Facharbeit 1987: „The impact of Edgar Allan Poe on the work of Howard Phillips Lovecraft“

Neulich herausgekramt: Meine Facharbeit, Leistungskurs Englisch. Getippt auf einem IBM-Computer, grün auf schwarz, ausgedruckt auf einem Typenraddrucker.

Das Original der Facharbeit habe ich natürlich nicht, und auch keine unmittelbare Kopie. Aber eine kleine Weile nach der Facharbeit habe ich für einen Brieffreund die Datei noch einmal ausgedruckt; inzwischen war das „k“ am Typenrad schon etwas beschädigt, und einen Ausdruck dieser Version habe ich, nebst der Punkteverteilung durch den Lehrer damals.

Es gab 14 Punkte. Das war okay. Von einem Schüler heute würde ich deutlich mehr verlangen, aber auch dafür sorgen, dass der das auch leisten kann. Ich habe mir damals das Thema alleine gewählt, die Sekundärliteratur alleine herausgesucht (hatte ich eh alle zu Hause) und kann mich an keinerlei Betreuung oder große Ansprüche seitens der Lehrkraft erinnern. Die 14 Punkte gab es dann auch vor allem, denke ich, für das sehr gute Englisch, weniger für den Inhalt.

Der genügt meinen heutigen Ansprüchen an Schülern nicht. Schlampige Bibliographie, Anmerkungen in Klammern im Text statt ordentlicher Fußnoten und eine Neigung zu beiläufig getroffenen, pauschalen Aussagen ohne jeglichen Beleg.

Also: Nicht alles an der Schule wird schlechter. Die Vorbereitung darauf, wie man eine wissenschaftliche Arbeit schreibt, ist im G8 deutlich besser, und war es auch im G9. Ob das Englisch der Schüler besser ist, kann ich nicht beurteilen.

Hier die erste Seite:

facharbeit03

Pretentious, moi? Was für feinziselierte purple prose, oder anders gesagt, welche Liebe zum gewählten Ausdruck:

  • „Both wrote […] tales of mystical realms, both wrought delicate poems“
  • „which leaves its hero bereft of his love“
  • „versed in the way of cosmic monstrosities and all too much aware of the danger“
  • „once they start meddling with the strange affairs delt [sic] with in Lovecraft’s prose“
  • „Who could forget the eerie atmosphere of the House of Usher or the Red Death crashing Prospero’s party?“
    (Dammit, warum habe ich die Alliteration nicht noch mit „Prince Prospero’s party“ auf die Spitze getrieben? Die Vokabel „to crash a party“ hatte ich übrigens aus dem Lied „You May Be Right“ von Billy Joel.)
  • „for who is able to see at first glance that ‚The Golden Bough‘ by Frazer is a real book, whereas the ‚Book of Eibon‘ is purely fictive?“

Fehlerfrei ist die Arbeit natürlich nicht. Um nur zwei Stellen zu nennen, die mir eben aufgefallen sind:

  • „Whom, among others, he took himself as an example“
  • „Lovecraft profitated from this idea“

Eventuell kommt nächstes Schuljahr ein W-Seminar zu Horror- und Gruselliteratur zustande, Leitfach Deutsch, aber Lovecraft wird sicher auch dabei sein. So wie Novellen der Romantik, Computer- und Rollenspiele auch.

Serious Text Games

„The Republia Times“ ist ein schönes Spiel, das sich vielleicht auch für das rasche Leseverstehen (skimming) im Englischunterricht eignet. Flashbasiert, im Browser zu spielen; man kann die Flashdatei aber auch einfach lokal speichern. (Via Aaron A. Reed.)

Das Spiel ist einfach, aber reizvoll: Man spielt den eben ernannten Redakteur der Republia Times, einer Zeitung im diktatorisch regierten Republia. Die Presse dort ist alles andere als frei; die Familie des Redakteurs befindet sich in Geiselhaft der Regierung. Man muss zehn Tage als Redakteur überstehen: In den ersten Tagen muss man die Loyalität der Leserschaft auf einen gegebenen Wert erhöhen, indem man regimefreundliche Propagandaartikel platziert. Danach muss man die Anzahl der Leser erhöhen, indem man Artikel veröffentlicht, die den Lesern gefallen. (Der Loyalitätswert darf dabei aber nicht unter eine bestimmte Grenze sinken.) Und danach wiederum hat man etwas freiere Hand… bis sich der Untergrund meldet und sowohl eine hohe Auflage als auch eine niederige Loyalität der Leserschaft zu einem bestimmten Termin fordert.

So sieht der Bildschirm aus:

republia

Von links unten kommen auf einem Ticker nach und nach die Nachrichten des Tages herein, mal früher mal später. Aus diesen Nachrichten kann man seine Zeitung füllen: Man macht aus dieser Nachricht eine kleine Notiz, einen gewöhnlichen Artikel oder einen großen Dreispalter. Man kann auch nichts auswählen, dann bleibt die Zeitung halt leer, und das kostet natürlich Leser. Um die Zeitung zu füllen hat man nur einen Arbeitstag Zeit; am Rand läuft eine Uhr unerbittlich mit, die einen in den späteren Phasen des Spiels unter Druck setzt. Ganz wird die Zeitung ohnehin nie voll, die Größen der Artikel und der Seite sind so gewählt, das immer mindestens ein kleines frustrierendes Kästchen frei bleibt.

Der Knackpunkt beim Spiel ist die Auswahl der Nachrichten und die Entscheidung, wie groß man sie in die Zeitung setzt:

  • Es gibt Artikel, die für höhere Leserzahlen sorgen: Sport, Militär, Unterhaltung, Wetter. Bei diesen Themen kommt es nicht auf die Größe der Artikel an, sondern nur darauf, dass es sie gibt. Die bringen Leser. Zu viel politische Propaganda und zu wenig Unterhaltung lässt die Leserzahl sinken.
  • Es gibt Artikel, die die Loyalität der Leserschaft beeinflussen, positiv oder negativ: Negative Informationen über die Regierung, Erfolge des feindlichen Nachbarstaats. Hier haben größere Artikel mehr Einfluss auf die Loyalität der Leserschaft als kleinere. Das Wetter ist immer neutral, andere Nachrichten können positiv oder negativ sein.
  • Gibt es zu viel freien Platz, dann sinken Leserzahlen. Drei große Geschichten reichen, um die Zeitung zu füllen

Nach dem zehnten Tag ist das Schicksal von Republia entschieden und es kommt zu einem Ende, sozusagen.

Für den Englischunterricht nutzbar ist das Spiel, weil man die – allerdings sehr kurzen – Nachrichten schnell überfliegen und beurteilen muss: Sind sie interessant ist oder nicht und, unabhängig davon, politisch neutral, positiv oder negativ?

Außerdem lernt man:

  • Eine Zeitung füllt sich nicht von selbst, es gibt immer jemanden, der auswählt, was hineinkommt.
  • Selbst wenn eine Nachricht gebracht werden muss, kann man sie groß herausbringen oder klein halten.
  • An manchen Tagen kommen einfach keine brauchbaren Nachrichten. Aber auch dann muss die Zeitung voll werden.
  • Es gibt mehr Nachrichten, als in einer Zeitung Platz haben. Manches erfährt der Leser also nicht.

Ein anderes flashbasiertes Spiel, das ich schon mal mit Sechtsklässlern gespielt habe, ist „The Big Scan“. Ich habe das vor Jahren schon mal erwähnt, deshalb nur kurz: Das Spiel ist – anders als Republia Times – für Lerner gedacht. Man spielt einen Privatdetektiv, der einen (nicht ganz unblutigen) Fall lösen muss. Dabei übt man, Texte gezielt nach bestimmten Informationen durchzugehen.


Kaum für die Schule geeignet sind die folgenden Spiele, aber ich will sie erwähnen, weil sie für mich reizvoll waren (alles reine Textspiele):

Whom the Telling Changed von Aaron A. Reed. (Auf der verlinkten Seite ist auch eine Möglichkeit, das Spiel im Brwoser zu spielen.) Die Mitglieder einer Stammesgruppe sitzen in vor- oder frühgeschichtlicher Zeit um ein Lagerfeuer und hören sich die rituell erzählte, altbekannte Geschichte an, die der Erzähler vorträgt. Sehr aktiv in herkömmlicher Weise ist man als Spieler nicht: in jeder Erzählpause kann man dan Erzähler bitten, bestimmte Aspekte der Geschichte zu erklären oder zu betonen. Allerdings macht das der Gegenspieler genauso, ein anderer Angehöriger der Gruppe mit anderen politischen Zielen. Beide lenken die Stimmung der Gruppe durch ihre Zwischenfragen, denn die Situation ist hoch politisch: Soll man gegen einen Nachbargruppe in den Krieg ziehen oder nicht? Stellt sie eine Gefahr dar oder nicht?
Die Geschichte, die erzählt wird, ist außerdem eine Episode aus dem Gilgamesch-Epos. Wer sich die mal am virtuellen Lagerfeuer erzählen lassen möchte, kann sich „Whom The Telling Changed“ anschauen.

Auf einem Originaltext eines anderen Autors basiert auch The Tempest von Graham Nelson und, uh, William Shakespeare. (Online spielbar via der verlinkten Seite.) Man spielt den Luftgeist Ariel; die Handlung ist die von Shakespeares Sturm. Die Texte sind weitgehend Originalsprache, und zwar – laut eigenen Angaben – der fast vollständige Text der Folioausgabe von 1623. Also Blankvers. Das macht das Lesen macnhmal etwas schwer, und ganz leicht ist das Spiel auch nicht, das macht es weniger reizvoll für Leute, die weder mit frühem Neuenglisch noch mit Interactive Fiction vertraut sind. Aber reizvoll schon, das könnte ich mir auch gut mit einem allerdings gekürzten Sommernachtstraum vorstellen.

Unter der Seite Literary Worlds der Western Michigan University gibt es einen Link zu virtuellen literarischen Welten, die im Rahmen eines Projekts der Uni dort angelegt wurden. Das sind letztlich MUDs, multi-user dungeons, Textadventures für mehrere Spieler. Leider funktionieren einige der Links nicht mehr, auch wenn dann doch alle Welten – und es sind viele – von innerhalb eines jeden Spiels aus betreten werden können. Design und Interface sind nicht sehr ansprechend oder benutzerfreundlich. Ich habe mal The Tempest ausprobiert: Links textbasiert, rechts mit Bildern; navigieren kann man nur rechts, weil der Text bei Richtungsvariablen keinen sauberen Angaben ausgibt; agieren kann man nur links mit Texteingabe. Und alles recht umständlich. Eine schöne Idee, aber nicht mehr zeitgemäß. Auch die Kombination Text-Bild halte ich eher für irritierend als für nützlich – entweder ein reines Textspiel, oder Point-and-Click.

Fußnote: Ich habe schon mal ein eigenes Inform-7-Textadventure auf einen Server hochgeladen, der das Spiel multi-user-fähig macht. Funktioniert auch. Nächster Schritt: Mit Schülern eine Welt anlegen und sich dann dort treffen, textbasiert.

Podcasttipp: Lexicon Valley

Lexicon Valley (at Slate.com): Inzwischen bei Episode 13, jeweils um die dreißig Minuten. Die ersten Episoden waren nur so mäßig interessant, aber die letzten beiden fand ich gut.

— In Episode 12 ging es um die Sprache von Abraham Lincoln, insbesondere der berühmten Gettysburg Address anlässlich der Einweihung eines Soldatenfriedhofs mit Gefallenen einer Schlacht des Bürgerkriegs. Die Rede beginnt „Four score and seven years ago our fathers brought forth, upon this continent, a new nation, conceived in Liberty, and dedicated to the proposition that all men are created equal“, und endet mit: „that this government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth.“

Der Podcast gibt der Rede etwas Kontext. Als junger Redner hatte Lincoln noch mit dem zu seiner Zeit geschätzten und üblichen blumigen Stil begonnen; erst später fand er zu schlichteren, moderneren Worten. Der Hauptredner bei der Einweihung des Friedhofs war auch gar nicht Lincoln, sondern Edward Everett, einer der berühmtesten – und typischeren – Redner seiner Zeit. Sprach zwei Stunden lang. Danach Lincoln, zwei Minuten.

— Noch interessanter ist Episode 13. Dort geht es um die Arbeit des graduate student Ben Schmidt. Der hat einen Algorithmus entwickelt, um anachronistische Äußerungen in Texten zu finden. (Der Algorithmus nutzt als Datenbasis Google Ngrams, Blogeintrag dazu.) Angewendet wird das zum Beispiel auf die Fernsehserie Mad Men, die Anfang der 1960er Jahre spielt. Oder auf die englische Fernsehserie Downton Abbey, frühes 20. Jahrhundert. Oder auf historische Romane von Edith Wharton, die fünfzig Jahre vor deren Erscheinen spielen.

Übergreifend scheint es so zu sein, dass sich tendenziell Anachronismen in manchen Bereichen häufen, in anderen weniger. Von einigen Ausnahmen abgesehen, gibt es im Bereich der Technik weniger sprachliche Anachronismen – vielleicht, weil Autoren bei technischen Neuerungen eher im Kopf haben, dass diese erst zu einem bestimmten Zeitpunkt eingeführt wurden. Anders ist das bei wirtschaftlichen und finanziellen Themen.
Im Podcast werden auch einige Fragen zur Untersuchungsmethode angesprochen. Wie sehr entspricht die geschriebene Sprache einer Zeit (und der Google-Korpus bezieht sich ja auf diese) der mündlichen? Das wird durch Vergleiche zwischen Hörspielen und Filmen mit zeitgleichen Druckwerken untersucht. Aber auch diese sind natürlich nicht wirklich gesprochene Sprache; am nächsten kommt noch ein Korpus von Aufnahmen nichtöffentlicher Gespräche der amerikanischen Präsidenten der letzten Jahrzehnte.

Im Großen und Ganzen bemüht sich Mad Men um möglichst wenig anachronistische Sprache. People of Colour heißen Negroes, und das kann auch nicht anders sein. Einen Ausdruck hat Schmidt allerdings gefunden, den er – so heißt es – ohne seinen Algorithmus nicht entdeckt hätte, und der in vielen Fernsehserien auftaucht, und zwar anachronistisch verwendet. Und zwar „need to“ statt „must/have to/ought to“.

Schmidt fand heraus, dass in Filmen der 1960er „I ought to“ wesentlich häufiger auftaucht als „I need to“, und in Filmen dieses Jahrtausends, die in den 1960ern spielen, ist es genau andersherum. Ein Blick in Google Ngrams zeigt, dass „I need to“ erst spät im 20. Jahrhundert in Fahrt kommt und das ehemals viel häufigere „I ought to“ verdrängt – mit der Mitte der 1980er Jahre als Zeitpunkt, in dem „I need to“ häufiger wird:

Das wusste ich aber auch schon aus dem Slate-Artikel How need to vanquished have to, must, and should von Ben Yagoda aus dem Jahr 2006. Dort gibt es auch kluge Gedanken zu den Ursachen dieses Wandels. Unter anderem liegt es eben daran, so Yagoda, dass wir uns im Laufe des 20. Jahrhunderts daran gewöhnt haben, dass unser aller needs so überaus wichtig zu nehmen.

Manners for the Digital Age

Schöner Podcast: Manners for the Digital Age. Der Technik-Kolumnist und die Anstandsdame von Slate beantworten gemeinsam Fragen der digitalen Etikette. Wie geht man mit Müttern um, die Kindergeburstagsfotos bei Facebook posten, mit allen kleinen Gästen darauf? Sind (Foto-)Handys im Umkleideraum okay, auch wenn die Benutzung offiziell verboten ist? Wann muss man Ohrstöpsel aus dem Ohr nehmen? Wie geht man mit Freunden um, die einem kommentarlos die besten bei Facebook geposteten Beiträge klauen? Wie mit Kollegen, die Unwahrheiten über sich posten?

Wenn ich noch Englisch unterrichten würde: Jeweils den Anfang vorspielen, in dem die um Rat suchende Lesezuschrift vorgelesen wird; dann spekulieren lassen, was die beiden wohl antworten werden beziehungsweise einen eigenen Kurzvortrag dazu vorbereiten und vortragen lassen, dann die Originalantwort anhören und vergleichen.

Ich bin selber meist anderer Meinung als die beiden. Auffällig ist ansonsten noch, dass die hiesigen Bedenken über das Internet als bösen Ort voller Gefahren so was von gar keine Rolle spielen. Das Internet ist einfach da und Teil des Alltags.

Big Rock Candy Mountain, zweites öffentliches Üben, und Hemingway

Inhaltsverzeichnis:

  1. Musikalische Versuche
  2. Das Lied und sein Hintergrund
  3. Hobo Stories
  4. Hemingway
  5. Seminar-Idee

1. Musikalische Versuche

Okay, Zeit für das zweite öffentliche Üben:

Nachtrag: drittes und letztes öffentliches Üben.

Hier der Anfang meiner aktuellen Tabulatur für die Clawhammer Ukulele:

Gibt’s auch als pdf, als midi und als tux – das ist die Quelldatei für für den TuxGuitar tab editor (Java), mit dem ich midi und pdf erzeugt habe. Den finde ich für meine Zwecke praktischer als das verbreitetere PowerTab. Die midi-Datei kann man übrigens auch in andere Tabulaturprogramme importieren und erhält so die Noten.

Ukulele geht schon besser, beim Singen aber keine Fortschritte. Frau Rau sagt betont immer nichts, wenn ich singe. Ein Problem ist, dass im ersten Teil des Liedes etliche Noten sind, die unterhalb des nicht allzu großen Tonumfangs der Ukulele liegen. Ich weiß noch nicht, wie ich die am besten begleite und beim Singen treffe.

2. Das Lied und sein Hintergrund

Zum Lied selber (Wikipedia): In neueren Versionen für die Grundschule gibt es das als heiteres Kinderlied mit abgewandeltem Text. Das Original gewinnt aber viel Witz dadurch, dass das Schlaraffenland, das darin beschrieben ist, ein Schlaraffenland für hoboes ist, für Landstreicher der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. The boxcars are all empty, das sind die Güterwaggons, in die man sich verbotenerweise geschlichen hat, the railways bulls are blind, das sind die Bahnpolizisten, die die Landstreicher gerne mal aus dem fahrenden Zug werfen, und träumen kann man nur von Polizisten mit Holzbeinen (sie können einen also nicht verfolgen) und von Bäumen, auf denen die abgelegte Kleidung („handouts“) ebenso wächst wie Zigaretten.

Hinter dieser Ebene des Liedes steckt aber noch eine weitere. Das Lied beginnt ja mit einem hobo, der in ein Landstreichercamp („hobo jungle“) kommt und dort von diesem Hobo-Paradies zu erzählen beginnt, und das mit der Aufforderung, mit ihm zu kommen. Darauf schließen sich drei oder vier (melodisch davon verschiedene) Strophen an, die die Vorzüge dieses Schlaraffenlands preisen und die den Hauptteil des Lieds ausmachen.
Harry McClintock sang das Lied bereits in den 1890er Jahren, dreißig Jahre vor der ersten Aufnahme, und diese ursprüngliche Form enthielt eine abschließende Strophe, die in der Aufnahme ausgelassen wurde:

The punk rolled up his big blue eyes
And said to the jocker, „Sandy,
I’ve hiked and hiked and wandered too,
But I ain’t seen any candy.
I’ve hiked and hiked till my feet are sore
And I’ll be damned if I hike any more
To be buggered sore like a hobo’s whore
In the Big Rock Candy Mountains.“

Ein „punk“ ist ein jugendlicher Streuner (oder allgemeiner: abwertend für einen Jugendlichen), der „jocker“ ist die Figur der Rahmenhandlung, die den Leuten im hobo jungle die Geschichte erzählt und den Jungen zum Mitkommen überreden will – um ihn sexuell auszubeuten oder eine sexuelle Partnerschaft einzugehen. Klingt weit hergeholt? Solche homosexuellen – daneben auch rein pragmatische – Hobo-Partnerschaften gab es regelmäßig. Der ältere Partner heißt jocker oder wolf und lässt den jungen für sich betteln. Der junge heißt lamb oder gonzel/ganzel (Quelle).

Fußnote: Dashiell Hammett nennt in The Maltese Falcon den jungen Ganoven Wilmer gunsel. Rezipiert wurde das als Slangausdruck für „Gangster“ (immerhin steckt „gun“ drin) und wanderte von dort aus wohl tatsächlich auch in Slang-Wörterbücher in dieser Bedeutung. Wie das Hammett gemeint hat, weiß ich nicht. Aber Wilmer ist der jüngere Begleiter des älteren Gutman, und Joel Cairo scheint zumindest einmal den Versuch gemacht zu haben, bei ihm zu landen.

Begegnet bin ich diesem Konzept in einer Kurzgeschichte, in der der jugendliche (glaube ich) Held vor einem wolf gewarnt wird, und dass damit eben nicht einfach ein Mann gemeint sei, der Frauen hinterherpfeift. (Ich dachte, das sei eine Hemingway-Geschichte gewesen, Recherche – siehe weiter unten – sagt, dass wohl doch nicht.) Als solcher ist der Begriff ja viel weiter verbreitet, auch mit dem dazu gehörenden wolf whistle, verewigt etwa in Tex-Avery-Cartoons. Tatsächlich ist das Wort in der Bedeutung „seducer“ seit 1847 belegt, seit 1917 auch für einen aktiven, dominierenden Homosexuellen (Historical Thesaurus of the OED). Ein Gay Slang Dictionary nennt als Ursprung: „prison early 1900’s“. Mehr dazu auch in diesem Glossar zur Hobo-Terminologie. Da heißt oder hieß ein unerfahrener jugendlicher hobo „preshun“ oder „possesh“, der in die Lehre zu einem „profesh“ geht. Jack London betont in seinem autobiographischen The Road (Gutenberg):

A boy on The Road, on the other hand, no matter how green he is, is never a gay-cat; he is a road-kid or a „punk,“ and if he travels with a „profesh,“ he is known possessively as a „prushun.“ I was never a prushun, for I did not take kindly to possession. I was first a road-kid and then a profesh.

Die Auszüge aus dem Buch klingen ziemlich interessant, ich werde es bald mal lesen. James L. Haleys Wolf: The Lives of Jack London verdanke ich den Hinweis auf den Aufsatz „Homosexuality among Tramps“ in Havelock Ellis‘ Studies in the Psychology of Sex. Habe ich noch nicht reingeschaut, kann für nichts garantieren.

3. Hobo Stories

Das Wort „hobo“ kenne ich schon lange. Der „hobo jungle“ taucht in Tom Waits wunderbarem „Kentucky Avenue“ auf, wo zwei Jungen auch die Flucht von zu Hause planen, oder davon träumen, oder zumindest einer von ihnen. („Church key“ für „Flaschenöffner“ habe ich auch aus diesem Lied.)
Bei Stephen King bin ich dem hobo jungle sicher auch begegnet.
Vielleicht in Jack-London-Geschichten?
Und dann natürlich Ernest Hemingway, zum Beispiel „The Battler“. Dort ist der jugendliche – oder doch schon später Teenager? – Nick Adams, Held einer Reihe von Hemingway-Geschichten, gerade von einem Bahnpolizisten aus dem fahrenden Zug geworfen worden. Er wird von einem Lagerfeuer angelockt und trifft dort ein paar hoboes, einer davon ein ehemals berühmter Boxer, und sie teilen ihre Lebensmittel. Die Situation wird tatsächlich ein bisschen brenzlig für Nick, aber Sexualität ist kein Thema in dieser Geschichte.

4. Hemingway

Beim Blättern im Hemingwayband bin ich auf zwei schöne Geschichten gestoßen, an die ich lange nicht mehr gedacht habe. „A Natural History of the Dead“, eine ganz untypische Geschichte. In durchaus poetischem Naturkundefilm-Tonfall (wie man ihn heute aus Fernsehsendungen über Eisbären oder die Tierwelt der Alpen kennt) beginnt der Bericht über einen Kriegsschauplatz:

It has always seemed to me that the war has been omitted as a field for the observations of the naturalist. We have charming and sound accounts of the flora and fauna of Patagonia […] Can we not hope to furnish the reader with a few rational and interesting facts about the dead?

Until the dead are buried they change somewhat in appearance each day. The color change in Caucasian races is from white to yellow, to yellow-green, to black. If left long enough in the heat, the flesh comes to resemble coal-tar, especially where it has been broken and torn, and it has quite a visible and tarlike iridescence.

Bitter. Hätte ich eher von Ambrose Bierce erwartet, so etwas.
Typischer ist „The Three-Day Blow“. Nick Adams besucht seinen Freund Bill, dessen Vater nicht zu Hause ist, in deren doch eher einfachen Behausung. Draußen stürmt es. Die beiden unterhalten sich erst mal über Sport und trinken Whiskey (und fragen sich, was Torf eigentlich ist) – und dann sprechen sie über die Bücher, die sie gerade lesen. Richard Feverel von George Meredith („It’s all right“), The Forest Lovers von Maurice Henry Hewlett („That’s the one where they go to bed every night with the naked sword between them“), Fortitude und The Dark Forest von Hugh Walpole („I’d like to meet him“) und – hooray! – G. K. Chesterton.

„‚He must be the best guy there is. Do you remember the Flying Inn?“

(Falls nicht erinnerlich: ich liebe Chesterton.) Nach einer kurzen Diskussion, wer besser ist, Chesterton oder Walpole, wollen sie beide zum Fischen mitnehmen. Danach geht das ernsthafte Whiskeyrtrinken los, sie bekennen sich zum Fischen und widersagen Baseball, erheben Trinksprüche auf Walpole und Chesterton, und im Hintergrund steht die ganze Zeit über Nicks Trennung von seiner Freundin/zukünftigen Braut Marjorie.

5. Seminar-Idee

Falls ich noch Englisch unterrichten würde, könnte ich mir gut ein Seminar „Landeskunde durch Lieder“ vorstellen – als W- oder P-Seminar. Die Leistung im W-Seminar wäre jeweils eine ausführliche Arbeit über ein einzelnes Lied, im P-Seminar könnte man die Lieder aufführen oder aufnehmen oder in die heutige Zeit übertragen, gerne auf Deutsch. Man müsste sich halt um die Rechte kümmern. Filme dazu: Dieses Land ist mein Land (Biographie von Woody Guthrie, 1976, mit David Carradine). Am Rande erwähnenswert: Boxcar Bertha (1972), nicht über Musik, aber mit Zügen in den 1930ern, etwas zu brutal für mich, aber auch mit David Carradine und eine ganz frühe Scorsese-Regie – in einer Rogar-Corman-Produktion, da schau her.

Lieder für das Seminar, ganz spontan:

  • Strange Fruit (Billie Holliday) (Wikipedia)
  • Brother, Can You Spare A Dime (Rudy Vallee und viele viele andere) (Youtube: The Weavers, Youtube: Al Jolson)
  • Sacco and Vanzetti (Woody Guthrie)
  • Sixteen Tons (Merle Travis u.a.) (Wikipedia)
  • Fairytale of New York (Pogues)
  • Vive la Quinta Brigada (Christy Moore) (Youtube)
  • The Ludlow Massacre (Woody Guthrie)
  • Lousiana 1927 (Randy Newman)
  • Poverty Knock (trad., Chumbawamba) (Blogeintrag)
  • Tom Joad (eine Grapes-of-Wrath-Interpretation von Woody Guthrie)
  • The Biggest Ballof Twine in Minnesota (Weird Al Yankovic) (Youtube, aber kein Vergleich zur Studioversion)
  • Ten Cents A Dance (Version 1, Version 2, Version 3, weil die beste Version – die von Doris Day – in unserem Land bei Youtube nicht angeschaut werden kann)
  • Von mir aus auch „I don’t like Mondays“ und „Sunday, Bloody Sunday“, jede Menge irische politische Lieder, die 1930er sowieso.

Thesaurus

David Crystal stellt in seinem Blog den Historical Thesaurus of the Oxford English Dictionary vor. Die Datenbasis dafür ist der Oxford English Dictionary, aber die Information ist gänzlich anders angeordnet, nämlich eben als Thesaurus.

In einem Thesaurus kann man nach Synonymen suchen. So eine Funktion ist zum Beispiel in meinem LibreOffice intergriert (und auch in Open Office und Microsoft Word). Ich habe da mal das Wort „Haus“ geschrieben und markiert und dann den Thesaurus um Synonyme dazu gebeten. Der hat etwa zwanzig davon gefunden, und bietet sie mir zur Auswahl an, und zwar nach Aspekten sortiert. Meinte ich Haus unter dem Aspekt „Bau“? Dann schlägt er vor: Behausung, Bude, Eigenheim, Heim, Hütte, Bauwerk, Gebäude. Oder meinte ich Haus unter dem Aspekt „Blutsbande“, etwa wie in „Haus Habsburg“? Vorschläge: Familie, Familienbande, Geblüt, Geschlecht, Mischpoke, Sippe, Stamm.

Ein Thesaurus enthält als zentrale Begriffe also solche Apekte wie „Bau“ und „Blutsbande“. Der Historical Thesaurus kennt mehr als 236.000 solcher Kategorien, die sich in Hierarchien befinden. Allein diese Einteilung der (sprachlichen – aber welche gäbe es außer ihr?) Welt in Kategorien ist schon eine spannende Sache. Das macht das Dewey Decimal System für Bibliotheken, das machte 1668 John Wilkins in seinem Essay towards a Real Character and a Philosophical Language, in dem er die Grundlagen einer philosophischen Sprache zu legen versucht, indem er das Wissen um seine Welt klassifiziert, und das macht das moderne Semantische Web.

Den Historical Thesaurus kann man zumindest zur Zeit und zumindest teilweise online befragen. Am einfachsten geht das über „Synonym Search“. Man sucht nach einem Wort, etwa „rosebud“, und kriegt als Ergebnis drei Großkategorien: Animal Kingdom, Society und Plants. Um welches „rosebud“ soll es gehen? Um, probieren wir mal Society aus. Dort werden mir wieder drei Bereiche angeboten, ich wähle mal den Bereich, der technisch so heißt: „03.01.04.04.02. ./ 06.06. . .“ mit der Bedeutung „members of scouts/guides“. das ist die endgültige Unterkategorie mit eben dem Inhalt: „Bezeichnungen für Mitglieder der Pfadfinder.“ Und da finde ich dann, chronologisch geordnet mit dem Jahr des OED-Erstbelegs:

Boy Scout, patrol leader, scoutmaster/scout-master, tenderfoot, captain, (Girl) Guide, lieutenant, sea-scout, Rosebud (1914), Brownie, Sixer, tenderpad, Wolf Cub… na ja, und noch viele Synonyme mehr.

Mäßig spannend, das Ergebnis. David Crystal beschreibt in seinem Blogeintrag, wie er den Thesaurus dazu nutzt, herauszufinden, ob „bottom“ schon zu Shakespeare-Zeit die Bedeutung von „Hintern“ hatte. Also nach „bottom“ suchen, Überkategorie „The Body“ wählen, Unterkategorie „buttocks“, und man sieht alle Synonyme von Alteneglisch bis 1968. (Ergebnis: nein, bei Shakespeare gibt es diese Bedeutung noch nicht.) Jedenfalls alle, die das OED kennt. Ich habe nach Pulp-Fiction-Vokabular gesucht, da war nicht alles drin. Und unter „sexual intercourse“ ist der Erstbeleg für „(to) shtup“ erst 1969? Wird schon stimmen, ich hätte auf älter geschätzt.

Macbeth in den Kammerspielen

Ich gehe nicht gerne ins Theater. Das ist immer abends, und da bin ich müde. Außerdem sind komische Leute um mich herum. Aber das Hauptproblem ist, dass ich mich da oft langweile, selbst bei Stücken, die ich zum Lesen gut finde. Ich wünsche mir beim Theater eine hohe Informationsdichte, so wie ich mir bei Fernsehserien grundsätzlich Split-Screen wünsche (also mehrere Fenster mit unterschiedlichen Szenen, gerne mit Bezug zueinander). Und wenn ich dort am Anfang der letzten Folge eines Vierteilers ein schnell geschnittenes „Was bisher geschah“ sehe, wünsche ich mir einen ganzen Film, der so dicht erzählt ist wie dieser Rückblick.
Und was kriege ich meist im Theater? Eine Gruppe von Menschen, die in sicher ganz wichtigen Konstellationen auf der Bühne stehen und bedeutungsvoll schweigen. Jedes Wort im Satz betonen, und dann wieder bedeutungsvoll gucken. Und schweigen, bedeutungsvoll. Das Haupt schütteln, schweigend. — Mein liebstes Theater nehme ich bitte gleich als Hörspiel, mit viel Text, wenig Pausen dazwischen, und schneller, dichter Vortragsweise. Wo die Leute stehen und wie sie gucken, ist mir dabei egal.

Gestern abend war ich in den Kammerspielen bei Macbeth. Die Kurzfassung: es hat mir vom ersten Moment an ausgezeichnet gefallen. Und ich glaube, das liegt an der Informationsdichte der Inszenierung, obwohl es natürlich auch geholfen hat, dass die fünf Schauspieler sehr gut waren. Diese Informationsdichte wurde nicht durch Handlung und Dialog erreicht, sondern eher durch lyrische Effekte, so wie Lyrik ja auch sehr informationsdicht ist.

Es dauerte eine ganze Weile, bis die erste Worte fielen, die doch sonst das sind, was mich interessiert. Aber meine Aufmerksamkeit hatte auch so genug zu tun. Am Anfang die drei Hexen, als bunte Fairy Godmothers gekleidet, die das Publikum wortlos neckten. Allein da schon Assoziationen zu englischer Pantomime. Die drei mit deutlich unterschiedlichen Charakteren, darunter eine etwas mufflige, von einem Mann gespielt. Da hatte ich sofort Terry Pratchetts Hexen im Kopf. Dann kamen Macbeth und Banquo auf dem Schlachtfeld, von den Hexen live mit Blut getränkt, Schattenspiel im Hintergrund mit der Königskrone. (Überhaupt passierte gerne etwas auf zwei Ebenen, vorne und im Haus hinten. Ein Haus, dessen Inneres so plötzlich in Erscheinung tritt wie das Sterbezimmer von Charles Foster Kane in der Anfangssequenz von Citizen Kane.) Macbeth und Banquo als zwei Schuljungen, mit freundschaftlichem, nicht ganz konkurrenzfreien Abhängigkeitsverhältnis, die ihre innige Verbundenheit, oder zumindest den Wunsch danach, mit einem Lied aus der West Side Story ausdrücken. Dann die Botenrede vom Krieg als Live-Kriegs- und Sport-Berichterstattung mit Mikrofon. Überhaupt wurde das große Mikrofon und sein langes Kabel viel als dramaturgisches Mittel verwendet (und keinesfalls derm Lautstärke wegen): zum Singen, zum Kenntlichmachen der Öffentlichkeit der Rede, für akustische Verfremdungseffekte. Oder es wurde dem Malcolm, König Duncans Sohn, in die Hand gedrückt, damit der etwas sagt – und der kein Wort herausbrachte wie Colin Firth in The King’s Speech.

Und wir sind immer noch erst ganz am Anfang des Stücks. So dicht ging es weiter. Nicht die ganze Zeit, und der 4. Akt hatte Längen, aber das muss so sein. Vierte Akte sind immer langweilig (ist mir bei Cyrano und Twelfth Night zum ersten Mal aufgefallen). Die haben sogar ein eigenes Wort dafür in der Dramentheorie: retardierendes Moment. Das kann also kein Versehen sein, das mit den langweiligen vierten Akten, sondern Absicht. Warum, weiß ich auch nicht. Als Ausnahmen fallen mir spontan ein: A Midsummer Night’s Dream – eigentlich nur vier Akte mit einem angehängten Spiel im Spiel – und The Merchant of Venice – vier Akte mit einer angehängten Gerichtsverhandlung.

Der Text des Stücks (Übersetzung von Thomas Brasch, bearbeitet von der Regisseurin Karin Henkel und Jeroen Versteele) wurde gekürzt. Das ist völlig in Ordnung. Immer wieder wurden Passagen dabei chorartig wiederholt, teilweise auf Deutsch und Englisch, nacheinander oder nebeneinander. Sprache war dabei ein lyrisches Stilmittel (und Shakespeare ist immer für schöne Bilder gut) neben anderen, visuellen Stilmitteln.
Ein Problem habe ich nur mit dem Verwenden eines Soundtracks. Gesang und live gespielte Instrumente (das gab es auch) finde ich legitime dramaturgische Mittel. Text- und Bildeinblendungen ebenso, auch wenn es die in diesem Stück nicht gab. Aber Filmmusik, sozusagen, da fühle ich mich nicht wohl dabei. Es ist ein effektives dramaturgisches Mittel, keine Frage. Aber zu effektiv für mich, glaube ich. Aus eigenen Erfahrungen weiß ich, dass man einen selbst gedrehten Videofilm, gut oder schlecht, durch nichts so aufpeppen kann wie durch eine schöne Filmmusik im Hintergrund. Da ist sofort Spannung da, die Wertigkeit des Film steigt enorm. Text- und Bildeinblendungen haben diesen Effekt nicht. Jedenfalls mag ich Musikeinblendungen in Theateraufführungen nicht, die habe ich lieber unplugged, sozusagen,.

Wie sehen andere Theatergänger diese Inszenierung? Werden die bedeutungsschwangeren Pausen vermisst? Vielleicht wird die Inszenierung als bloße Unterhaltung gesehen. Das Stück wurde verhältnismäßig unkonventionell, aber vor allem unterhaltend inszeniert. Ich habe nicht das geringste Bedürfnis, nach einer darüber hinaus gehenden Interpretation dieser speziellen Inszenierung, ist das in Ordnung?

Ein Wort noch zu den Clowns: In Shakespeare selber ist nur der Türsteher eine komische Figur, wenn ich mich richtig erinnere. Hier waren es auch die zwei bis drei gedungenen Mörder, die Banquo und seinen Sohn Fleance töten sollen. Toll, wie die Schauspieler aus den Rollen zuvor plötzlich in diese komische Einlage wechselten. Fans der englischen Radioserie „I’m Sorry I’ll Read That Again“ (ISIRTA, etwa 1964-1975) kennen etwas Ähnliches aus der Macbeth-Episode, die man etwa hier anhören und da herunterladen kann. (Der Macbeth-Sketch beginnt 15:15 die Mörder-Szene kommt ab 25:30.)

Mit Schülern habe ich Macbeth nie gelesen, war aber mal mit ihnen in einer Inszenierung und habe das Stück dazu kurz vorbereitet. Dazu habe ich die ISIRTA-Nummer vorgespielt, die tatsächlich einen guten Überblick über die Handlung gibt. Die Wortspiele und Anspielungen habe ich dazu herausgeschrieben, also setze ich die keinesfalls vollständige Liste mal hierher:

  • Titus Andronicus: tight (=dicht, betrunken) as Andronicus
  • Scene 1: (I’ve) seen one
  • blasted heath (karge Heide): blasted Heath (verdammter Heath, Prime Minister)
  • infernal Wilson (Prime Minister vor und nach Heath)
  • a foul night: fowl (Geflügel)
  • to lash (peitschen)
  • a terrible night to be abroad (unterwegs): …a broad (eine Frau)
  • I noticed a hollow (cave/hole in ground): …hullo (=hello)
  • double, double, toil and bubble (witches‘ song): melody of „twinkle, twinkle, little star“
  • hail, hail, hail (=Heil): hail (=Hagel)
  • Thane (Scottish title)
  • issue (=Nachkommenschaft) : Ring a Ring o‘ Roses: Kinderspiel/-lied, mit dreimal Niesen (hatch-u, hatch-u, hatch-u), gefolgt von der Zeile „all fall down“ (ein Relikt aus der Pestzeit)
  • throne (Thron): throne (Kloschüssel)
  • is this a dagger which I see before me (famous line)
  • the porter told (zählen/läuten – altertümlich) the bell: to tell (erzählen)
  • Lady Macbeth began wailing (weinen, klagen): …whaling (Walfangen)
  • Thar (=there) she blows: traditioneller Ruf bei Sichtung eines Wals
  • They brought in the corpse: …brought in the cops
  • traditioneller Polizistensatz: „Hello, hello, what’s all this here then?“
  • to crown (krönen): to crown (eins auf den Kopf geben)
  • he tore his hair… and stamped on his rabbit: …his hare (Hase)
  • to wash one’s hands: euphemism for going to the toilet
  • spot, damned spot (famous line)
  • you shall be king till Burnam wood shall come to Dunsinane (famous line)
  • stronghold (Festung): stronghold (Ringergriff)
  • bulwarks („Bollwerk“ – Zinnen oder so etwas…): bollocks (Hoden – aber anderes Register)

Und natürlich ist keine Macbeth-Behandlung vollständig ohne James Thurbers geniales „The Macbeth Murder Mystery“.

Dial L for Listening

Ich bin seit einiger Zeit nicht mehr bei der Telekom, sondern kriege mein Telefon über meinen Internetanbieter. Dort kann ich mir ohne weitere Kosten zusätzliche Telefonnummern anlegen und auch wieder löschen, 10 Stück davon. Diese Nummern kann ich mit digitalen Anrufbeantwortern versehen, über mein Telefon und meinen Router oder über eine Webschnittstelle, wo ich eine Audiodatei hochladen kann (.wav, 8 kHz, also eher low-fidelity).

Ich unterrichte ja kein Englisch mehr, aber wenn es doch mal wieder dazu kommt, werde ich mir zwei oder drei Nummern einrichten mit Ansagetexten verschiedenen Schwierigkeitsgrads, und dann lasse ich in der Schule Schüler die Nummern anrufen und mir den Inhalt der Nachricht mitteilen. Eventuell ist auch gleich ein Arbeitsauftrag dabei. Ganz umkompliziert und spontan einsetzbare Hörverstehensübung.

(Ja, man braucht dazu Telefon im Klassenzimmer oder einsetzbare Handys. Zur Not, aber das würde viel vom Witz wegnehmen, könnte ich auch mein eigenes Handy anbieten; Anrufe wären dann kostenlos – wieviel und ob das sonst etwas kostet, hängt von den Tarifen der Schüler ab. Und klar, ein echter Mensch am anderen Ende – so wie bei dieser Hörverstehens-Schnitzeljagd an der Uni – wäre natürlich noch schöner.)

Optional müssen Schüler auch gleich einen Text als Reaktion auf meine Ansage aufsprechen. Der wird, digitaler Anbieter macht es möglich, automatisch als Audiodatei an eine beliebige E-Mail-Adresse geschickt (und dann vom digitalen AB gelöscht, man will ja nicht zuviel herumliegen haben). So kriege ich bequem die Aufnahmen.

— Was ich mir eh schon eingerichtet habe: eine private Telefonnummer ohne Ansagetext, aber mit Aufnahmemöglichkeit und Weiterleitung der Audiodatei an meine E-Mail. So kann ich mir schnell Audionotizen aufs Handy aufsprechen, die ich dann gleich auf dem Rechner habe, ohne erst ans Handy zu müssen.

Nachtrag: Eine eigene Nummer für den Anrufbeantwortner ist ohnehin keine schlechte Idee. Nicht nur für mich, das sollte jeder haben. Es kommt doch immer wieder vor, dass man Leute gar nicht persönlich sprechen möchte, sondern ihnen nur etwas aus Band sagen will. Wenn da jeder eine eigene Voicemail-Nummer hätte: wie praktisch.

Stapelweise Englischlektüren…

…gibt es an meiner Schule. Für jede einzelne Klasse gibt es einen Stapel von etwa 30 Englischlektüren, die für die Jahrgangsstufe angemessen sind:

(Im Bild ist der Stapel kleiner, da einige Bücher verliehen sind. Dafür sind auch drei von meinen eigenen dabei.)

Diese Bücher kriegt der Englischlehrer einer Klasse und kann damit machen, was er will. Sinnvoll ist es natürlich, sie den Schülern als Lektüre auszuleihen. Einmal pro Woche ist bei mir Tauschtag, da kann jeder sich ein Buch ausleihen oder ein gelesenes zurückgeben.
Das Angebot wird in der Unterstufe gut angenommen, je nach Klasse auch noch bis in die 9. Jahrgangsstufe. Ich verlange allerdings auch von jedem Schüler eine Buchvorstellung pro Jahr, auch schon in der Unterstufe. Das kann eine dieser Schullektüren sein oder ein eigenes, auf Englisch gelesenes Buch. Einige Schüler und Schülerinnen meiner aktuellen 7. Klasse lesen privat nämlich schon deutlich anspruchsvollere englische Bücher.

Zur Logisitik: Jede Lektüre hat eine aufgeklebte Nummer. Zum Halbjahr wird der Klassensatz mit einer Parallelklasse getauscht, damit eine neue Auswahl da ist. Am Ende des Jahres muss für verloren gegangene Bücher gezahlt werden. Und jemand in der Englisch-Fachschaft muss sich darum kümmern, dass ausreichend Bücher da sind, dass alte aussortiert und neue angeschafft werden; Schüler und Kollegen muss man zu kleineren Schönheitsreparaturen am Buch anregen. Und irgendwann muss man halt einen Haufen solcher Lektüren anschaffen. Andererseits hat ohnehin jeder Englischlehrer einen kleinen Stapel solche Bücher zu Hause, mit dem man selten etwas anfängt.

Aktueller Gedanke… könnte man das nicht auf mit Deutsch-Lektüren so machen? Ich denke speziell an Mittel- und Oberstufe. Eher einzelne Aufsätze als ganze Bücher?

Bildungsstandards und GER: Die Faustregel

Die Ergebnisse für VERA 8 liegen vor, zumindest aus Berlin. Soundsoviel Prozent der Schüler erfüllen die Bildungsstandards. Bildungsstandards, die hat die Kultusministerkonferenz (KMK) Ende 2003 für den mittleren Schulabschluss eingeführt. Für Englisch hat man sich dabei am Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen (Common European Framework of Reference for Languages) orientiert. Der teilt die Fremdsprachfähigkeit in 6 Stufen ein:

  • A1 und A2 (Elementare Sprachverwendung)
  • B1 und B2 (Selbstständige Sprachverwendung)
  • C1 und C2 (Kompetente Sprachverwendung)

Was man auf welcher Stufe können kann, steht schön beim Goethe-Institut, hier ein Ausschnitt:

B2: Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne grössere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben.

B1: Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.

A2: Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht. Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.

A1: Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen. Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten Fragen zu ihrer Person stellen – z. B. wo sie wohnen, was für Leute sie kennen oder was für Dinge sie haben – und kann auf Fragen dieser Art Antwort geben. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen.

Auch im bayerischen Lehrplan stehen diese Stufen, und zwar so:

  • 5. Klasse: A1
  • 6. Klasse: A1+
  • 7. Klasse: A2
  • 8. Klasse: A2+
  • 9. Klasse: B1
  • 10. Klasse: B1+
  • 12. Klasse: B2+ (C1 im Lesen)

Diese Plus-Stufen sind im GER eigentlich nicht vorgesehen, aber man muss ja den Fortschritt von Jahr zu Jahr dokumentieren.
Da ich mir nie merken kann, wann was kommt, zähle ich immer an den Fingerknöcheln ab:

(Für B2+ am Ende der 12. Klasse hatte ich leider keine Finger mehr übrig.)

— Die Ergebnisse von VERA 8 sind leider nie groß veröffentlicht worden. Da wurde in der 8. Klasse getestet, und da hatten an meiner Schule fast alle Schüler B1 oder besser, teilweise viel besser, und ich denke, das wird in ganz Bayern so gewesen sein. Dabei müssten die Schüler doch erst am Ende der 9. Klasse so weit sein? Sollen sich die bayerischen Schüler darüber freuen oder nicht?

Nun, wer am Ende der 9. Klasse Jahres eine 4 im Zeugnis hat, dem wird bestätigt, auf der Stufe B1 zu sein – und sei es auch nur ein gerade noch erreichtes Ausreichend. Da ist schon denkbar, dass die meisten Schüler in der 8. bereits so weit sind.
Das heißt aber auch, dass diese Werte Minimalwerte sind, also ein B1 in der 9. Jahrgangsstufe. Wenn man diese Stufe erreicht, dann ist das ausreichend; wer eine Stufe drüber ist, dann ist das schon befriedigend, zwei Stufen darüber – also zum Beispiel B1+ bereits in der 8. Klasse – sind gut. (Mein Vorschlag, nicht Lehrmeinung.) Oder wie soll man das sehen? Das heißt dann aber, dass man den Schülern auch Prüfungsaufgaben von schwierigerem Niveau vorsetzen muss.

Die Alternative wäre, in der 8. Klasse nur auf A2+ zu prüfen, und wer das erfüllt, kriegt Note 1-4, wer nicht, der 5-6. Halte ich für wenig sinnvoll. Die Lehrmeinung dazu kenne ich nicht. Interessieren würde mich sehr, wie gut die Schüler in den einzelnen Jahrgangsstufen wirklich sind. Ich sag mal: extrem unterschiedlich. Außerdem in den unteren Jahrgangsstufen im Schnitt deutlich darüber, in der Oberstufe kann ich’s beim G8 nicht sagen – vermutlich schon so B2. C1 im Lesen? Sicher ein paar, aber eher wenige.