Fernunterricht

Im Moment und seit Wochen besteht mein Informatikunterricht in der Q11 aus einem Programmierprojekt. Letzte Woche wäre für sehr viele Schüler meine Stunde die einzige gewesen, die sie in den ersten vier Stunden des Tages gehabt hätten. Deshalb fragten sie mich, ob sie nicht stattdessen zu Hause den ganzen Morgen über programmieren könnten, statt dazu extra in die Schule zu kommen. Das sei effektiver. Das fand ich auch, und ja, nach Rücksprache ging das.
Als Anwesenheits- und Wachheitsbeleg mussten die Schüler sich in unserem Moodle-Kurs anmelden und in einem festgelegten Zeitraum eine Wachheitsbestätigung ausfüllen. Einige waren sogar so nett, das Arbeiten durch hochgeladene Fotos zu belegen:

Natürlich hätte ich argumentieren können, dass alle Arbeit zu Hause quasi als Hausaufgabe deklariert werden könnte und nicht als Fernunterrichtsstunde. Andererseits hätten die Schüler auch in der Schule nichts anderes getan, als selbstständig zu programmieren. Ich kann mir auch vorstellen, dass nicht alle Schüler wirklich den Vormittag über gearbeitet haben, aber das ist schon okay. Im nächsten Jahr – laut Lehrplan allerdings ohne Programmierprojekt – können wir ja mal mit Skype, Twitter oder Chatlösungen experimentieren.

Organisiert wird das Projekt über den ohnehin eingerichteten Moodle-Kurs, über eine Facebook-Gruppe, DropBox, ein offenes GoogleDoc und ein Gemenge von Mail, ICQ und anderen Kanälen. Zu spät habe ich daran gedacht, echte Projektmanagement-Software zu verwenden, am besten solche, die für Programmierarbeit ausgelegt ist. Tante Google bietet dafür Google Project Hosting an. [Nachtrag 2015: Google hat das Angebot Mitte des Jahres eingestellt.] Dort kann man für jedes Open-Source-Programmierprojekt eine Seite anlegen. Ich habe mal willkürlich ein Projekt herausgegriffen, code.google.com/p/cspoker/, eine Client-Server-Poker-Software in Java. Verschiedene Leute arbeiten daran, es gibt jeweils ein Projektwiki, den Quelltext zum Herunterladen, und vor allem: issue tracking. Das sieht so aus:


(code.google.com/p/cspoker/issues/list)

Jeder Berechtigte kann eine neue issue anlegen, ein neues Problemchen sozusagen, eine Aufgabe, die noch irgendwann mal von irgendwem gelöst werden könnte. Dafür gibt es verschiedene Kategorien, die issue kann “vorgeschlagen”, “gelöst” oder “abgelehnt” sein. Man sieht, welche Aufgaben noch unerledigt sind und wer welche Teilaufgaben bearbeitet hat oder gerade bearbeitet.

So eine Software kann ich mir auch gut für die Arbeiten vorstellen, die in einem Kollegium oder einer Schulleitung anfallen, auch wenn das Durchziehen eines Schuljahres kein Projekt im Sinne der DIN-Norm 69901 ist.

– Was es bei Google Code nicht gibt, sind Fishbone- oder Gantt-Diagramme. Außerdem müssen alle Projekte open source sein und man kann die Projektunterlagen wohl nicht so einfach exportieren. Projektmanagement-Software gibt es aber zuhauf; wenn mir jemand eine praktische für die Schule vorschlagen würde, wäre ich dankbar. Ich bin interessiert an Programmierprojekten und Zusammenarbeit anderer Art.

Abiturfeier 2010

Am Donnerstag gab es die Abizeitung: schönes Titelbild, schönes Layout, saubere Redaktion trotz einiger Fehler. Problematisch allenfalls die Statistiken am Schluss: Wer ist das Mauerblümchen der Stufe, wer wird mal Pornodarstellerin? Ich weiß nie, wie sehr das die Schüler trifft. Ähnlich mit den Umfragen zu Lehrern: Wer ist verplant, unvorbereitet, würfelt die Noten aus? (Neben allerlei harmlosem Lustigkram. Sehr schön die Frage: “Wer glaubt an das Übernatürliche?”, mit Religionslehrern als Ergebnis.)

Zu den Leistungskursen gibt es durchweg freundliche Worte, und wie immer erhält jeder Schüler zwei volle Seiten Bild und Text – mehr, als jeden Lehrer interessieren könnte, aber vielleicht die Mitschüler oder zumindest die jeweiligen Schüler selber. Der Adressat der Abizeitung ist ja auch die Zukunft, damit man sich das in zehn Jahren noch einmal anschauen kann, dauerhafter als Erz. Bei meiner eigenen Abizeitung gab es ein kleines Bild und fünf Zeilen pro Schüler. Knackig formuliert, dafür ohne paarreimende Gedichte immer knapp am regelmäßigen Metrum vorbei. Ein bisschen mehr literarischer Anspruch wäre schön, aber das ist keine besonders starke Seite unserer Schule allgemein. (Die sind eher Musik und Theater.)
Aber zugegeben: am Freitag war die Abifeier, da habe ich noch mal alle Schüler vor Augen gehabt, und daraufhin habe ich die Abizeitung noch einmal etwas gründlicher gelesen, auch noch einige der Schülerdoppelseiten.

Ja, die Abifeier also. Sie fand zum ersten Mal in unserem Schulgebäude statt. Nicht ganz freiwillig, die Schüler hatten den schon immer verwendeten Festsaal auf dem Klosterglände nicht rechtzeitig angemietet. Der Schule und den Lehrern ist die Aula allerdings lieber. Und das war dann auch tatsächlich eine gute Idee.

Der rote Teppich war ausgerollt:

Die Schulleitung hatte zur Feier des Tages sogar unsere begehbare abgesperrte Skulptur aufgemacht. Die Absperrung drumrum gibt es zwar nicht mehr, aber eine Kette verhindert normalerweise immer noch den Zugang, wenn nicht gerade Gäste auf dem Schulgelände sind. Versicherungstechnisches vielleicht.

Die Feier begann um 14 Uhr. Das zwingt Münchner wie mich zu folgender logistischer Vorgehensweise: Anzug in der S‑Bahn mitnehmen (Transportbehältnis ist vorhanden), Hemd und Schuhe auch, dafür nur leichtes Schulgepäck: Unterricht ohne Buch und Ordner. Die Manschettenknöpfe hatte ich leider in einer anderen Tasche gelassen, vielen Dank an Frau und Herrn H. fürs Leihen. Nach dem Unterricht umziehen, Jeans, Polohemd, Schuhe, Schultasche in der Schule lassen, im Anzug nach Hause fahren. Am Montag nur mit leichtem Schulgepäck in die Schule fahren, um Anzug wieder zurückbringen zu können.

Das Programm lief zum ersten Mal so ab:

  • 13.30 Uhr: Einlass
  • 14.00–16.00 Uhr: Reden von Schulleitung, Bürgermeister, Kollegstufenbetreuer (wie so oft: ganz exzellent), Elternvertreter, Schülern. Danach kurze und freundlich gehaltene Verabschiedung der Leistungskurslehrer durch die LKs. Gut so.
  • 16.00–16.30 Uhr: Pause. Sollte nur eine Viertelstunde sein, aber allen Gästen war nach doppelt so viel.
  • 16.30–18.00 Uhr: Zeugnisverteilung. Jeder Schüler kriegte seine 30 Sekunden Ruhm in Form von Hintergrundmusik und bekam das Zeugnis mit Handschlag.
  • 18.00–19.00 Uhr: Sekt und Herumstehen in der Schule. Das war schön
  • 19.00 Uhr: Buffet und Sitzen und Trinken auf dem Klostergelände. Abends dann irgendwo Party für die jungen Leute.

Insgesamt mit vier Stunden eigentlicher Veranstaltung immer noch länger als eine Oscarverleihung (der Maßstab, an dem ich Abifeiern messe), aber schon deutlich kürzer als früher bei uns üblich. Lieber wäre mir zwar eine knappe Zeugnisübergabe am Vormittag und abends ein echter Abiball, also mit Live-Musik und Tanzfläche, aber das hat an meiner Schule keine Tradition. Ansonsten war das organisatorisch die beste Form von Abiturfeier bisher, am schönsten war die Stunde zwischen sechs und sieben Uhr: von einigen rasch getrunkenen Gläsern Sekt ermutigt, habe ich mich von den Schülern verabschiedet, derer ich habhaft werden konnte. Leider waren einige schon weg. Überhaupt waren viele nicht beim Buffet; es gab wohl Schwierigkeiten bei der Kartenvergabe, so dass etliche mit ihrer Familie Essen gingen, ohne am Buffet zu sein. Dann lieber ein längerer Empfang an der Schule.

– Selbst die zweite Hälfte der Abifeier, die Zeugnisvergabe, wurde mir nicht langweilig: ich saß neben Kollegin L. und bei jedem Schüler, der auf die Bühne trat, riefen wir uns zu: “Englisch 5. und 6. Klasse, Deutsch 7, Leistungskurs” oder “Englisch 7 und Informatik 10”, je nachdem, wann wir die Schüler gehabt hatten. Das machte dieses endlose Reihe von Schüler auch gleich persönlicher, über jeden haben wir zumindest ein bisschen nachgedacht und uns erinnert. Danach haben wir dann aber auch gleich die Kleidung des Schülers oder der Schülerin kommentiert. “Schöne Schuhe” oder “geht ja gar nicht” und alles dazwischen. Ich habe da schon zu vielen der vorgeführten Kombinationen eine Meinung. Hier zwei, die mir besonders positiv aufgefallen sind:

Die Dame im auffälligen uncoolen edwardianischen (?) Stil mit Haarschmuck, als Eingangsmusik eine orchestrale Nummer aus Mary Poppins. Hat sehr gut zusammengepasst. Der Herr weniger kontrovers, sehr leger, aber es war ja auch heller Sonnenschein am Nachmittag und nicht Abend. Kann ich mir auf einer Yacht vorstellen. Schöne Schuhe.

Mit Modeblogs kenne ich mich kaum aus, ab und zu weist man mich auf schöne Bilder beim Sartorialist hin, etwas öfter noch kriege ich den Spott bei go fug yourself mit. So eine Art kritische Modenschau bei den Abiturfeiern könnte ich mir auch vorstellen. Nächstes Mal nehme ich eine bessere Kamera mit und konzentriere mich auf die Kleidung.

Zu diskutierende Punkte:

  • Turnschuhe zum Anzug: so 80er 90er Jahre.
  • Überhaupt: die Schuhe machen ganz viel aus. Bin eher für geschlossene Schuhe statt Abendsandalen. Ballerinas passen gar nicht, aber ich habe ein Herz für sie.
  • Kleid schulterfrei und und eine Handbreit überm Knie: können die wenigsten tragen. Schon gar nicht in bonbonfarben.
  • Strümpfe/Strumpfhose oder bloße Beine: vertagt, da keine Einigkeit unter den Diskussionsteilnehmern.

Aber man will ja keinen Druck ausüben auf die jungen Leute. Etliche haben sich gleich nach der Hauptveranstaltung schon wieder umgezogen.

Abistreich 2010

Ich kam heute früh in die Schule und wurde begrüßt mit: “später ist dann Abistreich”. Na toll. Letzte Woche hatte eine Durchsage noch angekündigt, der Abistreich fiele dieses Jahr aus. Respekt, hatte ich gedacht, endlich kapiert, und vielleicht gibt es dann nach einer Pause von einigen Jahren wieder mal neue Ideen. Heute dann also nix mit Respekt, und nix mit neuen Ideen. Aber das Wetter war schön, die Laune wohl gut.

Ich bin bekennender Abistreich-Muffel. Dass mein Bekenntnis niemand interessiert, hindert mich nicht daran, es immer wieder laut zu verkünden. Hingegangen bin ich dann doch, um es mir anzuschauen. Es half, dass ein Schüler mich daran erinnert hat, dass ich dann darüber etwas in mein Blog schreiben könnte. Und ich mag unsere Schüler ja auch, das sind nette Menschen. Trotzdem, wenn ich wie jedes Jahr und jeder Lehrer empfangen werde mit: “Sie müssen jetzt in den Käfig”, dann lehne ich dieses Angebot sehr bestimmt ab. Ich suche mir immer noch selber aus, in welche Käfige ich mich stecken lasse. Wenige Minuten später landete die erste Wasserbombe neben mir, da habe ich mich dann umgedreht und bin gegangen und kam früher nach Hause. Deshalb auch kein Foto heute.

Objektiv betrachtet, war das sicher ein lustiger, fröhlicher, heiterer Abistreich. A good time was had by all. Die Sonne schien, es gab eine Bühne, Lautsprecher und Mikrofone und lustige Spiele. Drumrum Wasserbomben und Spritzpistolen. Meine Sechstklässler waren aufgekratzt und munter. Und die Mehrzahl der Kollegen findet das auch schön.

Subjektiv nehme ich mir das Recht heraus, ein Abistreich-Muffel zu sein. Warum eigentlich? Nach ein wenig Selbstbetrachtung komme ich zu dem wenig schmeichelhaften Schluss, dass das auch aus Trotz geschieht. Wenn ich vorher an Abistreichen herummaule, und das tue ich, dann kann ich auch nicht so einfach mitmachen. (Anders als Kollegen, die diese Abistreiche lustig und nett finden, aber dann doch weg müssen, weil sie – leider – schon Termine ausgemacht hatten.) Vermutlich wäre ich auch geblieben, wenn man mir vorher nicht den Mund wässrig gemacht hätte damit, dass der Abistreich ausfallen würde. Und vor allem ist es wohl Trotz gegenüber der Tradition und Entscheidung, Lateinmarsch und Abistreich in dieser kanalisierten Form Jahr um Jahr stattfinden zu lassen. Dafür können die Schüler des jeweiligen Jahrgangs nichts.

Dazu kommt noch, dass ich mich auf großen, lustigen Partys inmitten ausgelassener Menschen mit Wasserpistolen nicht wohl fühle. Als wäre ich der einzige nerd unter lauter jocks.

Hier ein Bericht aus veranstaltender Schülersicht. Bitteschön, wenn es da schon steht: ich halte es für einen Fehler, einen Probe-Feueralarm dazu zu nutzen, Lehrer und Schüler auf die Wiese zu kriegen. Bin jetzt voll motiviert, den nächsten Probealarm ernst zu nehmen und auch da schnell Vollzähligkeit der Schüler zu melden..

Wenigstens weiß ich jetzt, worüber meine 6. Klasse einen Bericht schreiben muss. Ha!

Empirische Schulpädagogik gefordert

Bei rpi.virtuell gelesen: ein Interview von Julia Born mit Dr. Martin Wellenreuther, der eine pädagogische Wende fordert. So weit ich das verstanden habe, geht es vor allem auch darum, schulpädagogische Forderungen, Theorien, Verbesserungsvorschläge wissenschaftlich zu überprüfen, bevor man sie durch die Lehrpläne treibt. Also experimentell.

Wie realisierbar das ist, weiß ich nicht. Aber ich habe mir das auch schon länger gedacht. Ich höre viel von bildungstheoretischen Ansätzen, die alle irgendwie einleuchtend und nachvollziehbar klingen. Aber einleuchtend und nachvollziehbar reicht nun mal nicht. In den exakteren Wissenschaften sind viele Erklärungen einleuchtend und nachvollziehbar und trotzdem falsch.

Geometrie im Konzert

Also, ich war am Wochenende aus familiären Gründen auf einem Jugendkonzert und hatte in der zweiten Hälfte nicht mehr viel zu tun. Also zog ich mich in meinen happy place zurück, dachte vor mich hin und spielte mit den Reklamekärtchen, die auf den Sitzen lagen.

Zuerst riss ich von einem Kärtchen ein Quadrat ab und bastelte einen sitzenden Kranich daraus. Der Kranich war fertig, das Konzert nicht. Also bastelte ich mit dem von der ursprünglichen Karte verbliebenen Streifen herum.

Zuerst knickte ich, weil man das so tut, erst mal eine Ecke um:

Immer hin und her, sauberen Falz machen, überlegen, wie es weitergehen sollte. Der Streifen war knapp 3 cm hoch, daraus könnte ich mit dünnen Papier sicher noch einen kleinen Kranich falten, aber dazu war das Kärtchen zu dick.
Also faltete ich einfach voll jugendlichen Übermuts das gegenüberliegende Eck des Streifens auf die entstandene Spitze und siehe da: die beiden Kanten, die obere und die schräge, lagen genau übereinander:

Wieder aufgefaltet:

Hm. Das fühlte sich irgendwie… geometrisch an. Und symmetrisch. Mal von der anderen Seite das gleiche versuchen:

Und wieder die Spitzen aufeinander, es passt noch immer.

Man fragt sich natürlich automatisch bei so etwas, während Chorgesang um einen herum ertönt, ob das bei jedem Streifen geht oder nur bei einem mit genau diesem ursprünglichen Seitenverhältnis. Was für ein Seitenverhältnis ist das denn? Und welches Seitenverhältnis hatte das ursprüngliche Reklamekärtchen?

Kurzes Überlegen… wenn der Streifen 1 hoch ist, dann ist er 1+√2 breit. So viel Mathe kann ich noch. Also ist das ursprüngliche Kärtchenformat – natürlich – 1+√2 zu 2+√2, und das lässt sich kürzen zu einem einfacheren Verhältnis, was sich das Seitenverhältnis des DIN-A-Formats ist. Das Kärtchen war also wohl DIN A6.

Dann war das Konzert auch schon zu Ende. So entstehen vermutlich Mathematikaufgaben.

– Und nebenbei probiere ich gerade ein neues Wordpress-Design aus. Gefällt mir gut, weniger Links überall; ich weiß nur noch nicht, wohin mit der Anzeige der neuesten Kommentare. Lasse mich gerne beraten. Ich habe ein bisschen am Originaldesign herumgeschraubt, bin zum Schluss aber wieder recht nah an die ursprüngliche Version zurückgekommen. Ein paar Ecken und Enden gibt es noch zu verbessern, vor allem für ältere Internet Explorer.

Aus einem Schüleraufsatz neulich, 8. Klasse

Zum Ersten lernen die Jugendlichen mit einem Ferienjob, Verantwortung zu tragen. In der Schule hat ein Schüler nicht sehr viel Verantwortung. In einem Job allerdings ist er immer für seine Taten verantwortlich. Wenn er zum Beispiel mit einem Rasenmäher teure Blumen ummäht, ist es allein seine Schuld. Der Schüler muss nicht etwa eine Seite schreiben, sondern die Blumen bezahlen.

Ich fände es ebenfalls schön, wenn Schüler mehr Verantwortung tragen dürften.

Was machen wir heute?

Doppelstunde, 6. Klasse, direkt nach der Pause. Ich habe den Schülern sehr pünktlich den Computerraum aufgesperrt, mich dann erst mal an meinen Rechner gesetzt und mich angemeldet. Das dauert aus technischen Gründen länger als eine Schüleranmeldung, deshalb fange ich immer rasch damit an. Währenddessen melden sich die Schüler an und der Gong läutet zum eigentlichen Beginn der Stunde.

Ein paar Schüler kamen zu mir und fragten nach einer Referatsnote. Einer kam vor und meldete ein vergessenes Heft. Einer hatte eine Mausproblem. Zwischendurch kleinere Fragen.

Nach einer Viertelstunde fiel mir auf, dass ich bisher kein Wort zur Klasse als Ganzes gesagt hatte. Kein “Guten Morgen”, kein Aufstehen und Hinsetzen dabei (das mir sonst wichtig ist, auf das ich im Computerraum aus Platzgründen aber immer verzichte). Und vor allem kein: “Was machen wir heute?”, weder von den Schülern noch implizit von mir. Die Schüler hatten gewusst, was sie heute machen sollten, und hatten einfach damit angefangen.

So stelle ich mir Unterricht vor. Wenn die Schüler nicht gespannt darauf warten, was heute kommt, sondern am Anfang der Stunde schon wissen, was es zu tun gibt. Das gibt es leider selten bei mir, dazu denke ich noch zu sehr in Einzelstunden. Vielleicht geht das auch nur in der Unterstufe. (Trotz ohne Selbstbestimmung.)

– Um was es heute ging? Die Schüler hatten in der Deutschstunde zuvor, ebenfalls im Computerraum, eine Vorlage für eine Textverarbeitungsdatei erhalten. Die Vorlage enthielt einfache Arbeitsaufträge zur gelesenen Schullektüre, möglichst allgemein gehalten, um sie für spätere Lektüren ebenfalls verwenden zu können. Im Lauf von vier Stunden sollten die Schüler diese Arbeitsaufträge erledigen. Ziele:

  1. ein Dokument schaffen, in dem alternativ zum Heft alles Wichtige zur Lektüre eingetragen ist.
  2. den Schülern Hinweise darauf geben, was man mit Lektüren alles anstellen kann, damit sie das auch für Referate nutzen können. Die sollen eben auch schon in der 6. Klasse nicht nur aus Inhaltsangabe bestehen, sondern bereits etwas Analyse enthalten.
  3. den Schülern Übung im Umgang mit Textverarbeitungsdokumenten geben (ist in der 6. Klasse auch Stoff von Informatik) beziehungsweise mir Gelegenheit bieten, auf einige wichtige, immer wieder falsch gemachte Punkte hinzuweisen: Leerzeichen nach Satzzeichen und nicht zuvor; Unterschied von Binde- und Gedankenstrich; Gebrauch der automatischen Rechtschreibkorrektur; Umgang mit Stichpunktlisten.

Hier ist der Inhalt der Dokumentvorlage, mehr oder weniger. Was Motive und Erzählperspektive sind, wissen die Schüler aus dem Unterricht, zumindest ansatzweise. Am Schluss der Sequenz werden wir über die Ergebnisse reden müssen.

Kirsten Boie, Der Prinz und der Bottelknabe
Ein Dokument von:

  • Inhaltsverzeichnis
    S. 1 Inhaltsverzeichnis
    S. 2 Liste der Personen
    S. 3 Drei verschieden lange Inhaltsangaben
    S. 4 Eine Charakteristik der wichtigsten Personen
    S. 5 Zur Entwicklung der Personen
    S. 6 Motive
    S. 7 Erzählperspektive
    S. 8 Zusätzliches
  • Liste der Personen
    Lege hier eine Liste aller Personen des Buches an. Schreibe dazu erst die die Namen aller wichtigen Personen untereinander, und zwar in sinnvoller Reihenfolge. Markiere dann alle Absätze und wähle Format > Nummerierung/Aufzählung, um daraus eine Stichwortliste zu machen. Das geht auch mit der rechten Maustaste.
    Schreibe danach in Klammern hinter jeden Namen, welche Rolle die Person spielt.
  • Drei verschieden lange Inhaltsangaben
    Schreibe drei möglichst gute Inhaltsangaben zum Buch (sachlich, im Präsens). Eine mit 10 Wörtern Länge, eine mit 20 Wörtern und eine mit 50 Wörtern. (Die Zahlen sind jeweils Obergrenzen.)
    Benutze dazu den Menüpunkt Extras/Wörter zählen. Nenne dabei auch, wenn du kannst, die Art des Buches (Jugendbuch, Thriller, Krimi, Fantasyroman).
  • Eine Charakteristik der wichtigsten Personen
    Bei diesem Buch sind das Kevin und Calvin. Benutze dazu wieder Stichwortlisten und gib ihre äußeren Merkmale und ihre Charaktereigenschaften an.
  • Zur Entwicklung der Personen
    Welche der Personen im Buch machen Entwicklungen durch? Das ist eine schwierigere Frage. Entscheide selbst, wie du sie möglichst gut beantwortest.
  • Motive
    Welche Szenen oder Bausteine gibt es in dem Buch, die entweder im Buch selber mehrfach vorkommen, oder die du aus anderen Büchern oder Geschichten kennst?
  • Erzählperspektive
    Wie ist die Geschichte erzählt? Überlege nicht nur, ob das 1. oder 3. Person ist, sondern vor allem: wird immer aus der gleichen Perspektive erzählt oder wechselt sie? Wird aus der Perspektive einer einzigen Personen erzählt (so dass man nur liest, was sie denkt oder wahrnimmt), oder weiß der Erzähler mehr als die aktuelle Person? Gib Beispiele aus dem Buch, wenn du kannst, mit Seitennummer.
  • Zusätzliches
    Informiere dich im Internet über Mark Twain, Der Prinz und der Bettelknabe. Benutze dazu Wikipedia.
    Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gibt es zu deinem Buch? (Schreibe das unbedingt in deinen eigenen Worten; kopiere nicht einfach nur Sätze oder Absätze aus Wikipedia heraus.)

Der beste Rice Pudding

Ich mag Reisauflauf, noch mehr Milchreis (arroz con leche; möglichst flüssig, lieber noch mit Zimt als nur mit Zitronenschale aromatisiert). Und dann gibt es dann auch noch rice pudding, extrem lecker.

Das Rezept ist ganz einfach:

  • 1 Liter Milch in eine gebutterte Form gießen,
  • 1/2 Teelöffel Salz,
  • 3 Esslöffel Rundkornreis (Milchreis, Arborio, Carnaroli) und
  • 75 g Zucker dazu;
  • nach Geschmack etwas Muskatnuss.
  • Alles verrühren,
  • für 3 1/2 Stunden in den Herd mit 150°C;
  • während der ersten Stunde dreimal umrühren, damit der Reis nicht unten anklebt.

Das war’s. Keine Sahne, kein Vanille. Vorsichtige Menschen können erst mal weniger Zucker nehmen. Und ja, wirklich nur so wenig Reis auf so viel Milch. Das ganze wird wunderbar weich und cremig, als käm’s aus einer Dose, schmeckt nach Karamel und Kondensmilch. Köstlich. Sehr süß. Das Rezept reicht, realistisch betrachtet, für zwei bis drei Personen, vielleicht für vier, wenn es feine Leute sind.

Ideen für unsere Bibliothek

Wenn ich mit unserer Bibliothek mehr zu tun hätte, dann würde ich dieses Poster aufhängen:

Das Zitat stammt aus Wie man den Bachmannpreis gewinnt von Angela Leinen (a.k.a. sopranisse), sehr lesenswert, auch für Schüler interessant.
Das Poster habe ich selbst gebastelt unter Verwendung von freiem Bildmaterial von openclipart.org; wer weiterbasteln will, hier die erweiterte .svg-Datei zum Herumbasteln mit Inkscape, hier als pdf.

Überhaupt würde ich einige Dinge ausprobieren, um die Bibliothek beliebter zu machen. Für das Hauptproblem, dass die Bibliothek nämlich nicht oft genug besetzt, also vor allem am Nachmittag geschlossen ist, habe ich allerdings keine rasche Lösung. Ich hätte nichts gegen freiwillige Schüler als Aufsichten, wenn sich welche fänden.

Was für Pläne heckte ich noch?

  • Die Schüler fragen, wie sie ihre Bibliothek gerne hätten.
  • Weniger Bücher. Zumindest muss viel Schrott raus.
  • Eine Bibliotheksordnung und eine Couch.
  • Wenn’s nach mir ginge, eine Kaffeemaschine, aber die meisten Kollegen sind eher dagegen.
  • Noch mehr Poster.
  • Eine ausliegende Wunschliste, in die Schüler Vorschläge eintragen können.
  • Kommentarzettel auslegen (oder gleich Plastik-Reiter?), die man an die Regalvorderseiten kleben kann, unterhalb von den Büchern. Auf die Zettel schreibt man, was man warum oder wem empfiehlt. Das habe ich mal in England gesehen.
  • Kurze Empfehlungslisten von Büchern auslegen. Am besten in Schnellheftern, jedenfalls gut sichtbar. Die Listen könnten heißen:
    • Drei Bücher für Denker. (William Poundstone, Im Labyrinth des Denkens; Passig/Scholz, Lexikon des Unwissens. Jens Soentgen, Selbstdenken! )
    • Drei Bücher für Dichter. (Stephen Fry, Feigen, die fusseln.)
    • Drei Bücher für Kriminologen. (Doyle, Christie, Chandler. Vielleicht Peter Nusser, Der Kriminalroman.)
    • Die schönsten Liebesgeschichten.
    • Schreiben und Lesen lernen. (David Lodge, Die Kunst des Erzählens; Angela Leinen, Wie man den Bachmannpreis gewinnt.)
    • Spannende Naturwissenschaft. (Darwin. Dawkins. Gould. Richard P. Feynman, Sie belieben wohl zu scherzen, Mr. Feynman. Steven Schwartz, Wie Pawlow auf den Hund kam…
    • Und selbstverständnis von jedem Deutschlehrer ein Schnellhefter, in dem dessen zehn Lieblingsbücher ausführlich vorgestellt werden.

    Dass man für die Vervollständigung dieser Liste Aufkleber als Abzeichen kriegt, das bin vermutlich wieder mal nur ich, also würde ich vorerst darauf verzichten. Aber ich liebe nun mal Aufkleberalben. Das ist der verhinderte Pfadfinder in mir, mit all den Abzeichen.

Web 2.0 finde ich toll. Aber mit Papier 2.0 kann man auch viel lernen – ähnlich selbstständig wie mit modernen Medien.

– Zitierte Werke:

  • Angela Leinen, Wie man den Bachmannpreis gewinnt. Gebrauchsanweisung zum Lesen und Schreiben. München: Heyne 2010.

LibriVox

Ich weiß leider nicht mehr, wo ich vor ein paar Monaten in einem Kommentar geschrieben habe, dass LibriVox für mich als Quelle nur mäßig brauchbar ist. Diese Meinung habe ich nämlich geändert – kennengelernt und ausprobiert hatte ich LibriVox vor ein paar Jahren, noch einmal ausprobiert vor ein paar Wochen, und mit der Qualität bin ich jetzt sehr zufrieden.

LibriVox.org: das ist so etwas wie Projekt Gutenberg für Hörbücher. Freiwillige lesen dort Bücher vor und die Aufnahmen sind durchweg in der public domain, so dass man sie verwenden kann, wie man will. Links zu den Texten, natürlich ebenfalls public domain, gibt es auch gleich.

(Allerdings: nicht bei jedem Werk, das in den USA in der public domain ist, sind auch in Deutschland Urheber- beziehungsweise Verwertungsrecht abgelaufen. Insbesondere sind zum Beispiel die meisten Bücher in den USA gemeinfrei, die dort vor 1923 zum ersten Mal veröffentlicht wurden, auch wenn der Autor noch keine 70 Jahre tot ist. Für Europa gilt aber, mehr oder weniger, nur letztere Regel. Details zu USA-Regeln.)

Manche der Aufnahmen sind nicht besonders gut, und das waren früher eben die ersten, auf die ich gestoßen bin. Meine letzten Stichproben waren aber lauter erfreuliche Erfahrungen. Der Tipp: wenn man einen Leser gefunden hat, der gut vorlesen kann, dann sollte man einfach schauen, welche anderen Werke es vom gleichen Vorleser noch gibt. Und schon hat man viele schöne Aufnahmen.

  • Ganz toll etwa ist die Aufnahme von Rudyard Kiplings Stalky & Co., gelesen von Tim Bulkeley. Klasse. Wie es bei Charles Dickens heißt (Our Mutual Friend): “He do the Police in different voices.” Das ist nicht fehlerfrei, alle dreißig Minuten ist mal ein winziges Stolpern oder Zögern dabei, das bei einer bezahlten Aufnahme nicht akzeptiert werden würde. Aber die verschiedenen Dialekte und Tonfälle einer vergangenen Zeit trifft Bulkeley wunderschön anschaulich, ohne zu übertreiben. Insgesamt knapp 6 1/2 Stunden.
  • Wenn man nach dem Vorleser Tim Bulkeley sucht, stößt man auf Wilkie Collins, P.G. Wodehouse, mehr Kipling, und andere.
  • Über einige Geschichten von H. P. Lovecraft bin ich auf Glen Hallstrom a.k.a. SmokestackJones gestoßen. Auch ein guter Vorleser; liest vor allem Kurzgeschichten.
  • Schön einfach: The Iliad for Boys and Girls. Leider trotzdem noch zu schwer für meine Sechstklässler. Aber ich will mal ausprobieren, ob es Schülern etwas bringt, einen Text – nachdem sie ihn mehrfach gelesen und angehört haben – gleichzeitig vorgelesen zu bekommen und dabei laut mitzulesen und sich selber dabei aufzunehmen.
  • Im Moment höre ich gerade The Wrong Box von Robert Louis Stevenson und Lloyd Osborne. Ich habe das vor Jahren zwei- oder dreimal mit Genuss und Befremdung gelesen. Die Geschichte: zwei Brüder, hochbetagt, sind die letzten Überlebenden einer Runde von Herren, die im Kindesalter Teilnehmer einer leicht abgewandelten Tontine waren. Dabei wird für jeden Teilnehmer ein Betrag eingezahlt und der letzte Überlebende kriegt dann, viele, viele Jahre später, die Summe ausgezahlt. Nicht dass der dann noch viel davon hat.
    Einer der beiden Brüder wird von einem etwas leichtfertigen Neffen gehütet, ist aber schon lange nicht mehr gesehen worden. Lebt er überhaupt noch? Der andere Bruder, durchaus noch rüstig, ist wirtschaftlich abhängig von einem anderen, etwas verbisseneneren Neffen, dem er seine möglichen Tontinenanspruch übereignet hat. Er darf kaum mehr aus dem Haus, damit seine Gesundheit auch ja nicht leidet, schließlich ist er eine Investition. Durch eine Verwechslung bei einem Zugunglück wird er für tot gehalten und entkommt, oberlehrerhaft durch die Gegend ziehend (lange Geschichte). Der finstere Neffe gaukelt nun seinerseits der Welt vor, dass der Onkel noch lebt, und versucht die verwechselte Leiche zu verbergen. (“It’s illegal, ain’t it?” said John. “A man must have some moral courage,” replied Morris with dignity.) Die Leiche geht allerdings mehrfach verloren. Hilarity ensues. Wie gesagt, schräges Buch, beeinflusst von der Geschichte des Buckligen aus Tausendundeiner Nacht.

– Fast alle Aufnahmen sind auf Englisch. Für die Sommerferien habe ich mir eine deutsche Tieck-Novelle vorgenommen und vielleicht eine Chaucer-Novelle, auf mittelenglisch. Das ist ein schönes, überschaubares Vorhaben, mit dem ich der Community etwas zurückgeben kann. Kult des Amateurs? Ich liebe Amateure. Gerade bei Kunst und Entertainment sollten Amateure eine größere Rolle spielen. Das heißt nicht, dass man im Fernsehen Superstars sucht, also Leute, die genau diesem Amateurstatus entfliehen wollen. Sondern dass mehr Leute Bücher vorlesen. Selber.