Facebook und Schule und Datenschutz und Urheberrecht und pädagogisches Handeln

Seit das Kultusministerium Urheberrecht und Datenschutz zu entdecken beginnt, passiert Einiges.

Zum Beispiel gibt es einen zentralen Materialpool für schulinterne Jahrgangsstufenarbeiten im Fach Deutsch. Das ist praktisch: Solche Arbeiten sind aufwändig zu erstellen, und wenn man dann einen Nachschreiber hat, kann man eine geeignete Arbeit aus dem Pool nehmen und anpassen. Natürlich muss es auch genug eigene Arbeiten geben, die man in den Pool stellt; deshalb haben auch nur die Fachbetreuer Zugang dazu. Laut dem aktuellen Kontaktbrief Deutsch kann man diese Praxis so nicht fortsetzen: Aufgaben und Lösungen könne man gerne weiter per Mail einreichen, die Texte dazu aber nicht, sondern per Post. In einem Brief. „Da ein Digitalisieren der verwendeten Texte und ein Verschicken per E-Mail hingegen nicht möglich ist.“
Per Post? Ich wüsste auch nicht, warum das Digitalisieren und Versenden ein Problem sein sollte – das Veröffentlichen in digitaler oder anderer Form ist es allenfalls.

USB-Sticks: Bald wird man wohl offiziell zu hören kriegen, dass in Bayern die USB-Sticks der Lehrer verschlüsselt werden müssen, empfohlen wird TrueCrypt. Das verwende ich auch, zu Hause. Macht eigentlich schon Sinn, wenn man Schülerdaten auf dem Stick hat. Das habe ich selten, und den Stick eh am Schlüsselbund. Ich sehe allerdings keine Zukunft, in der meine Kollegen TrueCrypt verwenden werden, auch nicht nach der erfolgten Einweisung etwa zu Anfang des nächsten Schuljahrs.
Außerdem transportiert man die Daten doch eh via unverschlüsselter Mail oder Dropbox.

Facebook und Schule: Anscheinend werden die neu ernannten Datenschutzbeauftragten der Gymnasien bald mitteilen, dass schulische Facebook-Verwendung dienstlich verboten ist. Ich selber habe die Belehrung noch nicht gehört, kommt aber wohl noch, und bin schon gespannt auf die Details. (Hier habe ich schon mal über Facebook und Schule nachgedacht.) Keine SMV- oder AG- oder Chor-Gruppen mehr, keine Gruppe bei Schüleraustausch – das heißt, für Eltern und Schüler der beteiligten Schulen natürlich schon, nur Lehrer müssen draußen bleiben. Die Begründung sei wohl, dass die Daten im Ausland lägen, und das ginge dann nicht. Hm. Ich verwende Facebook nicht für die Schule, aber aus anderen Gründen.
Solche Entscheidungen werden getroffen von übervorsichtigen Anwälten (immerhin, dafür werden sie bezahlt) und von Leuten, die Facebook genauso wenig nutzen wie andere Kommunikationsmittel, und sich gar nicht vorstellen können, dass das sinnvoll sein kann.
Gilt das auch für Google+, oder ist das eine Lex Facebook? Stattdessen wird das bayerneigene Moodle empfohlen. Wie gesagt, bin schon gespannt auf Details – bis jetzt habe ich das alles nur aus zweiter Hand gehört.

Klar muss man sich allerdings tatsächlich darüber sein: wenn man irgendwelche Daten irgendwo auf einem fremden Server speichert, werden die dort durchsucht. (Clouddaten bei Microsoft etwa.)

Urheberrecht und Gesellschaft

In den letzten Wochen liest man immer mehr über Urheberrecht und Piraten, offene Briefe von Tatort-Drehbuchautoren und Mein-Kopf-gehört-mir-Kampagnen. Nicht alle vorgebrachten Behauptungen stimmen. Das Handelsblatt rechtfertigt sich in einer Videobotschaft, über die man sich lustig machen kann.

Das sind wohl alles Reaktionen auf den Wahlerfolg der Piraten und den Widerstand gegen ACTA, die verstanden werden als Angriff auf das Urheberrecht. Beides ist so viel mehr als das, auch wenn tatsächliche viele Menschen unzufrieden mit dem Urheberrecht sind – zufrieden sind nicht mal die Verlage, denen das Urheberrecht noch nicht weit genug geht und die deshalb ein Leistungsschutzrecht für sich reklamieren.

(Fußnote: Die öffentlich-rechtlichen Sender verhandeln mit den Verlagen, damit die Sender ja nicht zu viel öffentlich-rechtliches Material ins Internet stellen. Depublizieren ist der Fachausdruck dafür, wenn nach sieben Tagen Material nicht mehr zugänglich sein darf. Das ZDF will online auch weitgehend auf Texte verzichten, weil sie ja Fernsehen machen und nicht irgendwas mit Wörtern. Mit dem Druck durch die Verlage habe das aber nichts zu tun.)

Ein Katalog von Fragen und Behauptungen zum Thema:

1. Ich möchte für manches nicht zahlen.

Wenn ich in meinem Blog ein Buch bespreche, will ich das Titelbild dazu einscannen und in die Besprechung einbauen – ohne vom guten Willen der Verwertungsrechteinhaber abhängig zu sein. Es tut der Gesellschaft gut, wenn ich öffentlich über Bücher schreibe. (Und mit „ich“ meine ich natürlich: Leute.) Deshalb sollte der Staat das unterstützen und nicht behindern.
Darf ich das mit den Titelbildern im Moment? Ich weiß es nicht mal sicher, aber vermutlich nicht. Darf ich das nur als Journalist oder Wissenschaftler? Bin ich dann als Blogger Journalist mit allen Rechten und Pflichten? Muss ich beim Zitieren wissenschaftliche Kriterien anwenden? Darf ich veröffentlichte Filmausschnitte oder Musikclips zitieren? Klare Antwort: nein. Wäre es gut für die Gesellschaft, wenn ich das dürfte? In welchem Rahmen?

2. Ich kann für manches nicht zahlen.

Nicht weil ich kein Geld habe. Die GEMA ist nämlich gar nicht teuer, aber der Papierkram zu aufwendig. Es gibt noch keine brauchbaren Geschäftsmodelle. Ich möchte auf das Angebot einer Zeitung verlinken können, ein paar Euro einwerfen, und dafür ist der Text hinter dem Link für zwei Wochen freigeschaltet (für meine Leser und alle anderen). Bei Musikschnipseln für Podcasts ist das schwieriger – ich möchte nicht zur Depublikation nach einem bestimmten Zeitraum gezwungen werden. Auch das tut der Gesellschaft gut – und zwar mehr, als dass es der Gesellschaft schadet, indem es den Spielraum der Verwertungsrechteinhaber beschneidet.

3. Es gibt eine Kostenloskultur im Internet und anderswo

Das mit der Kostenloskultur ist ein beliebtes Schlagwort, und das Handelsblatt weist darauf hin, das weder frische Luft noch schöner Ausblick und eigentlich nichts auf der Welt kostenlos ist. „Was nichts kostet, ist auch nichts wert“ hört man ebenfalls oft. Das ist Unfug. Mein Blog kostet nichts und ist ein bisschen was wert. (Schließlich würden mir Leute Geld dafür zahlen, hier Werbung zu schalten.) Aber vor allem gibt es viele Open-Source-Produkte – ich nutze Linux, Thunderbird, Firefox und viele weitere. Auch im realen Leben gibt es Freiwillige, die sich engagieren, ohne dafür bezahlt zu werden.
Das Schlagwort von der Kostenloskultur gilt eher für Wohnungseinweihungs- und Geburtstagsfeiern, wo jugendliche oder ältere Gäste ein paar Gigabyte mp3-Aufnahmen mitbringen und auf die Festplatte des Gastgebers kopieren. Ich glaube nicht, dass dadurch der Musikindustrie Verluste entstehen, auch wenn ich aus anderen Gründen dagegen bin. Mein Wunsch, diese Leute strafzuverfolgen, hält sich allerdings in Grenzen.

4. Softwarepiraterie ist keine Piraterie, Raubkopie ist kein Raub, Diebstahl von geistigem Eigentum gibt es nicht.

Nur um mal ein paar Begriffe zu klären.

— Zu diskutieren:

Eine Gesellschaft braucht hauptberufliche Urheber. (Journalisten, Maler, Drehbuchautoren, Romanschreiber, Bildhauer.)
Ohne Fernsehsender können Drehbuchautoren, ohne Verlage keine Romanautoren, ohne Zeitungen keine Journalisten leben.
Korollar: Nur wenn es dem Verlag gut geht, geht es auch dem Autor gut.
Ein Urheber muss Rechte an den Verwerter abtreten. Tritt er zur Zeit zu viele, zu wenige oder genau richtig ab?
Die Marktwirtschaft regelt das nicht allein, es gibt Gesetze. Das Urheberrecht kann man gar nicht abtreten; für bestimmte Leistungen muss man gesetzlich angemessen entlohnt werden, auch eventuell im Nachhinein.
Was hat der Urheber von der aktuellen Rechteabgabe?
Was hat der Verleger von der aktuellen Rechteabgabe?
Was hat die Gesellschaft von der aktuellen Rechteabgabe?
Wenn ich verlange, dass Urheber mehr Geld erhalten (bei gleichbleibender weitgehend vollständiger Rechteabgabe, oder eben gleich viel Geld für weniger umfassende Rechteabgabe, so dass sie mit den verbliebenen Rechten selber Geld machen können), sollten sich die Urheber doch eigentlich freuen. Die Verwerter sagen, dass sie mehr Geld nicht zahlen können, pleite gehen, und die Urheber dann gar nichts mehr bekommen.

Kürzer schreibt das Johnny Haeusler.

Gesellschaftliche Akzeptanz

Gesetze allein können das nicht regeln. Die Gesellschaft muss ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass freie Inhalte etwas wert sind, und dass es sich lohnt, unfreie Inhalte zugänglich und verwendbar zu machen. Die Gesetzgebung zwingt niemanden dazu, ökologisch saubere Produkte zu kaufen oder Fleisch aus artgerechter Tierhaltung. Es zwingt auch niemanden dazu, solche Produkte anzubieten. Aber es entwickelt sich ein Bewusstsein, dass das eine gute Sache ist. Ähnlich muss es auch mit freiem Material gehen. Es muss sich ein Bewusstsein entwickeln, dass das sehr wohl etwas wert ist, und DRM-blockierte Dateien und proprietäre Formate müssen verpönt sein und nicht verboten.

Bunte Blüten

Jan-Martin Klinge im Halbtagsblog schildert anschaulich, welche Folgen es hätte, wenn man folgende Dienstanweisung des Thüringischen Kultusministeriums ernst nehmen würde:

Die Schulleiterin/der Schulleiter überprüft in regelmäßigen Abständen die Einhaltung der Bestimmungen des Gesamtvertrages an der Schule. Dazu ist von jeder Lehrkraft eine Übersicht zu führen, in der fortlaufend eingetragen wird, was, wann, aus welcher Quelle in welcher Anzahl kopiert wurde. Diese Übersichten sind von der Schulleitung regelmäßig zu prüfen.

Schulschnüffelschoftware

Angefangen hat das gestern bei netzpolitik.org: Alle Bundesländer haben mit Schulbuchverlagen und Verwertungsgesellschaften vertraglich beschlossen, dass stichprobenartig an Schulen Schnüffelsoftware installiert wird, die die Schulrechner nach urheberrechtsbrechendem Material durchsuchen und Fundsachen nach Hause funken. Das ist aus Datenschutz- und technischen Gründen dämlich, siehe Link.

Das ist kein Trojaner, darauf weist heise online hin, da das Programm ja mit Wissen und Hilfe des Kultusministeriums installiert wird. Das ist eher Arbeitsplatzüberwachung wie mit Videokameras an der Supermarktkasse. Trotzdem etabliert sich das Wort Schultrojaner dafür, auch wenn das verwässert den halbverstandenen Begriff des Trojaners verwässert.

Erlaubt ist das vermutlich aus mehreren Gründen nicht. Eine notwendige Voraussetzung dafür ist, dass Lehrer und Schüler die Schulrechner nicht privat nutzen. Weltfremd. Wenn meine Schüler sich Dateien nach Hause schicken, geht das über Facebook. Tatsächlich erklären wir unseren Schüler jetzt schon, dass sie die Schulrechner nicht privat nutzen dürfen; nur deshalb dürfen wir als Lehrer oder Systembetreuer ja auch Zugang zu deren Dateien haben und ihr Internetverhalten protokollieren. Aber dann müsste man das wohl endgültig durchsetzen – oder noch weiter mit frommen Lügen leben, zu denen uns Datenschutz und Urheberrecht zwingen. Wir lernen heucheln.

Netzpolitik legt mit weiteren Informationen und verfolgenswerten Links nach.

Die Verlage selber sehen verständlicherweise gar kein Problem: Stellungnahme des VdS Bildungsmedien zur Meldung auf netzpolitik.org: „Der Schultrojaner – Eine neue Innovation der Verlage“.

Und sie haben nicht völlig unrecht damit: Ich glaube selber, dass auf Schulrechnern – hundert Leute nutzen eine gemneinsame Festplatte zum Speichern von Material – viel liegt, das dort nicht liegen darf, darunter jahrealtes Zeug, von dem keiner mehr weiß, was es ist und wer es dorthin getan hat.

Bei den Lehrerbloggern hat das viele Reaktionen hervorgerufen. Lesenswert ein offener Brief von Herrn Larbig und vor allem Martin Kurz im Widerspiegel.

Mein Senf:

Was geschehen ist: die Exekutive hat wieder mal etwas unterschrieben, von dem sie keine Ahnung hat. Was mit Internetdings und so.

Was geschehen wird: die KMK wird zurückrudern, war alles nicht so gemeint, und am Schluss kommt irgendetwas heraus, das dafür sorgt, dass keiner sein Gesicht verlieren wird und jeder weiterwurschteln darf. Eventuell ein paar Extrakröten an die Verwertungsgesellschaften, so wie damals, als die – völlig zurecht – Kindergärten fürs Liedersingen abkassiert haben. So ist zwar das Recht, aber das soll niemandem so richtig bewusst werden.

Was geschehen müsste: Endlich eine Änderung des Urheberrechts, zefix! Oder zumindest eine Einsicht, dass die nötig ist. Das Urheberrecht ist so einschränkend, dass es die Entwicklung kultureller Güter und die aktive Teilnahme daran hemmt. (Gegenargument: dann müssen alle Künstler verhungern und wir haben gar keine Kultur mehr. Kann man diskutieren. Und das muss endlich mal diskutiert statt diktiert werden.) Außerdem ist es so undurchsichtig, dass Bürger nicht durchblicken und Politiker nicht und nicht der Börsenverein des deutschen Buchhandels.

Was außerdem geschehen müsste: Das, was Martin Kurz oben unter dem Link geschrieben hat. Freies, selbst erstelltes Bildungsmaterial. So wie bei OER Commons. (Die habe ich per RSS abonniert und kriege immer Bescheid, wenn neues Material dort steht. Ist halt alles auf Englisch und trifft häufig auch nicht meine Fächer.) Oder auch gemeinsam erstellte offene Schulbücher. Ich glaube, was man dazu bräuchte, wäre ein gemeinsames Format für Unterrichtsmaterialien, wohl als XML-Format. Dann kann man das Material zentral anbieten oder vereinzelt, dann gäbe es ein Youtube für Unterrichtsmaterial. Für meine Fächer ist das jedenfalls gut möglich.

Verlängerung des Leistungsschutzrechts für Musikaufnahmen

Texter und Komponisten genießen das Urheberrecht an ihren Werken. (Genießen wird meistens der Rechteinhaber, also der, dem sie die Verwertungsrechte verkauft haben.) Das regelt die GEMA. Darüber hinaus sind Musikaufnahmen geschützt, also konkrete Einspielungen eines Werk auf einer Platte. Das regelt nicht die GEMA, soweit ich weiß. Diese Musikaufnahmen sind zur Zeit 50 Jahre lang ab Erscheinen geschützt. Das reicht eigentlich auch. Die diesbezügliche Rechteinhaberindustrie will aber mindestens 70 Jahre haben, weil jetzt langsam die großen Hits eintrudeln.

2009 stimmte das Europaparlament der Verlängerung zu, kam aber wegen einer fehlenden Mehrheit im Ministerrat nicht durch. Das soll jetzt nachgeholt werden.

Netzpolitik dazu, dann iRights.info dazu.

Dort gibt’s auch eine Broschüre, die die angeblichen Vorteile der Regelung widerlegt. Es eilt ein bisschen, das ganze. Danach will’s wieder keiner gewesen sein.

Alles Gute zur Freiheit 2011: Ab heute gemeinfrei!

Das sollte man feiern, viel eher als Jubiläen, die irgendetwas mit dem 100. oder 50. Todestag zu tun haben: wie jedes Jahr gibt es weitere Autoren, deren Werke jetzt der Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Ich habe nur die aufgenommen, die mir etwas sagen:

  • Selma Lagerlöf
  • Walter Hasenclever
  • Walter Benjamin
  • F. Scott Fitzgerald
  • Nathanael West
  • John Buchan
  • Edward Frederic Benson
  • Hans Zinsser

(Eventuelle Übersetzungen sind natürlich wieder eigenständige und geschützte Werke.)

Todestage 1940 Wikipedia deutsch
Todestage 1940 Wikipedia englisch

Änderungen an der GSO (Bayern)

Zum Beginn des aktuellen Schuljahrs – 1. August 2010 – sind einige kleine Änderungen der GSO in Kraft getreten. Viele betreffen das Abitur, vorab angewendet wurde bereit die Erweiterung des möglichen Vorrückens auf Probe (bei welchen Noten auch immer) auf die Jahrgangsstufe 9. Echt neu sind ein paar Wörter in §37:

Bei Erkrankung von mehr als drei Unterrichtstagen oder bei Erkrankung am Tag eines angekündigten Leistungsnachweises kann die Schule die Vorlage eines ärztlichen Zeugnisses verlangen.

Kann, nicht muss. Bisher haben manche Schulen bereits so ein Attest verlangt, wenn ein Schüler an einem Tag mit einer Schulaufgabe (angekündigte größere Prüfung) nicht da war, aber das stand rechtlich vielleicht auf eher lockerem Boden. Ab jetzt ist das jedenfalls möglich.

— An die Bekanntmachungen angefügt war auch der Text des Gesamtvertrags zur Vergütung von Ansprüchen nach §52a UrhG. Der Vertrag ist zwischen den Ländern und acht Verwertungsgesellschaften abgeschlossen, darunter die GEMA und WG Wort; geregelt wird darin das „öffentliche Zugänglichmachen von Werken oder Werkteilen für Zwecke des Unterrichts an den Schulen.“ Grundlage für den Vertrag ist §52a UrhG, der in Absatz 4 eine angemessene Vergütung für die Verwendung geschützten Materials in der Schule vorsieht.

Kleine Teile eines Werks (maximal 12% bzw. höchstens 5 Minuten), 25% eines Druckwerks (maximal 100 Seiten) und ganze Werke geringen Umfangs können einem abgegrenzten Kreis von Unterrichtsteilnehmern zugänglich gemacht werden. Aber nur, und das verstehe ich nicht ganz, „wenn das Werk nicht in zumutbarer Weise vom ausschließlichen Rechteinhaber in digitaler Form für die Nutzung im Netz der Schulen angeboten wird.“ Wo kommt plötzlich die digitale Form her? Heißt das, wenn es eine zumutbare Grass-CD gibt, dass ich keinen Grass-Text kopieren darf?

Für diese Rechte (bis 31. Juli 2013) zahlen die Länder €1.760.000.- an die Verwertungsgesellschaften (bzw. die federführende VG Wort, die das dann wohl weiter verteilt). Außerdem wird es wieder repräsentative Erhebungen geben an Schulen, darunter zusätzliche an solchen, die geschütztes Material „in Intranets“ stellen. „Dabei sollen während des gesamten Schuljahres Angaben über die eingestellten Inhalte erhoben werden; die genauen Modalitäten werden rechtzeitig gemeinsam festgelegt.“ Nu ja.

Ich und das Internet

Jens Scholz blickt auf 10 Jahre Blog zurück, und das macht mich auch ganz erinnerlich.

Dieses Blog gibt es seit 2004, ein erstes Blog hatte ich im Herbst 2003. Den ersten Gästebucheintrag (also fast schon Web 2.0) hatte meine erste Webseite 1998, die Webseite gibt es seit 1996. Im Internet bin ich seit 1994 oder 1995. Das weiß ich noch, weil ich kurz nach meiner technischen Einführung an der Uni – ein Hinterzimmer mit einer kleinen Gruppe von Interessierten, ganz unspektakulär – mein erstes Buch über das Internet kaufte, Der Internet Navigator von Paul Gilster (deutsche Ausgabe 1994).

In diesem Buch ging es um Telnet und Mail und FTP, das Usenet und das Bitnet, Gopher, Archie und Veronica (Very Easy Rodent-Oriented Netwide Index to Computerized Archives). Wie man sich RFCs schicken lassen konnte und FYIs. Ein kleines Zusatzkapitelchen widmete sich der neuesten Errungenschaft, dem WWW. Die WWW-Beispiele sind alle noch von reinen Textterminals, ohne Bilder, ohne markierte Links, die stattdessen nur Ziffern in eckigen Klammern gekennzeichnet waren. Und wie man sich, wenn man nur über einen Mail-Zugang verfügte, WWW-Seiten schicken lassen konnte, so dass man die nummerierten Links dann wiederum per Mail anfordern konnte. Mir ham ja nix ghabt. Na gut, an der Uni war auch schon der erste graphische Browser überhaupt installiert, Mosaic, so etwas gab es erst ab Herbst 1993.

An Computern hatte ich (oder mein Vater) zuvor einen 386er, einen Atari ST, einen Commodore 64. Davor ein CBM 8032 und sogar einen Commodore PET. Kein VC-20, aber eine Intellivison-Konsole und eine echte Rarität: die Magnavox Odyssey von 1972. (Einen Akustikkoppler gab’s auch im Haus, aber mit dem hatte ich nie zu tun.)


Aber ursprünglich wollte ich zu einem anderen Thema etwas schreiben, nämlich dazu, was an Veränderungen im Web kommen wird. Vorab: ich habe keine Ahnung. Aber einige Dinge werden viel diskutiert, von denen man gehört haben sollte. Deshalb auch für mich als Erinnerung eine Zusammenstellung.

Da ist die Frage der Netzneutralität. Darf ein Internetprovider manche Daten, die über seine Wege transportiert werden, bevorzugen? Manchmal muss er das, aber das ist eine andere Frage, hier schön erklärt. Manchmal muss er nicht: ein erfundenes Beispiel wäre, dass ein Provider alle Daten, die von Facebook kommen oder zu Facebook gehen, bevorzugt transportiert, also schneller. Dafür würde Facebook dem Provider natürlich Geld zahlen. Der Provider gibt diese Kosten an den Kunden weiter. Positiv gesehen: der Kunde bestellt quasi beim Provider das Paket „200% Youtube, 100% Facebook, 50% alles andere“, zum vorgegebenen Preis. Negativ gesehen: neue Dienste, die naturgemäß nicht in diesen Paketen enthalten sind, haben es schwerer, genutzt und damit bekannt zu werden (weil die Verbindung so langsam ist). Generell haben es kleine Dienste in diesem System schwerer. Könnte da plötzlich so etwas wie Twitter aus dem Nichts kommen und das Web umkrempeln? Innovation braucht Netzneutralität. Die Frage: sollen Provider so etwas anbieten dürfen?

Das andere Problem ist das mit dem Löschen und dem Sperren und dem Jugendschutz. Das Bundeskriminalamt will Websperren für Kinderpornographie, damit man die von Deutschland aus nicht ansehen kann. (Probleme: Wirksamkeit und Datensammlung. Aber okay.) Gegen den Vorwurf der Zensur wehrt sich der BKA-Präsident:

Etwas vom Gesetzgeber Verbotenes dem öffentlichen Zugriff zu entziehen, kann keine Zensur sein.

Das Lawblog schließt daraus, zu Recht, dass es mittelfristig eben keinesfalls nur um Kinderpornographie geht, die quasi nur der Türöffner ist, sondern grundsätzlich um „vom Gesetzgeber Verbotenes“ gehen wird. Udo Vetter nennt
Online-Wettanbieter und Tauschbörsen. Heise vermeldet: „EU-Kommission debattiert über Filter gegen Copyright-Verstöße.“

Und vom Gesetzgeber ist Vieles verboten. Die Regeln für Kinderpornographie sind in jedem Staat verschieden, wenn die sich auch im Kernbereich natürlich einig sind. Aber schon bei gezeichneter Darstellungen von Nacktheit gibt es unterschiedliche Ansichten. Auch die Regel für das Copyright sind in jedem Staat verschieden, was in den USA als fair use gilt, oder was nicht mehr urheberrechtlich geschützt ist (fast alle Texte, die vor 1923 dort veröffentlicht wurden), kann in England oder Deutschland noch geschützt sein (weil der Urheber noch keine 70 Jahre tot ist). Auch die Meinungsfreiheit kennt in jedem Staat unterschiedliche Grenzen., Die jeder Staat – China, Iran, USA, Deutschland – für die sinnvollsten hält. Nationalsozialistische Propaganda ist in den USA erlaubt, hier verboten. Es ist nur konsequent, alles, was in Deutschland verboten ist, zu sperren.

In Deutschland gehen wir gerade auf ein Leistungsschutzrecht für Verlage zu: die möchten (unabhängig vom geltenden Urheberrecht und dem Zitatrecht) eine Pauschale vom Staat, weil ihre Texte im Web – etwa von Google – erfasst und verwendet werden. Eine Alternative wäre natürlich, die Texte einfach nicht ins Web zu stellen oder Google auszuschließen, aber man will ja daran verdienen. Ein weites Feld, hier könnte man anfangen zu lesen.
Gerade gibt es eine Klagewelle in den USA wegen Übernahme von Pressetexten, ganz oder teilweise, in Blogs. Wer ein Gerichtsverfahren scheut, geht auf einen Vergleich ein oder, bei uns, nimmt die Abmahnung hin, ob gerechtfertigt oder nicht. Gegen Plagiate habe ich auch etwas, für die Möglichkeit einer Diskussion im Web braucht es aber auch ein Zitatrecht (gerne noch weiter gehend als in Deutschland).

Am gewichtigsten ist vielleicht die laufende Novellierung des Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV). Der Gedanke: man muss – auch im Web – die Jugend vor Inhalten schützen, die ihre Enwicklung schädigen können oder die die Menschenwürde verletzen oder sonstige geschützte Rechtsgüter verletzen. (Siehe Urheberrecht und Grenzen der Meinungsfreiheit.) Lesenswerte Kritik daran beim AK Zensur, der „irreversible Schäden an einem sich entwickelnden kulturellen und sozialen Raum“ befürchtet, dem öffentlichen Web. Ausländische Seiten bleiben vom JMStV unberücksichtigt, werden also – diese Konsequenz sehe ich jedenfalls – früher oder später gesperrt werden müssen, wenn keine internationale Altersfreigaberegelung kommt. Inländische Seiten, wie mein Blog, müssen durchgesehen werden, ob davon nicht eine „Erziehungsbeeinträchtigung“ für sechsjährige Kinder ausgeht, oder ein Link auf eine solche. Wenn ja, muss man Maßnahmen. Vermutlich würde ich das ganze Blog sicherheitshalber mit der Altersbezeichnung „ab 18“ markieren, aber ich weiß nicht mal, ob das reicht. Selbst wenn das noch so wäre: richtig geschützt wäre die Jugend dadurch ja nicht.
Ehrlich gesagt, es gibt viel richtig widerliches Zeug im Web – mehr als ich weiß, da ich nur selten auf Links stoße und denen nach ersten Versuchen auch nicht mehr nachgehe. Aber Wikipedia allein verlinkt unter manchen Artikeln (zum Thema „unappetitliches Zeug“) viele, viele Seiten, die bei Kindern sicher Übelkeit und Alpträume auslösen. Als ausländische Seite bleibt sie vom JMStV unbetroffen, aber darf ich noch darauf verlinken, wenn ich meine Seite für Minderjährige öffne?

Ob der Netzpferdchen-Ausweis die Lösung ist? Internetführerschein für unsere Kleinen, nur damit darf man ins Web.

Alles Gute zur Freiheit 2010: Ab heute gemeinfrei!

Seit heute sind die Werke folgender Autoren in der Regel und nach meinem Wissen gemeinfrei, da die Autoren seit mehr als 70 Jahren tot sind. Wir gratulieren zur Freiheit.

  • Ford Madox Ford
  • Sigmund Freud (viele Aufsätze für den Deutschunterricht!)
  • Zane Grey (sehr fleißiger Western-Schriftsteller, in manchen Kreisen sehr berühmt, gelesen habe ich sein wohl bekanntestes Buch, Riders of the Purple Sage)
  • Arthur Rackham, Illustrator (Wikipedia) – aber Vorsicht, wenn das illustrierte Werk nicht gemeinfrei ist
  • Joseph Roth (Hiob, Radetzkymarsch, vieles andere)
  • Ernst Toller (zum Beispiel das expressionistische Drama Masse Mensch)
  • William Butler Yeats

(Es gibt sicher noch mehr, hier eine Liste bei Wikipedia deutsch beziehungsweise englisch.)

Studieren in Fernost und andere Fundstücke

Jan Rechlitz unterstützt im Rahmen seiner Diplomarbeit die „Hochschulinitiative Neue Bundesländer“: Westdeutsche Schülern sollen die Universitäten in den neuen Bundesländern kennenlernen und vielleicht auch mal auf die Idee kommen, dort zu studieren. (In der Diplomarbeit wird er untersuchen, inwieweit es möglich ist und auch Sinn macht, zielgruppenrelevante Blogs in die Kampagne einzubinden. Ich bin vermutlich nicht mal zielgruppenrelevant.)

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(auch bei sevenload.com)

Es gibt auch ein Blog zur Kampagne. Es kann auf jeden Fall nie schaden, den jungen Leuten zu sagen, dass sie nicht in ihrer Heimatstadt studieren müssen. (Auch wenn ich das selber so gemacht habe.)


Bei netzpolitik.org gefunden Dem Bundestag erklärt: Twitter. Der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages unterstützt „die Abgeordneten bei ihrer politischen Arbeit in Parlament und Wahlkreis durch Fachinformationen, Analysen und gutachterliche Stellungnahmen.“ Zwei Seiten über Twitter zur Information von Abgeordneten oder Gymnasiasten.
Die Analysen und Gutachten der Wissenschaftlichen Dienste gibt es gesammelt hier, auch als Feed zu abonnieren. Habe ich gleich mal gemacht.


Ebenfalls bei netzpolitik.org: Wissensallmende Report 2009: „Wem gehört das Wissen dieser Welt?“ 52 hochauflösende Seiten pdf zum Thema offene Wissensgesellschaft. Auch als Material für Schüler, obwohl es da natürlich noch viel mehr gibt. Urheberrecht ist ein gutes Thema für Deutschaufsätze, besser als Pro-Kontra-Atomkraftwerke und dergleichen.

Nachtrag: Zum Thema Open Access auch das Bremer Sprachblog.


Bürgerdialog des Bundesfinanzministeriums: „Unsere Antworten auf ihre Fragen.“ Man schickt eine Frage los, und „innerhalb von wenigen Tagen [wird sie] durch die Experten im Bürgerreferat verständlich und zuverlässig per E-Mail beantwortet.“

Holy Mackerel

Peter David ist einer der wenigen Comic-Autoren, deren Namen ich kenne. Er schreibt außerdem Drehbücher und Romane, ich habe gelegentlich auf ihn hingewiesen. Er ist der einzige, dessen Hefte ich fast immer an Erzähltechnik und Figurenrede erkenne; er ist der beste Autor, wenn es darum geht, den Figuren der großen zwei (Marvel und DC) neue Aspekte abzugewinnen. Trotzdem, und keine Sorge, außerhalb der Unterhaltungsbranche und speziell des Comic-Teils davon muss man seinen Namen nicht kennen.

Peter David führt schon seit sehr langer Zeit ein Blog, das ich seit sechs oder sieben Jahren lese. Er schreibt über Comics, Fernsehserien, Sport, Politik, Gesellschaft. Israel, Zensur, Schwulenehe. Ich hole mir da immer meine tägliche Dosis Landeskunde ab. Er hält nicht mit seiner Meinung zurück, bekennt Farbe, kneift nicht; es gibt rege Diskussionen zu seinen Blogeinträgen, meist so an die hundert Kommentare, viele Stammleser. Eines meiner Lieblingsblogs. Und jetzt hat er sich gleich zweimal Feinde gemacht. Beides weitgehend unverdient.

Zuerst hat er den neuen Generalstaatsanwalt der USA kritisiert, der in einer Rede bemängelt hatte, dass das Thema race in den USA ein Tabuthema sei. Man rede nicht genug über Rassenprobleme, und das sei feige. Peter David rügte, das sei keine Feigheit, das liege daran, dass das Thema „vergiftet“ sei, zwar eben durch viele Sprecher für die amerikanischen Schwarzen, selbsternannt oder nicht. Als Nichtschwarzer etwas zum Thema race zu sagen, sei zu brenzlig. Kann nur Ärger geben. Oy. Das hätte er mal nicht schreiben sollen. Ob er recht hat oder nicht, kann man diskutieren. (Er stellt das selber auch differenziert dar.) Die Hälfte der gut 180 Kommentare bestätigen aber: Es wäre viel, viel einfacher für ihn, wenn er die Klappe gehalten hätte. Für Landeskunde interessante Aufgabe: Argumente und Gegenargumente aus den Kommentaren zu fischen, zu sortieren, zu einer eigenen Meinung dazu gelangen. (Link zum Blogeintrag.)

Das ist aber noch nichts im Vergleich zu dem shitstorm zu seinem nächsten Eintrag. Der ist landeskundlich nicht so interessant, aber es geht von ihm eine Faszination aus, die man Autounfällen zuschreibt. Ich kann nicht anders, ich lese regelmäßig die neuesten Kommentare. Sind schon über 500.
Und zwar geht es darum, dass der Forum-/Blog-Anbieter Livejournal quasi über Nacht eine Comicfan-Community vom Netz genommen hat. Scans Daily hieß die. Ich hatte nie davon gehört, Peter David auch nicht, andere auch nicht. Es war trotzdem eine aktive und vermutlich ganz angenehme Community, vielleicht eine Generationenfrage. Auf Scans Daily wurden alte und neue Comics diskutiert. Lobenswert. Dazu luden die Fans eingescannte Comicseiten hoch. Die Hausregel: Nie mehr als ein halbes Heft, keineswegs das ganze. Peter David sah das, weil seine erst letzte Woche erschienene Ausgabe von X-Factor #40 (mit massivem Überraschungsende) dort zur Hälfte zu lesen war. Peter David diskutierte dort wohl ein bisschen mit, er informierte aber vor allem Marvel Comics (den Rechteinhaber), dass da möglicherweise eine Urheberrechtsverletzung vorliegt. Soviel zu Peter David. Bald darauf schloss Livejournal unvermittelt die Seite, nachdem schon Photobucket, wo die Scans gehostet waren, einzelne Bilder vom Netz genommen hatte. Mehr weiß man nicht; die Informationspolitik von Livejournal ist wohl miserabel. Und wer ist schuld an dem ganzen? Peter David. 500 Kommentare hin und her. Viele vernünftige Stimmen, aber auch viele vergrätzte Fanboys. Die Menge an Gift und Galle ist erschreckend. Klar ist das aktuelle Copyright absolut unbefriedigend. (Selbst in den USA, wo es fair use gibt. Da sind ein oder zwei Seiten tatsächlich legal, anders als bei uns.) Genauso klar war Scans Daily illegal. Genauso dürfen Marvel und Photobucket und Livejournal mit ihrem Eigentum machen, was sie wollen. Warum kriegt Peter David den Dreck ab? Weil er sich in die Öffentlichkeit stellt. Respekt. (Link zum Blogeintrag.)