktion. (Eine Geschichte um einen geheimnisvollen Club und eine geheimnisvolle Bibliothek, ganz klassisch und weniger ernst gemeint als die anderen Geschichten. Kann ich mir als Film schwer vorstellen.) Und die dritte, die Herbstgeschichte, heißt als Film Stand by Me.

„The Body“, die ursprüngliche King-Geschichte, ist schon mal sehr gut. Sie spielt in der tiefen Vergangenheit der späten 1950er Jahren, wird aus dem Rückblick erzählt. „Möchtet ihr mal eine echte Leiche sehen?“, fragt einer von vier Freunden, der weiß, wo die Leiche des bei einem Unfall ums Leben gekommenen Jungen aus der Nachbarschaft liegt. Die vier machen sich auf dorthin, eigentlich nur eine Wanderung von ein, zwei Tagen, aber für die Jungen wird es eine Reise. Keine Monster, kein übernatürlicher Horror, nichts Phantastisches.
Der Film fügt dem einen passenden Soundtrack hinzu, einen tollen Regissseur (Rob Reiner), und tolle Schauspieler. Wil Wheaton, einer davon, und in Fankreisen wohlbekannt, hat neulich auf seinem Blog einen kurzen Film von Herve Attia vorgestellt. Attia schneidet Aufnahmen aus Filmklassikern mit neuen Aufnahmen der Originaldrehorte zusammen, Jahrzehnte danach. So auch bei Stand by Me:

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Stand by Me 1986 ( FILMING LOCATION ) from Herve Attia on Vimeo.

Schnüff.

Im Schülerbuch Green Line New 4 ist ein Auszug aus der King-Geschichte; ich habe damit aber noch nie gearbeitet. Es gibt eine Penguin-Schülerausgabe von „The Body“, mit vereinfachtem Wortschatz und britischer Rechtschreibung. Den habe ich im letzten Jahrtausend mal mit einer 9. Klasse angefangen – aber dann musste ich plötzlich als Vertretung mit zum Englandaustausch, und dann kam das Schuljahresende, so dass ich nicht wirklich zum Arbeiten mit dem Text kam.

Die aktuelle Ausgabe ist eine „2nd Revised edition“ und laut Amazon einige Seiten dicker als meine alte Ausgabe. Das heißt vermutlich nicht viel, aber zumindest in der alten Ausgabe fehlt ein essentieller Teil, und es wäre schön, wenn auch unwahrscheinlich, wenn sie doch noch aufgenommen worden wäre: Die Geschichte, die der junge Gordie (und spätere Erzähler des Buchs) am Lagerfeuer erzählt. Wie sich der gehänselte Dicke bei seiner Umwelt anlässlich des örtlichen Blaubeerkuchen-Wettessens rächt, indem er a) vor dem Wettbewerb eine große Portion Rizinusöl trink und b) ein Tempo beim Blaubeerkuchenessen anschlägt, das er unmöglich durchhalten kann.

Den Ausschnitt kann man auch bei empfindlichem Magen ansehen, er ist in seiner Übertriebenheit verhältnismäßig behutsam umgesetzt:

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Juvenil, kindisch! Also das muss doch in eine Schülerausgabe! Liest sich auch in der Geschichte gut.

— Attia hat das auch mit anderen Filmen gemacht. Ich habe mir das bei American Graffiti angesehen, auch ein schöner Film; spielt ebenfalls in der Vergangenheit. So gut wie Stand by Me funktioniert das nicht, da hilft das häufige Voice-over sehr.

Facharbeit 1987: „The impact of Edgar Allan Poe on the work of Howard Phillips Lovecraft“

Neulich herausgekramt: Meine Facharbeit, Leistungskurs Englisch. Getippt auf einem IBM-Computer, grün auf schwarz, ausgedruckt auf einem Typenraddrucker.

Das Original der Facharbeit habe ich natürlich nicht, und auch keine unmittelbare Kopie. Aber eine kleine Weile nach der Facharbeit habe ich für einen Brieffreund die Datei noch einmal ausgedruckt; inzwischen war das „k“ am Typenrad schon etwas beschädigt, und einen Ausdruck dieser Version habe ich, nebst der Punkteverteilung durch den Lehrer damals.

Es gab 14 Punkte. Das war okay. Von einem Schüler heute würde ich deutlich mehr verlangen, aber auch dafür sorgen, dass der das auch leisten kann. Ich habe mir damals das Thema alleine gewählt, die Sekundärliteratur alleine herausgesucht (hatte ich eh alle zu Hause) und kann mich an keinerlei Betreuung oder große Ansprüche seitens der Lehrkraft erinnern. Die 14 Punkte gab es dann auch vor allem, denke ich, für das sehr gute Englisch, weniger für den Inhalt.

Der genügt meinen heutigen Ansprüchen an Schülern nicht. Schlampige Bibliographie, Anmerkungen in Klammern im Text statt ordentlicher Fußnoten und eine Neigung zu beiläufig getroffenen, pauschalen Aussagen ohne jeglichen Beleg.

Also: Nicht alles an der Schule wird schlechter. Die Vorbereitung darauf, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, ist im G8 deutlich besser, und war es auch im G9. Ob das Englisch der Schüler besser ist, kann ich nicht beurteilen.

Hier die erste Seite:

facharbeit03

Pretentious, moi? Was für feinziselierte purple prose, oder anders gesagt, welche Liebe zum gewählten Ausdruck:

  • „Both wrote […] tales of mystical realms, both wrought delicate poems“
  • „which leaves its hero bereft of his love“
  • „versed in the way of cosmic monstrosities and all too much aware of the danger“
  • „once they start meddling with the strange affairs delt [sic] with in Lovecraft’s prose“
  • „Who could forget the eerie atmosphere of the House of Usher or the Red Death crashing Prospero’s party?“
    (Dammit, warum habe ich die Alliteration nicht noch mit „Prince Prospero’s party“ auf die Spitze getrieben? Die Vokabel „to crash a party“ hatte ich übrigens aus dem Lied „You May Be Right“ von Billy Joel.)
  • „for who is able to see at first glance that ‚The Golden Bough‘ by Frazer is a real book, whereas the ‚Book of Eibon‘ is purely fictive?“

Fehlerfrei ist die Arbeit natürlich nicht. Um nur zwei Stellen zu nennen, die mir eben aufgefallen sind:

  • „Whom, among others, he took himself as an example“
  • „Lovecraft profitated from this idea“

Eventuell kommt nächstes Schuljahr ein W-Seminar zu Horror- und Gruselliteratur zustande, Leitfach Deutsch, aber Lovecraft wird sicher auch dabei sein. So wie Novellen der Romantik, Computer- und Rollenspiele auch.

Serious Text Games

„The Republia Times“ ist ein schönes Spiel, das sich vielleicht auch für das rasche Leseverstehen (skimming) im Englischunterricht eignet. Flashbasiert, im Browser zu spielen; man kann die Flashdatei aber auch einfach lokal speichern. (Via Aaron A. Reed.)

Das Spiel ist einfach, aber reizvoll: Man spielt den eben ernannten Redakteur der Republia Times, einer Zeitung im diktatorisch regierten Republia. Die Presse dort ist alles andere als frei; die Familie des Redakteurs befindet sich in Geiselhaft der Regierung. Man muss zehn Tage als Redakteur überstehen: In den ersten Tagen muss man die Loyalität der Leserschaft auf einen gegebenen Wert erhöhen, indem man regimefreundliche Propagandaartikel platziert. Danach muss man die Anzahl der Leser erhöhen, indem man Artikel veröffentlicht, die den Lesern gefallen. (Der Loyalitätswert darf dabei aber nicht unter eine bestimmte Grenze sinken.) Und danach wiederum hat man etwas freiere Hand… bis sich der Untergrund meldet und sowohl eine hohe Auflage als auch eine niederige Loyalität der Leserschaft zu einem bestimmten Termin fordert.

So sieht der Bildschirm aus:

republia

Von links unten kommen auf einem Ticker nach und nach die Nachrichten des Tages herein, mal früher mal später. Aus diesen Nachrichten kann man seine Zeitung füllen: Man macht aus dieser Nachricht eine kleine Notiz, einen gewöhnlichen Artikel oder einen großen Dreispalter. Man kann auch nichts auswählen, dann bleibt die Zeitung halt leer, und das kostet natürlich Leser. Um die Zeitung zu füllen hat man nur einen Arbeitstag Zeit; am Rand läuft eine Uhr unerbittlich mit, die einen in den späteren Phasen des Spiels unter Druck setzt. Ganz wird die Zeitung ohnehin nie voll, die Größen der Artikel und der Seite sind so gewählt, das immer mindestens ein kleines frustrierendes Kästchen frei bleibt.

Der Knackpunkt beim Spiel ist die Auswahl der Nachrichten und die Entscheidung, wie groß man sie in die Zeitung setzt:

  • Es gibt Artikel, die für höhere Leserzahlen sorgen: Sport, Militär, Unterhaltung, Wetter. Bei diesen Themen kommt es nicht auf die Größe der Artikel an, sondern nur darauf, dass es sie gibt. Die bringen Leser. Zu viel politische Propaganda und zu wenig Unterhaltung lässt die Leserzahl sinken.
  • Es gibt Artikel, die die Loyalität der Leserschaft beeinflussen, positiv oder negativ: Negative Informationen über die Regierung, Erfolge des feindlichen Nachbarstaats. Hier haben größere Artikel mehr Einfluss auf die Loyalität der Leserschaft als kleinere. Das Wetter ist immer neutral, andere Nachrichten können positiv oder negativ sein.
  • Gibt es zu viel freien Platz, dann sinken Leserzahlen. Drei große Geschichten reichen, um die Zeitung zu füllen

Nach dem zehnten Tag ist das Schicksal von Republia entschieden und es kommt zu einem Ende, sozusagen.

Für den Englischunterricht nutzbar ist das Spiel, weil man die – allerdings sehr kurzen – Nachrichten schnell überfliegen und beurteilen muss: Sind sie interessant ist oder nicht und, unabhängig davon, politisch neutral, positiv oder negativ?

Außerdem lernt man:

  • Eine Zeitung füllt sich nicht von selbst, es gibt immer jemanden, der auswählt, was hineinkommt.
  • Selbst wenn eine Nachricht gebracht werden muss, kann man sie groß herausbringen oder klein halten.
  • An manchen Tagen kommen einfach keine brauchbaren Nachrichten. Aber auch dann muss die Zeitung voll werden.
  • Es gibt mehr Nachrichten, als in einer Zeitung Platz haben. Manches erfährt der Leser also nicht.

Ein anderes flashbasiertes Spiel, das ich schon mal mit Sechtsklässlern gespielt habe, ist „The Big Scan“. Ich habe das vor Jahren schon mal erwähnt, deshalb nur kurz: Das Spiel ist – anders als Republia Times – für Lerner gedacht. Man spielt einen Privatdetektiv, der einen (nicht ganz unblutigen) Fall lösen muss. Dabei übt man, Texte gezielt nach bestimmten Informationen durchzugehen.


Kaum für die Schule geeignet sind die folgenden Spiele, aber ich will sie erwähnen, weil sie für mich reizvoll waren (alles reine Textspiele):

Whom the Telling Changed von Aaron A. Reed. (Auf der verlinkten Seite ist auch eine Möglichkeit, das Spiel im Brwoser zu spielen.) Die Mitglieder einer Stammesgruppe sitzen in vor- oder frühgeschichtlicher Zeit um ein Lagerfeuer und hören sich die rituell erzählte, altbekannte Geschichte an, die der Erzähler vorträgt. Sehr aktiv in herkömmlicher Weise ist man als Spieler nicht: in jeder Erzählpause kann man dan Erzähler bitten, bestimmte Aspekte der Geschichte zu erklären oder zu betonen. Allerdings macht das der Gegenspieler genauso, ein anderer Angehöriger der Gruppe mit anderen politischen Zielen. Beide lenken die Stimmung der Gruppe durch ihre Zwischenfragen, denn die Situation ist hoch politisch: Soll man gegen einen Nachbargruppe in den Krieg ziehen oder nicht? Stellt sie eine Gefahr dar oder nicht?
Die Geschichte, die erzählt wird, ist außerdem eine Episode aus dem Gilgamesch-Epos. Wer sich die mal am virtuellen Lagerfeuer erzählen lassen möchte, kann sich „Whom The Telling Changed“ anschauen.

Auf einem Originaltext eines anderen Autors basiert auch The Tempest von Graham Nelson und, uh, William Shakespeare. (Online spielbar via der verlinkten Seite.) Man spielt den Luftgeist Ariel; die Handlung ist die von Shakespeares Sturm. Die Texte sind weitgehend Originalsprache, und zwar – laut eigenen Angaben – der fast vollständige Text der Folioausgabe von 1623. Also Blankvers. Das macht das Lesen macnhmal etwas schwer, und ganz leicht ist das Spiel auch nicht, das macht es weniger reizvoll für Leute, die weder mit frühem Neuenglisch noch mit Interactive Fiction vertraut sind. Aber reizvoll schon, das könnte ich mir auch gut mit einem allerdings gekürzten Sommernachtstraum vorstellen.

Unter der Seite Literary Worlds der Western Michigan University gibt es einen Link zu virtuellen literarischen Welten, die im Rahmen eines Projekts der Uni dort angelegt wurden. Das sind letztlich MUDs, multi-user dungeons, Textadventures für mehrere Spieler. Leider funktionieren einige der Links nicht mehr, auch wenn dann doch alle Welten – und es sind viele – von innerhalb eines jeden Spiels aus betreten werden können. Design und Interface sind nicht sehr ansprechend oder benutzerfreundlich. Ich habe mal The Tempest ausprobiert: Links textbasiert, rechts mit Bildern; navigieren kann man nur rechts, weil der Text bei Richtungsvariablen keinen sauberen Angaben ausgibt; agieren kann man nur links mit Texteingabe. Und alles recht umständlich. Eine schöne Idee, aber nicht mehr zeitgemäß. Auch die Kombination Text-Bild halte ich eher für irritierend als für nützlich – entweder ein reines Textspiel, oder Point-and-Click.

Fußnote: Ich habe schon mal ein eigenes Inform-7-Textadventure auf einen Server hochgeladen, der das Spiel multi-user-fähig macht. Funktioniert auch. Nächster Schritt: Mit Schülern eine Welt anlegen und sich dann dort treffen, textbasiert.

Podcasttipp: Lexicon Valley

Lexicon Valley (at Slate.com): Inzwischen bei Episode 13, jeweils um die dreißig Minuten. Die ersten Episoden waren nur so mäßig interessant, aber die letzten beiden fand ich gut.

— In Episode 12 ging es um die Sprache von Abraham Lincoln, insbesondere der berühmten Gettysburg Address anlässlich der Einweihung eines Soldatenfriedhofs mit Gefallenen einer Schlacht des Bürgerkriegs. Die Rede beginnt „Four score and seven years ago our fathers brought forth, upon this continent, a new nation, conceived in Liberty, and dedicated to the proposition that all men are created equal“, und endet mit: „that this government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.“

Der Podcast gibt der Rede etwas Kontext. Als junger Redner hatte Lincoln noch mit dem zu seiner Zeit geschätzten und üblichen blumigen Stil begonnen; erst später fand er zu schlichteren, moderneren Worten. Der Hauptredner bei der Einweihung des Friedhofs war auch gar nicht Lincoln, sondern Edward Everett, einer der berühmtesten – und typischeren – Redner seiner Zeit. Sprach zwei Stunden lang. Danach Lincoln, zwei Minuten.

— Noch interessanter ist Episode 13. Dort geht es um die Arbeit des graduate student Ben Schmidt. Der hat einen Algorithmus entwickelt, um anachronistische Äußerungen in Texten zu finden. (Der Algorithmus nutzt als Datenbasis Google Ngrams, Blogeintrag dazu.) Angewendet wird das zum Beispiel auf die Fernsehserie Mad Men, die Anfang der 1960er Jahre spielt. Oder auf die englische Fernsehserie Downton Abbey, frühes 20. Jahrhundert. Oder auf historische Romane von Edith Wharton, die fünfzig Jahre vor deren Erscheinen spielen.

Übergreifend scheint es so zu sein, dass sich tendenziell Anachronismen in manchen Bereichen häufen, in anderen weniger. Von einigen Ausnahmen abgesehen, gibt es im Bereich der Technik weniger sprachliche Anachronismen – vielleicht, weil Autoren bei technischen Neuerungen eher im Kopf haben, dass diese erst zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeführt wurden. Anders ist das bei wirtschaftlichen und finanziellen Themen.
Im Podcast werden auch einige Fragen zur Untersuchungsmethode angesprochen. Wie sehr entspricht die geschriebene Sprache einer Zeit (und der Google-Korpus bezieht sich ja auf diese) der mündlichen? Das wird durch Vergleiche zwischen Hörspielen und Filmen mit zeitgleichen Druckwerken untersucht. Aber auch diese sind natürlich nicht wirklich gesprochene Sprache; am nächsten kommt noch ein Korpus von Aufnahmen nichtöffentlicher Gespräche der amerikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte.

Im Großen und Ganzen bemüht sich Mad Men um möglichst wenig anachronistische Sprache. People of Colour heißen Negroes, und das kann auch nicht anders sein. Einen Ausdruck hat Schmidt allerdings gefunden, den er – so heißt es – ohne seinen Algorithmus nicht entdeckt hätte, und der in vielen Fernsehserien auftaucht, und zwar anachronistisch verwendet. Und zwar „need to“ statt „must/have to/ought to“.

Schmidt fand heraus, dass in Filmen der 1960er „I ought to“ wesentlich häufiger auftaucht als „I need to“, und in Filmen dieses Jahrtausends, die in den 1960ern spielen, ist es genau andersherum. Ein Blick in Google Ngrams zeigt, dass „I need to“ erst spät im 20. Jahrhundert in Fahrt kommt und das ehemals viel häufigere „I ought to“ verdrängt – mit der Mitte der 1980er Jahre als Zeitpunkt, in dem „I need to“ häufiger wird:

Das wusste ich aber auch schon aus dem Slate-Artikel How need to vanquished have to, must, and should von Ben Yagoda aus dem Jahr 2006. Dort gibt es auch kluge Gedanken zu den Ursachen dieses Wandels. Unter anderem liegt es eben daran, so Yagoda, dass wir uns im Laufe des 20. Jahrhunderts daran gewöhnt haben, dass unser aller needs so überaus wichtig zu nehmen.

Manners for the Digital Age

Schöner Podcast: Manners for the Digital Age. Der Technik-Kolumnist und die Anstandsdame von Slate beantworten gemeinsam Fragen der digitalen Etikette. Wie geht man mit Müttern um, die Kindergeburstagsfotos bei Facebook posten, mit allen kleinen Gästen darauf? Sind (Foto-)Handys im Umkleideraum okay, auch wenn die Benutzung offiziell verboten ist? Wann muss man Ohrstöpsel aus dem Ohr nehmen? Wie geht man mit Freunden um, die einem kommentarlos die besten bei Facebook geposteten Beiträge klauen? Wie mit Kollegen, die Unwahrheiten über sich posten?

Wenn ich noch Englisch unterrichten würde: Jeweils den Anfang vorspielen, in dem die um Rat suchende Lesezuschrift vorgelesen wird; dann spekulieren lassen, was die beiden wohl antworten werden beziehungsweise einen eigenen Kurzvortrag dazu vorbereiten und vortragen lassen, dann die Originalantwort anhören und vergleichen.

Ich bin selber meist anderer Meinung als die beiden. Auffällig ist ansonsten noch, dass die hiesigen Bedenken über das Internet als bösen Ort voller Gefahren so was von gar keine Rolle spielen. Das Internet ist einfach da und Teil des Alltags.

Thesaurus

David Crystal stellt in seinem Blog den Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary vor. Die Datenbasis dafür ist der Oxford English Dictionary, aber die Information ist gänzlich anders angeordnet, nämlich eben als Thesaurus.

In einem Thesaurus kann man nach Synonymen suchen. So eine Funktion ist zum Beispiel in meinem LibreOffice intergriert (und auch in Open Office und Microsoft Word). Ich habe da mal das Wort „Haus“ geschrieben und markiert und dann den Thesaurus um Synonyme dazu gebeten. Der hat etwa zwanzig davon gefunden, und bietet sie mir zur Auswahl an, und zwar nach Aspekten sortiert. Meinte ich Haus unter dem Aspekt „Bau“? Dann schlägt er vor: Behausung, Bude, Eigenheim, Heim, Hütte, Bauwerk, Gebäude. Oder meinte ich Haus unter dem Aspekt „Blutsbande“, etwa wie in „Haus Habsburg“? Vorschläge: Familie, Familienbande, Geblüt, Geschlecht, Mischpoke, Sippe, Stamm.

Ein Thesaurus enthält als zentrale Begriffe also solche Apekte wie „Bau“ und „Blutsbande“. Der Historical Thesaurus kennt mehr als 236.000 solcher Kategorien, die sich in Hierarchien befinden. Allein diese Einteilung der (sprachlichen – aber welche gäbe es außer ihr?) Welt in Kategorien ist schon eine spannende Sache. Das macht das Dewey Decimal System für Bibliotheken, das machte 1668 John Wilkins in seinem Essay towards a Real Character and a Philosophical Language, in dem er die Grundlagen einer philosophischen Sprache zu legen versucht, indem er das Wissen um seine Welt klassifiziert, und das macht das moderne Semantische Web.

Den Historical Thesaurus kann man zumindest zur Zeit und zumindest teilweise online befragen. Am einfachsten geht das über „Synonym Search“. Man sucht nach einem Wort, etwa „rosebud“, und kriegt als Ergebnis drei Großkategorien: Animal Kingdom, Society und Plants. Um welches „rosebud“ soll es gehen? Um, probieren wir mal Society aus. Dort werden mir wieder drei Bereiche angeboten, ich wähle mal den Bereich, der technisch so heißt: „03.01.04.04.02. ./ 06.06. . .“ mit der Bedeutung „members of scouts/guides“. das ist die endgültige Unterkategorie mit eben dem Inhalt: „Bezeichnungen für Mitglieder der Pfadfinder.“ Und da finde ich dann, chronologisch geordnet mit dem Jahr des OED-Erstbelegs:

Boy Scout, patrol leader, scoutmaster/scout-master, tenderfoot, captain, (Girl) Guide, lieutenant, sea-scout, Rosebud (1914), Brownie, Sixer, tenderpad, Wolf Cub… na ja, und noch viele Synonyme mehr.

Mäßig spannend, das Ergebnis. David Crystal beschreibt in seinem Blogeintrag, wie er den Thesaurus dazu nutzt, herauszufinden, ob „bottom“ schon zu Shakespeare-Zeit die Bedeutung von „Hintern“ hatte. Also nach „bottom“ suchen, Überkategorie „The Body“ wählen, Unterkategorie „buttocks“, und man sieht alle Synonyme von Alteneglisch bis 1968. (Ergebnis: nein, bei Shakespeare gibt es diese Bedeutung noch nicht.) Jedenfalls alle, die das OED kennt. Ich habe nach Pulp-Fiction-Vokabular gesucht, da war nicht alles drin. Und unter „sexual intercourse“ ist der Erstbeleg für „(to) shtup“ erst 1969? Wird schon stimmen, ich hätte auf älter geschätzt.

Macbeth in den Kammerspielen

Ich gehe nicht gerne ins Theater. Das ist immer abends, und da bin ich müde. Außerdem sind komische Leute um mich herum. Aber das Hauptproblem ist, dass ich mich da oft langweile, selbst bei Stücken, die ich zum Lesen gut finde. Ich wünsche mir beim Theater eine hohe Informationsdichte, so wie ich mir bei Fernsehserien grundsätzlich Split-Screen wünsche (also mehrere Fenster mit unterschiedlichen Szenen, gerne mit Bezug zueinander). Und wenn ich dort am Anfang der letzten Folge eines Vierteilers ein schnell geschnittenes „Was bisher geschah“ sehe, wünsche ich mir einen ganzen Film, der so dicht erzählt ist wie dieser Rückblick.
Und was kriege ich meist im Theater? Eine Gruppe von Menschen, die in sicher ganz wichtigen Konstellationen auf der Bühne stehen und bedeutungsvoll schweigen. Jedes Wort im Satz betonen, und dann wieder bedeutungsvoll gucken. Und schweigen, bedeutungsvoll. Das Haupt schütteln, schweigend. — Mein liebstes Theater nehme ich bitte gleich als Hörspiel, mit viel Text, wenig Pausen dazwischen, und schneller, dichter Vortragsweise. Wo die Leute stehen und wie sie gucken, ist mir dabei egal.

Gestern abend war ich in den Kammerspielen bei Macbeth. Die Kurzfassung: es hat mir vom ersten Moment an ausgezeichnet gefallen. Und ich glaube, das liegt an der Informationsdichte der Inszenierung, obwohl es natürlich auch geholfen hat, dass die fünf Schauspieler sehr gut waren. Diese Informationsdichte wurde nicht durch Handlung und Dialog erreicht, sondern eher durch lyrische Effekte, so wie Lyrik ja auch sehr informationsdicht ist.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die erste Worte fielen, die doch sonst das sind, was mich interessiert. Aber meine Aufmerksamkeit hatte auch so genug zu tun. Am Anfang die drei Hexen, als bunte Fairy Godmothers gekleidet, die das Publikum wortlos neckten. Allein da schon Assoziationen zu englischer Pantomime. Die drei mit deutlich unterschiedlichen Charakteren, darunter eine etwas mufflige, von einem Mann gespielt. Da hatte ich sofort Terry Pratchetts Hexen im Kopf. Dann kamen Macbeth und Banquo auf dem Schlachtfeld, von den Hexen live mit Blut getränkt, Schattenspiel im Hintergrund mit der Königskrone. (Überhaupt passierte gerne etwas auf zwei Ebenen, vorne und im Haus hinten. Ein Haus, dessen Inneres so plötzlich in Erscheinung tritt wie das Sterbezimmer von Charles Foster Kane in der Anfangssequenz von Citizen Kane.) Macbeth und Banquo als zwei Schuljungen, mit freundschaftlichem, nicht ganz konkurrenzfreien Abhängigkeitsverhältnis, die ihre innige Verbundenheit, oder zumindest den Wunsch danach, mit einem Lied aus der West Side Story ausdrücken. Dann die Botenrede vom Krieg als Live-Kriegs- und Sport-Berichterstattung mit Mikrofon. Überhaupt wurde das große Mikrofon und sein langes Kabel viel als dramaturgisches Mittel verwendet (und keinesfalls derm Lautstärke wegen): zum Singen, zum Kenntlichmachen der Öffentlichkeit der Rede, für akustische Verfremdungseffekte. Oder es wurde dem Malcolm, König Duncans Sohn, in die Hand gedrückt, damit der etwas sagt – und der kein Wort herausbrachte wie Colin Firth in The King’s Speech.

Und wir sind immer noch erst ganz am Anfang des Stücks. So dicht ging es weiter. Nicht die ganze Zeit, und der 4. Akt hatte Längen, aber das muss so sein. Vierte Akte sind immer langweilig (ist mir bei Cyrano und Twelfth Night zum ersten Mal aufgefallen). Die haben sogar ein eigenes Wort dafür in der Dramentheorie: retardierendes Moment. Das kann also kein Versehen sein, das mit den langweiligen vierten Akten, sondern Absicht. Warum, weiß ich auch nicht. Als Ausnahmen fallen mir spontan ein: A Midsummer Night’s Dream – eigentlich nur vier Akte mit einem angehängten Spiel im Spiel – und The Merchant of Venice – vier Akte mit einer angehängten Gerichtsverhandlung.

Der Text des Stücks (Übersetzung von Thomas Brasch, bearbeitet von der Regisseurin Karin Henkel und Jeroen Versteele) wurde gekürzt. Das ist völlig in Ordnung. Immer wieder wurden Passagen dabei chorartig wiederholt, teilweise auf Deutsch und Englisch, nacheinander oder nebeneinander. Sprache war dabei ein lyrisches Stilmittel (und Shakespeare ist immer für schöne Bilder gut) neben anderen, visuellen Stilmitteln.
Ein Problem habe ich nur mit dem Verwenden eines Soundtracks. Gesang und live gespielte Instrumente (das gab es auch) finde ich legitime dramaturgische Mittel. Text- und Bildeinblendungen ebenso, auch wenn es die in diesem Stück nicht gab. Aber Filmmusik, sozusagen, da fühle ich mich nicht wohl dabei. Es ist ein effektives dramaturgisches Mittel, keine Frage. Aber zu effektiv für mich, glaube ich. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass man einen selbst gedrehten Videofilm, gut oder schlecht, durch nichts so aufpeppen kann wie durch eine schöne Filmmusik im Hintergrund. Da ist sofort Spannung da, die Wertigkeit des Film steigt enorm. Text- und Bildeinblendungen haben diesen Effekt nicht. Jedenfalls mag ich Musikeinblendungen in Theateraufführungen nicht, die habe ich lieber unplugged, sozusagen,.

Wie sehen andere Theatergänger diese Inszenierung? Werden die bedeutungsschwangeren Pausen vermisst? Vielleicht wird die Inszenierung als bloße Unterhaltung gesehen. Das Stück wurde verhältnismäßig unkonventionell, aber vor allem unterhaltend inszeniert. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, nach einer darüber hinaus gehenden Interpretation dieser speziellen Inszenierung, ist das in Ordnung?

Ein Wort noch zu den Clowns: In Shakespeare selber ist nur der Türsteher eine komische Figur, wenn ich mich richtig erinnere. Hier waren es auch die zwei bis drei gedungenen Mörder, die Banquo und seinen Sohn Fleance töten sollen. Toll, wie die Schauspieler aus den Rollen zuvor plötzlich in diese komische Einlage wechselten. Fans der englischen Radioserie „I’m Sorry I’ll Read That Again“ (ISIRTA, etwa 1964-1975) kennen etwas Ähnliches aus der Macbeth-Episode, die man etwa hier anhören und da herunterladen kann. (Der Macbeth-Sketch beginnt 15:15 die Mörder-Szene kommt ab 25:30.)

Mit Schülern habe ich Macbeth nie gelesen, war aber mal mit ihnen in einer Inszenierung und habe das Stück dazu kurz vorbereitet. Dazu habe ich die ISIRTA-Nummer vorgespielt, die tatsächlich einen guten Überblick über die Handlung gibt. Die Wortspiele und Anspielungen habe ich dazu herausgeschrieben, also setze ich die keinesfalls vollständige Liste mal hierher:

  • Titus Andronicus: tight (=dicht, betrunken) as Andronicus
  • Scene 1: (I’ve) seen one
  • blasted heath (karge Heide): blasted Heath (verdammter Heath, Prime Minister)
  • infernal Wilson (Prime Minister vor und nach Heath)
  • a foul night: fowl (Geflügel)
  • to lash (peitschen)
  • a terrible night to be abroad (unterwegs): …a broad (eine Frau)
  • I noticed a hollow (cave/hole in ground): …hullo (=hello)
  • double, double, toil and bubble (witches‘ song): melody of „twinkle, twinkle, little star“
  • hail, hail, hail (=Heil): hail (=Hagel)
  • Thane (Scottish title)
  • issue (=Nachkommenschaft) : Ring a Ring o‘ Roses: Kinderspiel/-lied, mit dreimal Niesen (hatch-u, hatch-u, hatch-u), gefolgt von der Zeile „all fall down“ (ein Relikt aus der Pestzeit)
  • throne (Thron): throne (Kloschüssel)
  • is this a dagger which I see before me (famous line)
  • the porter told (zählen/läuten – altertümlich) the bell: to tell (erzählen)
  • Lady Macbeth began wailing (weinen, klagen): …whaling (Walfangen)
  • Thar (=there) she blows: traditioneller Ruf bei Sichtung eines Wals
  • They brought in the corpse: …brought in the cops
  • traditioneller Polizistensatz: „Hello, hello, what’s all this here then?“
  • to crown (krönen): to crown (eins auf den Kopf geben)
  • he tore his hair… and stamped on his rabbit: …his hare (Hase)
  • to wash one’s hands: euphemism for going to the toilet
  • spot, damned spot (famous line)
  • you shall be king till Burnam wood shall come to Dunsinane (famous line)
  • stronghold (Festung): stronghold (Ringergriff)
  • bulwarks („Bollwerk“ – Zinnen oder so etwas…): bollocks (Hoden – aber anderes Register)

Und natürlich ist keine Macbeth-Behandlung vollständig ohne James Thurbers geniales „The Macbeth Murder Mystery“.