Improv Everywhere

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Gut, muss ich doch noch mal was extra zu Improv Everywhere schreiben, ist gestern vielleicht untergegangen und hätte doch gleich ein eigener Blogeintrag werden sollen. Die Missionen im Buch regen zum Nachahmen an: Synchrontanzen in erleuchteten Kaufhausfenstern, ein Elektromarkt mit 80 zusätzlichen Angestellten (alle mit Hose und Polohemd in den vorgeschriebenen Firmenfarben), eine menschliche Dominokette, ein Hypnotiseur wie in “Mario und der Zauberer” von Thomas Mann via Andy Kaufman.

Die Schule wäre doch ein toller Ort, wo Schüler so etwas ausprobieren könnten… Letztlich gehört dazu ja auch das Schreckgespenst von der Klasse, die ausmacht, dass in einer Schulstunde keiner etwas sagt, oder jeder aufs Klo muss – da wäre allerdings Fingerspitzengefühl gefragt. Wenn der Zuschauer weiß, in welcher Art Geschichte er steckt, ist viel vom Witz weg.

Aber selbst wenn man den Grund kennt, irritierend sehen solche Massenaktionen dennoch aus. Bei uns gab es mal eine Aktionswoche (deren langweilige Schwundstufe nicht sterben will), während der an einem Tag alle Schüler und Lehrer in roter Kleidung kommen sollten. Das sah noch fremdartiger aus, als es das Foto andeutet:

Die direkte Übernahme der jährlichen No Pants! Subway Ride von Improv Everywhere kann man von Schülern wohl kaum erwarten. Und von Lehrern… nä, geht wohl auch nicht. Deren Humor könnte man dann auch testen… ich stelle mir den einen oder anderen Kollegen vor, wenn die ganze Klasse auch nur barfuß unterwegs ist. Teppich hätten wir.

Chesterton, The Club of Queer Trades (und weitere Godgames)

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Aus Gründen wiedergelesen:

G.K. Chesterton, The Club of Queer Trades

Sechs Kurzgeschichten, lose zusammenhängend. Chestertons erste Kriminalgeschichten, nur dass es eben keine sind. Und das, obwohl Sherlock Holmes das Vorbild ist.

In der ersten Geschichte wird die Verwandschaft mit Sherlock Holmes noch explizit geleugnet, genauer: dessen Interesse an Fakten und die eindeutigen Schlussfolgerungen, die er daraus ziehen kann. Dennoch ist die Atmosphäre und die Struktur die gleiche wie bei Arthur Conan Doyle. In der zweiten Geschichte zum Beispiel verfolgen Basil Grant (der wie Holmes meist einen Wissensvorsprung hat) und der weniger durchblickende Gully zwei nächtliche Droschkenfahrer:

Before I could count twenty the cab had gone rattling up the street with both of them. And before I could count tweny-three Grant had hissed in my ear: “Run after the cab; run as if you were running from a mad dog – run.”

Genauso klingt eine Verfolgungsjagd bei Holmes und Watson.

Die Helden bei Chesterton sind die Watson-Erzählerfigur Gully Swinburne, der etwas übereifrige Detektiv Rupert Grant, aber vor allem dessen Bruder, der pensionierte Richter (und jetzige Dichter) Basil Grant. Sie stoßen auf merkwürdige Vorkommnisse, die den Geschichten ihre Namen geben: “The Awful Reason of the Vicar’s Visit” und “The Singular Speculation of the House Agent”. Eine der Geschichten hätte eigentlich heißen müssen “The Adventure of the Dancing Man” (frei nach dem Holmes-Titel: “The Adventure of the Dancing Men”; in beiden Geschichten geht es, wenn auch auf andere Weise, um Sprache).
Alles deutet jeweils auf ein Verbrechen hin, doch die tatsächlichen Erklärungen für das ungewöhnliche Ereignis sind viel bunter, überraschender, schräger – wie eine Art lateral thinking puzzle. Zusammengehalten werden die Geschichten dadurch, dass diese Erklärung jeweils darin besteht, dass eine der Personen in der Geschichte einen völlig neuen Beruf erfunden hat – und damit die Berechtigung erworben hat, im exklusiven Club of Queer Trades Mitglied zu werden.

Exkurs: Die Weltsicht Chestertons

Ich bin ja ein Chesterton-Fan. Viele kennen ihn nur von Pater Brown, dabei hat er entzückend schräge Bücher geschrieben (etwa The Napoleon of Notting Hill oder The Man Who Was Thursday). Für Sandman-Leser: Chesterton ist die Vorlage für Gilbert a.k.a. Fiddler’s Green.

Typisch ist für mich die Weltsicht Chestertons: das Wunderbare im Alltäglichen sehen. Lieblingszitat, schon mal erwähnt:

It is one thing to describe an interview with a gorgon or a griffin, a creature who does not exist. It is another thing to discover that the rhinoceros does exist and then take pleasure in the fact that he looks as if he didn’t.

Nichts gegen Einhörner, aber ein Nashorn ist bereits wunderbar genug, wenn man erst einmal über die schnöde Eigenschaft hinwegsehen kann, dass es wirklich existiert.

Im Club of Queer Trades äußert sich das natürlich in der Prämisse aller Geschichten: Dass die Welt aufregend genug ist, auch wenn kein Kriminalfall dahintersteckt. Aber auch diese Wegwerfbeobachtung liebe ich, mit der eine Geschichte beginnt:

Basil Grant and I were talking one day in what is perhaps the most perfect place for talking on earth – the top of a tolerably deserted tramcar. To talk on the top of a hill is superb, but to talk on the top of a flying hill is a fairy tale.

Ein englischer Doppeldeckerbus als fahrender Hügel.

Die moderne Variante davon hat der Komiker Louis CK in der Tonight Show mit Conan O’Brien gebracht: Everything is amazing and nobody is happy, die Leute haben Hochgeschwindigkeitsitnernet im Flugzeug und jammern darüber, dass sie ihren Sitz nicht weit genug zurückklappen können. “You’re sitting IN A CHAIR IN THE SKY”. How amazing is that?

(Das Wunderbare im Alltäglichen sehen: Das ist natürlich auch das, was vor allem die ältere Generation der Romantiker in Deutschland wollte. Bekanntes Novalis-Zitat: “Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.” Mein geliebter James Branch Cabell hat in seinen Büchern ebenfalls erkannt, dass man die die Welt anders sehen sollte. Allerdings glauben die meisten seiner Helden, dass die Welt chaotisch, sinnlos, willkürlich ist, und dass die Gesellschaft und wohlerzogene Helden und Gentlemen einfach so tun, als stimmte das nicht. Moral und Werte sind reine Erfindungen, aber Lebensart heißt, sich den vorherrschenden Illusionen anzuschließen.)

Zurück zum Buch

Zwei der Geschichten, die vierte und vor allem die fünfte, finde ich weniger gelungen, zu konstruiert, und auch ein wenig von der Zeit überholt. Die erste ist nicht ganz typisch fürs Buch, aber eine meiner Favoriten:

Rupert Grant, der Möchtegerndetektiv, hat einen Klienten zu Basil in die Wohnung bestellt. Dieser, ein eher prosaischer Major Brown, erzählt ihnen von den merkwürdigen Erlebnissen des Tages. Ein Garten mit Blumen, zu einer Nachricht arrangiert: “Death to Major Brown” . In der Wohnung zum Garten ein Mann mit der Warnung “For heavens’s sake, don’t mention jackals”, im haus eine geheimnisvolle Schönheit, Schreie von draußen, ein Mann, der in der Kanalisation verschwindet – der Major hinterher, Schlägerei, Flucht, ein unverständlicher Brief als einziges Überbleibsel. Das Haus plötzlich verlassen, als hätte nie jemand darin gelebt.

Am Schluss stellt sich heraus, und das kommt im Buch weniger platt als in dieser Zusammenfassung, dass es sich um eine Verwechslung handelt. Der Vormieter der Wohnung trug den gleichen Namen wie Major Brown und hatte bei der Adventure and Romance Agency ein Abenteuer bestellt. Das Geschäftsmodell erklärt der Firmeninhaber:

Now the man who feels this desire for a varied life pays a yearly or a quarterly sum to the Adventure and Romance agency; in return, the Adventure and Romance Agency undertakes to surround him with startling and weird events. As a man is leaving his front door, n excited sweep approaches him and assures him of a plot against his life; he gets into a cab, and is diven to an opium den; he receives a mysterious telegram or a dramatic visit, and is immediately in a vortex of incidents. A very picturesque and moving story is first written by one of the staff of distinguished novelists who are at present hard at work in the adjoining room. Yours, Major Brown (designed by our Mr. Grigsby), I consider peculiarly forcible and pointed; it is almost a pity you did not see the end of it.

Wir erfahren natürlich nie, genauso wenig wie der dann doch neugierig gewordene Major Brown, was es mit den Schakalen und so weiter auf sich hatte.

Das war 1905, neunzig Jahre vor The Game, einem Film mit Michael Douglas mit ähnlichem Plot. Aber auch schon vor diesem Film hat es vergleichbare Werke gegeben. Als Überleitung passt ein letztes Zitat des Firmengründers in der Chesterton-Geschichte, als der von seiner Agentur schwärmt:

We give him a glimpse of that great morning world […] when one great game was played under the splendig sky. We give him back his childhood, that godlike time when we can act stories, be our own heroes […]

Godgames

Godgames sind ein kleines Literaturgenre, in das ich auch diese Geschichte aus dem Club of Queer Trades einreihen will. Wikipedia kennt keinen Eintrag dazu, aber – ha! – die Encyclopedia of Fantasy definiert ein godgame als:

a tale in which an actual game (which may incorporate broader implications) is being played without the participants’ informed consent, and which (in some sense) is being scored by its maker.

Gemeint ist in der Regel eine Geschichte, in der die Hautperson ohne ihr Wissen Teilnehmer eines Spiels im weitesten Sinn ist – gerne auch eines böses Spiels, dass mit ihr getrieben wird. Ein Urvater ist der erste Roman von John Fowles, The Magus (1965, überarbeitete Version 1977); aus diesem Roman stammt auch das Wort “godgame”. Nicholas Urfe, der Held, erlebt Abenteuer auf einer griechischen Insel, lernt Leute kennen, knüpft Beziehungen – und spät im Buch stellt sich heraus, für ihn wie für den Leser überraschend, dass die Ereignisse manipuliert, die Personen zum Teil bezahlte Schauspieler waren.

Viel weniger bekannt ist Masks of the Illuminati von Robert Anton Wilson (1981), oder Illuminatus! von Shea und Wilson selber; in kleinerem Maßstab gehört auch The Ghost Writer von John Harwood dazu (2004). Als Beispiel wird auch The Tempest von William Shakespeare genannt. Dem fehlt allerdings, wenn ich mich richtig erinnere, ein für mich wichtiges Element: Dass der Leser sich in der gleichen Lage befindet wie der Held, dass er also ebenso wie jener Spieler ist, dem mitgespielt wird. Sonst wär’s ja auch nicht postmodern.

Ein Blogeintrag von Ralph the Sacred River (love that name) bringt weitere Beispiele, darunter die Truman Show und Lost. (Letztere Serie verfolge ich nicht, daher kann ich nicht beurteilen, wie sehr das zutrifft.)

Nachträgliche Fußnote: Ein nichtliterarischer Verwandter des Godgame sind vielleicht der Big Store, wie man ihn aus dem Film The Sting (dt. Der Clou) kennt, und andere confidence tricks.

Auslöser für diesen Blogeintrag und das Wiederlesen von Chesterton war die Performance-Art-Gruppe Improv Everywhere. Und das kam so.

Improv Everywhere

Improv Everywhere sind eine Gruppe von Leuten, die verschiedene öffentliche Aktionen veranstalten – Happenings, Straßentheater, Streiche. Eine der besten und bekanntesten Aktionen ist die hier:

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Mitten im Bahnhof bleiben hunderte Leute mitten in ihrer Bewegung stehen, wie eingefroren, alle gleichzeitig. Fünf Minuten lang. Und nach diesen fünf Minuten erwachen sie alle wieder zum Leben und gehen weiter, als wäre nichts geschehen. Sieht toll aus. So ähnlich sind die meisten Aktionen von Improv Everywhere.

Andere Aktionen waren Best Gig Ever und Ted’s Birthday. Und die haben mich auf Godgames und Chesterton gebracht.

Bei “Ted’s Birthday” (2003) feierten dreißig Agenten von Improv Everywhere in einer Bar den Geburtstag von Ted, machten ihm Geschenke, plauderten mit ihm. Nur dass Ted in Wirklichkeit Chris hieß, nicht Geburtstag hatte und auch sonst nichts von der Aktion wusste. Alle Agenten hatten vorher einen fiktiven Steckbrief von “Ted” bekommen und sollten sich überlegen, woher sie ihn kannten. In den Kommentaren gibt es auch einiges an Kritik, angeheizt durch einen negativen Radiobeitrag darüber bei This American Life, einer NPR-Radiosendung.

Ähnlich “Best Gig Ever” (2004): Die Leute suchten sich ein kleines, möglichst wenig besuchtes Musikkonzert aus, eine Amateurband in einem Club. Tatsächlich waren dann auch nur 3 normale Besucher da. Und 35 Agenten von Improv Everywhere. Und deren Aufgabe bestand darin, sich möglichst gut zu amüsieren, mitzumachen, die Band anzufeuern, die Lieder mitzusingen (deren Text alle vorher geübt hatten, man informiert sich ja als Agent). Und der Beschreibung nach war das dann auch ein tolles Konzert. Und nach der Zugabe verschwanden alle 35 Agenten dann plötzlich, ohne Erklärung, Autogrammwunsch, Drinks. Auch da gab es böse Kommentare.

Ich halte beide Aktionen für noch in den Grenzen des Erlaubten und Sinnvollen. Aber dieses Jahr schien es so, als hätten Improv Everywhere endültig den Verstand verloren. Am 1.4. gab es “Best Funeral Ever”: Die Leute suchten sich eine Beerdigung aus, auf der möglichst wenig Trauergäste zu erwarten waren. Und dann wollten sie den Familienmitgliedern ein schönes Begräbnis bescheren, indem sie die Trauergruppe vergrößerten. Das Video dazu gibt es unter dem Link oben, daneben gibt es zwei weitere Blogeinträge zur gleichen Aktionen und auch zu deren Wiedergabe in den Medien.
Was die erbosten Kommentarschreiber nicht beachtet hatten, war die Tatsache, dass es sich um einen Streich zum 1. April handelte. Einfach mal aufs Datum schauen, und für die Presse: einfach mal im Friedhof nachfragen hätte gereicht, statt den Blogeintrag einfach für bare Münze zu nehmen.

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– Wer mehr wissen will: vor zwei Wochen ist Causing a Scene: Extraordinary Pranks in Ordinary Places with Improv Everywhere erschienen. Eine schöne Ergänzung zum Blog.

Nachtrag: Habe das Buch erst jetzt ausgelesen. Sehr inspirierend. Die meisten Missionen sind keine Godgames, sondern nur bizarre, aber schöne, manchmal poetische Einfälle. Eines der jährlichen mp3-Experimente könnte ich mal als Listening Comprehension machen, im Sommer, draußen auf dem Schulgelände. Empfehlenswert, nur an das Layout muss man sich erst gewöhnen.

Aberglaube (unter Lehrkräften)

Der Lehrerfreund bringt eine kurze Nachricht, dass die Skeptikervereinigung GWUP herausgefunden hat, dass auffällig viele Lehrer und Erzieher zu den Anhängern obskurer Theorien gehöen.

Hat mich nicht überrascht.

(Offenlegung: Ich kannte die GWUP schon und habe auch schon eines ihrer Bücher mit Genuss und Belehrung gelesen.)

Siehe dazu auch bei den Science Blogs: Esoterik im Biomarkt. Der Autor stellt dort nur fest, dass es so ist und bringt viele Beispiele. Warum das so ist, wird in den Kommentaren diskutiert.

Letzter Tag vor den Pfingstferien

Immer noch nicht viel los. Ich hatte heute nur zwei Stunden Unterricht, eine Aufsicht und ein Facharbeitsgespräch (geführt in der Bibliothek, weil’s da am gemütlichsten ist). Es blieb also noch genügend Zeit, mit dem einen Kollegen zu streiten (aus Gründen), einen weiteren in die Elternzeit zu verabschieden, und mit anderen an der Lehrerzimmer-Theke zu stehen und die scheidenden Abiturienten zu diskutieren. Gestern waren ja die letzten von ihnen im Colloquium. Was woll aus ihnen wird? Was sie wohl studieren werden? Und nicht zu vergessen: Welche Pärchen gibt es schon, welche Pärchen wird es noch geben, und wer würde wohl zu wem am besten als Partner/Partnerin passen?

Ungewöhnliche Lesesituationen 2: Sokrates im Grünen

Der junge Phaidros hat den Athener Stadtmenschen Sokrates hinaus ins Grüne gelockt, um dort zu lesen und zu philosophieren. Sokrates ziert sich erst und klagt ein bisschen. Danach schwärmt er wie ein Tourist von dem schönen grünen Fleckchen. So unähnlich ich Sokrates sonst bin, da habe ich mich wiedererkannt.

Sokrates: Doch, Freund, nicht zu vergessen, war dies nicht der Baum, zu dem du uns führen wolltest?
Phaidros: Ja eben dieser.
Sokrates: Bei der Here! dies ist ein schöner Aufenthalt. Denn die Platane selbst ist prächtig belaubt und hoch, und des Gesträuches Höhe und Umschattung gar schön, und so steht es in voller Blüte, dass es den Ort mit Wohlgeruch ganz erfüllt. Und unter der Platane fließt die lieblichste Quelle des kühlsten Wassers, wenn man seinen Füßen trauen darf. Auch scheint hier nach den Statuen und Figuren ein Heiligtum einiger Nymphen und des Acheloos zu sein. Und wenn du das suchst, auch die Luft weht hier willkommen und süß, und säuselt sommerlich und lieblich in den Chor der Zikaden. Unter allem am herrlichsten aber ist das Gras am sanften Abhang in solcher Fülle, daß man hingestreckt das Haupt gemächlich kann ruhen lassen. Kurz, du hast vortrefflich den Führer gemacht, lieber Phaidros.
Phaidros: Du aber, wunderbarer Mann, zeigest dich ganz seltsam. Denn in der Tat, wie du auch sagst, einem Fremden gleichst du, der sich umherführen lässt, und nicht einem Einheimischen. So wenig wanderst du aus der Stadt über die Grenze, noch auch selbst zum Tore scheinst du mir herauszugehen.
Sokrates: Dies verzeihe mir schon, o Bester. Ich bin eben lernbegierig, und Felder und Bäume wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt. Du indes, dünkt mich, hast um mich herauszulocken das rechte Mittel gefunden. Denn wie sie mittelst vorgehaltenen Laubes oder Körner hungriges Vieh führen, so könntest du gewiß, wenn du mir solche Rollen mit Reden vorzeigtest, mich durch ganz Attika herumführen, und wohin du sonst wolltest. Nun wir aber an Ort und Stelle angekommen sind, werde ich mich wahrscheinlich hier niederlegen; du aber, in welcher Stellung du am besten lesen zu können glaubst, die wähle und lies.

(Platon, Phaidros, Übersetzung von Friedrich Schleiermacher 1826)

Ungewöhnliche Lesesituation selber: Mit Frau Rau im Café das Gastmahl von Platon laut vorgelesen (na ja, zumindest das erste Drittel), jeder mal eine Seite, dann drüber reden.

In einem verlassenen Klassenzimmer habe ich vor ein paar Tagen ein herumliegendes Arbeitsblatt aus dem Religionsunterricht entdeckt, Thema Schöpfungsmythen. Darauf unter anderem etwas Biblisches zu Adam und Eva, und der Kugelmensch-Mythos aus dem Gastmahl. Nach diesem sahen die Menschen ursprünglich so aus:

Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einan der stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alles übrige, wie man es sich hiernach wohl vorstellen kann.

Weil die Menschen den Göttern zu mächtig und zu gefährlich werden, zerteilt Zeus sie in zwei Hälften zu jeweils nur zwei Armen und Beinen (mit der Option, sie noch ein weiteres Mal zu spalten, falls das nötig werden sollte) – so entsteht der heutige Mensch.

Als nun so ihr Körper in zwei Teile zerschnitten war, da trat jede Hälfte mit sehnsüchtigem Verlangen an ihre andere Hälfte heran, und sie schlangen die Arme um einander und hielten sich umfaßt, voller Begierde, wieder zusammenzuwachsen […] Seit so langer Zeit ist demnach die Liebe zu einander den Menschen eingeboren und sucht die alte Natur zurückzuführen und aus zweien eins zu machen und die menschliche Schwäche zu heilen.

Die spannenden Sachen hat das Arbeitsblatt den Schülern allerdings vorenthalten. Ursprünglich gab es bei diesen Kugelmenschen nämlich drei Geschlechter, ein männliches (der Sonne zugeordnet), ein weibliches (Erde) und ein mannweibliches (Mond). Entstammt ein Mann dem ursprünglich rein männlichen Geschlecht, fühlt er sich als ursprüngliche Hälfte davon zu anderen Männern hingezogen, beim Frauen aus dem ursprünglichen Erdgeschlecht ist es analog. Nur wenn ein Mann oder eine Frau aus dem gemischten Erdgeschlecht stammt (und davon gab es am wenigsten), fühlt er oder sie sich zum anderen Geschlecht hingezogen – “die meisten Ehebrecher sind von dieser Art, und ebenso wiederum die Weiber, welche mannsüchtig und zum Ehebruch geneigt sind.”

(Lesetipp: Im hurra!-Blog hat Eva für ihre Abiturprüfung ein grobes Best-of ihrer Vorbereitung aufs Philosophie-Abitur zusammengefasst. Mit den schönen Kategorien “Das werde ich mir nie merken können” und “Das werde ich nicht mehr vergessen”.)

Lehrerblogumfrage beim Lehrerfreund, und Bücher (Weyand, Carr)

Ich lese gerade, dass ich bei der Umfrage zum Lehrerblog 2009 auf dem 1. Platz gelandet bin, gefolgt von den sehr geschätzten Kollegen Teacher und Jochen Lüders. Das freut mich natürlich. Vielen Dank denen, die mir ihre Stimme gegeben haben; ich will mich auch weiter bemühen. (Im Moment ist aber nicht viel los.)

Sofort habe ich aber auch ein schlechtes Gewissen, weil sehr viele der anderen Lehrerblogs dem meinen in manchen Aspekten weit überlegen sind. Vielleicht braucht es beim nächsten Mal tatsächlich Teildisziplinen. So oder so war die Aktion vom Lehrerfreund Berthold Metz eine gute Idee, weil sie viele Blogs bekannt gemacht hat. Unter Lehrersleuten bekannt jedenfalls: Wenn ich mir die wirklich halbwegs bekannten Blogs in Deutschland anschaue, dann ist da kein Lehrerblog dabei. Entweder, es interessiert sich keiner so recht für das Thema, oder – gut möglich – es fehlt noch der richtige Schreiber, der genauso viele Leute für ein Thema interessieren kann wie etwa das Bestatterblog. Ich bin dieser Schreiber jedenfalls auch nicht.

Ansonsten: Heute nachmittag war Colloquiumsprüfung, ich als Protokollant und Beisitzer. Im sehr warmen Klassenzimmer; die versprochene Kühlung des Schulhauses funktioniert noch nicht.

Gelesen: zwei Romane zum Lehrersein:

Kai Weyand, Schiefer eröffnet spanisch, deutsch, 2008. Eine Lehrergroteske mit bitter-sentimentalen Zügen. Ein Ex-Lehrer nimmt einen Referendar als Untermieter auf, sieht ihn als Experiment an und beobachtet methodisch (Notizbuch und so weiter), wie er mehr und mehr verfällt, krank wird, verzweifelt wird, desillusioniert wird. Schließlich beschließen sie eine Rettungsaktion, eine Verweigerung des Systems, die zwar auch nicht so recht klappt, aber wenigstens geht es dem zukünftigen Ex-Referendar besser dabei. Lieblingsszene: Nachdem es der Referendar gelassen zur Eskalation kommen lässt, sind die Schüler der Klasse ruhig. Einige sitzen merkwürdig auf dem Stuhl. Als wieder einer zu plärren beginnt, stehen sechs andere geübt auf und fesseln ihn rasch und geschickt, ähnlich wie die anderen Störer, mit Klebeband an den Stuhl. Eine Utopie natürlich, aber man wird doch träumen dürfen.

Außerdem: The Harpole Report von J. L. Carr, englisch, 1972. Lustig. Ein Schulleiter macht Urlaub und wird von einem anderen Lehrer für einige Monate vertreten. Am Schluss dieser Zeit ist wohl irgendetwas vorgefallen. Der Roman selber besteht aus einer Sammlung von privaten Tagebuch- und dienstlichen Klassenbucheinträgen, offiziellen und privaten Briefen, Notizen, Protokollen und Dienstanweisungen – der Kommunikation zwischen Eltern, Schülern, Lehrern, Sozialarbeitern, dem Ministerium, dem Schulleiter, dem Hausmeister und anderen Gestalten. Zentrale Figur ist der Aushilfs-Schulleiter. Kommentiert wird diese Sammlung vom fiktiven Herausgeber, dem die Aufgabe zugefallen ist, einen Bericht über die Vorkommnisse zu geben. Das ganze ist insofern satirisch überzeichnet, als die Personen das absurde Geschehen mit mehr Fassung über sich ergehen lassen als in der Wirklichkeit. Besonders schön an diesem Buch ist, dass alle Personen fehlerhaft sind und doch irgendwo liebenswert und am Schluss gar nicht so schlimm, wie man eigentlich gedacht hat. Man merkt das erst, als die Kommission der Schulaufsicht einen Bericht verfasst, der eher positiv ist – was die Lehrer ebenso überrascht wie den Leser. Aber so ist es heute vielleicht auch noch.

(Für die Pfingstferien: Wenn es im ZUM-Wiki noch keine Bibliographie zu Lehrer-Romanen gibt, eine anlegen. Sonst beisteuern.)

Nachgetragene Fußnote: Gerade The Battle of Pollocks Crossing von J. L. Carr wiedergelesen, das ist vor zwanzig Jahren mal in mein Bücherregal gewandert. Spielt 1929/30. Ein junger britischer Lehrer verbringt ein Jahr in einer kleinen Stadt in South Dakota; erzählt wird wieder rückblickend, wieder weiß man von Anfang an, dass zum Schluss etwas Dramatisches geschehen wird, eben jene Schlacht des Titels und Grund dafür, dass man fünfzig Jahre danach noch jemanden nach England schickt, um diesen Lehrer zu interviewen.

Mit Schülern ins Theater

Am Freitag war ich mit Schülern einer 9. Klasse im Theater – etwa mit der Hälfte der Klasse, in Der Gott des Gemetzels von Yasmina Reza. Das Stück lief letztes Jahr in Augsburg, da habe ich bei einer Freundin, die ebenfalls Deutschlehrerin ist, das Stück im Stehen gelesen. Dieses Jahr schlug die 9. Klasse das als Lektüre vor – 14,90 Euro für gut 90 Seiten sprachen allerdings dagegen.

Aber wir gingen ins Theater, das Stück anschauen. Residenz-Theater, Schülerkarten zu 8 Euro, praktische Einrichtung.

Es war schön. Die Schüler und Schülerinnen haben einen sehr guten Eindruck gemacht, richtig stolz kann man auf die Jugend von heute sein. Schick, selbstbewusst, im Theater unaufdringlich. (Zugegeben, auf der Fahrt nach Fürstenfeldbruck saß eine andere, eigentlich ganz ähnlich kichernde Mädchenhorde in der S‑Bahn, die mir eher auf die Nerven ging. Aber sobald man die Leute kennt, ist das etwas anderes und eher herzerfrischend.)

Das Stück selber: Unterhaltsam. Für mich zehn Minuten zu lang, aber trotzdem viel Gelächter. Die Brech-Szenen erinnerten dezent an Monthy Python – Slapstick funktioniert immer. Beim Lesen hat mich das Stück damals nicht sehr interessiert, da wurde viel in der Inszenierun herausgeholt.

– Die schönen Schülerkarten gibt es allerdings erst ab Gruppen von 12 Schülern. Und die sind nicht immer leicht zusammenzukriegen, in einem Leistungs- oder Grundkurs schon gleich gar nicht. Ich habe deshalb gestern einen Moodle-Kurs “Theatergehen” eingerichtet. Mit der Abstimm-Aktivität können die Kursleiter ein Theaterstück und einen Termin vorschlagen, und wer sich bis zu einem gegebenen Zeitpunkt eingetragen hat (egal aus welcher Klasse oder welchem Kurs), kriegt eine Karte bestellt und bezahlt sie und geht mit – oder sucht selbstständig einen Ersatz.

Jetzt muss ich das nur noch bekannt machen und bräuchte dann vor allem einen Kollegen, der das in die Hand nimmt. Selber bin ich nicht besonders dazu geeignet, erstens mache ich eh schon genug und zweitens: Ich schaue nicht gerne Theaterstücke an. Epik und Lyrik ist mir viel lieber, und wenn schon Drama, dann am liebsten eines, das ich in Ruhe lesen kann. Das darf ich als Deutschlehrer gar nicht zugeben; wie seit dreihundert Jahren ist Drama immer noch die Textsorte mit dem größten kulturellen Status. Aber ich mag’s nicht besonders. Ich mag Sprache, finde Iphigenie von Goethe ganz toll. Aber in einer Inszenierung geht es oft nicht um die Sprache, sondern um Personen, die in verschiedenen Konstellationen auf einer Bühne stehen und bedeutungsschwangere Pausen machen (ähnlich dem “smell-the-fart-acting” von Joey aus Friends). Nee danke, das brauche ich nicht. Je mehr Pausen, desto weniger ist das was für mich. Aber wenn Schüler ins Theater wollen, gehe ich natürlich mit.

Woran merkt man, dass ein Gedicht lustig ist?

Bei Filmen habe ich mir schon als Teenager Gedanken über Genres gemacht: Woran, oder wenigstens: ab wann merkt man, dass ein Film eine Komödie ist? Dass ein Film also nicht den (von mir verabscheuten) vorgeblichen Realitätsmodus einnimmt, der ein Merkmal der Kategorien “Drama” und “nach einer wahren Begebenheit” ist?
Bei manchen Filmen geschieht das sofort, bei anderen nach Minuten. Bei welchem Film dauert es am längsten? Signale dafür sind Filmmusik, Schriftzug und Art des Vorspanns und, lange danach, Aussehen der Figuren und Art und Inhalt ihrer Rede. (Und mise-en-scène und so weiter.)

Ähnlich ist es mit literarischen Texten: Ab wann merkt ein geübter Leser, dass ein Gedicht humorvoll im weitesten Sinn ist – also vor allem ironisch, spöttisch, unernst, albern? Lehrer bilden sich ein, dass sie das sofort sehen. Schüler, das weiß ich aus Erfahrung, sehen das nicht, und das ist ihnen nicht vorzuhalten. Aber ein Lernziel des Gymnasiums sollte doch sein, dieses unernste Sprechen zu erkennen.

Anlass war folgendes Heine-Gedicht:

Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen (1854)

Wir Bürgermeister und Senat,
Wir haben folgendes Mandat
Stadtväterlichst an alle Klassen
Der treuen Bürgerschaft erlassen.

Ausländer, Fremde, sind es meist,
Die unter uns gesät den Geist
Der Rebellion. Dergleichen Sünder,
Gottlob! sind selten Landeskinder.

Auch Gottesleugner sind es meist;
Wer sich von seinem Gotte reißt,
Wird endlich auch abtrünnig werden
Von seinen irdischen Behörden.

Der Obrigkeit gehorchen, ist
Die erste Pflicht für Jud und Christ.
Es schließe jeder seine Bude
Sobald es dunkelt, Christ und Jude.

Wo ihrer drei beisammen stehn,
Da soll man auseinander gehn.
Des Nachts soll niemand auf den Gassen
Sich ohne Leuchte sehen lassen.

Es liefre seine Waffen aus
Ein jeder in dem Gildenhaus;
Auch Munition von jeder Sorte
Wird deponiert am selben Orte.

Wer auf der Straße räsoniert,
Wird unverzüglich füsiliert;
Das Räsonieren durch Gebärden
Soll gleichfalls hart bestrafet werden.

Vertrauet Eurem Magistrat,
Der fromm und liebend schützt den Staat
Durch huldreich hochwohlweises Walten;
Euch ziemt es, stets das Maul zu halten.

Schüler erkennen eher selten, dass es sich um ein Spottgedicht handelt. Humor ist schwer, und was Deutschlehrer witzig finden, ist Schülern gerne mal ein Rätsel. Das ist kein Vorwurf, jedenfalls keiner an die Schüler. Ab wann erkennt ein normaler Leser, ab wann ein Deutschlehrer, dass sich das Gedicht über etwas lustig macht? Die Vermutung ist sicher da, sobald man “Heine” hört, aber das Vorwissen fehlt Schülern. Ich behaupte, habe aber keine Möglichkeit, das zu belegen, dass spätestens der Titel “Erinnerung aus Krähwinkels Schreckenstagen” Spöttisches suggeriert – der Name des Örtchens ist sprechend, und auch schon vor Heine verwendet worden.

Vielleicht sollte man mal Titel und erste Strophen von relativ unbekannten Gedichten sammeln und Lehrer testen, ob sie an diesen erkennen können, ob das Gedicht unernst ist oder nicht. Ich glaube, gute Leser können das schnell erkennen. Oder Gedichte Zeile für Zeile an die Wand werfen, dalli-klick-mäßig, und der erste Schüler, der laut “witzig” oder “ernst” schreit, gewinnt einen Punkt für seine Mannschaft, wenn er es denn richtig erkannt hat.

Natürlich gibt es ganz reizende Grenz- und Problemfälle, bei denen die Entscheidung schwer fällt. Vielleicht lasse ich auch mal folgendes Werk von Schiller interpretieren, allerdings ohne den Titel, der die Interpretation zu sehr in die richtige Richtung lenkt:

Vier Elemente,
Innig gesellt,
Bilden das Leben,
Bauen die Welt.

Preßt der Zitrone
Saftigen Stern,
Herb ist des Lebens
Innerster Kern.

Jetzt mit des Zuckers
Linderndem Saft
Zähmet die herbe
Brennende Kraft,

Gießet des Wassers
Sprudelnden Schwall,
Wasser umfänget
Ruhig das All.

Tropfen des Geistes
Gießet hinein,
Leben dem Leben
Gibt er allein.

Eh es verdüftet,
Schöpfet es schnell,
Nur wenn er glühet,
Labet der Quell.

Heißt “Punschlied”.

An was ich mich noch aus meiner Schulzeit erinnere

Manche Szenen meiner Schulzeit habe ich noch gut in Erinnerung. Viele haben mit Mitschülern zu tun, aber etliche betreffen die Interaktion mit Lehrern. An folgende davon kann ich mich noch gut erinnern:

5. Klasse:

  • Herr W. bringt uns bei, was englisches Frühstück ist (Speck, Schinken, Ei, Tomate, Bohnen) und behauptet, es sei grässlich, so etwas am Morgen zu essen. Ich wusste schon damals, dass er irrte.
  • Ältliche Biologielehrerin zieht an den Ohren. Hat keinen groß gestört, obwohl wir darüber aufgeklärt waren, dass sie das nicht durfte.

6. Klasse:

  • Ein Lehrer – Sport und Mathe, blond, stets gut gelaunt, keiner meiner Favoriten – macht mit dem Kugelschreiber einen Kringel in meine Zeichnung, an der ich während des Unterrichts arbeite. (Es gab mehrere Ordner voller Zeichnungen, alles Raumschiffe. Leider nicht erhalten.) Der Kringel wird später zu einem Scheinwerfer umgeformt. Trotzdem ärgerlich.
  • Verweis in Bio gekriegt wegen Schwätzen. Ungerechtfertigt, aber als Exempel für die Klasse verständlich. Es ging um Wirbeltiere.

9. Klasse:

  • Im Englischunterricht gehört: Bob Seger and the Silver Bullet Band, Still the Same und Bruce Springsteen, Darkness on the Edge of Town.
  • Kurzgeschichte im Deutschunterricht: Ich weiß nur noch, dass ich als einziger erkannt habe, dass die Zeitungsausschnitte, die am Spiegel der Frau klebten, bildlich zu verstehen waren. Ob ich gelobt worden bin, weiß ich nicht, aber ich habe das als Leistung empfunden. Weiß jemand, was das für eine Geschichte gewesen sein könnte?

11. Klasse

  • Deutschlehrer Herr N. kommt rein, schreit uns erst mal an. Demonstriert uns dann, wie unfähig wir sind, einfachen Anweisungen zu folgen: Jeder soll einen Zettel herausnehmen, links oben den Vornamen, rechts oben den Nachnamen hinschreiben, ähnlich einfache Anweisungen folgen. Danach hat die Hälfte der Schüler irgend etwas falsch gemacht. Hat uns schwer beeindruckt. Alle lieben ihn.
  • Gleicher Lehrer erzählt Anekdoten aus dem zweiten Weltkrieg. Zieht sein Bein etwas nach. Nur die Hälfte der Anekdoten kann wahr sein, wir wissen es, er weiß, dass wir das wissen. Wir wissen aber nicht, welche.
  • Englischunterricht bei rip. Zum Beispiel Chaucer. Aber auch Gedichte von Mervyn Peake und viele Lieder von Billy Joel.

12. und 13. Klasse:

  • Chemielehrer ermahnt mich, nicht so müde auf der Bank zu liegen. Fragt mich nächste Stunde aus. 12 Punkte gekriegt. Ha!
  • Englisch-Leistungskurs: Lehrer geht davon aus, wir würden Shelley nicht kennen. Schüler protestieren. Lehrer verlangt zum Beweis seinen zweiten Vornamen. Zwei Schüler im LK kennen ihn. Ein ähnliches Ergebnis würde mich bei aktuellen Leistungskursen überraschen.
  • Gleicher Lehrer behauptet, Kaufhausmusik würde “Bozart” heißen. Ich korrigiere ihn, er meine “Muzak”. Schon damals Klugscheißer.
  • Gleicher Lehrer erwähnt nebenbei Autoren und Titel. Ich schreibe sie mit und lese sie nach und nach. Puckoon von Spike Milligan zum Beispiel. Einer seiner Vorschläge für seine Facharbeit: Lost Horizon von meinem geliebten James Hilton, Gründe für den großen Erfolg des Romans in den frühen 30er Jahren. Das Buch kannte ich vom Hörensagen schon vorher, aber das war wohl der Anlass, dass ich es mir kaufte.
  • Deutsch-Leistungskurs: Lehrerin thematisiert Kitsch. Bringt zwei Texte mit, einen literarisch wertvollen, einen verkitschten. (Quelle, ergoogelt.) Wir sollen herausfinden, welcher Text Kitsch ist, welcher nicht. Bin der erste, vielleicht einzige, der antwortet. Tippe allerdings auf den falschen Text. Das geht mir seitdem nicht aus dem Kopf: Kitsch liegt mir, deutsche Literatur ist mir suspekt, vielleicht verdorben durch Science Fiction, vielleicht sind die Kriterien auch nicht sinnvoll. Sollte ich mal mit Schülern ausprobieren.
  • Kunstunterricht: Kunstlehrer hat Videokassette dabei, die ihm ein anderer Schüler gegeben hat. “Irgendein Western,” erklärt er uns. Vermutlich ist er auf die Idee gekommen, weil der Film das Wort “Kentucky” im Namen hatte. Als der Film begann, war da kein Western, sondern… anderes. Bei “katholische Schulmädchen in Not” spult er hastig vor, in Erwartung des eigentlichen Films später auf dem Band. Als er Play drückt, lautet der nächste Satz “Willkommen in der wunderbaren Welt des Sex”. Spult sofort weiter vor. Wir klären ihn auf, dass es sich bei “Kentucky Fried Movie” um eine Komödie und keinen Pornofilm handelt; er ist beruhigt. Kriegt trotzdem Schwierigkeiten mit Eltern und Vorgesetzten, eher wegen der Zombiefilme und wegen “Die Klasse von 1984”.

Ich hatte eine schöne Schulzeit, habe die Schule aber auch sehr gerne und ganz unsentimental verlassen. Ans Abitur kann ich mich kaum erinnern; es lief sehr gut, aber das weiß ich nur noch aufgrund der Noten. Meinem sehr wortkarg geführten Tagebuch entnehme ich, dass ich in der Kollegstufe gelegentlich nicht zum Unterricht erschienen bin, sondern Kaffee getrunken habe. Mantel des Schweigens.
Ich war zuverlässig, schwätzte wohl viel, beteiligte mich gelegentlich am Unterricht (vor allem aus Mitleid, wenn sonst keiner wollte), kriegte so ziemlich alles vom Unterricht mit und hatte demnach zu Hause nicht viel zu tun. Es gab sehr wenig Gruppenarbeit, sehr gelegentlich Rollenspiel, das ich stets als unangenehm empfand. Mangel an Gewohnheit.
Im Lehrerzimmer war ich zum ersten Mal nach meiner Schulzeit; ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass ich jemals etwas an der Lehrerzimmertür von einem Lehrer wollte. In der Schulbibliothek war ich ein einziges Mal, im Sprachlabor ebenso. Im großen und ganzen lief der Unterricht in Form von Lehrer-Schüler-Gespräch ab.

Vermutlich hätte ich von anderen Schul- und Unterrichtsformen auch profitieren können. Aber für mich war diese Art Unterricht effektiv und goldrichtig: Lehrer stellt sich hin, sagt was, ich merke es mir, rede mit ihm darüber. Passe im Unterricht auf, schaue am Anfang der Stunde kurz ins Heft.
Es gibt auch heute in jeder meiner Klassen Schüler, für die diese Art des Unterrichts effektiv und goldrichtig ist. Der Ruf nach neuen Formen des Unterrichts hat weniger damit zu tun, dass die alten Formen schlechter sind, als damit, dass man damit vielleicht mehr Schüler erreicht.

Kugelspiel aus dem 5. Jahrhundert

kugelspiel

Konstantinopel, 5. Jahrhundert, Marmor
Berlin, Museum für Byzantinische Kunst (im Bode-Museum)
Wettspiel, verziert mit Szenen aus dem Pferderennen

Die Löcher stellen im Prinzip Abkürzungen der regulären Rennbahn dar.

Ich war am Wochenende kurz in Berlin – Familienfeier, Kommunion der ältesten Basentochter. Sehr liebe Kinder, große Leseratten. Habe mir im Garten kleinen Sonnenbrand auf dem lichter werdenden Haupte geholt. Der Friseur wollte mich beim letzten Mal schon von einer verhüllenderen Frisur überzeugen. In Berlin viel Verwandschaft getroffen, schöne Erfahrung. Kann also sein, dass ich bald wieder mal nach Berlin komme. Dann melde ich mich hier, ob sich jemand mit mir zum Kaffeetrinken trifft.

(Im Flugzeug Sascha Lobo gesehen. Kurz hallo gesagt, unbekanntwerweise.)