Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)

Bekannte nehmen die junge Catherine Morland für ein paar Wochen mit nach Bath, wo man zur Erholung und zur Kur hinfährt und um neue Kleider vorzuführen. Dort freundet sie sich mit Isabella Thorpe an (an der auch Catherines Bruder interessiert ist), ohne deren Oberflächlichkeit zu erkennen. Isabellas Bruder, ein rechter Depp, wirbt um Catherine; diese verliebt sich aber in Henry Tilney, mit dessen Schwester sie Freundschaft schließt. Catherine wird als Gegenstück zu den Heldinnen sentimentaler und sentimental-grusliger Romane eingeführt. Kein Findelkind wurde in ihrerm Heimatdorf abgegeben, dessen vornehme Herkunft sich später herausstellen könnte; sie kann weder besonders gut zeichnen noch … Continue reading „Jane Austen, Northanger Abbey (und Exkurs zur erlebten Rede)“

Flüchtige Küsse, bildlich

Aus Wolf Haas, Verteidigung der Missionarsstellung: Und so still und unauffällig, als würde er sie gar nicht auf die Lippen küssen, sondern als informierte ein schmierestehender Ganove die an den Vitrinen arbeitenden Schmuckdiebe mit einem gerade noch unterhalb der Alarmschwelle liegenden, praktisch unhörbar trockenen Lippengeräusch über das Herannahen des Nachtwächters, […] als würde Benjamin Lee Baumgartner die namenlose Burgerverkäuferin keineswegs küssen, sondern als wäre es der Rinderwahn, der ihn zu diesem unmotivierten Kopfzucken zwang, küsste er sie so kurz und flüchtig auf die Lippen, dass schon im nächsten Moment nicht mehr ganz sicher war, ob er es getan hatte. Hinter … Continue reading „Flüchtige Küsse, bildlich“

Nominalstil mit Perry Rhodan

Nominalstil ist zum Beispiel bei Gliederungen verlangt. Nominalphrasen bestehen aus einem nominalen Kern (in der Regel ein Substantiv) mit möglichen Attributen drumherum. Eine Nominalphrase im Nominativ kann zum Beispiel immer als Subjekt eines Satzes eingesetzt werden. Keine Nominalphrase liegt vor, wenn es sich um einen ganzen Satz handelt. Oder einen unvollständigen Satz. Oder eine Präpositionalphrase: „wegen des schönen Wetters“ ist keine Nominalphrase, „das schöne Wetter“ schon. Wem das zu theoretisch ist, der kann das mit der Liste der ersten 2699 Perry-Rhodan-Heftromane üben. Vorher aber zur Einstimmung, wie bei meinen Schüern, sich bei Google die Titelbilder anschauen, oder gleich bei der … Continue reading „Nominalstil mit Perry Rhodan“

Mit dem Erörtern werde ich nicht richtig warm

Was das Arbeiten mit literarischen Texten betrifft, bin ich im Fach Deutsch über die Jahre hinweg mit den Leistungen meiner Schüler zufrieden. Ich habe das Gefühl, sie lernen etwas dazu. Bei den Erörterungen habe ich dieses Gefühl sehr viel weniger. Dabei gehört zu meinen Vorstellungen von einem Abiturienten eigentlich schon, dass er Aufsätze schreiben kann etwa zum Thema von 2011: „Freundschaft im Zeitalter digitaler Kommunikation“ Setzen Sie sich mit diesem Thema auseinander, indem sie eine [sic – fett und kursiv und unterstrichen] der beiden Varianten bearbeiten! Variante 1: Erörtern Sie unter Berücksichtigung der beigefügten Materialien und Ihrer eigenen Erfahrungen Chancen … Continue reading „Mit dem Erörtern werde ich nicht richtig warm“

Hoffmanns Erzählungen

Gestern kamen Hoffmanns Erzählungen im Fernsehen, die Wiederholung einer Aufnahme aus der Bayerischen Staatsoper von 2011. Hoffmanns Erzählungen ist eine Oper von Jacques Offenbach mit etwas turbulenter Textgeschichte. Uraufführung 1881, Libretto von Jules Barbier, nach dem Schauspiel von Jules Barbier und Michel Carré, basierend auf Motiven aus Novellen von E.T.A. Hoffmann. Die Rahmenhandlung: Der Schriftsteller Hoffmann ist unglücklich verliebt und hat auch noch einen Widersacher. Die Muse der Dichtkunst glaubt trotzdem, dass er ihr abtrünnig werden könnte. Deshalb begleitet sie Hoffmann in menschlicher Gestalt. Hoffmann sitzt mit Studenten in der Kneipe und erzählt von seinen früheren unglücklichen Liebesgeschichte: drei von … Continue reading „Hoffmanns Erzählungen“

Automatische Metrikanalyse

Norberto42 hat in einem Blogeintrag auf den Metricalizer2 hingewiesen. Das ist ein Projekt zur automatischen Analyse von Gedichten. So etwas steht schon länger auf meiner Liste von Programmierprojekt-Vorschlägen für Informatikstudenten – aber es ist nicht überraschend, dass es das schon gibt. Und auch nicht überraschend, dass das Projekt bisher noch kein Informatikstudent haben wollte. Man gibt einen Gedichttext ein und klickt dann auf „Gedicht analysieren“. Die Reime werden richtig erkannt, selbst bei Reimen wie „Eiche“ und „Gesträuche“, die traditionell als vollkommen akzeptabel gelten, von Schülern aber gerne mal nicht als Reim erkannt werden. (Im Übermut und aus diesem Anlass habe … Continue reading „Automatische Metrikanalyse“

Berge wie weiße Elefanten

Bei der Erzähltheorie in der Schule geht es drunter und drüber. Ein Kollege hat mal zusammengestellt, was für die einzelnen Jahrgangsstufen im Lehrplan steht: 5: „Erzähler“ 6: „Äußeres und inneres Geschehen, erzähltechnische Mittel“ 8: „Innen- und Außenstandpunkt des Erzählers, Erzählperspektive wechseln“ 9: „Erzählverhalten“ 10: „Erzähltechnik“ Sonst nichts Genaueres. (Keine Erwähnung von Begriffen aus speziellen Theorien, etwa: auktorial, allwissend, homodiegetisch.) Unser Schulbuch fügt den kaum von einander zu trennenden Begriffen „Erzählperspektive“, „Erzählverhalten“ und „Erzähltechnik“ noch die „Erzählform“ und die „Position“ und „Einstellung“ des Erzählers hinzu sowie die „Erzählhaltung“. Dazu verschiedene Begriffe, die sich letztlich an einer vereinfachten Erzähltheorie nach Stanzel orientieren. … Continue reading „Berge wie weiße Elefanten“

Babyeinhorn-Rodeo

Die Rechner-Beamer-Kombination in meinem Klassenzimmer funktioniert endlich wieder! Da habe ich gleich mal einen Haufen Clips gezeigt, angefangen mit diesem: Stilmittelanalyse: Neben den Neologismus beziehungsweise Wortspiel „Zartcore“, das den Schülern zuerst aufgefallen ist, lebt die Werbung vor allem von den Vergleichen. Dabei wird jeweils dieser Keks verglichen mit Rodeoreiten auf Baby-Einhörnen beziehungsweise Stagediving in der Oper. (Im Text ist auch noch von Klippenspringen mit Schwimmflügeln die Rede, das hat es aber nicht in die endgültige Fassung gebracht.) Die Basis des Vergleichs: Da werden jeweils zwei Dinge in Beziehung gesetzt, die sich augenscheinlich widersprechen, aber doch verwandt sind: Einhörner/Rodeo (Reiten), Stagediving/Oper … Continue reading „Babyeinhorn-Rodeo“

Interpretationen, Reprise

Am Montag mache ich wieder mal meine Bruce-Springsteen-Johnny-Cash-Stunde. Darüber habe ich schon mal gebloggt, 2005, aber das darf ich ja mal wiederholen. Bei der ursprünglichen Fassung des alten Blogeintrags hatte ich die Audioclips noch selber hochgeladen, inzwischen geht das leichter. Damals gab es Youtube erst seit zwei Monaten und ich hatte vermutlich noch nie davon gehört. (Mein Blog ist älter als Youtube. Älter als der Börsengang von Google, der war August 2004.) Es fing an mit Goethe, Interpretation, 10. Klasse, „Maifest“: Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur! […] O Mädchen, Mädchen, Wie … Continue reading „Interpretationen, Reprise“

Physiognomik

Letzte Woche habe ich mit der 10. Klasse in Deutsch einen Text von Johann Kaspar Lavater gelesen, zum Geniebegriff im 18. Jahrhundert: Was ist Genie? Wer’s nicht ist, kann nicht; und wer’s ist, wird nicht antworten. – Vielleicht kann’s und darf’s einigermaßen, wer dann und wann gleichsam in der Mitte schwebt, und dem’s wenigstens bisweilen gegeben ist, in die Höhe über sich, und in die Tiefe unter sich – hinzublicken. […] Wer bemerkt, wahrnimmt, schaut, empfindet, denkt, spricht, handelt, dichtet, singt, schafft, vergleicht, sondert, vereinigt, folgert, ahndet, gibt, nimmt – als wenn’s ihm ein Genius, ein unsichtbares Wesen höherer Art … Continue reading „Physiognomik“