Der Meister des jüngsten Tages

Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.) Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben. Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: „Natürlich, eine alte Handschrift“, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten … Continue reading „Der Meister des jüngsten Tages“

Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag. Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, … Continue reading „Moderne Sagen II“

Moderne Sagen I

Ich sollte mehr Schüleraufsätze aufheben. Aber dann denke ich doch nie daran. Der hier stammt von Stephanie, 6. Klasse (Schuljahr 1999/2000). Wir hatten Sagen im Unterricht besprochen, und selber moderne Erklärungssagen geschrieben. In der Schulaufgabe sah das zum Beispiel so aus: „Im Norden von Fürstenfeldbruck gibt es eine Straße, die heißt: ‚Am Kugelfang‘. Man erzählt sich eine Geschichte, wie diese Straße zu ihrem Namen kam. Schreibe diese Geschichte!“ Bei den Übungen sahen wir uns im Schulgebäude um, was es da wohl Erklärungsbedürftiges gab: Das Experiment Im Chemieraum gibt es einen großen, roten Fleck, an der Wand. Er soll von einem … Continue reading „Moderne Sagen I“

Durchaus noch ansprechend

Meine Bemerkungen als Deutschlehrer sind mir manchmal geradezu peinlich. Manchmal sind die Formulierungen so schwammig, dass jede Note dazu zu passen scheint. Wie kommt es zu Entgleisungen wie „“Durchaus noch ansprechend“? „Ansprechend“ heißt: irgendwie positiv. Das Wort „gut“ muss man vermeiden, da man damit ja bereits eine Note nahelegt. „Noch ansprechend“: Man lässt sich schließlich nicht über den Tisch ziehen. Nur nicht zu großzügig sein, das Lob rollt fast von der Zunge, wird aber von den Zähnen noch festgehalten und erst mal ein bisschen durchgeschüttelt. Danach darf man wieder etwas großzügiger sein. „Durchaus“, das ist wohlwollend, großzügig, geradezu königlich aus … Continue reading „Durchaus noch ansprechend“