50 Pence (2005)

(In diesem Beitrag geht es um 50 pence. Wer sich für 50 cent interessiert, bitte hier weiter lesen.)

Alle paar Jahre gibt es in England Sondermünzen, im Urlaub ist mir die von 2005 untergekommen:

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Als Erinnerung an die Veröffentlichung von Samuel Johnsons A Dictionary of the English Language 250 Jahre zuvor. Johnsons war zwar nicht das erste englische Wörterbuch, aber das erste, das systematisch möglichst alle Wörter sammelte, auch die scheinbar bekannten. Zu Johnsons Ruhm hat sicher die berühmte Biographie von Boswell beigetragen, aber auch die Sorgfalt bei der Erstellung des Wörterbuchs und der Humor bei gewissen Einträgen:

“Lexicographer: a writer of dictionaries; a harmless drudge that busies himself in tracing the original and detailing the signification of words”
“Oats: a grain which in England is generally given to horses, but in Scotland supports the people”

Die Scans einer späteren Ausgabe (von 1828) kann man bei Googlebooks durchblättern und durchsuchen.

Herr der Fliegen (wegen Kid Nation)

Ich hab mal mit einer 9. Klasse Herr der Fliegen gelesen. Hat mir gut gefallen. Am Schluss haben wir dann mal durchgespielt, was wäre, wenn alle fünf 9. Klassen dieses Jahrgangs sich auf einer ähnlichen Insel finden würden. Unter anderem sollte jede Gruppe ein System vorschlagen, nach dem sie sich organisieren könnten. Heraus kamen solche Sachen:

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Ich weise besonders hin auf die Regelungen für den Sonntag:

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Die meisten Schülergruppen hatten Arbeitsteilung in Teams, die allerdings jeweils zyklisch wechselten. Eine Gruppe hatte als Arbeitskreis “Jäger, Putzer, Köche, Streitschlichter, Bauarbeiter, Krankenbetreuer, Feuerwächter, Erfinder, Wasserträger, Sammler” und dann wieder von vorn. Also ähnlich wie bei Borges’ Lotterie in Babylon, wo jeder Bürger mal jeden Job machen muss.

Alle Schülergruppen hatten sich Strafen ausgedacht für diejenigen, die gegen Regeln verstoßen. Zum Beispiel: 1. dunkle Höhle; 2. Versklavung; 3. Gladiatorenkämpfe, oder 1. Essensverbot, 2. Verbannung, 3. Strafarbeit, oder auch nur bewachte Sitzkäfige, in die man eingesperrt wurde.

– Ich erwähne das nur deshalb, weil diesen September auf CBS eine neue Reality-TV Show anläuft: Kid Nation. 40 Kinder zwischen 8 und 15 Jahren sind einen Monat in einer Geisterstadt im Westen der USA und müssen ohne Erwachsene auskommen (CBS Werbespot bei YouTube.) Es gibt keine Elektrizität und kein fließendes Wasser, die Kinder organisieren ihr Essen selber, halten Versammlungen ab und verteilen am Ende jeder Episode einen Bonus von $20,000 an jeweils ein Kind.
Wer nach “Kid Nation” googelt, stößt auf viele kritische Stimmen zur Serie, auch wenn kaum einer viel davon gesehen haben wird. Verletzungen bei den Kindern gab es natürlich, aber eigentlich auch nicht mehr als in jedem Sommerlager.

Die Idee ist eher geschmacklos als gruslig. Ohne Erwachsene heißt schließlich: Mit einem Kamerateam drumrum und einem Psychologen am Ort. Dementsprechend harmlos stelle ich mir die Serie auch vor, kein Vergleich zu Herr der Fliegen, obwohl der sich natürlich aufdrängt. Und wie bei allen solchen Serien denke ich mir, dass das Kamerateam ja nicht nur dasteht und alles filmt, sondern dass die Regie schon dafür sorgt, dass es spannende Szenen gibt.

Pferderennen in England

Unsere Schüler sollen laut Lehrplan auch lernen, Diagramme und Tabellen zu lesen. Im Englischunterricht sind das fast immer Fahrpläne. Ist ja ganz sinnvoll, aber warum nicht mal Pferederennen?

Wie manche Leute wissen, war ich die letzte Woche in England, Urlaub machen und Landeskunde auffrischen. Unter anderem war ich beim Pferderennen. Das heißt in England schlicht “racing”. (Das mit dem Pferd versteht sich von selbst, ähnlich wie die Fuchsjagd dort zumindest in upper-class lingo “hunting” heißt – der Fuchs ist dabei selbstverständlich.)

Die Renntage während der Saison heißen “meetings”, in Brighton finden die zwei- oder dreimal im Monat statt. An jedem solchen Tag gibt es mehrere Rennen (bei mir waren es sieben, mit jeweils 8–16 Pferden am Start). Da gibt es das Rennen der zweijährigen maidens (Pferde, die noch nie ein Rennen gewonnen haben), das Rennen der bis zu vier Jahre alten Stutenfohlen, die Hauptdisziplin sind aber die Rennen der Vierjährigen (und älteren).

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Zum Pferederennen gehen ganze Familien; feine Damen führen dort ihre neuesten Hüte vor, den kleinen Kindern gibt man ein paar Pfund für den Buchmacher. Der racecourse in Brighton ist dabei eher schlicht, aber sehr schön gelegen; 13 Pfund Eintritt sind happig, innen gibt es eine Bar, man trinkt Bier oder Tee mit Milch und Zucker, große weiße Kacheln erinnern an Bahnhöfe oder Schwimmbäder.

Gewettet wird natürlich auch. Gewettet wird in England viel, auf alles mögliche, öffentlich; betting shops gibt es überall.
Die häufigsten Wettarten beim Pfererennen sind “win” und “place”: Beim ersten setzt man darauf, dass das Pferd als erstes durchs Ziel läuft, beim zweiten darauf, dass es unter den ersten zwei, drei oder vier Pferden ist, abhängig von der Anzahl der Pferde in diesem Rennen. “Each way” heißt, dass man gleichzeitig auf “win” und “place” setzt. Daneben gibt es noch weitere gängige Wettarten. (Fußnote: In den USA sind Details und Terminologie ein wenig anders.)

Wenn man wetten will, sagt man zum Beispiel einfach: “Ten pounds on number one to win”. Das klappt. Ich hab’s ausprobiert.

Man kann entweder über den Totalisator wetten oder bei einem Buchmacher. Beim Totalisator setzt man seine zehn Pfund (oder auch nur eines) und kriegt einen Beleg darüber. Welche Quote man hat, wieviel man also gewinnt, wenn man gewinnt, errechnet sich jeweils aus allen anderen Totalisatorwetten bei diesem Rennen. Auf einem Bildschirm kann man vorher die aktuelle Quote sehen, aber die kann sich natürlich noch ändern, wenn plötzlich noch viel gesetzt wird.
Wenn man dagegen bei einem Buchmacher wettet, gibt der eine Quote vor (16:1, 2:1, 50:1), und zu dieser Quote wettet man. Ein paar Minuten später hat der Buchmacher seine Quote vielleicht nach unten oder oben korrigiert, aber das beeinflusst die bereits gemachten Wetten nicht mehr.

So sieht zum Beispiel der Stand eines Buchmachers aus, aufgebaut direkt zwischen Rennstrecke und Tribüne, links und rechts davon weitere Stände. Auf der Tafel sieht man die aktuellen Quoten, die dieser Buchmacher anbietet:

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Diese Buchmacher sind zuverlässig; unlizenzierte/illegale Buchmacher dürfen nicht auf den Platz. Gedichte wie G. Rostrevor Hamiltons “On a distant prospect of an absconding bookmaker” sind heutzutage nicht mehr aktuell.

Vor dem Rennen schaut man sich zumindest die race card an, wenn man nicht gleich mit der Pferderennzeitung unter dem Arm erscheint. Die Daten dort muss man erst einmal lesen und verstehen:

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Das Pferd heißt “Art Currency”, Startnummer 1, es ist zum letzten Mal vor 10 Tagen gelaufen. Der Jockey trägt grün und weiß.
Zum Alter steht hier zwar nichts, aber dieses Rennen war nur für Zweijährige. (Als Geburtstag gilt dabei für jedes Pferd der 1. Januar.)
Das Pferd Der Jockey wiegt 9 stone und 3 pounds. (Für Menschen wird das Gewicht in England in stone angegeben. Ein st sind 14 lb, etwa 6.35 kg.)
Die ausgeloste Startposition (“draw”) ist 6, der Jockey Chris Catlin.
“B” (bay) oder “Br” (brown) gibt die Farbe des Pferdes an, danach kommt das geschlecht: c für “colt”, f für “filly”, h für “horse” (“thoroughbred age of 5 or older”), g für “gelding” und m für “mare”. Die Mutter des Pferdes (“dam”) ist Lady in Silver, der Vater (“sire”) Street Cry.
Zu “Form” steht normalerweise mehr als hier: Die 6 heißt, dass das Pferd einmal den 6. Platz gemacht hat und sonst noch nicht gelaufen ist. 050553 hieße, dass das Pferd dreimal 5. war, zweimal ferner liefen, aber immerhin beim letzten Rennen den dritten Platz gemacht hat.

Weitere Details: Learn how to read a race card.

Art Currency ist übrigens in einem photo finish knapp geschlagen worden. Das war schon spannend. Vielleicht hätte ich doch auch “place” statt auf “win” setzen sollen, aber ich hatte mir extra eine Quote ausgesucht, bei der die Wahrscheinlichkeit zu gewinnen nicht allzu hoch war. Sonst hätte ich ja nochmal an den Schalter zu den fremden Menschen gehen und meinen Gewinn abholen müssen.

Das wäre doch mal eine Alternative zu den ewigen Fahrplänen in der Unterstufe. Racing forms verteilen und erklären. Quoten angeben. “You have got 10 pounds. How do you want to bet? Give reasons for your answer.”

Na ja, oder zumindest vielleicht mal ein Referat.

Jane-Austen-Fundstücke

In der Buchhandlung gestern gesehen, dass es Unmengen Jane-Austen-Material gibt. (Haben wir vermutlich alles Colin Firth zu verdanken.) Hier nur zwei von vielen Büchern:

In Austenland von Shannon Hale geht es um Pembrook Park, einen englischen Jane-Austen-Urlaubsort, in dem alle Gäste Rollen aus der Welt der Jane Austen zugewiesen kriegen – und die entsprechende Kleidung und Einweisung in die Verhaltensweisen natürlich auch.

Als alter Rollenspieler ist mir Lost in Austen: Create Your Own Jane Austen Adventure von Emma Campell Webster gleich und mit gemischten Gefühlen aufgefallen. Es ist tatsächlich das, was man denkt: Pride and Prejudice in der Form eines Fantasy-Solo-Rollenspielabenteuers. Man kriegt einen Heiratsantrag und nimmt an (lesen Sie auf Seie 213 weiter) oder lehnt ab (lesen Sie auf Seite 129 weiter).

(Gelesen habe ich keines der beiden Bücher.)

Freuden des Fernsehens

War bei meinen Eltern, habe dort etwas Schönes erlebt: Beide Elternteile plus Onkel und Tante trafen sich zum Fernsehen, “Wege zum Glück”, eine Daily Soap in der ARD, vormals “Julia – Wege zum Glück”. Sonst sehen sie keine Soaps an, aber bei dieser Serie sind sie aus irgendwelchen Gründen hängen geblieben. Und die schauen sie jetzt regelmäßig an und unterhalten sich darüber. Schimpfen über das hanebüchene Drehbuch. Und wenn man sie nach der Hintergrundgeschichte fragt – was etwa aus der eponymen Julia des Originaltitels geworden ist – dann hören sie sich an wie ich, wenn man mich über die Backstory von Spider-Man fragt.

Manchmal glaube ich, es ist fast egal, was man ansieht, solange man es gemeinsam tut. Meine große Zeit des gemeinsamen Fernsehens waren die späten 80er und frühen 90er Jahre. Star Trek mit Frank, Simpsons mit Andrea. Und davor unzählige Videos mit Michael und Karl-Heinz.

Gestern war ich bei alten Freunden in Augsburg. Wir sehen uns nur noch ein- oder zweimal im Jahr; es gibt trotzdem nicht viel zu erzählen, weil wir uns so gut kennen und sich nichts wirklich ändert zwischen uns. Und dann schauen wir gemeinsam fern. War wieder sehr schön.

Fernsehepisoden: Dass es in vielen Serien Rashomon-Folgen gibt, habe ich schon mal erwähnt. Aber auch andere Stoffe – Film-Klassiker vor allem – werden in Serien gerne verwendet. Ich glaube, ich habe sowohl bei MacGyver als auch bei Matlock jeweils Episoden gesehen, die “The Petrified Forest” als Vorlage hatten. Auch ein Klassiker sind “Die zwölf Geschworenen”: Jeweils die Hauptperson der Serie wird als Juror berufen und überzeugt in langen, emotionalen Diskussionen die anderen Mitglieder der Jury davon, dass der Angeklagte keinesfalls zweifelsfrei schuldig ist. Nach und nach stellen sich die Mitglieder der Jury dabei ihren Vorurteilen oder Oberflächlichkeit.

Eine besonders interessante Variante davon gibt es bei “Seventh Heaven”, auf Deutsch “Eine himmlische Familie”. Es geht in dieser Familienserie um einen Pastor mit Frau und vielen Kindern. Sehr bürgerlich insgesamt. In der Episode Twelve Angry People (dt. Recht und Gerechtigkeit) ist Eric, der Pastor, Mitglied einer Jury. Es geht um eine Mordanklage, ein Polizist ist erschossen worden. Am Anfang wollen die anderen elf Geschworenen den Angeklagten freisprechen – aus Apathie, Rassenvorurteilen, grundsätzlichem Misstrauen gegenüber der Polizei und der Justiz. (Aber nicht, soweit ich mich erinnere, weil sie die Todesstrafe grundsätzlich ablehnen – sonst dürften sie vermutlich gar nicht berufen werden.) Eric gelingt es nach und nach, die anderen Juroren zu einem objektiveren Urteil zu bewegen, so dass am Ende alle für schuldig stimmen. Eine mutige Variante des Stoffes.

Eine weitere schöne Episode habe ich mal bei “Diagnose Mord” (Diagnosis Murder) gesehen. Eine eher heitere Krimiserie um einen Arzt (Dick van Dyke, wir mögen ihn), seine Kollegen und seinen Sohn (Barry van Dyke), einen Polizisten, die gemeinsam Mordfälle lösen, über die Dick van Dyke immer stolpert. Eine typische Serie um einen unwahrscheinlichen Amateurdetektiv, der stets schlauer ist als die Polizei. Vergleichbar mit Matlock oder dieser Angela-Lansbury-Serie, nur etwas besser dank Dick van Dyke.
Oft haben die Fälle einen medizinischen Hintergrund. In einer Episode werden mehrere Leichen gefunden, die seltsame Wundmale haben und denen fast alles Blut fehlt. Die Presse schreibt gleich sensationell von Vampiren. Hauptverdächtige ist ein goth chick, bleich geschminkt und mit dunklen Haaren. Sie lässt sich nur nachts blicken und führt einen exklusiven Club, geriert sich als Vampirin. Viel zu offensichtlich als echte Täterin.
Dann kommt es zum Showdown zwischen ihr und Dick van Dyke: Und was soll ich sagen, sie ist ein echter Vampir, komplett mit Zähnen und übermenschlicher Kraft, schmeißt den guten Arzt quer durchs Zimmer und wird am Schluss gepfählt. Das kam dann doch überraschend. (Ansonsten gibt es so wenig Übernatürliches in der Serie wie bei Friends oder Columbo.)

Tag Crowd

Gefunden bei chrisp’s virtual comments: TagCrowd. Die Seite macht aus einem eingegebenen oder hochgeladenen Text eine tag cloud, mit den fünf oder zehn oder zwanzig häufigsten Wörtern, auf Wunsch auch mit Ausschlussliste.

Hier die 25 häufigsten Wörter aus einer bekannten, motivreichen Kurzgeschichte, abzüglich “common English words”:

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Hier die 25 häufigsten Wörter aus einer anderen Kurzgeschichte, wieder abzüglich “common English words”:

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Und das sollte man auch erkennen:

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Mit deutschen Texten geht das nicht ganz so einfach. Man kann zwar eine Liste von auszuschließenden häufigen Wörtern angeben (ich, und, er), aber die müsste man erst erstellen.

Eoin Colfer, Artemis Fowl (und: Tropen-Lexikon)

In meiner letzten 7. Klasse wusste ich nicht recht, was wir als Lektüre lesen sollten. Ich ließ mich deshalb von Schülern beraten, machte selber Vorschläge, wir stimmten ab (was ich nicht immer so mache) und entschieden uns letztlich für Artemis Fowl von Eoin (ausgesprochen wie “Owen”) Colfer, das erste Buch einer Reihe – auch deshalb, weil das Buch in den Lektürevorschlägen des Lehrplans für diese Jahrgangsstufe aufgeführt war.

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Kurzfassung: Vermutlich werde ich das Buch nicht mehr als Lektüre lesen. Ich fand es nicht besonders gut und mir fiel nicht viel ein, was ich damit im Unterricht machen wollte. Die Artemis-Fowl-Reihe wird viel gelesen, ist ein Bestseller, wird viel gelobt. Vielleicht sind die anderen Bände besser: Ihr Held ist am Anfang zwölf Jahre alt, hochintelligent und sehr reif; unterstützt von einem treuen, kampferprobten Butler lebt er in einem alten irischen Schloss und plant seine verbrecherischen Raubzüge. Am meisten zu holen gibt es bei den Unterirdischen – der Welt der Feen, Elfen, Trolle.

Die erste Seite hat mir schon mal nicht gefallen: Im Prolog taucht der Rahmenerzähler und fiktive Herausgeber auf, ein Doktor der Psychologie, der indirekt als klischeehaft trottelig charakterisiert wird. Hilflos steht er vor Artemis’ geistiger Überlegenheit: “[Artemis] hat die gelehrtesten Mediziner zur Verzweiflung gebracht, und so manche von ihnen sind in ihren eigenen Irrenhäusern gelandet.” Solche Pseudowissenschaftler kann ich nicht ernst nehmen, und damit auch indirekt ihren Widersacher nicht.

Kapitel 1 beginnt dagegen, mit einem sehr schönen Satz: “Ho Chi Minh City im Sommer.” Zugegeben, die Übersetzung hat mich geärgert: Es heißt “Ho Chi Minh Stadt” und nicht “City”. Trotzdem: So ein Anfang überrascht mich bei einem Buch, in dem es um Elfen und Trolle geht.
Das ganze erste Kapitel ist dann auch ein schöner Indiana-Jones- oder James-Bond-Anfang, eine Pre-Title-Sequence, in der erst einmal ein paar Prämissen aufgestellt und Personen vorgestellt werden, man sieht förmlich danach die Titelsequenz abrollen.

Die letzten Kapitel des Buches sind dagegen ein reiner Ego-Shooter, komplett mit Endgegner. Ich habe mich wirklich an Quake-Sitzungen erinnert gefühlt. Das war ziemlich langweilig, auch weil das halbe Schloss dabei demoliert wurde. Nicht durch Magie, sondern durch banale Schusswaffen und Raketen oder brachiale Monster-Körpergewalt.

Dazwischen gibt es ein wenig Handlung und einige Charaktere. Und die waren es besonders, die mir das Buch so uninteressant machten. Es hat mir zwar gut gefallen, dass die unterirdische Elfenwelt so ganz und gar nicht märchenhaft. Stattdessen ist sie reine Polizei-Fernsehserie, aber leider mindestens so flach, wie man sie aus Fernsehserien kennt: Der ruppige Chef mit dem Herz auf dem rechten Fleck, der flippige Computerspezialist (hier ein Zentaur und kein Edelpunk wie bei Navy CIS, aber das Prinzip bleibt gleich), die Polizistin, das Bürgermeisterbüro, das politischen Druck ausübt. Unterstützt wird Artemis, der mich nicht von seiner Genialität überzeugt hat, von einem bedingungslos gehorsamen Butler wie aus dem Söldner-Katalog. Ne, hat mich nicht überzeugt. Das Buch ist vielleicht etwas für Jungs, die sonst nicht viel lesen – und hat deshalb vielleicht doch als Schullektüre seinen Wert.

Beigefügt ist dem Buch eine lange Botschaft in einer monoalphabetischen Ersetzungschiffre (wie wir Leute gerne sagen, die einen Einführung in die Kryptographie im Regal stehen haben). An sich lobenswert, früher habe ich mich auf solche Rätsel gestürzt, aber in WWW-Zeiten macht es keinen Spaß, wenn man genau weiß, dass die Entschlüsselung mit ein paar Mausklicks zu holen ist.

Zwei Bilder zu Ergebnissen von Gruppenarbeit:

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(Handlungsstränge)

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(Spannungskurve)

Als Zuckerl für Leute, die bis hierhin gelesen haben: Das Wiki unter http://tvtropes.org besteht aus einer Sammlung von wiederkehrenden Situationen, Charakteren, Problemen, Tropen, die man aus Fernsehserien oder Romanen kennt. Kann man stundenlang drin lesen. (Das ist was für dich, Estara, viele Tropen stammen aus japansichen Serien.)
Es gibt auch Aufzählungen zu den Tropen in Harry Potter und zu denen in Artemis Fowl. Der Harry-Potter-Beitrag ist interessanter und ausführlicher (von Accidental Kiss, Achey Scars, All Of The Other Reindeer bis zum Wronski Feint), aber hier eine Liste der Tropen, die auch in Artemis Fowl erscheinen:

* Adults Are Useless
* Always Chaotic Eviltrolls.
* Battle Butler
* Enfante Terrible
* Da Chief
* Face Heel Turn
* Heel Face Turn
* Humans Are Bastards
* Turn In Your Badge
* Xanatos Roulette

Details dort nachschlagen.

Kann ich das irgendwie für die Schule verwenden? Würde mich freuen.

Der chinesische Flussdelphin

Schlechte Nachrichten.

Der chinesische Flussdelphin gilt ab jetzt als ausgestorben, auch wenn der WWF sagt, dazu müsse man 50 Jahre lang kein Exemplar mehr gesehen haben. (Spiegel).

“It is the first large animal to be wiped from the planet for 50 years, and only the fourth entire mammal family to disappear in 500 years. And it was driven to its death by mankind.” (Independent)

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(Quelle: Wikipedia)

Wir kennen den Baiji aus dem wunderbaren Last Chance To See von Douglas Adams und Mark Carwardine. (Und von Adams’ Lesung an der Universität Göttingen 1994, wunderbare CD, längst vergriffen.) Sein bestes Buch. Dem Aye-Aye geht es verhältnismäßig gut, der Kakapo (“the world’s least-able-to-fly parrot”) ist akut vom Aussterben bedroht, und der chinesische Flussdelphin hat es nicht geschafft.

Klar sterben ständig Tierarten aus. Aber trotzdem sind das keine guten Zeichen.

(Der Banane geht es auch nicht gut.)

Kostenerstattung bei schulischen Fahrten

Lehrer fahren mit Schülern ja öfter weg: Skilager, Sportwoche, Schullandheim, Leistungskursfahrten; Erdkundexkursionen, Schüleraustausch, Berlinfahrten. Das macht häufig Spaß, ist aber immer viel Arbeit und Verantwortung für die begleitenden Lehrkräfte. Vorgeschrieben sind die meisten Fahrten nicht, nur vorgesehen.

Die Kosten für diese Fahrten gehören den Lehrern erstattet. Nun stellt das Kultusministerium aber nicht genug Geld zur Verfügung, als dass man alle Fahrten durchführen könnte – es reichte gerade mal für Schullandheim- und Skifahrten der Unterstufe.
Also gibt es seit Jahren – zumindest solange ich Lehrer bin – die Regelung, dass man sich dazu bereit erklären muss, nur etwa die Hälfte der Kosten erstattet zu bekommen und auf den Rest zu verzichten. Es gibt dazu ein Verzichtserklärung, die man unterschreiben muss.

(Die habe ich wohl mal gesehen, aber bei uns läuft das ohne.)

Letzten Freitag stand in der Süddeutschen Zeitung, dass der Bayerische Verwaltungsgerichthof diese Praxis als grundsätzlich rechtswidrig einstuft, sie verstoße “deutlich und stark” gegen die Fürsorgepflicht des Staates.
In der Begründung des Urteils hieß es, dass man als Lehrer eben dem Druck aus Kollegium und Direktorat ausgesetzt sei, sich an diesem Verzicht zu beteiligen (und eine negative Beurteilung durch die Schulleitung fürchten müsse), und dass der Verzicht deshalb nicht wirklich freiwillig sein könne.

Ich bin mal gespannt, ob das bei unsrer Schule irgend etwas ändern wird. Ich denke, dass das Ansehen von Kollegen, die die Teilnahme an solchen Fahrten verweigerten, bei uns nicht gelitten hat, weder im Kollegium noch im Direktorat. Aber sicher kann man nie sein, außerdem reicht ja die bloße Befürchtung solcher Konsequenzen aus, das Verhalten zu beeinflussen.
Es wird also entweder mehr Geld für Fahrten geben (unwahrscheinlich), oder viele der Fahrten werden nicht mehr stattfinden (wenig wahrscheinlich), oder die Lehrer werden weiterhin die Hälfte der Fahrten aus eigener Tasche zahlen. Vielleicht zählt das als ganzehrlichundecht freiwillig, wenn man keine Verzichtserklärung unterschreibt.

Rechtlich sehr… umstritten ist übrigens die gängige Praxis, den Preis zumindest für die Zug- oder Flugtickets der Lehrer auf die Schüler umzulegen. Auch der Elternbeirat oder Förderverein darf kein Geld zu solchen Fahrten zuschießen: Die Bezahlung und Unkostenerstattung der Lehrer ist eben doch Aufgabe des Staates und nicht der Eltern.

Aktuelle Neuerung (KMS 4.6.2009): Freiplätze dürfen nur noch genommen werden, wenn sie a) angeboten werden, ohne dass man darum gebeten hat und b) diese Freiplätze nicht den Lehrern zugute kommen, sondern auf die Gesamtkosten umgelegt werden, so dass es für die Schüler billig wird. Im Klartext: Schüler und Eltern dürfen auch nicht indirekt oder irgendwie einen Teil der Lehrerkosten übernehmen. Die muss das Land Bayern ganz alleine zahlen. Nur dass dafür kein Geld das ist.