Fragen eines lesenden Gymnasiasten

Variationen auf ein Thema, via Robert Gernhardt, “Fragen eines lesenden Bankdirektors”, via Bertolt Brecht, “Fragen eines lesenden Arbeiters”. So gut wie Gernhardt bin ich nicht, das habe ich beim Schreiben gemerkt. Die Leichtigkeit Gernhardts fehlt mir; meine Schüler habe ich vorgewarnt und sie gebeten, das nicht persönlich zu nehmen.   Fragen eines lesenden Gymnasiasten I Die Stadt Theben hatte sieben Tore. Babylon wurde mehrfach zerstört. In Rom gibt es viele Triumphbögen. Der junge Alexander eroberte Indien. Cäsar schlug die Gallier. Philipp von Spanien weinte, als seine Flotte untergegangen war. Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg.   Fragen eines lesenden …

Gefundenes Gedicht

In den Münchner S‑Bahnen gibt es Reklametafeln, und die sind oft nicht vermietet und werden deshalb von der Deutschen Bahn mit einem erbauendem Spruch versehen – gerne nennen sich diese Sprüche “Chinesische Weisheit” oder “Arabisches Sprichwort”, und immer sind sie grottenschlecht. Tausendmal besser die Sprüche in den Muskote-Filterpapierchen. In Wagen 189 der S4 um 07.10 Uhr am 12.12.2001 sah ich dann folgenden Spruch, durch üble Schmierei verwandelt: Nun soll man ja bekanntlich nichts in S‑Bahn-Wagen schmieren. Im Deutschunterricht geht das aber, also zeigte ich Schülern der elften Klasse den geänderten S‑Bahn-Spruch, und gab ihnen Gedichte von Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, …

Der Meister des jüngsten Tages

Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.) Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben. Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: “Natürlich, eine alte Handschrift”, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten …

Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag. Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, …

Moderne Sagen I

Ich sollte mehr Schüleraufsätze aufheben. Aber dann denke ich doch nie daran. Der hier stammt von Stephanie, 6. Klasse (Schuljahr 1999/2000). Wir hatten Sagen im Unterricht besprochen, und selber moderne Erklärungssagen geschrieben. In der Schulaufgabe sah das zum Beispiel so aus: “Im Norden von Fürstenfeldbruck gibt es eine Straße, die heißt: ‘Am Kugelfang’. Man erzählt sich eine Geschichte, wie diese Straße zu ihrem Namen kam. Schreibe diese Geschichte!” Bei den Übungen sahen wir uns im Schulgebäude um, was es da wohl Erklärungsbedürftiges gab: Das Experiment Im Chemieraum gibt es einen großen, roten Fleck, an der Wand. Er soll von einem …

Durchaus noch ansprechend

Meine Bemerkungen als Deutschlehrer sind mir manchmal geradezu peinlich. Manchmal sind die Formulierungen so schwammig, dass jede Note dazu zu passen scheint. Wie kommt es zu Entgleisungen wie ““Durchaus noch ansprechend”? “Ansprechend” heißt: irgendwie positiv. Das Wort “gut” muss man vermeiden, da man damit ja bereits eine Note nahelegt. “Noch ansprechend”: Man lässt sich schließlich nicht über den Tisch ziehen. Nur nicht zu großzügig sein, das Lob rollt fast von der Zunge, wird aber von den Zähnen noch festgehalten und erst mal ein bisschen durchgeschüttelt. Danach darf man wieder etwas großzügiger sein. “Durchaus”, das ist wohlwollend, großzügig, geradezu königlich aus …