Der Meister des jüngsten Tages

perutz

Nach der Lektüre von Effi Briest wollte ich meinem Grundkurs etwas leichtere Kost zumuten: Einen Roman von 1923, Der Meister des jüngsten Tages von Leo Perutz. (Irgendeinen Roman aus dieser Zeit muss man laut Lehrplan mehr oder weniger lesen.)

Wie es sich gehört, beginnt der Roman mit einem Vorwort des Erzählers, der jene grauenhafte Ereignisse im Herbste 1909 niedergeschrieben hat und betont, die volle Wahrheit geschrieben zu haben.
Das Nachwort wiederum identifiziert die vorhergegangenen Seiten als Papiere aus dem Nachlass des Erzählers, Freiherrn von Yosch: „Natürlich, eine alte Handschrift“, wie Eco sagt. Der Bericht sei eher ein Roman, einem verwirrten Geist entsprungen, der sich zu rechtfertigen versucht.
Die eigentliche Erzählung enthält Elemente des Krimis, des Thrillers und des phantastischen Romans.

Die Schüler haben, natürlich nicht freiwillig, zu diesem Roman weitere Dokumente erstellt: Die chemische Analyse eines Giftes, das eine große Rolle in der Handlung spielt; die Urkunde zur unehrenhaften Entlassung des Freiherrn von Yosch; ein Liebesbrief.

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Moderne Sagen II

Mit einer anderen 6. Klasse habe ich vor ein paar Jahren wiederum andere Sagen geschrieben. Die Prämisse war, dass es an unserer Schule Heinzelwesen gibt, die unerkannt im Schulgebäude leben – hinter Tafeln, in Schubladen, hinter den Lautsprechern im Klassenzimmer – und die verantwortlich sind für manche der ungeklärten oder unerklärten Dinge im Schulalltag.

Dazu entwarfen Schülergruppen jeweils eine Reihe von Haupt- und Nebenpersonen, mit Beschreibungen, Ideen für Geschichten und Konflikte – ganz so, als wäre es die Grundlage für eine Fernsehserie. (Nebenbei: Das möchte ich ohnehin einmal machen: Schüler der Mittelstufe eine Serie entwerfen lassen. Mit Ideen, Zeichnungen, Handouts, einer Präsentation. Vielleicht sogar mit Marktanalyse. Allenfalls die beste Schülerserie wird produziert. Nur als was?)
Hier ist ein Ausschnitt aus dem Ergebnis einer Schülergruppe:


Warum sind die Wichtel und Kobolde am GRG?

„Die Wichtel haben Sachen angestellt, die verboten waren, die Kobolde halfen den Wichteln bei guten Dingen, war auch verboten. Folge: Verbannung aus ihrem Reich ans GRG. Damit sie wieder in ihr Reich zurückkommen, müssen die Wichtel es schaffen, dass 70% der Schüler das Abitur schaffen, und die Kobolde, dass 70% der Schüler von der Schule gehen müssen.“

Die Wichtel:

Pinki (der Jüngste)
Oma Wolly
Opa Green King
Nucky, die Schnecke

pinky

pinky

Kobolde:

Kimico (die Jüngste)
Mutter Elektra
Vater Barnabas

kimico

kimico

Sonstige:

Lettro, der Briefträger und sein Freund World, die Taube

Zu all diesen Personen gibt es ebenfalls Zeichnungen und Skizzen zu Charakter und Verhalten. Und das war nur die eine Schülergruppe.


In der Schulaufgabe und bei Übungsaufsätzen sahen die Themen dann so aus:

1. Ein Wichtel hilft einem Schüler bei einer Schulaufgabe oder beim Ausfragen.
2. Ein Lehrer hat etwas gefunden, das einem Wichtel gehört, und der Wichtel will es sich zurückholen.
3. Alljährlich findet eine Wichtel-Olympiade am Graf-Rasso-Gymnasium statt. Denk dir eine Disziplin aus und erzähle von einem spannenden Wettkampf.
4. Wichtel verscheuchen nachts Einbrecher in der Schule.
5. Erzähle von einem Wettstreit zwischen Kobolden und Wichteln während der Pause, von dem die Schüler und Lehrer nichts mitbekommen.
6. Heinzelwesen gewöhnen den Schülern, die immer am Rauchereck stehen, das Rauchen ab.
7. Drachensteigen auf dem Schuldach – dabei geschieht etwas Spannendes.
8. Im Chemieunterricht geht etwas daneben. Schuld sind Heinzelwesen. Erzähle davon.

Moderne Sagen I

Ich sollte mehr Schüleraufsätze aufheben. Aber dann denke ich doch nie daran. Der hier stammt von Stephanie, 6. Klasse (Schuljahr 1999/2000). Wir hatten Sagen im Unterricht besprochen, und selber moderne Erklärungssagen geschrieben. In der Schulaufgabe sah das zum Beispiel so aus: „Im Norden von Fürstenfeldbruck gibt es eine Straße, die heißt: ‚Am Kugelfang‘. Man erzählt sich eine Geschichte, wie diese Straße zu ihrem Namen kam. Schreibe diese Geschichte!“
Bei den Übungen sahen wir uns im Schulgebäude um, was es da wohl Erklärungsbedürftiges gab:

Das Experiment

Im Chemieraum gibt es einen großen, roten Fleck, an der Wand. Er soll von einem Experiment kommen. Warum ein Lehrer dieses Experiment machte und weshalb dieser rote Fleck immer noch da ist, erzählt folgende Geschichte:

An einem verregneten Montagmorgen hatte die Klasse 9c Chemie in der ersten Stunde. Herr Sugel, ihr Lehrer, wollte ihnen zeigen, wie ungefährlich Chemie war, wenn man nur die richtigen Extrakte und Flüssigkeiten verwendete. Und wie recht er damit hatte… Als nun die Stunde begann, kam er mit einem Wagen voller Reagenzgläser und Flaschen herein. Alle waren mit verschiedenfarbigen Flüssigkeiten gefüllt. Er stellte den Wagen neben den Tisch, setzte sich hin und sagte mit seiner lauten Stimme: „Guten Morgen und setzen! Heute…“, er machte eine gewichtige Pause, „will ich euch zeigen, dass die Chemie sehr ungefährlich ist, wenn man mit den verschiedenen Flüssigkeiten und Extrakten umgehen kann.“ Er ging in seiner behäbigen Art zu dem Wagen und baute drei kleine Flaschen auf dem Pult auf, und holte noch einen größeren Glasbehälter.

Er warf den Campingkocher an, füllte den Glasbehälter etwas mit Wasser und stellte ihn auf den Kocher. „Nun,“ rief er, „schütte ich das gelbe Extrakt in das Wasser. Dann müssen wir warten, bis es kocht, und können die orange Flüssigkeit dazugeben.“ Die Schüler schauten gelangweilt zu oder beschäftigten sich mit etwas anderem. „Wenn es nun kocht,“ begann Herr Sugel wieder, „geben wir die orange Flüssigkeit hinein und müssen diese vorsichtig umrühren. Dann gebe ich auch noch die rote Flüssigkeit Polorose dazu.“

Doch als er das Polorose dazugegeben hatte, fing das Gebräu plötzlich an zu brodeln und zu zischen. Es bildeten sich große Blasen auf der Oberfläche. Herr Sugel blickte erschrocken auf und auch die Schüler schauten verdutzt. Das ganze Gemisch brodelte, zischte und dampfte. Bei Herrn Sugel bildeten sich Schweißperlen auf der Stirn. Er begann zu grübeln… er hatte doch nichts Falsches dazugegeben? Da traf es ihn plötzlich wie der Blitz: Natürlich, er hatte die rote Flüssigkeit Habag in das Poloroseglas getan, weil er kein anderes mehr hatte. Und jetzt war in dem Gemisch nicht Polorose, sondern Habag! „Oh Gott, wenn das rauskommt, bin ich meinen Job los!“, erschrak Herr Sugel. Als er sich wieder seinem Glas zuwandte, bekam er große Augen. Mittlerweise hüpfte das Glas schon regelrecht auf dem Kocher. Herr Sugel wurde es heiß und kalt. „Wenn ich nicht gleich etwas unternehme, geht das Glas in die Luft!“, schoss es ihm durch den Kopf. Er wollte schon zum Kocher langen und das Gas abdrehen, da machte es einen gewaltigen Knall, Herr Sugel sprang unter das Pult, ein paar Schüler schrien auf, rote Tropfen sprühten. Dann konnte er nichts mehr sehen, denn walles war eingenebelt. Als er nach kurzer Zeit wieder hervorkam, waren einige Schüler immer noch nicht hinter ihren Bänken hervorgekommen. Aber Gott sei Dank war niemandem etwas passiert. Im vorderen Raum waren rote Spritzer und Flecken. Da kamen ein paar Lehrer zur Tür hereingestürmt und blieben wie angewurzelt stehen. Die Frage: „Was ist denn passiert?“, konnten sie sich ersparen. Sie konnten es sich denken.

Die Klasse 9c bekam für den Rest des Tages frei. Herr Sugel kam mit einer Ermahnung davon. Ein paar Wochen später strich man den Chemieraum neu. Man konnte alle Spritzer und Flecken übermalen, bis auf einen großen roten Fleck. Und diesen Fleck sieht man heute noch.

Florian, die gleiche Klasse, das gleiche Jahr:

Die verfluchten Steine des Graf-Rasso-Gymnasiums

In Fürstenfeldbruck gibt es eine Schule namens Graf-Rasso-Gymnasium. Die meisten Lehrer dort sind sehr nett, aber dies war nicht immer so…

Vor etwa fünfzig Jahren war Graf Rasso Direktor dieser Schule. Zu dieser Zeit wurden die Schüler von den Lehrern teilweise brutal misshandelt. Graf Rasso war ein Gegner dieser Bestrafungen, doch er konnte sich nicht durchsetzen. Auch seine kleine Tochter Elena besuchte dieses Gymnasium. Obwohl ihre Mutter bereits gestorben war und ihr Vater sie zwar liebte,. aber doch nur sehr wenig Zeit für sie hatte, war sie eine sehr gute und fleißige Schülerin. Doch immer, wenn der Todestag ihrer Mutter nahte, war sie sehr traurig und konnte sich nicht konzentrieren.

Eines Tages hatte sie ihre Hausaufgaben in Deutsch vergessen. Ihr Lehrer tobte vor Wut. Um alle Kinder zu warnen, ließ er Elena zum Pult vortreten. „Glaubst du, nur weil du die Tochter des Direktors bist, kannst du dich auf die faule Haut legen?“ Seine Stimme überschlug sich fast vor Zorn. Elena sah ihm mit aufgerissenen Augen zu. Sie zitterte am ganzen Leib vor Angst. „Bitte,“ flüsterte sie und hob ihre kleinen Hände. Der Lehrer schien sie nicht zu hören. „Dir werde ich zeigen, wie weit du damit kommst!“, brüllte er und hob den Stock. Elena schrie auf, als der Lehrer sie schlug. Bevor der Tobende ein zweites Mal zuschlagen konnte, rannte sie aus dem Zimmer. Sie lief, als ginge es um ihr Leben. Ziellos, stolpernd rannte sie. Zweige schlugen ihr ins Gesicht, doch sie bemerkte es nicht. Völlig am Ende stürzte Elena und blieb am Boden liegen. Die Tränen liefen ihr über die Wange. Verzweifelt krallte sie ihre Finger fest in die Erde. „Man hat dir unrecht getan, mein Kind,“ hörte sie plötzlich die klare Stimme ihrer geliebten Mutter. „Nie wieder soll ein Kind in der Schule geschlagen werden! Die Schüler sollten gern in die Schule gehen und Freude am Lernen haben. Hier hast du eine Hand voll Steine. Wenn du zurückkommst, wirf die Steine mit deiner ganzen Kraft an die Hauswand der Schule. Du wirst sehen, was geschieht. Aber fürchte dich nicht!“

Als Elena aufschaute, sah sie das Grab ihrer Mutter. Verwirrt rief sie ihren Namen. „Geh jetzt! Dreh dich nicht um und sag deinem Vater, dass alles gut wird.“ Als das Mädchen wieder zur Schule zurückgekehrt war, wusste sie nicht, ob sie die ganze Geschichte geträumt hatte. Doch dann spürte sie etwas Hartes in ihrer Hand. Als sie die Faust öffnete, sah sie drei Steine. Da tat sie das, was ihre Mutter ihr gesagt hatte. Mit voller Wucht warf sie die Steine auf die Mauer des Schulgebäudes. Plötzlich zog ein Sturm auf, ein Sturm, wie man ihn noch nie erlebt hatte. Der Regen peitschte und aus den dunklen Wolken kamen lange Blitze. Elena lief schnell nach Hause zu ihrem Vater und erzählte ihm die ganze Geschichte.

Der Sturm war die ganze Nacht über zu hören. Am nächsten Morgen war etwas Merkwürdiges geschehen. Die alten Lehrer waren verschwunden. An ihrer Stelle kamen neue, freundliche Lehrer. Graf Rasso ließ sich von seiner Tochter die Stelle zeigen, wo sie die Steine an die Schulwand geworfen hatte. Nicht weit entfernt sah er sie liegen. Doch was war das? Sie waren viel größer als vorher und als Graf Rasso sie näher betrachtete, erschrak er fürchterlich. In den Steinen konnte er die Gesichter der alten Lehrer entdecken, und er hörte sie um Hilfe schreien. Graf Rasso hub neben den Steinen eine Grube aus, um sie endgültig loszuwerden. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte sie nicht bewegen. Plötzlich hörte er die Stimme seiner Frau: „Sie werden alle zukünftigen Lehrer mahnen, zu den Schülern freundlich zu sein.“

Aus der Grube ist mit den Jahren ein Teich geworden. Ja, und die Steine liegen immer noch da, als Mahnmal für alle Lehrer. Wenn man dicht genug herantritt, kann man die alten Lehrer immer noch fluchen hören. Und wenn man ganz genau hinschaut, bewegt sich der eine oder andere Steine auch noch.

Durchaus noch ansprechend

Meine Bemerkungen als Deutschlehrer sind mir manchmal geradezu peinlich. Manchmal sind die Formulierungen so schwammig, dass jede Note dazu zu passen scheint. Wie kommt es zu Entgleisungen wie „“Durchaus noch ansprechend“?
„Ansprechend“ heißt: irgendwie positiv. Das Wort „gut“ muss man vermeiden, da man damit ja bereits eine Note nahelegt.
„Noch ansprechend“: Man lässt sich schließlich nicht über den Tisch ziehen. Nur nicht zu großzügig sein, das Lob rollt fast von der Zunge, wird aber von den Zähnen noch festgehalten und erst mal ein bisschen durchgeschüttelt.
Danach darf man wieder etwas großzügiger sein. „Durchaus“, das ist wohlwollend, großzügig, geradezu königlich aus der fahrenden Kutsche winkend.

Das geschieht alles aus gutem Willen und schlechter Gewohnheit.