Rubrizieren

Rubrizieren (aus mlat. rubricare “rot malen”):

1. kategorieren, klassifizieren, einordnen
2. rot einfärben

Irgendwann habe ich mal erfahren, dass das Wort “rubrizieren” (davon abgeleitet: Rubrik) vom lateinischen “rot färben” kommt, und zwar aus der Handschriftenerstellung – das Rotfärben einzelner Buchstaben, so wie “illuminieren” das Einfügen der liebevollen Buchmalereien ist.

Seitdem benutze ich das Wort für den Vorgang, die Punkte für die verschiedenen Teilaufgaben mit Rot in die fertigen Schulaufgaben einzutragen sowie die Note vorne in Rot aufs Blatt zu schreiben. Als Referendar habe ich das noch mit Bleistift gemacht, danach ausradiert – das mache ich schon lange nicht mehr. Ich tippe die Punkte in den Computer und übertrage sie von dort.

Beim diesjährigen Abitur habe ich mir von Kollegen eine noch einfachere Technik abgeschaut: Ich drucke die Punkte zusammen mit der Gesamtsumme, der Note und dem Namen des Schülers auf einen Zettel und lege den der Schulaufgabe bei. Damit beschränkt sich das Rubrizieren auf die Note auf dem ersten Blatt bzw. Deckblatt.

Hoffentlich stirbt das schöne Wort dann nicht aus.

Non sequitur: Beim inoffiziellen Lehrerzimmer-EM-Fußballtoto habe ich für jedes Spiel der ersten Runde ein Ergebnis von 1:1 getippt. Durch das verwendete Punktverfahren kann man bei unentschiedenen Spielen eventuell überproportional mehr Punkte machen als bei anderen Ergbnissen, und das werden wir so überprüfen. Diesmal war mir das bloße Raten zu aufwendig, das mich – bei rundum fehlendem Fußball-Sachverstand oder ‑Interesse – letztes Mal auf den vierten Platz gebracht hatte, weit vor den Experten im Kollegium.

R’lyehan tourist phrasebook

Man muss Lovecraft kennen, aber dann ist das schon sehr lustig. (Auf einem Con aufgeschnappt.)

R’lyehan tourist phrasebook:

Help. I am being devoured by your octopus.

My species does not breathe water.

No thank you. I do not wish a fungus.

I’m sorry, no. I have claustrophobia.

You seem to have a frog in your throat.
You seem to have a frog in your soup.
You seem to have a frog in your pants.

Would you like a lemon drop?

(Via WWdN: In Exile, from Overheard at WisCon.)

Frühling im Kopierer

Nach dem Kopieren in der Schule ist mir ein kleiner Käfer aus meinen Unterlagen entgegengekrochen. Da habe ich mir noch nichts dabei gedacht.

Als ich mir danach den Klassensatz Kopien angeschaut habe, habe ich’s gesehen:

Die Schüler haben sich sehr gefreut, waren aber erleichtert, als ich ihnen sagen konnte, dass ich den Käfer danach noch lebend gesehen habe.

Sommerpause auf dem Balkon

Eben bin ich auch mit der Zweitkorrektur des LK-Abiturs fertig geworden, insgesamt gut 45 Arbeiten. Es reicht jetzt erst einmal. Dafür hat man mich dieses Jahr aber vom Colloquium freigehalten, ich muss keinen Beisitzer machen. Fair enough.

Die Kurzgeschichte aus Thema 2 – “A Temporary Matter” von Jhumpa Lahiri – hatte mich zuerst unglaublich wenig interessiert. Tatsächlich sind die zweieinhalb Seiten aber nur der Anfang und enthalten gar nicht mal das zentrale Element der vollständigen Geschichte (Inhaltsangabe).

Thema 1 war eher das meine (bei Tulgeywood kann man mehr darüber lesen). Ich bin aber auch Fan von roadside attractions, die mit kleineren theme parks viel gemein haben, und keine meiner Englischklassen kommt an Weird Al Yankovics “The Biggest Ball of Twine in Minnesota” vorbei.

Schöne Links für heute:

The World Atlas of Language Structures online: Google Maps mit linguistischen Phänomenen, etwa zu Zahlensystemen (dezimal, Zwanzigerbasis, Mischformen). (Gefunden über Linkspenderin Condoleeza.)

Tag Galaxy: Ein wunderschönes Spielzeug – wieder eine andere Art der Informationsdarstellung mit tags auf Basis der Flickr-Bildervorrats. (Gefunden bei Indiskretion Ehrensache.)

Und der Balkon? Und die Sommerpause? Da gehe ich jetzt hin, Feierabend machen, mit einem Longdrink und einem langsam zu lesenden Buch.

G.W. Dahlquist, The Glass Books of the Dream Eaters

Im Urlaub gelesen, kleine Vorgeschichte dazu: Vor eineinhalb Jahren hatte ich noch den Penguin Podcast abonniert, und dort wurde in drei Folgen dieses Buch vorgestellt – Alfred Molina las einige Abschnitte. Es war gerade mal nicht gut genug, als dass ich es damals bestellt hätte, aber doch so spannend, dass ich es im Kopf behalten habe. Das lag zum einen am Podcast selber: Auch wenn ich Hörbücher eigentlich nicht mag, war das Zuhör-Erlebnis bei den Abenteuern der nichtsahnenden Heldin, die sich – maskiert, heimlich, gefangen, entkommen – durch ein Anwesen mit Dienstboten, Labor, Operationsraum, geheimen Riten schleicht, doch sehr eindrucksvoll. Da ist mehr hängen geblieben als es nach bloßer Lektüre der Fall gewesen wäre.
Zum anderen lag das an der Publikationsform: Die englische Ausgabe des Buches – anders als das amerikanische Original – wurde zuerst in zehn einzelnen Folgen veröffentlicht, die man abonnieren konnte. (Rezension mit Fotos der installments.) Und das schien mir inhaltlich und von der Leseweise sehr zu diesem Roman zu passen.

Dieser Roman ist – oder will sein – ein Schundroman auf hohem Niveau, ein Abenteuerroman, ein trivialer Reißer des späten 19. Jahrhunderts. Und er ist spannend, ich habe die 750 Seiten wirklich halbwegs atemlos gelesen. Der Klappentext wirft um sich mit Dickens, Sherlock Holmes, Rider Haggard, Buffy, Marquis de Sade und Poe. Passt nicht ganz. Alexandre Dumas und Jules Verne, das schon eher. Gar nicht genannt wird das für mich deutlich erkennbare Vorbild The League of Extraordinary Gentleman (das – überschätzte – Comic, nicht die läppische Verfilmung).

Wir haben drei Helden, eine große Verschwörung, jede Menge Steampunk-Elemente, Gehirnkontrolle, Degenstöcke; ständig wird durch Gänge geschlichen und durch Schlüssellöcher geschaut – in Bibliotheken, Laboren, Schlössern, Kerkern, über- und unterirdisch, dazu etwas arg aufgesetzte Erotik.

Erzählperspektivisch interessant ist der Schauplatz – man geht automatisch davon aus, dass die Stadt London ist (Fluß, Nebel, Droschken), auch wenn einem die Straßennamen erst einmal unbekannt sind. Und nach und nach merkt man, dass nie der Name der Stadt genannt wird, nie ein bekannter Straßenname auftaucht. Es gibt Deutschland, das Baltikum, normannische Architektur, eine alternde Königin, Herzöge, aber nie fällt das Wort “England” oder auch nur “Englisch”. Triviales Detail, aber für mich wars reizvoll.
Es gibt drei Helden und drei Perspektiven. Zuerst erleben wir die Abenteuer von Miss Temple mit, an deren vorläufigem Ende sie einem Mann im roten Mantel begegnet. Der ist der Held des zweiten Abschnittes, er trifft auf die Spuren von Miss Temple und in einer dramatisch Szene helfen er und ein Unbekannter sich gegenseitig. Der Unbekannte ist der Held des dritten Abschnittes, Dr Svenson. Das nächste Großkapitel verbringen die Helden gemeinsam, stellen sich einander vor, tauschen Informationen aus. Und da wusste ich schon, dass sie sich gleich wieder aus nichtigen Gründen trennen würden – und so geschah es, bis sie erst wieder im letzten der zehn Abschnitte Seite an Seite stehen. Trotzdem, und das fand ich interessant, kriegt man ungefähr mit, was die anderen Helden so treiben. Das eine Team stößt auf den blutbefleckten Mantel eines Mitstreiters im Gang, und man weiß, dass man in nächsten Abschnitt lesen wird, wie der dorthin gekommen ist. Es ist fast wie Split Screen im Film – eine Technik, die ich liebe, auch wenn mich die Serie 24, in der das viel eingesetzt wird, kalt lässt.

An Fernsehserien dachte ich trotz des Fortsetzungscharakters des Buches nicht, sondern an Computerspiele. Ich konnte mir genau vorstellen, wie meine Spieleversion des Buches aussehen würde. Ein Ego-Shooter mit wechselnden Helden, je Abschnitt eine Teilmission, dazwischen cut scenes zum Schauplatzwechsel. Die Kapitel im Luftschiff vielleicht als taktisches RPG.
Die Helden laufen ständig durch Korridore und müssen darauf achten, nicht entdeckt zu werden, können aber auch einfach nur beliebig viele Unterlinge niederknüppeln. Die – nur ihren Dienst erfüllenden – Soldaten des Captain Smythe sollte man verschonen, also umgehen oder vorbeischleichen, damit einem beim Showdown genügend davon zur Seite stehen können, um zum nächsten Level vorzurücken. Überhaupt, je mehr Leute man umbringt, desto empfänglicher wird man für das geheimnisvolle blaue Glas in seinen verschiedenen Spielarten – als Pulver, als Karte, als Buch. (Angezeigt durch einen blauen Balken, wie das bei solchen Spielen gerne mal ist.) Deshalb sollte man sich da zurückhalten. Zwischendurch sammelt man Gesundheitselixiere ein – es ist ohnehin nur durch diese zu erklären, wie die Helden des Buchs all die Kämpfe und Jagden gegen weitaus mächtigere Gegner überstehen. Informationen und Gegenstände mit Hinweisen (Glasbuch, Glasschlüssel) sammelt man ebenso ein wie Waffen, und zwischendurch erfährt man von einem Nichtspielercharakter eine Zusammenfassung des Plots. Der ist im Buch ähnlich undurchschaubar wie in Computerspielen und bedarf der regelmäßigen Zusammenfassung.
Bleibt nur, und das ist wieder reizvoll, der Perspektivenwechsel. Wie kriegt man es hin, dass sich die Helden gegenseitig Türen aufschließen und Gegenstände bereitstellen, ohne dass sich sich über den Weg laufen? Aber das kriegt man sicher auch hin.

Diese Tage ist der zweite Band als Taschenbuch erschienen. Werde ich ihn lesen? Vermutlich. Aber erst wieder im Urlaub, wenn ich ihn als Sonderangebot sehe und Lesefutter brauche.

Iron Man


Tales of Suspense #39 (March 1963), cover art by Jack Kirby & Don Heck (Quelle: Wikipedia)

Im Kino gewesen, Iron Man gesehen. Ich hatte es ja schon vorher gehört und gar nicht glauben wollen: Der Film ist nicht schlecht. (Immer vorausgesetzt, man hat nichts gegen Superheldenfilme.) Dabei ist Iron Man einer der Superhelden, die ich am wenigsten mag oder verstehe, auch wenn ich mehr Hefte davon gelesen habe, als man denken möchte. Und davon ein Film?

Aber er hat mir fast durchgehend gefallen – Jeff Bridges toll, Robert Downey jr. toll. Lediglich der obligatorische Schlusskampf – großer Eisenmensch gegen kleiner Eisenmensch – war technisch gut, aber dramatisch uninteressant. Ich verzichte gerne auf solche Schlusskämpfe.

Der Fanboy in mir hat sich vor allem über die vielen Insider-Details im Film gefreut. Tony Starks Wohnung, der elektronische Jarvis, Happy Hogan als Chauffeur, die vielen Ideen für zukünftige Plots, die angelegt wurden – die Ringe des Mandarin, Tony Starks Alkoholismus. Und dann natürlich die wirklichen Zuckerstücke: Die wunderbaren SHIELD-Agenten, die sich am Anfang unaufällig durch den Film ziehen und ihren Höhepunkt in der kleinen Sequenz nach dem Abspann finden (also unbedingt bis zum Schluss dableiben): Nick Fury spricht Tony Stark auf “The Avengers Initiative” an. “You’ve just become a part of a bigger universe”. Mhmmmmm.


The Avengers #4 (Mar. 1964), cover art by Jack Kirby & George Roussos (Quelle: Wikipedia)

Denn Marvel-Fans wissen: “The Avengers” war das erste bunte Superheldenteam von Marvel, wenn man die Fantastische Familie mal als Einheit sieht. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Iron Man, Hulk, Thor und Ant-Man und The Wasp. (Bald stieß auch noch Captain America dazu, Hulk ging ebensobald weg.) Marvel zeichnete sich – anders als der Konkurrent DC – durch ein “shared universe” aus, Geschehen in einem Heft beeinflussten andere Hefte, Helden liefen sich über den Weg und so weiter. Mit den bisherigen Marvel-Filmen war das aus lizenrechtlichen Gründen nicht möglich, aber das ist mit den neuen Produktionen anders. Dieses Jahr kommt The Incredible Hulk heraus, gerüchteweise mit Gastauftritten von Tony Stark und SHIELD, auch das Super-Soldier-Serum von Captain America (dessen Schild auch in Iron Man kurz zu sehen war) soll auftauchen. Für 2010 ist nicht nur Iron Man 2 geplant, sondern auch Thor. Lange Geschichte.


Thor #272 (June 1978), cover art by John Buscema & Tom Palmer (Quelle: Wikipedia)

Thor ist der germanische Donnergott, den es auf die Erde verschlägt. Stan Lee hatte schon alle möglichen Arten durch, wie man Superheld werden kann, und verfiel 1962 auf die Idee, dass der ruhige, am Stock gehende Arzt Don Blake zufällig in einer Höhle einen Holzstab findet, der sich in Thors Hammer Mjölnir verwandelt – und Don Blake gleich mit in Thor. Nun ja. Bald danach tauchten die anderen germanischen Götter auf – Loki, Odin, Baldur. Irgendwann war die Verwandlung von Don Blake in Thor dann doch nicht mehr haltbar und es stellte sich rückwirkend heraus, dass Don Blake eigentlich schon immer Thor gewesen und – zur Strafe – mit Gedächtnisverlust auf die Erde verbannt worden war. Und das wollen die verfilmen? Kann ich mir noch weniger vorstellen als Iron Man. Tatsächlich soll Thors Geschichte im Film aus dem Wandel eines alttestamentarischen in einen neutestamentarischen Gott bestehen (Interview, Dezember 2007). Mal sehen.

Für 2010 ist außerdem Ant-Man geplant, um einen schrumpfenden Superhelden. Mindestens ebenso lange Geschichte.

Jedenfalls haben wir bis dahin für alle Gründungsmitglieder der Avengers mindestens einen Film, und siehe da: Für 2011 sind The First Avenger: Captain America und The Avengers vorgesehen. Fanboy heaven.

Maccaroni and Cheese

Ich ess ja gerne mal ungesund. Ein englisches Nationalgericht ist neben Cheese on Toast auch Maccaroni and Cheese. Das kann sicher lecker sein, Nudeln in Käsesauce. Kann man gut machen. Tatsächlich wird das Zeug aber auch in Dosen verkauft. Wenn man die aufmacht, sieht das dann so aus:

Und das schmeckt richtig, richtig grässlich. Ich habe zwei Löffel davon gegessen, sogar heiß gemacht. Künstlich, weich, sabberig. Jetzt fehlen mir nur noch die kleingeschnittenen Spaghetti mit Tomatensauce aus der Dose. Schlimmer können die nicht sein.

Es gibt aber auch leckeres Essen in England:

Das Wetter ist ordentlich, ich warte aber auf das versprochene Nochschönerewetter.

Ich sehe viel fern, erwähnenswerte Shows sind: “Hider in the House”, bei dem eine mindere Zelebrität 48 Stunden im Haus einer Familie versteckt werden muss, ohne dass das eine Elternteil (dem weisgemacht wird, es ginge um eine ganz andere Fernsehshow) das mitkriegt. Das andere Elternteil und die Kinder müssen zwischendrin Aufgaben erfüllen, ein eher undurchsichtiges Format.
Spannender war The Sorcerer’s Apprentice von 2007. Nach dem Vorbild von “The Apprentice” kandidieren ein gutes Dutzend Jungen und Mädchen in einer Zauberschule um die Rolle als erfolgreichster Bühnenzauberer. Das Format ist für mich interessanter als andere solche Sendungen, weil ich Zaubern klasse finde und Schülern gerne beim Lernen zusehe. Und sie lernen während der Sendungen Tricks, müssen sie üben und auf der Bühne präsentieren. (Daneben gemeinsames Essen, Teambildung, Streitereien, was solche Programme halt ausmacht.)
Außerdem ist mir aufgefallen, dass alle die neuen Koch‑, Essens- und Restaurantshows, die es in Deutschland in den letzten Jahren gibt, englische Formate sind. Brauchen die Deutschen also nicht auf die englische Küche herabzusehen.

Zum Schluss noch ein Bild vom Strand.

Enja Riegel, Schule kann gelingen!

Enja Riegel kennt man zumindest dem Namen nach seit der internationalen PISA-Studie von 2001, in der fünfzehnjährige Schüler aller Schularten unter anderem auf Lesefähigkeit, Mathematik und naturwissenschaftliches Denken geprüft wurden. Inzwischen ist Enja Riegel pensioniert, aber damals leitete sie die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden (Homepage/Wikipedia). Die Schule ist nicht nur eine Gesamtschule, sondern sonst pädagogisch sehr viel moderner und freier ist als die meisten anderen Schulen. (Und unter anderem eine Unesco-Projektschule, wobei ich mich noch nicht informiert habe, was das genau heißt.)

Im Urlaub habe ich ein Buch aus dem Jahr 2004 dazu gelesen, in dem die Schule vorgestellt wird:

Die erste Hälfte hat mich etwas genervt. Zum einen musste ich erst einmal den Neid überwinden, den ich verspüre, wenn jemand so tolle Sachen machen kann, macht, und damit so großen Erfolg hat. Da würde ich auch gerne mitmachen, denke ich, aber natürlich hält mich meine Trägheit in Wirklichkeit davon ab, auf die Suche nach einer solchen Schule zu gehen. Zum anderen ist der Tonfall einfach nicht der meine:

“Zeig mir doch mal dein Heft.” Thomas, den der Lehrer, ohne dass die anderen es mitbekommen haben, nach der Stunde zu sich geholt hat, rührt sich nicht.

So beginnt das Buch, und diese kleinen Anekdoten und Fallbeispiele im Präsens mag ich nicht. Aber das ist Geschmackssache. Ein weiteres meiner Probleme mit dem Buch ist, dass ich wohl nicht das Zielpublikum bin. All die praktischen und technischen Fragen, die ich mir als Lehrer in Bayern am Gymnasium unwillkürlich stelle, wenn Riegel einzelne Projekte schildert, bleiben unbeantwortet.
Aber letztlich habe ich eingesehen, dass das Buch diese meine Fragen auch nicht beantworten will. Anders als der kleine Störer auf dem eher hässlichen Titelbild behauptet, ist es eben nicht “Eine konkrete Anleitung für bessere Schulen”. Sondern eine Beschreibung der Helene-Lange-Schule, nicht mehr, aber auch nicht weniger, mit gelegentlichen Ausflügen zur Geschichte der Schule und den Problemen, die bei der Umgestaltung der Schule zu bewältigen waren – zu wenig davon für meinen Geschmack. Wie man solche Reformen durchsetzt, das hängt aber auch von Fall zu Fall ab und ist in jeder Schulart, in jedem Bundesland, in jedem Kollegium anders. Riegel zeigt lediglich, wohin man kommen kann, wenn man nur will.

Zum Konzept der Helene-Lange-Schule, so wie es in diesem Buch dargestellt wird und ich es verstanden habe, gehören neben vielen weiteren Punkten auch folgende Rahmenbedingungen:

  • Jeder Jahrgang (5–10) besteht aus vier Klassen mit jeweils 25 Schülern.
  • Jede Klasse hat ein eigenes Zimmer, das nicht von anderen Klassen mitbenutzt wird und in dem auch möglichst oft die Fächer unterrichtet werden, die üblicherweise in Fachräumen stattfinden.
  • Jeder Jahrgang hat einen gemeinsamen Raum und ein gemeinsames kleines Lehrerzimmer.
  • Jede Klasse wird von einem Team von 8–10 Lehrern unterrichtet, die möglichst viel Zeit in dieser Klasse verbringen, also in möglichst viel Fächern eingesetzt werden, oft auch fachfremd.
  • Diese Lehrer bleiben auch in den folgenden Jahrgangsstufen bei dieser Klasse.
  • Die Stundentafel wird insofern geändert, als alle Fachunterrichte Stunden abgeben; dieser Pool wird für offenes Lernen und Projektarbeit eingeplant.
  • Projekte und deren Präsentation spielen eine große Rolle im Schulleben.
  • Die Lehrerteams einer Klasse sprechen sich ab und machen einen themenorientierten Jahresplan.
  • Die Schule muss als Gesamtschule zwischen Leistungsgruppen differenzieren; dies geschieht nicht, wie eigentlich vorgesehen, in verschiedenen Kursgruppen, sondern durch Differenzierung im Unterricht (und zweierlei unterschiedlich schwierige Tests für die verschiedenen Schüler).
  • Die Schüler putzen ihre Räume selber. Und eben nicht wie bei uns halbscharig und weil der Sachaufwandsträger kein Geld für Putzpersonal hat – im Gegenteil, das Putzgeld lässt sich die Schule von ihm auszahlen.
  • Der Religionsunterricht findet nicht konfessionell getrennt statt.

Und was dergleichen Unmöglichkeiten mehr sind. Die Lehrer zeigen viel Einsatz, von Eltern wird das auch erwartet. Theater wird viel gespielt. Geld ist da, aber das verdient sich die Schule auch selber.

Ansonsten, und das ist das, was ich von dem Buch vor allem mitnehme, gelten für diese öffentliche Schule im Prinzip die gleichen Lehrpläne, Vorschriften, Erlasse wie für alle anderen Schulen. Manche davon muss man kreativ erfüllen, andere umgehen. Und das kann man anscheinend, wenn man will. Das Buch von Riegel sagt leider nicht, wie man dorthin kommt, wo die Helene-Lange-Schule ist, und auch das hat schließlich zwanzig Jahre gedauert – aber es zeigt, dass es möglich ist. Man muss wohl ein Ziel haben, auf das man nach und nach hinarbeitet. Man braucht die richtigen Lehrer und die richtige Schulleitung. Reinhard Kahl stellt in einem Nachwort Enja Riegel vor und beschreibt dabei auch andere Schulleitermodelle, die ich aus der Praxis, ähem, wiedererkannt habe.

Jedenfalls geht mehr als man denkt. Selbst in Bayern können die Hindernisse nicht so viel unüberwindlicher sein als in Hessen. Also, bis auf das mit dem Religionsunterricht, versteht sich.

Studie: Handys gefährlich für Kinder?

Gestern im Independent on Sunday gelesen: “Using a mobile phone while pregnant can seriously damage your baby”. Amerikanische (und dänische) Wissenschaftler haben herausgefunden, dass es bei bestimmten Risikogruppen vermehrt Verhaltensauffälligkeiten gibt. Und zwar wenn die Mütter mehr als zwei- bis dreimal am Tag am Handy telefonieren, verstärkt noch dadurch, wenn Kinder vor ihrem 7. Lebensjahr selber Handys benutzen. In diesem Fall seien die Kinder:

80 per cent more likely to suffer from difficulties with behaviour. They were 25 per cent more at risk from emotional problems, 34 per cent more likely to suffer from difficulties relating to their peers, 35 per cent more likely to be hyperactive, and 49 per cent more prone to problems with conduct.

Das soll die Gefährlichkeit von Handys belegen. Laut Artikel gibt es noch keinerlei Erkenntnisse darüber, wie Handys (und deren Strahlung, vermutlich) zu den Verhaltensauffälligkeiten führen könnten.

Nun ja.

Immerhin wollen laut Artikel die Daten der Studie sehr vorsichtig bewertet werden. Andere mögliche Erklärungen – die mir sehr naheliegend erscheinen – seien nicht untersucht worden, etwa die, dass Mütter, die ihren Kindern unter sieben Jahren ein Handy geben, vielleicht aus anderen Gründen eher verhaltensauffällige Kinder haben.

Die Pipette

9. Klasse Deutsch, es ging um Sprachvarianten, Jugendsprache, Behördensprache, Fachsprachen. Irgendwie tauchte das Wort “Pipette” auf und ich behauptete, das Wort gehöre zur Fachsprache Chemie (und verwandter Fachbereiche). Die Schüler widersprachen und meinten, nein, das Wort kenne doch eh jeder.

Gut. So einfach glauben sollen mir die Schüler solche Behauptungen nicht. Im Zug meiner kürzlich erwachten Begeisterung für Empirie haben sich die Schüler also überlegt, wie man nach dem Modell Mythbusters eine oder beide dieser Thesen überprüfen kann.

Die Thesen widersprechen sich eigentlich nicht. Ob ein Wort zu einer Fachsprache gehört, ist schwerer herauszufinden. Immerhin, ein Schülerpaar hat sich an einer Korpusanalyse versucht, nachdem ich ihnen erzählt habe, dass es Sprachkorpora gibt und wie und wozu man sie benutzen kann. (Am einfachsten wäre es, wenn das Wort in Normal- und Fachsprache unterschiedliche Bedeutungen hätte, so wie das Wort “Drama” zum Beispiel. Das ist bei der Pipette aber nicht so. Allerdings haben wir die Synonyme “Saugheber” und “Stechheber” gefunden.)

Die meisten anderen Schüler haben sich darum gekümmert, wie man herausfinden kann, ob das Wort “Pipette” allgemein bekannt ist oder nicht. Dazu wurden verschiedene Fragemethoden ausgearbeitet, worauf die Schüler einige Deutschstunden jeweils zu zweit in der Stadt verbrachten und Leute befragten, auch wenn allen klar war, dass das keine repräsentative Auswahl sein konnte. (Das Wort “Klemmbrett” haben sie so auch kennengelernt.) Eine Schülergruppe hatte ein Mikrophon dabei und will das Material bis nach den Ferien zusammenschneiden.

Herausgefunden haben sie, dass die Leute frühmorgens unfreundlicher sind als später, dass überhaupt Leute ganz schön unfreundlich sein können, und dass es sehr von den ersten Worten abhängt, ob die Leute weiterlaufen oder stehenbleiben.

In der letzten Stunde vor den Ferien präsentierten die Schüler dann, ganz kurz, formlos, ohne Noten, ihre Ergebnisse. Kurz gesagt: Das Wort Pipette ist tatsächlich halbwegs bekannt.


Das Wort “Leiterholm” kommt übrigens aus dem Biologieunterricht, als der Lehrer das Wort in einer Ex verlangte, auch wenn sie es noch nie zuvor gehört hatten.

Das war erst einmal ein kläglicher Anfang mit der Empirie, aber wenn Schüler schon mal wirklich etwas wissen wollen (und das wollten sie), dann muss ich das ausnutzen. Außerdem schadet es den Schülern nicht, im Auftrag der Schule mal raus aus dem Gebäude zu kommen.