Erster! (Sachbücher im Deutschunterricht)

Heute habe ich in der 9. Klasse eine Deutsch-Schulaufgabe geschrieben. (So heißt in Bayern ein benoteter angekündigter schriftlicher Test.) Der Inhalt war ein Eintrag aus dem Lexikon des Unwissens von Kathrin Passig und Aleks Scholz. Damit bin ich hoffentlich Erster! was den Einsatz dieses Buch als Quelle für Schulaufgaben betrifft. (Wir hatten den Schualufgabentyp „Analyse eines Sachtexts“ unter anderem an einem weiteren Eintrag aus dem Buch geübt.)

In dem Eintrag ging es vor allem darum, dass man nicht genau weiß, wie eigentlich Klebeband funktioniert. Zur Erklärung werden Geckos und van-der-Waals-Kräfte herangezogen; beides kannten die Schüler bereits aus dem Chemieunterricht der 9. Klasse. Das war Absicht.

Für die Schulaufgabe habe ich zusätzlich die Stunde eines Kollegen übernommen und auch selber Aufsicht geführt. Der Kollege schaute trotzdem kurz im Klassenzimmer frei und bot an, mir eine Tasse Kaffee zu bringen. Das habe ich gern angenommen, schon mal um den Schülern zu zeigen, dass sich auch Lehrer gegenseitig freundlich behandeln können. Mit dem Kaffee, schwarz, ohne Zucker, kam auch ein Stückchen Schokolade. Das war schön.

Nach 100 Minuten Schulaufgabenaufsicht hatt eich dann gleich nochmal 100 Minuten Aufsicht beim Abitur. Das ermüdet. Der Geschichts-LK hatte übrigens ein deutlich höheres Handy-pro-Kopf-Vorkommen als der Wirtschafts-LK. Das… ist eher unwichtig.

— Überhaupt, Sachtexte im Unterricht. Diese Deutschklasse liest als nächste Unterrichtslektüre Andreas Eschbach, Das Buch der Zukunft. Das ist ein Sachbuch, im Lehrplan neben vielen weiteren Werken als mögliche Lektüre genannt. Nach einleitenden Kapiteln über die Problematik von Voraussagen geht es in den meisten der folgenden 19 Kapitel jeweils um einen Aspekt unserer Zukunft: Internet, Raumfahrt, Energie, Klimawandel, Bevölkerungsentwicklung, Altersstruktur. Nicht sehr in die Tiefe gehend, aber doch so, dass auch ich noch viel dabei erfahren habe. Die Erstausgabe erschien 2004, das Nachwort zur Taschenbuchausgabe 2007 führt schon die ersten Ergänzungen und Kommentare an.

Warum ein Sachbuch statt wie üblich Roman, Novelle oder Drama? Zum einen, weil ich das noch nie gemacht habe. Zum anderen, weil ich vermute (und wissen möchte, ob das stimmt), dass Schüler daran mehr lernen können als an einer üblichen Deutschlektüre. Ich mag die Zukunft und ich mag naturwissenschaftliches Denken.

Ein Auslöser für das Nachdenken über Sachtexte war ein Moment beim Durchblättern von Schüleraufsätzen vor ein paar Wochen. Es ging, mehr oder weniger, um Schulkleidung. Ein Schüler schrieb, dass Schuluniformen eine zusätzliche finanzielle Belastung für die Familie darstellten, dass sie teurer seien. Und begründete das schlecht und recht. Ein anderer Schüler schrieb, dass Schuluniformen die Familie billiger kämen. Und begründete das schlecht und recht. Ein guter Deutschlehrer nickt zu beidem gleichermaßen bedächtig, Hauptsache, das ist in jeweils vier Zeilen begründet.

Nun haben viele Dinge zwei Seiten. Und vielleicht gehört zu diesen Dingen sogar die Frage, ob Schuluniformen teurer sind als Privatkleidung (genauer, für wen sie teurer sind und für wen nicht). Manche Dinge lassen sich aber prinzipiell beantworten, und vermutlich gehört die Frage nach der Schulkleidung dazu. Klar: Man muss wissen, wieviel Geld Haushalte für Kleidung ausgeben, muss wissen, wie teuer oder billig Schulkleidung sein kann. Man muss recherchieren, man muss Daten haben. Wir Deutschlehrer bringen den Schülern bei, dass Daten nicht so wichtig sind, wenn man nur in sich schlüssig begründen kann.

Sollen wir das? Ich sehe schon, ich muss mal wieder Pirsig und Platon lesen. (Pirsig war der mit Zen & the Art of Motorcycle Maintenance. Ich hab’s vor fünf oder sechs Jahren wiedergelesen. Hat sich sehr, sehr gut gehalten. Wikipedia.)

Ich weiß natürlich, dass das bei Erörterungen schwer anders zu machen ist, so wie sie in der Schule gehalten werden – ohne echtes Interesse an einem selbst gewählten Thema, ohne Zeit zum Nachdenken, ohne die Möglichkeit zur Recherche. Bestenfalls liest man vorher ein paar eher oberflächliche Texte und erwartet, dass die Schüler deren Inhalte auswendig gelernt haben. Manchmal lässt man auch in der Schulaufgabe selber Texte als Grundlage verwenden. Das geht in die richtige Richtung.

Evaluation: Vorläufige Ergebnisse

Wochenrückblick: Am Donnerstag wurden die vorläufigen Ergebnisse der externen Evaluation präsentiert. Antiklimaktisch… sagt man das auf Deutsch? Also nicht wirklich enttäuschend, aber doch weniger aufregend als halb befürchtet, halb erhofft.
Die vorhandenen „Entwicklungsfelder“ wurden relativ zart angedeutet, und über das ebenso ausgesprochene Lob kann ich mich nicht wirklich freuen, weil ich die tatsächlichen Umstände an unserer Schule zu kennen glaube. Dies und das sollen lobenswert sein?

Wenn sie meinen… aber darum geht es ja: Die externe Evaluation ist ein Blick von außen, darauf, wie die Schule auf informierte Außenstehende wirkt. Insofern ist es legitim, bestimmte Fakoren als besonders erwähnenswert herauszustellen, wenn die sich so darstellen. Wir müssen allerdings bewerten, wie wichtig diese Faktoren für uns wirklich sind. (Konkrete Beispiele darf ich nicht nennen.)

Anwesend während der Präsentation der vorläufigen Ergebnisse sind die Lehrer, das nicht-pädgagogische Personal, Vertreter der Eltern und Schüler. Eventuelle Kritik an der Lehrerschaft ist also für alle zu hören, verteilt sich aber in nicht persönlicher Weise auf das ganze Kollegium. Eventuelle Kritik an der Schulleitung wäre natürlich eindeutiger Personen zuzuordnen und findet (deshalb vielleicht sinnvollerweise) hinter verschlossenen Türen statt.

Das Evaluationstem wird evaluiert, im Web gibt es einen Fragebogen dazu. Man gibt zum Beispiel an, wie diskret das Team war und wie transparent die Vorgehensweise. Vermisst habe ich lediglich eine Frage dazu, für wie sinnvoll die einzelnen Kriterien der Untersuchung halte.

Wie es weiter geht, liegt an uns. Ob wir den Wunsch und auch die Kraft haben, uns zu verbessern, oder ob wir es uns leicht machen und nur kosmetische Veränderungen vorzunehmen. Vermutlich lohnt es sich nicht, nach Pfingsten – vor den Sommerferien und dem Umzug – schon groß damti anzufangen.

— Ansonsten: Am Freitag war Abitur. Danach war gemeinsamer Nachschreibtermin für versäumte Schulaufgaben. Das hat etwas von Hasenfußrennen: Einmal im Monat ist bei uns ein Termin für versäumte Schulaufgaben (angekündigte, bei Versäumnis nachzuholende schriftliche Prüfungen). Dazu hängt eine Liste aus, in die man die teilnehmenden Schüler einträgt. 11 Schüler waren das am Freitag, bei 7 verschiedenen Lehrern. Einer dieser Lehrer sollte sich jeweils als Aufsicht eintragen. Manchmal funktioniert das gut. Manchmal nicht so gut. Für praktisch halte ich dieses Arrangement auf jeden Fall.

„Berufe mit körperlicher Tätigkeit oder für Tätigkeiten mit sonstigen Belastungen oder Gefährdungen“

Ein Kollege hat mich auf Kriterien für Lebensversicherungen hingewiesen. Bei der Online-Anmeldung muss man neben Alter, Gewicht, Größe, Rauchen, Sport auch die passende Berufsklasse angeben:

Berufsklasse 1: Akademische Berufe mit besonders guten Berufsaussichten und ohne körperliche Belastung (z.B. Rechtsanwalt/Notar, Rektor, Richter, Arzt(Humanmedizin), Hochschullehrer, Maschinenbauingenieur, Betriebswirt, Steuerberater, Informatiker)

Berufsklasse 2: Kaufmännische Berufe oder Berufe ohne besondere Belastungsfaktoren (z.B. Büro-, Bank- oder Versicherungskaufmann, Disponent, Systemprogrammierer, technische Angestellte, Chirurg/Kieferorthopäde, Chemiker ohne Umgang mit gefährlichen Stoffen)

Berufsklasse 3: Berufe ohne wesentliche Belastung oder sonstige Gefährdung (z.B. Augenoptiker, Tierarzt, Industriemeister, Redakteur, Unternehmensberater, med.-technische Assistent/in, Vermessungstechniker, Beamte im Innendienst – kein Schuldienst -, Telefonist)

Berufsklasse 4: Berufe mit körperlicher Tätigkeit oder für Tätigkeiten mit sonstigen Belastungen oder Gefährdungen (z.B. Krankenschwester, Pfleger, Altenpfleger/in, Beamte im Außendienst, Lehrer an Berufs-/Hauptschulen/ Gymnasien, Automechaniker, Friseur, Chemielaborant, Taxifahrer, Werkzeugmechaniker, Fliesenleger, Gärtner)

Berufsklasse 5: Berufe mit besonders schweren körperlichen Tätigkeiten oder Berufe mit besonderer Gefährdung (z.B. Bäcker, Gastwirt, Bauer, Dachdecker, Bergmann, Holzfäller, Kellner)

Wir Lehrer sind in Klasse 4, übetroffen nur noch von Bergleuten und Holzfällern. Darauf einbilden müssen wir uns nichts, die Belastungen tragen andere Berufe auch, wie man sieht. Nicht allerdings die in Klasse 3 – besonders schön finde ich das „Beamte im Innendienst – kein Schuldienst“. Mitlesende Beamte im Innendienst: Ihr habt’s auch nicht leicht, ich weiß. Aber ihr lebt anscheinend länger.

Ach ja, Hochschullehrer oder Informatiker müsste man sein. :-)

Fußnote: Gestern ging ja ein Bericht des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen durch die Presse, laut dem der Anteil von Krankmeldungen wegen psychischer Probleme von 2001 bis 2005 stark gewachsen ist. „Zeitdruck, mangelnde Wertschätzung, Komplexität der Aufgaben sowie ein Ungleichgewicht zwischen beruflicher Leistung und Lohn“ stressen besonders, und „davon sind Ärzte, Lehrer und Lokführer besonders stark betroffen“.
Zwei dieser Gruppen haben in den letzten zwei Jahren gestreikt. Die dritte darf nicht.

(Quelle)

Tütenspender für Schulen?

Am Freitag nach der Pause sind mir Pausenbrotreste auf dem Boden der Gänge aufgefallen. Unter anderem ein schön großes, mit dünnen Wurstscheiben belegt, die sich malerisch-fächerig auf dem Boden ausgebreitet haben. Und jeder stapft natürlich drüber.

Was erwarten wir von einem Schüler eigentlich, dem das Pausenbrot aus irgendwelchen Gründen herunterfällt? Ibäh, ist ja eklig und so. Würde es die Sache etwas erleichtern, wenn man an zentralen Orten Plastiktütenspender aufstellte, wie es sie auch für Hundekot gibt? Oder wär das übertrieben?


(Bildquelle: Wikipedia)

Ich kann mich nicht entscheiden, wie ernst ich das meine.

Puh.

Drei Tage Probeunterricht hinter mir. Was das ist und warum das anstrengend ist, schreibe ich vielleicht nochmal. Jetzt muss ich erst wieder in den Unterrichtsalltag finden. Ich habe auch schon alles vorbereitet, nur bei einer Stunde morgen hängt es noch: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass alle Schüler da sind, und das macht es schwierig zu planen, was ich morgen in meiner Sequenz mache. Allein die Möglichkeit lähmt mich ein wenig.