Stöckchen springen

Schon vor zweieinhalb Jahren gefragt und eben daran erinnert worden. Vielleicht gibt es einen (Fantasy?-)Kontext zu den Fragen, aber versprechen kann ich das nicht. Hier verspätet meine Antworten.

  1. Servus, sprich: aus welcher Welt stammst Du und was zeichnet sie aus? Aus dieser hier. Aus einer Welt, die meine Eltern für mich geschaffen haben, aus einem Amalgamuniversum, das ich mir zusammengesucht habe. Aus der Welt der frühen 1980er Jahre. Es ist auf jeden Fall eine durch Medien vermittelte, also konstruierte Welt. Die unmittelbare Erfahrung war nie so das meine.
  2. Und wer und was bist Du? Die Summe meiner Erfahrungen und ausgelösten Änderungen in der Welt.
  3. Welches Element Deiner Heimatwelt hat Dich am meisten geprägt? Alte Filme mit Fred Astaire und Ginger Rogers, und die frühen Spider-Man-Comics.
  4. Wissen, Erkenntnis oder Mythos? Erkenntnis wird überschätzt, hat keine korrigierene Instanz, sondern nimmt den Erkennenden zu wichtig. Wissen und Mythos sind dagegen beides soziale Konstruktionen; zwischen beiden zu wählen fällt mir deutlich schwerer. Vermutlich Wissen, aber nur knapp.
  5. Was ist der schwierigste Handel, den du in Deinem Leben eingegangen bist? Gibt es eine Entscheidung, die Dich bis heute verfolgt? Eine solche Entscheidung gibt es nicht. Schwierige Handel: Auch da fällt mir keiner ein; ich glaube, ich habe es immer sehr leicht gehabt.
  6. Welche anderen Charaktere verbinden Dich mit der Welt? Wessen Tod würde Dich am meisten erschüttern? Familie. Der Tod von Prominenten, und alte Prominente ohnehin, erschüttert mich nicht, mahnt mich nur ans Vergehen der Zeit und das alles vergänglich ist.
  7. Erzähl mir einen Schwank aus Deiner Jugend! Stattdessen vier Blogeinträge dazu.
  8. Was ist Dein größter Erfolg? Oder: Gibt es etwas, worauf du wirklich stolz bist? Mir fällt nichts ein, auf das ich wirklich stolz bin. Dinge, auf die ich nicht stolz bin, das ja. Größter Erfolg: Auch das nicht. Wenig Ziele, wenig Probleme. Viel leises Vergnügen.
  9. Wovor hast Du am meisten Angst? Ich habe vor sehr vielem ein bisschen Angst. Wenn ich keine habe, suche ich mir etwas, vor dem ich Angst haben kann. Aber viel Angst ist es jeweils nicht. Insgesamt bin ich dann eher furchtlos.
  10. Nur zur Sicherheit: Lebst Du noch und bist dem Tod schon einmal spektakulär von der Schippe gesprungen? Falls nicht: Wie bist Du gestorben? Ja, ich lebe noch, spektakulär war noch nie etwas bei mir. Als Dreijähriger war ich mal im Notarztwagen, keine Luft, Verdacht auf (Pseudo?)krupp, dann aber doch nichts. Und hinter einem Bus bin ich mal vor ein überholendes Auto gerannt, das gab eine leichte Prellung.
  11. Blicke auf Dein Leben zurück und stell Dir vor, es gäbe jemanden, jenseits Deiner Welt, der alle Deine Handlungen bestimmt: Würdest Du sagen, diese Person mache einen guten Job? Was wäre Deine größte Kritik? Ziellosigkeit, falls mein Leben ein Kunstwerk sein sollte. Mein Leben als von jemand anderem bestimmt, also quasi als Computerspiel, wäre ein walking simulator. Anderseits verstehe ich den Reiz von als walking simulator verspotteten Computerspielen durchaus.

Seifen

Seit einiger Zeit haben wir in diesem Haushalt kein Duschgel mehr, sondern waschen uns mit Seife. Die Älteren erinnern sich: So war das früher! Da kam Zahnpasta in Tuben, deren Inhalt man taktisch geschickt ausquetschen musste, um an die zweite Hälfte des Inhalts zu gelangen. (Ein Motiv in launiger Partnerbeziehungscomedy waren Unvereinbarkeiten hinsichtlich des Quetschweise.) Und man wusch sich beim Duschen mit Seife. Erst nach meiner Kindheit tauchten Plastikflaschen mit Duschgel auf. So konnte Otto 1979 noch folgenden Sketch im Fernsehen bringen:

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Ein kurzer Test bei meiner 7. Klasse: Die findet das immer noch witzig, und niemand war verwirrt, warum der komische Mann hier Seife zur Reinigung verwendet statt Duschgel.

Shampoo kam jedoch auch in meiner Kindheit schon in Plastikflaschen. Oder? Ich kann mich jedenfalls nicht an Seife erinnern, aber das muss nichts heißen.

Zu Weihnachten schenkte uns die umweltbewusste Nichte Shampoo in Seifenform. Sieht aus wie Seife, tut man kurz an die Haare, schäumt und fühlt sich an wie Shampoo. Ohne Plastikflasche. Ich weiß noch nicht, wo die Nichte die Shampooseife herhatte, die abgebildete oben ist mit 10 Euro noch deutlich im Muss-man-sich-leisten-können-Bereich. (Hält aber auch lange.)

Datenschutz an der Schule

Sehr neugierig hat meine 7. Klasse ins schräg gegenüberliegende Klassenzimmer der Parallelklasse geschaut, wo der Mathematiklehrer die Notenverteilung der letzten Prüfung an die Tafel geschrieben hatte – die gleiche Prüfung, mit den gleichen Aufgaben, die auch meine Klasse abgelegt hatte. Weil man schon recht gerne die Noten mit der Parallelklasse vergleicht. Es haben nur die Operngläser gefehlt.

Fridays for Future

Auch an meiner Schule waren letzten Freitag einige Schüler und Schülerinnen in München streiken und nicht im Unterricht. Der Hintergrund: Unter dem Motto „Fridays for Future“ streiken an vielen Orten auf der Welt Schüler und Schülerinnen, um für den Klimaschutz zu demonstrieren – um die Entscheider daran zu erinnern, gefälligst und bald etwas zu tun.

Ihr Vorbild ist die schwedische Schülerin Greta Thunberg, die seit Monaten jeden Freitag die Schule bestreikt und vor kurzem im Weltwirtschaftsforum in Davos eine Rede hielt. Für diese Rede wird sie von manchen gelobt, von anderen kritisiert, aber das überrascht sicher niemanden. Video hier:

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Morgen thematisiere ich das mit der 7. Klasse. Da üben wir gerade das Argumentieren (als Vorbereitung auf eine größere Übung), und die Klasse wünscht sich andere Themen – bisher ging es um Schule und unmittelbare Lebenswelt der Kinder. Sie wollen sicher aber viel lieber beschäftigen mit Themen aus den Bereichen, ich zitiere: Umwelt, Syrien, Europa, Sport, Politik (womit sie wohl: gesellschaftliche Themen meinen). Laut Kultusministerium soll ich das zwar nicht, weshalb das auch sicher keine Prüfungsthemen werden – der aktuelle Trend geht zu Prüfungen mit Begleitmaterial (damit man wenigstens etwas über das Thema weiß) und hin zu Themen, die sich konkret auf das Fach Deutsch beziehen: Kultur, Literatur, Bildung, aber eben nicht mehr: Gentechnik oder Kernkraft, wie ich sie noch aus meiner Schulzeit kenne.

Das ist einerseits sinnvoll: Man soll schreiben von dem, was man versteht. Andererseits ist das schlecht, weil dann gar kein Fach mehr da ist zur schriftlichen intellektuellen Auseinandersetzung mit gesellschaftlich relevanten Themen. Das sollen in Zukunft wohl die anderen Fächer machen, im Fach Physik sollen die Schüler und Schülerinnen in Zukunft laut dem neuen Lehrplan im Web Kommentare zur Kernkraft sammeln und bewerten. Mmh. Ein interessanter Ansatz, ich verstehe den Gedanken dahinter, vermute aber, dass das erst mal nur 1 Seite im neuen Physikbuch sein wird, die man vielleicht sogar überspringt.

— Jedenfalls: Was tun mit den Schülern und schülerinnen, die die Schule bestreikt haben, um Demonstrieren zu gehen? Das Kultusministerium hält sich wohl bedeckt und lässt das die Schule in eigener Regie handhaben. Ich habe keine Ahnung, wie viele bei uns betroffen sind, vermutlich nicht viele; und keine Ahnung, ob und wie das geahndet wird. Dürfte ich ja auch gar nicht schreiben. Aber Theorien, was man tun sollte, die habe ich aufgeschnappt, darunter vor allem die:

  1. Ignorieren.
  2. Verweis geben (=Akteneintrag, Ordnungsmaßnahme, nicht zu Verwechseln mit einem Schulverweis).
  3. Nachsitzen lassen, aber mit irgendeiner sinnvollen gesellschaftlichen Aufgabe.

Lustig, also ernst, wird’s ja nur, wenn das häufiger auftritt, also etwa jeden Freitag, oder wenn mal eine Prüfung ansteht.

Ich finde, die Schüler und Schülerinnen haben ein Recht auf einen Verweis. Die Wirkung der Demo entsteht ja nicht dadurch, denke ich, dass ein paar tausend Schüler sich in München versammeln, sondern dadurch, dass sie das System zwingen, zu reagieren. Beim Ignorieren geschieht das nicht, und auch der Verweise ist nur eine kleine Reaktion. Am albernsten finde ich das Nachsitzen lassen. Das müssten dann doch eher die, die nicht zur Demo gegangen sind?

Ohne dass ich mit betroffenen Schülöern und Schülerinnen gesprochen hätte: Die sind sicher entsetzt, wenn das Streiken irgendwelche schulischen Konsequenzen hat. Weil das doch für eine gute Sache war.

(Siehe auch: Kinderkreuzzug?)

Wochenende

Heimkehr von einer fröhlichen Feier.

Spät und schön gefeiert. Dementsprechend müde gewesen am nächsten Tag. Trotzdem brav gelaufen, Zombies gejagt, Podcast veröffentlicht.

Für das Mediencurriculum Lehrpläne gelesen, auch der anderen Fächer. Ja, aus Misstrauen und Erfahrung. In Sport 10 steht jetzt drin: „gegenseitiges Feedback zur Schiedsrichtertätigkeit auch unter Zuhilfenahme digitaler Analysemethoden“. (Daneben: Autogenes Training und Gesellschaftstanz.) Bin sehr gespannt, wie sich das in der Realität niederschlagen wird, zumal das Aufzeichnen von Schülern und Schülerinnen datenschutzrechtlich schwierig ist.

Durch die Presse ging vor ein paar Tagen, dass in Sachsen Lehrmaterial an Schulen verwendet wird, das von „europiden, negriden und mongoliden Menschenrassen“ spricht. Große Aufregung. Tatsächlich steht das so ähnlich im aktuellen Lehrplan von Sachsen, Biologie, Gymnasium, S. 32 (letzte Überarbeitung: 2017): „Merkmale von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ – soweit ich weiß, sind diese Begriffe wissenschaftlich schon lange überholt. Direkt danach steht zwar: „Antirassismus als Gebot des Humanismus“, aber das macht es nicht viel besser – nachdem man kurz vorher nahelegt, dass es so etwas wie Rassenmerkmale gibt, soll man sie jetzt dann wohl nur aus humanistischen Gründen leugnen. Dabei fehlt nach aktuellem Konsens ja schon die wissenschaftliche Grundlage dafür.

Apropos aktueller Konsens: Ich bin, bei aller Liebe zum kantischen Selberdenken, ein großer Freund des Mainstreams. Abseits des Mainstreams gibt es Leute mit Geheimwissen, dass vom Mainstream (Big Pharma, Main Stream Media, Staat und Industrie) unterdrückt wird: Impfgegner, Homöopathen, Schröpftherapeuten, Brain-Gym-Jünger, Reichsbürger, Birther, Truther, Flacherdler, Holocaustleugner – sie alle eint die Verschwörungstheorie, alle fordern Sie, dem Establishment zu misstrauen.

Sonstiger Status: Lese gerade spannendes Buch, komme aber vor überbordendem Notizenmachen nicht weiter.

Ist das in Ordnung, dass mündliche Noten so viel besser sind als schriftliche?

In Bayern gibt es wie in allen Ländern verschiedene Möglichkeiten, Noten zu machen, aber vor allem gibt es mündliche Noten und schriftliche Noten. Schriftliche Noten sind meistens größere oder kleinere, angesagte oder überraschende Prüfungen, die sich auf einen kleineren oder größeren Zeitraum beziehen können. Mündliche Noten fallen dabei deutlich besser aus als schriftliche. (Weiß schon, Ausnahmen, ist aber dennoch so, da sind wir uns wohl einig.)

Die schriftlichen Noten zählen dabei mehr als die mündlichen. (Auch das kann man differenzieren; es gibt kleine und große Leistungserhebungen, und große zählen mehr, und meist sind die mündlichen klein und die schriftlichen groß – aber, kurz gesagt, schriftliche zählen in den wissenschaftlichen Fächern mehr.)

Als die ersten Schüler und Schülerinnen des plötzlich eingeführten achtjährigen Gymnasiums am Ende der 9. Klasse waren, wurden die Regelungen für die neue Oberstufe beschlossen, also für die 11. und 12. Klasse. Und die hießen unter anderem de facto: Die mündlichen Noten in der Oberstufe werden stärker gewichtet als bisher, stärker als in Unter- und Mittelstufe.

Beschlossen wird so etwas von der Exekutive, also dem Kultusministerium. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ernsthafte Didaktiker dafür ihren Namen hergegeben haben oder dass ein echter didaktischer Grund dafür bestand, die mündlichen Noten aufzuwerten, es sei denn mit dem Ziel, Noten irgendwann einmal ganz abzuschaffen. (Ein hehres Ziel, aber ich lebe in der Praxis.) Der tatsächliche Grund dürfte der gewesen sein, eine drastische Notenverschlechterung im G8 zu vermeiden, das ja politisch ein Erfolg werden musste.

Und so kam es auch. Weiterhin sind mündliche Noten besser als schriftliche, und das das trägt wesentlich dazu bei, dass die Abiturnoten nicht schlechter, sondern besser geworden sind. Das führt regelmäßig zu Problemen, wenn sich Schüler und Schülerinnen mit der mündlichen Note bis zum Abitur in Deutsch und Mathematik retten und dann in der rein schriftlichen Prüfung die gleichen schlechten Noten kriegen wie bisher – und dann erst einmal die Abiturprüfung nicht bestehen und sich vielleicht noch über eine nachträgliche Ergänzungsprüfung retten können.

Ausgangspunkt dieses Blogeintrags: Der Deutsche Philologenverband fordert aussagekräftigere, also wohl: schlechtere Noten am Gymnasium, Spiegel hier. Früher war 2,3 im Abitur eine gute Note, heute ist sie Durchschnitt. Die Noten von 2007 und 2017 zu vergleichen, macht allerdings insofern wenig Sinn, als Noten de facto nur etwas über relative Leistung aussagen: Jemand mit 1,3 im Abitur ist besser als jemand mit 2,3 (auch wenn die Forschung immer wieder Tendenzen auszumachen scheint, dass bei gleicher Leistung doch Geschlecht, Familienhaus, Name zu unterschiedlicher Benotung führen). Ob jemand mit 1,3 wirklich sehr gut ist, das lässt sich daraus nicht ableiten. Ob die Schüler und Schülerinnen bei gleicher Note heute mehr können oder anderes oder nicht, und ob das gut ist oder nicht – das sind andere, schwierigere Fragen, um die es mir hier gar nicht geht.

Mich treibt vielmehr die Frage um, warum mündliche Noten besser sind als schriftliche. Die tatsächliche Antwort dürfte sein: Erstens Mitgefühl, weil man leichter eine 5 aufs Blatt schreibt statt sie ins Gesicht zu sagen; zweitens Unsicherheit, weil mündliche Noten allgemein viel angreifbarer sind als schriftliche und man sich keinen Ärger holen will; drittens das Gefühl, dass ja genau das von oben und weiter oben gewünscht wird – deshalb ist ja auch die Neuregelung für die G8-Oberstufe eingeführt worden.

Aber vielleicht sehe ich das zu zynisch. Vielleicht gibt es legitime Begründungen dafür, warum es richtig ist, dass mündliche Noten besser sind als schriftliche.

Ein möglicher Grund, oben schon angedeutet: Noten an sich sind schlecht, und je weniger oder je bessere Noten man gibt, desto besser. Das ist grob verkürzt dargestellt, und sorgfältiger argumentiert ist das nicht so schlecht, wie es klingt. Ich vermute mal, aber das mag ein Vorurteil sein, bei der Didaktik an den Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen sieht man das oft so. Diese Sicht kann ich mir als Lehrer aber nicht leisten, will auch heißen: bin zu stolz dafür. Ich werde fürs Notengeben bezahlt, auch wenn und gerade weil ich das ungern mache; davor mag ich mich nicht zu sehr drücken.

Ein Grund, könnte der sein, dass mündlichen Noten andere Kompetenzen zugrunde liegen als schriftliche. Und dass bei mündlichen Noten halt immer eher das geprüft wird, was die Schüler und Schülerinnen besser können. Allerdings leuchtet mir das ebenso wenig ein wie der Vorschlag, den ich auf Twitter bekam: Bei schriftlichen Noten arbeiteten die Schüler weniger angeleitet, selbstständiger, daher die schlechteren Noten. Allerdings verstehe ich nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hat. Die Schulordnung kennt keine unterschiedlichen Kriterien für mündliche und schriftliche Noten, ein sehr gut ist immer eine Leistung, die den Anforderungen in besonderem Maße entspricht. Wie sieht die didaktische Rechtfertigung dafür aus, dass die Anforderungen bei mündlichen Noten niedriger sind?

Ich sage nicht, dass mündliche Noten zu gut sind. Vielleicht sind schriftliche auch zu schlecht. Muss es überhaupt 5er und 6er geben? Note 1-4 heißt ja: im Prinzip schon brauchbar, und Note 5-6 heißt: nein, das geht so nicht. Man übt in der Schule keinesfalls, bis alle den Stoff können, sondern halt eine Weile, bis dann endlich die Zeit für die Prüfung da ist. (Jan-Martin Klinge hat neulich überlegt, wie man etwas an diesem Prinzip ändern könnte.) Ist man bei mündlichen Noten da besser und prüft zu einem Zeitpunkt, zu dem die Schüler und Schülerinnen den Stoff gründlich verstanden haben?

(Das glaube ich nicht, nein. Aber es ist ein netter Gedanke.)

Weiß jemand, ob die universitäte Schuldidaktik sich irgendwie zu der Diskrepanz zwischen mündlichen und schriftlichen Noten positioniert? Findet sie die gut, ist sie ihr egal? Beklagenswert oder noch ein Segen?

Nachtrag: Ich verteidige ja gerne mal die Wissenschaft, wenn wieder etwas Offensichtliches festgestellt wurde. Denn auch das Offensichtliche muss erst einmal sauber nachgewiesen werden; am Ende hat’s dann ja vielleicht doch gar nicht gestimmt. In Abwesenheit solcher Untersuchungen zu mündlichen und schriftlichen Noten muss allerdings auch die universitäre Didaktik, wenn sie nicht ihrem schlechten Ruf unter den Praktikern entsprechen will, den Erfahrungen der Experten vertrauen, den Lehrkräften und Schülern und Schülerinnen.

Letzte Schulwoche, Weihnachten 2018

In der letzten Schulwoche fiel ein Referat in der Q11 aus. Ich mache gerade eine kleine Runde amerikanische Geschichte des 20. Jahrhunderts, auch anhand von Liedern – Strange Fruit; Buddy, can you spare a dime; Ten cents a dance – und da füllte ich vor Weihnachten die fehlenden dreißig Minuten mit einem thematisch passenden Film. Erst hielt ich die DVD zu O Brother, Where Art Thou? hoch und erklärte den leuchtenden Kinderaugen, dass wir das heute nicht ansehen würden. Sondern dafür einen anderen Film, schwarzweiß, von 1941, sie sollten sich also darauf einstellen.

Der andere Film war Sullivan’s Travels, über den ich hier vor zehn Jahren kurz etwas geschrieben habe, und von dem die Coen-Brüder den Titel ihres Films entliehen haben. Regie und Drehbuch: Preston Sturges, IMDB nennt als assistant writer (uncredited) auch Ernst Laemmle, einen Neffen von Universal-Gründer Carl Laemmle. Gestern war ich in der
Sonderausstellung „‚Ehem. jüdischer Besitz‘ – Erwerbungen des Münchner Stadtmuseums im Nationalsozialismus“ und stieß dort auf die Münchner Lämmle-Familie, die nach und nach entrechtet und enteignet wurde und von denen Carl Laemmle vielen zur Emigration in die USA verhalf (wie vielen anderen auch). Es ist halt nicht so lange her und nicht so ferne Vergangenheit.

Sullivan’s Travels ist ein Meisterstück. Die Komödie beginnt mit aufgeregter Musik und einer ausführlichen Faustkampfszene auf einem fahrenden Zug, an deren Ende die beiden Kämpfer in tödlicher Umklammerung in einen Fluss stürzen, worauf „The End“ eingeblendet wird. Schnitt auf eine kleine Zuschauergruppe im Vorführraum, ein Mensch interpretiert begeistert: „Das Kapital und die Arbeit zerstören einander!“, und genau so einen Film möchte er – der erfolgreiche Komödienregisseur John L. Sullivan – in Zukunft auch machen, einen Film mit Moralischer und Gesellschaftlicher Bedeutung. Und dieser Film soll eben O Brother, Where Art Thou heißen: Ein ernsthafter Film über die Armen und Unterdrückten.

Weil Sullivan aber keine Erfahrung im Armsein hat, zieht er als Landstreicher los, verfolgt von einem Tross Pressesprecher und Journalisten. Die schüttelt er bald ab und erlebt danach in Tonfall und Ernsthaftigkeit sehr unterschiedliche Abenteuer.

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Ich hatte ja befürchtet, dass der Film für den heutigen Geschmack zu langsam sein würde. Pustekuchen. Es gibt theaterhafte Szenen voller schneller Dialoge, rasante Slapstickeinlagen, langsames Kennenlernen von Held und Heldin, lange, stille Szenen – man muss schauen, dass man mitkommt, weil das von den gewohnten Erzählmustern im Film abweicht.

– Mit der 7. Klassen spielten wir am letzten Schultag vor den Ferien (an dem kein Unterricht mehr stattfindet, sondern nur Gottesdienst und Kuscheln und Früheraus) das „Alle, die wo“-Spiel. Man sitzt im Kreis, einer steht in der Mitte. Der oder die sagt dann „Alle, die wo…“ zum Beispiel: „…eine Brille tragen“, und alle die müssen aufspringen und sich einen neuen Sitzplatz suchen. Zwischendrin sucht sich auch der in der Mitte einen frei gewordenen Platz, so dass am Ende wieder jemand anderes in der Mitte steht.

Der Reiz am Spiel sind natürlich die Fragen. „Alle die wo schon einmal besoffen waren“, „Alle die schon mal einen perversen Film gesehen haben“.
(Beim Wichteln wird unter den Mädchen übrigens Kosmetik verschenkt. Das wusste ich so noch nicht.)

– Weihnachten gab es dann viele Familienbesuche, dazwischen machte ich eine Entenpastete nach diesem Rezept. Das ist nicht gar so aufwendig, wie es klingt, und schon wohl eher ein Einsteigermodell ins Pastetenmachen, aber auch diese Pastete gelang mir erst jetzt einigermaßen brauchbar. Ich hatte es vor anderthalb Jahren schon einmal versucht. Der Trick: Man braucht eine auseinandernehmbare Pastetenform und eine Anleitung, wie man den Teig ordentlich in die Form kriegt. (Ordentlich abmessen, Ecken nicht abschneiden, leicht bemehlen, zusammenlegen und in die Form legen – und dort wieder auseinanderbauen.)


(Bilder großteils von Frau Rau.)

– Und eben habe ich drei kurze Bücher gelesen, nämlich:

  • Shauna Tan, The Arrival: Eine Graphic Novel ganz ohne Text, nur mit Zeichnungen erzählt, um Immigration und Fremdheit und Vertrautheit. Ein Mann aus einer uns vertraut erscheinenden westlichen Kultur emigriert arbeitssuchend in eine vage an ein fantastisches New York um 1900 erinnernde Stadt, die für ihn wie für den Leser fremd und exotisch und erst einmal unerklärt ist. Maschinen und Tiere sehen märchenhaft und zutiefst unvertraut aus. EMpfehlung meiner Nichte, die das als Schullektüre in der 7. Klasse gelesen hat. Respekt.
  • Birte Alber/Carsten Cording, Eichhörnchen entdecken! Alles über Eichhörnchen am Balkon, und ich bin ja Eichhörnchenbeobachter.
  • Miriam und Ezra Elia, Wir gehen in eine Ausstellung. Ein Mistkäfer-Buch, von denen es inzwischen wohl schon vier gibt, angelehnt an die Ladybird-Serie von Penguin Books, vergleichbar den Conny-Büchern bei uns. Nur eben mehr für Erwachsene. Mutti, John und Susan gehen in eine Ausstellung; neben den Illustrationen im 1970er-Jahre-Stil steht in freundlich runden serifenlosen Buchstaben der Text:

    „In dem Raum ist nichts, weil Gott tot ist“, sagt Mutti.
    „Oje“, sagt John.

    „Ich konnte keine Künstlerin werden, weil ich euch bekommen habe“, sagt Mutti.

Ach ja, noch als Nachtrag: Bei Amazon.de sind über 20.000 nahezu identische Titel lieferbar, wenn man nach „All-Inclusive Self-Assessment“ sucht. Blah-Text für 69 Euro, der sich nur in dem einen Computerschlagwort des Titels unterscheidet. Darauf gekommen bin ich auf der Suche nach dem Buch IBM and the Holocaust, die dann eben auch zu folgendem automatisch generierten Band führt: IBM and the Holocaust All-Inclusive Self-Assessment – More than 720 Success Criteria, Instant Visual Insights, Comprehensive Spreadsheet Dashboard, Auto-Prioritized for Quick Results. Ich nehme mal an, diese angeblichen CD-ROMs gibt es nicht einmal zu kaufen, sondern sie dienen nur als Spam von irgendeiner Art? Spammen sich die Systeme gegenseitig zu, um Eindruck zu machen?

Zerreißt eure Schulbücher!

Es gibt ein in Spielerkreisen bekanntes Brettspiel, das heißt Pandemic, die Spieler und Spielerinnen müssen dabei gemeinsam die Welt vor einer Pandemie retten. Auf dieses Spiel gibt es eine Art Variante, die heißt Pandemic Legacy. Sie lehnt sich an das Ursprungsspiel an, enthält aber völlig neue Komponenten, und zwar vor allem diese: Man spielt nicht jedesmal das gleiche Spiel, sondern eine Art Kampagne. Die zweite Runde hat zusätzliche Regeln zur ersten, die nächste zusätzliche Spielfiguren, eine weitere ändert das Spielfeld. Wenn ich mich richtig erinnere, kann man das Spiel 18 mal spielen, dann ist es aus. Denn im Lauf des Spiels werden Karten zerrissen, beschriftet, die Spielfläche wird neu gezeichnet, mit Kugelschreiber und Schere und Filzstift wird herumgefuhrwerkt, man eröffnet verschlossene Umschläge mit Überraschungen. Pandemic Legacy hatte großen Erfolg (in Spielerkreisen) und ähnliche Titel folgten. Namensgeber und erstes solche Spiel war Risk Legacy, eine Risiko-Variante aus dem Jahr 2011.

So ähnlich komme ich mir gerade in meiner 7. Klasse im Deutschunterricht vor. Ich arbeite bewusst einmal richtig viel mit dem Buch und möglichst wenig mit Kopien und entdecke dabei interessante neue Sachen im Buch. Außerdem nutze ich mit den Schülern und Schülerinnen die Gelegenheit, die sich dadurch bietet, dass dieser Jahrgang der letzte G8-Jahrgang ist. Die kommende 7. Klasse im nächsten Jahr ist schon G9, hat einen anderen Lehrplan und andere Deutschbücher. Die alten Deutschbücher dürfen die Schüler und Schülerinnen behalten, jedenfalls war das im Vorjahr mit der 6. Klasse so, und die Schule wird die alten Bücher auch nicht mehr haben wollen.

Also nutze ich – bisher nur behutsam – die Möglichkeit, die Kinder zu einem anderen Umgang mit dem Buch anzuleiten. Reinschreiben und Unterstreichen? Kein Problem. Stichpunktlisten durchnummerieren? Dramatische Texte kürzen als Spielvorlage: Klar.

Noch bin ich nicht dabei, Seiten herausreißen zu lassen und als Papierflieger zu verwenden, und ohnehin hätte ich daran letztes Jahr bei der Vorgangsbeschreibung denken müssen. Aber ich bin sicher, das kommt noch. Am Ende des Jahres sollte jedes Buch ein Unikat sein. Vielleicht die Seiten kapitelweise herausreißen und zusammentackern als Heftergänzung? Die Lieblingsseite als Erinnerung ins Heft kleben? Gesichter ausmalen? Meinen Schülerinnen und Schülern fällt sicher auch etwas ein.

Und nächstes Jahr dann das gleiche mit der 8. Klasse!


Hausaufgaben, die gar nicht so gemeint sind

Wenn am Ende der Lehrprobe die Schüler und Schülerinnen die Hausaufgabe gestellt kriegen, wissen sie genau, dass sie die dann doch nicht zu machen brauchen. Oft ist sie ja eh von einer Form, die bisher noch nie da gewesen war, sie ist ja auch eher für die Seminarlehrer gedacht.

Auch Lehrer kriegen manchmal solche Anweisungen. Gerne fangen die an mit „Wie Sie alle wissen“ (ein Signalwort dafür, dass man vergessen hat, rechtzeitig an eine Sache zu erinnern), aber auch so ist manchmal klar, dass man diese Anweisung nicht so ernst nehmen muss wie andere. Details sind hier leider nicht möglich.

Und siehe da, auch ganze Schulen kriegen solche Hausaufgaben. Die Schüler und Schülerinnen der Unterstufe müssen ab in Bälde jeweils 10 kostenlose Unterrichtsstunden Einführung ins Tastschreiben erhalten. (So der Fachausdruck für Zehnfingersystem.) Danach können die Kinder dann alleine mit entsprechender Trainingssoftware weiter üben. Diese 10 Stunden seien im Rahmen von Projekten möglich oder von Vertretungsstunden.

Auslöser für diese Anweisung ist wohl die bayerische Zukunftsstrategie „Digitale Bildung in Schule, Hochschule und Kultur“, vor Jahren beschlossen, und da steht nun mal drin, dass alle Schüler und Schülerinnen eine Einführung ins Taschreiben kriegen sollen. Man hört meinem Tonfall an, dass ich wenig davon halte. Wie wäre es stattdessen mit 10 Stunden Ukulele für alle? Das hielte ich für sinnvoller, aber wohl auch schwieriger umzusetzen.

Den Wunsch nach Tastschreiben höre ich immer wieder mal. („Da hat man was in der Hand! Und man hat das Gefühl, dass man auf eigenen Füßen steht. Da hat man was Eigenes!“) Mitunter kommt das in Kombination mit der Klage darüber, warum man überhaupt zwei Fremdsprachen lernen muss am Gymnasium, eine reiche doch völlig aus. Und Tastschreiben ist wirklich sehr praktisch für diejenigen, die viel Texte abschreiben, weil man dabei nicht auf den Bildschirm schauen kann. Ichhab’s ja auch mal gelernt. Für andere ist es auch praktisch, und wer will, kann das ganz alleine und zu Hause jederzeit lernen, als Kind oder als Erwachsener. Mit digitaler Zukunft hat das aber wenig zu tun. Andere Inhalte am Gymnasium kann man sich nicht so leicht selber beibringen, und deshalb gehört das Tastschreiben da erst hin, wenn auch Zeit für wichtigere Inhalte da ist.  Also: Erst die Verkehrserziehung in den Vertretungsstunden, dann das Tastschreiben.