Neuer Anlass zum Schreien

Gestern im Regionalexpress: Ein Schwarm junger Frauen, die Junggesellinnenabschied feierten, traf auf ein Rudel junger Männer, die ähnliches trieb. Großes Hallo. Ich wusste gar nicht, dass man das jetzt so macht. Die heiteren jungen Menschen verkauften Schnäpse und Kondome und irgendwelchen Scheiß, pfiffen auf Trillerpfeifen und stießen mit Bierflaschen an.

Wer möchte bloß mit so schlechtem Karma in die Ehe gehen?

Ehrlich gesagt, es war gar nicht so schlimm. Zumindest verbrachten sie einen Großteil der Zeit zwischen den Waggons, oder in einem anderen Waggon, vielleicht auch, weil bei uns kein Platz war. Es hat mich sehr an U- oder S‑Bahn-Fahrten erinnert, bei denen Leute mit Gitarre einsteigen, kurz was vortragen und dann auf Geldsegen hoffen. (In Manhattan waren die sogar richtig gut. In Lokalzügen hier: weniger.) Allerdings blieben die Leute bis nach München im Zug, was den Charme etwas minderte. Man fährt wirklich über eine Stunde aus der Provinz nach München, um dort zu feiern?

Der Krieg ist der Vater aller Dinge, und wohl auch dieses Bankerts. Früher zogen nur die “Ausscheider” brüllenden Horden durch die regionaleren Innenstädte, aber seit immer weniger zum Bund müssen, sucht sich der Schreitrieb wohl andere Anlässe. Heute abend ist ja auch wieder EM.

Abiturfeier 2008

Die Rede der Schulleitung war gut, die des Kollegstufenbetreuers war sehr gut. Zentrale Sätze, an die ich mich erinnere: Wenn euch alle erzählen, der Ernst des Lebens beginnt jetzt, dann ist das nicht wörtlich zu nehmen. Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, das macht nämlich auch Spaß.

Der Vertreter des Elternbeirats wies die Schüler darauf hin, dass es an der Uni und im Beruf darum ginge, zu den Besten zu gehören. Irgendwie schon. Allerdings gehört nur ein Teil unserer Abiturienten zu den Besten, ein Teil wird Mittelfeld sein, ein Teil im unteren Drittel. Sollen wir denen auf den Weg mitgeben, dass sie halt Pech haben? Ich möchte nicht nur in einer Gesellschaft leben, in der es auch denen gut geht, die nicht zu den Besten gehören; ich kann mir auch keine stabile Gesellschaft vorstellen, in der es anders ist.

Insgesamt dauerte das Programm gut 4 1/2 Stunden, was für unsere Abifeiern sehr kurz und zügig ist. (Man vergleiche allerdings: die letzte Oscar-Verleihung dauerte 3 Stunden 21 Minuten.) Danach Buffett und Beisammensein.
An manchen Schulen finden der offizielle Teil – die Übergabe der Zeugnisse – und der inoffizielle – Verabschiedung der LK-Lehrer – getrennt statt, das eine am Vormittag, das andere am Abend. Das geht bei uns schon mal nicht, weil zumindest das alte Schulgebäude keinen wirklich angemessenen Raum dafür hat.

Jeder LK verabschiedete sich mit einem Videofilm. Sehr professionell gemacht, überhaupt die ganze Technik. Sind das nur eine Handvoll Schüler, oder zeigen da plötzlich viele ein Potential und einen Einsatz, den wir im Schullalltag nie zu sehen kriegen? Im Anzug oder Kleid sehen die meisten Schüler und Schülerinnen ohnehin viel erwachsener aus.

Ich bin nicht gut im Verabschieden. Die Schüler sind dann plötzlich so erwachsen und beschäftigt und ich will nicht stören. Außerdem habe ich sie dann schon viele Wochen nicht mehr gesehen.

Ich habe mich auch mit zwei externen Teilnehmern unterhalten, bei denen ich mitgeprüft habe. Der eine war zum zweiten Mal durchgefallen, hatte keine Lust auf Schule und Kollegstufe, und machte dann sein Abitur eben extern. Ich weiß nicht, wie gut es war, und auch nicht, wie er sich vorbereitet hat. (Es gibt Institute, die sich darauf spezialisieren; die kosten unterschiedlich viel Geld und sind unterschiedlich gut.) Die zwei verlorenen Jahre hat er so wieder hereingeholt. Ich kann das sicher nicht jedem empfehlen, aber es scheint zu gehen. Leicht ist es nicht: vier schriftliche und vier mündliche Prüfungen, also acht Fächer, über den Stoff der 12. und 13. Klasse.

Die besten Schüler und diejenigen, die sich auf verschiedene Art um die Schule verdient gemacht hatten, und das waren beides viele, kriegten Buchpreise. Mein Tipp: Passig/Scholz, Lexikon des Unwissens. Gebunden, ein Sachbuch, weist Schüler einmal auf ihre Grenzen, aber noch mehr auf die vielen Möglichkeiten hin, die ihnen offen stehen. (Zu meiner Schulzeit gab es vorne noch eine kalligraphische Widmung mit Unterschrift des Schulleiters. Ich muss mal fragen, wie das jetzt ausschaut.)

Englische Schullektüre

…ist ein neues Blog von Jochen Lueders, ein Gemeinschaftsprojekt verschiedener Autoren. Wenn man mal nicht weiß, was man für eine Lektüre lesen soll, kann man durch die Inhaltsangaben und Anregungen dort blättern. Die Beiträge lassen sich kommentieren und sind verschlagwortet.

Wer mitmachen möchte, liest dort die Seite “Mitmachen”. (Gastbeiträge bei E‑Mail, oder selber Autor werden – da das Blog bei wordpress.com gehostet ist, muss man sich dort angemeldet haben.)

Mal anschauen und mitmachen: Englische Schullektüre.

(Und jetzt bitte noch ein Blog für Deutsch-Schulaufgaben und ‑lektüren. Ich sammle schon intern Schulaufgaben im Hauswiki, aber nicht öffentlich.)

Abistreich 2008

Heute war wieder Abistreich. “Der wird anders als in den letzten Jahren”, habe ich Schüler vorher sagen hören. Nu. Ich wartete eher skeptisch in der vierten Stunde mit meiner Klasse darauf, dass es endlich losging. Wir begannen gar nicht erst mit dem Unterricht, und das war vielleicht schade.

Denn es fing ganz gut an. Wir wurden nicht alle mit vorgehaltenen Wasserpistolen auf den Sportplatz geschickt. Stattdessen kam eine launige Durchsage. Dann erst mal nichts. Vermutlich sollte dann der Unterricht weiterlaufen, damit der einige Minuten später von der nächsten Durchsage unterbrochen wurde. Aber natürlich lief da gar kein Unterricht. (Vielleicht hätte die erste Durchsage lauten sollen: “Fangen Sie ruhig schon mal an mit Unterricht, der Abistreich dauert noch etwas.” Dann hätte man vielleicht wirklich etwas unterbrechen können.)

Die Durchsagen selber waren gemischt. Ein paar launige Scherze. Ein paar Insider-Witze, die in manchen Klassen Schulterzucken auslösen. Aber ein paar gingen in die richtige Richtung. Herr X solle jetzt mal allen Schülern etwas Nettes sagen. Herr Z solle vor dem Schulgebäude Kippen aufsammeln. Mehr davon! Mit meiner Klasse haben wir nach neuen Ideen gesucht. “Herr Rau möge mal alle elektrischen Geräte, die er dabei hat, auf sein Pult legen.” Oder: “Jeder Lehrer erzählt jetzt mal seiner Klasse seinen Lieblingswitz.” So eine Art Simon Says über die Schulsprechanlage.

Danach kamen eine Handvoll Abiturienten in die Klassen. Die, die zu mir kamen, kannte ich nicht, sie stellten sich nicht vor, wir warteten, dass irgend etwas passiert. Vermutlich dachten die, dass da noch irgendwo Unterricht läuft. Dann gingen sie wieder. Nicht ganz durchdacht.

Dann kam ein Abiturient, um mit uns das Alle-die-wo-Spiel zu spielen. Neunte Klasse, ein bisschen spät dafür, aber alle machten mit. Das Alle-die-wo-Spiel kennen die meisten Schüler von Klassensprechertagen und ähnlichen Veranstaltungen: Man sitzt im Stuhlkreis, ein Stuhl weniger als Schüler, ein Schüler steht in der Mitte. Der sagt dann: “Alle, die wo.… ” zum Beispiel: “Jeans anhaben.” Und dann stehen alle, die wo Jeans anhaben, auf und wechseln schnell den Sitzplatz. Währenddessen versucht auch der in der Mitte einen Platz zu ergattern, bis am Schluss ein anderer in der Mitte steht – und die nächste Frage stellt.

Der Witz am Spiel ist natürlich auch der, interessante Fragen zu stellen. Wer am morgen nicht geduscht hat. Wer schon mal geschummelt hat. Wer schon mal… nur der gute Geschmack setzt hier Grenzen. (Beliebte Metafrage: Alle die wo beim Alle-die-wo-Spielen heute schon mal geschwindelt haben.) Man stellt und beantwortet da manchmal auch Fragen, die man sonst umgehen würde. Beispiele aus der Klasse will ich nicht bringen, aber ich weiß jetzt mehr über meine Schüler, als ich eigentlich wissen will.

So oder so zog sich das Spiel hin, und keiner wusste, was Weiteres geplant war. Irgendwann kam dann auch eine Durchsage, dass jetzt alle in den Pausenhof kommen sollen. Zu diesem Zeitpunkt verschwanden die ersten Schülergruppen nach Hause, viele gingen aber auch in den Hof, und die humorvoll-fröhlich-dynamischen Lehrer gingen mit, um dort an üblichen Spielchen teilzunehmen und wasserpistolenbewerten Schülern auszuweichen. Ich blieb mit den anderen Grantlern im Lehrerzimmer, Kaffee trinken.

Fazit: Gute Ansätze. Und immerhin wurde die Kette der Jahr für Jahr gleichen Abistreiche unterbrochen. Vielleicht baut der folgende Jahrgang darauf auf.

Tafeldienst und Klassensprecher: Neue Schülerjobs

Zu den Aufgaben des Klassleiters am Anfang des Schuljahres gehört es, die Wahl eines Klassensprechers und Stellvertreters durchzuführen beziehungsweise zu beaufsichtigen. Aber auch andere Jobs werden zu diesem Zeitpunkt an die Schüler verteilt, wenn auch meist ohne Wahl:

  • Absentenheftführer:Der notiert, wenn Schüler nicht da sind, und sammelt die Entschuldigungszettel ein.
  • Tafeldienst: Wechselt meist wöchentlich.
  • Zetteldienst: Läuft an manchen Schulen ein- oder mehrmals am Tag zu einer Art Briefkasten und schaut, ob Informationen für die Klasse da sind – Unterrichtsvertretungen und ‑ausfälle zum Beispiel.
  • Overheadprojektor… hm, …beauftragter: Der wird bestimmt und in eine Liste eingetragen und macht dann… hm. Ich weiß auch nicht. Wenn der Lehrer sagt: “Wo ist denn euer Overheadprojektor?”, dann läuft der designierte Schüler in die Nachbarklasse und holt ihn, nehme ich an.
  • Religionsbuchwart: Ja, hm. Das Morgengebet ist in Bayern freiwillig, aber nicht unüblich, und wird vom Ministerium begrüßt. Kann entfallen oder durch säkulare Texte ersetzt werden. In jedem Klassenzimmer gibt es bei uns einen kleinen Ordner mit für die Schule geeigneten Gebeten und Texten zum Vorlesen. Auch dafür wird ein Schüler ernannt. Was der dann tun soll, weiß niemand so recht.

In einer neuen Schule – wir ziehen in ein neues Gebäude um – werden neue Jobs fällig, die vielleicht einige der alten ersetzen können. Der Beamerbursche kann den Beamer einstellen und zur Präsentation einrichten. Das kann natürlich auch ein Mädchen machen, aber das alliteriert dann nicht so schön.

Ernsthafter Vorschlag: In jeder Klasse wird einer bestimmt, der für den Kontakt zur Schulhomepage zuständig ist. Der weiß und merkt sich die E‑Mail-Adresse des Homepageteams, um an dieses Material zur Veröffentlichung zu schicken. Und der überlegt sich bei jedem Unterrichtsergebnis, ob das nicht was für die Schul-HP wäre.
Klassenreporter vielleicht, oder klingt das zu schnüffelig? Im Idealfall kann die Schülerin auch noch mit Digitalkamera umgehen und hat Zugang zu einem Scanner.
Meine Schüler freuen sich gerade, weil ich Material von ihnen auf die Homepage stelle; aber sie schlagen nie selber bei einem Text oder anderem Produkt vor, dass man das doch auf die Homepage stellen könnte. Mit einem Klassenreporter (das ist noch nicht die ideale Bezeichnung) hätten sie vielleicht jemand, der sie daran erinnert. Und die Lehrer wissen dadurch auch, wie sie etwas auf die Homepage bringen.

Neue Zeugnisbausteine

Im Amtsblatt vom 30. April 2008 war man so nett, uns zu informieren, dass ab diesem Jahr die Jahreszeugnisse der Schüler zusätzliche Angaben über deren Sprachkenntnisse enthalten. (Leider sind die Amtsblätter nur in rudimentärer Form im Web. Ich weiß auch nicht warum. Aber auf Papier kann man sie bestellen.)

Das heißt, dass bei einem durchschnittlichen Neuntklässler im sprachlichen Zweig (E‑L-F), der in Englisch, Französisch und Latein keine 5 oder 6 im Zeugnis hat, Folgendes unter den Noten steht:

Mit diesem Zeugnis werden Sprachkenntnisse in Englisch entsprechend der Niveaustufe B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen bescheinigt.
Mit diesem Zeugnis werden Sprachkenntnisse in Französisch entsprechend der Niveaustufe A2+ des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen bescheinigt.
Dieses Zeugnis schließt das Kleine Latinum (gesicherte Kenntnisse in Latein gemäß Bekanntmachung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 15. Februar 2008 [KWMBl S. 36]) ein.

Die Texte sind so vorgeben. Ob man vielleicht GER abkürzen darf? Nein? Dann darf ich nicht vergessen, die voreingestellte Schriftgröße deutlich zu reduzieren. Wenn da noch “Schulsanitäter”, “knapp erreicht”, und “Orchester” dazukommen, wird’s ganz schön eng im Formular.

Wenigstens erfahren die Lehrer, Schüler und Eltern dadurch, dass es so etwas wie den GER gibt.

Laut Lehrplan erwerben die Schüler in Englisch nach der 5. Klasse “die kommunikativen Fertigkeiten und sprachlichen Mittel zur ersten elementaren Sprachverwendung entsprechend der Stufe A1 (Breakthrough Level) des Gemeinsamen europäischen [sic] Referenzrahmens”.

A1: Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen. Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten Fragen zu ihrer Person stellen – z.B. wo sie wohnen, was für Leute sie kennen oder was für Dinge sie haben – und kann auf Fragen dieser Art Antwort geben. Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen.

A2: Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z.B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung). Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht. Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.

B1: Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.

Das geht noch weiter mit B2, C1 und C2. Die tatsächlichen Kriterien gibt es noch in viel ausführlicherer Form, nach verschiedenen Teilfähigkeiten getrennt. Wie sehr die Schülerleistungen wirklich den Vorgaben entsprechen, steht auf einem anderen Blatt. Nach der 5. Klassen am Gymnasium sind die meisten Schüler eher A2 als A1, denke ich.

John Irving, The Hotel New Hampshire

Eines der besten Bücher meiner letzten dreißig Lesejahre. Immer noch.

Vor zwanzig Jahren habe ich es zum letzten Mal gelesen, zwei- oder dreimal. An vieles konnte ich mich noch erinnern, anderes hatte ich vergessen.
Ich wusste noch sehr gut, dass ich Gatsby erst nach diesem Buch gelesen hatte, und dass meine Lektüre sehr davon beeinflusst war: “So we beat on, boats against the current, borne back ceaselessly into the past” – dieser Schlusssatz spielt eine große Rolle bei John Irving. Und deshalb kann ich Gatsby nur so lesen, wie er im Buch mir und anderen vor-gelesen wurde.
Vergessen hatte ich allerdings, dass ich Lucia di Lammermoor auch dem Hotel New Hampshire verdanke. Das ist die Oper, die ich vermutlich am besten kenne, wenn auch nicht wirklich gut. Aber ich habe mehrere Aufnahmen davon und kann mich noch an die Langspielplatte aus dem Plattenschrank meiner Eltern erinnern. Die kann ich eigentlich nur wegen John Irving herausgesucht haben aus den vielen anderen Platten.

Zum Buch selber: Damals ein großer Bestseller. Den hatte man natürlich gelesen. Eine Achterbahnfahrt, grotesk, poetisch, traurig, sentimental, bizarr, märchenhaft. Sicher nicht fehlerfrei, aber was mich heute stört, hat mir damals nichts ausgemacht. Ich habe viel gegrinst beim Lesen und oft hatte ich Angst, weiterzulesen, weil mir die Personen ans Herz gewachsen waren und Irving ziemlich abrupte Wendungen zuzutrauen sind. Was heißt abrupt: Er deutet sie auch gerne mal vorher an, was die Sache nicht leichter macht.
Fast sprichwörtlich waren: “Keep passing the open windows.” “Blood and Schlagobers.” “Sorrow floats.” Und der Mann im weißen Dinner Jacket.

Einfluss hat das Buch auch auf meine Salinger-Rezeption gehabt. Der Catcher in the Rye gefällt mir hervorragend, aber meine Favoriten sind die Geschichten um die Glass-Familie – “Franny and Zooey”, “Raise High the Roofbeam, Carpenters”, “Seymour: An Introduction”. (Seymour ist derjenige, der in “A Nice Day for Bananafish” nicht mehr an den offenen Fenstern vorbeigehen konnte.) Beide Familien sind kinderreich, verschroben, gequält, sehr liebevoll im Umgang miteinander. Die Glass-Kinder verbrachten ihre Jugend als Showbusiness-Kuriositäten, die Berry-Familie von John Irving wird in späteren Jahren zum Medien-Liebling. In beiden Familien heißt ein Kind Franny.

Die Glass-Kinder: Seymour, Franny, Zooey, Buddy. Die Berry-Kinder: Frank, Franny, John, Lilly, Egg. Vielleicht will ja mal jemand eine Facharbeit daraus machen? Jedenfalls steht Salinger als nächstes auf meiner Wiederlesenliste.

Cyd Charisse gestorben

Möglicherweise meine Lieblingsnummer von ihr. Eigentlich mag ich textlose Musical-Tanzeinlagen nicht besonders, und lyrische gleich gar nicht. Trotzdem, die gilt:

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“Dancing in the Dark” stammt aus The Band Wagon (1953). Eines der besten. Buch Betty Comden und Adolph Green, wieder mal. Und tolle Musik.

(Das Youtube-Video habe ich bei Frau Klugscheißer gefunden und gleich übernommen.)

Tagebücher

Der Fontanefan kündigt an, sein “politisches Tagebuch”, das er von 1966–1968 und darüber hinaus geführt hat, in Blogform ins Web zu stellen. Die ersten Beiträge sind schon in seinem Tagebuch eines 68ers erschienen.

Ich habe so gut wie nie Tagebuch geführt. Seit gut vier Jahren übernimmt für einen Teil meines Lebens dieses Blog diese Rolle. Allerdings habe ich tatsächlich drei Bände von 1986–1987, und soeben darin geblättert. Das waren eher dicke Terminkalender, und neben vielem kurz gefassten Kram (unreif formulierter Liebeskummer, Schwamm drüber), den ich lieber gar nicht erst lese, ist vor allem notiert, bei wem wir uns zum Rollenspiel getroffen haben, auf welchem Con ich war, welche Bücher und Platten ich gekauft habe. Sehr interessant, für mich zumindest. :-)

Erste Erkenntnisse:

2. Dezember 1986: Mathe-Klausur: 6 P (Die 15 Punkte im Abi weiß ich noch, aber dass ich je so wenig hatte, hatte ich verdrängt.)
17. Dezember 1986: Statt Englisch ins Café (Solche Sachen stehen da öfter drin, als ich dachte. Hm.)
11. Januar 1987: Rumgammeln. (Das ist der ganze Eintrag.)
6. Februar 1987: Nachmittags mit B[.] im Wald trainieren. (Mit selbstgebastelten Schilden und Morgensternen – letztlich aus Tennisbällen, keine Sorge. Lange Geschichte.)
8. April 1987: Werde wohl doch Anglistik studieren. (Das hätte ich nicht gedacht, dass ich das da schon wusste.)

Bei Gelegenheit gehe ich die Bücher mal durch, ob da etwas Interessantes drin steht. Sprachlich sind sie eher, hm, erbärmlich, aber sie rufen Erinnerungen wach und machen Zeitpunkte fix.

In other news: Heute im Computerraum hat eine Schülerin tatsächlich das Mindmap-Programm zum Aufzeichnen von Notizen verwendet, mit dem ich den Schülern “hierarchische Ordnungsstrukturen” (Lehrplan Informatik) beizubringen versucht habe. Über Mindmaps und Verwandtes will ich auch bald etwas schreiben.

Efronsche Würfel

(Auch wenn Wikipedia und weitere Fundstellen “Efrons Würfel” dazu sagen: Zumindest in der Überschrift bleibe ich bei der Version, an die ich mich gewöhnt habe.)

Ein bisschen Mathematik:

Wenn Groucho älter ist als Chico, und Chico älter als Harpo, dann ist Groucho auch älter Harpo. So ist es in der wirklichen Welt, und in der Mathematik heißt das, dass “älter sein” eine transitive Beziehung ist. Dass “älter sein” transitiv ist, ist einleuchtend. Aber nicht alle Beziehungen sind transitiv, und das widerspricht manchmal der Intuition.

So zum Beispiel “besser sein”, im Sinne von Fußballmannschaften oder Schülern. Wenn A eine bessere Mannschaft ist als B, und B eine bessere Mannschaft als C, ist A dann automatisch eine bessere Mannschaft als C?

Efronsche Würfel sind ein Sonderfall von nicht-transitiven Würfeln. Es gibt beliebig viele Varianten davon; es können zum Beispiel vier normale sechsseitige Würfel mit folgender Beschriftung sein:

Würfel A: 4, 4, 4, 4, 0, 0
Würfel B: 3, 3, 3, 3, 3, 3
Würfel C: 6, 6, 2, 2, 2, 2
Würfel D: 5, 5, 5, 1, 1, 1

Diese vier Würfel haben folgende Eigenschaft: Keiner von ihnen ist der beste. (Besser heißt hier, dass man mit einem Würfel eine größere Chance hat, eine höhere Zahl zu würfeln, als mit einem anderem.)

Würfel A gewinnt gegen Würfel B mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3.
Würfel B gewinnt gegen Würfel C mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3.
Würfel C gewinnt gegen Würfel D mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3.
Würfel D gewinnt gegen Würfel A mit einer Wahrscheinlichkeit von 2/3.

“Besser sein” ist in diesem Fall eben nicht transitiv. Insofern ist “kann besser Englisch” wohl auch nicht transitiv, denke ich – anders als Schulnoten das suggerieren.

Weitere intransitive Würfel und eine ausführlichere Erklärung bei Wikipedia. Das wollte ich nur mal loswerden.