Grammatik 3

Schwierig ist das Präpositionalobjekt. Es beginnt mit einer Präposition (auf, in, nach…), aber das gilt auch für viele Adverbialien. Anders als diese ist das Präpositionalobjekt aber in der Valenz des Verbes festgeschrieben – in Schulgrammatik-Sprache: “man kann es nicht weglassen”. Außerdem, und das ist vielleicht wichtiger, wird die Präposition des Präpositionalobjekts bereits durch das Verb mehr oder weniger bestimmt, während das Verb keinerlei Einfluss auf die Präposition eines Adverbials hat. Beispiele folgen.

1. Ich warte auf einer Brücke auf meine Freundin.
2. Markus wartet schon sehr lange auf sein Geld.

Auf einer Brücke/schon sehr lange sind Adverbialien – Orts- beziehungsweise Zeitangaben, die man weglassen kann oder nicht. Das erste davon beginnt mit einer Präposition, das zweite nicht. Andere Adverbialien mit anderen Präpositionen sind leicht denkbar: auf einer Couch, unter einer Brücke, über einer Brücke, vor einer Brücke.
Auf meine Freundin/auf sein Geld sind Präpositionalobjekte, man kann sie (erzählen wir den Schülern) nicht weglassen, da die Valenz des Verbs sie erfordert. Entsprechende Satzglieder mit anderer Präposition sind nur gelegentlich zu finden. Falsch sind jedenfalls: *Ich warte für/von/über meine(r) Freundin.

(In der englischen Grammatik würde man die Präposition einfach dem Verb “warten auf” zuschlagen, übrig bliebe ein simples Objekt “meine Freundin”. Siehe auch Objekt bei Wikipedia.)

– Allerdings gibt es auch bei der Valenzgrammatik Probleme. Ist eilen wirklich einwertig?

1. Wir eilten.
2. Wir eilten nach Hause.

Der erste Satz wirkt unvollständig. Der zweite ist richtiger – heißt das, dass ein Adverbiale doch zur Valenz gehören kann? Dass es gar nicht stimmt, wenn wir Schülern sagen, dass man die immer weglassen kann?

1. Sie riefen laut meinen Namen.
2. Sie riefen laut: “Guten Morgen!”
3. Sie riefen laut um Hilfe.
4. Sie riefen laut, dass die Tür verschlossen sei.

Bei 1 ist das Akkusativobjekt klar, bei 3 ist das sicher keines, sondern wohl ein Präpositionalobjekt (auch möglich: nach Hilfe). Und 2 und 4? Man wird wohl sagen, dass hier ein Nebensatz beziehungsweise eine satzwertige Äußerung die Akkusativobjekt-Rolle übernehmen.

– Und wie ist das mit den Dativobjekten bei folgenden Sätzen:

1. Ich schreibe einen Brief. S‑P-OA
2. Ich schreibe ein Buch. S‑P-OA
3. Ich schreibe ihm ein Buch. S‑P-OD-OA
4. Ich schreibe ihm einen Brief. S‑P-OD-OA

Welche der Dativobjekte in 3 und 4 sind in der Valenz vorgeschrieben, welche nicht? Letztere heißen auch “freie Dative” (Wikipedia) und sind Objekte, die man eben doch weglassen kann. Traditionell würde man sagen, dass das sowohl für 3 als auch für 4 gilt. Aber schreibt man nicht immer jemandem Briefe, und selten jemandem Bücher? Oder ist das bereits Semantik und nicht mehr Syntax?

Als Zuckerchen zum Schluss ein paar Aussagesätze ohne Subjekt, weil ich die sonst nirgendwo untergebracht habe:

1. Mir ist kalt. OD-P-Prädikativ
2. Mich friert. OA-P.
Und mit Quasi-Subjekt:
3. Es friert mich. S‑P-OA

Nachtrag: Es heißt das Adverbiale, oder auch das Adverbial, glaube ich. Beim Plural bin ich mir nicht einig: Adverbialien, Adverbialen, Adverbialia, Adverbiale? Wer hilft? Und der Genitiv?

Grammatik 2

Interessante Grammatik-Arten sind die generative (Transformations-)Grammatik (vor allem für Informatiker interessant) und die Valenzgrammatik. Mit letzterer habe ich Anfang des Schuljahres in der 9. Klasse Grammatik wiederholt. Das ist inzwischen zusätzlich interessant, da die Schüler dann den Begriff der Valenz schon aus der Chemie kennen.

Alle meine Ausführungen dazu sind übrigens laienhaft. Ich bin auch schon mehr als ein dutzend Jahre aus der Uni raus.

Zentral für den Satz ist das Prädikat. Das darin benutzte Verb hat eine bestimmte Valenz – streckt quasi eine bestimmte Anzahl von Händchen nach bestimmten anderen Satzgliedern aus, die es gerne hätte.

Für die Schule hatte ich einen Haufen vorbereite Blätter mitgebracht, die ich mit Magneten an die Tafel klebte:

Im Zentrum das dreiwertige Prädikat geben. Die drei fehlenden Satzglieder sind farbig markiert: rot für ein Subjekt), blau für ein Objekt im Akkusativ, bleistiftgrau für ein Objekt im Dativ. Die Farben erkennt man hier leider nicht sehr gut.
Die Reihenfolge der Satzglieder ist dabei variabel, es muss keinesfalls das Subjekt als erstes Satzglied kommen. Nur das Prädikat hat eine feste Position im Deutschen: im Aussagesatz (als Hauptsatz) und bei Ergänzungsfragen steht es an zweiter Stelle.

Beispiele, die zu den Blättern passen:

1. Ich gebe dir ein Buch.
2. Die Frau mit den violetten Augen gibt dem Mann, den sie im Abteil getroffen hat, einen Kuss.
3. Das Buch hat mir meine Schwester gegeben.
4. Meine Schwester gibt mit eine Kopfnuss.
5. ?Dieses Problem gibt mir zu denken.

Einen einfachen Fall zeigt 1; bei 2 sind die Satzglieder durch verschiedene Attribute länger geworden, was an der Struktur des Satzes aber nichts ändert. Bei 3 ist das Akkusativ-Objekt an erster Stelle, das Subjekt folgt an vierter und letzter Stelle. Außerdem besteht das Prädikat aus einem finiten (flektierten) Teil an zweiter Stelle, wie es sich gehört, und einem infiniten (unflektierten) Anhängsel weiter hinten. So ist das nun mal im Deutschen.
Gehört 5 hierher? Das hängt wohl davon ab, wie man seine Grammatik schreibt. Eher nicht.

So viele Satzglieder gibt es in der Schulgrammatik gar nicht: Prädikat, Subjekt, Objekt (Akkusativ‑, Dativ‑, Präpositional‑, selten Genitiv-Objekt), Prädikativ und Adverbiale. Fünf Stück.

Adverbiale, so die Schulgrammatik, sind Satzglieder, die nicht zwingend vorgeschrieben sind, die man weglassen kann. Sie sind in der Valenz des Verbs nicht berücksichtigt. Inhaltlich geht es in ihnen um die näheren Umstände: wo, warum, wie, wann.

1. Meine Schwester gibt mir in der Schule immer eine Kopfnuss.
2. In der Schule gibt mir meine Schwester immer eine Kopfnuss.
3. Immer gibt mir meine Schwester eine Kopfnuss in der Schule.
4. ?Mir gibt eine Kopfnuss immer meine Schwester in der Schule.
5. Meine Schwester gibt mir immer eine Kopfnuss, wenn sie mich sieht.

In 1–4 sind die zwei Adverbialien “immer” und “in der Schule” dazugekommen. Die Stellung der Satzglieder variiert jeweils, nur das Prädikat bleibt immer an zweiter Stelle. Ist 4 korrekt? Man wird wohl sagen müssen: ja. Aber nicht alles, was syntaktisch möglich ist, ist sprachlich üblich oder elegant. Je nach Zusammenhang markiere ich das als stilistischen Fehler.
In 5 steht ein Nebensatz als Adverbiale.

Das Prädikativ, das vergessene Satzglied. In den G8-Deutschbüchern steht es teilweise gar nicht mehr drin, dabei taucht es sehr häufig auf, auch wenn es auf eine kleine Zahl von Verben beschränkt ist.

1. Ich bin glücklich.
2. Ich werde Lokomotivführer.

Eigentlich sollte man Nominativobjekt dazu sagen, finde ich.

(Mehr morgen.)

Grammatik 1

Ich mag Grammatik. Für mich gehört sie außerdem aus mindestens drei Gründen ins Gymnasium:

  1. Als Dienstleistung für die Fremdsprachen. Der Englischlehrer tut sich viel leichter, wenn die Schüler bereits wissen, was ein Subjekt oder was ein finites Verb ist. (Ersteres wissen sie. Letzteres nicht.)
  2. Als Mittel, um bessere Texte erstellen zu können beziehungsweise als Analyseinstrument, um die Wirkung von Texten beschreiben und begründen zu können. Die Wirkung des Anfangs der folgenden Geschichte beruht – neben einem anderen offensichtlichen Merkmal – auch auf dem Satzbau:

    Wild zuckt der Blitz. In fahlem Lichte steht ein Turm. Der Donner rollt. Ein Reiter kämpft mit seinem Ross, springt ab und pocht ans Tor und lärmt. Sein Mantel saust im Wind. Er hält den scheuen Fuchs am Zügel fest. Ein schmales Git­terfenster schimmert goldenhell und knarrend öff­net jetzt das Tor ein Edelmann.

    Die Sätze sind nicht nur kurz, sondern vor allem nur Hauptsätze.
    Folgender Satz (den ich schon mal zitiert habe) stammt aus einem Aufsatz der 11. Klasse, Erörterung:

    Gerade in der heutigen Zeit in der westlichen Welt, wo viele Leute nahe beieinander leben, die einerseits an einen hohen Lebensstandard gewohnt sind, sich andererseits an eine Methode, diesen zu erreichen, nämlich immer an den größtmöglichen eigenen Profit zu denken, gewöhnt haben, was wiederum der Gesellschaft schadet, sind die so genannten Tugenden, wie zum Beispiel Bescheidenheit, Rücksicht und Verantwortungsbewusstsein, allen voran jedoch Mitgefühl, um so wichtiger.

    Der Satz ist völlig korrekt. Aber wer ein Gespür für Satzglieder hat, kann den Satz umstellen, so dass er weitaus lesbarer wird. Dieses Gespür kriegt man durch viel Lesen, aber ich glaube, dass auch formale Grammatikkenntnisse dabei helfen.
    Fragen muss ich mich allerdings, ob die Schule dieses Ziel tatsächlich erreicht.

  3. Wissen um Sprache ist ein Kulturgut. Gibt es in jeder Sprache ein Tempus? Gibt es in jeder Sprache Subjekte, Objekte und Prädikate? Sagt das etwas über das Gehirn des Menschen aus? Englisch hat meist die Wortstellung SPO, Französisch auch. Gibt es Sprachen, in denen die Wortstellung PSO lautet, oder gar OSP? (Ja, 4 Stück auf der Welt. Noch.) Sagt das etwas über das Gehirn des Menschen aus? Wie wichtig ist es, ob in 100 Jahren die Hälfte der aktuell sechs- bis siebentausend Sprachen ausgestorben sein wird? Ist das gut oder schlecht? – Grammatikkenntnisse reichen nicht aus, um sich darüber eine fundierte Meinung zu bilden, aber eine Ahnung davon, wie Sprache aufgebaut ist, braucht man.

Schließlich gehört dazu auch, dass ja irgendwer in der Duden-Redaktion sitzen und Entscheidungen fällen muss und dass irgendwer die Word-Grammatikprüfung und die Google-Übersetzung entwickeln muss.

Es ist nicht so, dass eine Sprache eine Grammatik einfach hat. Dass es im Deutschen nun mal Adverbien und Subjekte einfach gibt. Natürliche Sprachen sind komplizierte Gebilde, und Grammatiken sind Modelle, mit denen man versucht, ihrer Herr zu werden. Dazu benutzt man solche Kategorien wie “Adverb” oder “Subjekt”. Man vereinfacht, fasst zusammen, erkennt Regeln, ignoriert Ausnahmen. Die deutsche Schulgrammatik orientiert sich dazu aus historischen Gründen an dem Modell, das für das klassische Latein aufgestellt wurde,

Es ist also – aus sprachwissenschaftlicher Sicht, nicht in der Schule – nicht richtig, zu fragen, ob etwas ein Präpositionalobjekt ist, sondern, ob es im gerade benutzten Modell als Präpositionalobjekt bezeichnet werden sollte. Dass es verschiedene Grammatikmodelle geben muss, leuchtet ein, wenn man sich überlegt, dass man in der Schule mit einem für Anfänger geeigneten Grammatikmodell beginnen muss. (Zu einem differenzierteren, dass die tatsächliche Sprache noch besser beschreibt, kommt man dann leider nicht mehr.)

Mit Hilfe einer idealen Grammatik und dem entsprechenden Wörterbuch dazu kann man in einer Sprache alle richtigen Sätze erzeugen und keinen falschen. Das geht leider aus vielen Gründen nicht so einfach. Einmal deswegen, weil jeder Sprecher eine andere Meinung zu richtig und falsch hat. Zum zweiten deswegen, weil die Grenzen zwischen grammatisch falsch und lediglich stilistisch unzumutbar fließend sind. Und drittens, weil natürliche Sprachen zu verwurschtelt (=wissenschaftlicher Fachausdruck) sind, als dass sie sich mit einer überschaubaren Grammatik gut beschreiben ließen.

(Kleinere Beispiele in einem alten Blogeintrag, bei dem sich die Diskussion dann allerdings in andere Ecken verrannte, allerdings nicht bevor sie mich zu einer Erkenntnis führte, die wiederzuentdecken ich gerade große Freude hatte.)

Morgen geht’s weiter.

Spam in der Packstation

Frechheit. Seit einigen Monaten benutze ich die Packstation der Post, da ich viele Päckchen kriege, nicht immer die Nachbarn bemühen und mir auch nicht alles in die Schule schicken lassen möchte. Das funktioniert auch einigermaßen. Gut, immer wieder mal wird die Post eine Packstation weiter geleitet, zur Zeit sogar ständig, da die Station bei mir ums Eck umgebaut wird. Einmal war die Packstation dann auch noch kaputt, dreimal musste ich in eine Filiale, aus Gründen, die mir keiner sagen konnte. (Packstation voll?) Einmal musste ich mich dabei mit der Dame hinterm Tresen anlegen. “Wir haben hier keine Paketausgabe.”

Trotzdem, es funktioniert. Lieber wäre mir eine Paketpost, die abends kommt, wenn ich zu Hause bin, aber okay.

Aber heute nachmittag* ging das dann doch zu weit. Es waren zwei Päckchen in dem Fach in der Packstation. Ein bestelltes. Und einmal:

Gratis! Geschenk Ihrer Apotheke zur Rose
(empfohlen von PACKSTATION)
10-Euro-Gutschein

Das alles auf einem Päckchen etwa 10x20x30cm. Nicht etwa eine Reklamesendung an meine Adresse, schlimm genug, nein, die Post ist so nett und legt mir einfach so ein Extrapäckchen rein. Ich hab’s natürlich dort liegen lassen. Jetzt wird auch noch von mir erwartet, Werbemüll mit nach Hause zu tragen.


*Tag mit Neffen und Nichte und deren Eltern im München verbracht, vor allem im Kinder- und Jugendmuseum direkt im Hauptbahnhof. Thema der aktuellen Ausstellung: Lebensmittel und Ernährung. Die Kinder konnten Semmeln backen und an einem Kochkurs teilnehmen (Kürbissuppe), es gab alles mögliche an Spielzeug, ein Diorama der menschlichen Verdauung, in dem Playbmobil-Figuren die Aufgaben von Zähnen, Magen, Bauchspeicheldrüse (in Schutzkleidung), Dick- und Dünndarm übernahmen. Sehr anschaulich. Am Schluss schaufelten Playmobil-Müllmänner braune Häuchen in Schubkarren, die zu einer Toilette geschoben wurden. Interessant die Fotos zu Essgewohnheiten aus aller Welt, zusammen mit viel Anschauungsmaterial: Man konnte zum Beispiel aus einem Regal alles Werkzeug für ein ozeanisches Mahl zusammenstellen. Dazu noch einen Märchenerzähler, und ein Kochbuch aus dem Regal dort hat mir so gefallen, dass ich es soeben antiquarisch bestellt habe. Kanadische Küche.

Rollenspieler um die 40 (okay, 41)

Letztes Jahr auf dem Klassentreffen habe ich einen Schul- und Spielfreund wieder getroffen und von ihm erfahren, dass sich ein Teil der Spieler- und Con-Runde, zu der zu gehören auch ich einmal die Ehre und das Vergnügen hatte, sich jedes Jahr Anfang November noch einmal zum Spielen trifft.

Im November 2007 durfte ich mitmachen, dieses Jahr wieder. Schlafsack, Kartoffelchips, Gummizeugs, Schokolade, ganz wie früher. Das Spielen hat Spaß gemacht, ich bin allerdings permanent eingenickt. Peinlich. Aber nach zehn Uhr abends ist mir selten noch etwas anzufangen, und nach Schlafsacknacht sogar noch früher. Dazu zu viel Süßkram, zu wenig Bewegung und zu wenig frische Luft. Das Spielen erfordert außerdem Konzentration. Zugegeben: Die anderen Spieler und der Spielleiter, alle in meinem Alter, waren da wesentlich fitter. Wir spielten einen Abend und zwei volle Tage, jeweils so von elf Uhr morgens bis Mitternacht mit Unterbrechungen fürs Essen.

Wir haben wie letztes Jahr ein Horror-Rollenspiel gespielt, uns aber deutlich besser geschlagen als letztes Mal. Der Spielleiter ist gnadenlos; auch wenn wir noch so knapp an einem wichtigen Hinweis vorbeischrammen, gibt er das auch nicht durch das geringste Zucken zu bemerken. Ist natürlich gut so.

Ich fand’s schön, dass wir noch an diesen alten Spielen Spaß haben. Besonders gewürzt wurde es durch die zwei sechs- und neunjährigen Kinder, die ab und zu nach der Vätergeneration schauten. Wir wollen mal hoffen, dass die keinen Aufsatz kriegen zum Thema “Ferienerlebnis” kriegen. Man muss den Lehrern sonst immer erklären, dass der Papa nicht wirklich Molotow-Cocktails nach den Dienern Satans wirft. “Wir wissen auch nicht, wo das Kind das nur immer aufschnappt.”

Studs Terkel

Vor zwei Tagen ist Studs Terkel gestorben, 96 Jahre alt. Der schöne Nachruf bei NPR (anhören, schon mal wegen Terkels Stimme!) nennt ihn “legendary oral historian, author and radio personality”. In seinem langen Leben hat er vieles gemacht und viele Leute getroffen. Am bekanntesten ist er wohl für seine Bücher mit Interviews mit einfachen Leuten zu verschiedenen Epochen. Ich habe schon mal Hard Times empfohlen, kurze Interviews über die Depressionszeit. Auf www.studsterkel.org kann man viele der Interviews anhören.

Im Moment lese ich den ersten Band mit gesammelten Essay aus der Radioreihe This I Believe. Vorwort Studs Terkel. Die Serie ist die Neuauflage einer Radioserie aus den 1950ern (präsentiert von Edward Murrow): jede Woche ein vorgetragener Essay zu “this is believe”, von bekannten und bekannten Menschen, professionellen Schreibern und Laien. Viel didaktisches Material auf der Seite, und wenn ich nur wüsste, wie ich das “This I Believe” übersetzen sollte, würde ich das im Deutsch-LK machen.

“Was ich glaube” klingt gleich so religiös. “Ich bin davon überzeugt” trifft es eben nicht. “Für wahr halte ich” klingt zu klinisch, “Für wahr halte ich dies” zu ausschließlich und zu pompös.

Nachtrag: Nachrufe bei rogerebert.com.

Lesbarkeitsindizes

Synchronizität: Lese gerade im BildungsBlog von www.seittest.de. Dort kann man automatisiert Webseiten bewerten lassen. Für www.herr-rau.de/wordpress sieht die Zusammenfassung dann so aus:

Inhaltliche Prüfung (50%): gut (Die Inhalte sind sachlich und von guter Qualität.)
SPAM-Prüfung (25%): sehr gut (Kaum Werbung und keine Belästigung durch SPAM.)
Autorität (25%): ungenügend (Die Seite wird von nur sehr wenigen vorbildlichen Webpseiten [sic] empfohlen.)

Nu, wie sinnvoll das ist, darüber mache ich mir nicht viele Gedanken. Immerhin: Inhalte von guter Qualität. Interessanter sind die Details der Auswertung:

Sprach-Niveau: sehr hoch
Rechtschreibfehler: 0 (0%)

Für die wenigen Rechtschreibfehler kriege ich immerhin 3 von 3 Punkten. Am interessanten ist für mich aber der Lesbarkeitsindex der Seite:

Lesbarkeit (FRE): 87

Bei Wikipedia kann man sich über Lesbarkeitsindizes informieren. (Ist das der korrekte Plural?) Auch der BildungsBlog-Eintrag oben schreibt etwas dazu. FRE steht für Flesch Reading Ease, ein “numerischer Wert für die Lesbarkeit, der aus einem Text berechnet werden kann. Je höher ihr Wert ist, desto leichter verständlich ist der Text. Gut verständliche Texte weisen einen Wert von etwa 60 bis 70 auf.” Da liege ich mit meinen 87 ja recht gut.

Allerdings ist die Formel für FREdeutsch eine andere, und ich weiß auch nicht, ob von www.seittest.de das Menü oder die Tag-Wolke mitgezählt werden. Und wie zuverlässig der FRE-Wert ist, weiß ich ebenfalls nicht. Alternativ gibt es auch noch die Wiener Sachtextformel, ebenfalls bei Wikipedia nachzulesen.

Ich habe in den letzten Tagen ein Arbeitsblatt für meine Schüler gemacht, ausgehend von folgendem keinesfalls untypischen Satz in einem Übungsaufsatz (es geht um Sophokles’ König Ödipus):

Im Gegensatz dazu steht seine Frau Jokaste, die erst erfreut über die Meldung des Boten, dass Polybos, der Ziehvater von Ödipus, verstorben sei und somit die Angst ihres Mannes, den eigenen Vater zu töten, unbegründet ist, ist, dann jedoch durch die Schilderung des Boten über seine Bekanntschaft mit Ödipus bemerkt, dass sie durchaus eine weit engere Beziehung zu ihrem Mann haben könnte, als sie es zunächst vermutet hatte.

Das Arbeitsblatt kann man hier herunterladen, aus ideologischen Gründen als OpenDocument-Dokument (das heißt: Open Office). Sein Inhalt: Nach einem Überblick über durchschnittliche Satzlängen in verschiedenen Quellen sollen die Schüler die durchschnittliche Satzlänge ihres Übungsaufsatzes errechnen, sollen danach zwei Bandwurmsätze sortieren und schließlich mit der Wiener Sachtextformel den Lesbarkeitsindex für ihren Text ermitteln.
Ich weiß nicht mehr darüber, als bei Wikipedia steht; die Formel gibt in etwa aus, wieviele Schuljahre man haben muss, um den Text zu verstehen.

Sehr gerne würde ich eine Facharbeit dazu vergeben, den LK dazu habe ich auch. Aber Schüler scheuen im weitesten Sinn sprachwissenschaftliche Themen, fürchte ich, vielleicht kann ich es aber doch schmackhaft machen. Das biete sich doch an: Ein kurzer Überblick über konkurrierende Indizes, über deren theoretische Begründung, und ein praktischer Teil mit Anwendung auf einen sehr kleinen Korpus einer zu wählenden Textsorte (gerne Obertstufenaufsätze). Am Schluss Bewertung der Resultate anhand eigener Einschätzung oder vielleicht auch einer Befragung.

Nachtrag: Antikörperchen, Autor des BildungsBlog-Beitrags, führt eine tolle Gedicht- und Interpretationssammlung (hier schon irgendwann mal verlinkt, glaube ich) mit Kommentaren, Bewertung und Lesbarkeitsindex dazu: http://lyrik.antikoerperchen.de/uebersicht.html. Sehr spannend.

Reden (und Interviews)

In der 9. Klasse Deutsch wird dieses Jahr die erste Schulaufgabe eine Rede sein – eine verkappte Erörterung eigentlich, aber halt eine mit einem Adressaten, eingebettet in eine Situation, wenn auch beides nur fiktiv. Argumentieren müssen die Schüler in einer Rede schließlich auch, und das ist das Wichtigste, das sie bei der Erörterung lernen.

Das Schulbuch unterscheidet zwischen Reden mit Informations- und Appellcharakter sowie Reden zu einem gegeben feierlichen Anlass. Ein Beispiel darin ist eine Scherzrede von Loriot zum Thema “Spenden für notleidende Vampire”.

Nach diesem Vorbild sollten die Schüler erst einmal eine ähnliche Rede schreiben – mit dem Computer zu Hause. Im Computerraum habe ich den Schülern danach das Formatieren auf Zeilenabstand 1 1/2, Schriftgröße 12 pt gezeigt und auf die Vor- und Nachteile der automatischen Rechtschreibkorrektur hingewiesen. Dort mussten die Schüler Klimax, Parallelismus, Anapher einbauen und in den Tagen danach wurden die ersten Reden im Klassenzimmer vorgetragen. Das hörte sich dann so an wie bei dieser Rede zum Schutz der Backwaren:

Schön finde ich vor allem die Neologismen. “Erdmarzipänchen” ist wirklich neu, im Web habe ich es jedenfalls noch nicht gefunden. Üben müssen wir noch die Vortragsweise. Der Schüler hatte aber eben auch kein Manuskript mit Zeilenabstand 1 1/2 vor sich.

– Fußnote, weil auch im Schul-Podcast: Letztes Jahr studierte ein Schüler unserer Schule an der Uni ein schon bisschen Informatik. Die TU München bietet nämlich ein Informatik-Frühstudium für begabte Schülerinnen und Schüler an, damit die schon ein bisschen Universitätsluft schnuppern können: An zwei Nachmittagen in der Woche gibt es reguläre Vorlesungen und Praktika, dazu viel webbasiertes Arbeiten. Die Schüler schreiben Klausuren und sammeln dadurch – falls sie später mal an der TU Informatik studieren wollen – bereits Credits für das Bachelor-Studium. Aber natürlich ist das auch interessant, wenn man später etwas anderes studiert. Informatik-Grundkenntnisse kann man immer brauchen

Zwei Neuntklässler haben letztes Jahr ein Interview mit diesem Schüler geführt und ihn zu seinen Erfahrungen befragt:

Ich hätte mich über eine positivere Rückmeldung gefreut, aber man kann nun mal nicht alles haben. Das Interview ist jedenfalls gelungen, finde ich.

Testerei

VERA 8

Im März finden Vergleichsarbeiten in der 8. Klasse in Deutsch, Englisch und Mathematik statt: VERA 8. Fast alle Bundesländer beteiligen sich daran. Die Tests werden vom IQB in Berlin (an der Humbolt-Universität) erstellt; auf deren Seite dazu gibt es erste Beispielaufgaben. Die Tests orientieren sich an den von der KMK beschlossenen Bildungsstandards. Deswegen dürfen die Tests zumindest in Bayern nicht benotet werden: Da die gleichen Aufgaben für verschiedene Bundesländer genommen werden, kann man nicht garantieren, dass zu diesem Zeitpunkt jeweils schon alles im Lehrplan vorkam. (Schleswig-Holstein geht den interessanten Weg, dass wegen des erhöhten Arbeitsaufwands VERA 8 eine Schulaufgabe ersetzt – das heißt, der Test wird auch nicht benotet, aber dafür gibt’s eine Schulaufgabe weniger.)

Für Bayern gibt es bei der QA eine Informationsseite. Noch steht da nicht viel, aber das wird sich hoffentlich mal ändern.

Ich erwähne das deshalb, weil ich in einem Arbeitskreis sitze, der in gewissem Umfang zur Vermittlung von VERA 8 in Bayern beitragen soll. Meine dadurch entstandene kognitive Dissonanz ist erfolgreich reduziert, so dass ich jetzt den Tests viel Gutes abgewinnen kann – neben einigen Punkten, die mich noch nicht überzeugen. Wir sammeln gerade Material für ein FAQ, ich würde mich also freuen, wenn ich jetzt schon Fragen dazu kriegen würde. Antworten kann ich aber nur insoweit geben, als es öffentlich zugängliches Material im Web betrifft, ich bin schließlich nicht der Sprecher des Arbeitskreises.

Das IQB ist das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, länderfinanziert, in Berlin. Das ISB ist eine dem bayerischen Kultusministerium nachgeordnete Behörde, sozusagen dessen pädagogischer Arm. Entscheidungen werden allerdings von den Politikern getroffen. Die QA (Qualitätsagentur) in Bayern ist so etwas ähnliches wie das IQB auf Landesebene.

Jahrgangsstufentest Englisch

Vor gut zwei Wochen sind die diesjährigen Jahrgangsstufentests in Bayern geschrieben worden. Englisch interessiert mich dabei besonders, weil ich an der Entwicklung beteiligt war. (ISB-Seite zu Englisch, mit Material und Informationen zu den Tests.)

Über den Zehntklasstest habe ich nicht viel gehört im Lehrerzimmer: der Leseverstehensteil sei zu leicht gewesen, das Hörverstehen angemessen, gut die Übung im sprachpraktischen Teil, bei der man kurze Passagen den korrekten Stellen im Text zuordnen musste.

Über den Sechstklasstest hieß es: Grammatik viel, viel zu leicht (“im Vergleich zum letzten Jahr”); beim Hörverstehen beklagte ein Kollege, dass eine Multiple-Choice-Antwort mehrdeutig sei; die Mediation erfordere zu hohen Korrekturaufwand und sei zu schwer zu korrigieren. Außerdem störten die Zwischenüberschriften, die den Schülertext strukturieren sollten. Kernproblem: Die Leistungen zweier Schüler seien schwer zu vergleichen, wenn der eine versucht hat, eine Information mitzuteilen, dabei aber viele Fehler gemacht hat; der andere sich auf weniger Informationen beschränkt, dafür auch weniger Fehler hat.

Lösungsvorschläge: Schwerere Grammatik, und Grammatik mehr gewichten. Mediation kürzer mit eindeutigeren Vorgaben, was da sein muss und was weggelassen werden darf. Oder einfach strengerer Punkteschritt. (Allerdings sieht jede Veränderung dort gleich nach Manipulation hinsichtlich gewünschter Ergebnisse aus.)

Wie gesagt, das sind nur die Meinungen aus dem Lehrerzimmer meiner Schule. Bei der zuständigen Fachrefrentin am ISB werden sicher mehr Rückmeldungen eingehen. Sobald die Daten zu den einzelnen Aufgaben eingehen, macht irgendjemand eine Auswertung, welche Aufgabe bayernweit zu wieviel Prozent gelöst wurde; diese Rückmeldung geht dann ins Web und an die Schulen, auf dass die Fachlehrer sich Gedanken über ungewöhnliche Abweichungen machen.

Doppelter Abiturjahrgang 2011

Bei den aktuellen 11. Klassen des G9 wird die 13. Jahrgangsstufe noch kürzer ausfallen als üblich, da das Abitur zwei Monate früher, nämlich im März und April 2011 stattfindet – damit die aktuellen 10. Klassen des G8 im Mai und Juni das ihre schreiben können. (Über die Mehrbelastung vor allem der Deutschlehrer sollten sich Kultusministerium und Schulleiter eigentlich schon mal Gedanken machen.) Musteraufgaben fürs G8 gibt’s hier, neu ist die Liste der Kürzungen fürs G9:

Englisch
Folgende bereits in den Jahrgangsstufen 10 bzw. 11 angesprochene Themenkomplexe werden nicht Schwerpunkt der Abiturprüfung 2011, Grundwissen aus den vorhergehenden Jahrgangsstufen ist jedoch erforderlich.
Grundkurs
Jahrgangsstufe 12: Beziehungen zwischen dem UK bzw. den USA und Europa
Jahrgangsstufe 13: Natur und Umwelt
Leistungskurs
Jahrgangsstufe 13: Erziehung; ein weiteres wichtiges Land der englischsprachigen Welt

Im Fach Deutsch sieht die Liste wesentlich länger aus, aber die Realität der Lehrplanumsetzung ist ohnehin eine andere.