Vorletzter Schultag 2008

Allgemeine Erschöpfung. Hitze, Jahresendarbeiten. Fast das ganze Jahr durch habe ich meine Papierstapel und den Schreibtisch in Ordnung gehalten. Für jede Klasse ein eigenes kleines Stapelchen. Aber seit zwei Wochen baue ich nur noch einen großen Turm, und der sieht auch nicht mehr so schön aufrecht und gerade aus, sondern wird immer pyramidenförmiger. Man sagt auch: “Haufen” dazu.

In den letzten Tagen sind die Schüler durchs neue Schulgebäude geführt worden, das in wenigen Wochen bezugsfertig ist. Noch wird gestrichen und geklebt. Heute haben Schüler der K12 das alte Gebäud ezum Abschied geschmückt, ich bringe morgen hoffentlich ein Foto davon mit.

Jahrgangsstufentests 2008: Neue Termine

7.10.2008 (Mathe 8, Deutsch 6, Englisch 10)
9.10.2008 (Mathe 10, Deutsch 8, Englisch 6)

Sommerloch 1:

“Schulerfolg darf nicht von Noten abhängen” (BLLV)

Noten sollen individuellen Lernfortschritt abbilden und nicht absolute Fähigkeiten. Und Ziffern sollen es gleich gar nicht sein.

Sommerloch 2:

“Pro und Contra Schulschwänzer: Trotz Schule in den Urlaub? (Süddeutsche)”

“Gestresste Eltern fordern: Gleitzeit für Schüler! Andere finden, dass Lügen nicht in Ordnung ist, nur weil man 200 Euro spart. Ein Pro und Contra zum Thema Urlaub schon vor Ferienbeginn.”

Sommerloch 3:

Max Schmidt, Chef des bayerischen Philologenverbands, kommt ohne Verweise aus. (SZ-Magazin.) Schön für ihn. Ich weiß ja nicht, wieviel man als BPV-Vorsitzender so unterrichtet und in welche Jahrgangsstufe. Ich habe dieses Jahr auch keinen Verweis erteilt, rechne mir das aber nicht als Verdienst an. Recht hat er aber mit: “Ein Verweis, der zu Hause lächerlich gemacht wird, ist schädlicher für die Autorität als gar keiner.” (Dank an Jochen für den Hinweis.)

Audio-Quellen für die Schule (Englisch)

Quellen für Hörverstehensübungen, die ich empfehlen kann, sind vor allem einige Podcasts. Ich höre sie regelmäßig beim S‑Bahn-Fahren, und wenn nicht, dann halt auch mal nicht. Wenn mir ein Podcast gefällt, bleibt er bei iTunes gespeichert.
Für Schulaufgaben muss ich mir natürlich die Fragen sehr gründlich überlegen. Aber wenn es nur ums Üben geht, kann es auch sein, dass ich am Morgen einen Podcast höre und den gleich in der Schule mit zwei, drei offenen Fragen einsetze.

Slate’s Explainer Podcast &
Slate Magazine Daily Podcast
(Probehören: Podcast-Archiv)

Slate ist ein Online-Magazin und gehört zur Washington Post. Da gibt’s viele schöne Sachen, zum Beispiel Unmengen an Cartoons, “Today’s papers: A summary of what’s in the major U.S. newspapers” (sehr praktisch, auch schon mit Schülern gemacht), und eben auch viele Podcasts.

Der Explainer ist zweieinhalb bis fünf Minuten lang und beantwortet jeweils eine Frage, die sich aus aktuellen Nachrichten ergibt. Mitunter sind die Fragen etwas skurill: “Who Owns a Donated Organ?”, “How To Survive a 47-Story Fall”, “How Can I Fix My Ripped Picasso?” oder “Is Every Snowflake Different?”.

Mit Schülern mal gemacht: “How Much Can a Prisoner Hide in His Butt?”.

Am Anfang der Stunde: Vokabeln einführen, die im Text auftauchen, aber vielleicht nicht bekannt sind, zum Beispiel:

anal, cavity, digestive tract(s), constipation, laxative
recreational, sepsis, to retain, colon

Auf dieser Grundlage die Schüler raten lassen, um was es in dem Text wohl gehen wird.

Danach Fragen zum Text, zum Beispiel:

  • How much can you put in your butt?
  • Why is it dangerous?
  • Name five ways of getting things out that have become stuck?
  • How do drug runners work it?
  • Why do people put things in there?

Beim Slate Daily Podcast kriegt man jeden Tag einen der vielen Kolumnen und Artikel, die bei Slate so erscheinen. Sieben Minuten bis eine Viertelstunde, sind sie lang, nur am Freitag ist es eine gute halbe Stunde: Da kommt nämlich immer das Gabfest, so eine Art politischer Frühschoppen, bei denen ein festes Team von drei Slate-Mitarbeitern jeweils drei Ereignisse der Woche bespricht. Das Gabfest verpasse ich nie, das macht Spaß, auch wenn es wohl nichts für Schüler ist.

NPR Story of the Day und
NPR This I Believe

Der erste Podcast bringt jeden Tag ein Stück National Public Radio, zum Beispiel aus der Reihe “In Character”, die wichtige (erfundene) Figuren der amerikanischen Populärkultur vorstellt. Da ist auch immer wieder was dabei, das ich für die Schule gebrauchen konnte.

Über “This I Believe” habe ich schon mal was geschrieben. Eine Neuauflage einer Serie aus den 1950ern, in der Leser 800-Wort-Essays zum Thema “This I Believe” einschicken. Das sind meist Unbekannte, aber auch manchmal Leute dabei, die man kennt. Alle Essays sind online, manche in einem Buch gesammelt,
es gibt auch Unterrichtsmaterial für High School oder College. Jede Episode dauert nur ein paar Minuten.

Listen to English – Learn English!

Ein wöchentlicher Podcast, nur wenige Minuten, über Alltägliches aus England, jeweils mit einem Wortfeld oder grammatischem Problem als kleiner Schwerpunkt. Das habe ich schon in der 6. Klasse eingesetzt. Da sind zwar viele Vokabeln unbekannt, aber die Sprache ist sehr leicht verständlich, ohne gesucht kindlich zu sein.

www.BreakingNewsEnglish.com

Mehrmals in der Woche, zwei Minuten lang. Ich habe den Podcast noch nie im Unterricht eingesetzt, aber das Schöne daran: Es gibt auf der Seite zu jedem dieser Podcasts Arbeitsmaterial: Pre-Listening Activities, True-False, Synonyms, Lückentext, Activities, Topics for Discussion und vieles mehr. Die Audioqualität ist aber nicht so gut wie bei den anderen Podcasts.

(Mehr zum Thema Podcasts.)

Bound by Law: Urheberrecht, Onlinebestellungen, Comics

Guten Tag,
wir haben eine aktuelle Information zu Ihrer Bestellung.
Der folgende Titel ist leider nicht lieferbar

Ein Weggefährte verlässt mich. Im März 2006 habe ich das Buch bestellt, und seitdem erhielt ich alle paar Monate eine Email, die mir sagte: “wir bedauern, dass wir eine Verzoegerung bei Ihrer Amazon.de-Bestellung ankuendigen muessen.” Und immer wieder wurde ein Zeitpunkt ein paar Monate in der Zukunft als voraussichtlicher Termin angegeben.

Kein großes Problem, das kann passieren. Aber jetzt haben sie mir endgültig gekündigt. Ich wähnte mich schon in einem schwarzen Loch, einer ewigen Warteschleife, irgendwo zwischen ein paar Zeilen Programmcode, in einem vergessenen toten Winkel der Datenbank.

Tatsächlich steht das Buch jetzt mit Erscheinungsdatum September 2008 bei Amazon. Ich will es schon seit langem gar nicht mehr haben, mir reicht inzwischen die digitale Version, die man unter Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike license herunterladen kann.

Kaith Aoki, et al: “Bound by Law: Tales from the Public Domain: By Day a Filmmaker, by Night She Fought for Fair Use!. Ein Comic, schwarzweiß, um Urheberrecht, vor allem dazu, was man als Comic-Autor beachten muss, was man nicht darf und was man doch darf. (Für Deutschland gelten andere, leider strengere Regeln als für die USA.)

Immer wieder aktuelles und wenig fröhlich stimmendes Thema, siehe Urheberrechts-Debatte: 95 Jahre, Warnbriefe und die Kulturflatrate bei Netzpolitik, oder Urheberrecht, Kopierregelungen an Schulen bei Fontanefan.

Ich finde es toll, dass ich ein Lied, das ich hier im Blog erwähne, zum Beispiel durch Youtube zitieren kann, so dass sich Besucher informeiren können, welches Lied ich meine. Rechtlich ist das meist mindestens zweifelhaft. Sinnvoll ist es allerdings sehr.

Lichtenberg (und Chandler)

Kann es wirklich sein, dass ich hier noch nie Lichtenberg-Zitate gesammelt habe? Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799), Naturwissenschaftler und Aphoristiker der Aufklärung. Bekannt ist er für seine Sudelbücher: Notizhefte voller Aphorismen und Ideen, Kritzeleien, Zitate, Listen von interessanten Wörtern.

Hier ein paar zur Auswahl (die Angaben in Klammern beziehen sich auf die Sudelhefte, damit ich die Quelle wiederfinde):

  • Die Braut war pockengrübig, und der Bräutigam finnig. Spötter sagten, wenn das Pärchen nur erst zusammengeschmiedet wäre, so gäben ihre Gesichter ein treffliches Waffeleisen. (H87)
  • Einer will sich ersäufen, allein sein großer Hund, der ihm nachgelaufen, apportiert ihn allemal wieder. (H106)
  • Er konnte das Wort “succulent” so aussprechen, daß, wenn man es hörte, man glaubte, man bisse in einen reifen Pfirsich. (H192)
  • Zu den jährlichen Sterbelisten sollten noch folgende Rubriken hinzukommen: In den Himmel sind gekommen 33; zum Teufel sind gefahren 777; zweifelhaft 883. Mit solchen Zetteln könnten die Theologen sich Geld verdienen. (H115)
  • Man solle Katarr schreiben, wenn er bloß im Halse, und Katarrh, wenn er auf der Brust sitzt. (G164)
  • Oden, wenn man sie liest, so gehen einem mit Respekt zu sagen Nasenlöcher und Zehen auseinander.
  • Der Esel kommt mir vor wie ein Pferd ins Holländische übersetzt. (H166)
  • Der liebe Gott muß uns doch recht lieb haben, daß er immer in so schlechtem Wetter zu uns kommt. (B359)
  • Die Professoren auf Universitäten sollten Schilde aushängen wie die Wirte. (D248)
  • Ein Kerl, der einmal seine 100 000 Taler gestohlen hat, kann hernach ehrlich durch die Welt kommen. (H114)
  • Noch eine neue Religion einzuführen die die Würksamkeit der christlichen haben sollte ist wohl unmöglich, deswegen bleibe man dabei und suche lieber darauf zu tragen, und gewiß sind auch die Ausdrücke Christi so beschaffen, daß man so lange die Welt steht das Beste wird hinein tragen können.
  • Wir Protestanten glauben nunmehr in sehr aufgeklärten Zeiten in Absicht auf unsere Religion zu leben. Wie wenn nun ein neuer Luther aufstünde? Vielleicht heißen unsere Zeiten noch einmal die finstern. Man wird eher den Wind drehen oder aufhalten können, als die Gesinnungen des Menschen heften.
  • Daß ich etwas, ehe ich es glaube, erst durch meine Vernunft laufen lasse ist mir nicht ein Haar wunderbarer, als daß ich erst etwas im Vorhof meiner Kehle kaue, ehe ich es hinunter schlucke. Es ist sonderbar so etwas zu sagen und für unsere Zeiten zu hell, aber ich fürchte es ist für 200 Jahr, von hier ab gerechnet, zu dunkel.

Im Deutsch-Unterricht verwende ich auch gerne einige Aufsätze von Lichtenberg. Hier jeweils als Open-Office-Textdatei:

  • “Über Gewitterfurcht und Blitzableitung”: Lichtenberg vergleicht darin die irrationale Furcht vor Gewittern und die Weigerung, die neu erfundenen Blitzableiter zu verwenden, mit der viel weniger Panik veurursachenden, aber tatsächlich weit größeren Gefahr der ansteckenden Krankheiten wie Pocken oder Ruhr, und der Weigerung, “Ruhrableiter” zu benutzen (d.h. die einfachsten Schutzmaßnahmen zu befolgen). Grund für dieses Verhalten: Ignoranz. Und Erziehung:

    Zum Teil liegt freilich der Grund von jener übermäßigen Furcht da, wo noch so mancher andere von unserm Elend liegt, in der Erziehung. Horch! der liebe Gott zürnt, sagt man Kindern, wenn es donnert, aber nicht Siehe! Er zürnt, wenn man ihre kleinen Mitbrüder bei einer Pocken‑Epidemie zu halben Dutzenden an einem Tage zu Grabe trägt.

  • “Etwas über die Polter‑Geister”: Die Ausgangsfrage lautet: “Wenn es in einem Zimmer, worin ich nicht bin, poltert, oder auch in demselben Zimmer worin ich mich befinde, nur hinter mir, so daß ich es nicht sehe, wie müssen die Würkungen beschaf­fen sein um daraus zu schließen, das habe ein Geist getan?” Lichtenberg plädiert dabei letztlich für eine Form von Ockhams Rasiermesser: Was ist wahrscheinlicher, dass man belogen oder betrogen wird oder sich täuscht, oder dass ein wirkliches Gespenst für das Poltern verantwortlich ist?
  • “Fragment von Schwänzen. Ein Beitrag zu den Physiognomischen Fragmenten” (online auch bei Gutenberg): Eine Parodie auf Lavaters Physiognomische Fragmente. Die antike Pseudowissenschaft der Physiognomik war im späten 18. Jahrhundert durch Lavater sehr beliebt (wie zwischendurch und auch heute immer wieder mal). Anhand physiognomischer Merkmale – Nasenform, Augenabstand und so weiter – wollte man auf den Charakter des Menschen schließen. In Lichtenbergs Parodie analysiert er Tier- und Perückenschwänze im Tonfall Lavaters:

    Acht Silhouetten von Purschenschwänzen zur Übung:

    1 Ist fast Schwanz-Ideal. Germanischer, eiserner Elater im Schaft; Adel in der Fahne; offensivliebende Zärtlichkeit in der Rose; aus der Richtung fletscht Philistertod und unbezahltes Konto. Durchaus mehr Kraft als Besonnenheit.

    (Schon damals hatte das Wort “Schwanz” mehrere Bedeutungen.)

Bei aller Aufgeklärtheit und Vernunft: Auf der Wikipedia-Seite findet sich zur Zeit kein Hinweis auf den Antisemitismus Lichtenbergs, lediglich auf der Diskussionsseite wird das ganz kurz angesprochen. Das hört man auch auch nicht gern. Ich kann mich erinnern, etliche wenig judenfreundliche Einträge in den Sudelbüchern gelesen zu haben, aber mir fehlt der Überblick, inwiefern Lichtenberg Juden mehr verspottet als er das bei Franzosen oder Christen auch macht (und damit einhergehend, ob es ihm dabei um Nationalität, Abstammung oder Religion ging). (Wer nachschauen will, könnte anfangen bei Frank Schäfer, Lichtenberg und das Judentum.)

– Ein ganz anderer großer Aphorismenschreiber ist Raymond Chandler. Vor kurzem wäre er 120 Jahre alt geworden, The Rap Sheet zitiert zu diesem Anlass einiger seiner Metaphern und Vergleiche. Auf dieser Chandler-Webseite gibt es weitere Zitate.

Meine Favoriten:

  • She smelled the way the Taj Mahal looks by moonlight.
  • It was a blonde. A blonde to make a bishop kick a hole in a stained glass window.
  • The General spoke again, slowly, using his strength as carefully as an out-of-work show-girl uses her last good pair of stockings.

Zu Chandler will ich seit Jahren etwas schreiben. Ich freue mich schon aufs Wiederlesen. Allerdings habe ich es nicht so eilig damit, ich habe damals alle Bücher mehrfach gelesen und noch sehr gut die Chandler-Stimmung im Kopf.

Zugegeben, manche von Chandlers Vergleichen sind übertrieben, aber viele sind reine Poesie. Chandler ist leicht zu parodieren, und ich weiß bis heute nicht, ob die obertrockenen Sprüche in der Radioserie Pat Novak ernst gemeint sind oder nicht:

  • She was kind of pretty, except you could see someone had used her badly, like a dictionary in a stupid family.
  • You start with trouble and it never stops. It’s like offering to buy aspirin for a two-headed boy.
  • Things were getting tight. I guess you could say that for a lot of wedding rings.

Weil’s so schön ist, der Anfang von Chandlers “Red Wind”:

There was a desert wind blowing that night. It was one of those hot dry Santa Anas that come down through the mountain passes and curl your hair and make your nerves jump and your skin itch. On nights like that every booze party ends in a fight. Meek little wives feel the edge of the carving knife and study their husband’s necks. Anything can happen. You can even get a full glass of beer at a cocktail lounge.

Zeugnisbemerkungen: Bedächtig

M. ist ein freundlicher, gewissenhafter, bedächtiger Schüler…

Obacht! Ich glaube, es gibt keine Einigkeit darüber, was “bedächtig” bedeutet. Das taucht bei uns gelegentlich in den Zeugnisbemerkungen auf; ich sehe das Wort durchaus positiv, viele Kollegen auch, manche nicht, und auch manche Eltern sehen es sehr negativ. Für mich heißt bedächtig soviel wie: umsichtig, planvoll, besonnen. “Mit Bedacht” halt. Für andere eher: langsam, träge.

Das Ergebnis einer kurzen Überprüfung verschiedener Online-Synonymwörterbücher bestätigt die Mehrdeutigkeit. Ich präsentiere jeweils die vollständige Liste (teilweise gibt es zu manchen Wörter noch weitere Unterpunkte):

Eher positiv:

beherrscht, mit Überlegung, angemessen, aufmerksam, ausgeglichen, besonnen, gewissenhaft, langsam und behaglich, ruhig, umsichtig
(http://synonyme.woxikon.de)

Eher negativ:

behäbig, gemächlich, lahm, langsam, träge
(http://www.openthesaurus.de)

Alles beide, wenn auch eher positiv:

abgeklärt, ausgeglichen, überlegen, bedacht, bedachtsam, behäbig, beherrscht, behutsam, besonnen, gelassen, gemächlich, gemessen, geruhsam, gezügelt, harmonisch, kaltblütig, lahm, langsam, mit Überlegung, mit Besonnenheit, mit Umsicht, mit Vorsicht, ruhevoll, träge, umsichtig
(http://ein.anderes-wort.de/)

Ich denke, das Wort befindet sich gerade auf dem Weg der Bedeutungsverschlechterung, und wir kriegen es wieder als letzte mit. Ursprünglich schien es rein positiv zu sein, siehe Grimmsches Wörterbuch:

BEDÄCHTIG, consideratus, providus: ein bedächtiger mensch; ein ungedültiger thut nerrisch, aber ein bedechtiger hasset es. spr. Salom. 14, 17;

mit wie leichtem herzensregen
horchet ihr der glocke nicht,
die mit zwölf bedächtgen schlägen
ruh und sicherheit verspricht.
GÖTHE 19, 197;

ein bedächtiger, langsamer gang. vgl. unbedechtig, inconsideratus. MICH. NEANDER menschensp. 102; gottsbedächtig. Simpl. 2, 296.

Wenig Neues

Diese Woche sind Konferenzen, dazu Umzugs- und Verabschiedungsvorbereitungen, aber nichts davon spannend genug zum Bloggen. Ich schließe mich also der allgemeinen Blogruhe an.

Interessant wäre noch Folgendes gewesen:

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Nachdem ich bereits erfolgreich aussortierte Englischlektüren auf diesem Tisch losgeworden war, wollte ich weitere Bücherstapel von zu Hause mitbringen und dort deponieren. Zuvor sollte jeder Lehrer ein Buch heraussuchen, von dem er glaubte, dass es bis zum Schluss liegenbleiben würde oder doch zumindest als Letztes genommen werden würde. So eine Art umgekehrte Lotterie. Ich hätte jeden Lehrer, der mitgemacht hätte, kurz beim Begründen seiner Wahl gefilmt. Wäre vielleicht lustig geworden. Den Tisch hätte ich zwischendurch auch immer wieder gefilmt.

Aber jetzt schleppe ich schon den zweiten Tag Rucksack und Tasche voller Bücher mit, und alle werde ich schon im Lehrerzimmer los – bevor ich überhaupt eine Gelegenheit habe, sie auf diesen Tisch zu legen. Den Großteil schnappen sich allerdings nicht die Kollegen, sondern die Schülerlesebibliothek. Ist mir ja auch recht. Morgen versuche ich es mit ein paar Videokassetten, mal sehen, wie das klappt. Ich würde auch gerne den einen oder anderen inzwischen indizierten Egoshooter loswerden, aber so einfach ist das nicht. Dürfte ich die Box, legal erstanden im Jahre 1996, denn wenigstens in den Abfall werfen, oder müssen indizierte Spiele zum Problemmüll?

Nachtrag: Ist alles weggegangen, und die nächsten Ladungen auch. Ich hoffe mal, dass die Schüler der benachbarten Klassenzimmer keine Ritterburg im Klassenzimmer damit gebaut haben.

Place names

Mein Interesse für amerikanische Ortsnamen hat angefangen, soweit ich mich erinnere, mit einem Blogeintrag von Peter David. David, ein bekannter Comic-Autor, trug zumindest damals eine Fehde mit dem ähnlich bekannten John Byrne aus. Lange Geschichte, und vielleicht ist Fehde nicht mal das richtige Wort.
Jedenfalls machte man sich im Byrne-Forum über den Namen eines Schauplatzes in einer Serie von Peter David lustig, eine Stadt namens Bete Noire. So heißt doch keine Stadt!
David kommentierte das in seinem Blog so:

Well, gee. I could have gone for something even more obvious, like Hell, but that’s a real city in Michigan. Or perhaps Panic or Fearnot, but those are both in Pennsylvania. Some believe that Bete Noire is where the dead reside, so I could have called it River Styx, but that’s in Ohio. Peculiar would’ve been good, but the folks in Peculiar, Missouri, might have objected. Maybe the sound makes when one is scared: Eek. But no, that’s in Alaska, the state that also gave us a town called Chicken. The population of Bete Noire is eclectic, but we’d probably hear from the mayor of Eclectic, Alabama, who might have been tipped off to it by the mayor of another Alabama locale, Muck City.

I could have gone for something ironic and called it Plain City, but that’s in Utah, or Boring, but that’s in Maryland. Or just plain No Name, but that’s in Colorado. My search for a city name built to a Climax… …Climax, North Carolina, not to be confused with Climax, Pennsylvania, which is also not to be confused with Intercourse, Pennsylvania.

And shall we discuss Monkeys Elbow, Kentucky or the name of another city in Louisiana…… Uncle Sam, LA? Nah. (blog entry July, 2003)

Davon angestachelt, lieferten die Kommentare zum Blogeintrag viele weitere ungewöhnliche Städtenamen:

  • “Having grown up in North Carolina, I know that Climax, NC is not too far from Horneytown, NC.”
  • “Someday someone will write about all the weird and unusual things that ironically go on in NORMAL, IL.”
  • “In terms of strange place names…please. I live in Newfoundland. I have to drive through Dildo (and South Dildo) to get to my grandparents who live in Heart’s Delight. If I want to see my aunt and uncle, I have to go through Heart’s Desire and Heart’s Content.”
  • “And that doesn’t include places such as Conception Bay, Placentia, Upper Gullies, Joe Batt’s Arm, Virgin’s Arm and Leading Tickles. Just to name a few.”
  • “The One Name to Rule Them All: TOAD SUCK, ARKANSAS.”

Außerdem schlugen die Kommentatoren zwei Bücher zur Lektüre vor: Blue Highways von William Least-Heat Moon. Das habe ich gelesen, auch wenn Ortsnamen nur eine kleine Rolle spielen. Interessanter in dieser Hinsicht ist Passing Gas, And Other Towns Along the American Highway von Gary Gladstone, eigentlich ein Bildband. Das Konzept: Gladstone suchte sich kleine Orte mit merkwürdigen Namen aus, fuhr hin, plauderte mit den Einheimischen, machte ein möglichst prägnantes Porträtfoto und schrieb eine Vignette zu dem Ort. Untertitel: “Portrait from the Heartland.”
Das Buch lebt von den Bildern und den kurzen Texten, die ich hier nicht beschreiben oder wiederholen will.

Die von Gladstone besuchten Orte sind natürlich Gas (Passing Gas ist ein Wortspiel); daneben Surprise, Purgatory, Boogertown, Embarrass, Boring, Good Grief und viele mehr. Auch das oben schon erwähnte Toad Suck ist dabei. Laut Ozzie, dem Besitzer von Ozzie’s Toad Suck One Stop Supermarkt, kommt der Name von den Fährleuten, die dort früher Selbstgebrannten getrunken haben, bis sie aufquollen wie Kröten. Oder so ähnlich.
Allerdings möchte ich auf folgenden NPR Podcast hinweisen, den ich auch schon mal als Listening Comprehension eingesetzt habe: The Dog Who Loved to Suck on Toads. (Google liefert weitere Artikel zu diesem Thema.) Anscheinend ist das Gift mancher Krötenarten eine psychedelische Droge, zumindest für Hunde. Vielleicht sollte man das mal recherchieren.

Aber es gibt ja noch so viel Schönes zu Namen! Im schon mal vorgestellten Limits of Language stellt Mikael Parkvall anhand von etwa fünfzig Beispielen die amerikanische Tradition der Portmanteau-Ortsnamen vor: Calnevari, Nevada, an der Grenze zu California und Arizona. Ähnlich Calneva, Calvada und Calzona. Dakoming zwischen Wyoming und South Dakota. Texarkana auf der Trennlinie zwischen Texas und Arkansas. Mexicali in California, Grenze zu Mexico. (Auf der anderen Seite: Calexico.)
Parkvall führt auch Ortsnamen an, die aus rückwärts buchstabierten Nach- oder Vornamen bestehen: Siwel, Sevets, Nostrebor und Roylat, oder Darnoc, Lebam und Adnaw.

Kein Blogbeitrag des Ortsnamen-Freunds wäre vollständig ohne Erwähnung des Lieds “Entering Marion” von John Forster. Es geht darin um die jährliche Urlaubsreise eines jungen Mannes mit dem Auto durch Amerika, der dabei durch die Stadt Marion kommt. Ich würde das Lied ja neben “The Biggest Ball of Twine in Minnesota” (Weird Al) regelmäßig im Unterricht durchnehmen, wenn der Inhalt nicht so zweideutig wäre:

But the feeling of entering Marion
Had a kick that was hard to define…
A rapturous rush, a physical flush,
Chills up and down the spine.
For the few minutes I was in Marion
All Massachusetts was mine.

Das geht so lange gut, bis er eine andere Route nimmt und auf die Stadt namens Beverly stößt. Und Sharon. Seine Fahrten geraten außer Kontrolle. Erst nach den Ortschaften Lawrence, Quincy und Norton findet er wieder zu seiner ersten Liebe zurück. Und das alles in sehr fröhlichem Rhythmus.

– Auslöser für diesen Blogeintrag war letzten Endes ein Podcast von Slate zur Neuauflage von Names on the Land von George R. Stewart: “A historical account of place-naming in the United States.” Erstausgabe 1945, überarbeitete Ausgaben 1956 und 1967. Das habe ich bestellt und es liegt vor mir. Freue mich schon darauf. Slate preist das Buch als “a disguised wartime plea for the triumph of cardinal American virtues: buoyancy and tolerance, curiosity and confidence, love of the land and faith in the future.”

George R. Stewart, klingt irgendwie bekannt… von dem ist Earth Abides, ein Klassiker der Science Fiction. Die Welt ist doch klein. Ich habe das Buch nicht gelesen, bin aber immer wieder darauf gestoßen und kenne eine zweiteilige Hörspielfassung aus den 1950ern.

Da wollen wir doch schließen mit ein paar Zeilen aus dem Zwischenkapitel “The Naming of Names” aus The Martian Chronicles von Ray Bradbury:

They came to the strange blue lands and put their name upon the lands. Here was Hinkston Creek and Lustig Corners and Black River and Driscoll Forest and Peregrine Mountain and Wilder Town, all the names of people and the things that the people did. Here was the place where Martians killed the first Earth Men, and it was Red Town and had to do with blood. And here where the second expedition was destroyed, and it was named Second Try, and each of the other places where the rocket men had set down their fiery cauldrons to burn the land, the names were left like cinders, and of course there was a Spender Hill and a Nathaniel York Town.…

Solange es noch Facharbeiten gibt, könnte man ja eine zu diesem Thema vergeben. Mir fällt aber keine gute Fragestellung dazu ein. Ortsnamen in der Literatur? Vergleich mit Ortsnamen der britischen Inseln?

Fortbildung an der TU München

Heute war ich wieder mal an der Uni, und hatte eine kleine Westentaschenkamera dabei.

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Erstaunlich, was man alles macht, um darüber bloggen zu können. Die im Film erwähnten “Säcke” sind in Wirklichkeit übrigens Teppichstücke.

(Ich bin noch am Basteln, was Videogröße und Aufnahmequalität betrifft. Und ich sehe gerade, dass man den Film zumindest in meinem Feedreader nicht abspielen kann. Muss mal verschiedene Plugins ausprobieren.)

Bewerbungsgespräche

Unsere Schule hat von jenen Mächten, die da sind, eine befristete Halbtagsstelle für eine Sekretärin zugebilligt bekommen. Die Anzeige stand in der Zeitung, letzte und diese Woche waren Vorstellungsgespräche, und als Personalrat war ich heute bei einigen dabei.

Das war ungewohnt. Mit Schülern habe ich das gelegentlich geübt, aber es ist etwas ganz anderes, wenn es um echte Entscheidungen geht. Viel mehr will ich gar nicht erzählen. Echte Lebensläufe und Bewerbungsschreiben. Vermutlich gewöhnt man sich daran.

Ich traue meiner Menschenkenntnis übrigens nicht besonders. Bei Bewerbungsgesprächen, denke ich, muss man sich eine Meinung bilden, bildet sie sich auch, kriegt aber nur in ganz wenig Fällen Feedback, ob die stimmt. Und angesichts fehlender Gegenbeweise schreibt man sich eine gute Menschenkenntnis zu.

– Apropos Interviews und Menschenkenntnis, vielleicht unpassend: Die Reid Technique – eingetragenes Warenzeichen – ist eine bei der amerikanischen Polizei verbreitete Verhörtechnik. Ihre Verteidiger behaupten, man könne zu 85% bestimmen, ob ein Verdächtiger lügt oder nicht. Die Methode ist nicht unumstritten, auch wenn die Wikipediaseite wenig dazu hergibt. Ansätze dazu bei diesem Magazin. (Draufgekommen bin ich natürlich wieder über Mistakes were made, but not by me.) Die in dem Magazin angesprochene Studie von Kassin/Fong legt nahe, dass die Fähigkeit, eine echte Unschuldserklärung von einer vorgetäuschten zu unterscheiden, durch die Reid Technique nicht verbessert wird. Was durch die Technik steigt, ist lediglich das Vertrauen in die eigene Fähigkeit, diese Unterscheidung zu treffen. Eigentlich ganz schön fatal.

Michael Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden

Mir hat das Buch weniger gebracht als Croco, über die ich darauf gekommen bin. Vielleicht bin ich durch die Lektüre meines letzten Sachbuchs verwöhnt, aber ich vermisse Quellenangaben, Fußnoten, einen Index und eine Bibliographie. Vielleicht kann man das von einem Buch mit großer Zielgruppe nicht erwarten, aber für mich ist das ein Zeichen, dass ich nicht Teil der Zielgruppe bin.

Diese fehlenden Teile kann ich verschmerzen, aber nicht die Tatsache, dass Winterhoffs Thesen auch sonst durch keinerlei andere Quellen unterstützt werden – keine Forschungsergebnisse, keine wissenschaftlichen Untersuchungen, keine Fachkollegen. Er mag durchaus Recht haben, aber seine Ansichten bleiben bloße Meinung, unterstützt lediglich durch anekdotische Erfahrungen aus der eigenen Praxis. Es scheint tatsächlich niemand anderen zu geben, der den Ernst der Lage so erkannt hat wie Winterhoff: “Mein Ansatz […] ist die einzige Möglichkeit, diesen Trend sinnvoll zu analysieren und Strategien zu entwickeln”. Einzige Möglichkeiten machen mich skeptisch. Winterhoff ist außerdem Psychiater und bemüht Freud. Ich glaube nicht sehr an Freud.

Die Grundthese des Buches, wenn ich es richtig verstanden habe: Kinder heutzutage wachsen nicht kindgerecht auf, die Entwicklung ihrer Psyche wird beeinträchtigt, und danach helfen auch keine neumodischen Erziehungs- und Unterrichtsmethoden mehr.
Die Entwicklung der Psyche ist kein Reifungsprozess, der unabhängig vom Verhalten der Umwelt stattfindet. Falsche Beziehungsmodelle zwischen erziehenden Erwachsenen (Eltern, Kindergarten, Schule) und Kindern führen zu Fehlentwicklung der Psyche. Diese Modelle sind: Partnerschaft, Projektion und Symbiose.

Partnerschaft heißt, dass man dem Kind zu früh Entscheidungen zumutet, die es nicht leisten kann. Dass man mit dem Kind alles diskutiert und es das Recht hat, alles erklärt zu bekommen, statt das man einfach mal sagt: Das ist nun mal so.
Das sehe ich auch so. Als Lehrer bin ich nicht der Partner der Schüler, habe andere Pflichten und andere Rechte, und das sollte den Schülern klar sein. Manche Entscheidungen treffe ich, auch ohne Diskussion, andere nach und nach mit den Schülern.

Projektion: Man holt sich seine Bestätigung durch die Kinder. Die Gesellschaft gibt dem Lehrer nicht genug Liebe, und die Eltern sind durch die moderne technische Welt überfordert (wie es sich etwa beim Bestellen eines Telefons zeigt, was heute viel komplexer ist als noch zu Bundespostzeiten): Deshalb holen die sich die Liebe vom Kind ab.
Auch hier leuchtet mir Winterhoff ein; Aufgabe des Lehrers ist nicht, gemocht zu werden. Allerdings kann ich seine Begründungen nicht nachvollziehen, und ich weiß nicht, ob diese Projektion wirklich so verbreitet ist, wie er sagt. Glücklicherweise habe ich mit der modernen Technik keine Schwierigkeiten und kriege genug Liebe zu Hause.

Nachvollziehbar ist der Gedanke, dass man sich gegenüber Menschen anders verhält als zu Gegenständen. Und dass Kleinkinder erst lernen müssen, dass ein Stuhl etwas anderes ist als ein Onkel: Das eine darf man aus dem Weg schieben, das andere nicht; das eine hat keine Gefühle, das andere schon. Diese Unterscheidung scheint tatsächlich nicht immer ausreichend ausgeprägt zu sein.

Vielleicht hat Winterhoff mit seiner Meinung Recht. Aber mit seinen dramatischen Warnungen und den flachen Erklärungen (siehe Telefon) überzeugt er mich nicht. Zwanzig Seiten wissenschaftlicherer Prosa wären mir leiebr gewesen.

Nachtrag: Diskussion darüber auch in der Sprechstunde.