Was ich mir wünsche: Youtube für Unterrichtsmaterial

Kurze Fortsetzung von vor ein paar Tagen, ich will das nur an auch für mich prominentere Stelle rücken, damit ich das nicht aus den Augen verliere. Kurz nochmal Lisa Rosas Kommentar zitiert:

ich stelle mir neben der Sammlung von Mengen von Unterrichtsmaterial und dessen Sortierung mittels Taggen und Bewerten durch die User noch was anderes vor: Eine Art Experimentierwerkstatt, wo man gemeinsame Unterrichtsentwürfe machen kann, die dann ausprobiert und die Erfahrungen wieder zurück in die Werkstatt trägt – zu ausgewählten Gegenständen, die sich als zu sperrig erweisen für die bisherige traditionelle Vermittlung durch Instruktionslernen. Man könnte einfach neue Zugänge und Methoden testen und Ergebnisse erörtertern und optimieren. Eben das, was mit den Kollegen vor Ort und f2f aus vielen verschiedenen Gründen häufig eben nicht geht

Da will ich letztlich auch hin. Für mich sieht der Weg so aus: Ich habe eine nette, unspektakuläre Idee für etwas, das ich im Unterricht machen kann. Zum Beispiel das Erstellen von interpretierenden Pulp-Titelbildern zu Literaturklassikern (so wie hier bei Slate). In Kunst, Informatik oder Literatur. Ich würde mir Gedanken machen, wie man das einsetzen könnte, auch zur anschließenden Versprachlichung der Ergebnisse – und normalerweise würde ich das dann hier bloggen oder, traditioneller, in einer Fachzeitschrift veröffentlichen.

Ich wünsche mir jetzt einen Ort, wo ich meine Idee hochladen kann, wo ich und andere Leute diese Idee taggen, so dass sie gefunden wird. Dann wird sie vielleicht ausprobiert, es gibt Rückmeldungen dazu in Form einer Bewertung, weiterer tags oder gar Kommentaren und Erfahrungsberichten. Dafür ist ein Blog nicht geeignet, das bringt auch auf Ideen, aber unstrukturiert, und lädt nicht in dieser Form zu einer Gemeinschaftsarbeit ein.

Ein offensichtliches Problem ist das Urheberrecht, das gerade bei modernen Texten das Zusammenarbeiten erschwert. Ein weiteres Problem ensteht, wenn mehrere Leute sehr ähnliche Ideen einstellen – da wäre es besser, man könnte die Ideen zusammenführen. Das geht in einem Wiki-artigen Zusammenhang besser.

Statt Youtube ist vielleicht sourceforge.net als Zusammenarbeitsform das bessere Modell. Aber das ist nicht so bekannt und nicht so griffig als Vorbild.

Update Mai 2009: Facebook für Englischlehrer?

Almost everything you didn’t know you didn’t know about language and languages

Limits of Language. Almost everything you didn’t know you didn’t know about language and languages von Mikael Parkvall. London 2006. Für Sprachwissenschaftler zu empfehlen, ich habe schon eine zweite Ausgabe zum Verschenken gebunkert.

Dieses Buch begann laut Vorwort als eine Art Guinness-Buch der Rekorde für Sprachen, wurde aber bald ein Sammelsurium von Listen und Statistiken und Anekdoten rund um das Thema Sprache. Es ist angenehm unübersichtlich, dabei weniger niedlich als Schott’s Miszellen, sondern ein massiver 378-Seiten-Steinbruch mit ausgezeichneten weiterführenden Literaturangaben. Das Buch enthält:

  • Einen Hinweis auf Jukka “Dr.” Ammondt, einen finnischen Tangosänger mit PhD, der eine Platte mit Elvis-Versionen in lateinischer Sprache aufgenommen hat. Nun hic aut numquam (“It’s now or never”). Platte ist schon bestellt. Nicht so leicht aufzutreiben ist allerdings die Platte mit Liedern in Sumerisch – darunter “Blue Suede Shoes”.
  • Häufigste Reimwörter in englischsprachigen Hit-Singles.
  • Häufigste Ortsnamen in zwanzig ausgesuchten Ländern.
  • Die meistzitierten Sprachwissenschaftler.
  • Eine Liste von Sprachwissenschaftlern, die schon mal im Gefängnis waren.
  • Sprachwissenschaftler, die Mitglied im Luxuriant Flowing Hair Club for Scientists sind.
  • Dass “Fisch” auf Klingonisch “ghotı” heißt.
  • Komische Ortsnamen in den USA – aber dazu muss ich mal einen eigenen EIntrag schreiben.
  • Wieviele Esperanto-Muttersprachler es gibt.
  • Sprachen mit der größten Anzahl von Phonemen, oder der kleinsten.
  • Das komplexeste Phonem, zum Beispiel eine glottalisierte nasalierte velarisierte stimmlose dentale Klick-Affrikate.
  • Index Translatorum: Eine UNESCO-Datenbank, in der man schauen kann, aus welcher Sprache am meisten in welche andere Sprache übersetzt wurde. Anscheinend ist Deutschland führend bei Übersetzungen ins Lateinische.
  • Ethnologue, Languages of the World: Ein enzyklopädisches Nachschlagewerk, in dem “alle 6912 bekannten lebenden Sprachen” katalogisiert sind.
  • Berühmt gewordene Beispielsätze: Flying planes can be dangerous; Colorless green ideas sleep furiously; A: My car is out of gas, where may I get some? B: There is a gas station around the corner.
  • Wie bilabiale Laute gebildet werden von Sprechern mit lip-plate.
  • Wieviel Prozent aller Sprachen als Satzgliedstellung Subjekt-Prädikat-Objekt haben und wieviele Subjekt-Objekt-Prädikat. (Von letzteren gibt es mehr!)
  • Wieviele Wörter die Eskimos wirklich für Schnee haben und wo dieser Irrgalube überhaupt herkommt.
  • Und Lehnwörter und Scheinentlehnungen und Silbenbau und sprechende Vögel und wie man in tonalen Sprachen überhaupt singen kann. (Das sind Sprachen, in denen die relative Tonhöhe bedeutungsunterscheiden ist.

Für Leser mit einem auch noch so geringen sprachwissenschaftlichen Hintergrund ist das eine Erinnerung daran, wie faszinierend und vielschichtig und kompliziert und menschlich Sprache ist.

Mein Dank der Quelle, die mich auf das Buch brachte – es war irgendwo im Web, aber ich weiß nicht mehr wo. Jetzt suche ich nur noch einen Band mit Aufsätzen, der mir im Studium mal untergekommen ist – eine Festschrift, glaube ich, mit lauter albernen, auch zweideutigen Aufsätzen aus der englischen Sprachwissenschaft. Ich kann mich nur noch an eine Seite erinnern, auf der sprachwissenschaftliche Begriffe auf sich selber angewendet wurden – also “nansal infinx” (von “nasal infix”). Tatsächlich gibt es bei Google zur Zeit nur einen einzigen Treffer für “nansal infinx”.… ups, inzwischen sind es sogar zwei, und einer davon nennt sogar die Quelle: Studies out in Left Field: Defamatory Essays Presented to James D. McCawley on the occasion of his 33rd or 34th birthday.

Mehr Beispiele daraus: Auslautverhärtunk, Metasethis, Ableut, Reduduplication, Assimilassion, Sprossevokal.

Das ist aber schön, dass ich das wiedergefunden habe. Weil ich mich noch an den infinx erinnern konnte.

Fußnote: Wenn man in Dillingen auf der Tagung schon ein Buch im Zimmer liegen lässt, das einem dann nachgetragen werden muss, dann wenigstens so eines. Es hätte auch The Black Lizard Big Book of Pulps sein können, und wie wär ich dann dagestanden!

Vermischtes aus den letzten Tagen

Heute nachmittag habe ich den Evaluationsbogen für die Lehrer unserer Schule ausgefüllt, online natürlich. Die meisten Fragen waren leicht zu beantworten, ein Problem hatte ich aber bei Frage 106: “Ich stelle hohe, aber lösbare Leistungsanforderungen.” Ich musste die Fragen fürs Fach Informatik/Natur und Technik beantworten, das ich dieses Jahr in der 6. Klasse unterrichte. Für lösbar halte ich meine Anforderungen, für hoch nicht. Das ist dann wohl ein “Trifft eher zu” oder “eher nicht”.

Ansonsten: Es ist ein erleichterndes Gefühl, rechtzeitig alles korrigiert zu haben, auch wenn mich das die letzten Tage von anderen, angenehmeren Arbeiten abgehalten hat.

Im Deutschunterricht, 9. Klasse, wollten mir die Schüler zum Geburtstag korrigieren gratulieren. Ich muss mal nachfragen, aus welchem obskuren Forum ihre Informationen stammen, tatsächlich bin ich im Moment ziemlich weit entfernt von meinem Geburtstag. Heute waren brasilianische Gäste zum Zuschauen da, lange Geschichte, ich hoffe, ich habe uns gut repräsentiert. Binsenweisheit, aber: Je öfter ich Unterrichtsbesuch kriege, desto weniger macht mir das etwas aus.

Das Deutsch-Kapitel “Bewerbung und Lebenslauf” werde ich ziemlich kurz halten in diesem Schuljahr. Ich habe gefragt; Die Schüler haben das schon in Englisch, Französisch und Wirtschaft gemacht. Viel Neues werde ich da nicht bieten können. Ja, am Computer waren sie auch schon.

Zurück aus Dillingen

Einen meiner ersten eigenen Blogeinträge – nicht in diesem Blog – habe ich ich im September 2003 in Dillingen auf einer Fortbildung geschrieben. Jetzt komme ich gerade wieder von einer Tagung dort: “Netzwerkbildung und Wissensteilung – Schule as Learning Community”. Ich bin noch ganz geschafft. Die wissenschaftlichen Vorträge fand ich inhaltlich wie methodsich hervorragend und anregend. Ich habe mitgeschrieben und Ideen gesammelt. Die muss ich in den nächsten Tagen sammeln und auswerten – nachdem ich mich um die drängenden Angelegenheiten des Schulalltags gekümmert habe. (Und über einen Abstecher nach Donauwörth bin ich im Moment in Augsburg gelandet, um nachher auf eine Art Klassentreffen zu gehen.)

Mitgenommen habe ich wie gesagt Anregungen, die ich in Bälde hier auch mal sammeln werde – zusammen mit Links zur Tagung und zu den Vorträgen, die es als Video gibt. Mitgenommen habe ich Motivation. Da gibt es viele unverzagte Leute, die tolle Ideen haben. Mitgenommen habe ich die Erkenntnis, das Lehrer Netzwerke brauchen, durch die sie sch austauschen können – auf eine Art und Weise, wie das mit Kollegen vor Ort nicht geht, allein schon deshalb, weil man sich oft nur zwischen Tür und Angel sieht. Wie solche Netzwerke entstehen und aufgebaut sein könnten, das weiß ich noch nicht.

Sehr gefreut hat mich sehr, dass mich einige Teilnehmer auf mein Blog angesprochen haben. (Manchen davon schreibe ich übrigens zuviel Persönliches, manchen zu wenig.) Ich weiß nicht, wie viele mehr oder weniger regelmäßig bei mir lesen. Counterstatistiken sind schwer zu interpretieren, Feedabonnenten werden über ein Wordpress-Plugin gezählt. Vielleicht sind es jedenfalls mehr Leser, als ich denke. Das freut mich, auch wenn ich letztlich nur für mich schreibe. Oder eher: Jeder Autor hat potenzielle Leser im Kopf und erschafft seine Leserschaft durchs Schreiben.

Workshops gab es bei der Tagung auch, und einen davon habe ich geleitet, und so bin ich überhaupt nach Dillingen gekommen. Die Vorbereitung und Organisation war toll, Dillingen selber ist sehr professionell. Mein Workshop war am ersten Tag ein bisschen daneben (ich wusste auch nicht genau, wohin – hatte viel für die Praxis vorbereitet, die Teilnehmer wollten aber lieber reden), am zweiten Tag besser, aber da waren dann auch weniger da. In beiden Workshops habe ich viel gelernt und würde am liebsten gleich anfangen mit dem Sortieren und Präsentieren.

Aber jetzt erst einmal Klassentreffen!

Nachtrag: Blog zur Tagung.

Gute Nacht zusammen

Die letzten Tage wieder ordentlichen Unterricht gemacht, vielen Dank für den Zuspruch.
Trotzdem bin ich gerade erschöpft, heute war eine Sitzung zur Evaluation, der unsere Schule unterzogen wird. Dazu möchte ich noch Einiges schreiben, wenn sich meine Gedanken erst einmal gesetzt haben – das Setzen braucht bei mir seine Zeit.

Danach kreisten meine Gedanken erst mal um die Tagung morgen und den Workshop, den ich leite – einen winzigkleinen Teil der Tagung, der mir natürlich trotzdem mächtig im Kopf herumgeht. Ich weiß ja nicht, was die Teilnehmer erwarten, und ob das, was ich bieten kann, nicht schon alles längst bekannt ist. Auf die Vorträge bin ich jedenfalls schon mal gespannt.

Blöder Tag heute

Alle Stunden heute liefen irgendwie daneben. Nicht katastrophal, aber doch alle sehr unbefriedigend. Wäre jetzt gerne darüber gründlich frustriert, muss aber den ganzen Nachmittag korrigieren und den Vormittag ignorieren.

Als ich heute im Lehrerzimmer meinen Vormittag beklagte, pflichteten mir einige Kollegen bei. Heute wirklich nicht der Tag, weder für die Lehrer noch für die Schüler. Andererseits: Vielleicht kann man an jedem beliebigen Tag in ein Lehrerzimmer kommen und erwischt immer einige Leute, die heute nicht ihren Tag hatten. Wiederum andererseits: zur Zeit macht den K13-Schülern der Facharbeitstermin zu schaffen (Abgabe am Freitag), alle in der Schule sind etwas verwirrt durch das merkwürdige Wetter, und die Lehrer sind zur Zeit durch, uhm, vermehrte administrative Aufgaben arg eingespannt.

Ich geh dann mal korrigieren.

The Great Depression

Der Anlass: Die Library of Congress, bei der es ohnehin unglaublich viel an Material zu finden gibt, hat vor ein paar Tagen über 3000 Fotos bei flickr eingestellt. Ich finde den Gedanken schon mal toll, dass staatliche Institutionen ihr Material öffentlich zugänglich machen, und dass die dazu dann auch noch die Mittel nutzen, mit denen man heute Publikum erreicht. (Lobenswert ist bei uns die Bundeszentrale für politische Bildung, die viel anbietet – die Texte der Informationen zur politischen Bildung etwa, auch wenn mir das ganze Heft als pdf lieber wäre.)

Es gefällt mir, dass die USA so ein sammelwütiges Verhältnis zur Geschichte haben. Die Geschichte der USA mag nicht so lang sein wie die Deutschlands, aber sie wird gelebt. Nur so kann man zum Beispiel Lieder wie “The Presidents” (Youtube) von Jonathan Coulton erklären, ein Lied, in dem alle Präsidenten der USA aufgezählt und kurz kommentiert werden.

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Bei den Bildern handelt sich um Fotos aus den 1910er und aus den 1930er-1940er Jahren. Die Bilder sind lizenzfrei (ich nehme an, dass sich das auch auf nicht-amerikanische Nutzer bezieht), man kann sie kommentieren und bewerten – Web 2.0 halt. Die Library of Congress bittet sogar um Kommentare und Mithilfe bei der Identifizierung.

Die 1930er Jahre sind eine für mich sehr spannende Zeit. Die Depressionszeit kennen wir aus der Fernsehserie Die Waltons. “Gute Nacht, John-Boy” sagt selbst meinen LK-Schülern noch etwas.
Nach dem Börsenkrach 1929 ging es den USA wirtschaftlich sehr schlecht, die Arbeitslosenquote stieg auf bis zu 25%. Ikonisch geworden sind Suppenküchen und die bread lines, an denen man anstehen konnte, um etwas zu essen zu kriegen.

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(Franklin Delano Roosevelt Memorial, Washington.
Beim USA-Aufenthalt mit Schülern aufgenommen.)

Tolles Buch dazu: They Shoot Horses, Don’t They von Horace McCoy. Ein Klassiker der schwarzen Serie, gar nicht lang. Rückblickend wird die Geschichte zweier Teilnehmer an einem Tanzmarathon erzählt. So ein Tanzmarathon sah so aus: Paare meldeten sich an, in der Hoffnung, einen eher mageren Preis zu gewinnen. Und dann wurde getanzt, rund um die Uhr, mit fünf Minuten Pause pro Stunde und einer ganzen Stunde Pause pro Tag. Und das Tag um Tag um Tag um Tag. Das letzte Paar auf den Beinen kriegt den Preis. Drumrum immer wieder Zuschauer, und wenn es denen zu langweilig wurde, gab es eine kleine Einlage – drei Runden um die Bahn etwa, und das letzte Paar musste ausscheiden. Dschungelcamps gab es früher also auch schon.

Ein anderes Phänomen: Taxi Dancing. Das waren Etablissements, in denen man als zahlender Herr mit den dort angestellten Damen tanzen konnte. Am bekanntesten ist das geworden durch das Lied “Ten cents a dance” gesungen von Ruth Etting, noch schöner allerdings in der Version von Doris Day aus der verfilmten Lebensgeschichte von Etting. (“Love Me Or Leave Me”, zusammen mit James Cagney. Das war ein paar Jahre, bevor sich Doris Day zur braven Filmhausfrau entwickelte.)

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Ten cents a dance, that’s what they pay me
Gosh how they weigh me down.
Ten cents a dance, pansies and rough guys, tough guys who tear my gown.
Seven to midnight I hear drums, loudly the saxophone blows,
Trumpets are tearing my ear-drums, customers crush my toes.
Sometimes I think, I’ve found my hero
But it’s a queer romance;
All that you need is a ticket,
Come on big boy, ten cents a dance.

(Da das Lied inzwischen nicht mehr bei Youtube ist, hier eine schöne Version bei Vimeo.)

Gerne im Vergleich dazu: “Nachtcafé” von Gottfried Benn, ein Gedicht, das ich sehr oft im Unterricht vorstelle.

(Ganz am Rande: Ich suche den Titel einer Kurzgeschichte, die ich irgendwo mal gelesen habe. Ein Mann kommt in ein Tanzlokal, trifft dort Tanzdame oder Zigarrettenmädchen, die erzählt von ihrem Ex, den sie sitzen lassen hat; der Mann erledigt sein eigentliches Geschäft dort – irgendeine Schießerei? – der Exfreund kommt und holt sie raus. Der Titel war irgendein Eigenname, glaube ich. Die üblichen Verdächtigen: Irgendwas aus der Pulp-Zeit; lange glaubte ich, es sei “Cigarette Girl” von John M. Cain, das war’s aber doch nicht. “The Dancing Detective” von Cornell Woolrich auch nicht.)

Der aberwitzigste Film zur Depressionszeit ist Sullivan’s Travels von Preston Sturges (1941). Ein erfolgreicher Regisseur und Autor von Filmkomödien entdeckt sein Gewissen und möchte ein relevantes, sozialkritisches Werk verfassen. Dazu zieht er mittellos durch Amerika und erlebt Abenteuer. Der Film ist genial. Einen solchen Tempowechsel von Slapstick, screwball comedy, Beziehungsdrama, Sozialdrama, Gefängnisfilm kenne ich sonst nur aus chinesischen Filmen. Am Schluss ist der Regisseur jedenfalls geläutert und will weiterhin Komödien drehen. People mutht be amuthed. Seinen geplanten sozialkritischen Film macht er nicht, er hätte “O Brother, Where Art Thou” geheißen.

(Was zu einem anderen Film überleiten könnte, der in der Depressionszeit spielt, der köstliche “O Brother, Where Art Thou” der Coen-Brüder.)

Seichte Unterhaltungsfilme: Die Dreißiger waren auch ein Höhepunkt der Unterhaltung, der Radiosendungen, der Pulp-Magainze, von Film und Hollywood-Musical. Fred Astaire und Ginger Rogers sangen und tanzten ganz wunderbar, als ob um sie herum nicht Armut und Leid herrschten. Again: People mutht be amuthed.

Überhaupt waren die 30er eine große Zeit für Musik. Das war die Zeit noch vor Jazz und Swing (nichts gegen Swing), und noch war genug Potential im gemeinen Schlager, um tolle Lieder zu schaffen. Cole Porter, George und Ira Gershwin, Irving Berlin und und und. Ich habe einige CDs mit “Great Songs of the Depression”; in vielen populären Schlagern dreht es sich ums tägliche Brot und Arbeitslosigkeit. Einige Titel:

There’s no depression in love
What have we got to lose?
Supper time
I’m in the market for you
Banking on the weather
I’m an unemployed sweetheart
The boulevard of broken dreams
If I ever get a job again
Are you making any money?
Halleluja, I’m a bum
If I had million dollars
Let them eat cake
We’re out of the red
We’re in the money
Just a gigolo (das Gegenstück zu Ten cents a dance)

Und viele, viele mehr. Gibt es das heute auch noch, dass die populäre Musik in solchem Umfang Themen aufgreift, oder geht es nur um Herz und Schmerz? Damals haben natürlich Erwachsene die Musik gehört und gekauft und noch keine Teenager.

Schließen will ich mit der Hymne der Depressionszeit, “Brother, can you spare a dime”. Ein tolles Lied. Ich weiß, man muss ein Lied hören, um etwas dazu sagen zu können, der Text allein reicht nie. Aber falls euch das Lied irgendwann mal begegnen sollte, hört gut hin. (Aufnahmen gibt es viele Dutzend, alte und moderne. Es soll eine Tom-Waits-Version davon geben, derer ich aber noch nicht habhaft werden konnte. Die George-Michael-Version interessiert mich weniger.)

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(Viele andere Fassungen zum Reinschmecken bei Youtube.)

They used to tell me I was building a dream
With peace and glory ahead –
Why should I be standing in line, just waiting for bread?

Once I built a railroad, I made it run,
Made it race against time.
Once I built a railroad, now it’s done –
Brother, can you spare a dime?

Interpretation, Songtext und Real Audio zum Anhören
Texte weiterer Lieder aus der Zeit

Und dann ist da noch Studs Terkel. Studs Terkel ist, grob vereinfacht, ein amerikanischer Historiker, der unter anderem viele Sammlungen von oral histories verfasst hat. Hard Times (1970) ist eine lesenswerte derartige Sammlung von Erinnerungen an die Depressionszeit. Informationen dazu gibt es bei den Seiten von Studs Terkel. Unter anderem interpretiert dort auch Yip Harburg, Autor von “Brother, can you spare a dime”, das Lied sehr nachvollziehbar. Man kann diesen Text als gestreamtes real audio anhören, am Anfang der Aufnahme hört man eine schöne Version von den Weavers.

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(Woody Guthrie und John Steinbeck wollte ich auch noch unterbringen im Text, habe das aber nicht mehr geschafft. Zum wirtschaftlichen Hintergrund der Depression habe ich auch nichts geschrieben, und nichts über Franklin Delano Roosevelt, über den New Deal und die Programme, mit denen die Arbeitslosigkeit bekämpft wurde, nichts über den Zweiten Weltkrieg, der die USA erst wirklich aus dieser Phase holte.)

Links:


Casey at the Bat

JochenEnglish schlägt das Auswendiglernen von Gedichten als Möglichkeit vor. Als Nachtrag zu einer kurzen Baseball-Einlage vor den Weihnachstferien habe ich heute im LK diesen amerikanischen Klassiker von Ernest Lawrence Thayer gemacht. Auswendig werden ihn meine Schüler nicht lernen, aber bis Montag müssen sie den Vortrag üben.

Nötig ist ein bisschen Baseball-Grundwissen; ich empfehle auch sehr die Entstehungs- und Aufführungsgeschiche bei Wikipedia nachzulesen. Meine Audioaufnahme (unten angehängt) ist nicht perfekt, aber für mehr als zwei Versuche habe ich keine Zeit. Am schönsten war doch der Vortrag heute in der Schule – man braucht einfach ein Publikum dafür und muss das ganze natürlich durch Mimik und Gestik unterstützen.

Casey at the Bat

The outlook wasn’t brilliant for the Mudville nine that day:
The score stood four to two, with but one inning more to play.
And then when Cooney died at first, and Barrows did the same,
A sickly silence fell upon the patrons of the game.

A straggling few got up to go in deep despair. The rest
Clung to that hope which springs eternal in the human breast;
They thought, if only Casey could get but a whack at that -
We’d put up even money, now, with Casey at the bat.

But Flynn preceded Casey, as did also Jimmy Blake,
And the former was a lulu and the latter was a cake;
So upon that stricken multitude grim melancholy sat,
For there seemed but little chance of Casey’s getting to the bat.

But Flynn let drive a single, to the wonderment of all,
And Blake, the much despis-ed, tore the cover off the ball;
And when the dust had lifted, and the men saw what had occurred,
There was Jimmy safe at second and Flynn a‑hugging third.

Then from 5,000 throats and more there rose a lusty yell;
It rumbled through the valley, it rattled in the dell;
It knocked upon the mountain and recoiled upon the flat,
For Casey, mighty Casey, was advancing to the bat.

There was ease in Casey’s manner as he stepped into his place;
There was pride in Casey’s bearing and a smile on Casey’s face.
And when, responding to the cheers, he lightly doffed his hat,
No stranger in the crowd could doubt ‘twas Casey at the bat.

Ten thousand eyes were on him as he rubbed his hands with dirt;
Five thousand tongues applauded when he wiped them on his shirt.
Then while the writhing pitcher ground the ball into his hip,
Defiance gleamed in Casey’s eye, a sneer curled Casey’s lip.

And now the leather-covered sphere came hurtling through the air,
And Casey stood a‑watching it in haughty grandeur there.
Close by the sturdy batsman the ball unheeded sped-
“That ain’t my style,” said Casey. “Strike one,” the umpire said.

From the benches, black with people, there went up a muffled roar,
Like the beating of the storm-waves on a stern and distant shore.
“Kill him! Kill the umpire!” shouted someone on the stand;
And it’s likely they’d a‑killed him had not Casey raised his hand.

With a smile of Christian charity great Casey’s visage shown;
He stilled the rising tumult; he made the game go on;
He signaled to the pitcher, and once more the spheroid flew;
But Casey still ignored it, and the umpire said, “Strike two.”

“Fraud!” cried the maddened thousands, and echo answered fraud;
But one scornful look from Casey and the audience was awed.
They saw his face grow stern and cold, they saw his muscles strain,
And they knew that Casey wouldn’t let that ball go by again.

The sneer is gone from Casey’s lip, his teeth are clenched in hate;
He pounds with cruel violence his bat upon the plate.
And now the pitcher holds the ball, and now he lets it go,
And now the air is shattered by the force of Casey’s blow.

Oh, somewhere in this favored land the sun is shining bright;
The band is playing somewhere, and somewhere hearts are light,
And somewhere men are laughing, and somewhere children shout;
But there is no joy in Mudville – mighty Casey has struck out.

Published in The Examiner (San Francisco) (3 June 1888)

Wie viele andere bin ich durch einen Aufsatz von Martin Gardner auf das Gedicht aufmerksam geworden. Es gibt viele Aufnahmen davon, Links alle bei Wikipedia. Fortsetzungen, Parodien, Neufassungen gibt es zuhauf; verschiedene Fassungen sowieso.

Mit Schülern kann man die Handlung zusammenfassen, die wenigen wichtigen Spielpositionen aufzeichnen und überprüfen, ob die Baseballregeln sitzen. Außerdem kann man mock-heroic untersuchen und die verschiedenen Register des Gedichts untersuchen, die nicht alle zur letztlich ja banalen Handlung passen.

Omar, der Zeltmacher

Die Schule ist vormittags gerade angenehm, mehr als nachmittags: Übungsaufsatz, Klausur, Schulaufgabe, Notenschluss. Brr. Nach angenehm ruhigen Weihnachtsferien komme ich jetzt nicht genug dazu, herumzusitzen und blöd zu schauen. (Fachausdruck.) Dabei brauche ich das.

Deshalb nur kurz, ohne konkreten Anlass, ein Hinweis auf Omar Chayyam. Omar war ein persischer Gelehrter des Mittelalters, ein Philosoph und Mathematiker. Laien wie ich kennen ihn aber vor allem über seine Rubaiyat, eine lose Sammlung vierzeiliger Verse. In England kennt man vor allem die Übersetzung durch Edward Fitzgerald, und das Pseudonym “Saki” des Autors H. H. Munro stammt vom Namen einer Figur aus den Rubaiyat

Das Weltbild der Gedichte ist zutiefst diesseitig, unreligiös, naturwissenschaftlich, manchmal zynisch, fatalistisch, aber nicht unfröhlich. Wiederkehrende Motive: Der Lehm, aus dem der Mensch kommt und zu dem er wird; der Alkohol, in den man sich flüchtet, die Sinnlosigkeit der Existenz, an der man trotzdem nicht verzweifeln muss.

Der Töpfer in der Werkstatt stand
Und formte einen Krug gewandt,
Den Deckel aus eines Königs Kopf,
Den Henkel aus eines Bettlers Hand.

Nimm an, dein Leben sei ganz nach Wunsch gewesen – was dann?
Und wenn das Lebensbuch nun ausgelesen – was dann?
Nimm an, du lebtest in Freuden hundert Jahr -
Nimm meinthalb an, es seien zweihundert gewesen – was dann?

Ein Liederbuch, ein Brot, ein irdner Krug voll Wein,
Vom Lamm ein Schenkelstück – und dann so ganz allein
In weiter Flur mit dir, du tulpenwang’ge Maid,
Ein Sultan möchte wohl an meiner Stelle sein!

In einem Arm den Krug, im andern den Koran,
Bald auf dem graden Weg, bald auf verbotner Bahn,
So bin ich unter dem türkisgewölbten Dom
Kein ganzer Heide und kein rechter Muselman.

An sich lese ich die Rubaiyat lieber auf Englisch, so habe ich sie kennen gelernt. Mein liebstes Rubai ist aber diese geniale Übersetzung von Friedrich Rosen:

Der flüssige Rubin, der sich ergießt
Und lachend aus dem Hals der Flasche fließt,
Ist eines Herzens Blut – und der Kristall
Ist eine Träne, die ihn rings umschließt.

Daran muss ich jedesmal denken, wenn ich aus einer Flasche Rotwein einschenke und der Wein dieses glucksende Geräusch macht.

Comics zum Herunterladen

Also gut, wir sagen nicht Comics dazu, sondern Graphic Novels. Hier sind Lektürevorschläge: Links zu 17 ausgesuchten graphic novels zum Herunterladen.

Besonders zu empfehlen: Das jeweils erste Heft von The Sandman, den ich hier schon oft genug empfohlen habe, von Fables und von Y: The Last Man. Als pdf herunterzuladen, in bildschirmgenmäßer Auflösung. Vorn dran eine Aufkleber: Mature Material, bitte erst ab 18 Jahren lesen. Ich denke, ab der 11. Klasse kann man die Hefte unseren Schülern zumuten.

Vielleicht schaffe ich es ja jetzt doch mal, eine Comicsequenz zu machen. Jetzt habe ich jedenfalls Material, das die Schüler lesen können. Comics lesen sich am Bildschirm nicht so schnell wie in Heftform – aber das könnte sogar ein Vorteil sein, weil man so jedem einzelnen Bild mehr Aufmerksamkeit schenkt, auf die Gefahr hin, den größeren Handlungszusammenhang aus den Augen zu verlieren.

(Gefunden bei WWdN.)