Kontaktfreudige Grundschüler

(Ein Gastbeitrag aus der 9. Klasse, um zukünftige Blogger heranzuziehen. Ich habe gefragt, ob ich den Text hier noch einmal veröffentlichen darf.)

Manchmal wundere ich mich, wie viele eigenartige Leute doch hier in Fürstenfeldbruck frei herumlaufen. Heute habe ich eine sehr interessante Zweitklässlerin getroffen. Für gewöhnlich haben sie meisten Grundschüler, die mich nicht kennen, Respekt vor mir, so wie ich in der Grundschule auch Respekt vor den „Großen“ hatte. Man wusste ja nie, wozu die fähig waren und wenn sich 14-jährige auf einer Schaukel langweilen, dann machte man einen Bogen um darum. Wenn man Glück hatte, hat eine aufpassende Mutter die „bösen Großen“ verscheucht.
Aber scheinbar sind nicht alle Grundschüler so. Auf meinem halben Schulweg liegt eine Grundschule. Oft trödeln die Grundschüler auf ihrem Heimweg ziemlich, so dass ich oft auf dem zweiten Teil des Weges direkt in der Grundschülerparade bin, obwohl ich doppelt so weit laufen muss. Gewöhnlich kann man die Kleinen ganz leicht überholen, schließlich müssen sie alle zwei Meter stehen bleiben um neuen Schnee für Schneebälle aufzusammeln oder um sich den besagten Schnee wieder aus dem Genick zu entfernen, nachdem der Freund ihn dorthin befördert hat. Heute aber, nachdem ich gleitzeitig mit zwanzig Grundschülern die Straße überquert hatte (und 19 davon überholt hatte) bemerkte ich eine Grundschülerin, die mich überholte. Ich wurde schneller, so was darf man sich nicht gefallen lassen, nicht von Grundschülern. Ich überholte sie, sie überholte mich wieder. Dann wurde es mir zu blöd, außerdem war die Kleine mit dem pinken Schulranzen sowieso schon aus der Puste. Jetzt war sie aber sichtlich zufrieden mit sich und wurde auch langsamer. „In welche Klasse gehst du?“, fragte sie mich. Ich war im ersten Moment mehr als überrascht. Warum sprach dieses Kind mich an? Schließlich schaue ich nicht besonders „zum-ansprechen-einladend“ aus, eigentlich konzentriere ich mich auf dem Schulweg mehr auf das Muster des Pflasters. Aber man kann ja den Grundschülern ihren Spaß lassen, also antwortete ich „9.“ Die kleine grinste „Ich geh’ in die 2. Wie heißt du?“ Ich hätte mich das früher nicht getraut. Spätestens bei „9.“ wäre ich davongelaufen. Weiß dieses Kind nicht, dass 9‑Klässler groß und böse sind? „Nina“, murmelte ich. Kleine Kinder soll man ja nicht anlügen. „Ich bin die Stephanie.“ Ich hätte eher auf ‚Fabienne’ getippt. Jedenfalls entsprach dieses Kind mit dem pinken Schulranzen genau meinen Vorstellungen einer Fabienne. Fünf Meter später stöhnt Stephanie. „Mein Schulranzen is heute voll schwer, ich glaub, da sind Steine drin.“ Ich lächle, anstandshalber. In der Grundschule hatte ich genau drei Bücher: das Deutschbuch, das Mathebuch und das Religionsbuch. Außerdem gab es da noch das „unter-der-Bank“-Fach für Bücher, die man nur in der Schule braucht. „In der 9. is der Schulranzen noch viel schwerer, geh?“ Ha. Wenigstens Etwas. „Wie viele Bücher hast du?“ Ich sagte in der Hoffnung, Stephanie zu verblüffen : „Etwa fünfzehn insgesamt, heute aber nur sechs“ Leider beeindruckte das die Kleine nicht sehr. Nicht mal ein erstaunter Blick. Oder Respekt. Oder Mitleid. Stattdessen setzte sie ihre Fragerei fort. „In der 9. is es bestimmt voll schwer, geh?“ Ja, besonders wenn man auf dem Heimweg auch noch ausgefragt wird. „M‑hm“, brummte ich. Hoch etwa 200 Meter bis zu meiner Straße. „In der Zweiten is es auch schon voll schwer. Besonders in Mathe. In der Ersten war das aber alles noch voll baby. So 5 + 5. Voll einfach.“ Noch fünfzig Meter. „Und dann heute, da hab ich voll viel gemacht, geh. Da hab ich dann den ganzen Wochenplan* fertig gemacht. Und dann..“ Ha. Geschafft. „Du, ich muss jetzt da in die Straße rein. Tschüss.“ „Tschüüüüüs! und schönes Wochenende, Nina!“ Komisch, dass dieses Kind mir ein schönes Wochenende gewünscht hat. Bei der überfreundlichen Schulweghelferin hat sie sich noch mal für das Wochenend-Bonbon bedankt. Vielleicht sollte ich in Zukunft wieder auf der andern Straßenseite gehen. Aber eigentlich habe ich ja nichts gegen Grundschüler. Eigentlich.

*Einen Wochenplan wird wohl niemand aus seiner Grundschulzeit kennen… In der 1. und 2. Klasse ist die erste Stunde jeweils zur Freiarbeit. Naja, fast. Jeder Schüler bekommt am Montag ein Blatt mit Aufgaben, die er bis zum Freitag in diesen Stunden erledigen muss. Das kann lesen sein, oder malen, oder Übungen im Buch. Alles, was man bis Freitag nicht schafft, muss man als Hausaufgabe übers Wochenende machen. Ich kenne den Wochenplan von meiner Schwester (jetzt 4. Klasse), das gibt es noch nicht so lange, wurde eingeführt als sie in der 1. Klasse war.

Harte Schule

Nach dem Vorbild der englischen Serie “That’ll teach ‘em” gibt es ab 21. Mai 2005 (19.25 Uhr) im ZDF eine vierteilige Doku-Serie über deutsche Schüler, die im Stil eines Internats der 50er Jahre unterrichtet werden.
“Harte Schule” heißt die Serie. Vier Wochen lang mussten 24 Gymnasiasten (aus Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) Schuluniformen mit kurzen Hosen tragen und bekamen eins mit dem Rohrstock übergezogen, wenn sie nicht parierten.

Über die englische Serie habe ich ja schon mal kurz etwas geschrieben; auf die deutsche Enstprechung bin ich gespannt. Lässt sich das überhaupt übertragen? Und wird uns diese Schule am Ende gar als Utopie vorkommen? – Vermutlich hängt das sehr von den ausgewählten Schülern ab. Ich bin schon mal neugierig.

Mehr Infos und Bilder zum Beispiel hier.

ERGÄNZUNG: Die erste Folge kommt doch schon Donnerstag, 19.5. um 19.25 Uhr. Hier die ZDF-Seite zur Sendung.

ERGÄNZUNG 2: Siehe neueren Eintrag.

Arbeitszeiterhöhung

Ja, ab nächstem Schuljahr also 25 statt 24 Stunden. Letztes Jahr waren es noch 23. Die neue Stunde geht zwar auf ein Arbeitszeitkonto und wird nach fünf Jahren wieder gutgeschrieben – aber das Vertrauen, das die Lehrerschaft dem Kultusministerium gegenüberbringt, ist minimal.

Die Stunden selber sind es nicht; 25 Stunden zu unterrichten ist nicht das Problem. Aber das Korrigieren nimmt halt auch zu. Schon jetzt sammle ich außer bei Übungsaufsätzen kaum mehr Hefte ein. Irgendwie geht’s immer, und das reicht dem KuMi auch.

(Eine Entschuldigung an alle Bundesländer, bei denen die Lehrer noch mehr Stunden arbeiten müssen.)

Nachtrag, viele Jahre später: Alle zusätzlichen Stunden vom Konto sind wieder zurückgegeben worden.

Pädagogischer Tag

Vorgestern hatten wir pädagogischen Tag. Das hängt alles mit dem Buß- und Bettag zusammen, der ja vor einigen Jahren als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde. Nur die Schüler, die durften weiterhin zu Hause bleiben. Weil die Lehrer an diesem Tag zu Hause bleiben durften, als Ausgleich für weniger Geld. Das war im Jahr darauf aber vergessen: Publikumswirksam schrieb das Kultusministerium den Lehrern vor, diesen freien Tag nachzuarbeiten, und zwar in Form einens pädagogischen Tages, der pädagogisch sein sollte, und einen Tag lang dauern würde. Daher der Name.

Nun halte ich es für sinnvoll, dass die Lehrer mehr miteinander reden, über pädagogische Themen, was so viel heißt wie: Über die Berufspraxis. Das geschieht noch immer viel zu wenig. Mehr, mehr! (Wenn es geht.) Trotzdem, die Genesis dieses pädagogischen Tages ist extrem unglaubwürdig.

An vielen Schulen wird statt des einen Tages an zwei Nachmittagen pädagogisch gearbeitet, und einen dieser Nachmittage hatten wir gestern von 14 bis 17.15 Uhr. Der Tag war sinnvoll; wir hatten einen Schulrat und einige Grundschullehrerinnen zu Gast. Zuerst wurde Allgemeines zum Lehren in der Grundschule, zum Lehrplan und zu den Methoden dort gesagt, dann trafen sich kleinere Gruppen, um Eigenheiten vor allem der der Fächer Mathematik, Englisch und Deutsch zu besprechen. Ich war bei der Deutschgruppe dabei.

Und das habe ich mir gemerkt:

Die Auseinandersetzungen mit den Eltern ist viel härter als bei uns. Es geht schließlich um das Gutachten für die gymnasiale Eignung; eine Entscheidung, die bei den Grundschullehrern liegt. Und da wird – aus ganz verständlichen Gründen – ab der ersten Klasse Druck gemacht, dass das Kind ja ans Gymnasium kommt.
Das führt teilweise dazu, dass Schüler mit sehr viel Elterneinsatz und sehr viel Nachhilfe auf eine 3 in der Übertrittsprüfung kommen, dann ein halbes Jahr nichts mehr tun (und im Niveau auf 4 sinken), die Sommerferien über auch nichts weiter tun, so dass sie bei uns mit dem Niveau 5 anfangen.
Die Grundschullehrer können da natürlich auch nichts machen: Eine 3 ist eine 3, wie auch immer sie erzielt wurde, und wie auch immer es danach weitergeht.

Wenn die Grundschüler ans Gymnasium kommen, sind sie große Methodenvielfalt gewöhnt. Lernzirkel, Lerntheken, Schreibkonferenzen. Sie sind gewöhnt, ihre eigenen Aufsätze anhand der Lehrerkorrekturen noch einmal neu zu schreiben und dabei zu verbessern. Sie sind selbstständiges und freies Arbeiten und offenen Unterricht gewöhnt. – Ganz glaube ich das noch nicht; das heißt, ich hweiß nicht, für wie viele Grundschüler da überhaupt gilt. Aber wenn dem so ist, dann treiben wir am Gymnasium den Schülern diese Selbstständigkeit wieder aus. Die Methodenvielfalt und den offenen Unterricht, den Wochenplan, bei dem die Schüler selber entscheiden, wann sie welche Arbeiten erledigen, gibt es bei uns nicht. Da können wir etwas von der Grundschule lernen: Aber nur, wenn wir nicht soviel Zeit damit verbringen müssen, den Lehrplan zu erfüllen. Denn das schaut so aus, dass man den Schülern das zu Lernende vor die Nase hält, einmal drüber ausfragt, und dann zum nächsten Kapitel hastet.

An der Grundschule gibt es Aufsätze, die benotet werden, und freies Schreiben: Dabei dürfen die Schüler schreiben, was und worüber die Schüler wollen. Die Schüler nähmen diese Möglichkeit auch an. (Hier bin ich skeptisch.) Die Arbeiten gehen dann zum Lehrer, der Verbesserungsmöglichkeiten zeigt, oder gleich in die Schreibkonferenz: Hier zeigt sich eine Gruppe gegenseitig ihre Arbeiten, kommentiert und bastelt daran herum, bis eine fertige Geschichte entstanden ist. Die fertigen Texte werden dann in einer Geschichtenstunde vorgelesen, wobei das Vorlesen zelebriert wird: Es gibt einen Vorlesestuhl, vielleicht sogar einen Vorlesehut, danach Beifall und Kritik. (Kritik an der Gruppe, die in Schreibkonferenz gearbeitet hat, nicht am einzelnen Schüler.)
Ein Kollege, der sich vielleicht noch zu Wort melden wird, bemängelt daran die Beliebigkeit: Schüler werden belohnt, wenn sie irgendeinen Text produziert haben. Am Gymnasium müssen sie allerdings Texte einer bestimmten Textsorte zu einem bestimmten Thema verfassen; die Bedingungen werden vom Lehrer gestellt und müssen von den Schülern akzeptiert werden. Das führt zu Konflikten.

Anschaulich hat eine Grundschullehrerin einen Unterschied beschrieben, der ihr beim Hospitieren an einem Gymnasium aufgefallen ist: Am Gymnasium war es viel unruhiger in den Klassen. An der Grundschule wird gearbeitet, auch an der Tafel, danach wird geschrieben. Und zwar mucksmäuschenstill. Sonst würden die schwächeren Schüler sofort den Anschluss verlieren, sich nicht mehr zurecht finden. Am Gymnasium geht alles ein bisschen gleichzeitig, und wenn ein Schüler für ein paar Minuten abschaltet (um mit dem Nachbarn zu tuscheln), dann schaltet er sich danach eben wieder ein in den Unterricht. An der Grundschule sei das undenkbar.

Konstruktivistische Lerntheorien: Lernen als Prozess sehen, bei dem das Gelernte eingebaut wird in vorhandenes Wissen. Das geht nur, wenn der Lerner das selber will. Er muss selber arbeiten, selber konstruieren.
Dazu gehört wie immer Piaget an, den ich schon als Student eher missliebig betrachtet habe, dazu die verschiedenen reformpädagogischen Ansätze im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts, die ich mehr respektiere. Kerschensteiner, Pierce, Dewey, lauter Namen, die ich noch vom Examen kenne. Umgesetzt am Gymnasium wird davon wenig. Ich muss erst noch überlegen, warum nicht, und was da vielleicht doch sinnvoll machbar ist. Vielleicht in einem späteren Beitrag.

Ookla the Mok

Das hier ist für die Comic-Fans.

Ookla the Mok haben in der Filk-Szene angefangen, Musik zu machen, aber inzwischen haben sie es auf mindestens fünf ganz legitime Schallplatten gebracht. Die Lieder klingen immer noch ein bisschen nach Garage, aber ich finde das ganz angenehm. In den Liedern auf dem Album Super Secret geht es vor allem um Comic-Book-Fans. Wer dem Link folgt, kann in alle Lieder reinhören.

Mein zweitliebstes Lied darauf ist “Super Powers”. Viel Gitarre, viel Lärm, schöner Text:

I got bitten by a radioactive bug (1)
I tried an experimental drug (2)
I went out for a stroll on a gamma testing range (3)
I found an enchanted Uru cane (4)

I made a serum that made me small
I modified the serum so it would make me tall (5)
I got radioactive isotope in my eye (6)
A dying alien helped me accessorize (7)

Na, das ist doch einfach, oder?
(1) Natürlich kein “Käfer”, sondern etwas Achtbeiniges.
(2) Im Zweiten Weltkrieg.
(3) Grün.
(4) Spitzname: “Goldilocks”.
(5) Ant-Man. Giant-Man. Goliath. Yellow-Jacket. Eine lange Geschichte.
(6) Verfilmt.
(7) Der erste von DC. Auch grün.

Ich bin stolz, auch die esoterischeren Anspielungen im Rest des Liedes auflösen zu können. Hier gibt’s den vollständigen Text von “Super Powers”; man kann dort auch das Lied als mp3 anhören. Es geht darin nicht nur um die Aufzählung verschiedener Superhelden und deren Entstehungsgeschichten, sondern auch um die Vision einer schönen Liebesgeschichte unter nerds:

And when you get home at the end of your day
I’ll pack your parachute and put away
Your utility belt and gas grenades
You were never meant to see
I showed you my secret identity
I suppose that I could always hypnotise you
If I wanted to
But I propose another thing
You can wear my decoder ring

Mein liebstes Lied ist aber “Stop talking about comic books or I’ll kill you”: Der Monolog der verzweifelten Freundin eines Superhelden-Comic-Fans.

Stop talking about comic books or I’ll kill you.
I don’t care if the Hulk could defeat the Man of Steel.
I’m gonna rearrange your face if you continue to debate
whether Logan’s claws could pierce Steve Roger’s shield.

Auch hier kann man den ganzen Text lesen oder als gestreamtes Real Aduio hineinhören. Lohnt sich.
Wer wissen möchte, was es mit Logans Klauen und Steve Rogers’ Schild auf sich hat, kann mich gerne anmailen und fragen. Bitte fragt! Bitte! Frau Rau kann’s schon nicht mehr hören.

(Mehr zu Ookla the Mok auf dieser Ookla-the-Mok-Fanseite; alle Quellen und Links in diesem Beitrag stammen daraus.)

Where I see myself in 12 years

Where do you see yourself in 12 years (if everything goes well)? Don’t just write what you want to be, but describe your place of work, what you are doing, whether you have a computer or a secretary, a cup of coffee on your desk, and so on.

I see myself sitting in a huge room with big windows. You have a beautiful view above Manhattan. On the walls there are several pictures of celebrities who support my foundation. On my desk, there are hundreds of letters from people who want to apply. The majority is between 16 and 24, but there are always some 12-year-olds, who think I will publish everyones story without reading it. But I’ve never published anything that isn’t good enough for the majority of readers.
But still, there are often amazing and very interesting stories, for example written by youth from other countries. Especially stories from people who grew up during a war are usually gripping and of course realistic. Sometimes the writers don’t have a change to publish their book by themselves, this may be because of a war or because the government forbade books that may tell the truth about the political situation which might change some attitudes towards the government. So the writers send their stories to me and I read every single one and then I decide if the people want to read it. But actually, I publish almost everything except when the story is really bad, that means when there’s no single sentence about feelings or thoughts. If anyone you want to improve his abilities, you can visit the foundation’s summercamp. It’s always very interesting because we have always interesting guests who tell about how they write. They may be writers from the foundation, from newspapers or playwriters. Also, there are many writing practices and the participants usually enjoy themselves, At the end of the camp, everyone gets a little book with stories from the group, then there’s a huge party and sometimes at least one of our famous supporter appears to talk with the participants and to give autographs. Some of the first youth who took part in this program have already published their first books without my foundation, but sometimes I find a little “thank you” in their book and that’s always a fantastic feeling.
(Nina, 9. Klasse Gymnasium)

338 Wörter, 1 1/2 Seiten im Heft (groß), 45 Zeilen; 45 Minuten zu Hause für die Hausaufgabe (einschließlich Ablenkungen). Soviel Zeit und soviel Zeilen hätten es gar nicht sein müssen, aber die Schülerin hat sichtlich gerne an ihrem Text gearbeitet. Text ist unverbessert im Originalzustand, Fehler sind lediglich rot markiert.

Was heißt “Interpretieren”?

Schüler meinen, man liest was in Gedichte rein, was da gar nicht steht, und das ist dann Interpretieren.

Das liegt zum einen daran, dass Schüler keine geübten Leser sind. Nuancen in einem Text, die jedem erfahrenen Leser sofort deutlich vor Augen sind, sehen sie nicht so schnell. Wenn in Faust die jungen Burschen beim Frühlingsspaziergang sich auf das Tanzfest freuen, weil es dort “Händel von der ersten Sorte” gibt, dann hat ein gesamter Deutsch-Leistungskurs keine Ahnung, was gemeint ist, weil sie das Wort “Händel” nicht kennen und ganz automatisch davon ausgehen, dass es um “Hendl” geht, also Hähnchen. Es fällt den Schülern oft schon schwer genug, die Zeilen an sich zu lesen, geschweige denn zwischen ihnen; kein Wunder, dass sie einer Beispielinterpretation des Lehrers nicht folgen können. (Zum Teil können die Schüler nichts dafür. Die Sprache des Faust ist ihnen einfach fern.)

Das liegt zum anderen daran, dass Schüler eine romantische Sichtweise des Dichters haben: Es gibt einen Autor, der weiß, was er tut, und mit seinem Gedicht etwas sagen will. Und er ist oberster Richter wenn es um die Interpretation seines Gedichts geht. Kein Interpret Lehrer darf da Sachen herauslesen, die der Dichter nicht autorisiert.
Diese Sonderstellung des Autors ist eine relativ junge und keineswegs selbstverständliche Sache, aber seit ein paar hundert Jahren weit verbreitet. Es stimmt nicht, dass ein Autor immer weiß, was er tut. Ein Autor tut einfach. Wenn er analytisch oder akademisch ist, dann überlegt er sich, warum er so schreibt, aber das ist keinesfalls notwendig.

Beispiele dafür, dass Autoren nicht immer die besten Interpreten ihrer Werke sind:

  • W.H. Audens Gedicht “Blues” (“Stop all the clocks, cut off the telephone, / Prevent the dog from barking with a juicy bone”). Ursprünglich für eine komische Revue geschrieben, wird es in dem Film Four Weddings and a Funeral beim Begräbnis einer der Hauptpersonen rezitiert: Feierlich, tieftraurig. Kein Schüler glaubt, dass das ein komisches Gedicht sein sollte. (Vor allem nicht, wenn ich ihnen vorher die herzzerreißende Aufnahme aus dem Soundtrack zum Film vorgespielt habe.) (Details zur Entstehungsgeschichte)
  • Mein Favorit ist in “Pippa Passes” von Robert Browning. Da wird eine klösterliche Szene beschrieben:

    Then, owls and bats,
    Cowls and twats,
    Monks and nuns, in a cloister’s moods,
    Adjourn to the oak-stump pantry!

    Nach dieser Quelle hielt Browning “twat” für einen Teil der Kopfbedeckung der Nonnentracht; dort wird auch erklärt, wo Browning auf dieses Wort gestoßen ist. “Twat” ist aber ein derbes Wort für das weibliche Geschlechtsorgan. Browning hat hier etwas missverstanden. Er wollte sicher nicht die Kapuze des Mönchs (“cowl”) und die Vagina der Nonne in einem Atemzug nennen. Hat er aber.

Vielleicht sollte man die Schüler nach sexistischen und rassistischen Elementen in Gedichten suchen lassen. Die erkennen sie vielleicht eher, und vielleicht sind die Schüler leichter davon zu überzeugen, dass die Autoren nicht sexistisch oder rassistisch sein wollten, aber dass die Texte es dennoch sind.

Man kann nicht lesen, ohne zu interpretieren. Zumindest nicht vorlesen, und zumindest nicht bei einem Schauspiel. Wenn man die Sätze einer Figur in einem Drama vorliest, dann ist das Interpretieren (so wie der Sänger eines Liedes der Interpret des Liedes ist): Denn dadurch legt man fest, wie die Figur die Sätze vorträgt: gelangweilt, tonlos, aufgeregt, froh, übermütig, scherzhaft, verzweifelt. (Natürlich hilft es, wenn die Schüler über mehr als einen Tonfall beim Lesen verfügen.)

Sehr schön kann man all das an einem Lied von Bruce Springsteen zeigen, “I’m on fire” aus dem Album “Born in the USA” (das ich noch als LP im Schrank habe). Ein schönes Lied von Saubermann Boss Springsteen. Das Lied eines Romeos, der nicht zu seiner Julia darf, und furchtbar darunter leidet. Einen Videoclip gab’s auch dazu.

Hey little girl is your daddy home
Did he go away and leave you all alone
I got a bad desire
I’m on fire

Tell me now baby is he good to you
Can he do to you the things that I do
I can take you higher
I’m on fire

Sometimes it’s like someone took a knife baby
edgy and dull and cut a six-inch valley
through the middle of my soul

Ein Springsteen-Klassiker mit wunderbarem Rhythmus, oft gecovert. Und covern heißt vortragen heißt interpretieren. So etwa in einer Interpretation vom seligen Johnny Cash. Mit seiner alten Stimme und einem wackligen Tonfall gewinnt das Lied gleich eine ganz andere, gruseligere Dimension:

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Man denkt doch sofort an einen Kinderschänder. Das hat Springsteen sicher nicht im Sinn gehabt.*) Aber die Interpretation ist legitim, finde ich. (Ob der Künstler Johnny Cash diese Interpretation bewusst verwendet oder nicht, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt. Siehe oben. Ich denke mal, ja – aber wie gesagt, das ist nicht wichtig. Das Lied stammt aus dem Album Badlands – A Tribute to Bruce Springsteen’s Nebraska mit Springsteen-Cover-Versionen verschiedener Interpreten.)

*) Fußnote: Oder doch? Kann man den Text anders, harmlos deuten?

Tanzkurs

Wie schon angekündigt, und ähnlich wie letztes Jahr schon, war letzte Woche die Abschlussparty zum Tanzkurs einiger 8. Klassen an meiner Schule. (Die restlichen 8. Klassen beginnen nächste Woche mit ihrem Kurs. Es sind jeweils etwa 2/3 der Schülerinnen und Schüler, die mitmachen.)

Was soll ich sagen: Es war wunderschön. Einlass um 19 Uhr, der Einmarsch der Schüler eine halbe Stunde später: Nach dem paarweisen Hereinmarschieren kam der erste Wiener Walzer, damit die Eltern sehen und staunen konnten, was ihre Kinder alles konnten. Und da gab es genug zu sehen und zu staunen: Die Mädchen in festlichen Kleidern und die Jungen im Anzug waren zumindest für mich nicht immer gleich zu erkennen, so ungewohnt sahen sie aus. (Bei den Mädchen waren es vor allem die aufwändigen Frisuren.)

Vier Stunden waren wir insgesamt in der Tanzschule. Es war voll, mit etwa 40 Schülern und nochmal so vielen Eltern. Die Eltern hatten ein leckeres und umfangreiches kaltes Buffett vorbereitet. Die Hauptsache war aber doch das Tanzen. Und da war besonders schön, dass die Jugendlichen nicht nur bei den ersten Pflichttänzen auf der Tanzfläche waren, sondern den ganzen Abend über, immer wieder, und die Erwachsenen ebenso: Mütter mit Söhnen, Töchter mit Vätern, Lehrer mit Müttern, Schüler mit Schülerinnen, Eltern miteinander. Das war richtig schön. Zwischendrin gab es Gruppentänze und Square Dance.

Gut, dass die Schüler auch einige Lehrer eingeladen hatten: Sonst glaubt mir wieder keiner in der Schule, wie schön das war.



Wieso konnten die Eltern eigentlich alle tanzen? Inzwischen bin ich dicht dran am Elternalter, aber meine Generation hat kaum Übung im Tanzen, auch wenn die meisten tatsächlich mal einen Tanzkurs gemacht haben. Selber getanzt habe ich mit zwei Kolleginnen und zwei Müttern; Schülerinnen haben mich keine aufgefordert – und selber auffordern geht irgendwie nicht.